Carmen bei der Leichtathletik-WM (August 2013)

Spektakulärer Überraschungserfolg bei der Leichtathletik-WM

Moskau, 18. August 2013, Vacas Neue Presse

Bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Moskau gewinnt Carmen im 100-m-Lauf der Damen mit zwei Hundertstel Vorsprung knapp vor der Favoritin Cousine Bolte aus Jamaica.

Boltes Management erhebt derweil schwere Vorwürfe gegen die Siegerin: Nicht nur habe sie deutlich sichtbar unter der Einwirkung verbotener Substanzen gestanden, sondern unter ihrem Flamencokleid sei auch klar zu erkennen gewesen, dass sie die Prothesen von Oscar Pistorius getragen habe.

Carmen weist die Vorwürfe Boltes zurück mit dem Kommentar, die Bolte sei schon immer eine schlechte Verliererin gewesen. Was unter ihrem Kleid geklappert habe, seien lediglich die Kastagnetten gewesen. Sie sehe dem Ergebnis der B-Probe mit großer Gelassenheit entgegen, betonte die frisch gebackene Weltmeisterin.

 

Zwangseinweisung (Juli – August 2013)

30. Juli 2013    Sommerloch

Seit ihrer Rückkehr aus Rio haben Carmen und ihr neuer Kumpel Jorge jeden Tag ausgiebig telefoniert. Er erholt sich in Castel Gandolfo von den Strapazen des Weltjugendtags. Meistens nach dem Mittagessen ruft er sie aus dem Liegestuhl neben dem Pool an, um das Tagesgeschehen und die aktuelle Lage im Vatikan mit ihr zu diskutieren. Dabei interessieren ihn vor allem Carmens realistische Einschätzungen und pragmatische Lösungsansätze. Ein Papst neigt ja berufsbedingt eher zu übertriebener Milde und Gutgläubigkeit, während Carmen ebenfalls berufsbedingt eher misstrauisch und auf alles gefasst ist. So ergänzen sie sich ganz gut.

Aber es geht nicht nur um die inhaltlichen Fragen. Sie mögen sich einfach gern und wie es bei guten Freunden so ist, haben sie immer etwas zu reden. Carmen gehen die Gespräche jedes Mal lange durch den Kopf. Zurzeit ist auch wenig los im Job und so hat sie genügend Zeit zum Nachdenken. Die meisten Geheimagenten sind mit ihren Familien in Urlaub und die Politiker auch. Carmen dagegen sitzt zuhause rum und schiebt ihre Steuererklärung vor sich her. Die Tage plätschern ereignislos dahin. Sie hat nicht mal Lust, sich einen Bullen aufzureißen. Grübeln ist sonst gar nicht ihre Art. Prokrastination schon gar nicht. Fühlt sich irgendwie nicht so gut an. Sommerloch, denkt sie und fühlt sich ein bisschen allein.

 

31. Juli 2013

Heute sollte Carmen eigentlich als Wahlbeobachterin nach Zimbabwe fliegen, wo der starrköpfige Muh Gabe (89) mit allen Mitteln versucht, an der Macht zu bleiben, weil er die üblichen Privilegien mächtiger alter Männer (ein großes Haus, einen alten Mercedes, eine kaufsüchtige Ehefrau sowie unlimitierten Zugang zu Koks und Nutten) nicht aufgeben will. Als in aller Herrgottsfrühe der Wecker klingelt, öffnet Carmen die Augen, schaltet die Nachttischlampe an und starrt an die Decke. Die Vorstellung, jetzt aufzustehen und sich auf den Weg nach Afrika zu machen, verursacht ihr einen unerträglichen Widerwillen. Sie hat heute so gar keine Lust auf Reisen und Muh Gabe ist ihr sowieso definitiv zu alt. Lust- und antriebslos dreht sie sich im Bett hin und her und starrt weiterhin die Decke an.

Erstmals in ihrem Agentenleben greift Carmen – und schon das kostet sie ungeheure Anstrengung – zu ihrem Q-Phone und meldet sich bei ihrem Auftraggeber krank. Eine kombinierte Entzündung von Pansen, Netz-, Blätter- und Labmagen mache es ihr unmöglich, einen längeren Flug anzutreten, teilt sie der Sekretärin des UN-Generalsekretärs mit. Die zeigt sich routiniert mitfühlend und wünscht gute Besserung. Carmen bedankt sich, legt auf und schaut weiterhin an die Decke. Mit einer Mischung aus Energielosigkeit und Schuldgefühlen. Doch alle Gedanken werden überlagert von dieser enormen Müdigkeit. Carmen schläft wieder ein.

Es ist bereits später Vormittag als sich Carmen endlich aufraffen kann, das Bett zu verlassen. Ziellos läuft sie in der Wohnung hin und her. Sie räumt ein wenig auf. Im Bad fällt ihr Blick in den Spiegel und bleibt an ihren Hüften hängen. Ich habe ganz schön zugenommen, denkt sie unzufrieden. Kein Wunder, so verstopft wie ich ständig bin. Weiß auch nicht, was in letzter Zeit mit meiner Verdauung los ist. Dann macht sie sich einen Kaffee und schaltet das Radio ein. Kein Ereignis scheint ihr Eingreifen zu erfordern. Carmens Gedanken kreisen. Die Stunden vergehen träge.

Um 14 Uhr klingelt das Telefon. Da sitzt sie noch immer im Nachthemd am Küchentisch und stiert vor sich hin. „¡Digame!“ meldet sich Carmen. „Hola, guapa, ¿que tal?“[1] ruft Jorge fröhlich am anderen Ende. „Geht so“, antwortet Carmen lustlos. Jorge spürt sofort, dass etwas nicht stimmt. „Was ist los?“ fragt der sensible Pontifex alarmiert. „Ach, ich weiß auch nicht. Irgendwie bin ich nur noch müde.“ – „Hm, kenne ich. Hänge auch immer so ein bisschen durch nach solchen ereignisreichen Tagen. Wo steckst du? Bist Du nicht nach Zimbabwe geflogen?“ – „Nö. Habe abgesagt. Die Wahl wird ohnehin enden wie erwartet.“ – „Ja, manchmal ist es nicht leicht zu akzeptieren, dass unser Einfluss begrenzt ist.“ – „Vielleicht ist es auch das. Kaum hat man einen Brandherd gelöscht, tun sich zehn andere auf. Es ist alles so ermüdend.“ – „Da fällt es schwer, nicht in ein Gefühl der Sinnlosigkeit zu verfallen.“ – „Hm… Tut gut, mit Dir zu sprechen“, sagt Carmen.

Jorge spürt, dass Carmen ein wenig Gesellschaft brauchen könnte und macht einen Vorschlag. „Oye, chica, was hältst Du von einem verlängerten Wochenende in Italien?“ Carmen muss gar nicht auf ihr Q-Pad schauen. Sie weiß, dass am nächsten Wochenende keine Termine anstehen. „Hört sich gut an.“ – „Ich bin in Castel Gandolfo und habe für Samstag ein paar Freunde aus der Kurie eingeladen. Wir wollen eine Weinprobe veranstalten. Der Messwein für die Weihnachtsfeiertage muss ausgewählt werden. Das wird immer lustig. Würde mich freuen, wenn Du dazu kommst. Wenn Du magst, kannst Du gern schon am Freitag anreisen. Dann gehen wir Samstagmorgen in Trastevere frühstücken und machen einen kleinen Einkaufsbummel. Die Schuhgeschäfte haben schon die Herbstkollektionen im Fenster.“ – „Weiß nicht. Mir ist irgendwie nicht nach Großstadtrummel“, antwortet Carmen, die spürt, dass sie allzu vielen Aktivitäten vielleicht nicht gewachsen sein könnte. Jorge versteht sofort. „Auch gut. War nur so ein Gedanke. Weißt Du was, wir machen uns überhaupt keinen Stress. Dann bleiben wir einfach zuhause. Können ein bisschen schwimmen oder spazieren gehen. Wir machen nur, worauf wir Lust haben. Ausschlafen, in der Sonne liegen, faulenzen.“ – „Das klingt gut.“ – „Gut, dann erwarte ich Dich Freitagnachmittag, ¿vale? Ich lasse ein Zimmer für Dich vorbereiten.“ – „Abgemacht, Jorge. Und… danke!“ – „De nada, guapa.“[2]

Carmen legt auf. Noch zwei Tage, denkt sie, das wird irgendwie gehen. Sie macht sich eine zweite Tasse Kaffee und setzt sich an den Schreibtisch, um die Belege für ihre Steuerklärung zu sortieren. Weit kommt sie nicht. Es fühlt sich alles so mühsam und sinnlos an. Dann packt sie ihre Tasche für das Wochenende. Leichte Sachen und einen Badeanzug packt sie ein. In Rom wird es sicher heiß sein.

 

01. August 2013

Testamentseröffnung auf der Villa Hügel. Carmen wurde von Berthold Beitz testamentarisch zur Alleinerbin der Krupp-Stiftung bestimmt. Ganz kurzfristig ist sie noch nach Essen geflogen und hat in der Villa Hügel erste Umbaumaßnahmen in Auftrag gegeben. Sie denkt, es könnte ihr dort gefallen. Wunderschöne Lage. Drohnenparkplatz direkt neben dem Haus. Was will Kuh mehr. Mit der Kohle überlegt sie jetzt, in großem Stil ins Drohnengeschäft einzusteigen, Pilotinnen auszubilden, ggf. das Drohnenprogramm des Bundesverteidigungsministeriums zu übernehmen und fortzuführen. Ihre Vision: Hunderte dieser kleinen Flugzeuge und alle gesteuert von einem kleinen Carmen-Klon, düsen durch die Welt und sorgen für Recht und Ordnung… Nur leider fehlt ihr gerade jegliche Energie, um diesen Plan voranzutreiben.

 

02. August 2013 Ein Wochenende in Rom

Am Mittag fährt Carmen mit ihrem Cabrio hinaus zum Flughafen und macht die Drohne klar für den Flug nach Rom. Im Luftraum über Deutschland ist der übliche Freitagnachmittagverkehr. Es dauert, bis sie einen freien Slot bekommt. Sie startet Richtung Western. Nach einer langgezogenen Linkskurve nimmt sie Kurs auf Frankfurt und dann Richtung Würzburg. Auf der A 3 unter ihr kilometerlange Staus. Ständig bekommt sie Anweisungen, die Flughöhe zu wechseln oder andere Ausweichmanöver zu fliegen, weil der Luftraum völlig überfüllt ist. Aber irgendwie ist sie auch froh für die Beschäftigung. Sie hat die Befürchtung, sonst am Steuerknüppel einzuschlafen. Als sie auf München zufliegt, tauchen am Horizont die Gipfel der Alpen auf. Carmen stellt die Musik aus dem Drohnenradio lauter, um wach zu bleiben. Die Heroes del Silencio eignen sich ganz gut dazu. Auch die Landung in Rom verzögert sich. Es ist zuviel los und Carmen muss einige Warteschleifen drehen, bis sie schließlich in Fiumicino aufsetzen kann.

Wieder kommt der große Alfa mit dem handgeschriebenen „Follo me“-Schild und den beiden Muskelviechern angerast und setzt sich vor sie. Manches ändert sich nie, denkt Carmen voller Pessimismus, während sie auf das vatikanische Terminal zurollt. Dustin-Clay winkt sie ein und schiebt die Treppe an die Drohne heran. „Hola, Frau Carmen!“ begrüßt er sie freudig. Carmen fühlt sich schon wieder schuldig, weil sie seine ehrliche Freude nur mühsam erwidern kann. „Hola Dustin-Clay, wie geht’s?“ quält sie sich ein Lächeln ab. „Alles gut. Der Sommer in Rom hat seine Reize“, grinst der Techniker verschwörerisch. Carmen kann sich vorstellen, was er meint. Pasolini lässt grüßen. „Kommen Sie, unsere Leute kümmern sich um die Drohne. Ich fahre Sie nach Castel Gandolfo. Der Heilige Vater erwartet sie schon.“ – „Es tut gut, wieder hier zu sein“, sagt Carmen nachdenklich und es ist keine Floskel. Dustin-Clay schaut sie forschend von der Seite an. „Alles in Ordnung bei Ihnen?“ fragt er verunsichert. „Ja, alles gut, ich bin nur ein wenig müde.“ – „Hm, zuviel gefeiert?“ lacht der junge Mann. „Das wird es wohl sein“, seufzt Carmen und spürt, wie einsam man sich auch in Gesellschaft fühlen kann.

Ob es wohl eine gute Idee war, in diesem Zustand nach Rom zu fliegen? Auf einmal fragt sie sich, ob sie nicht zur Zumutung für die fröhliche vatikanische Gesellschaft werden könnte. Dustin-Clay nimmt ihr Gepäck aus dem Frachtraum und bringt es zum Auto. Dann fahren sie los, verlassen das Flughafengelände und noch bevor sie auf der Autostrada Richtung Castel Gandolfo angekommen sind, stehen sie schon im Stau. Carmen fragt sich, ob sich heute alle gegen sie verschworen haben. Die Fahrt zieht sich in die Länge. Am anstrengendsten dabei ist der aufgedrehte und ohne Punkt und Komma plappernde Dustin-Clay. Carmen spürt schon, dass sie heute keine gute Unterhalterin ist. Endlich kommen sie vor den Toren Roms in der Sommerresidenz des Heiligen Vaters an. Der hat sie offenbar erwartet und springt auf den Wagen zu.

