Carmen beim Weltjugendtag (Juli 2013)

Eu já lavei o meu carro,
regulei o som
Já tá tudo preparado,
vem que o reggae é bom

(Gusttavo Lima)

22. Juli 2013   Der Vatikan ruft an

09:20 Uhr: Carmen sitzt gemütlich auf ihrem Balkon beim Frühstück und genießt eine zweite Tasse fair gehandelten Kaffee aus Brasilien, als das Telefon klingelt. Eine ausländische Nummer. „¡Digame!“ meldet sich unsere kleine Andalusierin gewohnheitsmäßig. „Buon giorno. Ich sprecke mit Frau Carmen?“ fragt der Anrufer auf Deutsch mit hartem italienischem Akzent. „Ja, Carmen hier. Und mit wem habe ich das Vergnügen?“ – „Mein Name ist Monsignore Alfred Xuereb. Bin ich Privatsekretär von seine Heiligkeite Papa Francisco.“ Heiliger Stuhl, denkt Carmen. Woher hat der bloß meine Nummer? Doch schnell findet sie zu ihrer gewohnten Professionalität zurück und lässt sich ihr Erstaunen nicht anmerken. „Signore Xerueb, was kann ich für Sie tun?“ – „Xuereb.“ Korrigiert der Anrufer. – „Entschuldigung, Signore Xuereb.“ – „Nun, seine Heiligkeite befinde sich in… äh… como se dice… prekäre Lage. Heute beginne Weltejugendtage in Rio. Seine Heiligkeite werde erwartet in Rio. Und ebe wir bekomme Anrufe von Alitalia. Maschine nach Rio seie gecanceled wege Pilotestreike.“ Der Sekretär klingt empört. „Nanu,“ wundert sich Carmen, „hat der Heilige Vater denn keine Privatmaschine?“ – „Nixe Privatmaschine. Seine Heiligkeite wolle fliege mit die Arme,“ lamentiert Xuereb verzweifelt. „Verstehe,“ antwortet Carmen, die bereits einen lukrativen Auftrag wittert. „Wer mit Alitalia fliegt, ist sicher arm. Und jetzt suchen Sie verzweifelt nach Ersatz.“ – „Exakte.“ Die Stimme des Privatsekretärs wird leise, fast verschwörerisch. „Man habe mir gesagte, Sie besitze Erfahrunge mit die Transporte von hochgestellte Persönlichkeite.“ – „Das kann man so sagen,“ lehnt sich Carmen selbstgefällig am Frühstücktisch zurück. „Signorina“, fleht der Privatsekretär, „wenn Sie uns könne helfe bringe seine Heiligkeite nach Rio, ich verspreche Ihne die Kollekte von nächste Sonntag!“ – „Da werden wir uns sicher einig“, beruhigt ihn Carmen, die in der Zwischenzeit den Kalender auf ihrem Q-Pad überprüft hat. „Bis zum Ende der Woche könnte ich Ihnen zur Verfügung stehen.“ Dem Privatsekretär fällt ein Stein vom Herzen. „Der Herr segne Sie, Signorina. Nur eine letzte Frage: Sie sinde katholisch?“ – „Ich bin Spanierin. Wir sind alle katholisch, seit die katholischen Könige im 15. Jahrhundert die meisten Juden und Mauren aus Andalusien vertrieben und Ihre Inquisition anschließend die letzten verbliebenen Andersgläubigen als Ketzer verbrannt hat.“ – „Nun, Signorina, lasse Sie uns diese… äh… kontroverse Thema nichte jetzte diskutiere. Es gehe hier nicht um Historie, sondern um Weltejugendtage. Tausende Glaubige warte in Rio auf seine Heiligkeite. Ich versprecke, diesmal wir werde keine verbrenne.“ – „Abgemacht“, antwortet Carmen zufrieden. „Wann und wo soll es losgehen?“ – „Sobalde Sie könne. Habe keine Zeit zu verliere. Wie schnell Sie könne komme nach Roma-Fiumicino?“ Carmen wirft einen Blick auf ihre Omega Seamaster und rechnet: Jetzt ist es 09:30 Uhr in Köln und in Roma. Das bedeutet 05:30 Uhr in Rio. Die Zeitverschiebung ist auf ihrer Seite. „In einer Stunde könnte ich startklar sein. Dann bin ich etwa um 12:30 Uhr in Fiumicino. Wenn Sie dort schon alles regeln könnten, wären wir zwischen 16 und 17 Uhr Ortszeit in Rio.“ – „Perfetto. Seine Heiligkeite werde um 17 Uhr von Frau Staatspräsidentin erwartet. Leichte Verspätunge sinde erlaubte. Bei Alitalia niemande rechne mit pünktliche Landung.“ – „Vale, dann lassen Sie uns keine Zeit verlieren. Bitte regeln Sie alles auf dem Flughafen von Rom. Es wäre gut, wenn der Heilige Vater bei meiner Ankunft schon bereit stünde. Ich melde mich noch einmal von unterwegs.“ – „Der Herr segne Sie, Signorina.“ – „Das kann sicher nicht schaden. Bis später.“ Carmen legt auf. Sie trinkt den Kaffee aus, räumt ihr Frühstückgeschirr in die Spülmaschine, putzt sich die Zähne und nimmt ihren immer fertig gepackten Trolley zu Hand. Ein Anruf am Flughafen Köln-Wahn genügt, um die Startzeit festzulegen und die Drohne startklar machen zu lassen. Vorsorglich lässt sie noch zwei weitere Sitze einbauen. Carmen greift ihre Christophorus-Plakette, steigt in ihr Cabrio und fährt zum Flughafen. Um 10:25 Uhr hebt sie bei schönstem Sommerwetter in Köln ab.

12:30 Uhr: Carmen landet in Roma-Fiumicino. Die Christophorus-Plakette hat sie unterwegs ans Handschuhfach geklebt. Eine schwarze Alfa-Romeo-Limousine mit Vatikan-Kennzeichen, handgeschriebenem „Follo me!“-Schriftzug auf der Heckscheibe und zwei aufgepumpten glatzköpfigen Typen, die aus ihren zu engen Anzügen quellen, setzt sich mit quietschenden Reifen vor sie. Carmen verdreht die Augen. Immerhin hatten sie nicht „¡Folla me![1]“ geschrieben, grinst unsere ebenso polyglotte wie sexsüchtige Pilotin. Wie soll es mit diesem Land weitergehen, wenn man noch nicht mal im Vatikan mit der englischen Rechtschreibung vertraut ist? Da reden alle von Bildungsdefiziten in Lateinamerika, dabei kann jeder Kubaner besser Englisch als die Leibwächter des Heiligen Vaters. Nun gut, Kuba ist ohnehin eine rühmliche Ausnahme. Doch es bleibt ihr keine Zeit für weitere bildungspolitische Ãœberlegungen. Sie muss sich darauf konzentrieren, wo die Limousine hinfährt und ihr folgen. Der Wagen führt sie zu einem etwas abgelegenen Terminal. Carmen traut ihren Augen nicht: Oben auf dem Dach prangt ein riesiges Kruzifix. Zumindest weiß sie nun, dass sie hier richtig ist. Ein am Boden stehender Ministrant mit orangefarbener Warnweste und zwei Leuchtkegeln in der Hand winkt sie ein. Carmen hat die Parkposition erreicht. Sie schaltet die Triebwerke ab und öffnet das Panorama-Glasdach. Der Ministrant, ein auffallend hübscher junger Mann, fährt geschickt eine Treppe an die Drohne heran und steigt zu Carmen hoch. „Hallo, Frau Carmen. Hatten Sie einen guten Flug? Ich bin Dustin-Clay Scholz. Praktikant im vatikanischen Fuhrpark. Eigentlich komme ich aus Köln. Hab in Ehrenfeld eine Lehre zum Kfz-Mechatroniker gemacht. Jetzt sammle ich ein bisschen Auslandserfahrung. Willkommen auf dem Flughafen Rom-Fiumicino! Cooles Gerät“, sagt er mit einem anerkennenden Blick. Carmen ist ein wenig erhitzt vom Flug und daher enttäuscht, dass er offensichtlich nicht sie, sondern die Drohne meint. Der junge Mann blickt ihr stolz und freundlich in die Augen. „Nääää, ene Kölsche Jong!“ prustet Carmen. „Da föhl ich mich ja gleich wie zuhuss!“ Dustin-Clay wirkt ein wenig irritiert und bemüht sich, keine Gefühlsregung zu zeigen. Carmen nimmt sich wieder zurück, greift die Unterlagen, die er ihr reicht, bedankt sich und unterschreibt routiniert die notwenigen Papiere. Als der wirklich ausnehmend hübsche und feingliedrige junge Mann sich wieder verabschiedet hat, kommt ein älterer Herr mit wehender Soutane aus dem Abfertigungsgebäude auf die Drohne zu. Er winkt Carmen herunter. Unsere frischgebackene vatikanische Chefpilotin löst ihre Gurte und schwingt sich auf die Treppe, die sie hinuntersteigt, um den Herrn zu begrüßen. „Ich bine Monsignore Xuereb“, streckt ihr der Priester die Hand hin. „Ich bine so froh, dass Sie unse helfe!“ – „Es ist mir eine Ehre, den Heiligen Vater nach Rio zu bringen“, antwortet Carmen ungewohnt artig und spürt sofort, dass sie das Herz des Privatsekretärs bereits erobert hat. Ein wenig unwohl ist ihr, als sie dessen Blick an ihrem kurzen Flamenco-Kleid herunterwandern sieht. Hätte sie vielleicht doch etwas Dezenteres… Aber jetzt war es zu spät. „Signorina“, spricht der Monsignore weiter, es iste mir etwas peinlich und nichte, dass Sie denke ich seie schwul wie die Gänseweine. Mir gefalle Ihre Kleide, aber als Pilotin vone seine Heiligkeite, denke Sie nichte, sie sollte etwas… äh…“ – „Etwas Dezenteres?“ vervollständigt Carmen die Frage. „Si, Signorina.“ – „Ich habe leider nichts anderes dabei.“ – „Oh, iste keine Probleme, Sie komme mit mir nach drinne, wir habe kleine Auswahl an Gewander. Sie könne etwas Passendes aussuche, wase iste nach Ihre Geschmacke!“ – „Einverstanden.“ Sie gehen in das Abfertigungsgebäude. Xuereb führt sie zu einem riesigen Schrank mit Kleidungsstücken unterschiedlicher Art und in allen Größen. Carmen kommt aus dem Stauen nicht heraus und entscheidet sich für einen tiefschwarzen Fliegeroverall mit einem dezenten roten Streifen am Ärmel. Prada Sport, denkt Carmen anerkennend. Das Ding passt wie angegossen. Am Po sitzt es knackig, lässt aber noch genügend Bewegungsfreiheit. Nur das Alitalia-Logo stört unsere kleine Perfektionistin. Fragend blickt sie den Monsignore an. Der versteht sofort. Er ruft einen Schneider herbei, der mit geschickter Hand das Logo heraustrennt. Carmen flüstert ihm etwas ins Ohr. Er nickt, geht kurz weg und kommt nach wenigen Minuten zurück. Dann näht er Carmen ein großes rotes „C“ auf die Brusttasche. Carmen betrachtet sich zufrieden im Spiegel und packt ihr Flamenco-Kleid in Seidenpapier gehüllt in eine Prada-Tüte. Sie ruft Dustin-Clay herbei und bittet ihn, die Tüte im Frachtraum unterzubringen. „Wo ist der Heilige Vater?“ fragt sie dessen Privatsekretär. „Oh, ich denke, er müsse bereits am Flughafe seie. Vielleicht sitze in Lounge von HON-Circle.“ Xuereb zieht sein Handy aus der Soutane und spricht auf Italienisch. Unmittelbar danach kommt eine Lautsprecherdurchsage: „This is the final call for Passenger Jorge Mario Bergoglio. Please proceed to Gate PX 1 immediately.“ Carmen staunt. Der Privatsekretär ist wirklich gut organisiert.

