WM-Tagebuch (Mai – Juli 2014)

No sinal
O espetáculo vai começar
Garantindo sua diversão
A cobertura dos abutres já no ar!

Por sinal
O espetáculo já terminou
Pra recomeçar n’outra versão
Dura até que o sangue pare de jorrar…

(Maria Gadú)

(Auf das Zeichen wird die Show beginnen, Ihr Vergnügen ist garantiert, am Himmel sammeln sich schon die Geier,
übrigens ist die Show schon zu Ende, um auf andere Art neu zu beginnen, sie dauert bis kein Blut mehr spritzt…)

Carmen WM Planer
Die Planung steht!

 

01. Mai 2014   Reisevorbereitungen

„Wie gut, dass wir in Europa solche Verhältnisse nicht kennen“, stellt Carmen erleichtert fest, nachdem sie den brasilianischen Film „Cidade de Deus“ (City of God) gesehen hat.

Dann legt sie beiläufig einen Autofahrer um, der ihr gerade vor dem Supermarkt den letzten Parkplatz vor der Nase wegschnappen will und steuert zielsicher selbst in die Lücke.

„Wehret den Anfängen!“ sagt sie zu den herbeigeeilten Polizisten, denen sie eine Plastiktüte mit Leergutbons in die Hand drückt, woraufhin diese keine weiteren Fragen stellen, Carmen zuvorkommend die Autotür aufhalten und die üblichen Verdächtigen verhaften.

„Ganz ehrlich, Udo“, fragt Carmen ihren Friseur, „meinst Du, so eine La-Ola-Welle würde mir stehen?“ – „Schätzchen, wenn eine das tragen kann, dann Du!“ antwortet der professionelle Frauenversteher erwartungsgemäß.

Laola
Carmen reitet auf der La-Ola-Welle

 

06. Mai 2014

Als Carmen nach einer Stunde Trampolinspringen vor das Fitnessstudio tritt, macht sie eine Beobachtung, die sie zum Grübeln über ihr Gewicht veranlasst. Die neben der Tür aufgeklebte Beschriftung des Raumes hat sich gelöst und ist zur Seite gekippt.

Studio
Ein Erdbeben?

 

Telefonisch erkundigt sich Carmen beim Seismografischen Institut der Universität zu Köln, ob heute im Raum Innenstadt besondere Aktivitäten registriert worden seien.

Der Dienst habende Seismologe versucht, sie zu beruhigen: „Da war schon etwas. Aber das war sicher kein Erdbeben.“ – „Nein?“ fragt Carmen eher beunruhigt zurück. „Sie werden es nicht glauben, aber es sah eher aus, als würde eine fette Kuh auf dem Trampolin springen“, beschreibt der Seismologe das Phänomen metaphorisch und lacht sich anschließend über seinen eigenen Witz kaputt.

Im Restaurant bestellt Carmen einen Salat mit Ziegenkäse. „Aber ohne Ziegenkäse und das Dressing bitte nur mit Essig und ohne Öl“, schärft sie der Bedienung ein.

 

21. Mai 2014   Trainingslager

Aufgrund des verletzungsbedingten Ausfalls von Maskottchen Paule fährt Carmen heute mit der Nationalmannschaft ins Trainingslager nach Südtirol.

„Jogi hat gesagt, ich darf bei Manuel im Zimmer schlafen“, freut sich unsere charmante Glücksbringerin.

Ringring Ringring… „Rezeption, was kann ich für sie tun?“ – „Neuer, Zimmer elf. Bei mir liegt so ne dicke alte Kuh auf dem Bett. Kann die bitte jemand auf die Weide führen? Ich will mich hinlegen…“

Nachmittags bei der Physiotherapie kugelt Carmen Müller-Wohlfahrt dem Nationaltorhüter mit einer geschickten Bewegung die verletzte Schulter aus.

„Das war für die dicke alte Kuh, du arroganter Sack“, knurrt Carmen und zieht sich aus dem Behandlungsraum zurück.

„Und immer schön kühl halten“, ruft sie dem weinenden Torwart im Weggehen noch zu.

Dann setzt sie die dunkle Langhaarperücke ab und justiert ihre Kamelienblüten im Haar.

 

09. Juni 2014   Carmen bezieht ihr Zimmer in Campo Bahia

Zum „Deutschen Mühlentag“ bereitet Carmen heute in Campo Bahia den Kaffee für die Nationalmannschaft ganz frisch: „Jede Tasse handgemahlen!“ informiert sie die müden Spieler und lenkt so vom eigentlichen Zweck ihrer Reise ab, einem Geheimauftrag der Firma Schwartau. Die Spieler sollen behutsam aber nachhaltig von Nutella auf Schoko Mac umgewöhnt werden. Schon längst hat sie jedem eine Probepackung an den Platz gelegt.

 

12. Juni 2014   No sinal, o espetáculo vai começar [1]

Als Carmen nach dem Frühstück gemütlich mit ihrer nagelneuen Spiegelreflexkamera um den Hals durch die Favela Maré in Rio spaziert und hier und dort den ein oder anderen Drogendeal ablichtet („Olhe o passarinho!!! Obrigada….“)[2], wird sie erwartungsgemäß Opfer eines bewaffneten Raubüberfalls durch einen Crack-Süchtigen. Wie in ihrem Reiseführer empfohlen, leert sie widerstandslos die Taschen und übergibt deren Inhalt an den nervösen Kleinkriminellen. „Würde mich mal interessieren, welcher Supermarkt in Rio die ganzen Leergutbons aus dem Kölner Rewe einlöst“, erzählt sie hinterher schmunzelnd ihrer Freundin Abigail am Telefon.

 

14. Juni 2014

Nach der vernichtenden Niederlage der spanischen Nationalmannschaft vom Freitag öffnet Carmen heute erstmals wieder ein Auge, blickt Jorge hilfesuchend an und flüstert: „Sag mir bitte, dass es ein Albtraum war!“

 

16. Juni 2014   Seitenwechsel

Wenige Stunden vor dem Anpfiff des WM-Spiels Deutschland gegen Portugal stellt Carmen in ihrem Hotelzimmer in Salvador das Bier kalt, hängt die portugiesische Fahne über das Balkongeländer und richtet alle Utensilien, um nachher Ronaldo die Haare schön zu machen.

In einem Hinterhof der Altstadt von Salvador schlachtet Candomblé-Hohepriesterin Carmen Ialorixá de Ronda-Muralecimbe ein Huhn und verschmiert das Blut auf dem Boden. Anschließend versetzt sie sich in Trance und liest die Zeichen: „Es wird ausgehen wie erwartet!“ lautet ihre Ãœberzeugung nach Abschluss des afrikanischen Rituals. Ein bisschen Hühnerblut mischt sie in Ronaldos Brillantine. „Bringt Glück. Also dem Ronaldo. Dem Huhn ja nicht“, erklärt sie ihren Zauber einem Journalisten in allgemeinverständlichen Worten.

Noch vor Ende der Zeremonie wird Carmen mit vorgehaltener Waffe das Huhn geraubt. „Zum Glück hatte ich das Suppengrün in meinen Schuhen versteckt“, freut sich unsere erfahrene Brasilien-Besucherin.

Mit dem restlichen Hühnerblut streckt sie im Quartier der Deutschen Mannschaft die zur Neige gehenden Vorräte von „Schoko Mac“. Dann richtet sie der Nationalelf das Frühstück. „Ob die Vegetarier etwas merken werden?“ fragt sie sich im Stillen, während sie den Tisch mit dem Suppengrün dekoriert, das sie liebevoll in eine kleine Vase gestellt hat.

11:00 Uhr Ortszeit – Breaking News: Aufgrund gesundheitlicher Probleme ist der Einsatz von Cristiano Ronaldo heute in Gefahr. „Das Knie macht uns keine Probleme“, lautet das Kommuniqué der Mannschaftsärztin Carmen Coelho-Wohlfahrt. „Aber aufgrund einer Haarwurzelentzündung sitzt die Frisur im Mittelfeld nicht perfekt – so kann er unmöglich spielen“, erklärt die charismatische Medizinerin. Sie sei weiterhin zuversichtlich, die Störung durch massiven Einsatz von Eispackungen und Brillantine noch rechtzeitig vor Spielbeginn in den Griff zu bekommen.

Während der Behandlung bemerkt Carmen am Oberschenkel des portugiesischen Mannschaftskapitäns ein vereinzeltes, bei der Depilation offenbar übersehenes Härchen, das sie sogleich mit einer Pinzette auszupft und den Haarbalg anschließend mit einer Kamillenpackung beruhigt. „Mit dieser Maßnahme haben wir seinen cw-Wert um mindestens 1 Promille gesenkt. Es sind gerade solche scheinbaren Kleinigkeiten, die häufig über Sieg oder Niederlage entscheiden. Außerdem, wenn er das Haar während des Spiels selbst entdeckt hätte, wäre er vermutlich sofort in Ohmacht gefallen.“

13:30 Uhr Ortszeit – Beim 2:0 für Deutschland denkt Carmen an Trennung.

Endstand 4:0 für Deutschland.

„Das Candomblé-Orakel hatte tatsächlich Recht“, ist Carmens erster Gedanke nach dem Abpfiff. Eine halbe Stunde später liegt Ronaldo weinend an ihrem Euter. Währenddessen tippt Carmen auf ihrem Q-Phone eine SMS: „Lieber Manuel, erst einmal herzlichen Glückwunsch zu Eurer tollen Leistung. Ich hoffe, Du bist mir nicht mehr böse. Du weißt schon, wegen Deiner Schulter neulich. Freut mich echt, dass Dir wieder besser geht. Wäre schön, wenn wir uns bald mal wieder treffen könnten. GLG, Deine Carmen.“

„Wenn der nur endlich mal aufhören würde zu weinen“, denkt Carmen und guckt angewidert auf den Brillantineschopf hinunter. „Mein schönes Flamencokleid ist ja schon pitschnass…“ Als Ronaldo endlich eingeschlafen ist, trägt sie ihn in sein Bettchen, deckt ihn zu und geht hinüber zu Pepe. Dort kehrt sie den strengen Fußballcoach heraus: „Wenn Du Deine Impulsivität nicht in den Griff bekommst, geht’s ab nach Hause!“ schimpft sie ihn aus. „Er musste sein Ritalin absetzen wegen der Doping-Tests. Offensichtlich geht es aber doch nicht ohne“, seufzt die ADHS-Spezialistin in einem Interview mit der Zeitschrift „Kicker“.