Als Carmen aussteigt, schließt er sie spontan in die Arme und drückt sie kräftig. „Komm erst mal rein. Du wirst müde sein“, sagt er und Carmen ist ihm dankbar, dass er sie erst einmal von einer Hausangestellten auf ihr Zimmer bringen lässt, wo sie sofort im Bad verschwindet. Dort lässt sie sich aufs Klo fallen und schlägt ein paar Liter Kuhpisse ab. Sie hatte nicht mit dem Stau gerechnet und unterwegs hatte ihre Blase bereits heftig gedrückt. Danach wäscht sie sich das Gesicht mit warmem Wasser, weil sie Kälte gerade schwer ertragen kann. Beim Blick in den Spiegel denkt sie wieder, dass sie in letzter Zeit doch deutlich zugenommen hat. Sie fühlt sich einfach nicht wohl in ihrem Fell. Carmen löst sich bedrückt von ihrem Spiegelbild und schaut aus dem Fenster. Sie winkt dem Pontifex, der gemütlich am Pool sitzt. „Komm runter, wenn Du magst. Zeit für den aperitivo!“ ruft er ihr munter zu. Munter, warum sind nur alle so munter, fragt sich unsere erschöpfte Heldin.

Carmen holt ihre Flip Flops aus der Reisetasche und schlurft die Treppe hinab zum Pool. „Komm, setz Dich zu mir. Was magst Du trinken?“ fragt Jorge und fügt scherzhaft hinzu: „Du musst ja heute nicht mehr fliegen.“ Carmen entscheidet sich für einen Aperol Spritz. Wie wohltuend, denkt sie, wie wohltuend, sich um nichts kümmern zu müssen. Versorgt zu werden. Sich ein wenig fallen lassen zu dürfen. Nach dem Aperol schläft sie im Sessel ein.

 

03. August 2013

Den gestrigen Abend hat Carmen nur noch schemenhaft in Erinnerung. Nach dem Abendessen, bei dem sie ihrem Gastgeber deutlich seine Sorge um ihren Zustand anmerken konnte, hatte sie sich früh zu Bett begeben und die ganze Nacht tief geschlafen. Als sie am Morgen aufwacht, steht die Sonne bereits hoch am Himmel. Carmen schaut auf ihre Omega Seamaster. Es ist bereits halb elf. Unsere müde Doppelagentin schlüpft in ihre Flip Flops, wirft sich ein Sweatshirt über und geht hinunter. Jorge sitzt auf der Terrasse beim Frühstück. „Guten Morgen, meine Liebe, Du verzeihst mir, dass ich schon mal angefangen habe? Komm, setz Dich. Hast Du gut geschlafen?“ – „Tief und fest.“ – „Das ist gut. Ja, man schläft gut in Castel Gandolfo. Es ist soviel ruhiger hier als in Rom.“

Der Tag beginnt mit einem wunderbaren Frühstück. Carmen hat sogar ein wenig Appetit, obwohl ihr der Gedanke an ihre Gewichtszunahme ein schlechtes Gewissen bereitet. Sie kann sich das gar nicht erklären. Schließlich hatte sie in letzter Zeit nicht mehr gegessen und nicht weniger Sport getrieben als sonst. Nur schwerer gefallen war ihr die Bewegung. Wurde sie alt?

Während des Frühstücks kommt sie mit Jorge in ein sehr tiefgründiges Gespräch. Er hatte ihre Veränderung bemerkt und spricht sie nun direkt darauf an. Carmen ist dankbar, einen lebenserfahrenen und verständigen Gesprächspartner zu haben. Sie erörtern mögliche Gründe und natürlich wird die Unterhaltung philosophisch. Letztlich geht es um die Sinnfrage, um Fragen der richtigen Lebensführung. Um chronische Überlastung. Jorge kann ein Lied davon singen: „Mein Vorgänger ist wegen Burnout in Frührente gegangen. Das ist mir ein warnendes Beispiel.“ Nun, denkt Carmen, ohne das laut zu sagen, hätte er sich nicht so sehr an Nebenschauplätzen aufgerieben und weniger Energie in die Bekämpfung der lebendigen Sexualität seiner Schäfchen gesteckt, hätte er den Job vielleicht länger machen können. Dennoch gibt sie dem Heiligen Vater Recht. Man musste schon ganz schön aufpassen, um sich nicht zu verheizen. Das Wort von der Müdigkeitsgesellschaft fällt ihr ein. In dem Zusammenhang spricht der Pontifex ein heikles Thema an. „Dabei muss man aber immer wieder genau hinsehen, ob es wirklich nur die äußeren Zwänge sind. Ich weiß ja nicht, guapa, vielleicht hast Du doch noch ein paar ganz eigene Motive, Dir soviel zuzumuten?“ Carmen schaut auf den Boden. Ok, denkt sie, er ist der Heilige Vater. Er darf mir so etwas sagen. Vielleicht stimmt es ja. Vielleicht lief sie ja in ihrer ganzen Geschäftigkeit vor etwas weg? Doch wovor? Carmen hatte eine diffuse Ahnung.

Das Gespräch mündet in die Entscheidung, einen Fachmann für solche Dinge aufzusuchen. Wieder einmal erweisen sich zwei Dinge als hilfreich: Erstens ist Carmen nach wie vor privat versichert. Zweitens kennt Jorge richtigen Mann. Es handelt sich um einen weltberühmten Psychoanalytiker, der gerade zu einem Kongress in Rom weilt. Jorge hilft Carmen bei der Vereinbarung eines Termins. Die Konsultation soll am morgigen Sonntagnachmittag in einem Raum des Hotel de Russie stattfinden. Dustin-Clay wird sie hinfahren.

 

04. August 2013

Pünktlich klopft Carmen an der Tür des Raums im Hotel de la Russie, den man ihr aufgeschrieben hatte. Dass Psychoanalytiker extrem viel Wert auf Pünktlichkeit legen, hatte sie schon gehört. Sie will nicht gleich durch einen Formfehler den Erfolg der Konsultation gefährden. Schon gar nicht angesichts der immensen Kosten, die damit verbunden sind.

Die Tür wird von innen geöffnet. Carmen schaut nach unten. Vor ihr stehen zwei Glasbausteine mit Ohren. Ob er vor lauter Introspektion nach außen hin so kurzsichtig geworden ist, fragt sich unsere Geheimagentin. Der berühmte Mann bittet sie hinein und weist ihr einen Platz auf einem Sofa an. Er versinkt in zwei Metern Entfernung in einem Sessel, schlägt die Beine übereinander und richtet die Glasbausteine auf Carmen. Schweigen. „Soll ich, äh…, einfach mal… anfangen?“ fragt sie nach einer halben Minute Stille.

„Bitte“, kommt als Antwort. Er greift sich ein Klemmbrett und einen Stift. Carmen fängt an zu erzählen. Zunächst stockend, dann immer flüssiger. Sie erzählt von ihrer Müdigkeit, von der Energie- und Kraftlosigkeit und in dem Zusammenhang von ihrer Arbeit. „Ich kann ja davon ausgehen, dass alles, was ich sage, unter uns bleibt?“ fragt Carmen und ärgert sich, dass sie nicht daran gedacht hatte, den Raum vorher auf Wanzen zu untersuchen. „Nichts von dem, was hier gesprochen wird, verlässt diesen Raum“, antwortet der berühmte Mann und denkt an sein aktuelles Buchprojekt. „Depressives Syndrom, ausgeprägtes Misstrauen, paranoides Denken“ notiert er auf seinem Klemmbrett. „Erscheinung aufreizend, Kleid zu kurz, zuviel Lippenstift, hypersexuelles Agieren.“

Carmen berichtet derweil vom Weltjugendtag, von der Freundschaft zu Jorge, von ihrer Gewichtszunahme und vom deutlichen Nachlassen ihrer sonst doch sehr ausgeprägten Libido. In dem Zusammenhang erzählt sie von ihrer Ausbilderin beim Q-Sad, von den diversen lateinamerikanischen und andalusischen Bullen ebenso wie von den Ostgoten in Heiligendamm und von ihrer Freundin Dilma. Der berühmte Mann hört schweigend und aufmerksam zu. Allmählich fühlt sich Carmen etwas sicherer in der Situation. Sie schlägt die Beine übereinander. Als die Glasbausteine sich in diesem Moment kurz zwischen ihre Schenkel richten, fällt ihr siedend heiß ein, dass sie am Morgen wohl vergessen hatte, einen Schlüpfer anzuziehen. Sie bemüht sich, ihre Beine eng verschlungen zu halten und zieht ihr kurzes Flamencokleid so weit es geht über die Oberschenkel. Weit geht es aber nicht. Die Glasbausteine richten sich wieder auf das Klemmbrett. „Hypersexualität, sexuelle Identitätsdiffusion, Hysterie vom Rachetypus auf Borderline-Niveau“ notiert der Analytiker.

Als Carmen alles erzählt hat, was ihr wichtig schien, schweigt sie zunächst. Nach einer halben Minute, die Carmen wie eine Ewigkeit vorkommt, bittet er sie, ein paar Worte über ihre Lebensgeschichte zu sagen. Carmen schluckt. Ob das sein musste? Nun gut, was hatte sie zu verlieren. Sie erzählt von Papá, von den Brüdern, von ihrer Leidenschaft für Tanz und Gesang, von Papás Geburtstag, von der Flucht nach Paris. Von der Ausbildung beim Q-Sad. Vom Erwerb der Drohne. Dann schaut sie auf die Uhr. Es bleiben noch zehn Minuten. Nun sollte aber auch er endlich etwas sagen. Schließlich hatte sie ihm nun genügend Material geliefert, um sich ein Bild zu machen.

Als könne er Gedanken lesen, legt er sein Klemmbrett zur Seite, lehnt sich zurück und richtet die Glasbausteine wieder auf unsere kleine Heldin in Not. Nach einer erneuten kurzen Pause fasst er Carmens Monolog zusammen. Soweit scheint er alles richtig verstanden zu haben. Kein Wunder, denkt Carmen, die Ohren sind ja auch groß genug. Dann hebt er zu seiner Interpretation an.

„Ich danke Ihnen sehr, dass Sie mir erlaubt haben, so tief auf den Grund Ihrer Seele zu schauen“, sagt er mit einem erneuten kurzen Blick auf Carmens kurzen Rock. Dann fährt er fort. „Ihre Kindheit war geprägt von ständiger Zurückweisung und Zurücksetzung durch den Vater und dem tiefen Neid auf Ihre Brüder. Sie tragen seitdem einen großen Hass auf Männer mit sich herum. Daher haben Sie Ihr Leben der Rache an den Männern gewidmet. Sie üben Macht über sie aus und rächen sich an ihnen, indem sie Vaterfiguren verführen und Bruderfiguren abschlachten. Sie laufen vor der Trauer über die Entbehrungen ihrer Kindheit davon und versuchen, durch Hyperaktivität, durch flüchtige sexuelle und sonstige Abenteuer vor der tiefen Depression davonzulaufen, die sie erfassen könnte, wenn sie einen Moment innehalten würden. Sie scheinen jedoch auch allmählich zu begreifen, dass dieses Leben, das sie führen, Ihnen keine Erfüllung bietet, denn in Wahrheit sehnen sie sich nach Liebe und Anerkennung und nach dem erfüllten Leben, das Ihnen nur eine liebevolle Beziehung und ein generatives Dasein als Ehefrau und Mutter gewähren könnte. Doch gleichzeitig laufen sie immer weiter davor davon. Und nun sind sie durch diese aufwendige Strategie der Depressionsabwehr müde geworden. Sehr müde.“

Carmen schweigt und ihre Augen werden immer größer. Sie spürt einen Kloß im Hals. Die Glasbausteine richten sich ein wenig im Sessel auf und heben zum Schlussakkord an:

„Ich rate Ihnen dringend zu einer längeren psychoanalytischen Behandlung. Die wird aufwendig werden. Aber sie könnte sich lohnen, wenn Sie sich wirklich aus Ihrem seelischen Gefängnis befreien wollen. Ich gebe Ihnen meine Karte. Morgen fliege ich zurück nach New York. Rufen Sie mich an, wenn Sie bereit sind.“

Die Glasbausteine erheben sich aus dem Sessel. Das Gespräch ist beendet. Carmen steht vorsichtig auf und achtet darauf, dass ihr Kleid nicht wieder hochrutscht. Der berühmte Mann begleitet sie noch zur Tür und verabschiedet sich.

Vor dem Hotel wartet Dustin-Clay. Er öffnet Carmen den Wagenschlag. Sie setzt sich ins Auto und sagt auf der ganzen Rückfahrt kein einziges Wort.

 

05. August 2013

Am Morgen verabschiedet sich Carmen von Jorge und bedankt sich bei ihm für seine Gastfreundschaft und Hilfe. Er hatte gespürt, wie aufgewühlt sie nach dem Gespräch im Hotel de la Russie war und hatte es vermieden, weiter in sie zu dringen. Zum Abschied versichert er ihr, stets für sie da zu sein, wenn sie seine Hilfe bräuchte. Carmen nimmt ihn in den Arm und lässt sich von Dustin-Clay zum Flughafen fahren. Der Rückflug verläuft störungsfrei.

 

06. August 2013

Carmen gedenkt heute des Atombombenabwurfs auf Hiroshima. Sie versteckt die Nuklearsprengköpfe ihrer Drohne tief in der hintersten Ecke des Hangars. Auf dem Rückweg in ihre Wohnung wirft sie die Schlüssel dazu von der Severinsbrücke in hohem Bogen aus dem Cabrio in den Rhein.

Zuhause angekommen fühlt sie sich schrecklich. Tausend Gedanken gehen ihr durch den Kopf. Sie erinnert sich an die schlimmsten heimtückischen Erkrankungen, die sie während ihres Medizinstudiums in Tel Aviv kennengelernt hatte. Der berühmte Analytiker hatte ihr eine gewisse Bösartigkeit attestiert. Was, wenn sie tatsächlich etwas Bösartiges in sich trug? Kurz entschlossen ruft sie ihren Hausarzt an und vereinbart einen Termin zum Checkup. Sie wird für den übernächsten Tag nüchtern einbestellt.

