Carmen auf Kuba und in Heiligendamm (Juni 2013)

 

25. Juni 2013   Carmen und die NSA

08:00 Uhr Ortszeit La Habana (MESZ -6 Stunden): Carmen landet ihre Drohne sicher auf dem internationalen Flughafen von Havanna. An Bord Edward Snowden.

Schlagzeile in der aktuellen Ausgabe der „Granma“: „Llega a Cuba vaca enana alemana“[1]. Von Snowden schreiben sie natürlich nichts.

09:00 Uhr: Carmen füllt in der Bodeguita del Medio Snowden mit Mojitos ab, um ihm die Zugangsdaten für die Internet-Überwachungssoftware zu entlocken.

10:00 Uhr: Nachdem sie Snowden völlig besoffen gemacht hat, schleppt sie ihn in ein billiges Stundenhotel in Havanna und setzt sich dort ohne Vorspiel rittlings auf ihn. Da sie wenig spürt, seufzt sie nur „Amerikaner…“ und denkt etwas wehmütig an Juan, den argentinischen Angus-Bullen, den sie im letzten Cluburlaub kennengelernt hatte. Aber gut, dies hier ist schließlich Arbeit. Nach 30 Sekunden ist Snowden mit einem letzten Blick auf Carmens Euter und einem leisen „Oh Mum…“ eingeschlafen. „Junger betrunkener Amerikaner…,“ seufzt Carmen und sie findet in seiner Jacke, wonach sie gesucht hatte: Ein Notizbuch mit den Zugangscodes zur Internet-Überwachungssoftware des NSA.

10:15 Uhr: Beim Verlassen des Stundenhotels nickt Carmen der Puffmutter kurz zu und sagte: „Vale, chica, te lo regalo.“

10:16 Uhr: Die Puffmutter, eine getarnte Agentin, benachrichtigt ihre Leute vom MI5.

10:18 Uhr: Carmen steigt mit dem Notizbuch in der Tasche auf ihr Motorrad.

10:19 Uhr: Drei schwarze Lieferwagen halten mit quietschenden Reifen vor dem Stundenhotel.

13:00 Beim Treffen mit den Castro-Brüdern tritt Carmen ehrfürchtig auf den legendären bärtigen Revolutionär zu, der sie in seinem Rollstuhl sitzend und mit einem Adidas-Jäckchen bekleidet (eine chinesische Raubkopie) im Schatten einer Palme erwartet. Carmen, wie immer beim Anblick solcher Vaterfiguren zutiefst ergriffen, nimmt seine Hand und haucht ehrerbietig: „Generalísimo!“[2] Woraufhin Fidel nur entsetzt den letzten funktionierenden Mundwinkel hochzieht. Raúl nimmt unsere verwirrte Doppelagentin daraufhin sanft zur Seite und korrigiert: „Se llama Máximo Líder!“[3] Stimmt, denkt Carmen, und es ist ihr etwas peinlich, die beiden alten Männer verwechselt zu haben. Hatte sie den anderen doch damals auch einmal kennengelernt, als sie noch in Spanien für die Legion Condor flog. Nun ja, das war lange her.

Zum Nachtisch überreicht Carmen Raúl das Notizbuch. Ein Lächeln geht über sein Gesicht. „¡Eres una heroína de la revolución!“[4] sagt er mit festen Blick in ihre Augen und überreicht der frisch gebackenen Revolutionärin einen Umschlag mit 50.000 US-Dollar. Carmen bedankt sich artig. Zwei Mitarbeiter des Staatschefs fahren sie in einem dunkelgrünen Jeep zum internationalen Flughafen, wo ihre Drohne sie frisch geputzt und voll getankt erwartet. „Hasta la próxima, chicos,[5] es war mir ein Vergnügen, Geschäfte mit Revolutionären zu machen“ verabschiedet sich mit hingehauchten Wangenküsschen von ihren Begleitern.

Da heute nichts Besonderes ansteht, beschließt Carmen, einen Teil der 50.000 Dollar in ihre Gesundheit zu investieren. Sie fliegt am späten Nachmittag aus Havanna ab und nimmt Kurs auf die deutsche Ostseeküste. Es wird ein entspannter Flug.