Nur wenige Minuten später rast ein verbeulter Fiat Lux auf das Abfertigungsgebäude zu und kommt direkt neben der Drohne zum Stehen. Der Privatsekretär eilt hin und bevor er die Tür aufreißen kann, ist der Heilige Vater bereits ausgestiegen. Whow, denkt Carmen, toller Fummel! Aber keine roten Schuhe. Nein, der Heilige Vater trägt Sandalen. Xuereb spricht auf den Pontifex ein und führt ihn zu Carmen. Als seine Heiligkeit vor ihr steht, will sie reflektorisch auf die Knie fallen und den Ring dieses bedeutendsten Mannes küssen, dem sie jemals begegnet ist. Doch der Papst ergreift ihre Hand und hält sie zurück: „Señora“, sagt er auf Spanisch mit einem fiesen lateinamerikanischen Akzent, „wenn sich jemand verneigen muss, dann ich! Wir sind Ihnen zu großem Dank verpflichtet!“ Carmen errötet. Sie spürt, wie ihr Herz beginnt zu pochen. Nach all den Jahren, nach den Jahrzehnten, die vergangen sind, seit sie ihre Familie und ihre Heimat im Zustand tiefster Verbitterung verlassen hat, nach all den vielen Hundert Stunden Psychotherapie, noch immer ist in ihr diese Sehnsucht nach väterlicher Anerkennung und Liebe wirksam. „Heiliger Vater“, stammelt Carmen mit leiser Stimme, „es ist mir eine Ehre.“ – „Entonces“, ruft der Pontifex fröhlich in die Runde, „¡que vayamos a Brasil!“[2]

Carmens Freund Jorge
Carmens Freund Jorge

 

Sie gehen hinüber zur Treppe, die Dustin-Clay in der Zwischenzeit mit einem Tuch mit dem Wappen des Heiligen Stuhls geschmückt hat. Als Carmen den Heiligen Vater hinaufbegleitet, bittet Xuereb sie vor dem Einsteigen kurz zu warten und zu winken, damit er ein Foto mit dem Handy machen kann. Das wird er wenige Minuten später twittern. Carmen fragt sich, was wohl ihre Freundinnen beim Q-Sad dazu sagen werden.

Carmen hilft dem Heiligen Vater beim Einsteigen. Als sie ihm den Sitz neben ihr anbieten will, wehrt er heftig ab: „No no no! Nicht die Business Class! Ich will bei den Armen sitzen!“ Carmen stockt und überlegt, wie sie es ihm erklären soll. „Heiliger Vater, das ist nicht Alitalia. Hier gibt es keine Armen.“ – „Oh…“, antwortet der Papst und wirkt etwas ratlos. „Hier ist wirklich nur HON-Circle.“ – „Nun, wenn es keine andere Möglichkeit gibt…“ sagt der Pontifex etwas irritiert und nimmt dann doch auf dem Sitz neben Carmen Platz. „Zwei Plätze sind noch frei!“ ruft Carmen aus dem Fenster. Der Pontifex winkt seinen Privatsekretär heran. Der setzt sich hinter seinen Chef. Carmen dreht sich zu den beiden und flüstert dem Papst etwas ins Ohr: „Wir bräuchten noch einen Flugbegleiter mit technischen Fertigkeiten… Außerdem ist doch Weltjugendtag…“ Seine Heiligkeit nickt. Da schaut Carmen noch einmal aus dem Fenster und ruft: „Hey, Dustin-Clay, warst Du schon mal in Rio?“

13:30 Uhr: Die Drohne mit Carmen aus Andalusien, dem Heiligen Vater aus Argentinien, seinem Privatsekretär aus Malta und Chefpurser Dustin-Clay Scholz aus Köln-Ehrenfeld rollt zur Startbahn. An deren Anfang bleibt sie stehen und wartet auf die Startfreigabe. Doch stattdessen kommt ein Tankwagen mit einer Hebebühne herangefahren, auf der ein vermummter Mann mit einer Düse in der Hand steht. „Was soll das denn?“ wundert sich Carmen. „Enteisung bei 35 Grad im Schatten?“ Doch der Monsignore klärt sie auf: „Nixe enteise. Iste Weihwasser. Mache wir immer so vor Abhebe.“ Die Drohne wird also mit Weihwasser besprüht und Carmen hofft nur, dass nicht wieder die Elektronik der Triebwerke aussetzt. Doch es ist heiß und das Weihwasser verdunstet schnell. Währenddessen segnet der Papst die Drohne. Anschließend erfolgt die Starterlaubnis. Die ungewöhnliche Reisegesellschaft hebt vom Flughafen Rom-Fiumicino ab und nimmt Kurs auf Rio. Dustin-Clay macht eine kleine Sicherheitsunterweisung, die von allen wohlwollend verfolgt wird. Vor allem als er mit seinen vollen Lippen demonstriert, wie man die Schwimmweste aufbläst, wird Carmen schon wieder heiß. Dann kündigt er den geplanten Service an und verteilt die Speisekarten. Als sie ihre Reiseflughöhe erreicht haben und er mit der Champagnerflasche herumgeht, lehnen die Priester bescheiden ab. Nur Carmen schaltet auf Auto-Pilot und genehmigt sich ein Glas 2000-er Dom Pérignon. Sie hat immer eine Flasche davon in der gut gekühlten Drohnenbar.

Nach dem Mittagessen beginnt es allen ein wenig langweilig zu werden. Während Dustin-Clay aufräumt und Xuereb ein Nickerchen macht, kommen Carmen und der Heilige Vater ins Gespräch. Sie unterhalten sich auf Spanisch und können so ein ungestörtes Gespräch führen. Carmen erkundigt sich interessiert nach der Bildungspolitik in Lateinamerika. Der Pontifex erzählt von der ungleichen Verteilung der Güter, von der unvorstellbaren Armut und von den fehlenden Schulen für die Kinder in den Favelas. „Ohne Bildung haben sie keine Chance. Sie werden kriminell, nehmen Drogen und landen irgendwann im Gefängnis oder sterben bei bewaffneten Auseinandersetzungen auf den Straßen.“ Carmen ist bestürzt. Sie fragt, warum die Regierungen sich so wenig für die Bildung der Kinder engagieren und erfährt viel über die Korruption der Mächtigen, die in den Drogenhandel verwickelt sind und sich am Elend der Kinder bereichern. Carmen denkt an ihre Verehrerin Dilma und fragt sich, ob sie auch so wenig Mitgefühl mit den armen Kindern hat. Als sie den Heiligen Vater direkt auf Dilma anspricht, zuckt er nur mit den Schultern. „Ich werde mich in Rio mit ihr treffen und mit ihr darüber sprechen. Mal sehen, ob ich etwas erreichen kann. Sie tut immer so, als ob ihr an einer Verbesserung der Situation gelegen wäre. Aber die Demonstrationen beim Confederations Cup lassen darauf schließen, dass sie zwei Gesichter haben könnte.“

Carmen wird nachdenklich. Dann meldet sich die Geheimagentin in ihr zu Wort. „Wir könnten uns schon mal vorab ein Bild machen“, grinst sie verschwörerisch. Sie fummelt am Drohnenradio, sucht in ihrem Q-Pad nach einer Frequenzliste und stellt eine Zahl ein. Wir erinnern uns, bei ihrem letzten Besuch in Brasilien hatte Carmen eine Unaufmerksamkeit und das blinde Vertrauen der verliebten Präsidentin genutzt, um deren Wohnzimmer zu verwanzen. Jetzt stellt sie das Drohnenradio auf die Sendefrequenz der Wanzen ein und reicht dem Papst einen Kopfhörer. „A ver“[3], sagt Carmen und dreht am Lautstärkeregler. Der Heilige Vater blickt fragend, doch dann siegt die Heilige Neugier und er setzt den Kopfhörer auf. Zunächst ist nicht viel zu hören. Schritte, Türen, Klappern von Eiswürfeln in einem Glas, Gluckern, Klappern von Flaschen. Dann ruft eine laute Stimme gebieterisch einen Frauennamen. Einen Augenblick später betritt eine zweite Person den Raum. Die laute Frau, Carmen erkennt Dilmas Stimme, fragt die andere Person, offenbar die Haushälterin, nach dem Stand der Vorbereitungen für den Papst-Besuch. Welche Kleider die Zofe gerichtet habe, will die Präsidentin wissen. Nach der detaillierten Antwort kurzes Schweigen. Dann gibt Dilma mit großer Entschlossenheit ihre Anweisungen: „Der Papst wird mit Sicherheit das Thema Armut ansprechen. Ich will nicht zur Zielscheibe seiner Angriffe werden. Also, weg mit der Louis-Vuitton-Tasche, keine auffälligen Labels. Ich will, dass Du alle Etiketten verschwinden lässt. Heb sie gut auf, damit wir sie nach seiner Abreise wieder einnähen können. Es soll alles dezent sein. Keine Spur von Reichtum. Kein Luxus. Keine Marken. Fair gehandelte Baumwolle, Jute-Taschen, flache Schuhe! Wir können keine negativen Schlagzeilen riskieren.“ – „Sehr wohl, Herrin, aber…“ – „Was aber???“ – „So etwas besitzen Sie nicht.“ Dilma lässt sich auf einen Sessel plumpsen. Das mochte wohl stimmen. Doch sie war schließlich Staatspräsidentin. Wenn sie einen Plan gefasst hatte, dann zählte nur noch das Wie.