 

08. August 2013

Morgens um 08:00 Uhr sitzt Carmen in der Praxis ihres Hausarztes und lässt sich Blut abnehmen. Es folgen diverse Ultraschalluntersuchungen, ein Lungenfunktionstest und ein EKG. Der Termin zur Besprechung der Ergebnisse wird für den folgenden Montag vereinbart. Carmen verbringt endlos lange Tage in ihrer Wohnung. Sie gibt sich ihrer Müdigkeit hin und schläft viel. Immer wieder nimmt sie die Karte des berühmten Analytikers zur Hand. Doch kann sie sich nicht durchringen, in New York anzurufen. Ist das wirklich ein Burnout? Ist dies das vorläufige Ende einer schweren neurotischen Entwicklung? Sollte sie nun wirklich für die nächsten Jahre viermal pro Woche auf die Couch? Die Gedanken kreisen und kommen zu keinem Ergebnis. Carmen spürt nur, dass es so nicht weitergehen kann. Sie beschließt, die Entscheidung aufzuschieben. Erst will sie wissen, ob sie körperlich gesund ist. Ob sich der ganze Aufwand überhaupt noch lohnen würde. Vielleicht hat sie gar nicht mehr lang zu leben.

So düster sind die Gedanken unserer kleinen Heldin in diesen Tagen.

 

12. August 2013

Heute hat Carmen den Termin zur Besprechung der Untersuchungsergebnisse bei ihrem Hausarzt. Der bittet sie, an seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. „Nun, Frau Carmen“, beginnt er ernst. „Wir wollten heute die Untersuchungsergebnisse besprechen.“ Carmen spürt eine Angst aufsteigen. Hatte er schlechte Nachrichten? Ging es mit ihr zu Ende?

„Also: Ultraschall, EKG, Lungenfunktion, der größte Teil des Labors, soweit alles in Ordnung. Aber hatten Sie nicht gesagt, sie fühlten sich in letzter Zeit so müde und energielos, irgendwie depressiv, hätten Verdauungsprobleme und deutlich an Gewicht zugenommen?“ Carmen bejaht und erwartet, dass ihr Richter nun das Todesurteil ausspricht. „Tja, also, das wundert mich nicht.“ Nun sag es schon, denkt Carmen.

„Ja, Frau Carmen, also, sie haben eine gravierende Schilddrüsenunterfunktion. Offensichtlich auf Basis einer Hashimoto-Thyreoiditis. Jedenfalls konnte das Labor entsprechende Antikörper in Ihrem Blut feststellen. Ich muss Ihnen das ja nicht erklären. Haben ganz viele Frauen in Ihrem Alter. Das erklärt auch völlig zwanglos all Ihre Symptome. Eigentlich eine harmlose Sache. Sie werden aber nicht drumherumkommen, ab sofort regelmäßig Schilddrüsenhormon in Tablettenform einzunehmen. Am besten fangen wir gleich damit an. Ich schreibe Ihnen die Tabletten auf. Fangen Sie mit einer niedrigen Dosis an, sagen wir 25 Mikrogramm jeden Morgen nüchtern eine halbe Stunde vor dem Frühstück. In einem Monat machen wir eine Kontrolle und sehen, wie Sie sich fühlen und was die Laborwerte sagen. Sicher werden Sie ein wenig Geduld brauchen. Aber ich bin sicher, es wird Ihnen bald besser gehen. Einverstanden?“

Carmen schaut ihren Internisten an und spürt in diesem Moment den dringenden Wunsch, ihn zu umarmen. Auf dem Heimweg besorgt sie sich die Tabletten und kann kaum den nächsten Morgen erwarten.

Daheim nimmt sie die Karte des berühmten Analytikers und zerreißt sie in ganz kleine Fetzen.

 

13. August 2013

Geduld ist nicht die stärkste Seite unserer kleinen Heldin. Am Morgen wacht sie bereits eine Stunde vor dem Weckerklingeln auf. Als Erstes nimmt sie die Tablettendose und die Wasserflasche vom Nachttisch. Beides hatte sie sich schon am Vorabend bereitgestellt. Sie setzt sich im Bett auf, nimmt eine Tablette à 25 Mikrogramm in den Mund, spült sie mit ein paar großen Schlucken Wasser herunter und wartet, was passiert.

Nichts passiert. Carmen schläft wieder ein. Zwei Stunden später wird sie wach und fühlt sich so antriebslos wie zuvor. Mühsam klettert sie aus dem Bett.

Rituale helfen: Kaffeemaschine an. Radio an. Ein bisschen frisches Heu aus dem Kühlschrank in eine kleine Schüssel.

Im Radio hört Carmen einen Bericht über Gustl Mollath. Gegen seinen Willen über sieben Jahre in der Forensischen Psychiatrie untergebracht. Angeblich wegen Wahnvorstellungen und Gemeingefährlichkeit. Merkwürdige Geschichte, denkt Carmen. Doch fällt es ihr schwer, sich auf den Bericht zu konzentrieren. Fällt ja auch nicht in ihr Ressort, denkt sie. Ansonsten scheint wenig los zu sein auf der Welt. Carmen ruft ihre Mails auf dem Q-Pad ab. Keine Aufträge. Auch nichts auf dem Anrufbeantworter. Einerseits ist sie froh, ihre Ruhe zu haben. Andererseits macht sie sich Sorgen finanzieller Art.

Sie nimmt einen Notizblock und notiert ihre laufenden Kosten: Zuerst die größten Posten: die Miete ihrer Wohnung, die Raten für den Kredit, mit dem sie die Drohne bezahlt hat, die Leasingzahlungen für das Cabrio, die Pacht für den Hangar in Köln-Wahn. Da kommt bald eine erhebliche Summe regelmäßiger monatlicher Verpflichtungen zusammen. Kein Problem, solange das Geschäft läuft, wie im Juni und Juli. Aber diesen Monat sieht es bisher wirklich nicht gut aus. Carmen rechnet hin und her, wie lange sie sich die Auftragsflaute und ihre Arbeitsunfähigkeit leisten kann. Hätte sie doch in letzter Zeit nicht soviel Geld unnötig auf den Kopf gehauen! Gerade war die Kreditkartenabrechnung für Heiligendamm von ihrem Konto abgebucht worden und hatte ein ganz erhebliches Loch in ihre Kasse gerissen. Hätte sie doch mit Beginn ihrer Selbständigkeit eine Tagegeldversicherung abgeschlossen! Das fand sie damals zu teuer und außerdem hatte sie etwas gegen diesen schwatzhaften Versicherungsmakler. Ob es jetzt zu spät war, diese Versicherung noch abzuschließen? Und noch einige weitere… Berufsunfähigkeit? Unfall? Tränengas? Radioaktive Verstrahlung? Ungewollte Schwangerschaft? Stopp, dachte Carmen, zumindest das geht wohl nicht. Zumindest hatte sie nie davon gehört. Obwohl, der Makler hatte ihr mal so eine Versicherung gegen seltene Krankheiten aufschwatzen wollen. Aber bestimmt gab es da mit Schwangerschaften eine Ausschlussklausel. Von wegen grob fahrlässig oder so. Es gab ja bei solchen dämlichen Policen immer eine Ausschlussklausel. Und überhaupt: konnte sie mit Schilddrüsenunterfunktion überhaupt schwanger werden? Carmen erinnerte sich an ihr Medizinstudium in Tel Aviv. Stimmt, da war doch so etwas. Entweder es wurde nix oder die Babys sahen zum Fürchten aus. Wie war sie überhaupt auf diese Frage gekommen? Ach ja, ihre Schilddrüse ist dabei, sich zu verabschieden. Und die Tablette wirkt auch vier Stunden nach der Einnahme noch nicht.

Solcherart kreisen die bangen Gedanken der Carmencita um alle möglichen Sorgen. Um die Gesundheit. Um die mögliche Verarmung. Immerhin gelingt es ihr, einen Blick aus dem Fenster zu werfen. Die Sonne scheint. Es ist ein schöner Sommertag und nicht zu heiß. Carmen gibt sich einen Ruck. Sie geht ins Bad, striegelt ihre Kuhhaut, zieht ihr Flamencokleid über und geht hinaus. Sie packt ihr Q-Pad ein, schließt die neuen überdimensionalen Kopfhörer an und setzt sie auf. Sie drückt auf „Zufällige Titel“ und lässt sich überraschen. Da ertönt eine vertraute Melodie: Petula Clark mit „Downtown“. Das ist doch vielleicht eine gute Idee, denkt die Carmencita: ein kleiner Stadtbummel. Ein paar Leute sehen. Menschen, Hunde, Kühe. Vielleicht tut ihr das gut.

Carmen verlässt das Haus und beschließt, zu Fuß in die Innenstadt zu gehen. Ein wenig Bewegung sollte sich günstig auf ihr Gewichtsproblem auswirken und vielleicht auch die Stimmung aufhellen. Etwa eine Viertelstunde benötigt sie, um am Rudolfplatz anzukommen. Hier beginnt die Innenstadt. Hier befinden sich erste Geschäfte. Carmen geht zunächst zur Bank und hebt mit ihrer American Express Centurion Card am Geldautomaten 50 Euro ab. Lieber nicht zuviel, denkt sie. Das verführt nur zu leichtsinnigen Ausgaben. Sie steckt die Geldscheine ein, verlässt die Bankfiliale und geht hinüber zum Drogeriemarkt. Ihr Haarspray ist leer. Sie braucht Nachschub. Eigentlich müsste sie dringend auch mal wieder zum Friseur.

Im Drogeriemarkt steht unsere Geheimagentin vor einem endlosen Regal mit Haarpflegeprodukten. In ihrer depressiven Entscheidungsschwäche möchte sie am liebsten unverrichteter Dinge wieder gehen. Doch dann fasst sie sich ein Herz und spricht eine Verkäuferin an, die gerade das Regal gegenüber befüllt. „Entschuldigen Sie… Können Sie mir helfen?“ – „Ja, was suchen Sie denn?“ – „Ich benötige ein Haarspray…“ Die Verkäuferin blickt unsere kleine Heldin mit einem entgeisterten Blick auf ihren Kopf an. Carmen fühlt sich, als hätte sie gerade eine Chemotherapie hinter sich und beeilt sich, rechtfertigend hinzuzufügen: „Also, weniger für den Halt, mehr für Pflege, Glanz und Duft…“ Die Verkäuferin zeigt auf ein paar Flaschen und sagt: „Die riechen ganz gut.“

Mit einer Mischung aus Scham und Hilflosigkeit nimmt Carmen eine der Flaschen zur Hand und liest die Produktbeschreibung. Dann stellt sie sie wieder ins Regal, bedankt sich bei der Verkäuferin, nimmt eine Packung Salbeibonbons gegen ihre kratzige Stimme aus einem anderen Regal und geht zur Kasse. Da stehen schon einige junge Frauen zum Bezahlen ihrer Haarpflegeprodukte an. „Hallo“, sagt die Kassiererin bei jeder neuen Kundin, führt den Einkauf über den Scanner und fragt: „Hamsne Paybackkarte?“ Ja, Paybackkarten haben sie alle, die jungen Frauen. Sie bezahlen ihre Einkäufe im Wert von neunundneunzig Cent bis zwei Euro neunundneunzig ausnahmslos mit EC-Karte. „Karte… jetzt die Geheimzahl eingeben… Sie können Ihre Karte wieder herausnehmen… Schöntachnoch.“ Carmen fragt sich, wozu sie überhaupt zum Geldautomaten gegangen ist. Ach ja, weil die im Drogeriemarkt keine American-Express-Karten akzeptieren. Nun ist sie an der Reihe.

„Hallo.“ – „Hallo.“ – „Einsneunundsechzig. Hamsne Paybackkarte?“ – „Nein.“ Carmen reicht der Verkäuferin einen Zehn-Euro-Schein. Die tippt „10,00“ in die Kasse ein. „Und acht Euro einunddreißig zurück. Brauchensenbon?“ – „Nein, vielen Dank.“ – „Schöntachnoch…. Hallo…“, ist die nächste Kundin an der Reihe.

Drei Tage in diesem Job und Carmen würde mit bloßen Hufen töten, denkt sie und spürt ein wenig Dankbarkeit. Im nächsten Moment aber fühlt sie sich umso bedrückter: ob sie eines Tages auch im Drogeriemarkt an der Kasse… Sie durfte gar nicht daran denken. Carmen nimmt ein Bonbon aus der Packung und steckt es in den Mund. Nun hat sie also noch achtundvierzig Euro und einunddreißig Cent übrig. Dabei muss sie doch noch im Supermarkt Lebensmittel einkaufen, will später noch mit dem Cabrio zur Autowaschanlage fahren. Und alles darf sie ja auch nicht gleich am selben Tag auf den Kopf hauen. Vielleicht muss sie nach ihrem Stadtbummel auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück, wenn sie unterwegs die Kraft verlassen sollte. Herrje, denkt Carmen beim Blick in die Schaufenster. Teuer, es ist alles so entsetzlich teuer. Und noch immer kein neuer Auftrag in Sicht. Und noch immer nicht das Gefühl, als ob die Tablette wirken würde.

Carmen schlendert weiter durch die Fußgängerzone, als ihr Blick auf ein Wahlplakat der Linken fällt: „Statt Flaschensammeln: 1050 Euro Mindestrente.“ Wie vom Donner gerührt bleibt Carmen stehen. Das war es überhaupt!