 

17. Juni 2014   The Day After

„Kuh muss Prioritäten setzen“, meint Carmen nach dem Aufwachen und sagt vorläufig alle Auftragsmorde außerhalb Brasiliens ab.

In Bermudas, T-Shirt und Flipflops macht sie einen kleinen Morgenspaziergang durch Salvador. „Das wird mir in Deutschland irgendwie fehlen“, sagt sie, nachdem ihr eine Gruppe Achtjähriger mit vorgehaltenen Waffen das Portemonnaie abgenommen hat. „Würde gern die Gesichter sehen, wenn sie am Geldautomaten versuchen, mit meiner alten Paybackkarte das Konto leerzuräumen“, grinst unsere Weltreisende.

Auf dem Rückweg zum Hotel trifft Carmen die Bundeskanzlerin, die in Flipflops, Bermudas und T-Shirt im Supermarkt noch schnell eine Flasche Cachaça für den Rückflug nach Deutschland gekauft hatte. „Stell dir vor, da haben die mir doch am Ausgang meine ADAC-Karte abgenommen“, giggelt Angie in vertrautem Ton. Dann ziehen beide ihre unter den Sohlen aufgeklebten Geldscheine hervor und gehen erst mal einen Kaffee trinken.

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Uma xícara de café e uma cachaça

 

Dabei informiert Carmen ihre neue Amiga über die sozialen Missstände des Landes: „In manchen Favelas hat nicht mal jedes dritte Kind eine eigene Schusswaffe!“ prangert sie an und untermauert ihre Darstellung mit einigen Barcharts auf einem Hochglanzflyer, den sie zuuuuufällig in einer kleinen Plastiktüte bei sich trug. „Und genau hier wollen wir mit dem Hilfsprogramm der Carmen’s Gentle Killers-Stiftung ansetzen: ‚Schusswaffen für alle bis 2015‘ lautet unsere ehrgeizige Vision!“ redet sich Carmen in Rage. „Klingt plausibel“, meint Angie nachdenklich. „Und was kann ich dazu beitragen?“ – „Du musst nur die Waffenexporte genehmigen. Um alles andere kümmern wir uns. Hier, ich hab da mal etwas vorbereitet…“ schiebt Carmen der Kanzlerin die erforderlichen Papiere unter. Nach der Unterschrift klopft sie der Kanzlerin auf die Schulter und sagt mit fester Stimme: „Brasilien: Ein Land der Zukunft!“ Als kleines Dankeschön für die unbürokratische Kooperation schenkt unsere Waffenhändlerin der Regierungschefin das gleichnamige Buch von Stefan Zweig.

„Wo ist denn nur mein Handy?“ wundert sich die Kanzlerin nach dem Deal und guckt fragend dem Jugendlichen hinterher, der gerade ihren Stuhl gestreift hat. „Uiiiiii, da wird der Lammert aber wieder schimpfen“, lacht Carmen und bestellt für beide noch einen Cachaça.

Nachdem sie das Geschäftliche erledigt hat, nutzt unsere vielbeschäftigte Heldin eine ruhige Stunde, um sich ein wenig an den Strand von Salvador zu legen. Sie setzt ihre überdimensionierten High-Tech-Kopfhörer auf und lauscht den Klängen von Paco de Lucias letztem Album. Dabei erinnert sie sich, wie ihr Freund Paco in jener warmen andalusischen Sommernacht in den Gärten des Generalife nur für sie gespielt hat. Plötzlich wird sie durch einen Stoß in die Seite unsanft aus ihren Träumen aufgeschreckt.

Als sie die Augen öffnet, steht vor ihr ein etwas verdreckter Zehnjähriger, der hektisch mit einer Knarre herumfuchtelt. „Me dê o fone!“[3] befiehlt er nicht gerade auf höchstem Sprachniveau und zeigt nervös auf die Kopfhörer.

In aller Seelenruhe und mit einem liebenswürdig-gewinnenden Lächeln setzt Carmen die Kopfhörer ab: „Desculpe, não entendi. Poderia repetir, por favor?“[4]

„O fone! Me dê!!!“[5] überschlägt sich die Stimme des kleinen Kapitalverbrechers.

„Pois, você gosta dele? É o mesmo modelo que Manuel Neuer usa. Você conhece o Manuel?“ [6] plappert Carmen munter weiter, woraufhin der Junge ihr die Pistole gegen die Stirn presst: „Me dê!!!“[7] fordert der Kleine kurz vor dem Ausflippen.

„Qual é a palavra mágica?“[8] denkt Carmen unberührt und vielleicht etwas oberlehrerhaft. Da sie aber doch begreifen muss, dass der Kleine offenbar wenig Sinn für Humor besitzt, seufzt sie nur kurz und zieht dann ebenso überraschend wie entschlossen ihre beiden Vorderhufe ruckartig zum Körper – eine der einfachsten Techniken aus dem Krav-Maga-Training – wodurch der Ganove mit einem langgezogenen Schmerzensschrei in hohem Bogen etwa 100 Meter aufs Meer hinaus befördert wird, wo er mit einem satten Platschen aufkommt. Dann geht die Schreierei erst richtig los.

„Eigentlich verabscheue ich Gewalt“, sinniert Carmen und nimmt vorsichtshalber die Waffe des Räubers an sich, die ihm vor Schreck aus der Hand gefallen war. Dann setzt sie die Kopfhörer wieder auf und erinnert sich irgendwo gelesen zu haben, dass die meisten Brasilianer erst als Erwachsene schwimmen lernen.

Allmählich findet die Carmencita wieder zur Ruhe. Im Halbschlaf erscheint vor ihrem geistigen Auge Goyas Bild des „Perro semihundido“, das ihr letztes Jahr im Prado so gut gefallen hat.

 

17. Juni 2014   Unentschieden

Rechtzeitig zum Spiel Brasilien gegen Mexiko landet Carmens Drohne in Fortaleza. Als sie im Stadion eintrifft, zeigt sie sich zunächst erschüttert: „Neymar in blond! Setzt denn niemand diesen verwirrten Kindern Grenzen?“ Dann muss sie aber eingestehen, dass die Haarfarbe letztlich gut zum IQ des brasilianischen Superstars passt.

Als Carmen Giovanni Dos Santos erblickt, spürt sie eine feuchte Hitze unter ihrem Flamencokleid aufsteigen. „90 % Luftfeuchtigkeit“, behauptet sie entschuldigend und zieht ihren Fächer aus der Handtasche. Dann beschließt sie aber doch, in der Pause der mexikanischen Kabine einen kleinen Höflichkeitsbesuch abzustatten.

Anpfiff. Beim ersten Überqueren der Mittellinie nimmt Oscar dem türkischen Schiedsrichter mit vorgehaltener Pistole die Uhr ab. „Bem-vindo no Brasil!“[9] klopft er dem Unparteiischen freundlich auf die Schulter und zieht sich die Uhr an.

Als in der 26. Minute noch immer kein Tor gefallen ist, schaltet Greenkeeper Carmen gelangweilt die Berieselungsanlage ein. „Können wohl alle eine Abkühlung gebrauchen“, beschwichtigt sie den aufgebrachten Schiedsrichter.

„Ksch ksch, hola, ¡fiesta blanca! ¿quieres?“[10] – „Ahhh, no no, ahora no, gracias“[11], lehnt der mexikanische Trainer freundlich das Kokaintütchen ab, das ihm traficante Carmen diskret anbietet. „Er kann es sich gerade nicht reinziehen, weil man ihm vor dem Spiel alle Geldscheine und die Kreditkarten geklaut hat“, zeigt Carmen Verständnis für die Abstinenz des Coachs.

„Hey, Bock auf nen Freistoß?“ zwinkert Carmen dem brasilianischen Nationalspieler Thiago Silva zu. „Du bist manchmal so billig“, hört sie Jorges Stimme hinter einer Wolke sagen.

Kein Tor bis zur Halbzeit. Unendlich gelangweilte Carmen gräbt das Spielfeld um. „Ich bin die erste Kuh in Südamerika, die HINTER dem Pflug steht“, kommentiert sie stolz.

Danach verteilt sie im Auftrag der Firma Beiersdorf kleine Deo-Pröbchen aus ihrem Bauchladen. „Wird höchste Zeit“, rümpft sie beim Durchstreifen des mexikanischen Fanblocks die Nase.

Die zweite Halbzeit beginnt. Da Manuel bisher nicht auf ihre SMS geantwortet hat, schmeißt sich Carmen jetzt an den mexikanischen Torhüter Guillermo Ochoa ran und versucht penetrant, den Torbogenreflex[12] bei ihm auszulösen. Doch der hat nur Augen für den Ball.

„Nimm mich! Bitte!! So nimm mich doch endlich!!!“ reißt Carmen verzweifelt an seinen Locken, bis sie von Sicherheitskräften weggebracht und dem Stadionarzt vorgestellt wird. „Kontrollverlust aufgrund tropischer Hitze“, lautet dessen Diagnose. Das sei nicht untypisch bei diesen europäischen Touristinnen, fügt er noch hinzu und verabreicht unserer berauschten Superheldin ein leichtes Beruhigungsmittel.

Der Schlusspfiff naht. Carmen erwartet ungeduldig den Trikottausch.

