Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Samstagszeitung

„Das ist wie ein chirurgischer Eingriff“

Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Samstagszeitung (FAS)

 

Wir treffen Carmen de Ronda, selbständige Geheimagentin und Gründerin von „Los Asesinos Cariñosos de Carmen“ (etwa: Carmen’s Gentle Killers), im „Glashaus“ des Kölner Hyatt Regency Hotels. Sie hatte diesen Treffpunkt vorgeschlagen. Die Aussicht ist spektakulär. Im Hintergrund läuft dezent Paco de Lucia. Ein Zufall? Auf die Minute pünktlich zur vereinbarten Zeit erscheint Carmen de Ronda mit dynamischem und dennoch elegantem Schritt in einem spektakulären rot-weißen Flamencokleid und einer Gardenie im Haar.

FAS: Eine Geheimagentin haben wir uns immer anders vorgestellt.

CdR: So? Wie denn?

FAS: Eher wie in einem James-Bond-Film.

CdR: Ich schätze den Kollegen Bond. Wir haben bei verschiedenen Gelegenheiten zusammengearbeitet. Niemand kennt Russland besser als er. Aber ich muss Ihnen wohl nicht sagen, dass in diesen Filmen auch jede Menge Klischees bedient werden. Es tut mir leid, wenn sie von meiner Erscheinung enttäuscht sind.

FAS: Überhaupt nicht. Nur überrascht. Sie wirken sehr feminin und elegant.

CdR: Womit wir doch wieder bei James Bond wären…

FAS: Haben Sie die Musik bestellt?

CdR: Ich überlasse nichts dem Zufall.

FAS: Paco de Lucia war ein Freund von Ihnen?

CdR: Ja. Einige seiner Stücke hat er für mich geschrieben. Sein Tod war ein großer Verlust. (Greift in ihre Handtasche, entnimmt ihr ein großes Taschentuch, offensichtlich von Hermès, und schneuzt sich heftig.) Verzeihen Sie bitte. Eine Mischung aus Heuschnupfen und Erkältung. Diese ewigen Klimaanlagen.

FAS: Heuschnupfen???

CdR: (Mit einem nachdenklichen Blick in ihr Taschentuch, murmelt etwas wie „bäh, diese grüne Rotze…“) Naja… das ist wohl… ein typischer Geheimagentenschnupfen – mit jeder Menge, ähm… „Top Sekret“.

FAS: Wenn Sie erkältet sind, möchten Sie etwas trinken?

CdR: Das ist eine gute Idee, sehr gern. (Winkt freundlich die Bedienung herbei). Was nehmen Sie?

FAS: Ich bleibe beim Wasser.

CdR: (zur Bedienung) Haben Sie frische Pfefferminze?

Bedienung: Frische Pfefferminze, selbstverständlich, haben wir.

CdR: Dann bitte einen Pfefferminztee für mich und noch ein Wasser für den Herrn.

FAS: Wir hatten gedacht, es würde ein Mojito?

CdR: Das ist noch so ein Vorurteil. Der Agentenjob ist hart. Dafür muss man sich fit halten. Alkoholiker halten das nicht lange durch. Außerdem braucht man zum Töten eine ruhige Hand.

FAS: Noch einmal zurück zur Musik. Der Flamenco ist ein Hobby von Ihnen?

CdR: Der Begriff „Hobby“ wird der Bedeutung des Flamenco für mein Leben nicht annähernd gerecht. Ich bin mit Flamenco aufgewachsen. Ich stehe mit Flamenco auf und gehe mit Flamenco schlafen. Ich töte zu Flamenco-Musik. Flamenco ist meine Meditation, eine spirituelle Haltung. Wenn Sie sich das vor Augen halten, wird Ihnen vermutlich klar, welche Bedeutung Paco für mein Leben hatte. (Sie wischt sich noch einmal über die Nase und packt das Taschentuch wieder weg.)

FAS: Sie sind Spanierin und leben seit einigen Jahren in Deutschland. Ihre Familie, so steht zu lesen, stammt aber ursprünglich aus Portugal.

CdR: So? Wo steht das denn?

FAS: Ähm, bei Wikipedia…

CdR: Na, dann wird wohl etwas dran sein. (Grinst amüsiert.) Ja, im Ernst: Meine Vorfahren sind 1755 nach dem Erdbeben tatsächlich von Lissabon nach Andalusien umgesiedelt. Sie waren ohnehin eine bunte gemischte Sippe mit maurischen, iberischen und sephardischen Genen. Danach haben sie sich auch noch mit den andalusischen Gitanos gemischt. In meiner Familie haben anscheinend immer alle wild durch Gegend gev…

FAS: (unterbricht nervös) Señora, por favor… Wir sind von der FAS.