„Dann geh los, geh und kauf mir etwas Billiges! Du weißt doch sicher, wo Du so etwas bekommst“, fügt sie mit arrogantem Unterton hinzu. „Ich habe neulich Deine Tochter gesehen. Solche Sachen meine ich. Billig. Man muss sehen, dass es billig ist.“ Die Angestellte schluckt. Sie hatte immer den größten Teil ihres Einkommens für ihre Kinder ausgegeben und war stolz, sie nach der Inhaftierung ihres Ehemannes allein versorgen zu können, auch wenn sie mit ihrer Arbeit im Haushalt der Präsidentin nur wenig verdiente. Ihre Tochter war ihr Augapfel und gerade vor Kurzen hatte sie ihr zum Geburtstag ein neues Kleid geschenkt. „Was guckst Du so! Geh los! Und bring mir etwas Passendes mit!“ herrscht die Präsidentin sie an. Die Haushälterin nickt und zieht sich zurück. Dilma seufzt, dreht die Klimaanlage kühler und schenkt sich noch einen Gin Tonic ein. Dieses Leben ist so anstrengend.

Carmens Freundin Dilma
Carmens Freundin Dilma

 

Carmen schaltet das Drohnenradio aus und setzt den Kopfhörer ab. Sie blickt zum Nachbarsitz. Der Heilige Vater war still geworden, doch sein Gesicht war rot angelaufen. „Wenn Päpste fluchen dürften, wüsste ich jetzt einiges zu sagen.“ Carmen schaut ihn liebevoll an und legt ihren Huf beruhigend auf seine Hand. „Wenigstens wissen wir jetzt, woran wird sind.“ – „Aber ist es nicht sündig und illegal, einen fremden Menschen in seiner Wohnung abzuhören?“ Carmen zuckt mit den Schultern. „So ist das beim Geheimdienst. Wissen ist Macht.“ Der Heilige Vater schweigt. „Könnte ich vielleicht doch ein Glas Schaumwein haben?“ Carmen lächelt und gibt Dustin-Clay ein Zeichen. Der aufmerksame junge Mann schenkt ein. Der Pontifex trinkt. „Der Heilige Benedikt hatte nichts gegen ein Gläschen Wein am Tag“, sagt der Kirchenmann. „Allerdings.. bin ich doch Franziskaner…“ Carmen lächelt wieder. Dieser Mann hat in seiner Demut ihr Herz erobert.

Eine weitere Flugstunde vergeht im Schweigen. Im Drohnenradio laufen gregorianische Choräle. Irgendwie passend für einen Flug über den Atlantik in 12.000 Metern Höhe, denkt Carmen. Noch nie hatte sie sich dem Himmel so nah gefühlt.

16:00 Uhr Ortszeit in Rio de Janeiro: Carmen hat Kontakt mit der Flugsicherung in Rio aufgenommen und die Ankunft für ca. 17:25 Uhr berechnet. In einer Dreiviertelstunde wird sie in Sinkflug gehen. Die notwendigen Checks hat sie bereits erledigt. Dustin-Clay hatte einen leichten Snack serviert und die Fluggäste zwischendurch zu etwas Beingymnastik animiert – Thromboseprophylaxe. Der Junge ist ein Glücksgriff, denkt Carmen. Danach gibt es Kaffee aus der Nespresso-Maschine, die Carmen kürzlich hatte nachrüsten lassen. Der Ristretto hat auch in großer Höhe ausreichend Aroma. So bleibt noch ein bisschen Zeit für ein kurzes Gespräch mit dem Heiligen Vater vor der Landung. Beim Kaffee hatte er Carmen das Du angeboten: „Lass mal mit Eure Heiligkeit. Ich bin Jorge.“ Wenn sie nur alle so wären, denkt Carmen.

Sie erkundigt sich eingehend nach den Strukturen des Drogenhandels in Lateinamerika und ist erstaunt, wie gut Jorge informiert ist. Er verfügt da offenbar auch über Quellen, die nicht jedermann zugänglich sind. Er kennt die wichtigsten Kartelle, die Namen der führenden Bosse, deren Verstrickung mit den Mächtigen der jeweiligen Länder, wer mit wem kann und wer mit wem nicht. Carmen macht sich eifrig Notizen in ihrem Q-Pad. Dann wird es Zeit, sich auf den Landeanflug zu konzentrieren. Dustin-Clay macht seine Ansage als hätte er nie in einem anderen Beruf gearbeitet.

Die Landung auf dem internationalen Flughafen Galeão gelingt Carmen butterweich. Schon vor dem Aufsetzen entdeckt sie den Roten Teppich und eine Menschenansammlung auf dem Vorfeld. Zielsicher steuert sie die Drohne dorthin. Sie zieht die Handbremse und schaltet die Triebwerke ab. Mit einem Knopfdruck öffnet sie das Panorama-Glasdach. Der Heilige Vater löst seinen Sicherheitsgurt und erhebt sich aus seinem Sitz. Eine Gangway wird herangefahren. Dustin Clay bringt die Tür in Parkposition und öffnet sie, als es von außen klopft. Er tritt zur Seite und gibt dem Pontifex ein einladendes Zeichen. Dieser tritt an die Tür.

Als er im Türrahmen sichtbar wird, erklingt von draußen die Vatikan-Hymne. Dilma tritt vor, zum Fuß der Treppe. Neben ihr steht ein kleines willenloses Mädchen mit frisch gewaschenen blonden Locken und einem Blumenstrauß in der Hand. Der Papst steigt die Treppe hinunter. Als die Präsidentin zur Begrüßung auf ihn zukommt, ist er etwas verwundert über ihre Kleidung. So schlicht hat er sie noch nie gesehen. Aber die obligatorische Schärpe mit dem brasilianischen Wappen lässt keinen Zweifel aufkommen. Sie ist es.

„Laudetur Jesus Christus“[4], sagt der Papst zur Begrüßung. „Ordem e progresso!“[5] antwortet Dilma, die schon sehr lange keine Kirche mehr von innen gesehen hat. „Es heißt: In saecula. Amen.“[6], raunt Carmen, die zusammen mit Xuereb hinter dem Pontifex die Treppe herunter gekommen war, der Präsidentin zu. Die vertraute Stimme lässt Dilma aufblicken. Als sie Carmen sieht, macht ihr Herz vor Freude einen Sprung. Sie hatte ja keine Ahnung, dass… Oh, diese Freude, ihren geliebten Schwarm aus Europa so unerwartet wiederzusehen! Doch hat sie das kurze Aufleuchten ihrer Augen gleich wieder unter Kontrolle. Schließlich ist sie hier, um den Heiligen Vater zu empfangen und gerade sind Fernsehkameras aus aller Herren Länder auf sie gerichtet.

Der Staatsgast schreitet mit Dilma die Ehrenformation ab, an deren Ende ihm das durch Tranquilizer gefügig gemachte und blond gefärbte Mädchen den Blumenstrauß überreicht. Der Papst tätschelt das Kind, das anschließend wieder abgeführt wird. Nach dem Verklingen der Musik wird er zu einem Podium mit Mikrofon geleitet, von wo er auf Portugiesisch einige verbindliche Worte der Freude und Begrüßung an die Menge richtet. Die Menschen hinter der Absperrung jubeln. Dafür hatte man sie schließlich ausgesucht und bezahlt. Während seine Heiligkeit spricht, fällt Dilmas lüsterner Blick immer wieder auf Carmens knackigen Popo, der sich unter ihrem engen Prada-Overall abzeichnet. Und sie musste hier in H&M-Klamotten herumstehen! Welch blödsinnige Idee! Als Carmen die Augen ihrer Verehrerin auf sich ruhen spürt, fällt ihr siedend heiß ein, dass sie in der Eile vergessen hat, ihre Beine zu enthaaren. Sie nimmt sich vor, im Hotel als Erstes einen Termin beim Brasilian Waxing zu vereinbaren.

Nach dieser offiziellen Begrüßungszeremonie werden die Gäste in die Stadt gebracht. Carmen und Dustin-Clay wohnen in einem netten Hotel mit sensationellem Blick auf die Copacabana. Dustin-Clay kann es kaum erwarten und will an den Strand. Carmen gibt ihm einige Sicherheitstipps und wünscht ihm viel Vergnügen. Nach einer erfrischenden Dusche nimmt sie ihren Epilationstermin wahr, der zu ihrer Freude von einem ebenso jungen wie gutaussehenden brasilianischen Jüngling mit äußerst geschickten Händen durchgeführt wird. Da sie ihre Passagiere gerade beschäftigt weiß, folgt sie der Stimme ihres pochenden Blutes und legt den Latino flach. Zweimal nacheinander. Carmen liebt Lateinamerika. Und die Latinos lieben Carmen.

 

23. Juli 2013

Heute morgen setzt sich Carmen an ihr Q-Pad und nimmt sich die Notizen vor, die sie sich gestern auf dem Flug über die lateinamerikanischen Drogenbosse gemacht hat. Sie ruft ihre Freundin beim Q-Sad an und besorgt sich die Telefonnummern. Einen nach dem andern telefoniert sie ab. Sie gibt sich als Mitarbeiterin des Vatikan aus und schlägt ein Treffen vor, in dem man über die Möglichkeiten der Aufnahme von Geschäftsbeziehungen sprechen könnte. Alle sagen zu. Das Treffen wird für den nächsten Tag anberaumt.