Carmen Trikottausch
Lasziv

 

18. Juni 2014   Hauptsache: Tor

Da Manuel noch immer nicht auf Carmens SMS geantwortet hat und der mexikanische Torwart auch nach dem Spiel partout nicht auf ihre penetranten Annäherungsversuche reagieren wollte, hat sich Carmen nach dem Schlusspfiff noch ein paar Caipirinhas reingepfiffen und ist dann zu Olli Kahn aufs Zimmer geschlichen. „Die alten Kämpfer sind immer noch die besten: unaufgeregte Qualität eben“, ist das Fazit unserer kleinen Spielerfrau als sie im Morgengrauen diskret Kahns Unterkunft verlässt.

 

19. Juni 2014   Spanien scheidet aus

Mannschaftskapitänin Carmen de Ronda hatte bei der spanischen Hymne Tränen in den Augen. Dennoch hat sie sich vorgenommen, mit ihrer Elf die Chilenen in den Atlantik zu treiben. Es soll jedoch anders kommen.

Anpfiff. Carmen bekommt in den nächsten 45 Minuten kein Bein auf den Boden.

0:2 für Chile zur Halbzeitpause. Der spanische Trainer wechselt Carmen aus und schickt sie auf die Ersatzbank.

Carmens Patenonkel König Juan Carlos unterschreibt daraufhin seine Abdankung.

Kurz vor Beginn der zweiten Halbzeit steckt Carmen dem Unparteiischen ein Bündel Geldscheine in die Tasche. „Die erste Hälfte jetzt, die andere wenn Chile verliert“, beschwört ihn die Meisterin der Corrupção.

Noch 20 Minuten. Schweizer Sterbehilfeverein verteilt Prospekte in der Kabine der Spanier.

Noch 10 Minuten. Aussichtslos. Spanien bittet um den Telefonjoker.

Noch fünf Minuten. Carmen übergibt dem Schiedsrichter ihre schwarze Amex. „Mach was!“ zischt sie ihn an. „Mindestens sechs Minuten Nachspielzeit will ich dafür haben!“

Nach Ende der sechsminütigen Nachspielzeit hat Chile 0:2 gewonnen. Die Spanier fahren heim. Vielleicht müssen sie auch schwimmen.

 

20. Juni 2014   Konsequenzen

Am frühen Morgen steigt Carmen in die Drohne und fliegt auf direktem Weg über Paraguay und Argentinien nach Santiago de Chile. Dort stürmt sie kurz nach Öffnung in die Passabteilung der Ausländerbehörde und verlangt den Amtsleiter zu sprechen. „Ich will eine von Euch werden!“ knallt sie ihren spanischen Pass auf den Tisch, in dem sie diskret 500 US-Dollar versteckt hat.

Der Behördenchef schaut sie nur mitleidig an. „Bedaure Señora, aber der Ansturm an Elendsflüchtlingen aus ihrem Land ist seit gestern einfach zu groß.“

Carmen tippt selbstbewusst auf Ihren Pass: „Vielleicht möchten Sie doch noch einmal genauer hinschauen?“ Als der Immigrationsbeamte die 500 Dollar entdeckt, wird er doch kooperativer. „Wie soll denn der Name in ihrem chilenischen Pass lauten?“ fragt er dienstbereit. „Conchita Ochoa“, ist Carmens spontane Antwort.

„Wenn du zurückfliegst“, bittet Jorge unsere Weltenbummlerin am Telefon, „könntest du vielleicht in Buenos Aires zwischenlanden und mir ein paar Gläser Dulce de leche mitbringen? Die Fastenzeit ist doch vorbei…“ fügt das Leckermäulchen noch entschuldigend hinzu. „Na gut. Dein Glück soll mir den Umweg wert sein“, antwortet unsere frischgebackene Chilenin zufrieden.

Am Abend schaut sie im Haus ihrer Freundin Dilma das Spiel Uruguay gegen England gemütlich bei einem Bier im Fernsehen. „Wo ist denn Deine Haushälterin?“ erkundigt sich Carmen. „Die musste ich entlassen“, antwortet die Präsidentin. „Seit der Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns können wir uns nur noch halb soviel Personal leisten“, ist die bittere Erklärung. „Jetzt steht sie auf der Straße. Damit hat sie wohl auch nichts gewonnen…“

„Uruguay ist ein Land der Zukunft“, proklamiert Carmen als die Engländer geschlagen den Platz verlassen und trägt sich mit dem Gedanken, dort in eine Hühnerfarm zu investieren. „Wir brauchen frisches Hühnerblut. Für die Orakel“, begründet sie diese Idee.

 

21. Juni 2014   Carmen sieht schwarz

Am Morgen vor dem Spiel gegen Ghana lässt Carmen wieder ein Huhn schächten. Das Blut sammelt sie auf, um es der deutschen Elf ins Schoko Mac zu rühren. „Schließlich hat uns noch kein Vegetarier zum Sieg geschossen“, begründet unsere kleine Spezialistin für Sportlernahrung ihr heimliches Tun.

„Ey, nit schlescht, dat Zeusch, jar nit schlescht“, poltert Poldi den Schweini beim Frühstück an. „Fehlt Dir dat Nutella? Also mir nit“, fügt er noch hinzu. Carmen lässt sich ihre Freude über diesen Dialog der beiden manipulierbaren Konsumopfer nicht anmerken und stellt dem Kölschen Fußballprinzen noch ein frisch zubereitetes Glas Schoko Mac mit Hühnerblut hin, während sie Jogis misstrauischen Blicken auszuweichen versucht. „Du sollscht doch den Poldi net so abfüttere, der isch doch eh zu fett!“ warnt der Trainer seine Diätassistentin mit deutlichen Worten.

„Höhöhö, fett hat er gesagt, der Poldi is fett“, giggeln Schweini und Hummels ausgelassen. Manuel Neuer lässt sich von der Fröhlichkeit der Truppe nicht anstecken und mampft schweigend und versunken sein Müsli. Er fragt sich, ob es richtig war, nach der Sache mit der Schulter die Handynummer zu wechseln. Er fragt sich, ob Carmen wohl versucht hat, ihn zu erreichen. Denn irgendwie fehlt sie ihm auch. Jedenfalls hatte es ihm einen Stich versetzt, als sie sich vorgestern so an Ochoa rangeschmissen hat. „Was will sie denn mit diesem aufgeföhnten Latino-Pudel? Ich passe doch viel besser zu ihr“, lauten seine depressiven Grübeleien.

Der Geschäftsführer von Schwartau ruft bei Carmen an. Er ist glücklich über die steigenden Absatzzahlen von Schoko Mac. „Und das Beste ist: jetzt verkaufen wir die Pampe nicht nur in Deutschland, sondern inzwischen gehen die Umsatzzahlen auch in der brasilianischen Mittelschicht eindeutig nach oben!“ – „Glückwunsch! Ich würde sagen, Nutella war gestern“, biedert sich Carmen bei dem Kapitalisten an.

„This Girl is on Fire“, singt Carmen zum Todestag der Jeanne d’Arc besinnlich. „Sie war eine wie ich – bis auf das Ende“, meint Carmen. „Ja, starke Frauen wie wir leben riskant. Sie hatte damals leider den falschen Zauber“, fügt sie hinzu, während sie sich das Hühnerblut von den Hufen wäscht. „Außerdem ist es nie verkehrt, den Heiligen Vater auf seiner Seite zu haben“, sagt unsere erfahrene Netzwerkerin und schickt Jorge per UPS ein paar große Gläser Dulce de leche, die sie ihm aus Argentinien mitgebracht hat.

Die UN-Hochkommissarin für das Flüchtlingswesen, Conchita Ochoa, rettet 20 erschöpfte spanische Nationalspieler aus dem Atlantik. „Es war höchste Zeit, sie waren schon völlig entkräftet“, sagt Ochoa. Nun verteilt sie die politisch verfolgten Asylsucher auf verschiedene Länder in Lateinamerika.

„Sie können nicht in ihre Heimat zurück, weil sie dort nicht mehr sicher sind. Daher verteilen wir sie jetzt auf spanischsprachige Länder in der Region. Nach Chile wollte allerdings keiner“, teilt die Diplomatin mit.

 

21. Juni 2014   GER ./. GHA

Fortaleza: Carmen ordnet die Einstellung deutscher Entwicklungshilfe für Ghana an und verkauft Neuer an einen amazonischen Kannibalenstamm.

 

22. Juni 2014

Heute früh hat der Chef der Raiffeisenbank Carmens Garageneinfahrt zugeparkt. „Wir machen den Weg frei“, knurrt unsere kleine Politesse, als sie seine Karre mit einer Panzerfaust in die Luft jagt.

Zum Frühstück besucht sie das Trainingslager der Nationalmannschaft von Ghana. Als Geschenk bringt sie ein paar Gläser Schoko Mac mit. Dann hält sie eine kleine Ansprache, in der sie die Mannschaft ermutigt, sich weiter anzustrengen: „Unter hohem Druck wird auch Kohle zum Diamanten“, lauten ihre abschließenden Worte, die den anwesenden Journalisten viel Spielraum zur Diskussion über implizit rassistische Metaphern eröffnen.

Später darf die Carmencita an einem leichten Training der Afrikaner teilnehmen. Die ebenso verspielten wie höflichen Sportler lassen sie ein Tor schießen und jubeln ihr danach begeistert zu. Anschließend darf unsere liebesbedürftige Heldin mit der Mannschaft duschen. „Puxa[13], Afrika ist ein grooooßer Kontinent!“ kommt sie aus dem Staunen nicht heraus.

„Wenn ich Kevin Prince heirate, werde ich dann Prinzessin?“ träumt unsere heimliche Romantikerin im Stillen.

 

23. Juni 2014   Hoch wirksam

In der aktuellen „Apotheken-Umschau“ stellt Carmen ihre neue Salbe gegen Sportverletzungen vor. „Allein damit haben wir Ronaldos Knie und Neuers Schulter wieder hingekriegt!“ schwärmt die Apothekerin. „Ist hoch wirksam und in Doping-Tests nicht nachweisbar – mit natürlichem Kuhtison!“

 

24. Juni 2014

„Hola Carmen, kriege das Bild deines prallen Euters nicht aus dem Kopf. Bin total scharf auf Dich. Lass uns treffen. Ruf mich an. Guillermo“ lautet der Text der SMS, die Carmen mit großen Augen auf ihrem Q-Phone liest. Als sie gerade zurückrufen will, klingelt der Wecker und Carmen erwacht durchgeschwitzt aus ihrem Traum.