CdR: Bitte entschuldigen sie. Also, was ich sagen wollte: Ich entstamme einer Familie mit einer Tradition der genetischen Vielfalt. Portugiesen, Muslime, Juden, Zigeuner. Ganz zu schweigen von dem, was aus den Kolonien rüberrutsch… äh… rüberkam.

FAS: Ihr Vater war Stierkämpfer?

CdR: Kampfstier. Das ist etwas anderes.

FAS: Verzeihung. Ich meinte auch Kampfstier.

CdR: Hören Sie, ich habe mich früh von meiner Familie gelöst und meine eigene Entwicklung genommen. Vielleicht müssen wir das Thema nicht weiter vertiefen.

FAS: Meine Frage lief darauf hinaus, ob Ihnen das Töten möglicherweise im Blut liegt?

CdR: Da würde ich dann aber weniger an meinen Vater denken. Der hat nur einmal einen Torero platt gemacht und danach ein ziemlich bequemes Leben geführt.

FAS: An wen denken Sie sonst?

CdR: Nun, in erster Linie vielleicht an Tía Maria Eliminación. Meine Tante Maria… Sie war vier Mal verheiratet. Ihre Ehemänner hatten alle irgendwelche ausgesprochen unangenehmen Gewohnheiten. Und verhielten sich wenig respektvoll gegenüber Tía Maria. Alle fielen augenscheinlich verschiedenen Unfällen zum Opfer. Der Vierte ist zum Beispiel ertrunken. Er wollte Tante Maria Eliminación ihr neues Hobby Wakeboarding verbieten. Danach hat sie begriffen, dass sie allein besser dran ist und nicht mehr geheiratet. Merkwürdigerweise hörte das in der Gegend auch mit den Unfällen daraufhin auf. Tía Maria hatte später einen Beratervertrag mit der CIA.

FAS: Sind solche resoluten und erfolgreichen Frauen typisch für Ihre Familie?

CdR: Würde ich nicht unbedingt sagen. Meine Mutter war eher das Gegenteil. Die Zeiten waren eben so, damals. Aber mutige Frauen hat es doch zu jeder Zeit gegeben, oder?

FAS: An wen denken Sie da besonders?

CdR: An die Frauen, die der Inquisition getrotzt haben, zum Beispiel.

FAS: Gibt es da ein konkretes Vorbild für Sie?

CdR: Nein. Ich bin kein Opfer. Ich nehme die Fackel selbst in die Hand.

FAS: Weil Sie gerade die Inquisition erwähnt haben: man sagt Ihnen gute Kontakte zum Vatikan nach.

CdR: Gute Kontakte? Ich bin mit dem Chef befreundet.

FAS: Gott?

CdR: (stöhnt und verdreht die Augen) Mit dem Heiligen Vater. Dem Senior Vice President, wenn Sie so wollen.

FAS: Ist das immer nur ein privater Kontakt gewesen?

CdR: Ich spreche nicht über meine Auftraggeber. Aber kennengelernt haben wir uns auf beruflicher Ebene.

FAS: Sie haben bei ihm gebeichtet und er hat Ihnen die Absolution erteilt?

CdR: Ich habe ihm aus einer Notlage geholfen und später hat er mich während einer Lebenskrise spirituell begleitet. Daraus ist eine enge persönliche Freundschaft gewachsen. Wir haben unterschiedliche Kernkompetenzen und ergänzen uns ganz gut.

FAS: Der Papst ist mit einer Auftragsmörderin befreundet?

CdR: Ich mag den Begriff „Mord“ in dem Zusammenhang nicht. Das klingt so nach Straftat. Nach niederen Motiven. Was ich tue, hat immer einen guten Grund.

FAS: Aber fühlen Sie sich nicht auch schuldig, wenn Sie einen Menschen töten? Selbst wenn er ein Bösewicht ist?

CdR: Würden Sie diese Frage ernsthaft einem Chirurgen stellen, der Tag für Tag Krebsgeschwüre aus den Bäuchen seiner Patienten entfernt, um ihr Leben zu retten?

FAS: Sie sind für Ihre eindrucksvollen Metaphern bekannt. Ich verstehe jetzt, warum. Sie erleben sich also wie eine Ärztin, die versucht, die Welt zu retten, indem sie die Bösewichter eliminiert?

CdR: So ungefähr.

FAS: Aber wer legt denn fest, wer der Bösewicht ist?

