FOC: Sally Io und Osama

Osama

Die Geschichte dieses jungen Stieres ist kompliziert und der Bericht etwas heikel, denn er könnte religiöse Gefühle verletzen, was keinesfalls beabsichtigt ist.

Osama ist kein Taliban. Benannt wurde er nach seinen Eltern Sa-ndra und Ma-nfred. Die waren beide katholisch und lebten im Sauerland. Gar keine schlechte Gegend für katholische Rinder.

Manfred war der einzige Stier im Ort. Er trieb sich viel herum und keine Kuh war vor ihm sicher. Sandra saß meistens zuhause wartend vor dem Fernseher und trank Weinschorle. Auf den ersten Blick wartete sie auf Manfred. Worauf sie wirklich wartete, wusste sie selbst nicht. Vermutlich hatte sie sich diese Frage noch nicht einmal gestellt. Es war aber ganz klar, wer auf Sandra wartete. Er trug einen schwarzen Umhang und mit jedem Glas Weinschorle rückte er ein wenig näher.

Osama war ein begabtes Kalb. Als er klein war, trank Sandra noch nicht so viel. Sie nahm sich viel Zeit für ihn und unterstützte seine schulische Laufbahn so gut sie konnte.

Nach dem Abitur tat sich Osama aber schwer, seinen Platz im Leben zu finden. Er hatte kein Ziel und ihm fehlte die Struktur, die ihm die Schule noch geboten hatte. Eines war allerdings klar: er wollte weg von zuhause. Also immatrikulierte er sich an einer nicht weit entfernten Fachhochschule für Sozialwissenschaften und bezog ein Zimmer im Studentenwohnheim. In dieser Zeit experimentierte er viel mit unterschiedlichsten Drogen, wobei die meisten im Sauerland zwar aufgrund des eher widrigen Klimas nicht gut gediehen, aber doch problemlos als Import käuflich zu erwerben waren. Wer das Sauerland und seine Bewohner kennt, kann vielleicht auch das Bedürfnis der dortigen Jugend nach bewusstseinserweiternden Substanzen ein wenig nachvollziehen. So dümpelte Osama Semester für Semester an der Hochschule herum. Mehrfach stand er kurz vor der Exmatrikulation und konnte seinen Verbleib dort nur dank seines freundlichen und friedfertigen Wesens sowie seiner ebenso geheimen wie intimen Kontakte zur Dekanin retten.

Osama beim Chillen im Sauerland
Osama beim Sonnenbad im Sauerland

 

Die Ereignisse aus dem Jahr 2001 brachten eine Wende in Osamas Leben. Sie veranlassten ihn, sich intensiver mit Religion auseinanderzusetzen. Die Begegnung mit dem Priester einer fremden Religion an seinem Studienort führte zu einer grundlegenden Auseinandersetzung mit spirituellen Fragen. In besagtem Priester schien Osama endlich die verständnisvolle Vaterfigur gefunden zu haben, nach der er sich immer gesehnt hatte. Der gab ihm Orientierung, klare Antworten auf seine drängenden existenziellen Fragen. Dinge, die einen jungen Mann beschäftigen, wie „wo komme ich her und wo gehe ich hin und wer kommt mit?“

Der Priester nahm ihn mit in seine Gemeinde, wo Osama herzlich aufgenommen wurde. Er unterrichtete ihn in der arabischen Sprache, die so aufregend anders war als der sauerländische Dialekt. Es war schließlich nur konsequent, dass sich Osama in seiner Sehnsucht nach Leitbildern, Identität und Zugehörigkeit der Gemeinde anschloss.

Bis hierher war das auch alles noch in Ordnung – eine erfreuliche Entwicklung hin zu mehr Individuation bei gleichzeitiger Öffnung zur Welt und deutlich verringertem Drogenkonsum.

Osama schloss – nicht zuletzt dank der diskreten Unterstützung der übrigens verheirateten Dekanin – sein Studium ab, bekam danach aber natürlich keinen Job: Sozialwissenschaften. 16 Semester bis zum Abschluss. Vollbart. Sauerland. Nicht einfach zu vermitteln.

Wie er es sich in der Zeit des heftigsten Drogenkonsums angewöhnt hatte, gab er dafür der bösen Welt die Schuld. Er fühlte sich unverstanden. Ausgegrenzt. Und kochte innerlich vor Wut. Er trieb sich viel auf Bahnhöfen herum und lernte einige Mitglieder der Sauerlandgruppe kennen. Gegen den erbitterten Widerstand seines Priesters wurde Osama Fanatiker und verteilte kostenlose Exemplare wirrer religiöse Traktate in der Fußgängerzone von Prilon.