„Sie halten ein straffes Euter zurecht für den Schlüssel Ihres Erfolgs“, deutet Carmens Analytiker den Traum. Er weist sie darauf hin, dass seine Ehefrau in ihrer Hautarztpraxis gerade eine neue Pflegeserie für empfindliche Haut anbiete. „Für meine Patienten übrigens zum Sonderpreis“. fügt der korrupte Psychologe hinzu.

„Aber denken sie denn nicht, dass echtes Selbstbewusstsein unabhängig sein müsste von solchen Äußerlichkeiten?“ fragt Carmen verunsichert. „Ach ja, das versucht ihnen die Emanzipationsbewegung immer einzureden. Meiner Meinung nach beruht diese Auffassung aber auf einer idealistischen Weltsicht, die an der Realität vorbeigeht. Gucken sie sich doch Frau Schwarzer nur mal an, wie weit sie mit ihren vertrockneten Titten gekommen ist!“ schnaubt der Therapeut. Carmen denkt an ihre unversteuerten Leergutbons und versinkt für den Rest der Sitzung in Schweigen.

Auf dem Heimweg schaut Carmen dann doch in der Hautarztpraxis rein. „Ah, Sie kommen von meinem Mann!“ strahlt die Frau Doktor und drückt Carmen einen großen Cremetiegel in die Hand. „Hier: morgens und abends mit sanft kreisenden Bewegungen einmassieren“, empfiehlt die Ärztin. „Dann klappt’s auch mit dem Torwart“, flüstert sie noch verschwörerisch hinterher. Carmen bezahlt und geht nach draußen. Dort wirft sie einen Blick auf die Packung. „El Euter O’Cock“ steht da in großen Lettern.

 

25. Juni 2014   NIG ./. ARG

„Hab‘ ich extra mit einem Spezialwaschmittel für Funktionskleidung gewaschen“, schwärmt Carmen und überreicht Jorge sein frisch gebügeltes und duftendes Papstfußballtrikot, knöchellang in weiß mit hellblauen Streifen. „Danke Dir, meine Liebe! Damit werden wir die Muselmänner heute Abend ein für alle mal besiegen!“ tönt der lateinamerikanische Kreuzritter selbstbewusst.

Im Spiel landet Jorge den entscheidenden Treffer, der Argentinien zum Sieg verhilft. Danach belohnt ihn Carmen mit einem leckeren Quark mit frischem Obst. „Er hatte die letzten Tage etwas zuviel Schoko Mac“, erklärt unsere Diplom-Ökotrophologin den Speiseplan, während Jorge sein Tischgebet spricht:

„Komm Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was Du uns bescheret hast.“ Dann löffelt er hungrig das Bio-Obst. „Reicht aber doch gar nicht für zwei“, murmelt Blasphemikerin Carmen aus dem Hintergrund.

Jorge Quark
Jorge auf Diät

 

„Es geschah mit Gottes Hilfe“, sagt der Torschütze nach dem Essen bescheiden zu seinem Erfolg.

„Es geschah, weil ich den nigerianischen Torwart bestochen habe“, notiert die Carmencita in ihrem geheimen Tagebuch.

 

26. Juni 2014   GER ./. USA

Carmen entfernt die argentinische Flagge von ihrer Drohne und zieht die gestrickten Deutschland-Mützchen über die Rückspiegel ihres Cabrios. „And she’s fighting for Germany, she’s fighting for Spain, she’s fighting for Argentinia, and she’s fighting for Brasil, and she’s fighting for Africa, and she thinks we’ll put an end to war this way…. She’s a universal soldier and she really is to blame, her orders come from FIFA no more, they come from here and there and you and me, and sisters can’t you see, this is not the way we put the end to war….“ pfeift Carmen Donovania – de Ronda fröhlich, während ihr von der Siegesfeier erschöpfter Freund Jorge noch selig schlummert und weiter von der Reconquista träumt.

Das Spiel läuft gut. „Hab ihre hübschen Trikots nicht umsonst so sorgfältig gebügelt! Rotschwarz steht dem Müller richtig gut!“ stellt unsere Typen- und Farbberaterin zufrieden fest.

„Die machet mir de Schweini kaputt“, brüllt Jogi in höchster Not und entscheidet sich kurzfristig, Carmen als Mannschaftsärztin ins Team von Müller-Wohlfahrt zurückzuholen. „Wir müssen dem Özil sein Schilddrüsenhormon runterdosieren“, ist Carmens erster Rat an Jogi. „Aber dann kommet doch wieder die Äugle raus“, äußert der Bundestrainer Bedenken.

„Reicht jetzt!“ sagt Carmen herrisch und nimmt dem nervösen Trainer kurz vor der Halbzeitpause die Chipstüte weg.

 

27. Juni 2014

„Deutschland ist ein Land der Zukunft“, lautet Carmens Überzeugung am Morgen nach dem Einzug ins Achtelfinale.

„Am Montag geht der Kampf gegen die afrikanischen Muselmänner weiter!“ freut sich Wüstenfuchs und Kreuzritter Jorge. „Eine Spanierin verwickelt Deutschland in den Algerienkrieg – verrückte Welt“, bestätigt Carmen de Ronda-Rommel nachdenklich.

„Ab nächsterrr Woche wirrrd auch in Affrrricka endlich wiederrr doitsch gesprrrochen!“ muht der ewig gestrige Bulle Adolf aus Österreich mit dem komischen Bärtchen im gewohnten Stakkato. „Er nun wieder…“ verrollt Carmen nur die Augen und wendet sich angeekelt ab.

 

28. Juni 2014   Carmen und Jorge feiern mit O & S

Am Samstagmorgen liest Jorge eine Messe in der größten Favela von Rio de Janeiro. „Wo hast du denn dein Altargerät?“ fragt Carmen als er mit leeren Händen ins Hotel zurückkommt. „Drei mal darfst du raten…“ brummt der Heilige Vater bedrückt, während sich Carmen das Lachen kaum verbeißen kann.

„Hab ich Dir nicht gesagt, du solltest besser Plastikgeschirr nehmen, wenn du schon unbedingt dort missionieren musst?“ meint Carmen altklug. „Hör mal, hab ich gestern etwas gesagt, als du barhufig vom Joggen zurückgekommen bist? Deine neuen Asics waren schließlich auch nicht billig – und dann gleich vier Stück“, entgegnet der Franziskaner, dem Carmens Besserwisserei manchmal ziemlich gegen den Strich geht.

Dann macht sich Carmen bereit für den Flug nach Deutschland. „Heute Abend sollten wir nicht zu spät kommen zum Sommerfest bei O & S. Packst du bitte schon mal deine Sachen!“ bittet Carmen ihren Kumpel. „Welche Sachen?“ antwortet Jorge genervt. Er hatte bei der Rückkehr in sein Zimmer die Tür nur angelehnt vorgefunden und nun spürt er ein schlechtes Gewissen, weil er instinktiv das Zimmermädchen verdächtigt hatte.

„Oh nein“, entfährt es Carmen als sie zum Flughafen kommen und in die Drohne steigen wollen. Die steht ohne Reifen da, abgestützt auf einigen Backsteinen. „Wo kriegen wir jetzt so schnell neue Reifen her?“ fragt Jorge ratlos. „Gar nicht“, entscheidet Carmen. „Wir fliegen mit der Lufthansa.“

Schon seit Carmen und Jorge vor einigen Monaten die Einladung zum Fest ihrer lieben Freunde erhalten hatten, machte sich unsere Kleine intensiv Gedanken über den passenden Auftritt. „Ich will ihnen ja nicht die Show stehlen, aber schließlich ist es das wichtigste Fest des Jahres!“ denkt unsere gefallsüchtige Superheldin.

Nach ihrer Ankunft in Köln stehen Carmen und Jorge vor dem Kleiderschrank. Während Jorge mit einem schnellen Griff ein frisches und dennoch schlichtes Papst-Kostüm ausgewählt hat, wühlt sich Carmen nervös durch dutzende Paare noch ungetragener Manolos: „Die oder lieber doch die?“ wendet sie sich Rat suchend an den Heiligen Vater. „Wozu braucht eine einzelne Kuh nur so viele Schuhe?“ staunt der Kirchenfürst. „Wo doch zwei Drittel der Bevölkerung froh wären, wenn sie auch nur EIN paar Sandalen hätten…“ fügt der Konsumkritiker noch hinzu. „Die leben aber nicht in der Großstadt, sondern auf dem Land, wo barfuß gehen ja auch viel gesünder ist! Außerdem sind sie wohl kaum zu so noblen Anlässen eingeladen. Als Geschäftsfrau kann ich es mir eben nicht leisten, mich vor den anderen zu blamieren!“ holt Carmen, vom schlechten Gewissen geplagt, zu einer wortreichenden Rechtfertigung aus. „Entschuldige, ich wollte Dich nicht angreifen“, versucht Jorge seine Freundin zu besänftigen. „Schlechter Zeitpunkt für Grundsatzdiskussionen. Sag mir einfach, welche Schuhe Du an meiner Stelle anziehen würdest“, herrscht ihn unsere lösungsorientierte Modeprinzessin an. „Also, mein Vorgänger hat sich bei offiziellen Anlässen meist für ein paar rote Pradas entschieden. Er hat immer gesagt, damit könne man nicht viel verkehrt machen“, antwortet Jorge diplomatisch. „Hm, meinst Du? Die würden sicher auch gut zu meinem neuen Flamencokleid passen“, überlegt Carmen. „Gibt da nur ein Problem“, murmelt sie auf den Boden blickend. „Ich habe keine roten Pradas…“

Eine halbe Stunde später sitzt die Carmencita in ihrer Drohne und fliegt nach Mailand, wo sie in ihrem Lieblingsschuhgeschäft ein paar rote High Heels ersteht. Wieder zuhause, führt sie ihren Schatz stolz dem Heiligen Vater vor. „Solche meintest Du doch, oder?“ – „Wunderbar, ganz wunderbar, meine Liebe. Wenn auch die Absätze bei Benedikt vielleicht etwas flacher waren. Aber das war sicherlich nur seinem Hüftleiden geschuldet“, bestätigt Jorge seine kleine Freundin in ihrem Kauf. Dann wird es höchste Zeit zum Aufbruch.