Im Drohnenradio läuft Tim Bendzko. Der kleine blonde Lockenkopf mit dem Welpenblick und dem Sprachfehler hat es ihr angetan. Vor allem wenn er singt

„Wenn Worte meine Sprache wären
Ich hätt dir schon gesagt
in all den schönen Worten
wie viel mir an dir lag
ich kann dich nur ansehen
weil ich dich wie eine Königin fährähr
doch ich kann nicht auf dich zugehen
weil meine Angst den Weg fährspährt…“

stellt sie sich vor, wie es wäre, auch so fährährt zu wärden. Bei der Zeile

„dir kann der Himmel auf Ährdn entgehen
der Himmel auf Ährdn…“

schmilzt sie endgültig dahin, blickt hinauf zum Firmament und fragt sich, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie damals nicht vom Geheimdienst angeworben worden wäre und nicht den Pilotenschein gemacht hätte. Nun, vielleicht hätte sich ein kleiner lockiger Welpe für sie interessiert und sie geheiratet und sie hätte ein ganz normales Leben geführt.

 

26. Juni 2013   Wellness-Urlaub in Heiligendamm

Während sie sich solchen Träumen hingibt, erblickt sie am Horizont die ersten Sonnenstrahlen und bald taucht die deutsche Ostseeküste vor ihr auf. Eine halbe Stunde später landet Carmen ihre Drohne am Strand von Heiligendamm. Da es noch früh am Morgen ist, erregt sie bei der Landung kein Aufsehen. Ohnehin sind die Mantelstromtriebwerke der Drohne mit Schalldämpfern ausgerüstet und indem sie nach dem Aufsetzen auf Schubumkehr verzichtet, kann sie eine flüsterleise Landung hinlegen. Langsam lässt Carmen die Drohne vor dem ehemaligen Kempinski Grand Hotel Heiligendamm ausrollen.

Wie man ihr an der Rezeption mit Bedauern mitteilt, ist die Tiefgarage leider voll, so dass sie die Drohne hinter dem Hotel im Freien abstellen muss. Carmen macht die Alarmanlage scharf und denkt sich, es wird schon nichts passieren. An der Rezeption mietet sie eine Suite und bucht gleich einige Wellness-Anwendungen. Zuerst geht sie eine Runde schwimmen, dann tänzelt sie zum Frühstück, wo sie ein leckeres Birchermüsli und ein Kännchen grünen Tee zu sich nimmt. Anschließend steht zunächst eine Heupackung auf dem Programm. Das war eine gute Empfehlung des Rezeptionisten, denkt Carmen. Sie schließt die Augen und atmet den Duft nach frischem Heu. Sogleich steigen Bilder in ihr auf, von den andalusischen Weiden im Frühling. Ach ja, die Serranía de Ronda! Es gab schon auch schöne Zeiten damals, bevor, naja, bevor ihr bewusst wurde, wie sehr ihr Vater die Brüder bevorzugte, nur weil die etwas hatten, was ihr offenkundig fehlte und…

Cut! Nicht wieder die alten Geschichten aufwärmen! Nicht wieder den alten Schmerz der Penislosigkeit spüren! Heute ist sie schließlich eine erfolgreiche Agentin, die es an Gerissenheit mit jedem Mann aufnehmen kann: 0815 Carmen, mit der Lizenz zum Vögeln! Nur das zählt. Also raus aus dem Heubad, bevor ihr Fell noch ganz aufgeweicht wird! Außerdem spürt sie bereits ein leichtes Jucken in der Nase. Diese verdammte Allergie. Hätte ihr damals fast den Eignungstest vermasselt.

Als nächstes steht ein Ganzkörperpeeling auf dem Programm, anschließend Maniküre und Pediküre und eine Gesichtsbehandlung. Alles durchgeführt von Natalia, einer ruhigen und sanften Polin mit begnadeten Händen. Als die mit ihr fertig ist, steht schon Ronnie bereit, der Kuhiatsu-Masseur. „Möglicherweise werden sie während der Massage Wärmeflüsse in ihrem Körper spüren. Das ist ein Zeichen, dass sich Blockaden lösen und die Energie wieder frei zu fließen beginnt.“ Esoterischer Quatsch, denkt Carmen. Dennoch legt sie sich hin und lässt Ronnie machen. Hm, schon auch angenehm und entspannend nach dem langen Flug, denkt Carmen. Sie wird immer ruhiger. Ihre Gedanken kommen zur Ruhe. Irgendwann gibt es nur noch Ronnies Hände auf ihrem Körper. Sollte er doch Recht gehabt haben? Carmen spürt eine Wärme im Lendenwirbelbereich, die allmählich zu fließen beginnt. Zuerst nach oben, denn aber auch um ihre Hüften und in ihr Becken. In ihr kleines Becken. Die Wärme wird intensiver, steigert sich zur Hitze. Carmen wird geil. Geil auf diese Hände, geil auf den ganzen Kerl. Obwohl er ein Ossie ist. In diesem Moment greifen die jahrelang antrainierten Gewohnheiten: Carmen nimmt sich, was sie will. Ronnie erinnert sich an die Worte des Hoteldirektors: „In erster Linie sind wir dem Wohl der Gäste verpflichtet.“ Also tut er seine Pflicht und sorgt für Carmens Wohl. Die lässt sich nicht lumpen und gibt ein fettes Trinkgeld.