Unauffällig nähert sie sich dem nächsten Abfalleimer und wirft einen Blick hinein. Obwohl die Sonne scheint, ist es ziemlich dunkel darin. Carmen braucht einen Moment, bis sich ihre Augen an den Helligkeitsunterschied gewöhnt haben. Wer sagt es denn, denkt unsere Heldin und spürt seit längerer Zeit mal wieder so etwas wie eine leise Befriedigung: eine Plastikflasche mit unversehrtem Pfandlogo. Das macht 25 Cent. Carmen holt mit einer schnellen Bewegung die Flasche aus dem Müll. Verflixt. Keine Einkaufstüte. Im Mülleimer findet sie auch eine zerknüllte Plastiktüte. Sie steckt die Flasche hinein. Dann schaut sie sich um, ob sie beobachtet worden ist. Doch niemand scheint von ihr Notiz genommen zu haben. Die Menschen in der Innenstadt sind an den Anblick von Flaschensammlern gewöhnt.

Während Carmen – in Flamencokleid und Prada-Schuhen ebenso wie mit einem teuren und auffälligen Kopfhörer auf den Ohren und einem Q-Pad in der Hand – zielsicher den nächsten Abfalleimer ansteuert, rechnet sie kurz, wie viele Plastikflaschen sie sammeln muss, um auf die 1050 Euro Mindestrente zu kommen. Das schafft sie sogar im Kopf: Es sind 4200 Flaschen à 25 Cent. Macht bei 30 Tagen pro Monat 140 Flaschen pro Tag und bei einem achtstündigen Arbeitstag 17,5 Flaschen pro Stunde. In Gedanken schreibt Carmen schon an ihrem neuen Business-Plan und stellt sich das Gespräch mit dem Sachbearbeiter bei der Bank vor. Vielleicht könnte sie ihn überzeugen, man würde ihr entgegen kommen und bald könnte sie sich einen eigenen Einkaufswagen leisten. Das würde den Transport der Flaschen natürlich sehr erleichtern und den Radius erweitern.

Solcherart in Gedanken versunken beugt sich Carmen über den nächsten Mülleimer und greift prüfend hinein.

„Hallo Frau Carmen. Wie geht’s? Haben Sie etwas verloren?“ ruft eine fröhliche Stimme hinter ihr. Oh, mein Gott, denkt Carmen. Es gibt Momente, in denen wünscht sich selbst eine nur mäßig religiöse Kuh wie Carmen, dass sich die Erde auftun und sie sogleich verschlucken möge. Eine erfolgreiche Doppelagentin mit eigener Drohne, Cabrio und einem geschätzten Jahreseinkommen im hohen sechsstelligen Bereich wird von ihrem Vermieter in der Innenstadt beim Durchsuchen von Mülleimern nach Leergut ertappt. Scham ist gar kein Ausdruck für die Empfindungen der Carmencita. Es ist fast so schlimm wie damals, als sie bei Papás Geburtstag… oder bei der Uraufführung in Paris… Carmens sonst so rosige Schnauze wird blass unter dem Lippenstift. Sie spürt ein Schwindelgefühl. Stammelt nur ein paar zusammenhanglose Worte. Der Vermieter schaut sie prüfend an: „Geht es Ihnen nicht gut?“ – „Dochdoch, es ist nur… äh…“ Carmen versucht, die Plastiktüte mit dem Leergut unauffällig verschwinden zu lassen. Doch dann kehrt ihre Professionalität zurück. „Herr Abzwacker, das ist ja eine Ãœberraschung!“ begrüßt sie betont jovial ihren Vermieter. „Kommen Sie bitte“, sagt sie, fasst ihn verschwörerisch am Ärmel und zieht ihn von Mülleimer weg.

„Ich darf eigentlich nicht darüber reden, aber… hören Sie, Herr Abzwacker, der Bundesnachrichtendienst hat Informationen erhalten, wonach möglicherweise ein Bombenanschlag in der Innenstadt geplant sein könnte. Jetzt durchsuchen wir gerade die wahrscheinlichsten Verstecke.“ – „Du liebe Güte, das, also, das ist ja schrecklich. Ist das sicher?“ – „Keineswegs, es ist eher unwahrscheinlich. Sonst hätten wir die Innenstadt längst evakuiert. Die Durchsuchung ist einfach eine Vorsichtmaßnahme. Bisher wurde auch noch nichts gefunden.“ – „Bis auf Leergut?“ – „Bis auf Leergut. Das müssen wir natürlich auch überprüfen, Sie verstehen.“ – „Ich verstehe… Ja, Frau Carmen, Sie haben wirklich einen aufregenden Beruf und wir können froh sein, von Ihnen beschützt zu werden.“ – „Ich tue nur meine Pflicht“, sagt unsere durchtriebene Schilddrüsenpatientin mit einem Blick auf den Boden, der bescheiden wirken soll. „Ja, dann werde ich aber trotzdem mal lieber wieder den Heimweg antreten. Ich will Sie ja auch nicht bei Ihrer Arbeit stören! Lassen Sie uns bei Gelegenheit mal wieder ein Kölsch zusammen trinken, dann können Sie mir mehr von Ihrer Arbeit erzählen!“ beendet Herr Abzwacker mit der rituellen rhetorischen Figur des Kölners das Gespräch und geht von dannen. Carmen lebt lange genug im Rheinland um zu wissen, dass dieser scheinbare Vorschlag ungefähr so persönlich gemeint ist wie das „Schöntachnoch“ der Kassiererin im Drogeriemarkt.

Als Abzwacker außer Sichtweite ist, setzt sich die Carmencita ganz gegen ihren Plan erst einmal in ein Straßencafé und atmet durch. Der Cappuccino kostet inklusive bescheidenem Trinkgeld vier Euro. Das wären eigentlich sechzehn Plastikpfandflaschen, denkt unsere Geschäftsfrau. Carmen seufzt. Dieses Geschäftsmodell scheint ihr zumindest störanfällig.

 

14. August 2013

Carmen wacht wieder vor dem Wecker auf. Sie fühlt sich noch immer nicht besser. Ihr Blick fällt auf die Tablettendose. Das geht so nicht weiter, denkt unsere ungeduldige Geheimagentin und studiert den Beipackzettel. Darin wird vor eigenmächtigen Änderungen der Dosierung gewarnt. Doch nun spürt Carmen an sich den Impuls zu dem, was sie während ihres Medizinstudiums in Tel Aviv als „Non-Compliance“ kennengelernt hat. Sie öffnet die Dose und entnimmt vier Tabletten, die sie mit einigen Schlucken Wasser herunterspült. Einhundert Mikrogramm.

Am Nachmittag erlebt Carmen eine leise Veränderung ihres seelischen Befindens und sachtes Herzrasen. Insgesamt fühlt sie sich nicht mehr so müde. Angenehm ist das auch nicht, aber zumindest bewegt sich etwas, denkt Carmen. Sie scheint wohl auf dem richtigen Weg zu sein. Sie fährt hinaus zum Flughafen und nimmt einige Routine-Checks an der Drohne vor. Auf dem Rückweg fährt sie mit dem Cabrio durch die Autowaschanlage. Sie wählt das günstigste Programm ohne Hochdruck und Heißwachs. Beides ist nicht gut für das Stoffdach. Außerdem ist es billiger. Abends kommt sie schwer in den Schlaf und schaut deswegen noch lang eine DVD mit ihrem liebsten James-Bond-Film – „Goldfinger“. Vor allem liebt sie das Fluggeschwader von Pussy Galore, dieser ersten weiblichen Doppelagentin der Filmgeschichte. Schließlich schläft Carmen doch ein. Sie träumt davon, über ein Drohnengeschwader zu befehlen, das von lauter kleinen andalusischen Kühen in Flamencokleidern gesteuert wird.

 

15. August 2013

Same procedure as every day, denkt Carmen, als sie mit leichtem Herzrasen und einem Hitzegefühl erwacht. Ihr Blick fällt auf die Tablettendose. Same procedure? Offenbar war die gestrige Dosiserhöhung der richtige Weg denkt sie. Aber da geht doch noch etwas! So nimmt Carmen heute sechs Tabletten à 25 Mikrogramm ein. Macht 150. Mit einem kleinen Satz springt sie aus dem Bett. Beim Blick in den Spiegel fällt ihr auf, dass ihr Gesicht ein wenig erhitzt wirkt. Ihre Schnauze ist stark durchblutet. Ihr Fell fühlt sich heute wärmer an als in der letzten Zeit. Unter der Dusche fällt es ihr ein schwer, stillzustehen.

Carmen holt einige Telefongespräche nach, die sie in letzter Zeit aufgeschoben hatte und kümmert sich endlich um ihre Steuererklärung. Schließlich hat sie aufgrund des Drohnenkaufs eine nennenswerte Rückzahlung zu erwarten. Die Aussicht darauf lindert ihre Verarmungsängste.

 

16. August 2013

Obwohl sie in der vergangenen Nacht wieder etwas unruhig geschlafen und wild geträumt hatte, nimmt Carmen heute früh erneut sechs Tabletten. Nach kurzem Zögern wirft sie noch zwei hinterher.

Die Depression ist weg. Carmen ist wieder die alte. Mehr als das. Sie fühlt sich so dynamisch wie schon lange nicht mehr. Gut, da sind so ein paar unangenehme Begleiterscheinungen wie dieses Hitzegefühl, der Durchfall, das Herzrasen und manchmal auch so ein Herzstolpern, das sie sonst nicht kennt. Carmen hat ihren Blutdruck und Puls gemessen. Beides eher ungewohnt hoch. Dennoch, alles besser als diese Lethargie der letzten Wochen. Die warnenden Worte des Hausarztes gehen ihr durch den Kopf. Ach ja, sicher ein lieber und gewissenhafter Kerl. Aber was weiß der schon über den wirtschaftlichen Druck, unter dem eine selbständige Geheimagentin heutzutage steht! Sie kann es sich einfach nicht leisten, monatelang mit homöopathischen Dosisänderungen herumzuexperimentieren. Sie braucht einen schnellen Erfolg. Und der stellt sich gerade unzweifelhaft ein. Trotz gelegentlicher Heißhungerattacken hat sie bereits zwei Kilo abgenommen.

Da sie die verordnete Dosis inzwischen auf das Achtfache erhöht hat, leert sich die Tablettendose schneller als geplant. Eine Unterbrechung der Therapie darf sie keinesfalls riskieren. Jetzt, wo alles so schön läuft. Carmen braucht also Nachschub. Die Tabletten sind aber verschreibungspflichtig – die Apotheke darf sie nur auf Rezept abgeben. Ihren Hausarzt kann sie deswegen nicht kontaktieren. Carmen überlegt kurz. Ein Rezept zu fälschen, wäre wohl die einfachste Möglichkeit. Da erinnert sie sich an Ramón, den netten spanischen Apotheker, den sie einmal näher kennengelernt hatte. Sie hatten damals mit ein paar Pillen aus seiner Apotheke ein ganz lustiges Sommerwochenende am Strand zusammen verbracht. Doch das war in Barcelona. Wie schnell würde er ihr die Schilddrüsentabletten besorgen und zukommen lassen können? Carmen greift zu ihrem Q-Phone und ruft Ramón in der Apotheke an. Nach dem üblichen Smalltalk und ein paar anzüglichen Bemerkungen von seiner Seite kommt Carmen zum Punkt. Ob er ihr eine Packung Euthyrox Tabletten besorgen könnte. Und zwar 200 Mikrogramm pro Tablette. Ramón lacht: „Guapa, warum willst Du ausgerechnet dieses Produkt einer deutschen Firma aus einer spanischen Apotheke?“ – „Seit wann stellst Du Fragen, wenn jemand etwas bei Dir kaufen will? Wenn ich dusselige Fragen beantworten wollte, könnte ich auch in eine deutsche Apotheke gehen“, antwortet Carmen leicht gereizt. – „Hör mal, es gibt zig Alternativen, die sind alle genauso gut“, versucht Ramón zu beschwichtigen. „Jetzt erzähl mir bloß nichts von Generika und angeblicher Bioäquivalenz. Mir ist egal, was der Kram kostet. Ich will genau diese Tabletten von dieser Firma! Wozu bin ich privat versichert, joder…[3]“, fängt Carmen an zu fluchen. „Ruhig, Kleines, ich besorge Dir ja fast alles, was Du willst. Es ist aber so, dass der Hersteller von Euthyrox gerade Lieferprobleme hat. Und ich fürchte, spanische Apotheken stehen auf der Prioritätenliste nicht so ganz weit oben… Aber warum fragst Du nicht direkt bei der Firma nach? Die sind doch bei Dir um die Ecke.“ Genervt beendet Carmen das Gespräch. Und stampft heftig mit den Hufen auf.

Sie hat Kopfschmerzen. Ein bisschen, nein, um ehrlich zu sein, deutlich reizbarer als sonst fühlt sie sich auch. Wenn ich jetzt auch noch meine Tage bekomme, drehe ich durch, denkt unsere kleine Heldin, die nicht verstehen kann, warum manchmal alles auf einmal über einen hereinbrechen muss. Wenn aber die Tage ausblieben, muss ich mir Sorgen machen, denkt sie und erinnert sich an den Kosmetiker im Hotel in Rio.

Eigentlich weiß sie aber auch, dass all dies ebenso gut Anzeichen einer ernsthaften Überdosierung von Schilddrüsenhormon sein könnten.