„Ein bisschen Treppensteigen wird uns allen gut tun!“ verkündet Eventmanagerin Carmen im Foyer des Kölnturms, nachdem sie rechtzeitig vor dem Eintreffen der Gäste durch einen elektromagnetischen Impuls alle Aufzüge stillgelegt hat.

„Sehr geehrte Damen und Herren, Ihr Otis Aufzugsteam informiert Sie, dass alle Fahrstühle ins Osman 30 wieder voll funktionsfähig sind! Wir wünschen eine schöne Party!“ lautet eine Stunde später die Ansage der stolzen Monteure, die für ihren Notdiensteinsatz wieder Unsummen berechnen werden.

„Ich sitze am längeren Hebel“, grinst unsere verspielte Terrorkuh, zieht die Fernbedienung aus ihrer Gucci-Handtasche und drückt auf einen roten Knopf.

Der nächste Aufzug durchstößt daraufhin mit hoher Geschwindigkeit das Dach des Kölnturms. Gottlob löst der Fallschirm aus und die Kabine schaukelt im Wind sanft und langsam zu Boden, so dass alle Passagiere wohlbehalten unten landen.

„Ooops, wieder der falsche Knopf“, ärgert sich Carmen über ihr Ungeschick.

„Diese durchgeknallte Kuh bringt unsere Gäste um“, schluchzt S. an O.s Schulter. „Meinst Du, wir hätten sie lieber nicht einladen sollen?“ fragt O. nachdenklich. „Ich will mir gar nicht ausmalen, wozu sie dann fähig gewesen wäre!“ sagt S. von Entsetzen geschüttelt.

Als das ungleiche Paar Kuh und Papst schließlich doch im 30. Stock eintrifft, werden die beiden von ihren Freunden herzlich empfangen. „Hier, lasst uns anstoßen!“ bekommen die Gäste auch gleich ein Gläschen Perlwein in die Hand gedrückt. „Hm, lecker“, ist Jorges spontane Reaktion. „Ob ich den wohl mal als Messwein im Petersdom einführen sollte?“ lautet die eher rhetorische Frage an seine flippigste Ministrantin. „Siehste, allmählich lernst Du die guten Dinge auch zu schätzen“, ist Carmens süffisante Antwort an den Franziskaner.

Dann überreichen die beiden ihr Geschenk: „Ein Gutschein für zwei Absprünge mit dem Fallschirm aus der Drohne – als Halo-Jump aus 20.000 Metern Höhe. Natürlich mit Sauerstoffgerät! Herzlichen Glückwunsch zum Hochzeitstag!“ verkündet die Carmencita stolz und Jorge fügt mit etwas verlegenem Lächeln hinzu: „Selbstverständlich werde ich Eure Fallschirme vorher segnen.“ – „Du sollst mir nicht immer in den Rücken fallen!“ zischt Carmen gereizt. „Ist doch völlig ungefährlich.“ – „Ein wenig Weihwasser kann trotzdem nicht schaden“, entgegnet der Nachfolger Petri vorsichtig. „Immer musst Du das letzte Wort haben – Du hältst Dich wohl für unfehlbar“, gibt Carmen zickig zurück. „Das bin ich in der Tat!“ sagt Jorge sanft aber mit Bestimmtheit. „Diesen Glauben teile ich heute noch weniger als früher!“ versetzt ihm unsere kirchenkritische Spanierin, die schon immer ein Problem damit hatte, Autoritäten zu akzeptieren.

„Ooooh…, danke…, das ist ja eine… ähem… außergewöhnliche Idee…“ nimmt O. mühsam gefasst den Gutschein entgegen, während S. neben ihm kreidebleich gegen eine Ohnmacht kämpft. „Diese Kuh bringt mich irgendwann ins Grab“, stöhnt er noch, bevor er in Jorges rettende Arme kollabiert. O. ist derweil auf die Terrasse gerannt und fächelt sich Luft zu. Als sein Blick vom 30. Stock nach unten fällt, läuft er schnell wieder zurück. Kaum hat er das Lokal erreicht, kollabiert er ebenso.

Als beide erwachen, steht Ex-Medizinerin Carmen über sie gebeugt und schwenkt ein Riechfläschchen vor ihren Nasen. „Geht‘s wieder?“ fragt sie mit echter Besorgnis. „Was ist passiert?“ versuchen sich die Gastgeber zu orientieren.

„Nun, Ihr fandet unser Geschenk offenbar echt umwerfend“, lacht unsere kampferprobte Doppelagentin. „Man kann den Gutschein auch umtauschen“, beschwichtigt Jorge.

„Gottseidank“, seufzen O. und S. wie aus einem Mund. Der Heilige Vater blickt nach oben und nickt zustimmend. „Naja, nüchtern betrachtet hat das wohl eher mit dem gesetzlichen Rücktrittsrecht bei Online-Geschäften zu tun“, holt die Carmencita alle wieder auf den Boden der Tatsachen.

„Kannst Du bitte mal das Riechfläschchen zumachen? Das stinkt ja grauenvoll“, dreht O. angewidert den Kopf zur Seite. „Prima, gell, damit hab ich auch in meinem Zentrum für Enhanced Interrogation Techniques noch jeden wieder wach gekriegt!“ grinst die Carmencita, schließt das Gefäß und schenkt den beiden allmählich wieder zu Kräften kommenden Gastgebern die Flasche. „Andalusischer Rinderdung“ steht auf der Verpackung.

„Es geht doch nichts über wirklich gute Freunde“, denken die beiden flugerprobten Jubilare und rappeln sich allmählich wieder auf.

 

29. Juni 2014   Katerstimmung

02:45 Uhr: Carmen sinkt nach der Feier ebenso betrunken wie befriedigt in ihr Bett. „Näää, war datt schön!!!‘ stöhnt unsere kleine rheinische Alkoholoikerin zufrieden, bevor sie sanft entschlummert.

10:00 Uhr: Mit ihrer riesigen Gucci-Sonnenbrille schlurft Carmen auf Hufspitzen zum Frühstückstisch. „Guten Morgen, meine Liebe“, schaut Jorge kurz vom Osservatore Romano auf. „Nun, haben wir ein wenig übertrieben mit den Genussmitteln?“ fragt er mit einem Blick auf die Sonnenbrille. Carmen sagt erst mal nichts und nimmt sich einen doppelten Espresso.

Als sie ein wenig orientierter wirkt, zeigt ihr Jorge einen Zeitungsartikel über das gestrige Fest.

„Was hast du eigentlich gestern Nacht so lange mit dem schwarzen Kellner auf der Damentoilette gemacht?“ fragt Inquisitor Jorge scheinbar beiläufig, ohne von der Zeitung aufzusehen. Carmen läuft ein wenig rot an. „Ach, er… äääh… hat mir nur geholfen, einen Fleck aus meinem Flamencokleid zu entfernen“, behauptet unsere reinliche Doppelagentin nach einer Millisekunde zu langen Zögerns, allerdings ohne mitzuteilen, woher der Fleck stammte. „Wie freundlich von ihm“, stellt Jorge fest. „Diese Art von Flecken soll ja tatsächlich schwer rausgehen. Auch aus Messgewändern übrigens“, erinnert sich der Heilige Vater, der früher lange als Beichtvater in einem Priesterseminar tätig war. Carmen fühlt sich ertappt und holt sich schweigend noch einen Espresso.

Dann kommt das Taxi zum Flughafen, denn heute Abend werden die beiden schon wieder in Brasilien gebraucht.

Immer noch mit großer Sonnenbrille sitzt Carmen neben Jorge in der Lufthansa Business Class auf dem Weg zurück nach Rio, als ihr der freundliche Purser ein Tablett hinhält: „Gläschen Champagner, die Dame?“ – „Danke, nein. Wasser, ich brauche Wasser. Viel Wasser. Und noch eine Ibuprofen“, bittet Carmen. „Und könnten sie bitte auch das Licht ein wenig dimmen?“ äußert sie einen weiteren Wunsch. „Das steht nicht in seiner Macht“, kommentiert Jorge: „Es ist die Sonne. Wir befinden uns bereits über den Wolken.“ Dann kommt der freundliche Purser zurück: „Vielleicht hilft Ihnen das hier ein wenig“, überreicht er der kopfschmerzgeplagten Feierelse mit verständnisvollem Blick eine Schlafbrille. „Zum Spiel von Mexiko heute Abend muss ich wieder fit sein“, flüstert Carmen, die über den Ereignissen der letzten Nacht beinahe ihren putzigen mexikanischen Torwart vergessen hätte.

Vor der Landung in Rio kommt der Purser erneut auf Carmen zu. Diesmal hat er ein Anliegen: „Der Kapitän bittet sie zu sich ins Cockpit.“ Carmen denkt an den Agentenfilm, den sie gerade gesehen hat und fragt sich, ob es sich um einen Scherz handelt. Dennoch rappelt sie sich hoch, steigt die Treppe hinauf und klingelt. Beim Betreten des Cockpits bietet sich ihr ein Bild des Jammers. Kapitän und Erster Offizier tragen riesige Sonnenbrillen und hängen schwer angeschlagen in ihren Stühlen. Eine Stewardess bringt gerade einen ganzen Sack prall gefüllter Spucktüten weg. „Die Döner-Bude am Rudolfplatz…“ stammelt der Kapitän erklärend… Wir wollten fragen, ob sie nicht die Landung in Rio übernehmen könnten“, bittet er, bevor er nach der nächsten Tüte greift. „Hm, Döner, ist klar. Und vermutlich auch das ein oder andere Kölsch, gell“, legt Carmen den Finger in die Wunde. Dann aber gibt sie sich pragmatisch: „Vale, chico, dann mach mal Deinen Stuhl frei. Und Sie“, fügt Carmen an die Stewardess gewandt hinzu, „bringen mir bitte ein großes Glas Agua de Valencia“, übernimmt unsere erfahrene Pilotin das Kommando über den A380.