Zur selben Zeit besucht der Heilige Vater mit Dilma die Umgebung Rios. Am Nachmittag fahren sie auf Dilmas Landsitz. Unerwarteterweise scheint die Chemie zwischen beiden zu stimmen. Der ist ja ganz locker, denkt Dilma und das Gespräch wird bald recht privat. Nach dem Mittagessen besichtigen sie die Rinderherden und fangen an, wie Kinder miteinander zu scherzen. Irgendwann ziehen sie sich um und spielen draußen Cowboy und Indianer. Carmen gesellt sich zu ihnen und spielt Kuh. Die Drohne spielt derweil mit einer Königin. Dustin-Clay hat den schwulen Strand entdeckt, wo er sich mit einigen Gleichaltrigen anfreundet und erwartungsgemäß sein Coming Out erlebt.

 

24. Juli 2013

Am Nachmittag trifft sich Carmen auf einem etwas abgelegenen Landgut mit den Drogenbossen. Einer nach dem andern fährt in einem Konvoi gepanzerter schwarzer Geländewagen vor. Es ist immer dasselbe Bild: zuerst steigen die schwer bewaffneten Leibwächter aus und sichern die Umgebung. Dann geleiten sie ihre Chefs in das Gebäude, wo sie von Carmen begrüßt und erwartet werden. Einige maulen, weil sie es nicht gewohnt sind, mit einer Frau zu verhandeln. Aber die Aussicht auf einen neuen Markt in Europa veranlasst sie zum Bleiben. Als alle eingetroffen sind, ergreift Carmen das Wort. Doch der Nachmittag verläuft völlig anders, als die Chefs der Drogenkartelle es erwartet haben.

Carmen schließt ihr Q-Pad an einen vorbereiteten Beamer an. Sie zeigt Luftaufnahmen der Drogenplantagen aus allen Regionen Lateinamerikas. Die hatte sie am Morgen von ihrer Freundin beim Q-Sad per E-Mail erhalten. Die Verbrecher werden nervös. Dann zeigt Carmen Fotos entlaubter Wälder aus dem Vietnam-Krieg. Sie schließt mit der Feststellung, dass der Tank ihrer Drohne randvoll sei mit Agent Orange und stellt die Männer vor die Wahl: entweder sie nehmen übermorgen am Abschlussgottesdienst des Weltjugendtages teil und jeder wirft eine Million Doláres in den Klingelbeutel oder sie werde dafür sorgen, dass die Ernte dieses Jahr ausfällt. Das Geld solle für den Bau und Betrieb von Grundschulen in den Favelas brasilianischer Großstädte verwendet werden. Betretenes Schweigen. Dann geht ein Raunen durch den Raum. Carmen lehnt sich ein wenig selbstgefällig zurück. „Warum sollten wir das tun? Wir könnten Dich und Deine Drohne plattmachen!“ traut sich schließlich einer zu fragen.

„Sicher könntet Ihr das. Es wäre aber unklug. Dann würden nämlich meine Freunde beim Q-Sad Dossiers über jeden Einzelnen von Euch, seine Lebensgewohnheiten und seine Familienverhältnisse an Julian Assange, an Interpol und, was vielleicht noch schlimmer ist, an Eure schärfsten Konkurrenten weitergeben. So könnten noch mehr Ernten ausfallen und der ein oder andere von Euch würde dann doch den Rest seiner Tage hinter schwedischen Gardinen verbringen. Ich schlage daher vor, Ihr überlegt Euch das. Ihr habt dreißig Minuten Bedenkzeit.“

Carmen steht auf und verlässt den Raum, in dem sich unmittelbar anschließend tumultartige Szenen abspielen.

Als die gerissene Doppelagentin eine halbe Stunde später zurückkehrt, haben sich die Drogenbosse beruhigt. Einer nach dem andern erklärt sein Einverständnis. Sie haben begriffen, dass dieses eher bescheidene Schutzgeld angemessen ist, um den im Fall einer Weigerung unabsehbaren Ärger zu vermeiden. Einer fragt, welche Garantien Carmen geben könne, dass sie nach der Zahlung Wort halten und die Dossiers nicht doch weitergeben würde. „Ihr könnt Euch auf das Wort des Heiligen Vaters verlassen“, antwortet Carmen. „Wenn er zum Abschluss des Gottesdienstes den Segen mit der linken Hand erteilt, soll Euch das zum Zeichen sein, dass er Eure Buße angenommen hat.“

Die Drogenbosse, allesamt korrupt und skrupellos bis ins Mark, sind ausnahmslos katholisch. Keine Sicherungsleistung hätte sie mehr überzeugen können.

Wieder einmal hat sich unsere kleine Doppelagentin als Meisterin der psychologischen Kriegsführung erwiesen.

 

25. Juli 2013

Der vergangene Tag hatte Carmen trotz des erfolgreichen Verlaufs etwas angestrengt. Heute besichtigt sie ein paar Favelas, trifft sich mit Xuereb und Dustin-Clay zum Mittagessen, das sie mit einem Briefing bezüglich der zu erwartenden Besonderheiten bei der morgigen Kollekte verbindet. Den Nachmittag verbringt sie im Spa-Bereich ihres Hotels, wo sie sich von einem brasilianischen Masseur ausgiebig verwöhnen und entspannen lässt. Am Abend zieht sie ihr Flamenco-Kleid an, nimmt ihre Kastagnetten und tanzt in einer Favela eine Flamencoshow für die Armen. Die können sich noch so richtig freuen und bald tanzen alle mit.

 

26. Juli 2013

Heute ist Abschlussgottesdienst. Carmen steht am Eingang des Geländes mit einer Liste aller Drogenbosse, die bei der Versammlung vorgestern ihr Commitment abgegeben hatten. Sie sind alle erschienen, jeweils mit einem Leibwächter, der ein kleines Päckchen bei sich trägt. Der Gottesdienst mit dem charismatischen Pontifex findet großen Anklang bei der Jugend. Zu gegebener Zeit geht Dustin-Clay mit dem ungewohnt voluminösen Klingelbeutel herum. Die Drogenbosse werfen alle brav ihr Schutzgeld hinein. Fast dreißig Millionen Doláres kommen so zusammen. Carmen gibt dem Heiligen Vater ein Zeichen. Am Ende des Gottesdienstes spricht er den Segen und macht – nur wenigen fällt es auf – das Kreuzzeichen mit der linken Hand. Auf wessen Wort sollte man sich verlassen können, wenn nicht auf das des Oberhirten der katholischen Kirche.

 

27. Juli 2013

Heute treffen sich der Papst und seine Begleiter mit Vertretern der katholischen Kirche Brasiliens. Sie übergeben einem zuverlässigen Kardinal das gesammelte Geld und beauftragen ihn mit dem Bau von Grundschulen für die Favelas der brasilianischen Großstädte. Der Kardinal ist zutiefst ergriffen und dankbar. Einmal mehr wird ihm klar, dass er beim Konklave für den Richtigen gestimmt hat. Einen aus ihrer Mitte. Einen, der ihre Probleme verstand. Carmen hält sich zurück. Sie ist es gewohnt, dass andere die Lorbeeren für ihre Erfolge kassieren. Hauptsache, das Ziel ist erreicht.

Am Nachmittag bringt Dilma ihre Staatsgäste zum Flughafen. Nachdem Carmen ihr neulich ein Kompliment für ihre schlichten Klamotten gemacht hatte, hat sie heute ein weißes T-Shirt von American Apparel und eine bunte Bermuda von kik angezogen. Die alberne Schärpe mit dem brasilianischen Wappen hat sie zuhause gelassen. Sie fährt die Gäste selbst, mit einem offenen Jeep.

Als sie am Flughafen angekommen sind, verabschiedet sie sich ohne Brimborium von ihren Gästen. Die Drohne steht aufgetankt und frisch geputzt bereit. Zum Abschied schenkt Dilma dem Pontifex eine Halskette mit einem Holzkreuz von Zara Home. Die Umarmung mit Carmen wird erwartungsgemäß innig, so dass der pfiffige Dustin-Clay die Augenbrauen hochzieht, weil er den Braten gerochen hat. Alle steigen in die Drohne, nehmen Platz und schnallen sich an. Carmen schaltet die Triebwerke ein und wartet auf die Starterlaubnis.

Nach dem Start dreht sie im Tiefflug mit geöffnetem Panorama-Glasschiebedach noch eine Abschiedsrunde über den Zuckerhut und die Copacabana, wo sie auf Dustin-Clays inständige Bitte den dort badenden Jungs noch einmal mit den Flügeln winkt.

 

[1] Spanisch: Fick mich!
[2] Also, auf geht’s nach Brasilien!
[3] „Mal schauen“
[4] Gelobt sei Jesus Christus
[5] Ordnung und Fortschritt (Motto auf der Portugiesischen Flagge)
[6] In Ewigkeit. Amen.

Stress ohne Grund – Carmen trifft den Rapper Shiseido (Juli 2013)

02. Juli 2013

Der Rapper Shiseido veröffentlicht sein Video „Stress ohne Grund“. Darin diffamiert er Berlins Regierenden Bürgermeister Wowereit wegen dessen Homosexualität und ruft zum Mord an Politikern wie Claudia Roth und dem integrationspolitischen Sprecher der FDP Serkan Tören auf.

 

03. Juli 2013

Carmen, die – wir erinnern uns – damals in Israel einige Semester Medizin studiert hatte, nimmt ein dickes Neurologie-Buch aus dem Regal und schlägt nach unter „Tourette-Syndrom“. Mit großer Aufmerksamkeit liest sie das Kapitel gründlich durch.

Anschließend bewirbt sie sich über Shiseidos Internet-Seite als Background-Sängerin. Sie wird für den nächsten Tag zu einem Vorstellungsgespräch nach Berlin eingeladen.

 

04. Juli 2013

Carmen fliegt am Morgen mit ihrer Drohne von Köln-Wahn nach Berlin-Tegel. Im Drohnenradio hört sie pausenlos Shiseidos letztes Album. Bereits nach dem ersten Lied spürt sie einen starken Brechreiz aufkommen und nimmt aus dem Handschuhfach ein Pflaster gegen Reiseübelkeit, das sie sich hinters Ohr klebt. Nach einiger Zeit lässt die Übelkeit nach. Sie landet in Tegel und stellt die Drohne auf einer Außenposition ab. Mit einem Bus wird sie zum Flughafengebäude gebracht. Von dort nimmt sie ein Taxi. Sie trifft pünktlich zum Gespräch in Shiseidos Einfamilienhaus in Berlin-Lichterfelde ein.