CdR: Dazu benötigen Sie natürlich klare Wertvorstellungen, aus denen Sie Ihre Handlungsregeln ableiten können. Ich gebe zu, manches davon ist durchaus persönlich gefärbt. Aber insgesamt befinde ich mich in meinen Einschätzungen meist im Einklang mit den ethischen Maßstäben unserer westlichen Kultur. Vieles bespreche ich mit meinem Freund Jorge, also dem Heiligen Vater. Er stimmt meistens mit meiner Einschätzung überein. Allerdings wäre er in der Regel weniger drastisch in seinen Mitteln. Nun ja, wir ergänzen uns auch da ganz gut. Ich mache eben manchmal die Drecksarbeit, damit andere ihre Hände in Unschuld waschen können.

FAS: Und wie sieht diese Drecksarbeit konkret aus?

CdR: Wir bekommen einen Auftrag, prüfen ihn auf Übereinstimmung mit unseren ethischen Standards und führen ihn gegebenenfalls aus. Zuverlässig.

FAS: Konkret heißt das also, sie töten für Geld?

CdR: Sie sprechen immer nur vom Töten. Obwohl das nur den kleineren Teil unserer Arbeit ausmacht, wenn auch den anspruchs- und reizvolleren. Der Alltag ist weniger spektakulär: Wir beschaffen Informationen, auch in Form peinlicher Befragungen, wir leisten „Überzeugungsarbeit“, wir beschützen gefährdete Personen und so weiter. Natürlich nehmen wir dafür Geld. Wir müssen schließlich unsere Unkosten decken und leben außerdem davon. Auch der Chirurg bekommt schließlich ein Honorar. Und zwar völlig zurecht.

FAS: Wie sind Sie eigentlich zu diesem ungewöhnlichen Beruf gekommen?

CdR: Ich wollte immer gern etwas mit Menschen machen.

FAS: Wo arbeiten Sie?

CdR: Unsere Schwerpunkte liegen in Lateinamerika und in den arabischen Ländern, einschließlich der Türkei. In letzter Zeit auch zunehmend in Russland.

FAS: Was ist mit Asien und den USA?

CdR: Die USA sind zu kompliziert. Allein bis ich da mit meiner Ausrüstung durch die Immigration bin. Außerdem sind die Verhältnisse zu undurchsichtig. Eigentlich weiß man dort nie, wem man trauen kann. Die Politiker sind genauso verlogen wie in den arabischen Ländern. Vielleicht ein wenig politisch korrekter…

FAS: Und Asien?

CdR: Da vertrage ich das Klima schlecht. Und viele Asiaten gehen mir unglaublich auf die Nerven. Aber das ist eine ganz persönlich Sache.

FAS: Wie sehen Ihre Einsätze in den arabischen Ländern aus?

CdR: Immer spannend. Es ist jedes Mal wieder von neuem eine Herausforderung. In manchen Ländern muss ich zum Beispiel mit Burka arbeiten, vor allem, um bei Einnahme meiner Stellung und späterem Rückzug nicht aufgehalten zu werden. Stellen Sie sich mal vor, sie liegen auf dem Dach eines Hauses, sie arbeiten mit Zielfernrohr, weil die Zielperson in 400 Metern Entfernung mit einer gepanzerten Limousine vorfährt, von vier bis sechs Leibwächtern beschützt wird, auf dem Arm den jüngsten Sohn trägt, während dahinter die Gattinen in ihren Chanel-Burkas… Also und dem soll ich jetzt mit sicherer Hand ein Projektil genau zwischen seine zusammengewachsenen Augenbrauen platzieren, ohne seinen Sohn zu verletzen, weil Kinder natürlich tabu sind, während mir ständig der Schleier zwischen Auge und Zielfernrohr… Aber gerade diese Dinge sind es eben, die einen Auftrag auch spannend machen. Auf die Gefahr, mich zu wiederholen: Es ist wie ein chirurgischer Eingriff von höchster Präzision.

FAS: Ich versuche gerade, mir diese Szene vorzustellen. Sie erschießen also den Vater und Ehemann vor den Augen seiner Kinder und Ehefrauen? Ist das nicht traumatisch für die Familie?

CdR: Natürlich lassen sich auch trotz professioneller Ausführung und geeigneter Wahl des Projektils Kollateralschäden nicht immer ganz vermeiden. Also, meistens sind es Blut- und Gewebespritzer auf der Kleidung der Umstehenden. Für solche Fälle arbeiten wir aber mit einer zuverlässigen Reinigung zusammen, den Jacky Kennedy Cleaners in Washington. Außerdem deckt unsere Haftpflichtversicherung solche Schäden ab.

FAS: Mit „traumatisch“ meinte ich eher seelische Traumata.