Es hätte ein böses Ende mit ihm nehmen können, wenn er nicht auf einer Wiese nahe der Ortschaft, wo er gerade zur Entspannung ein wenig Gras rauchte, plötzlich eine Erscheinung gehabt hätte.

 

Sally Io

Eine schneeweiße Kuh raste vom Berg herunter, paradoxerweise in einem Affentempo, direkt auf Osama zu.

Sally Io.

Sally Io war als Tochter des griechischen Einwanderers Inachos Fondos, eines einfachen Fischers, und seiner US-amerikanischen Gattin Jane Fonda in Los Angeles geboren worden.

In ihrer Jugend war Sally Io eine recht oberflächliche und daher meist glückliche Kuh, die sich wie die meisten ihrer amerikanischen Freundinnen völlig unreflektiert allen Moden und Zeitströmungen hingab. Sally Io war immer recht sportlich, betrieb intensiv Aerobic, vor allem weil sie die bunten Stulpen cool fand. Sie war in Ken verknallt, ihren brasilianischen Aerobic-Instructor. Dass der schwul und ein stadtbekanntes Flittchen war, wollte sie nicht wahrhaben. Vielleicht ahnte sie es auch und es kam ihrer tief verwurzelten Angst vor reifer Sexualität entgegen.

So begnügte sie sich mit Schwärmen und blieb dadurch nicht zuletzt vor ungewollter Schwangerschaft geschützt. Sehr zur Freude ihres Vaters, dem ihre Keuschheit am Herzen lag und der es aus diesem Grund am liebsten gesehen hätte, wenn möglichst alle jungen Männer der Stadt die unsägliche Leidenschaft des Aerobic-Lehrers geteilt hätten, die man übrigens aus seiner Sicht völlig zu Unrecht als das „Laster der Griechen“ bezeichnete, war er doch damit erstmals wissentlich in den Vereinigten Staaten konfrontiert worden. So verschließt eben jeder auf seine Weise die Augen vor der Realität. In manchen Familien scheint diese Neigung geradezu erblich zu sein.

Daher bemerkte auch Sally Io lange Zeit nicht die interessierten Blicke ihres Geschichtslehrers. Mr. Zeus war bei den Schülern als engagierter Lehrer beliebt, weil er neben dem Unterricht zahlreiche Freizeitaktivitäten anbot, wie zum Beispiel eine Theatergruppe und sonntägliche Ausflüge ins Grüne.

Es geschah auf einem dieser Ausflüge, dass er sich Sally Io näherte. Sie empfand sein Interesse als schmeichelhaft. Er war so ein kluger und belesener Mann! In der Theatergruppe hatte er das besondere Talent, in die unterschiedlichsten Rollen zu schlüpfen und sich so zu verkleiden, dass er der dargestellten Person täuschend ähnlich sah. Besonders die Rolle des jugendlichen Liebhabers schien ihm zu liegen. Als solcher erschien er ihr bei einem Ausflug. Nebel kam auf. Sally Io ließ sich täuschen und kurze Zeit später war es um ihre Tugend geschehen.

Als ihre Regel ausblieb, konsultierte sie einen Arzt. Dieser tat, was er tun musste: er führte einen Schwangerschaftstest und eine Ultraschalluntersuchung durch. Sally Io weinte bitterlich. Ihre Eltern zwangen sie zu einer Abtreibung und schickten sie auf ein Internat. Sally Io verlor ihr Lachen. Sie verbrachte die erste Zeit apathisch auf ihrem Zimmer. Bis sie es nicht mehr aushielt. Als sich die Starre löste, geriet sie in Raserei. Wie von einer Bremse gestochen floh sie aus dem Internat.

Es folgten lange Monate des Umherirrens. Sie nahm den ersten Flug nach Athen. Von dort reiste sie weiter zu Fuß nach Istanbul, wo die Polizei sie aufgriff, als sie versuchte, den Bosporus zu durchschwimmen. Sie verbrachte mehrere Tage in einem türkischen Gefängnis. Als der US-Konsul die Minderjährige aus dem Gefängnis geholt hatte und sie wieder in ein Flugzeug nach Los Angeles verfrachten wollte, gelang ihr erneut die Flucht. Sie schlug sich durch Kleinasien und landete schließlich in Kairo. Da sie inzwischen dramatisch an Gewicht verloren hatte, war sie kaum von den dünnen ägyptischen Kühen zu unterscheiden. Einzig ihr schneeweißes Fell fiel auf. Auf Anfrage gab sie sich als Mutante aus, lüftete zum Beweis kurz ihre Sonnenbrille und zeigte ihre rotgeweinten Kuhaugen.