Der Rapper lässt sie eine Stunde warten. Dann betritt er grußlos den Raum. Er schaut sie von oben bis unten an, lässt sich in einen Sessel fallen und stellt fest: „Du willst also bei mir singen.“ Pause. „Total schwule Klamotten,“ sagt er. „So kannst Du nicht auf die Bühne. Hast Du nix Schwarzes?“ – „Ich wollte nachher noch shoppen gehen.“ – „Lass mal. Ich rede mit meinem Manager, der soll Dir was aussuchen. Was hast Du bisher gemacht?“ Carmen legt ihm eine Liste von Referenzen vor. „Fick den Scheiß. Ich geb nix auf Papier.“ – „Nun, zuletzt bin ich mit Ice-T und 50 Cent aufgetreten.“ – „Fick die schwulen Arschficker. Ich bin Shiseido!“ – „Das weiß ich, darum habe ich mich ja auch bei Dir beworben. Ich will weiterkommen,“ schleimt Carmen. – „Guuuuut,“ antwortet Shiseido. „Dann leg mal los.“ Er nimmt sein Smartphone und lässt einen Titel laufen. Carmen steht auf, beginnt rhythmisch zu zucken und hirnlose misogyne, rassistische und homophobe Parolen zu skandieren. Shiseidos Gesichtszüge entspannen sich. „Guuut, ja, ey, das ist gut….“ Nach einer Minute unterbricht er sie. „Normal will ich ja keine Votzen auf der Bühne, aber das ist guuuut…“ – „Danke,“ sagt Carmen artig und spürt, dass ihre guten Umgangsformen ihr in diesem Zusammenhang vielleicht eher schaden könnten.

„Etwas wollte ich noch klären,“ sagt Carmen vorsichtig. – „Über Geld musst Du mit meinem Manager reden“, unterbricht sie der ungehobelte Rapper. „Dir ist wohl klar, dass es eine Ehre ist, mit Shiseido aufzutreten.“ – „Jaja, schon,“ antwortet Carmen. „Es ist nur so… ich wollte fragen, ob Du ein Problem hast mit… äh… chronischen Krankheiten?“ Der Rapper betrachtet sie angeekelt. „Du meinst so Erbkrankheiten wie Jude oder lesbisch? Ey, bissu etwa lesbisch?“ – „Nein,“ beeilt sich Carmen wahrheitsgemäß zu versichern. „Nein, ich bin keine Jüdin und auch nicht lesbisch.“ Shiseido schreckt zurück, als müsse er sich in Sicherheit bringen. „Ey, Du hast AIDS! Sag mir nicht, dass Du AIDS hast!“ – „Nein, ich habe auch kein AIDS. Es ist eher so etwas wie, also so etwas Chronisches wie… also Diabetes oder so. Allerdings mehr neurologisch.“ – „Ey, neurologisch kenn ich nicht. Meine Mutter hatte Diabetes. Ist keine Erbkrankheit so wie Jude oder lesbisch! “ – „Naja, ist es auch nicht, ich wollte es nur geklärt haben.“

Shiseido greift wieder zum Telefon. Er ruft seinen Manager an und erteilt Instruktionen. „Du kannst hier warten. Mein Manager kommt gleich.“ Dann verlässt er wiederum grußlos den Raum. Carmen holt tief Luft und klebt sich ein weiteres Pflaster gegen Reiseübelkeit hinter das andere Ohr.

Der Manager kommt, nimmt Carmen mit zur Konzerthalle, wo schon alles für das Konzert am nächsten Tag aufgebaut ist. Carmen wird eingekleidet und lernt die anderen Background-Sänger kennen, mit denen sie für den Rest des Tages probt. Man ist nicht freundlich zu ihr, aber freundlich ist hier keiner, weil freundlich schwul ist. Außerdem ist sie eine Frau und mit Frauen haben die Jungs alle ein Problem, weil die zwar nicht schwul aber auch irgendwie anders sind. Immerhin, die Probe verläuft gut und Carmen findet ihren Platz auf der Bühne. Sie freundet sich mit dem Tontechniker an und lässt sich die Funktion des Mischpultes erklären. Wow, staunt sie, das Ding lässt sich sogar komplett über eine Fernbedienung steuern! Nach der Probe geht sie noch in eine Apotheke, weil sie ihre Pflaster gegen die Übelkeit bereits aufgebraucht hat. Ein wenig schwindlig ist ihr davon.

 

05. Juli 2013

20:00 Der Saal hat sich gefüllt. Die Vorgruppe hat sich abgearbeitet. Das überwiegend aus gesellschaftlichen Verlierern bestehende Publikum ist aufgewärmt und hat sich bereits mit Alkohol und anderen Drogen in die passende Stimmung gebracht. Die Vorgruppe tritt ab. Das Publikum grölt.

20.55 Carmen lässt dem Tontechniker ein Getränk bringen und prostet ihm zu.

21:00 Shiseido tritt auf. Hassparolen, Musik, Hassparolen, grölendes Publikum, Hassparolen, Musik, Hassparolen, grölendes Publikum.

21:05 Der Tontechniker gähnt und sucht vergeblich nach der Fernbedienung.

21:10 Der Tontechniker fällt während eines Liedes schlafend vom Stuhl. GHB ist doch eine zuverlässige Sache, denkt Carmen und zieht die Fernbedienung aus der Tasche ihrer schwarzen Lederhose. Dann übernimmt sie die Kontrolle. Sie rückt ihr Headset zurecht. Mit der Fernbedienung schaltet sie alle Mikrofone ab und dreht ihres hoch. Sie geht auf Shiseido zu, den keiner mehr hören kann. Seine Augen blicken erst ungläubig, dann angstvoll geweitet. Carmen konzentriert sich derweil auf das, was sie im Neurologie-Buch gelesen hat. Unter rhythmischen Zuckungen stößt sie, Shiseido gegenüberstehend, immer wieder hervor: „Arschloch! Arschloch! Arschloch!“ Schnell und hektisch. Zehn Mal, zwanzig Mal. Die Männer von der Security drängen auf die Bühne. Carmen zieht lässig ihre Betäubungspistole und legt sie flach. Mit einem gekonnten Huftritt in die unteren Regionen schiebt sie den Rapper zur Seite und stellt sich an den Bühnenrand vors Publikum. „Arschloch! Arschloch!“ Das Publikum, zugedröhnt von Drogen und Hassparolen, stimmt bald ein und schließlich skandiert der ganze Saal das Mantra des Abends: „Arschloch! Arschloch!“ Der Rapper hat sich wieder aufgerichtet. Carmen packt ihn im Genick und hebt ihn am Kragen hoch. Noch einmal blickt sie ihm tief in die Augen: „Arschloch! Arschloch!“ Dann wirft sie ihn in hohem Bogen ins grölende Publikum, wo er sogleich verschwindet.

22:15 Der Saal hat sich – auch unter massivem Einsatz der verbliebenen Security-Männer – geleert. Die Putzbeleuchtung ist eingeschaltet. Carmen erblickt in der Mitte des Zuschauerraums inmitten von Müllbergen und leeren Flaschen ein schwarz gekleidetes Häufchen, das flach auf dem Bauch am Boden liegt. Mit federnden Schritten bewegt sie sich dahin. Es ist der Rapper. Er sieht etwas matt aus. Sein Gesicht schaut zur Seite. Ein kleines Rinnsal blutig tingierten Speichels ist an seinem Mundwinkel getrocknet. Als er Carmen erblickt, hustet er kurz und sagt dann: „Ey… Du Schlampe… Hass mich krass gefickt…“ Mit einem Schwung setzt sich Carmen auf den Übergang zwischen seiner Lendenwirbelsäule und seinem Kreuzbein. L5/S1 erinnert sich Carmen an ihr Medizinstudium in Tel Aviv. Da, wo die meisten Bandscheibenvorfälle auftreten. Der Rapper stöhnt kurz auf. Noch etwas mehr Blut quillt aus seinem Mund.

„Mittelfristig sollten wir unbedingt an Deiner Ausdrucksweise arbeiten“, stellt Carmen im Stil einer Lehrerin der Sekundarstufe I mit leichtem Kopfschütteln fest. „Aber zuerst ein paar wichtigere Dinge.“

Sie zieht ihr Q-Pad heraus und schaltet die Videofunktion ein. „Ich hätte gern, dass Du jetzt einige Worte des Bedauerns äußerst.“ – „Wie, Bedauern? Ey.. (hust, spuck)… dass ich Dich eingestellt hab oder was? “ Carmen verlagert ihr Gewicht ein wenig nach vorn, ergreift die beiden Arme des Rappers und dreht sie ruckartig nach hinten. Ein Schrei, dann ein leises Wimmern. „Krav Maga“, sagt Carmen. „Hat mir eine lesbische Jüdin in Tel Aviv beigebracht. Also, zweiter Versuch: Hiermit möchte ich mich bei Klaus Wowereit, Claudia Roth und Serkan Tören entschuldigen. Ich habe großen Respekt vor ihrer Arbeit und ich finde, jeder soll sein Leben leben, wie es zu ihm passt.“ Hust, spuck. „Ich warte.“ Carmen verdreht den Arm noch ein wenig stärker. „Ey, ja… is ja gut! Also, wie war das?“

Mit dummen Jungs kann Carmen mitunter recht geduldig sein. Also wiederholt sie: „Hiermit möchte ich mich bei Klaus Wowereit, Claudia Roth und Serkan Tören entschuldigen. Ich habe großen Respekt vor ihrer Arbeit und ich finde, jeder soll sein Leben leben, wie es zu ihm passt.“ – „Ja, also, ääähm, also ich möchte mich bei Klaus Wowereit, Claudia Roth und Serkan Tören entschuldigen. Ich habe großen Respekt vor ihrer, äh…, Arbeit und ich finde, jeder soll sein Leben leben, äh, wie es zu ihm passt.“ – „Gut. Weiter: Ich bin für die vollständige Gleichbehandlung homosexueller Partnerschaften.“ – „Ey… fick Dich, Du lesbische Kuh, niemals…“ Ein weiterer Dreh am Arm, zusätzlich ein Huf in den Nacken, Gewichtsverlagerung. Hust, spuck. „Jaaaaa, ey, hör auf…. Ich bin… (hust, spuck…) für die, ääääh…“ Ein letzter Seufzer. Die Augen des Rappers brechen. Schweigen.