Inzwischen ist es Mittag geworden. Dunkle Wolken jagen vom Meer auf den Strand zu. Es hat angefangen, kräftig zu regnen. Ich muss ja nicht mehr raus, denkt Carmen zufrieden und genießt einen frischen Salat mit Joghurt-Dressing im Wintergarten. Dabei schaut sie voller Wohlgefallen auf ihre frisch manikürten Hufe, die zarte, frische Haut ihres Euters und ihr glänzendes Fell. Solche Tage sollte sie sich häufiger gönnen. Wenn nur diese verrückte Welt etwas langsamer getaktet wäre.

Nach dem Mittagessen legt sich Carmen ein Stündchen auf das Himmelbett ihrer Suite und macht ein erfrischendes Nickerchen, bis das Telefon klingelt. „Hier ist die Rezeption. Wir möchten Sie an ihren Fango-Termin erinnern.“ Carmen steht auf, zieht den flauschigen Bademantel und die Frottee-Schuhchen über und geht hinunter in die Bäderabteilung. Dort erwartet sie Maik, der breitschultrige Physiotherapeut. Fango, Wärme, Hitze, geil, Maik, Ossie, egal. Trinkgeld.

Zeit für den Nachmittagskaffee und ein Stückchen Rüblitorte. Der Regen ist stärker geworden. Der kräftige Wind peitscht die Gischt vom Strand bis an die Scheiben des Wintergartens. Carmen steht an einer offenen Terrassentür. Salzige Meerluft. Gut gegen die Allergie. Carmen atmet befreit durch und sieht auf die Uhr. In zehn Minuten beginnt der Aroma-Hufwickel. Der wird durchgeführt von Kacper, einem blutjungen Polen. Abwechslung ist das halbe Leben denkt Carmen. Ihre fetten Trinkgelder haben sich inzwischen herumgesprochen und so könnte man meinen, er lege es darauf auf, die Aroma-Hufwickel vor allem an den Hinterhufen unanständig weit hoch zu wickeln. Wärme, Hitze etc. Carmen wird klar, dass es ein Fehler war, diese Nationalität bisher so sträflich vernachlässigt zu haben und meditiert über ihre persönliche Osterweiterung.

Abendessen, ein Drink an der Bar. Netter Barkeeper. Maksim, Russe. Ich sollte häufiger in den Osten reisen, denkt Carmen. Wenn die nur im Luftverkehr etwas mehr Spaß verstünden und nicht immer gleich schießen würden. Carmen wirft ihn vor dem Frühstück hinaus und schläft noch ein wenig.

 

28. Juni 2013   Technische Probleme

Nach dem Frühstück checkt Carmen aus und begleicht die horrende Rechnung. Sogar den Drohnenparkplatz im Freien hat man ihr berechnet. Und zwar vierfach, weil sie vergessen hatte, die Flügel hochzuklappen. Egal, denkt Carmen. Ich bin erholt, das war es wert.

Es regnet noch immer. Carmen verstaut ihren Trolley im Frachtraum und setzt sich hinter den Steuerknüppel. Routinemäßig geht sie die Checkliste durch. Als sie die Triebwerke anlassen will, rührt sich nichts. Gar nichts. Zuerst denkt Carmen an einen Marderschaden. Aber wie sollten die Viecher an die Triebwerke kommen? Außerdem hatte sie gestern Abend noch unter die Drohne gepinkelt und Kuhpisse hielt Marder normalerweise zuverlässig fern.

Das wird kein guter Tag, denkt Carmen und sie soll Recht behalten.