CdR: Ach so. Ja, auch darum kümmern wir uns. Wir haben eine Stiftung für die Behandlung von Angehörigen mit Posttraumatischer Belastungsstörung gegründet. Hier finden Frauen und Kinder der Zielpersonen unentgeltlich Hilfe.

FAS: Verstehe ich das richtig: sie töten die Zielperson vor den Augen der Ehefrau und wenn die dann nachher Albträume und Flashbacks hat, kommt Sie in ihre Klinik und wird dort kostenlos behandelt? Ist das nicht verlogen?

CdR: Das ist nicht anders als wenn Nestlé in ein Projekt zur Alphabetisierung afrikanischer Kinder investiert. Das Prinzip ist einfach: Sie machen etwas gezielt kaputt und investieren nachher einen Bruchteil Ihres Gewinns in den Ablasshandel. Und noch einmal mindestens das Doppelte davon in Marketing-Maßnahmen, mit denen Sie Ihre sozialen Projekte bewerben.

FAS: Sie sind zynisch.

CdR: Ich bin Realistin.

FAS: Arbeiten Sie immer mit Schusswaffen?

CdR: Nein. Eigentlich habe ich eine Abneigung gegen Distanzwaffen. Sie nehmen einem das Gefühl für die Arbeit. Am liebsten arbeite ich mit bloßen Hufen. Außerdem, wie schon gesagt, die definitive Ausschaltung der Zielpersonen macht nur einen kleinen Teil unserer Arbeit aus.

FAS: Wir haben gehört, Sie seien auch sehr erfahren im Erpressen von Geständnissen.

CdR: Ihre Formulierungen sind mitunter tendenziös und manipulativ. Ich würde mich wohler fühlen, wenn Sie sich auf unser Gespräch einlassen könnten, ohne von vornherein eine bestimmte Meinung bei Ihnen Lesern hervorrufen zu wollen.

FAS: Was war an meiner Frage manipulativ?

CdR: Wir erpressen keine Geständnisse. Das hört sich an wie bei der Inquisition, als am Ende jeder alles zugab, was die Inquisitoren hören wollten. Das hatte dann mit der Wahrheit nichts mehr zu tun. Wir bemühen uns, die Wahrheit ans Licht zu bringen.

FAS: Durch Folter?

CdR: Wieder so ein tendenziöser Begriff. Wir foltern nicht. Unsere Methoden sind lediglich EIT.

FASZ: Können Abkürzungen nicht der Verschleierung dienen? Was ist EIT?

CdR: EIT steht für „Enhanced Interrogation Techniques“. Also erweiterte Befragungstechniken.

FAS: Wie sieht das konkret aus?

CdR: Beispielsweise baden wir die Probanden in einer Art Badewanne. Sie kennen so etwas in ähnlicher Form aus der Physiotherapie. Das Ziel ist, dass sie sich besser entspannen und in diesem Zustand besser an die Informationen erinnern, die wir von ihnen benötigen.

FAS: (hält ihr ein Foto hin) Ist es das, wovon Sie sprechen?

CdR: (zwischen den Zähnen) Woher haben Sie dieses Foto?

FAS: Nun, wir haben natürlich recherchiert. Das Bild zeigt Sie in Gummistiefeln, Schürze und mit Putzhandschuhen über eine Person gebeugt, die auf ein Brett geschnallt ins Wasser getaucht wird.

CdR: Ich sage ja, wir baden die Häftlinge, damit sie sich besser entspannen können. Wie gesagt, eine Art Physiotherapie. Natürlich will ich mir dabei nicht immer nasse Füße holen. Die Klimaanlagen sind schlimm genug für meine empfindlichen Atemwege. (Holt wieder das Hermès-Tuch aus der Handtasche und schneuzt sich).

FAS: Andere nennen das „Waterboarding“.

CdR: Das sind doch nur Schlagwörter. Aber gut, nennen Sie es meinetwegen Waterboarding. Sie müssen sich das vorstellen wie Skateboarding oder Wakeboarding. Die Leute lieben den Kitzel. Tante Maria Eliminación hat das erfunden. Sie war bestimmt kein schlechter Mensch.

FAS: Aber anscheinend überleben nicht alle diesen Kitzel.

CdR: Wer sagt das?

FAS: Auf dem Foto wird hinter Ihnen gerade eine Bahre mit einem zugedeckten Körper vorbeifahren.

CdR: Zeigen Sie mal… also, das kann ich mir nicht erklären… bestimmt war ihm kalt oder er wollte auf dem Foto nicht erkannt werden… Ich sage Ihnen, das sind sichere Befragungsmethoden in den Händen von Profis. Und wir sind Profis.

Der zweite Teil des Interviews folgt in der nächsten Ausgabe.