Als die beiden Lufthansa-Piloten das Cockpit verlassen haben, um sich ein wenig hinzulegen, schaltet Carmen das automatische Landesystem ein. „Wird schon gut gehen“, denkt sie, lässt aber für alle Fälle Jorge ausrichten, er möge vor der Landung noch einen Rosenkranz beten. Dann stellt sie den Pilotensitz in Liegeposition, schüttet noch ein Wasserglas Agua de Valencia auf einmal hinunter und zieht wieder ihre Schlafbrille auf. „Bös muss Bös vertreiben“, lautet die Weisheit unserer Drogenbeauftragten.

Eine halbe Stunde später legt der Autopilot eine butterweiche Landung hin. Carmen nimmt das Mikrofon und drückt den Schalter „Economy Class“. „Hier spricht ihre Kapitänin. Wo bleibt mein Applaus?“ schnauzt sie die Passagiere an.

„Wir haben hier in Rio eine Außenposition. Bitte steigen sie in die bereitstehenden Busse. Und, besser Sie halten ihre Handtaschen gut fest“, fügt sie noch vorsorglich hinzu. Dann verlässt sie das Cockpit und geht wieder zu ihrem Platz in der Kabine. „Trink aus, Papst, wir gehen. Fußball geht gleich los“, klopft sie Jorge munter auf die Schulter.

Am Abend spielen die Niederlande gegen Mexiko. Eckstoß Robben. „Lass ihn bloß nicht an Deine Kiste!“ schreit Carmen hysterisch hinter Ochoas Tor. Ochoa lässt Robben nicht rüber. „Brav“, sagt Carmen und tätschelt ihren lockigen Liebling.

Die Situation spitzt sich zu und Carmen entscheidet sich zu einem Sabotageakt: Die Torlinientechnikerin schaltet heimlich den Detektor im mexikanischen Tor aus.

Cooling Break: Carmen verreibt einen Eiswürfel auf Ochoas Brustwarzen und der Torhüter beginnt zu schnurren. „Das hat er gern“, sagt unsere kleine Edelnutte mit anzüglichem Unterton.

Das Spiel geht weiter. Carmen im Blutrausch. „Robben frisst den Seekühen die Fische weg!“ hetzt unsere kleine Hasspredigerin.

Schlusspfiff. 2:1. Aus für Mexiko.

Carmen trennt sich per SMS von Ochoa und gibt ihren chilenischen Pass zurück.

Dann schlurft sie niedergeschlagen aus dem Stadion. „Es gibt keinen Gott“, murmelt Carmen und geht achtlos an Jorge vorbei.

Vor dem Stadion bekommt sie nun doch Hunger. „Eine Portion Fritjes mit Maya“[14], verlangt Carmen diplomatisch.

 

30. Juni 2014   Politik geht weiter

„Waffenruhe in der Ukraine“, erläutert Carmen, während sie den Schalldämpfer auf ihre Walther PKK schraubt.

„Keine weiteren Ausnahmen vom Mindestlohn!“ kämpft Carmen für die Interessen lateinamerikanischer Zwangsprostituierter.

Vom vielen Reisen verstopfte Carmen nimmt ein Abführzäpfchen und freut sich über die prompte Wirkung. „Das mit dem Fracking kann also wirklich funktionieren!“ staunt die diesjährige Gewinnerin von „Jugend forscht“.

„Ole-andro andro andro“, singt Greenkeeper Lady Carmen-Gaga vergnügt, während sie ihre Balkonpflanzen düngt.

 

30. Juni 2014   Achtelfinale GER ./. ALG

Nervosität im deutschen Team. Hat Hummels etwa Gelbfieber? Carmen hat eine Eingebung.

Eine Stunde später stellt die Leiterin des Gesundheitsamtes von Porto Alegre, Carmen Wohlfahrt-Camus, das Trainingslager der algerischen Mannschaft unter Quarantäne. „Pestverdacht“, lautet ihre ebenso absurde wie unwiderlegbare Behauptung. Auf Druck der FIFA wird die Maßnahme allerdings kurz vor Spielbeginn wieder aufgehoben. „Lieber ein paar Tote als Umsatzausfall!“ sagt Blatter mit Entschiedenheit.

Anpfiff. Die rotschwarzen Trikots haben Carmen besser gefallen. „Weiß macht vor allem die Blonden so blass“, findet unsere Typberaterin.

Carmen scannt die algerische Mannschaft mit der Bilderkennungssoftware ihres Q-Pad. „Also der algerische Torhüter ist definitiv ein gesuchter Terrorist“, lautet das Ergebnis. Dann warnt sie noch vor einem möglichen Selbstmordattentat. „Feghouli hat einen Chip im Hirn! Er wirkt völlig ferngesteuert!“ warnt die Terrorismusexpertin.

Schweini ungedeckt. Carmen: „Da kann ich ihm helfen…“

„Aber die süßeren Hintern haben sie schon, die Algerier“, flüstert Carmen Jogi ins Ohr. Der läuft daraufhin rot an. „Du sollscht doch net immer so Sache sage…“, flüstert er verschämt.

Es steht Null zu Null zur Halbzeit. Carmen macht mit den deutschen Spielern ein paar Entspannungsübungen. „Unsere Yogi-Übungen sollen Ihnen zu mehr innerer Harmonie verhelfen. Das reduziert die Zahl der Fehlpässe erheblich“, erklärt die Wohlfühlmanagerin.

Das wird ein Nachspiel haben, denkt Carmen.

Zu Beginn der Nachspielzeit knien Jorge und der Imam der algerischen Mannschaft in ihren jeweiligen Coaching-Zonen und beten um die Wette. „Aber es gibt doch nur einen Gott“, sagt Gott daraufhin verwirrt.

2:1 für Deutschland nach Verlängerung. Schlusspfiff.

Der Imam bittet Jorge um die Taufe. Gemeindeassistentin Carmen liefert dienstfertig einen Krug aufbereitetes Regenwasser vom Amazonas. „Ist nachhaltiger“, weiß unsere Umweltschützerin.

„Und Freitag treiben wir die Franzosen in den Atlantik!“ lautet das Fazit unserer Gotteskriegerin.

 

01. Juli 2014   The day after

„Die gestrige Schlacht war für alle Gläubigen die Hölle“, sagt der algerische Mannschaftsimam auf Al Jazeera: „Schweini im Ramadan!“

Schürrle und Özil bekommen heute zum Frühstück von Carmen die doppelte Portion Schoko Mac. „Mit extra viel Hühnerblut!“ klopft ihnen Carmen anerkennend auf die Schultern.

„Solange Du nicht ablässt von Deinem Nutella-Konsum, wirst du auf der Ersatzbank bleiben!“ verwarnt Carmen den Poldi.

Drei freie Tage stehen unseren beiden Helden bis zum nächsten Spiel der deutschen Elf bevor. Carmen nutzt die Zeit und meldet sich zu einem Capoeira-Workshop an. Jorge will in einem Sprachkurs seine Portugiesisch-Kenntnisse vertiefen. „Se eu fosse Papa, rezaria para a seleção argentina ganhar“, übt er fleißig Konditionalsätze.[15]

„Das Ergebnis läutet den Sieg der Demut über den Kapitalismus ein“, bewertet Franziskaner Jorge den Sieg Argentiniens über die Schweiz.

„Ich muss meine Leergutbons woanders parken“, murmelt Carmen fast unhörbar.

 

02. Juli 2014   Gespräch mit Zuhause

08:00 Uhr: Putzfrau O’Limpia kriegt die Tür zu Carmens Kölner Wohnung nicht auf und ruft deswegen Carmen in Brasilien auf dem Handy an. „Ich habe in den Nachrichten etwas von einer Haushaltssperre in NRW gehört“, mutmaßt Carmen über die Ursache der Blockade.

 

03. Juli 2014   Bio-Fleisch für Frankreich

Die UN-Beauftragte für das Seuchenwesen Carmen de Ronda (gs. Ochoa, vw. Neuer) lobt Einsatz von Raumspray als wichtige Maßnahme im Kampf gegen die Ebola-Epidemie.

Im französischen Trainingslager serviert Sterneköchin Carmen heute „Westafrikanische Flüghünd mit Pommes de Marre an Sauce fatale“. „Ein Volk von Karnivoren“, schüttelt sie insgeheim angewidert den Kopf.

„Könnte allerdings knapp werden mit der Inkubationszeit“, warnt sie Jogi.

 

04. Juli 2014   FRA ./ GER: Prends garde à toi!

Nach dem EGH-Urteil zur Rechtmäßigkeit des französischen Burkaverbots, überlegt Carmen, heute gegen Frankreich im Ganzkörperschleier zu spielen. „Mein Minenspiel gehört mir!“ sagt die emanzipierte Kämpferin für Religionsfreiheit.

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Carmen in ihrer Gore-Tex-Funktionsburka

 

Dann spricht sie mit Jogi über die Mannschaftsaufstellung und er bittet sie, auf der Bank Platz zu nehmen. „Spieler haben wir genug. Aber auf Deine strategische Kompetenz können wir nicht verzichten.“ Das leuchtet Carmen ein. Ohnehin hat sie in der feuchten Wärme von Rio de Janeiro eigentlich keine Lust, sich schon wieder das Trikot durchzuschwitzen.