Nachdem sie alle Möglichkeiten der Fehlerdiagnose anhand des Bordhandbuchs durchgegangen ist, bleibt ihr nur, technische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sie nimmt ihr Handy und wählt die Nummer des Herstellers. Schließlich ist die Drohne gerade mal einen knappen Monat alt und man hatte ihr beim Kauf unbegrenzte Mobilitätsgarantie für die ersten zwei Jahre schriftlich zugesichert. Ein Garantiefall also. „Guten Tag! Wir freuen uns, dass Sie die Service-Hotline der Northrop Grumman Corporation Deutschland gewählt haben. Um Sie schnellstmöglich mit dem zuständigen Mitarbeiter verbinden zu können, wählen Sie bitte Ihr Anliegen: Wenn Sie Fragen zu einem unserer Produkte haben, drücken Sie bitte die Eins. Wenn Sie auf der Suche nach einem Händler sind, drücken Sie bitte die Zwei. Für Presseanfragen drücken Sie bitte die Drei. Für technische Fragen drücken Sie bitte die Vier. Wenn Sie im Verteidigungsministerium für die Beschaffung zuständig sind, drücken Sie zweimal die Null. Für alle weiteren Fragen drücken Sie bitte die Neun.“ Vier. „Einen Moment bitte… Leider befinden sich unsere Mitarbeiter gerade alle im Kundengespräch. Wenn Sie warten möchten, drücken Sie bitte die Eins.“ Eins. „Einen Moment Bitte… Leider befinden sich unsere Mitarbeiter gerade alle im Kundengespräch. Der nächste freie Mitarbeiter ist für Sie reserviert. Bitte haben Sie einen Moment Geduld…“ Musik. Beethoven. Ode an die Freude. „Was den großen Ring bewohnet, huldige der Sympathie! Zu den Sternen leitet sie, wo der Unbekannte thronet.“

Drohnet??? Welcher Marketing-Fuzzie auch immer sich das ausgedacht hatte, er hatte seinen Blick über den Tellerrand gerichtet, dachte Carmen. Nachdem die Ode viermal gelaufen ist, fliegt Carmen aus der Leitung. Plötzlich nur noch das Besetztzeichen. Zweiter Anlauf. Selbes Ergebnis. Soviel zum Thema Mobilitätsgarantie. Carmen kocht und denkt sich grausame Foltermethoden für die Service-Mitarbeiter der Firma aus.

Sie ist aber Profi genug, ihre Gedanken auf Lösungen zu richten. Ihr Blick fällt auf einen kleinen Aufkleber auf der Windschutzscheibe: „ADDC – Allgemeiner Deutscher Drohnen-Club“. Eine Service-Nummer. Ein Klingeln. „Allgemeiner Deutscher Drohnen-Club, mein Name ist Mandy Gierig, wie kann ich Ihnen helfen?“ – „Meine Drohne springt nicht an.“ – „Och, das soll aber nicht sein… Ja, was ist das denn für ein Modell?“ – „Euro Hawk, Baujahr 2013.“ – „Ach, da hamm heute anscheinend mehr Leute das Problem… Wo stehen Sie denn?“ – „Heiligendamm, Parkplatz hinter dem Kempinski.“ – „Und Ihr Name?“ – „Carmen.“ – „Gut, Frau Carmen, ich habe da einen Mitarbeiter ganz bei Ihnen in der Nähe, kann aber so ein halbes Stündchen dauern, ist das in Ordnung?“ – „Das ist ganz in Ordnung.“ – „Ja, schön, Frau Carmen, dann bedanke ich mich für Ihren Anruf und wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!“ – „Danke, ebenso.“

25 Minuten später biegt ein gelber SUV auf den Parkplatz ein und fährt auf die Drohne zu. „Guten Morgen! Sie sind Frau Carmen?“ – „Einfach nur Carmen.“ – „Ach, Sie sind Spanierin, gell? Ich war im letzten Urlaub in Spanien. Torremolinos. Da haben wir einen Flamenco-Abend im Hotel gehabt. Die hatten auch so schicke Kleider an wie Sie…. So, und Sie sagen, die Drohne springt nicht an? Ja, das soll aber nicht sein… Hamm heute aber mehr Leute das Problem… Das liegt an der Nässe. Stand die die ganze Nacht im Freien?“ – „In der Tiefgarage war kein Platz.“ – „Ja, das ist die Feuchtigkeit. Die legt die Elektrik von den Triebwerken lahm. Scheint ein Problem zu sein bei dem Modell. Ist ja auch eher für den Einsatz im Nahen Osten gedacht. Und da ist es meistens trocken… Da hilft nur raus aus dem Regen, rein in die Werkstatt, Verkleidung runter und trockenföhnen.“ – „Das darf doch nicht wahr sein.“ – „Ja, versteh ich. Ist aber so. Ich kann Sie in die nächste Werkstatt schleppen. Wir haben hier ganz in der Nähe eine unabhängige Fachwerkstatt, die haben schon alle wieder flott gekriegt.“ – „Na, gut, aber ich habe doch noch Mobilitätsgarantie!“ – „Ich denke, der kann das mit dem Hersteller verrechnen.“ – „Gut, also los.“