Darmstadt, liest Carmen auf dem Beipackzettel. Im Internet sucht sie die Telefonnummer der Firma heraus und lässt sich mit dem Vertriebsleiter verbinden. Dort gibt sie sich als Mitarbeiterin des Bundesverteidigungsministeriums aus. Sie sei für Bestellungen zuständig. Man benötige eine Reihe von Arzneimitteln für Rebellenlager in der Türkei und Feldlazarette in Afghanistan und so weiter und so fort. Jedenfalls dringend: Euthyrox. Die Tabletten mit 200 Mikrogramm. Ganz dringend. Eigentlich am besten spätestens morgen. Der Vertriebsleiter stellt keine Fragen. Es ist nicht seine Aufgabe, Fragen zu stellen. Er wird an seinen Umsätzen gemessen. Er verspricht Carmen, sich darum zu kümmern und sie in der nächsten Stunde zurückzurufen. Dreißig Minuten später klingelt das Telefon. Euthyrox 200 Mikrogramm befände sich in ausreichender Menge im Auslieferungslager in Bayreuth, teilt der Vertriebsleiter mit. Bis morgen könne man es per QPS an jeden Ort in Deutschland bringen lassen. „Nicht nötig“, sagt Carmen ungeduldig. „Wir holen es ab.“

Carmen packt ihre Reisetasche, ihre Auto- und die Drohnenschlüssel und steigt in ihr Cabrio. Auf dem Weg zum Flughafen steht sie im Stau. Diese innere Unruhe macht sie wahnsinnig. Nervös spielt sie mit dem Gaspedal. Warum kommen die nur alle nicht voran? Nach fünf Minuten Stop and Go hält sie es nicht mehr aus. Carmen reißt das Lenkrad nach rechts, fährt auf den Standstreifen und gibt Gas. Sie nähert sich einer Baustelle, der Ursache des Staus, und fängt an, wild zu hupen, ohne die Geschwindigkeit zu verringern. Einige Bauarbeiter können sich gerade noch durch einen beherzten Sprung hinter die Leitplanke retten. Carmen rast durch die Baustelle. Ein paar Pylonen fliegen durch die Luft. Hinter der Baustelle schert sie wieder auf die Fahrbahn ein. Kein Stau mehr. Also auf die linke Spur, Gas geben, Lichthupe. Ein paar Kleinwagen wechseln erschreckt nach rechts. Wenige Minuten später erreicht Carmen den Flughafen.

Der Flug nach Bayreuth dauert etwa eine Dreiviertelstunde. Carmen landet auf dem verschlafenen Provinzflughafen EDQD, auf dem einige Wochen nach dem Ende der Festspiele schon längst wieder Ruhe eingekehrt ist. Sie gibt sich als die verleugnete andalusische Großnichte Richard Wagners aus und nimmt ein Taxi zum Auslieferungslager des Pharmakonzerns, das in unmittelbarer Nachbarschaft zum Grünen Hügel liegt. Dort steigt sie aus und meldet sich beim Pförtner.

Carmens Fränkisch-Kenntnisse sind hinreichend. Sie kann diese Mundart zwar nicht sprechen, aber zumindest ganz gut verstehen. Auch weiß sie um die Empfindlichkeit der Franken bezüglich ihrer bayrischen Gutsherren. Carmen wähnt sich also auf den Besuch bestens vorbereitet. Sie betritt das Pförtnerhäuschen mit einem freundlichen „Grüß Gott!“

Damit nimmt das Unheil seinen Lauf.

Der Dienst habende Pförtner, ein Mittfünfziger mit ungarischem Migrationshintergrund, Mitarbeiter einer auf Wachpersonal spezialisierten Zeitarbeitsfirma, der hier für sieben Euro neunzehn pro Stunde (das sind nicht ganz 29 Plastikpfandflaschen) seine Tage mit einem Gefühl unglaublicher Sinnlosigkeit und Langeweile absitzt und heimlich in seiner Tasche ein Wahlplakat der Linken („Zehn Euro Mindestlohn!“) mit sich herumträgt, dieser Vater von vier mehr oder weniger drogenabhängigen Kindern und Ehemann einer kaufsüchtigen Frau, er ist von Haus aus ein misogyner, homophober und rassistischer Atheist. Er schaut auf und erblickt vor sich eine offensichtlich südeuropäische Kuh im kurzen Flamencokleid, die gerade „Grüß Gott!“ gesagt hat.

Schweigen.

Dann rappelt er sich auf: „Biddascheen?“

„Ich soll hier eine Ladung Euthyrox abholen“, stellt Carmen fest. „Haben Sie Papiere?“ fragt der Pförtner. Carmen wundert sich. „Nein, ich dachte der Vertriebsleiter hat Sie über meinen Besuch informiert.“ – „Werde hier ieber nix informiert“, stellt der Pförtner mit ausdruckslosem Gesicht fest. „Ohne Papiere gähd nischt.“ – „Dann rufen Sie doch bitte in Darmstadt an. Ich kann Ihnen die Telefonnummer geben.“ – „Ohne Papiere gähd nischt.“ – „Hören Sie, ich arbeite für das Bundesverteidigungsministerium. Ich bin eigens von Bonn hierher geflogen, um die Tabletten abzuholen.“ – „Ist egal, wer Sie sind. Ohne Papiere gähd nischt.“

Carmen spürt eine Hitze aufsteigen. Carmen ist gereizt. Sie ist verärgert. Sie ist gestresst. Die letzten Tage haben an ihr gezehrt. Ihre Regel ist überfällig. Mit letzter Beherrschung presst sie hervor: „RUFEN! SIE! IN! DARMSTADT! AN!“ Der Pförtner zieht die Augenbrauen hoch. „Wollen Sie mir sagen, wie isch tun muss meine Arbeit?“

Das reicht. Carmen greift in ihre Tasche und zieht ihre Walther PPK hervor. „Aufmachen!“ presst sie hervor. Die Augen des Pförtners weiten sich. Eben noch hatte er zum ersten Mal seit Jahren den Anflug eines Gefühls von Kontrolle über die Situation gehabt und nun das. Er war in Ungarn beim Militär. Er weiß, dass diese Waffe echt ist und dass diese Kuh damit umgehen kann. Er hebt die Hände: „Biddascheen…“

Doch während er aufsteht, löst er mit dem Fuß einen stummen Alarm aus.

Carmen verschafft sich mit vorgehaltener Waffe Zutritt zum Lager. Dort fordert sie mit weiterhin vorgehaltener Waffe alle Lagermitarbeiter auf, nach vorn zu kommen. Mit einem Paar Handschellen fesselt sie den Pförtner an ein Regal und zwingt die eingeschüchterten Lagerarbeiter zur Herausgabe einer Anstaltpackung der Tabletten. „Euthyrox 200 Mikrogramm“ liest sie zufrieden auf dem Karton, den ihr einer nach einem Blick in den Computer mit gezieltem Griff aus einem Regal holt. Zehn mal dreißig Tabletten liest Carmen. Das sollte eine Weile reichen und ihr genügend Spielraum für weitere Dosiserhöhungen bieten.

Hätte sich unsere kleine Heldin nicht aufgrund der massiven Überdosierung von Schilddrüsenhormon in einen Zustand drastisch gesteigerter Reizbarkeit in Kombination mit ausgeprägter Selbstüberschätzung gebracht, so wäre sie sehr wahrscheinlich vorsichtiger gewesen. Hinzu kam nach wie vor eine geradezu sträfliche Geringschätzung des von osteuropäischen Leiharbeitern für eine südeuropäische Doppelagentin ausgehenden Gefahrenpotenzials. Kurzum und einfacher gesagt: Während die Carmencita drinnen glaubt, Herrin der Lage zu sein, bringt sich auf den stummen Alarm hin draußen längst ein Spezialeinsatzkommando der fränkischen Polizei in Stellung.

Der Einsatzleiter kann sich schnell einen Überblick verschaffen. Mit einem Spezialfernglas können die Einsatzkräfte durch ein Fenster in die Lagerhalle blicken und die Vorgänge dort beobachten. Sie sehen eine Kuh im Flamencokleid, die mit vorgehaltener Waffe einige Lagerarbeiter herumscheucht. Außerdem ist der Taxifahrer mit Auskünften behilflich, der die Carmencita vom Flughafen zum Firmengelände gebracht hatte. Er hatte das SEK anrücken sehen und zwei und zwei zusammengezählt. Die Frau war eine Fremde und in Franken wusste man, dass Fremde meistens nichts Gutes bringen.

Bewaffnete Kuh im Flamencokleid auf dem Gelände eines Pharma-Unternehmens, denkt der Einsatzleiter. Das war in den Dienstrichtlinien nicht vorgesehen. Es mussten also Analogieschlüsse gezogen werden, um den Fall einordnen zu können. Die Beamten der SEKs werden auch nach ihrer Fähigkeit ausgesucht, in Stresssituationen flexibel entscheiden und handeln zu können. Der Einsatzleiter entscheidet sich also bei der Einordnung der Lage für eine Mischung aus „entlaufenes Zootier“ und „bewaffnete Geiselnahme durch geistig verwirrte Person“. So lässt er nicht nur Scharfschützen auf dem benachbarten Festspielhaus in Position gehen, sondern auch einen Veterinär aus dem örtlichen Tierpark mitsamt seinem Betäubungsgewehr herbeibringen.

Von all dem ahnt die Carmencita drinnen im Lager nichts. Sie denkt nur an die Einnahme der nächsten Tablette. Daher bittet sie einen der Lagerarbeiter, ihr beim Öffnen des Kartons behilflich zu sein, was der auch bereitwillig tut. Sie öffnet eine Tablettendose und entnimmt eine Pille. Dann bittet sie noch um ein Glas Wasser, was man ihr ebenfalls sogleich bringt. Carmen spült die Tablette hinunter und schaut die Lagerarbeiter an, die sich alle in respektvollem Abstand hingestellt haben und sie mit einer Mischung aus Furcht und Neugier betrachten. Die meisten sind ja gar nicht unattraktiv, denkt unsere übermütige Heldin. Leutselig beginnt sie ein Gespräch. Schließlich ist es sonst nicht ihre Art, mit der Tür ins Haus zu fallen. Als Spanierin stellt sie normalerweise erst einmal Beziehung her, bevor sie zum Geschäftlichen kommt. Aber irgendwie, seit sie diese Tabletten nimmt, gehen ihr eben manchmal die Kühe durch. Aber vielleicht ist es noch nicht zu spät für ein bisschen Wiedergutmachung, denkt Carmen.

„Keine Sorge“, beruhigt sie ihre Geiseln. „Niemanden von Euch wird etwas geschehen. Ich habe meine Pillen, mehr will ich nicht. Ihr wart sehr freundlich und hilfsbereit. Herzlichen Dank. Vielleicht kann mich einer von Euch nach draußen bringen? Dann bin ich weg und Ihr könnt in Ruhe weiterarbeiten.“ Die Mitarbeiter schauen sie mit großen Augen an. Einige nicken verhalten.

„Ach so“, fügt Carmen hinzu, weil gerade für einen kurzen Moment ihr professioneller Verstand wieder eingesetzt hat, „natürlich solltet Ihr für die nächste halbe Stunde bitte nicht telefonieren. Also bitte alle Handys zu mir“, ordnet sie an und schneidet gleichzeitig das Kabel des Festnetztelefons durch. Die Lageristen kramen in ihren Taschen und legen der Carmen ihre Mobiltelefone hin. Es sind meist ältere Modelle, denn auch die Lagerarbeiter wurden über eine Zeitarbeitsfirma vermittelt und können von zehn Euro Mindestlohn nur träumen. Carmens Gerechtigkeitsempfinden veranlasst sie zu einer weiteren Ansage: „Danke, Jungs. Ich werde sie am Flughafen für Euch deponieren. Da könnt Ihr sie nach Feierabend abholen, ok?“ Die Männer sind Carmen dankbar. So eine nette Geiselnehmerin, denken sie. Erste Anzeichen des gefürchteten Stockholm-Syndroms.

„Können wir denn sonst noch etwas für Sie tun?“ fragt der Lagerleiter, den es offensichtlich bereits am schwersten erwischt hat. Hm, ich wüsste da schon etwas, denkt Carmen, die noch immer angetan ist über diese Ansammlung attraktiver athletischer Typen. Ob nicht doch noch Zeit sein sollte für ein kleines bisschen Gruppensex im Frankenland? Aber nein, ruft sie sich zur Ordnung. Zu riskant. Vor dem nächsten Schichtwechsel wollte sie unbedingt wieder weg sein. So bedankt sie sich höflich. Nein, sie sei ganz zufrieden und man möge sie bitte einfach nur zur Tür bringen. Ein Taxi wolle sie sich gleich selber rufen.

Der Lagerleiter bringt Carmen zum Ausgang. Den Pförtner lässt sie ans Regal gefesselt zurück. Irgendwie war ihr dieser Typ auf Anhieb unsympathisch. Auch jetzt schaut er sie mit einem verschlagen-triumphierenden Blick an. Spätestens das hätte sie misstrauisch machen sollen.

Carmen steckt ihre Walther PPK wieder weg und wirft dem Pförtner die Schlüssel der Handschellen hin. Allerdings außerhalb seiner Reichweite. Wobei sie sich ein kurzes „biddascheen“ nicht verkneifen kann.

Der Lagerleiter öffnet die Tür und lässt ihr galant den Vortritt. Draußen scheint alles ruhig zu sein. Zusammen gehen sie zum Pförtnerhäuschen. Davor wartet schon das Taxi. Carmen sieht gleich, dass es derselbe Fahrer ist wie vorhin. An der Tür angekommen, verabschiedet sich unsere höfliche Agentin von ihrem Begleiter. Kurz dreht sie sich zu ihm um und wendet dem Taxi den Rücken zu. Im selben Moment spürt sie einen heftigen Schlag gegen ihren Po. Sie schaut nach hinten und sieht eine vollständig entleerte und noch leicht wippende Injektionsspritze bis zum Anschlag in ihrem Gesäßmuskel stecken. Als sie von ihrem Popo auf- und weiter nach hinten blickt, sieht sie in einiger Entfernung einen dicken rotgesichtigen Mann im weißen Kittel stehen, der gerade sein Gewehr senkt. Doch da wird Carmen auch schon blümerant.