Kuhriocity
I wear my sunglasses at night

 

Sie schlief unter freiem Himmel auf dem Tahrir-Platz. In den Unruhen des Arabischen Frühlings fiel sie nicht weiter auf. Sie verstand nur immer wieder das Wort „Muhbarack“ und dachte, das könne vielleicht eine geeignete Unterkunft für sie sein. Doch ohne Sprachkenntnisse und ohne Geld konnte sie das Haus nicht finden. So lief sie weiter nach Alexandria, wo sie sich auf ein Schiff schlich, mit dem sie als blinder Passagier über das Mittelmeer nach Italien reiste. Von dort ging es weiter nach Norden, in Richtung Dolomiten, wo es ihr gelang, einer etwas irren Südtiroler Kuh beide Ohrmarken zu klauen. Nun hatte sie gewissermaßen einen gültigen Pass und konnte sich ein wenig entspannen.

Dennoch kam sie nicht zur Ruhe. Sie lief – nun in gemäßigterem Tempo – weiter über die Alpen und kam über den Brenner nach Österreich. In Kitzbühel wollte sie einen kurzen Stopp einlegen. Dort fiel sie mit ihrem schneeweißen Fell nicht mehr so auf, denn in Kitzbühel konkurrierten alle Kühe um extravagante und teure Kleider. Ihre heruntergezogenen Mundwinkel wurden als besondere Arroganz verstanden. Die meisten der reichen Rinder dort guckten irgendwie mürrisch, weil Luxus allein nicht glücklich macht. Hier fiel sie also nicht weiter auf.

Als sie nachts ein paar bunte Aerobic-Stulpen von einer Wäscheleine genommen und am nächsten Tag übergestreift hatte, schauten ihr alle heimlich neidisch hinterher. Wie das aber mit Neidern so ist, versuchten manche, ihr zu schmeicheln und sich mit ihr anzufreunden. Bewunderung ist eben die freundliche kleine Schwester des Neids. Aha, dachte Sally Io, mit einem coolen Outfit bist Du also auch in Europa nicht allein. Viele falsche Freunde. Aber nicht allein.

In einem exklusiven Wellness-Resort engagierte man sie schließlich als Animateur für die auswärtigen Kühe. So konnte sie sich ein wenig Geld verdienen, hatte ein Dach über dem Kopf und gutes Essen gab es außerdem. Trotz täglicher sportlicher Aktivitäten legte Sally Io die auf der bisherigen Reise verlorenen Pfunde schnell wieder zu. Abends stürzte sie sich ins Nachtleben.

Nur ihr trauriger Gesichtsausdruck wollte sich nicht aufhellen.

Das ging monatelang gut. Bis ihr in der Diskothek ein betrunkener amerikanischer Stier nachstellte und sie mit anzüglichen Sprüchen belästigte. Da verlor Sally Io die Kontrolle und trat ihm mit ihren stulpenbewehrten Hufen ins Gemächt. Das ist groß bei einem Stier, sogar bei einem amerikanischen, und daher leicht zu treffen. Vor allem, wenn das Gegenüber betrunken ist. Was Sally Io für Notwehr hielt, führte dennoch zu einer polizeilichen Untersuchung, bei der durch einen gewitzten Dorfpolizisten die Herkunft ihrer Ohrmarken nachverfolgt wurde.

Erneut gelang Sally Io die Flucht. Von Österreich rannte sie über die deutsche Grenze. Keine Kontrollen. Schengen sei Dank.

In Miesbach, kurz hinter der deutschen Grenze, traf sie auf eine andere Streunerin. Mit ihr tauschte sie die Ohrmarken, denn die wollte weiter nach Italien. Sally Io war nun deutsche Staatsbürgerin.

Wohin wollte sie weiter? Sally Io hatte keine Ahnung. Kein Ziel. Nur laufen, laufen, laufen. Der gleichmäßige Rhythmus ihrer Bewegung beruhigte sie. Weiter nach Skandinavien? Polen? Russland? In Deutschland war die Orientierung einfach: Immer entlang der Autobahnen. Ungerade Nummern führten nach Norden. Die Straßen gingen durch die schönsten Landschaften und daher gab es auch immer genug zu essen.