Mierda[1], denkt Carmen. Anfängerfehler. Dabei hatte sie während ihrer Ausbildung beim Q-Sad im Fach „Enhanced Interrogation Techniques“ doch immer gute Bewertungen bekommen. Jetzt habe ich den Bogen wohl überspannt, stellt sie mit Bedauern fest. Gern hätte sie die Unterhaltung noch fortgesetzt. Aber nun hatte er eindeutig das Bewusstsein verloren. Wahrscheinlich hatte sie den Blutverlust unterschätzt. Nun ja, der zweite Teil war auch nicht mehr so wichtig. Hauptsache den Anfang hatte sie im Kasten. Sie speichert die Video-Datei und schickt sie per Mail an Klaus Wowereit, Claudia Roth und Serkan Tören. Dann gibt sie dem Reinigungspersonal ein Zeichen. Der entseelte Körper des Rappers wird entsorgt.

Carmen geht hinüber zu dem noch immer tief schlafenden Tontechniker. Irgendwie hat sie den Kerl liebgewonnen. Sie hebt seinen Oberkörper ein wenig an und bettet seinen Kopf weich auf ihrem Euter. Die Carmencita kann schon auch sehr liebevoll sein. Er grunzt zufrieden und schnarcht weiter.

 

06. Juli 2013

Carmen wird vom Regierenden Bürgermeister empfangen. Er erkundigt sich interessiert nach dem Wesen des Tourette-Syndroms. Carmen trägt wieder ihr Flamenco-Kleid. Der Bürgermeister macht ihr ein sehr charmantes Kompliment. Nach einem langen und anregenden Gespräch darf sie sich in das Goldene Buch der Stadt eintragen.

 

[1] Scheiße

Carmen beim Christopher Street Day (Juli 2013)

04. Juli 2013   Carmen geht ins Kino

Carmen geht ins Kino und sieht den heute angelaufenen neuen Film von Pedro Almodóvar, „Los amantes pasajeros“, im spanischen Original. Darin verteilt das Bordpersonal eines aufgrund eines defekten Fahrwerks zum Absturz verurteilten Flugzeugs an die Passagiere der Business-Class Getränke, denen sie Meskalin beigemischt hat. Es wird ein interessanter Flug. Carmen liebt die Filme dieses spanischen Regisseurs, die ihr immer wieder als Inspiration dienen.

 

05. Juli 2013   Der Hirte und die Ordnung der Liebe

11:00 Der Kölner Kardinal und Erzbischof Joachim Keifner wendet sich in einem Hirtenbrief „Über die Ordnung der Liebe“ an die Gläubigen. Darin erklärt er in deutlichen Worten, die gottgewollte Ordnung der Sexualität bestehe ausschließlich in einer auf Fortpflanzung ausgerichteten heterosexuellen Ehe zwischen Mann und Frau. Dagegen seien unter anderem homosexuelle Beziehungen und sexuelle Akte außerhalb der Ehe oder unter Anwendung empfängnisverhütender Methoden wider die Schöpfungsordnung. Veranstaltungen wie der Kölner Christopher Street Day seien daher eine Provokation aller rechtgläubigen Christen und Zeichen einer verirrten Schafherde, die man mithilfe wachsamer Deutscher Schäferhunde wieder sanft aber bestimmt auf den richtigen Weg führen müsse. Er ruft alle Homosexuellen und deren Angehörige auf, für ihre Gesundung zu beten: „Der Weg zur Hölle ist breit und bequem, der Weg zum Himmel steinig und steil!“ Vergewaltigte Frauen ruft er ebenfalls ausdrücklich zur Umkehr und zum Tragen langer Röcke auf. Der Vorsitzende von proNRW lehnt sich nach der Lektüre des Hirtenbriefs zufrieden zurück. Man ist sich einig.

13:00 Der Kardinal sieht im Internet die Wettervorhersage: Drei Tage strahlender Sonnenschein sind vorhergesagt. Beste Bedingungen für den Christopher Street Day mit Straßenfest und sonntäglicher Parade durch die Kölner Innenstadt.

13:05 Der Erzbischof greift zum Telefon. „Hölle?“ – „Keifner. Ist die Leitung sicher?“ – „Moment, ich gehe auf Zerhacker… So, jetzt. Was gibt’s?“ – „Spreche ich mit Frau Hölle, die das Scheißwetter macht?“ – „Immer noch.“ – „OK, ich möchte, dass Sie jetzt drei Tage Eisregen herunterkommen lassen! Es soll Ihr Schade nicht sein, die letzte Kollekte war fett genug. Wir verstehen uns.“ – „Drei Tage Eisregen, im Juli? Warum das, zur Hölle?“ – „Christopher Street Day. Straßenfest. Parade. Die ganze Stadt voller Sodomiten! Muss ich noch mehr sagen?“ – „Teufel noch mal, Keifner, gibt es nicht wichtigere Themen in der Welt? Die Flüchtlingskrise in Afrika? Der Bürgerkrieg in Syrien? Massenvergewaltigungen in Indien? Die Bespitzelung unschuldiger Bürger?“ – „Natürlich, aber an all dem sind doch die Sodomiten schuld! Man muss das Ãœbel an der Wurzel packen!“ – „Hm… Ich weiß ja nicht… Muss ich den Chef fragen…“ – „Tun Sie das! Und dann lassen Sie’s hageln! Drei Tage lang!“ Keifner legt auf.

13:15 Frau Hölle fragt Herrn Satan, ob sie drei Tage lang Eisregen auf Köln niedergehen lassen dürfe. Der Erzbischof wolle gut bezahlen. Satan lehnt ab. Im Gegensatz zu gewissen kirchlichen Würdenträgern sei er nicht käuflich. Stattdessen weist er Frau Hölle an, ein paar Heuschrecken in den Garten des Erzbischöflichen Ordinariats abzuwerfen: „Er soll endlich begreifen, dass ER die eigentliche Plage ist!“

15:00 Carmen bewirbt sich nach der Lektüre des Hirtenbriefs als Ministrantin im Kölner Dom. Die Antwort per E-Mail kommt umgehend. Sie möge sich bitte morgen um 10:00 Uhr in der Sakristei des Doms melden.

 

06. Juli 2013   Carmen wird Ministrantin

10:00 Carmen nimmt im Dom an einer Ministranten-Schulung teil und wird, da sie sich besonders geschickt anstellt und man noch eine Quotenfrau benötigt, bereits für den folgenden Tag zum Dienst beim Hochamt eingeteilt.

23:00 Carmen trifft sich nach Einbruch der Dunkelheit am Kölner Neumarkt mit einem finsteren Gesellen, der ihr durch das Fenster seines getunten 6-er BMW im Austausch gegen einige Geldscheine ein kleines Briefchen überreicht.

00:00 Carmen legt sich schlafen und träumt von einem lustigen Flug in der Business-Class.

 

07. Juli 2013

09:00 Carmen trifft in der Sakristei des Kölner Doms ein und zieht sich um. Sie tauscht ihr andalusisches Flamenco-Kleid gegen ein Ministrantengewand. Da der Obermessdiener, heute der einzige Heterosexuelle im Chorraum, ein Auge auf die rassige Spanierin geworfen hat, bevorzugt er sie bei der Einteilung. Sie darf das Altargerät richten und dem Kardinal später den Messwein einschenken. Dies ist eine besondere Ehre, die sonst auf Anordnung des Oberhirten nur besonders verdienten und hübschen männlichen Messdienern zuteil wird.

09:15 Carmen richtet das Altargerät und stellt eine kleine Karaffe mit dem Messwein parat. Nachdem sie sich kurz umgesehen und sichergestellt hat, dass sie nicht beobachtet wird, zieht sie aus dem Ärmel ihres Gewands ein kleines Briefchen hervor, dessen Inhalt sie in die Karaffe schüttet und darin mit einem goldenen Löffel verrührt.

10:00 Pünktlich beginnt das Kapitelsamt am Vierungsaltar. Der Organist spielt die Missa Brevis in D. Die Knaben des Kölner Domchores lassen ihre glockenhellen Stimmen erklingen. Manche wirken etwas unkonzentriert, weil sie befürchten, der Kardinal könne vielleicht nicht rechtzeitig zu Beginn der CSD-Parade den Abschlusssegen erteilen. Ihre Furcht ist unbegründet.

10:45 Nach einer flammenden Hasspredigt über die Unordnungen der Liebe unter besonderer Berücksichtigung gewisser Veranstaltungen in der Kölner Innenstadt beginnt der hochheiligste Teil der Messfeier. Während die Orgel spielt und der Knabenchor singt, bringt Carmen mit demütigem Blick den Messwein zum Altar und schenkt seiner Eminenz tüchtig ein. Dieser verspürt Wohlgefallen. Es folgt die Wandlung. Eminenz trinkt. Und trinkt. Und trinkt aus. Nach dem Austeilen der Heiligen Kommunion nimmt der Oberhirte Platz auf dem Bischofsstuhl. Sein Blick fällt auf das von Gerhard Richter gestaltete Fenster gegenüber, durch das die Sonne scheint. Erstmals nimmt der Kardinal an diesem Vormittag die Schönheit dieses Fensters wahr und verspürt den magischen Zauber des bunten Lichts. Warum war ihm dies nicht schon früher aufgefallen? Eine Unruhe erfasst die Beine des Oberhirten. Diese Farben, das Sonnenlicht, der Klang der Orgel. All das mischt sich zu einem Gefühl von Nähe und Wärme. Alles ist so gut. Alles ist so friedlich. Alles ist so schön. Darf er sich so das Paradies vorstellen? Kaum kann er das Ende des Orgelklangs erwarten.