Wenige Sekunden später sackt sie sanft zu Boden und verliert das Bewusstsein.

 

17. August 2013

Im Traum streift Carmen durch den Wald am Neusiedler See entlang der ungarischen Grenze, als sie Knacken und Schritte im Unterholz wahrnimmt. Plötzlich ertönen die Schreie ungarischer Grenzbeamter: „Ohne Papiere gähd nischd!“. Carmen beschleunigt ihren Schritt. Die Grenzer nehmen die Verfolgung auf. Eine wilde Jagd beginnt. Die ungarischen Beamten sind mit einer Gulaschkanone bewaffnet. Mit einem heftigen Knall feuern sie die Kanone ab. Ein Gulaschregen ergießt sich über die fliehende Carmencita und hinterlässt hässliche Flecken auf ihrem hübschen Flamencokleid. Hinter sich hört sie das Johlen der Grenzschützer: „Biddascheen!!!“

Das Erste, was allmählich in Carmens Bewusstsein dringt, ist ein ruhiges rhythmisches Piep Piep Piep. Der Wecker, denkt sie, ich muss aufstehen. Sie versucht sich zu bewegen, stellt aber fest, dass es nicht geht. Sie versucht, nacheinander ihre vier Beine anzuziehen und spürt jeweils, dass nur ganz geringe Bewegungen möglich sind. Dann fühlt es sich an, als ob zentnerschwere Gewichte dagegen halten. Auch der Rest ihres Körpers lässt sich kaum bewegen.

„Sie wacht auf“, hört Carmen eine Stimme mit fränkischem Akzent. Mit großer Mühe kann sie die Augen öffnen. Helles Neonlicht. Weiß gekleidete Menschen. Ein Mann steht über ihr und schaut ihr von oben ins Gesicht. „Frau Carmen, können Sie mich hören?“ – „Hmm…“ ist alles, was Carmen in diesem Moment hervorbringen kann. Schwere, eine bleierne Schwere lastet auf ihr. Schlimmer noch als vor den Schilddrüsentabletten. Immerhin gelingt es ihr, ein wenig den Kopf anzuheben und an sich herunterzublicken. Sie liegt auf einem schmalen Bett, in einem grell erleuchteten Raum. Um ihre Sprunggelenke sind breite Gurte geschlungen, die wiederum über Riemen am Bett befestigt sind. Ãœber ihren Baum geht ein breiter Gurt, der um das ganze Bett gewickelt zu sein scheint. Mierda, denkt Carmen, während allmählich die Erinnerung an den gestrigen Tag zurückkehrt. Mierda, ich bin in der Psychiatrie. Die haben mich fixiert. Das rhythmische Piepen wird schneller. Es ist nicht ihr Wecker. Es ist ein EKG-Monitor neben ihrem Bett.

„Frau Carmen, können Sie mich hören?“ – „Ja doch!“ antwortet unsere Heldin unwirsch, was sie im gleichen Moment schon wieder bereut, weil sie sich wohl besser von ihrer sanftmütigen Seite zeigen sollte, wenn sie losgebunden werden will. „Wissen Sie, wo Sie sind? Welchen Tag wir heute haben?“ Normalerweise würde Carmen jetzt ihr Q-Pad zücken und einen Blick in Q-Cal und Qgle Maps werfen. Stattdessen guckt sie den langhaarigen, extrem dünnen und bleichgesichtigen Pfleger nur etwas mitleidig an und antwortet, nicht ohne einen Hauch von Arroganz: „Nein. Aber Sie werden es mir bestimmt gleich verraten.“ Der Pfleger nimmt den Unterton wahr, lässt sich aber nicht aus der Ruhe bringen. Es ist für ihn nicht ungewöhnlich, dass verwirrte Personen versuchen, ihre Defizite durch schnippische Kommentare zu überspielen. Stattdessen stellt er nüchtern fest: „Heute ist Samstag, der 17. August.“

Das mag wohl stimmen, aber in meiner Seele ist schon Herbst, denkt unsere kleine Melancholikerin. „Sie befinden sich in der Klinik für Forensische Psychiatrie in Bayreuth“, fährt der Pfleger munter fort. Aufmerksam registriert er Carmens Reaktion. Sie seufzt nur. „Können Sie mich nicht losmachen?“ fragt sie mit einem Blick auf ihre Gurte. „Das geht leider nicht. Da muss ich erst den Doktor rufen.“ – „Dann tun sie das bitte“, gibt Carmen mit klaren Worte zurück. „Und er soll sich beeilen. Schließlich bin ich privat versichert.“ – „Das macht hier keinen Unterschied. Ihren Aufenthalt hier zahlt der Staat.“ Carmen schließt kurz die Augen und versucht, sich in ihre momentane Abhängigkeit zu fügen. „Bitte“, sagt sie. Der Pfleger geht in den Nachbarraum. Durch die Glasscheibe sieht Carmen ihn telefonieren. Dann schläft sie wieder ein.

„Hallo, Frau Carmen, können Sie mich hören?“ Eine andere Stimme weckt die Carmencita. Herrje, denkt sie, ich hab’s doch nicht mit den Ohren. Natürlich kann ich Euch hören. Ich kann Euch auch verstehen. „Ja, laut und deutlich“, antwortet sie und öffnet die Augen. „Gut“, stellt der Mann fest, der nun neben ihrem Bett steht. Weißer Kittel, braungebranntes kantiges Gesicht. In der Brusttasche seines Kittels steckt ein merkwürdiges stabförmiges Instrument, das Carmen auch während ihres Medizin-Studiums in Tel Aviv noch nie gesehen hat. Es ist kein Otoskop und kein Augenspiegel, wie in den Brusttaschen der ganzen Wichtigtuer in den Kliniken, in denen sie während des Studiums gearbeitet hat.

Ihre Ãœberlegungen werden unterbrochen durch den Träger des weißen Kittels, der nun wieder das Wort an sie richtet. „Sie befinden sich auf der geschützten Station der Klinik für Forensische Psychiatrie in Bayreuth. Ich bin Doktor Nehmer, der Stationsarzt. Sie wurden gestern von der Polizei hierhergebracht, nachdem Sie versucht hatten, unter Einsatz von Waffengewalt das Lager einer Pharma-Firma auszurauben.“ – „Ich bin Geheimagentin. Ich wollte einfach nur meine Schilddrüsenmedikamente abholen. Fragen Sie den Vertriebsleiter“, antwortet Carmen und spürt sofort, wie unglaubwürdig das in ihrer Situation klingt. „Soooooo…. Geheimagentin sind Sie!“ zieht Dr. Nehmer die Brauen hoch. „Und für welchen Geheimdienst arbeiten Sie?“ – „Ich bin selbständig“, gibt Carmen wahrheitsgemäß zurück. „Soooooo…. selbständig sind Sie!“ Dr. Nehmers Augenbrauen kommen nicht wieder zu Tal.

In diesem Moment wird Carmen bewusst, dass zum ersten Mal in ihrer Laufbahn eine Mission gründlich gescheitert ist. Sie spürt das abgrundtiefe Schamgefühl der ehrgeizigen Versagerin in sich aufsteigen. Herrgott, denkt sie, nicht einmal mein Medizinstudium habe ich abgeschlossen. Sonst hätte ich jetzt den weißen Kittel an und eine andere Kuh würde gefesselt vor mir liegen. Die Selbstzweifel beginnen an ihr zu nagen. Doch in diesem Moment erinnert sie sich an die Worte von Abigail, ihrer Ausbilderin beim Q-Sad. Als sich Carmen bei einer Übung aus einem Hubschrauber über einer Klärgrube abseilen sollte, hatte sie vor lauter Aufregung mit ihren feuchten Hufen den Halt verloren hatte war in die Grube abgestürzt. Damals hatte sie sich fast so sehr geschämt, wie nach ihrem Auftritt zum Geburtstag von Papá. Sie hatte sich damit begnügt, den Kopf über der Oberfläche zu halten und nur fragend und abwartend nach oben geguckt. Irgendwann hatten ihre Kollegen sie wieder rausgeholt. Nach der Übung sagte Abigail zu ihr: „Wenn Du Dich in einer scheinbar ausweglosen Lage befindest, darfst Du eines niemals zulassen: Selbstzweifel. Denn es geht nicht darum, wie Du in die Kacke geraten bist, sondern wie Du wieder raus kommst!“

An diese Worte erinnert sich unsere frisch gebackene Psychiatrie-Patientin nun und überlegt – obwohl ihr Hirn von den starken Beruhigungsmitteln noch etwas vernebelt ist – wie sie sich wohl am besten aus ihrer misslichen und zunehmend unbequemen Lage befreien könnte. Bei nüchterner Analyse der Situation wird ihr klar, dass Kooperation mit dem Personal wohl der unerlässliche erste Schritt zu ihrer Befreiung sein dürfte.

Also entschließt sie sich, den Erwartungen Dr. Nehmers entgegen zu kommen. Sie beantwortet all seine Fragen. Dabei ist sie bemüht, den ganzen Ereignissen eine Erklärung zu geben, die sie in möglichst harmlosem Licht erscheinen lässt. Sie erzählt von ihrer Schilddrüsenfunktionsstörung und von der Ãœberdosierung der Tabletten. Dass sie, eigentlich eine überzeugte Pazifistin und die Sanftmut in Person, sich darunter wohl dramatisch verändert haben müsste. Ja, auch das mit dem Geheimdienst habe sie sich wohl eingebildet. Eigentlich sei sie Künstlerin, Flamenco, obwohl es derzeit nicht ganz so gut laufe mit den Engagements, so dass sie in der Kölner Fußgängerzone… mit einem Hut… und den Rest durch Flaschensammeln. Schließlich habe sie neue Schilddrüsentablette gebraucht und kein Geld für die Rezeptgebühr gehabt, daher sei sie wohl auf die Schnapsidee mit dem Einbruch ins Lager der Herstellerfirma gekommen. Jetzt werde ihr klar, dass dies wohl alles ein furchtbarer Fehler gewesen sei. Sie wolle zwar die Verantwortung tragen und für die Konsequenzen ihrer Handlungen einstehen, bitte aber zu berücksichtigen, dass sie sich zum Zeitpunkt der Tat in einem seelischen Ausnahmezustand befunden habe, der wohl die Anwendung zumindest des §21 StGB, verminderte Schuldfähigkeit, sehr wahrscheinlich aber aufgrund einer durch die Hormontabletten bedingten tiefgreifenden Bewusstseinsstörung doch noch viel eher des §20 StGb, Schuldunfähigkeit, rechtfertige…

Solcherart eloquent zeigt sich unsere kleine durchtriebene Doppelagentin und hält sich für ganz besonders schlau.

Doch leider hat sie die Rechnung ohne Dr. Nehmer gemacht. Der hört ihr die ganze Zeit aufmerksam und schweigend zu, die Augenbrauen ohne Unterlass soweit hochgezogen, dass Carmen schon überlegt, ihm bei ihrer nun zweifellos bald bevorstehenden Entlassung einen Gutschein für eine Botox-Behandlung bei einer befreundeten Dermatologin zu schenken. Dr. Nehmer macht sich während Carmens Monolog, fast erlebt er ihn wie das vorweggenommene Plädoyer einer manischen Rechtsanwältin, unaufhörlich Notizen. Als Carmen zum Ende kommt, schweigt er kurz, steckt seinen Kugelschreiber in die Brusttasche, direkt neben das geheimnisvolle Instrument, das Carmen nach wie vor nicht identifizieren kann. Der Psychiater schaut seiner Patientin tief in die Augen.

„Ich bin vollständig Ihrer Meinung. Es sind tatsächlich gute Gründe für die Annahme vorhanden, dass Sie die Tat im Zustand der Schuldunfähigkeit oder verminderten Schuldfähigkeit begangen haben. Allerdings sind aus meiner Sicht noch viele Fragen offen. Da vorläufig eine weitere Gefährdung der öffentlichen Sicherheit nicht auszuschließen ist, werden wir beim Gericht Ihre Unterbringung in unserer Klinik nach §126a StPO beantragen. Es ist davon auszugehen, dass der Richter sich unserer Meinung anschließen wird. Sie bleiben dann einfach bis zum Termin der Hauptverhandlung bei uns. In dieser Zeit können wir Sie besser kennenlernen und in Ruhe das Gutachten schreiben, während Sie sich erholen und wieder gesund werden. Was meinen Sie?“

Mierda, denkt unsere leider juristisch etwas halbgebildete kleine Heldin. Mierda. Ich habe mich gerade selber im Kopf und Kragen geredet. Diesem Nehmer eine Steilvorlage geliefert, um mich für die nächsten Wochen hier zu kasernieren und zu beobachten. Natürlich. Das war die logische Konsequenz, wenn sie auf Schuldunfähigkeit plädierte. Dann musste sie psychiatrisch begutachtet werden.

Schach matt.