Als sie entlang der A1 am Kölner Westen vorbei kam, fielen ihr die zahlreichen dunklen SUVs auf, die von blondierten Frauen, die ihre engen Jeans in hohe, teure Stiefel gesteckt hatten, ungelenk über die Straßen gesteuert wurden und an jeder Ecke den Verkehr aufhielten. Mehr als einmal wurde Sally Io so in ihrem Lauf ausgebremst und aus dem Rhythmus der beruhigenden Bewegung gebracht. Der Anblick der Luxusgefährte und ihrer Fahrerinnen erinnerte sie an Kitzbühel. Plötzlich stieg eine enorme Wut in ihr auf. Sie steckte sich etwas buntes Laub ins Haar, stellte sich breitbeinig auf, holte tief Luft und begann zu pusten.


Pressemeldung: Hurrikan Sally erreicht Kölner Westen

Vacas Neue Presse, 30.10.2012

Mit großer Wucht hat Hurrikan Sally am Dienstagmorgen den Kölner Westen erreicht. Zeitweise wurden Windgeschwindigkeiten bis 180 km/h gemessen.

In Unterlindenthal war noch in der Nacht eine am Aachener Weiher grasende Kuhherde in eine Grundschule am Clarenbachkanal evakuiert worden.

Nach Angaben der Feuerwehr gestaltete sich die Evakuierung der Herde schwierig, da nicht nur die Ampeln an der Kreuzung Universitätsstraße / Aachener Straße ausgefallen waren, sondern auch einige der Kühe aufgrund von Seh- und Gehbehinderungen nur langsam von der Stelle kamen, so dass sie für die 500 Meter lange Strecke über eine Stunde benötigten. Hinzu kam einem Sprecher des Veterinäramtes zufolge die massive Verängstigung der sensiblen Tiere. Ein Feuerwehrmann wurde von einer dementen Kuh beim Versuch, sie durch Zug an ihrem Rollator schnell über die Straße zu drängen, durch einen ungewöhnlich gezielten Huftritt im Unterleib getroffen, woraufhin er für mehrere Minuten die sturmbedingt ausgefallenen Martinshörner ersetzen konnte. Ein Feuerwehrsprecher: „Isch glaube, für de Kollejen hat sisch dat mit der Familjenplanung erledischt.“

Endlich vor der Schule angekommen, ergab sich als nächste Schwierigkeit für die Herde die Überwindung der Treppe zum ersten Obergeschoß, da der Aufzug aufgrund der Stromabschaltungen ebenfalls ausgefallen war. Es vergingen mehrere Stunden, bis die letzte Kuh in Sicherheit gebracht war. Ein Amtstierarzt kümmerte sich die ganze Nacht um die verstörten Tiere. „Glücklicherweise hatten wir größere Mengen Beruhigungsmittel bevorratet, so dass die Herde letztlich eine ruhige Nacht verbrachte. Bis zum Morgen waren alle Tiere entspannt eingeschlafen,“ so der Mediziner.

Nach Abschluss der Evakuierung wurden noch zahlreiche Passanten auf ihrem Weg in Notunterkünfte von umher fliegenden Kuhfladen getroffen. Dabei wurden insgesamt acht Personen verletzt. Ein Mann erstickte, weil ihm ein Fladen die Atemwege verstopft hatte. Für ihn kam jede Hilfe zu spät. Das Gesundheitsamt ging heute auf Anfrage nicht davon aus, dass für die übrigen Opfer eine BSE-Gefahr bestand. „Alle Kühe verfügten über den vorgeschriebenen Impfschutz,“ so der Veterinär.

In Junkersdorf wurden insgesamt 38 Blondinen verletzt, als sie mit ihren schwarzen SUVs in zweiter Reihe parkten, um in einem Schuhgeschäft Hamsterkäufe zu tätigen. Ihre großflächigen Sonnenbrillen wurden von einer starken Windböe erfasst, der ihre ausgehungerten Körper nichts entgegenzusetzen hatten, so dass sie endgültig jegliche Bodenhaftung verloren.

Dass sie mitsamt ihren asozialen Vehikeln vom Hurrikan auf Nimmerwiedersehen durch die Luft davon getragen wurden, ließ den Pfarrer einer nahe gelegenen Kirche hinter der Sturmkatastrophe einen göttlichen Plan vermuten.

Inzwischen ist Sally wieder abgezogen, um sich nach einer Erholungspause die nächste Großstadt vorzunehmen.

 

Befriedigt betrachtete Sally Io ihr Werk. Die SUVs waren aus dem Weg geräumt. Ihre Schwestern waren in Sicherheit. Die Luft war raus, die Wut war weg. Sie konnte weiterlaufen. Entlang der A1.