11:55 Das Orgelspiel endet. Mit ungewohntem Schwung erhebt sich der Erzbischof noch im selben Moment aus seinem Sitz. Fast fliegt er zum Altar. Doch stellt er sich nicht dahinter, sondern davor. Er will seinen Gläubigen heute nah sein. Und nicht nur ihnen. So gibt er seinen Konzelebranten und den Ministranten ein Zeichen: Sie sollen zu ihm kommen. Ganz nah möchte er heute auch ihnen sein. Der Kardinal breitet die Arme aus. Er weicht ab von der Liturgie, die ihm noch nie gefallen hatte. Der Herr selbst legt ihm die Worte heute in den Mund: „Liebe Schwestern und Brüder! Und liebe Brüder, die Ihr vielleicht eigentlich Schwestern seid! Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret Ihnen nicht, hat der Herr gesagt! Darum sage ich Euch: Kommt zu mir und ich werde das ewige Fest mit Euch feiern! Schwestern und Brüder, lasset uns heute, an diesem wunderschönen Tag, den der Herr uns geschenkt, nicht einfach so auseinander gehen! Lasset uns ein Fest feiern! Die Freude der Christenmenschen sei allezeit mit Euch! Hallelujah! Um zwölf beginnt die Parade am Heumarkt! Das ist nicht weit! Einfach nur von der Hohen Domkirche die Hohe Straße runter und schon sind wir da! Nehmt Euch an den Händen! Gemeinsam sind wir stark! Gemeinsam finden wir den Weg! Lasset uns auferstehen! Come out – be gay! Bei drei geht’s los! Mir nach…“

Mit diesen Worten greift er den verwirrten Oberministranten bei der Hand und zieht ihn hinter sich her. Carmen schiebt die zögerlichen Konzelebranten hinterher und hilft bei ihrer Einreihung in die größte Polonaise, die der Dom jemals gesehen hat. Die Gläubigen schließen sich an. Kölner sind schließlich immer für einen Spaß zu haben, vor allem, wenn es Kölsch gibt. Die Chorknaben quietschen vor Vergnügen. Eine nicht enden wollende Menschenkette nähert sich dem Heumarkt. Von fern hört man wummernde Bässe.

12:10 Carmen führt den glückselig lächelnden Oberhirten zu einem bereitstehenden Truck. Sie hilft ihm beim Ablegen des Messgewands und streift ihm Lederchaps und Harness über. In dem Alter geht nur noch Leder, denkt sie. Beim Anblick des leicht bekleideten und entrückt tanzenden Hirten wendet sie sich kurz mit Grausen ab. Doch dann reißt sie sich wieder zusammen. Das ist eben der Job, denkt Carmen. In der libyschen Wüste hatte sie Schlimmeres gesehen. Carmen setzt sich ans Steuer des Trucks. Mal was anderes, denkt sie und flucht über die hakelige Gangschaltung.

12:20 Der Zug setzt sich in Bewegung. Zehn pfirsischfarbene Ministranten mit freiem Oberkörper umtanzen den Kardinal, wippen rhythmisch zur Musik und werfen kardinalsrote Kondome in die Menge. Gerade läuft David Guetta mit „Sexy Bitch“, als Carmen die Hand seiner Eminenz auf ihrem Arsch spürt. Die von Carmen vorsorglich bestellten Pressefotografen halten diesen besonderen Augenblick fest. Zwanzig Chorknaben laufen als Wagenengel neben dem Truck und passen auf, dass niemand unter die Räder kommt. Dank ihnen und dank Carmen wird die Parade störungsfrei verlaufen.

13:00 Carmen drückt dem Kardinal eine riesige, mit Weihwasser gefüllte Wasserpistole in die Hand. Mit kindlicher Freude spritzt er die Zuschauer nass. Wer vom Weihwasser getroffen ist, spürt sogleich die vorbehaltlose Liebe zu allen Farben der göttlichen Schöpfung und steckt die andern damit an.

13:45 Ãœberall entlang des Wegs wird der Wagen des Erzbistums besonders bejubelt. Die zahlreichen Priester am Wegesrand skandieren „Jochen, Jochen…“ und so angefeuert hört dieser nicht auf zu tanzen.

War dies die Fronleichnamsprozession? War heute Weltjugendtag? War es endlich der wohlverdiente Einzug ins Paradies? Ist auch egal, denkt der – dank Carmen – zum Botschafter der Liebe Gottes mutierte ehemalige Hassprediger.

Noch nie zuvor hatte er sich seinen Gläubigen so verbunden gefühlt. Und vice versa.

Carmen und der Hochadel (Juli 2013)

Von Paparazzi gejagt

Brüssel, 4. Juli 2013, Vacas Neue Presse

Am frühen Morgen wurde der belgische Thronfolger Prinz Philippe beim Verlassen eines Brüsseler Nachtclubs in Begleitung der rassigen Carmencita gesichtet. Das Paar wirkte sehr verliebt. Die Belgier sind schockiert, nicht nur weil Philippe verheiratet ist, sondern auch weil es sich bei der Carmencita um eine Bürgerliche von zweifelhaftem Ruf handelt, der sogar schon Verbindungen zum Geheimdienst nachgesagt wurden. Möglicherweise haben sich die beiden bei einer Kampfpilotenübung kennengelernt.

Dazu der ARD-Adelsexperte Rolf Seelmann-Eggebert auf NDR-Tratschradio: „Die Strukturen und Regeln des europäischen Adels haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Wenn der britische Thronfolger damals ein Pferd zur Frau nahm, ist natürlich denkbar, dass sich der belgische nun für eine Kuh entscheidet.“

Die Gattin Philippes wurde derweil gesehen, wie sie in ihrem Renault Twingo von Paparazzi verfolgt mit 200 km/h Stunde auf eine Unterführung zuraste…

Bald mehr von unserer kleinen Ehebrecherin!

Carmen und die FIFA (Juli 2013)

01. Juli 2013    Moskau – Madrid – Göteborg

Heute fliegt sie eine Schaufensterpuppe, die aussieht wie Edward Snowden, nach Moskau. Nonstopflug dank Blue Efficiency Technologie. Das geht zwar elend langsam, aber so kommt sie mit 3,5 L Kerosin auf 100 km aus.

Den echten Snowden – wir erinnern uns – hatte sie ja schon vor über einer Woche nach Havanna gebracht und dort an den britischen Geheimdienst ausgeliefert. Er tanzt mittlerweile in Guantánamo seinen Namen. Gefesselt, geknebelt und angeschlossen an eine Autobatterie, versteht sich.

Für den Transport der Puppe war sie bereits von der amerikanischen Regierung im Voraus bezahlt worden. Nun, das war also alles reibungslos gelaufen und Carmen hatte an diesem Tag abzüglich Spesen fast 150.000 USD verdient. Sie denkt über die Erhebung eines Kerosinzuschlags nach, verwirft diese Idee aber rasch wieder. Zu schnell kommt man in den Ruf, gierig zu sein.

Die Sonne scheint durch das Panorama-Glasdach. Zufrieden lehnt sie sich zurück und schaltet die Sitzheizung eine Stufe herunter. Im Drohnenradio läuft ABBA. Carmen träumt ein wenig von diesem netten schwedischen Bullen mit dem Schlafzimmerblick, den sie bei ihrem ersten Besuch in Skandinavien in den Siebzigern kennengelernt hatte. Wie sich die Mode damals von der heutigen unterschied! Nur zu gern erinnert sie sich nicht nur an seinen Pferdeschwanz, sondern auch an die wunderschönen langen Haare, die er zu einem Zopf gebunden trug. Während sie so träumt, klingelt das Satellitentelefon.

„Hier ischt das Sekchretariat von Joseph Flatt’r, FIFA-Präsidium. Fräulein Charmen, der Herr Flatt’r würchde sich sehr freuen, wenn sie ihm die Ehre gäben, ihn cheute Abend zum Eröffnungsschbiel der Frauen-EM in Gchöteborchg zu begleitn.“ Carmen überlegt kurz, wirft einen Blick auf den Kalender ihres Q-Pad und ist unentschlossen. Das spürt die Sekretärin, denn sie legt nach: „Herr Flatt’r wollte sie auch fragen, ob sie gägäbnenfalls in Madchrid ein Päckchn abcholen und cheute Abend mitbringen kchönntn.“

Carmen wird hellhörig. Das hört sich nach einem lukrativen Auftrag an. Die Sekretärin kann offenbar Gedanken lesen. „Also sälbschverständlich würchden Sie den Transporcht vergütet bechomme.“ – „Gut, ich muss ohnehin noch etwas in Madird erledigen.“ – „Ja, sähet sie Fräulein Charmen, das passt doch wundrbar. Dann bägäbn sie sich bitte am Flughafen von Barachas (hier war der halskranke Laut ja mal angebracht, dachte die rassige Spanierin) zum Meeting-Point und träffen dorcht den Cherrn Fuentes. Der gchibt Ihnen das Paket und dann bringen Sie es cheute Abend einfach mit ins Chotel.“ Es folgen einige Höflichkeiten und Hinweise, in welchem Luxushotel in Göteborg man sie einquartieren werde, wann und wo die Ãœbergabe des Päckchens stattfinden solle usw. usf.

Carmen legt auf. Sie schaut auf die Uhr: Früher Nachmittag. Also erst über Madrid-Barajas und dann direkt weiter nach Göteborg. Einen frischen Schlüpfer für den Abend konnte sie sich auch dort noch kaufen.

Die Übergabe des Päckchens verläuft reibungslos, wenn man vom nervösen Gehabe des Herrn Fuentes einmal absieht. Anfänger, denkt Carmen. Aber sie weiß ihn sanft zu führen und zu beruhigen. Geschickt schmuggelt sie das Päckchen mit Klebestreifen unter ihrem Euter befestigt durch die Sicherheitskontrolle. Start und weiter nach Schweden.

In Göteborg angekommen, schwebt sie erst einmal im Tiefflug über die Stadt, um sich zu orientieren. Einer der wenigen Orte, an dem sie noch nie war. Viel Wasser, denkt sie. Besonders beeindruckt sie die Älvsborgsbron, eine Hängebrücke, die in der Hafeneinfahrt von Göteborg den Göta älv überquert. Ganz schön hoch, denkt Carmen und fliegt vergnügt mit den Flügeln wackelnd einmal unter der Brücke durch. Sie wirft einen Blick auf die Uhr. Genug Sightseeing, denkt sich unsere verspielte kleine Doppelagentin. Die Arbeit ruft. Sie landet auf dem Flughafen von Göteborg, wo sie von einer dunklen Limousine mit FIFA-Fähnchen abgeholt und ins Hotel gebracht wird.