 

29. Juni 2013   Carmen hat den Kavaliersschnupfen

Carmen verspürt morgens beim Aufwachen ein unangenehmes Ziehen im Unterleib. Als sie nach dem Aufstehen erst einmal pinkeln geht, brennt es heftig. Carmen ahnt schon, was los ist. Oh weh, denkt sie, einer der Typen in Heiligendamm war wohl nicht sauber. Aber wer? Ist ja auch egal. Sie geht unter die Dusche und sucht danach im Internet nach einem Tier-Urologen. Rasch wird sie fündig: Dr. med. vet. Al Qatheter, so erfährt sie von seiner Website, scheint ein ebenso gut organisierter wie gutaussehender Mann mit arabischen Wurzeln zu sein. Sein Studium hat er in den USA absolviert, wo er sich auf Tierurologie und insbesondere die peinlichen Malheurs der Kavaliere und ihrer Gespielinnen spezialisiert hat. Genau der richtige Mann in ihrer Situation, denkt Carmen und ruft in der Praxis an. Mit dem Hinweis, sie sei privat versichert, bekommt sie einen Termin am selben Vormittag. Gerade in solchen Situationen ist Carmen vehement gegen die geplante Bürgerversicherung. „Bundestagswahl“ notiert sie auf einem Zettel. Es wird Zeit, eine SPD-Regierung mit Klabauterbach als Gesundheitsminister definitiv zu verhindern.

In der Praxis angekommen, erfährt sie einen bestens durchorganisierten Ablauf. Die Arzthelferin am Empfang ist freundlich und nichts in der Praxis erinnert an Krankheit und Leid. Teure Möbel, teure Kunst. Die Rezeptionistin fordert Carmen zunächst zur Abgabe einer Urinprobe auf. Es brennt immer schlimmer. Danach wird sie gebeten, noch einen Augenblick im Wartezimmer Platz zu nehmen. Es ist das separate Wartezimmer für privat Versicherte. Carmen tritt ein und grüßt ungewohnt schüchtern die einzige wartende Dame. Die blickt zunächst kaum von ihrer Zeitschrift auf. Es handelt sich um eine blondierte und auffällig dünne Kuh in engen Jeans, die in hohen Stiefeln stecken, und einer weißen Bluse. Auf den Stuhl neben ihr hat sie ihre Louis-Vuitton-Handtasche abgestellt. Carmen seufzt innerlich angesichts dieses Fleisch gewordenen Klischees, dann ruft sie sich jedoch zur Ordnung, denn tief im Innern spürt sie doch auch eine gewisse Solidarität unter Kranken. Carmen fasst sich ein Herz und spricht die vermeintliche Leidensgenossin an: „Entschuldigung… darf ich Sie etwas fragen?“ – „Meinen Sie mich?“ Wen sonst, du dumme Nuss, denkt sich Carmen, schließlich sind sie nur zu zweit hier. Doch sie bleibt freundlich. „Ja.. also.. ich bin zum ersten Mal hier…“ Carmen kommt sich ein wenig unglaubwürdig vor. Als wollte sie sich als Jungfrau ausgeben. „Also… naja… kennen Sie den Doktor?“ – „Ja.“ – „Und, darf ich fragen, also… ist er, äh.. kompetent?“ – „Er ist einer der Besten.“ Carmen ist etwas erstaunt. Ihre Mitpatientin sieht so brav aus, so rein. Kaum vorstellbar, dass sie häufiger mit solchen Problemen zu tun hatte? „Ja“, fügt die Louis-Vuitton-Taschen-Besitzerin hinzu. „Es gibt nur wenige mit so fantastischen Operationsergebnissen.“ Carmen erschrickt fürchterlich. Oh mein Gott, denkt sie, wieso, um Himmels Willen, denn eine Operation? Sie hatte gedacht, das Problem könne elegant und vor allem kurzfristig mit einem Antibiotikum gelöst werden. „Operation?“ fragt Carmen mit Entsetzen im Blick. „Ach, klingt schlimmer als es ist. Es ist ein kleiner Eingriff und das Ergebnis rechtfertigt ohne Frage die kleinen Unannehmlichkeiten.“ Carmen schweigt betreten. Die Mitpatientin guckt sie etwas mitleidig an, wird dann aber aufgerufen. Sie legt die „Gala“ beiseite, nimmt ihre teure Handtasche und steht auf. Im Hinausgehen wendet sie sich noch einmal Carmen zu und sagt: „Nur Mut, so eine Schamlippenverkleinerung ist heute wirklich keine große Sache mehr.“