So kam Sally Io schließlich ins Sauerland.

Wie gesagt, keine schlechte Gegend, wenn man ein Rind ist.

Sally Io nach dem Sturm
Sally Io nach dem Sturm

 

Sally Io und Osama

Nun stand Sally Io also auf besagter Wiese vor Osama.

Osama betrachtete fragend seinen Joint und verfluchte den Dealer, weil er die imposante schneeweiße Kuh, die auf ihn zugerast und erst in letzter Sekunde mit quietschenden Hufen unmittelbar vor ihm zum Stillstand gekommen war, nachdem sie eine lange Bremsspur in die Wiese gefräst hatte, zunächst für eine Halluzination hielt.

Sally Io schaute ihn von oben herab an und stellte nüchtern fest: „Drogen sind Scheiße!“ Da wusste Osama, dass er nicht halluzinierte. Diese Erscheinung war real. Osama wagte keinen Widerspruch und warf seinen Joint weg. Sally Io trat ihn aus. Sie schauten einander an.

In diesem Moment entbrannten beider Herzen in Liebe.

Osama hörte auf, Drogen zu nehmen. Nicht etwa, um Sally Io zu gefallen, sondern einfach weil er plötzlich so gar kein Bedürfnis mehr danach verspürte. Die Liebe zu ihr hatte seine Leere gefüllt. Osama wurde sanfter und gelassener. Seine Einstellung zur Religion wurde weniger fanatisch. Sally Io, die sich durch ihre Erfahrungen in Ägypten eine gewisse Sympathie für seinen Glauben bewahrt hatte, stellte ihm viele Fragen. Osama erklärte ihr alles mit großer Geduld.

Eines Tages ging er mit ihr zu seinem Priester. Der nahm den verlorenen Sohn und seine neue Freundin mit offenen Armen auf. Obwohl diese Geschichte eigentlich aus dem Neuen Testament stammt. Es dauerte nicht lang, da drängte die Gemeinde auf eine Hochzeit: „Ein Mann hat sexuelle Bedürfnisse, die er befriedigen muss, sonst wird er krank. Du musst heiraten, Osama, und zwar bald!“ stellte der Priester mit Entschlossenheit fest. Osama hatte in der Zwischenzeit durch seinen konsequenten Verzicht auf Drogen allmählich zu mehr Antrieb und Tatkraft gefunden. Auch seine Libido war zurückgekehrt. So machte er Sally Io einen Antrag, den sie beglückt annahm. Bald wurde Hochzeit gefeiert.

Osama und Sally Io zogen zusammen und gestalteten ihr Leben voller Liebe und nach den Regeln ihrer Religion. Sally Io machte es gar nichts aus, ein Kopftuch zu tragen. Nur was die Länge ihrer Kleider anging, setzte sie sich durch mit dem Argument, dass lange Röcke sie zu sehr beim Laufen behindern würden. Osama war ein modern denkender Mann geworden und er hatte nichts dagegen, dass Sally Io weiterhin ihrem Sport nachging. Sie trainierte für den Nil-Marathon in Kairo. Manchmal fand er ihre eng anliegende Funktionskleidung zwar ein wenig unangemessen für eine verheiratete Kuh, aber seufzend sah er ein, dass auch er Kompromisse machen musste. Und schließlich ergötzten ihn ihre festen Pobacken, die sie durch das viele Laufen stramm erhalten hatte. Sally Io ließ ihn nach außen den Macho spielen. Zuhause, das wusste sie, war er ein sensibler und liebevoller Gefährte, auf den sie sich stets verlassen konnte und der sie vor jeglicher Zudringlichkeit fremder Bullen schützte.

Auch wenn sie manchmal ein wenig den Kopf über einander schütteln mussten – er über ihren sportlichen Ehrgeiz, sie über sein religiöses und politisches Engagement – so wussten sie doch zu jeder Zeit, was sie aneinander hatten.

Denn Liebe heißt auch: Toleranz.

Manchmal spielten sie sich gegenseitig Streiche und neckten einander wie kleine Kinder.

Doch war ihre Beziehung stets getragen von der tiefen Zuneigung, die sie bereits im Moment ihrer ersten Begegnung gespürt hatten.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

Übrigens im Kölner Osten.

Da gibt es weniger SUVs und Kopftücher fallen auch nicht so auf.

Glücklich im Alltag: Sally Io und Osama
Glücklich im Alltag: Sally Io und Osama