Derweil hat Jorge erfahren, dass die Partie von einem Schiedsrichter aus Argentinien gepfiffen wird. Auf Carmens Drängen prüft er Möglichkeiten der Einflussnahme und telefoniert mit dem Chef der Schweizer Garde. Dann spricht er kurz mit einem loyalen Priester, der in Buenos Aires ein Internat leitet. Kurz vor Spielbeginn schickt Jorge mit unterdrückter Rufnummer eine SMS an den Unparteiischen: „Les hemos buscado a tus hijos de la escuela. ¡Mejor que te guardes! Un amigo alemán.“ [16]

„Irgendwie hab ich gar kein gutes Gefühl dabei“, sagt er von Skrupeln geplagt zu Carmen. „Wird schon gut gehen“, klopft ihm unsere FIFA-Strategin leichten Mutes auf die Schulter. Zur Eröffnung des Spiels darf sie die Habanera-Arie singen, die sie damals in Paris so berühmt gemacht hat: „Prends gaaaaaaaarde à toi!“ schmettert sie in hellstem Sopran. Tosender Applaus der begeisterungsfähigen Brasilianer im Stadion. Carmen liebt dieses Land.

Anpfiff. Nach dreizehn Minuten steht es 1:0 für Schland. Jogi drückt den Heiligen Vater. Bei jedem Versuch der Franzosen, zum Sturm auf den deutschen Strafraum zu blasen, steht Carmen de Ronda-Sarkozy mit ihrem Kärcher hinter der Mittellinie. „Zurück mit Euch in die Banlieue!“ droht sie mit dem harten Wasserstrahl.

Halbzeit. Carmen schenkt in der deutschen Kabine einen Zaubertrank aus. Das Rezept bleibt ihr Geheimnis. „Alles natürliche Zutaten von meiner Hühnerfarm in Uruguay!“ preist sie das dickflüssige Wundermittel an.

Dann massiert Sie Manuel Neuer behutsam die Schulter. „Bist mir wieder gut?“ fragt sie im Ton einer schüchternen Fünfzehnjährigen. „Schaun wir mal“, brummt der sanfte Riese und lässt sich zumindest die Massage willig gefallen.

Die zweite Halbzeit beginnt. „Was hascht Du dene denn danoi gemixt?“ fragt Jogi nervös weil die Leistung seiner Schützlinge gerade deutlich in den Keller gegangen ist. „Hör auf mich, glaube mir, Augen zu, vertraue mir!“, säuselt Carmen de Ronda-Kaa dem Bundestrainier ins Ohr, der in höchster Anspannung gerade mit den Fingern in seinem Mund herumfuhrwerkt. „Nimm lieber Zahnseide!“ hält ihm unsere Dentalhygienikerin eine kleine weiße Packung hin.

Noch einmal versucht sie, die deutsche Elf durch Mentalcoaching wieder in Gang zu bringen. „Ach, mein süßer Frosch“, säuselt Carmen hinter dem deutschen Tor, weil sie das grüne Trikot des Torwarts wirklich sehr gelungen findet. „Keine Sorge“, sagt sie zu ihrem Liebling, während sie mit Putzeimer und Lappen hinter dem Tor winkt: „Ich halte Deine Kiste sauber!“

Doch alle psychotherapeutischen Maßnahmen nützen nichts. Die deutsche Mannschaft kommt nicht aus ihrem Formtief und die Angriffe der Franzosen werden immer bedrohlicher. Khediras farbloser Nagellack blättert schon in der feuchten Hitze der brasilianischen Metropole. „Der muss unbedingt mehr essen“, sorgt sich Carmen um die Ernährung des dünnen Müller. Dann setzt sie zu einer komplementären Strategie an und versucht, die Franzosen zu demoralisieren: „Blaise mir einen!“ ruft sie an Matuidi gewandt. Doch der versteht nicht und hat auch keine Augen für Carmens lasziv präsentiertes Euter.

Als wieder ein deutscher Spieler gefoult am Boden liegt, schleppt sich Mannschaftsarzt Müller-Wohlfahrt mit seinem Rollator zu dem Verletzten. „Nächsten Monat wird er seinen Geburtstag feiern“; weiß Carmen über den Kollegen zu berichten. „Einige Teile von ihm werden 72 Jahre alt.“

„Bin mal kurz weg“, sagt Carmen, die sich wegen der drohenden Übermacht der französischen Nationalelf ernsthaft Sorgen zu machen beginnt. Dann steht sie auf und verschwindet in den Katakomben unter dem Stadion.

Im Dunkel der verwinkelten Gänge findet sie die Tunnelbohrmaschine, die sie nach Abschluss des Kölner U-Bahn-Baus günstig gebraucht erworben und in weiser Voraussicht nach Brasilien geschafft hatte. Rasch bohrt sie damit einige Tunnel unter der deutschen Hälfte. An den Tunneldächern bringt sie starke Elektromagneten an, die sie jeweils einschaltet, wenn ein französischer Spieler darüber läuft. „In Verbindung mit den Eisen, die ich ihnen vor dem Spiel in ihre Schuhsohlen gepflanzt hatte, werden sie dann doch signifikant ausgebremst“, erklärt Carmen das technisch anspruchsvolle Sabotagemanöver.

Dann begibt sie sich wieder nach oben, wo sie diverse Abseitsfallen aufstellt, die sie mit Froschschenkeln und Gänsestopfleber bestückt. „Damit kriegen wir sie!“ sagt sie voller Ãœberzeugung zum angespannten Jogi. Nach Carmens Schultermassage hält Neuer souverän. Khedira geht etwas ruppig ran und sieht eine gelbe Karte. „Da steht er ja drauf“, entfährt es Carmen indiskreterweise.

Die Maßnahmen in ihrer Gesamtheit verhelfen dem deutschen Team zu einem knappen Sieg. Der Jubel ist enorm. Jorge ruft sogleich in Buenos Aires an und veranlasst die Freilassung der Kinder des Schiedsrichters. Carmen plant schon ihren triumphalen Einmarsch in Paris – als Wiedergutmachung für die unfreundliche Reaktion des Pariser Opernpublikums bei der Uraufführung ihrer Titelrolle damals.

Zuerst muss sie nun aber los nach Fortaleza. Denn gerade hat Dilma eine SMS geschickt und angefragt, ob die beiden Special Agents das Spiel Brasilien gegen Kolumbien mit ihr gemeinsam in der VIP-Loge gucken wollen.

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Product Placement: Dilma, Carmen und Jorge in der VIP-Loge

 

Sie eilen zum Flughafen und steigen in die Drohne, die sie diesmal in einem besonders gesicherten Hangar abgestellt hatten. Auf dem Flug informiert sich Jorge vor dem erneuten Zusammentreffen mit der Präsidentin über die politischen Hintergründe.

WM Brasil2
Jorge beliest sich über die Hintergründe

 

Im Spiel Brasilien gegen Kolumbien läuft zunächst alles wie geschmiert und Carmen entspannt sich in der VIP-Loge zwischen Jorge und der brasilianischen Staatspräsidentin.

Doch als in der 86. Minute der kolumbianische Verteidiger Juan Zúñiga dem angreifenden Neymar das Knie in den Rücken stößt und der mit einem Abbruch des Dornfortsatzes am dritten Lendenwirbel zu Boden geht, ahnt Carmen schon, dass es heute nichts wird mit einem fröhlichen Abend. Auf Bitten der Staatspräsidentin kümmert sich unsere Rettungsfliegerin um den verletzten Superstar. Hurtig rüstet sie ihre Drohne zum Ambulanzflugzeug um. Während sie Neymar schonend auf einer Trage lagert, sperrt sie den gefesselten Zúñiga in eine winzige Zelle, die sie ebenfalls an Bord installiert hat. „Wir fliegen nach La Habana, Kuba, und bringen Neymar dort in eine Spezialklinik für Wirbelsäulenverletzte“, teilt Carmen vor dem Abflug in Rio der Presse mit. „Wir werden alles dafür tun, damit er wieder schnell auf die Beine kommt“, fügt sie noch hinzu. „Das ist wohl das Mindeste. Schließlich er hat die Frisurenmode einer ganzen Generation geprägt.“

Als die Drohne in La Habana landet, wird Neymar von einer Spezialeinheit kubanischer Wirbelsäulenchirurgen in Empfang genommen und in die Klinik gebracht. Ãœber ihr Q-Pad bestellt Carmen bei Florarop Latinoamérica einen Blumenstrauß, den sie ihm zusammen mit ihren Genesungswünschen ins Krankenhaus liefern lässt.

„So, das war der einfachere Teil. Unsere wichtigste Aufgabe steht aber noch bevor“, sagt sie unter vier Augen zu Jorge, der unterwegs Rosenkränze am Fließband für die Genesung des brasilianischen Superstars gebetet hat. „Was denn jetzt noch?“ fragt der vom vielen Beten ermüdete Vorstandsvorsitzende des Heiligen Stuhls. Carmen telefoniert derweil schon mit einem amerikanischen FIFA-Funktionär. Nachdem sie aufgelegt hat, grinst sie ihren Kumpel und Kopiloten an. „Ich habe gerade mit den Amerikanern gesprochen. Sie vermieten uns einen Befragungsraum in Guantánamo.“

Dann rollt die Drohne wieder zur Startbahn und nimmt Kurs auf den Südosten der Insel.

Unterwegs klingelt das Q-Phone. Ein befreundeter Journalist vom Kölner Stadtanzeiger bittet Carmen um ein Exklusiv-Interview. „Nach, dann schieß mal los. Was willst Du denn wissen?“ fragt unsere gut gelaunte Geheimagentin. „Hast Du schon Informationen über die Hintergründe des Fouls?“ fragt der Sportredakteur. Carmen teilt ihm mit, es gebe Spekulationen über ein mögliches Auftragsfoul. Es könne sich um eine groß angelegte Verschwörung handeln. Dafür spreche auch, dass der spanische Schiedsrichter das Foul nicht geahndet habe. „Man hat ihn offensichtlich für’s Wegsehen bezahlt. Unsere Recherchen sind aber noch im Gang“, bittet Carmen mit Rücksicht auf die laufenden Ermittlungen von weiteren Fragen Abstand zu nehmen.