Zehn Minuten später wird Carmen aufgerufen und in das Sprechzimmer geführt. Dr. Al Qatheter ist ein charmanter Mann, dennoch auf das Wesentliche fokussiert. Carmen schildert ihm ihr Malheur und ihre Vermutung. Der Doktor verzieht keine Miene. In den USA hat er gelernt, in jeder Situation neutral zu bleiben. Nur keinen Ärger mit Lobbyorganisationen riskieren. Außerdem konnte ihn so ein bisschen Tripper oder Schanker schon lange nicht mehr aus der Ruhe bringen. Er bittet Carmen, sich frei zu machen und auf dem Untersuchungsstuhl Platz zu nehmen. Der Arzt klappt Carmens große Schamlippen zur Seite und seufzt hörbar. Carmen versteht den Hinweis. Es folgt eine routinierte Untersuchung mit Abstrich. Der Urologe fordert Carmen auf, sich wieder anzuziehen und geht mit dem Abstrich zum Mikroskop. Ein schneller Blick. Dann kommt er zurück und bitte Carmen, ihm gegenüber am Schreibtisch Platz zu nehmen. „Nun, Frau Carmen, ich kann Ihre Vermutung bestätigen. Es handelt sich um eine venerische Infektion. Ist allerdings gut zu behandeln. Es war gut, dass Sie so frühzeitig zu mir gekommen sind.“ Erstmals im Gespräch wird die Mimik des Veterinärs lebendiger: „Gerade ist ein neues Antibiotikum auf den Markt gekommen. Sehr vielversprechend. Kaum Resistenzen. Gut verträglich. Zwei Tabletten und das Problem ist gelöst.“

Was er Carmen nicht erzählt: Bis vorgestern hatte er von diesem Antibiotikum noch nie etwas gehört. Gestern war ein Pharmareferent zu Besuch. Der erklärte ihm nicht nur anhand einiger Hochglanzprospekte und in geschliffenen Worten die Vorteile des neuen Produktes. Er bot Dr. Al Qatheter auch die Teilnahme an ein „wissenschaftlichen Studie“ an. Der Deal: Er sollte für jeden Patienten, dem er die neuen Pillen verordnete, einen kleinen Fragebogen ausfüllen. Für jeden ausgefüllten Fragebogen würde ihm das Unternehmen 300 € bezahlen. Zehn Verordnungen – 3000 €. Davon konnte er sich mit seiner Frau schon wieder ein nettes Wochenende einschließlich Opernbesuch in Mailand machen. Noch ein paar Verordnungen mehr, und auch die neuen Schuhe für die Freundin wären finanziert. Der Doktor willigte ein. Diese Art, Verordnungen zu kaufen, war juristisch unanfechtbar. Das hatte Kuh Bayashi, Chef der Rechtsabteilung des Pharma-Unternehmens, eindeutig festgestellt.

Doch wie gesagt, von all dem ahnt Carmen nichts. Sie verabschiedet sich, dankbar und voller Hoffnung auf schnelle Heilung. Im Hinausgehen nimmt sie noch einen kleinen Prospekt mit, in dem über Schamlippenverkleinerungen informiert wird.