Wieder gehen ihr Abigails Worte durch den Kopf. Aber nun ist sie vorsichtiger. „Also, das mit der Gefährdung der öffentlichen Sicherheit sehe ich anders. Ich bin doch nun wieder vollständig normal. Da könnte man die Begutachtung doch vielleicht auch ambulant…?“ Diesmal bleiben Nehmers Augenbrauen unten. „Geben Sie uns ein wenig Zeit, Sie besser kennenzulernen“, sagt er mit der Selbstherrlichkeit dessen, der sich im Recht meint und zudem am längeren Hebel sitzt. Immerhin, ein wenig kommt er ihr entgegen: „Mir scheint, wir können zumindest die Fixierung bis auf weiteres beenden. Dann können Sie langsam aufstehen, sich frisch machen und zu den anderen Patienten in den Aufenthaltsraum gehen.“

Nehmer winkt zwei bullige, ältere Pfleger herbei. Der Dürre von vorhin hält sich im Hintergrund. Einer davon löst mit einem Spezialschlüssel die Schellen und Gurte. Carmen reibt sich die Gelenke und bewegt sich einmal von oben bis unten durch. Sie muss dringend aufs Klo. „Machen Sie langsam mit dem Aufstehen“, sagt einer der Pfleger mit dieser patriarchalischen Fürsorge, auf die Carmen vor dem Hintergrund ihrer Kindheit so ambivalent reagiert. Aber er hat Recht. Als sie sich aufsetzt wird ihr ein klein wenig schwindelig. Herrje, was haben die mir alles verpasst, denkt sich unsere mutmaßliche Straftäterin, der es gar nicht gefällt, wenn sie nicht das Gefühl der einhundertprozentigen Kontrolle über sich hat. Schließlich kommt sie aber auf die Hufe. Der Dürre zieht ihr ebenso fürsorglich wie ungeschickt das Flügelnachthemdchen zurecht. Carmen schleicht mit etwas unsicheren Schritten zum Klo. Als sie ihr Geschäft gemacht hat, lässt sie sich von einem der Bulligen zum Aufenthaltsraum führen. Dort sitzen einige stumme Gestalten in Trainingsanzügen und stieren entweder vor sich hin oder auf den Fernseher. Der Pfleger bietet Carmen einen Sessel an. Sie lässt sich hineinplumpsen und guckt sich erst einmal um. Trostlos, denkt unser kleines Luxusgeschöpf, ausgesprochen trostlos. Kaum einer der anderen Patienten scheint von ihr Notiz zu nehmen. Bis auf einen. Ein freundlich wirkender älterer Herr mit grauem Schnurrbart schaut zu Carmen herüber. Carmen guckt zurück. Wenig später steht der Mann auf und kommt zu Carmen herüber. Er streckt ihr die Hand hin.

„I bin der Gustl“, stellt sich der freundliche Herr mit fränkischem Akzent vor. „Carmen“, antwortet unsere Heldin und ergreift die ihr hingestreckte Hand. „Griaß Di, Carmen. Jetzt, warum bist es Du hier?“ stellt er die obligatorische erste Frage an alle Neuankömmlinge. „Ach“, seufzt Carmen, „eigentlich ist alles ein großes Missverständnis.“ – „Jo, dös is bei vielen so. Die meisten san wegen oam Missverständnis herinnen“, stellt Gustl mit einem etwas bitteren Lächeln und gesenkten Blick fest. Wegen eines Missverständnisses, wegen regiert den Genitiv, denkt unsere sprachbegabte und ein wenig besserwisserische Heldin reflektorisch. Sie hatte in ihren Deutschkursen immer eine Eins in Grammatik gehabt. Sie sagt aber nichts, weil sie den freundlichen Herrn nicht kränken will.

„Und Du, Gustl?“ fragt sie stattdessen interessiert zurück. „Jo, dös is auch a lange Gschichtn.“ – „Du bist aber nicht der Gustl Mollath, gell?“ fragt Carmen, die in den letzten Wochen wie immer aufmerksam die Nachrichtenverfolgt hatte. „Den haben sie doch schon vor ein paar Wochen entlassen.“ Gustl schaut Carmen aufmerksam ins Gesicht. „Doch, der Mollath Gustl, der bin i. Der, den’s draußen der Presse präsentiert ham, des is a Doppelgänger von mir. Der soll die Öffentlichkeit von der wahren Gschichtn ablenken. Aber i werd morgen entlassen. Das hat mein Anwalt erreicht. Dann bring i die Wahrheit ans Tageslicht!“ – „Und was ist die wahre Geschichte?“ fragt Carmen interessiert nach.

„Also, i hob vor acht Johr herausgfundn, dass der Geber Edmund, der damals noch Ministerpräsident woar, sei Doktorarbeit abgschriam hat. Der größte Plagiator in der ganzen CSU is er gwesen, noch a größerer ois der Guttenberg! Aber noch bevor i des veröffentlichen konnt, hams mi weggschperrt! Auf seine Anordnung hin. Der wollt mi mundtot mochen. Und seitdem bin i hier drin! Aber morgen, morgen bin i draußn und dann wird er entlarvt, der Saubazi, und dann wird er’s mir büßen!“

„Mein Gott“, sagt Carmen erschüttert, „wie konnte das denn geschehen?“ – „Ja, ganz einfach, als der rausgfunden hat, dass i eam auf d’Schlichn kemma bin, hat er seine Leute gschickt und die ham bhauptet, i sei psychisch krank, i hät oan Verfolgungswahn und sei eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit. Die ham den Gutachter und die Richter kauft. Und dann ham’s mi weggschperrt. Sieben Joahr bin i jetzt hier herinnen!“ – „Und die Ärzte haben nichts gemerkt?“ fragt Carmen naiv.

„Freili, alle ham’s des gwusst. Aber die stecken alle unter oaner Decken!“ antwortet Gustl empört. „Auch der Dr. Nehmer?“ will Carmen wissen. „Madl, oans soag i dir, der Nehmer, der is der Schlimmste von allen! Nimm Di vor dem in Acht!“ warnt Gustl seine neue Freundin. „Meinst Du, Du bist draußen sicher?“ fragt Carmen besorgt nach. „Dös wer ma sehn. Aber i hab Freunde und eine Bürgerinitiative gibt’s auch, die sich für mi einsetzt. I werd so schnell net wieder aufgebn.“

Carmen ist erschüttert von der Geschichte dieses freundlichen Herrn und spürt ein Bedürfnis, ihm zur Seite zu stehen. „Hör zu, Gustl: ich habe auch Freunde, und zwar in den höchsten Positionen. Wenn ich wieder raus bin, werde ich mich bei Dir melden. Wenn Du in Schwierigkeiten bist, kann ich Dir sicher helfen.“ – „Dank Dir, Carmen, Du hast das Herz am rechten Fleck, dös hob i glei gmerkt ois reikemma bist“, bedankt sich der Gustl gerührt. „I muss jetzt erst amal hier raus und dann seh mir weiter. Morgen is es soweit. I kann Dir gar nit sagen, wie aufgregt i bin.“ –„Das kann ich mir vorstellen, Gustl“, gibt Carmen voller Empathie zurück. „Ich wünsche Dir viel Glück. Ich glaube, wenn einer dem Geber und der CSU das Handwerk legen kann, dann Du!“ Gustl verabschiedet sich gerührt und geht in sein Zimmer, um seine Sachen für die Entlassung zu packen.

Carmen bleibt noch eine Weile im Aufenthaltsraum sitzen und guckt auf den Fernseher. Da läuft ein belangloser Zeichentrickfilm im Kinderkanal. Einige Zeit später kommt der dürre Pfleger, um Carmen ihr Zimmer zu zeigen. Er hängt ihr Flamencokleid in den Schrank und bietet ihr einen bequemen Trainingsanzug an. Sie richtet sich ein wenig ein und bereitet sich auf die Nacht vor. Mit einer Mischung aus Widerwillen und Erleichterung spürt sie, dass ihre Regel eingesetzt hat. Sie bittet den Dürren um ein paar Tampons der Größe Extra Large. Stattdessen bringt er ihr einige Damenbinden. In Bayern gehen die Uhren eben anders, denkt unsere kleine Heldin resigniert. Bevor sie schlafen geht, schaut sie noch einmal über den Stationsflur. Sie sieht Dr. Nehmer im weißen Kittel aus Gustls Zimmer kommen. Mit einer Hand schließt er die Tür, mit der anderen steckt er sein seltsames Instrument zurück in die Brusttasche. Sie werden wohl ein Abschlussgespräch geführt haben, denkt Carmen in ungewohnter Naivität und geht zurück in ihr Zimmer, wo sie erschöpft einschläft.

Die Betäubungsmittel wirken offenbar noch immer ein wenig nach.

 

18. August 2013

Als Carmen am Morgen früh erwacht, ist auf der Station schon reger Betrieb. Carmen zieht sich etwas über und geht vor ihr Zimmer. Vor dem Raum des Personals steht der Gustl, reisefertig und mit einem kleinen Koffer in der Hand. Carmen geht zu ihm hin, um sich zu verabschieden. „Alles Gute, Gustl“, sagt sie und raunt ihm leise zu: „Und wenn Du draußen bist, bringst Du die Wahrheit über Gebers Doktorarbeit ans Tageslicht!“ –

„Jetzt, wer san Sie?“ fragt der Gustl völlig irritiert, „und was moanens mit dem Geber seiner Doktorarbeit?“ Carmen nimmt ihn beiseite und versucht, auf das Gespräch von gestern Bezug zu nehmen. Doch der Gustl wirkt nur verwirrt. Verdammt, denkt unsere misstrauische Heldin, was ist denn da los? Offenbar kann er sich tatsächlich an nichts erinnern.

Gustl wird von zwei Pflegern zur Stationstür gebracht. Carmen beobachtet aufmerksam die Prozedur der Ausschleußung. Ganz genauso, wie sie das in verschiedenen Gefängnissen gesehen hat, in die sie ihr Beruf in der Vergangenheit geführt hatte. Eine Tür öffnet sich, die drei Personen treten in den kleinen nächsten Raum. Erst nachdem sich die erste Tür geschlossen hat, öffnet sich auf Knopfdruck die nächste. Carmen sieht, wie der Gustl nach draußen gebracht wird. Sie geht zum Fenster des Stationsflurs. Einige Momente später kommen die drei unten an. Dort legen sie am Wachhäuschen die Papiere vor. Wieder die Prozedur mit den zwei Türen. Dann ist der Gustl ein freier Mann. Er wird von einem Herrn im Anzug mit einem Wagen erwartet. Gustl und der Herr steigen ein und kurz darauf fährt der Wagen weg.

Nachdenklich und verwirrt geht Carmen zum Stationszimmer. Heute sind andere Pfleger da. Die stellen sich mit professioneller Freundlichkeit vor und führen Carmen zum Speisesaal, wo ein Frühstückstablett mit ihrem Namen auf sie wartet. Sie gießt sich eine Tasse Kaffee ein, nimmt einen Schluck und schüttelt sich ein wenig, weil diese bittere braune Brühe so gar nichts mit dem zu tun hat, was sie aus ihrem Kaffeevollautomaten zuhause gewohnt ist. Carmen lässt ihren Gedanken freien Lauf. Was war das mit dem Gustl? Hatte sie die Unterhaltung gestern geträumt? Nein, sie war sich ganz sicher, dass er ihr die Geschichte von Gebers Doktorarbeit erzählt hatte. Genauso sicher war sie sich auch, dass er seinen Erinnerungsverlust vorhin nicht gespielt hatte. Carmen beendet ihr Frühstück und geht wieder hinaus auf den Flur. Da begegnet ihr ein gut gelaunter Dr. Nehmer.

Carmens Blick fällt auf das seltsame Instrument in seiner Brusttasche. Schlagartig fällt es ihr wie Schuppen von den Augen: Ein Blitzdings! Nehmer hatte den Gustl gestern Abend rechtzeitig vor der Entlassung geblitzdingst! Daher der Erinnerungsverlust. Gebers langer Arm reicht also noch immer bis in die Anstalt, schlussfolgert unsere kleine Doppelagentin. Der Gustl hatte Recht: Die stecken wirklich alle unter einer Decke. Dr. Nehmer war der willfährige Handlanger der Mächtigen. Carmen musste sich in Acht nehmen.

Nach Gustls Entlassung verläuft der weitere Tag in öder Gleichförmigkeit. Carmen orientiert sich auf der Station. Sie versucht, sich möglichst angepasst und unauffällig zu verhalten. Daher und aus Langeweile geht sie auch auf den Vorschlag eines Pflegers ein, der sie zur Ergotherapie motivieren möchte. „Da können’s a paar Deckerl sticken, nachher geht auch der Dag schneller vorbei“, zwinkert er der neuen Patientin verständnisvoll zu. Carmen begibt sich also in den Ergotherapieraum, wo sie von einer ebenso mütterlichen wie voluminösen Therapeutin freundlich begrüßt und mit den Möglichkeiten vertraut gemacht wird. Einige andere Patienten sitzen auch da. Manche stieren nur vor sich hin auf die Tischplatte, andere sind mit den Materialien beschäftigt. An der Wand hängen ein paar hübsche Exemplare fertig gestellter Arbeiten. Meist handelt es sich um kleine Deckchen in der Größe eines Tischsets, auf die neben Blumen- oder Fantasiemustern lebenskluge Sprüche eingestickt wurden: „Glück und Glas, wie leicht bricht das“, zum Beispiel. Oder „Morgenstund hat Gold im Mund.“ Ein Patient hatte sich für „Aller Anfang schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht“ entschieden. „Denkstörungen“, erinnert sich Carmen an den Fachterminus aus der Psychiatrie-Vorlesung in Tel Aviv. Es spricht wohl für die Therapeutin, dass sie auch dieses Exemplar gleich berechtigt neben die andern an die Wand gehängt hat.

Carmen lässt sich die verfügbaren Materialien zeigen – neutrale Deckchen, Wollfäden in verschiedener Dicke und Farbe, ungefährliche Sticknadeln aus Kunststoff – und bekommt noch ein paar Tipps, wie sie die Arbeit am besten angeht. Da die Carmencita deutlich schneller arbeitet als die andern, stellt sie die Deckchen fast schon am Fließband her. Das erste Exemplar verziert sie mit einem etwas melancholischen Sprichwort aus ihrer andalusischen Heimat, das ihr während der schlimmen Zeit als Flaschensammlerin ständig durch den Kopf gegangen war: „La vida buena es cara. Hay otra, más barata, pero eso no es vida.“[4] Die Ergotherapeutin lässt sich den Satz übersetzen und stimmt Carmen zu, auch wenn sie das Sprichwort etwas traurig findet. Ob ihr denn nicht vielleicht noch etwas Fröhlicheres einfiele? Carmen nimmt sich das zweite Deckchen vor. Darauf stickt sie einen kleinen Mann im weißen Kittel und ihm gegenüber eine große Kuh. „El hombre propone y la mujer dispone“,[5] stickt sie in die Mitte. Das gefällt nicht nur ihr, sondern auch der feministischen Ergotherapeutin.