Dort angekommen wird sie bereits von Flatters freundlicher Sekretärin erwartet. „Guten Tachg Fräulein Charmen, ich choffe, sie chatten einen gchuten Flug!“ Herrje, denkt Carmen, das ist ja live noch schlimmer als am Telefon. Haben die in der Schweiz keine Chals-Nasen-Ohren-Ärzte? Carmen lässt sich aber nichts anmerken, sondern geht auf den freundlichen Smalltalk ein und übergibt der Sekretärin das Päckchen, das sogleich weitergeleitet wird an die Trainerin der deutschen Frauenfußballnationalmannschaft.

Beim Einchecken bestellt Carmen bei der Hausdame zwei frische Einweg-Damenschlüpfer zur Lieferung auf ihr Zimmer. In ihrer Juniorsuite erwarten sie ein Umschlag mit dem verabredeten Honorar – Schweizer sind in finanziellen Dingen ebenso diskret wie penibel – und ein Blumenstrauß mit einer Karte: „Willkommen in Göteborg! Erwarte Dich um 17 Uhr in meiner Suite. Sepp“ Alte Schule, denkt Carmen. Aber sie ist auch ein wenig misstrauisch. Weiß sie doch, dass dem Präsidenten des Weltfußballverbandes nicht nur zahlreiche Korruptionsaffären nachgesagt werden.

Carmen macht sich frisch. Um 17 Uhr klingelt sie an Flatters Suite. Herrje, was ist das? Der FIFA-Präsident öffnet im Bademantel. Ist er noch nicht fertig? Hat sie sich in der Zeit geirrt? Nein. Er überhäuft sie mit liebenswürdigen Komplimenten und schenkt ihr ein Glas Champagner ein. Er bittet sie, Platz zu nehmen. Carmen versinkt im weichen Sofa. Plötzlich steht er vor ihr und öffnet seinen Bademantel. „Chomm Charmen, lass uns ein bisschen Strauss-Chahn schbielen! Chomm her, Du Ludr, magschd mein Zimmrmädli sein? Das haschd doch immer gern g’macht…“

Carmen reißt angesichts dieses erschütternden Anblicks ungläubig die Augen auf. Was sollte das denn bitte sein? Dieses rosa Dingelchen, das kaum hinausragt über die ungebändigte Lockenpracht? Carmen verflucht die Firma Pfizer, die seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit ihren blauen Pillen hoffnungslos veraltete Gerätschaften wieder in Betrieb setzte, welche der HERR aus gutem Grund schon vor langer Zeit stillgelegt hatte. Die Schweizer mochten zwar viele Gipfel in ihrem Land haben, zum Höhepunkt würden sie Carmen aber niemals bringen. Nicht damit. Nicht so. In kürzester Zeit rasen ihr viele Gedanken durch den Kopf. Wehmütig erinnert sie sich an den netten schwedischen Bullen aus den Siebzigern. Sie denkt auch an die Geschichte mit dem ehemaligen Chef des Internationalen Währungsfonds, auf die der Fußballkönig offenbar anspielt. Vor zwei Jahren hatte sie sich nämlich – im Auftrag des damaligen französischen Präsidenten und seiner Vertrauten Christine Lagarde – als Zimmermädchen in dessen Suite im New Yorker Sofitel eingeschlichen und DSK erfolgreich in eine verhängnisvolle Falle gelockt. Was keiner wusste: Damals war überhaupt nichts passiert. Carmen hatte sich nur an den Spuren der vorangegangenen Nacht bedient, die der Währungshüter mit mehreren Prostituierten in seiner Suite verbracht hatte. Diese Spuren verteilte sie großzügig auf ihrer Arbeitsuniform und ging damit zur Polizei, wo sie behauptete, DSK habe ihr Gewalt angetan. Außerdem war das damals ein Job und das großzügige Honorar glich die Unannehmlichkeiten hinlänglich aus. Heute dagegen versucht man sie zu überrumpeln! Und wenn es etwas gibt, was Carmen gar nicht mag, dann sind es ernst gemeinte Annäherungsversuche mächtiger alter Männer.

Während sie noch überlegt, wo sie das nächste Sushi-Messer und ein wenig Olivenöl und Pfeffer auftreiben könnte, um das Fleisch gewordene eidgenössische Elend zu einer – zugegebenermaßen kleinen – Portion Carpaccio zu verarbeiten, ist es auch schon zu spät, sich zur Wehr zu setzen. Der Präsident ist offenbar so angetan von dieser Begegnung, dass er bereits nach wenigen Sekunden das Gipfelkreuz erreicht und die Flagge gehisst hat.

Hm, Ejaculatio praecox, denkt Carmen, die damals in Israel auch ein paar Urologie-Kurse absolviert hatte, mit Sachverstand. Ist auch das Einzige, was der alte Knacker noch mit einem 14-Jährigen gemeinsam hat. Trotz dieser nüchternen Gedanken ist Carmen erbost, zutiefst erbost. Als er noch mit beglücktem Gesichtsausdruck feststellt „Gell, Charmen, es isch au schön für Dich gsi?“, wischt sie sich wortlos das Gesicht ab und hat nur noch einen Gedanken: ¡Espera, te arrepentirás! (Na warte, das wirst Du bereuen).

In ihrem langjährigen Umgang mit den Mächtigen dieser Welt hatte Carmen gelernt, ihre Rachebedürfnisse zurückzustellen. Darin orientierte sie sich am Grafen von Monte Christo. Jahrelang konnte sie warten, Jahrzehnte. Rache ist ein Gericht, das kalt genossen wird. Der richtige Moment, die richtige Zeit. Das Opfer musste sich in Sicherheit wiegen, möglichst arglos und entspannt sein. Carmen geht also wortlos zurück in ihre Junior-Suite, wäscht ihr Gesicht, gurgelt mit einer halben Flasche Listerine und frischt ihren Lippenstift auf. Danach kehrt sie mit einem verbindlichen Lächeln im Gesicht zur Suite des FIFA-Präsidenten zurück.

Flatter ist nun vollständig angezogen. Sein Fahrer ist bei ihm und die Sekretärin. Sie fahren zum Stadion. Das Spiel zwischen Schweden und Dänemark verläuft unspektakulär. Carmen fügt sich perfekt in ihre Rolle als Begleiterin des Präsidenten ein. Sie sitzt neben ihm wie ein dekoratives Schmuckstück. Sie jubelt mit ihm in den richtigen Momenten. Sie nimmt sich zurück und lässt ihn im Vordergrund stehen. In der Halbzeit geht sie zur Damentoilette der VIP-Tribüne und trinkt dort die verbliebene halbe Flasche Listerine in einem Zug aus. Danach stößt sie ein langgezogenes kräftiges Bäuerchen aus, das jedem Bauarbeiter Ehre gemacht hätte und kehrt anschließend mit dem professionellen Lächeln einer Schauspielerin auf dem roten Teppich an ihren Platz neben ihren Gastgeber zurück.

Nach dem Spiel gehen sie essen, der Präsident, Carmen, die Sekretärin, diverse Günstlinge mit ihren Anhängen. Das Restaurant liegt in der Nähe des Hafens. Der Ausblick auf die Älvsborgsbron ist wunderschön. Der Präsident fühlt sich wohl mit seiner charmanten Begleiterin und als Mittelpunkt der Gesellschaft. Carmen hat wenig Appetit, doch sie lässt sich nichts anmerken.

Der Abend geht zu Ende. Die Gesellschaft löst sich auf. Flatter entlässt seine Sekretärin zusammen mit dem Fahrer zurück ins Hotel, nachdem Carmen ihn noch um einen kleinen Spaziergang unter vier Augen gebeten hat. Galant legt er ihr die Pelzstola über die Schultern.

Sie treten vor das Restaurant. Scheinbar ziellos. Unmerklich steuert Carmen den Weg in Richtung auf die Älvsborgsbron. Sie möchte in der Sommernacht und nach dem ausgiebigen Essen noch ein wenig Seeluft schnuppern, sagt Carmen. Flatter willigt ein. Er ist weiterhin in seinem Element. Er redet vor allem von sich. Carmen hört zu und bewundert ihn. Das mag er, wie alle Mächtigen. Sie betreten den Fußgängerweg, der am Geländer der Brücke entlang führt. Sie laufen langsam, schlendern, promenieren über die Brücke. Überall um sie herum die Lichter des Hafens und der Stadt.

In der Mitte der Brücke bleibt Carmen stehen. Sie lehnt sich an das Geländer und schaut hinunter auf’s Wasser. Der Präsident stellt sich neben sie. „Ja, guckch, wie tief das ischt!“ sagt Flatter beeindruckt mit einem Blick über das Geländer auf den Fluss. Unter der Brücke fährt gerade ein Frachtschiff hindurch. Carmen sagt nur „Ja, tief…“ und wartet einige Momente, bis das Schiff die Brücke passiert hat. Flatter legt seinen Arm um ihre Schulter. Er lässt seine Hand hinunter gleiten auf Carmens prallen Po. Carmen hebt ihren dem Präsidenten zugewandten Huf, stellt ihn hinter ihren Verehrer und streift sanft damit am Bein Flatters entlang. Er scheint es zu genießen, ist arglos und entspannt.

In diesem Moment zieht Carmen ruckartig das Bein hoch, lädt den dicken Mann wie eine Puppe auf ihren Huf und bugsiert ihn elegant über das Geländer. Diese Technik aus dem Krav Maga hatte sie im israelischen Ausbildungslager beim Q-Sad gelernt. Flatter hat noch Zeit, mit fragendem Blick in Carmens Augen zu schauen. „Respect“, haucht unsere wehrhafte Doppelagentin ihm entgegen. Dann stürzt er mit einem langgezogenen Schrei in die Tiefe. Den übertönt das Nebelhorn des Frachtschiffs.

Carmen blickt ihm hinterher bis er aufprallt und ihn die dunklen Fluten des nächtlichen Göta Älv sogleich verschlucken.

Schmutziger alter Mann, denkt unsere Antikorruptionsbeauftragte kopfschüttelnd, doch ohne wirkliches Bedauern. Sie fröstelt kurz und zieht ihre Pelzstola ein wenig enger um die Schultern, als sie gemächlich zurück zum Hotel geht.

Am Abend war es doch ein wenig kühl geworden.