Auf dem Heimweg geht Carmen bei der Apotheke vorbei. Die hat das neue Präparat vorrätig. Zuhause angekommen, wirft sie die ersten beiden Tabletten ein. Anschließend setzt sie sich an den Küchentisch und studiert den Beipackzettel. Die Lektüre ist ernüchternd. Insbesondere auf einen wichtigen Punkt hatte Dr. Al Qatheter sie nicht hingewiesen: „Dieses Arzneimittel kann auch bei bestimmungsgemäßem Gebrauch Ihre Fähigkeit zum Ziehen von Pflügen und zum Steuern von Drohnen beeinträchtigen.“ Au weia, denkt Carmen, also erst mal zwei Tage Arbeitsunfähigkeit. Sie überschlägt im Geist den dadurch verursachten Umsatzausfall. Andererseits: so, wie sie sich heute fühlt, könnten ihr vielleicht zwei Tage Auszeit mal ganz gut tun. Carmen lehnt sich zurück und beschließt, die unerwartete Freizeit am Nachmittag einen kleinen Einkaufsbummel zu nutzen. In der Hoffnung auf baldige Heilung singt sie sich ein lustiges kleines Lied.

 

Es brennt die Blase, brennt die Muh,
einen Tripper hat die Kuh.
Sie darf nicht fliegen,
darf nicht poppen;
drum geht sie heute eben shoppen.
Vielleicht gibt’s ein paar neue Schuh…

Oh, diese Schläppchen sind nicht schlecht,
die wär’n der Carmen g’rade recht,
doch bei dem Preis erfasst sie Panik,
(die Schuh’ sind von Manolo Blahnik).

Derweil die Muh, die trieft vor Eiter,
drum schaut die Carmen erst mal weiter.

Die Carmen ist bei apropos[6].
Inzwischen brennt auch noch ihr Po.
Verflixt, die Pillen wirken nicht!
Den Tierarzt zieht sie vor Gericht!

Die Carmen ist total perplex.
Beim nächsten Kerl:
Nur Safer Sex!

 

30. Juni 2013   Happy End

Carmen geht zu einem richtigen Arzt und bekommt ein preiswertes, aber wirksames Medikament.

Schon am Abend sind die Symptome verschwunden.

 

[1] Deutsche Zwergkuh landet auf Cuba
[2] Wörtlich: „Größter General“. War gängige Bezeichnung für General Francisco Franco.
[3] „Er heißt Größter Führer“. Übliche respektvolle Bezeichnung für Fidel Castro.
[4] „Du bist eine Heldin der Revolution!
[5] „Bis zum nächsten Mal, Jungs“
[6] Überteuerte Kölner Nobel-Boutique mit überwiegend verspannter Kundschaft

 

03. Juli 2013   Carmen hilft einem alten Freund

09:40 Uhr: Carmen sitzt beim Frühstück als ihr Handy klingelt. Evo Morales ist dran: „Oye, chiquitita, ¡tienes que ayudarme! “[1] Man halte ihn mit seiner Präsidentenmaschine auf dem Wiener Flughafen fest, weil man vermutet, er habe Edward Snowden an Bord und wolle ihm zur Flucht verhelfen.

09:55 Uhr: Wenige Minuten nachdem Carmen den Kaffee ausgetrunken und die Zähne geputzt hat, sitzt sie in ihrer Drohne und lässt die Triebwerke an.

09:57 Uhr: Carmen startet und nimmt Kurs auf den Flughafen Wien-Schwechat.

11:00 Uhr: Carmen ballert im Tiefflug aus allen Rohren auf die neben der Maschine von Evo Morales abgestellten Polizeifahrzeuge. Mit einer Panzerfaust knallt sie einen Polizeihubschrauber zur Seite.

11:02 Uhr: Die österreichischen Sicherheitskräfte befinden sich in wilder Flucht. Im Tower haben sich alle Mitarbeiter auf den Boden geworfen.

11:05 Uhr: Die Präsidentenmaschine rollt ungehindert zur Startbahn. Dahinter Carmen in der Drohne.

11:06 Uhr: Morales hebt ab.

11:07 Uhr: Carmen perforiert die Startbahn. Eine Verfolgung wird somit unmöglich.

13:30 Uhr: Tankstopp auf den Kanaren.

13:35 Uhr: Der österreichische Bundespräsident tritt mit hochrotem Kopf vor den Nationalen Sicherheitsrat und fordert, Carmen zu Tafelspitz verarbeiten zu lassen.

13:40 Uhr: Carmen bestellt beim russischen Geheimdienst eine Kiste Grünen Veltliner zur Lieferung an den österreichischen Bundespräsidenten. Vom Weingut 210Polonium.

 

[1] Hör mal, Kleines, Du musst mir helfen!