Während unsere kleine Agentin so scheinbar konzentriert vor sich hin arbeitet, kreisen ihre Gedanken pausenlos und fieberhaft um einen Fluchtplan. Bald ist Mittagessen. Danach ermöglicht man ihr ein Telefongespräch. Angeblich mit ihrem Anwalt. In Wahrheit allerdings ruft Carmen Abigail, ihre frühere Ausbilderin und enge Freundin vom Q-Sad, auf deren Mobiltelefon an. Obwohl Carmen nur verschlüsselte Botschaften äußern kann, weil sie das Gespräch in Anwesenheit des misstrauischen Dr. Nehmer und eines Pflegers führen muss, gelingt es ihr doch, Abigail mit den entscheidenden Informationen zu versorgen. Wo sie sich befindet und wann und wo sie Hilfe benötigt.

Nach dem Telefonat kehrt Carmen in den Ergotherapieraum zurück. Auf das dritte Deckchen stickt sie ein paar Geldscheine und in die Mitte den Satz: „Geber ist seliger als Nehmer.“ Die Therapeutin schaut sie fragend an. Das Deckchen nimmt unsere kleine Handarbeiterin später mit auf ihr Zimmer.

 

19. August 2013

Carmens rettende Idee ist nicht gerade originell, aber aus ihrem Medizinstudium in Tel Aviv weiß sie noch, dass sie in der Vergangenheit hunderte Male funktioniert hat. Carmen meldet sich daher heute freiwillig zum Küchendienst. Als sie den Tisch für das Mittagessen deckt, nimmt sie ein paar Besteckteile und eine Flasche Ketchup beiseite. Beim Mittagessen bedient sie sich mit großem Appetit, ja fast schon gierig, am Rote-Beete-Salat. Nach dem Abräumen versteckt sie sich kurz hinter der Küchentür. Dort schmiert sie sich rasch die ganze Schnauze mit Penatencreme ein, die sie sich gestern vom Nachtdienst erbeten hatte. Ihre Lippen wirken jetzt extrem blass. Anschließend steckt sie zuerst einen kleinen Löffel, dann eine Gabel – mit dem Griff zuerst – und schließlich noch eines der stumpfen Blechmesser in den Mund und schluckt sie, jeweils begleitet von großen Mengen Ketchup, hinunter. Sie leert fast die ganze Flasche. Dann läuft sie eilig zum Stationszimmer und klopft an die Tür. Als der dürre Pfleger die Tür öffnet, wimmert sie nur „Mir ist so schlecht!“ und spuckt ihm einen Schwall Ketchup auf die Schuhe. Schwarze Doc Martens, denkt Carmen. Die halten etwas aus. Anschließend kollabiert sie theatralisch auf den Fußboden.

„Schnell, eine Magenblutung!“ schreit der Dürre aufgeregt zu seinen Kollegen, die sogleich den Alarm auslösen. Wenige Momente später eilt Dr. Nehmer herbei, der von Notfallmedizin soviel versteht, wie eine Kuh vom Eierlegen. Er sieht Carmens blasse Lippen und fühlt ihren Puls, den sie durch den schnellen Lauf zum Stationszimmer in die Höhe getrieben hatte. „Den Notarztwagen!“ ordnet er an. Der Dürre gehorcht und greift zum Telefon. Carmen simuliert eine Ohnmacht. Doch innerlich ist sie hellwach.

Als wenige Minuten später der Notarzt und zwei Polizisten eintreffen, sind für eine Sekunde alle abgelenkt. Diesen Moment nutzt Carmen, um unauffällig einen Huf in den Hals zu stecken. Mit einem weiteren Schwall erbricht sie aus Pansen und Netzmagen große Mengen Ketchup, vermischt mit bereits angedautem Rote-Beete-Salat, und… den kleinen Löffel.

„Verdammt“, flucht Dr. Nehmer und versucht vergeblich durch einen Sprung nach hinten seine weißen Gucci-Slipper in Sicherheit zu bringen, „verdammt, wie oft habe ich gesagt, ihr sollt keine Neulinge zum Küchendienst einteilen!“ Doch nun ist es zu spät für Gardinenpredigten. Was getan werden muss, ist klar: Carmen muss zum Röntgen und zur endoskopischen Entfernung der Besteckteile in die Notaufnahme der Chirurgie gebracht werden. Vielleicht muss die Blutungsquelle unterspritzt oder übernäht werden. Vielleicht braucht die Patientin sogar eine Bluttransfusion. Ihre blassen Lippen und der schnelle Puls deuten jedenfalls auf einen größeren Blutverlust hin. Wenigstens ist die arme Kuh inzwischen wieder bei Bewusstsein.

Der Notarzt macht routiniert seine Arbeit. Er schließt die kleine Patientin an den EKG-Monitor, eine automatische Blutdruckmessung und einen Fingerclip zur Überwachung der Sauerstoffsättigung im Blut an. Geschickt und mit flinker Hand legt er ihr zwei Infusionen, um den vermeintlichen Blutverlust zu ersetzen. Dann wird Carmen auf die Trage verfrachtet, zugedeckt, festgeschnallt, in Begleitung von Dr. Nehmer und der beiden bulligen Pfleger aus dem Hochsicherheitstrakt ausgeschleußt und in den Rettungswagen gebracht. Zur Sicherheit begleiten Dr. Nehmer, die beiden bulligen und ein Polizist den Transport. Der zweite Polizist fährt mit dem Streifenwagen hinter dem Rettungswagen her.

Der Weg von der Psychiatrie in die Notaufnahme ist nur etwa drei Kilometer lang. Trotz Martinshorn und Blaulicht kommt der Transport im Feierabendverkehr nur langsam voran. Schließlich taucht vor dem kleinen Konvoi rechts der Waldrand auf und links daneben die Gebäude des Universitätsklinikums Bayreuth. „Glei hommers pockt“[6], ruft der Fahrer des Rettungswagens durch die geöffnete Trennscheibe nach hinten.

Im selben Moment hört Carmen einen lauten Knall und sieht die Reflexion eines Lichtscheins. Der Rettungswagen wird von einem heftigen Schlag erschüttert. Das Fahrzeug gerät ins Schleudern und alle – außer Carmen, denn die ist festgeschnallt – werden durcheinandergewirbelt und stürzen entweder zu Boden oder übereinander oder gegen die Wände des Wagens. Das Fahrzeug kommt schließlich zum Stehen. Das Begleitpersonal versucht sich wieder zu sammeln und aufzurichten. Alle taumeln und reiben sich ihre Blessuren. Dr. Nehmer blutet aus einer Platzwunde an der Stirn. Wiederum bemerkt er es zu spät und kann seine Gucci-Slipper nicht mehr retten. Als sich Carmens Ohren von dem Knall zu erholen beginnen, hört sie das laute Knattern von Hubschraubern. Der Polizist, der ein Bein hinterher zieht und seine Waffe bei dem Unfall verloren hat, schleppt sich zum Fenster. Was er sieht, lässt ihm das Blut aus dem Gesicht weichen.

Zwei schwarze Hubschrauber mit der Aufschrift המוסד למודיעין ולתפקידים מיוחדים schweben direkt seitlich über dem Rettungswagen. Daraus haben sich bereits einige Personen in schwarzen Overalls und mit Sturmhauben über den Köpfen und Gesichtern abgeseilt. Zwei von ihnen haben sich vor dem Polizeiauto aufgebaut und halten mit vorgehaltenen Maschinenpistolen seinen Kollegen in Schach. Der Polizist blickt durch die Trennscheibe nach vor. Dort das selbe Bild: Der Fahrer des Rettungswagens hat den Mund auf- und die Hände in die Höhe gerissen. Noch bevor der für seine Tapferkeit und Besonnenheit mehrfach ausgezeichnete Polizist nach seiner Waffe suchen kann, wird die Flügeltür am Heck des Rettungswagens aufgerissen. Der Besatzung des Krankentransports bietet sich ein Bild, das sie bisher allenfalls aus Kinofilmen kannte.

Vor der weit geöffneten Flügeltür steht eine gertenschlanke und durchtrainierte, vielleicht ein wenig maskuline aber durchaus reizvolle Kuh im eng anliegenden schwarzen Overall mit dem Carmen so wohl vertrauten Logo.

In einem Huf hält sie eine halbautomatische Waffe im Anschlag, im andern ein leicht gebogenes Messer, das in der Abendsonne blitzt. Was auch noch unbedingt erwähnt werden muss, obwohl wegen der unumgänglichen Sturmhaube leider unsichtbar, ist die platinblonde Kurzhaarfrisur, die auf so faszinierende Weise mit dem rassig-dunklen Teint der offensichtlichen Anführerin des Befreiungskommandos kontrastiert. Wie auch immer der Kuhgeschmack des Lesers sein mag, jedenfalls eine beeindruckende Erscheinung. Im Kino wären jetzt ein Moment Zeitlupe und dramatische Musik unerlässlich.

„Hands up… I wanna see yourrr hands… Hands up!“ befiehlt die Blondine mit fester Stimme und nahöstlichem Akzent, die den Lärm der Rotoren mühelos übertönt und die Zeitlupensequenz beendet.

Obwohl keine Untertitel eingeblendet werden, verstehen alle und nehmen sofort die Hände hoch. Nur Carmen nicht. Ihr Herz und ihr Solarplexus werden in diesem Moment von einer intensiven Wärme durchströmt, die ihr fast die Tränen in die Augen treibt.

Abigail!

Vier weitere schwarz gekleidete Gestalten, die sich mittlerweile aus den Hubschraubern abgeseilt haben, stürmen das Innere des Rettungswagens und führen den Notarzt und seinen Assistenten, die beiden Pfleger, den Polizisten und Dr. Nehmer nach draußen. Da steckt Abigail ihre Waffen weg und steigt in den Wagen ein. Sie stellt sich neben Carmen und während sie die Gurte der Trage öffnet, schaut sie ihrer Freundin tief in die Augen: „Yourrr ok, baby?“ Carmen hat keine Spucke mehr und so kann sie nur nicken. „Yourrr surrre?“ Erneutes, entschlosseneres Nicken. „Come on then!“ nimmt Abigail die Dinge einmal mehr in die Hand. Sie hilft der Carmencita behutsam hoch und winkt eine Kollegin heran. Zusammen helfen sie Carmen aus dem Wagen und zu einem der Hubschrauber, aus dem bereits ein Seil mit Tragegurt baumelt.

Die sichere Rettung direkt vor Augen werden jedoch die Agenteninstinkte in unserer kleinen Carmencita wieder wach. „Wait!“ ruft sie Abigail zu. „I have to take care of something before we leave!“ Carmen eilt hinüber zum Rettungswagen und sucht kurz den Fußboden ab. Dort findet sie das Blitzdings, das Dr. Nehmer bei dem Überfall verloren hat. Ein kurzer orientierender Blick, Carmen drückt den Einschaltknopf, stellt auf „Maximum“ und geht hinüber, wo Dr. Nehmer und seine Helfershelfer von Abigails Kolleginnen zusammengetrieben worden sind und in Schach gehalten werden. Sie baut sich vor Dr. Nehmer auf, holt seine vom Aufprall etwas verbogene Gucci-Sonnenbrille aus der Kitteltasche und setzt sie auf. Seine Augen weiten sich vor Furcht. „Say cheeeeeeese!“ ruft Carmen, deren Humor zurückzukehren scheint, und drückt auf den Auslöser.

So wird sich keiner mehr an ihre spektakuläre Flucht erinnern. „Außerdem war ich das dem Gustl einfach schuldig“, denkt unsere ebenso stolze wie anständige Spanierin. Dann eilt sie wieder hinüber zu Abigail, die schon ungeduldig auf sie wartet.

Abigail befestigt nun mit geübtem Huf den Tragegurt um Carmens Taille, so dass unsere Heldin sich einfach nur noch hineinsetzen muss. Dann klinkt Abigail sich mit einem Karabiner ebenfalls ein, setzt sich auf Carmens Schoß und umschlingt Carmens Hüften mit ihren durchtrainierten Beinen. Unter der Schutzweste kann Carmen den Druck des kleinen festen Euters spüren. Einen Arm legt Abigail um Carmens Schulter. Mit dem anderen Huf zieht sie ihre halbautomatische Waffe wieder aus dem Halfter, um sich und ihrer Freundin Deckung zu verschaffen. Dann gibt sie dem Piloten das Zeichen zum Hochziehen.

Nicht einmal vier Minuten nach dem Eintreffen des Befreiungskommandos ist die Aktion erfolgreich abgeschlossen. Carmen sitzt neben ihrer Freundin Abigail im Hubschrauber auf dem Weg an einen sicheren Ort. Das Wärme- und Glücksgefühl, das unsere kleine Heldin vorhin erstmals seit langer Zeit wieder einmal verspürt hatte, will nicht mehr von ihr weichen.

 

[1] Hallo, Hübsche, wie geht’s?
[2] Nichts zu danken, Hübsche.
[3] Etwa: Fuck!
[4] Das gute Leben ist teuer. Es gibt ein anderes, billigeres, aber das ist kein Leben.
[5] Der Mann macht einen Vorschlag und die Frau entscheidet
[6] Gleich haben wir’s geschafft