In Guantánamo bringt sie Zúñiga persönlich in den angemieteten Befragungsraum. „Hm, nicht so schick wie in meinem Kölner Zentrum für EIT[17], aber soweit scheint die erforderliche Ausrüstung vorhanden zu sein“, stellt Carmen fest, nachdem sie sich mit den Räumlichkeiten vertraut gemacht hat.

Danach übernimmt sie persönlich die peinliche Befragung des verantwortlichen Kolumbianers. „Bald wissen wir mehr“, zeigt sich die Nachrichtendienstlerin zuversichtlich.

Bereits nach der vierten Runde auf dem Waterboard legt der kolumbianische Nationalspieler ein umfangreiches Geständnis ab.

„Stell Dir vor“, berichtet Carmen nach Abschluss der Untersuchung ihrem erzkatholischen Freund Jorge bei einem Feierabendbier, „die Vereinigung lateinamerikanischer Drogenbosse hat FIFA-Boss Blatter gekauft und das Foul bei ihm bestellt. Sie wollten damit ein publikumswirksames Exempel statuieren. Und weißt Du auch warum?“ – „Keine Ahnung“, antwortet der schockierte Kirchenmann, der nicht damit gerechnet hatte, dass auch Europa in diesem Ausmaß in Korruptionsaffären verwickelt sein könnte.

„Es handelt sich wohl um einen Vergeltungsakt für unsere Aktion letztes Jahr beim Weltjugendtag in Rio!“ lässt Carmen die Bombe platzen.

 

08. Juli 2014   Schwarzmarkt

Carmen hat einen kleinen Zwischenstopp in Köln eingelegt. Es regnet in Strömen. In ihrem nagelneuen Neoprenanzug absolviert sie auf den Kölner Ringen das Schwimmtraining für den bevorstehenden Kuhathlon. „Babylon versinkt“, lautet ihre nüchterne Feststellung nach dem ausschweifenden CSD vom Wochenende. Auf der verlassenen Bühne am Gürzenich tanzt sie am Morgen allein im Regen zu „They dance alone“ von Sting. „I’m a poor lonesome cow, boy!“ sagt sie zu Lucky Luke, der gerade auf dem durchnässten Jolly Jumper vorbeireitet.

Dann fährt sie ins Gartencenter, weil sie ihren Balkon neu bepflanzen möchte. „Ich bin viel unterwegs. Also am besten etwas Pflegeleichtes!“ bittet sie den Mitarbeiter der Gärtnerei. Mit einem taxierenden Blick empfiehlt der ihr Sukuhlenten.

Später fliegt sie wieder zurück nach Brasilien. Dort wird sie von der örtlichen Polizei um Mithilfe bei der Fahndung nach einem Verbrecherring gebeten, der Eintrittskarten für die Fußballspiele zu astronomischen Preisen auf dem Schwarzmarkt verkauft. „Ein Ticket für das Finale wurde unserem V-Mann für umgerechnet 11.500 Euro angeboten“, erklärt ihr der Leiter der Sonderkommission. Carmen macht sich sofort auf die Suche nach den Verantwortlichen und kann auch bald einen Fahndungserfolg erzielen. Auf einer brasilianischen Fazenda[18] verhaftet sie einen Arbeiter, der gerade den Zaun ausbessert. „Ich habe ihn in flagranti ertappt“, teilt Carmen mit. „Es ist eindeutig: Er ist der Drahtzieher!“

Dann widmet sich Carmen dem Schwarzmarkt für verschwitzte T-Shirts und gebrauchte Socken. „Das gehört eindeutig in die Fetischabteilung“, wendet sich unsere reinliche Superheldin Nase rümpfend ab. Dann wäscht sie die benutzten Kleidungsstücke, wodurch diese ihren Schwarzmarktwert weitgehend einbüßen.

In Salvador de Bahia engagiert Carmen günstig zwei blutjunge Einheimische, die sie auf ihr Zimmer lockt. „Der Schwarzmarkt hat auch seine Vorteile“, grinst unsere sexsüchtige Doppelagentin.

Anschließend schlachtet sie wieder ein Huhn von ihrer Farm in Uruguay und spritzt das Blut als Orakel auf den Boden. Als sie die Zeichen gelesen hat, ist sie sich über den Ausgang des heutigen Spiels gewiss. Sie greift zum Q-Phone und ruft Dilma an. „Oh oh oh!“ unkt Carmen nur. Dilma versteht sofort und legt auf. Sekunden später ruft die Präsidentin ihren Buchmacher an. „Auf die Zwölf! alles auf die Zwölf!“ befiehlt die ehemalige Guerillera erregt und legt wieder auf.

Breaking News: Carmen erhält Ruf auf George-W.-Bush-Stiftungsprofessur für Enhancend Interrogation Techniques am MIT! Auf den Vorwurf von amnesty international, sie habe ja keine Ahnung, was sie durch ihre Befragungsmethoden in den Menschen anrichte, antwortet Carmen spontan: „Ich war mal bei einem Helene-Fischer-Konzert. Seitdem weiß ich sehr wohl, was Folter bedeutet!

Raptusartig zieht Dilma die Häkelnadel aus dem noch unfertigen Topflappen und sticht wütend auf eine Voodoo-Puppe im Deutschlandtrikot ein. „Mitten auf die Zwölf!“ schreit sie außer sich.

 

10. Juli 2014

Am Morgen betrachtet Carmen den Kölner Dom über eine Webcam. „Es hat aufgehört zu regnen. Aber ich sehe ein Woelki am Horizont!“ stellt sie vorausblickend fest.

Messi könne am Sonntag vielleicht nicht spielen, teilt der Vatikan mit. Er habe sich den Perróneus[19] gezerrt.

In einer sechsstündigen, frei gehaltenen Rede an das brasilianische Volk wirbt Carmen-Evita de Ronda-Perrón um die Unterstützung der Gastgeber für die argentinische Mannschaft im Finale.

In einer 10-sekündigen Videobotschaft antwortet Staatspräsidentin Dilma auf Carmens Ansprache: „Nem que a vaca tussa!“[20]

Carmen räuspert sich warnend.

 

11. Juli 2014   Ich glaub, mich tritt ein Pferd

Da heute in Brasilien noch frei ist, sind Jorge und Carmen zum CHIO nach Aachen geflogen, wo sie in der Disziplin „Voltigieren“ antreten. „Ich hab Dir doch gesagt, Du sollst mir mehr Schnur geben“, zickt Carmen, die nicht nur eine Pferdemaske aus Gummi trägt, sondern auch ein enges Latexkostüm. „Hatte ich noch vom CSD im Schrank“, flüstert unsere SM-Kuh im Vertrauen.

„Das ist aber ein ungewöhnlich dickes Pferd!“ sagt ein CHIO-Funktionär zu Gaucho Jorge, der Carmen an der Leine im Kreis herum führt.

Als sie in der nächsten Runde an den beiden vorbeikommt, spielt Carmen „scheuende Stute“ und trifft den Funktionär mit einem gezielten Hinterhuftritt in der Körpermitte.

„Das sind aber ungewöhnlich dicke Hoden“, kommentiert sie sachlich, als der jammernde Pferdewirt vom Notarzt abtransportiert wird.

„Bist du vielleicht bei manchen Themen ein wenig überempfindlich?“ fragt Jorge sein bestes Pferd im Stall nach der Disqualifikation. „Wehret den Anfängen!“ schnaubt Carmen und befreit sich wiehernd aus ihrem Latexanzug.

Mit dem Hinweis „Ich weiß, was Ihr damals mit Euren Genossen in der Kaserne unter der Dusche gemacht habt“ nötigt Carmen die russische Regierung, den Kubanern einen vollständigen Schuldenerlass zu gewähren. „Mein Schweigen war ihnen 23 Milliarden wert“, staunt unsere tüchtige Nachrichtendienstlerin. „Wir stehen wieder einmal tief in Deiner Schuld“, sagt Raúl bei der Verabschiedung dankbar. „Sag mir, wenn ich einmal etwas für Dich tun kann.“ Carmen nickt und lässt sich drei blutjunge Kubaner in ihre Suite bringen.

In einem Berliner Puff ertappt Zollfahnderin Carmen bei einer Razzia einen Staatssekretär mit einer minderjährigen polnischen Zwangsprostituierten. „Er hatte sie mit seiner MasterCard bezahlt“, berichtet Ermittlerin Carmen den Medienvertretern. „Es handelt sich also um einen klaren Fall von Kreditkarten-Missbrauch!“

Dann nimmt unsere Berufspendlerin die kleine Polin mit nach Rio. „FIFA-Funktionäre müssen nicht so aufs Geld schauen wie deutsche Beamte“, erklärt sie der jungen Frau ihre beruflichen Chancen in Südamerika. „Und Brasilien ist ein Land der Zukunft“, schließt sie ihre Erläuterungen. Im Hinterkopf plant sie jedoch schon ein Resozialisierungsprogramm. „Vielleicht kann ich sie auf meiner Hühnerfarm in Uruguay einsetzen“, überlegt unsere Bewährungshelferin.

Der russische Geheimdienst veröffentlicht einen Bericht, wonach es sich bei der „Hühnerfarm“ um ein getarntes Großbordell für wohlhabende Zoophile aus aller Welt handeln soll. „So etwas würde ich niemals tun!“ beteuert Carmen mit treuherzigem Augenaufschlag ihre Unschuld. Bei dem Bericht handle es sich um eine gezielte Verleumdungskampagne. Dahinter stecke der russische Präsident, der ihr wohl die Aktion auf Kuba verüble. „Er ist so nachtragend“, schüttelt Carmen den Kopf.

Bei einer behördlichen Inspektion wird Carmens Hühnerfarm in Uruguay als Vorzeigebetrieb gelobt. „Vor allem die zahlreichen und ausnahmslos adrett gekleideten polnischen Hühnerpflegerinnen sind positiv aufgefallen“, lobt der Inspektor und steckt den dicken Briefumschlag weg, den Carmen ihm überreicht hatte.

 

13. Juli 2014   Até que o sangue pare de jorrar…[21]

„Espanschland!“ schreit Carmen immer wieder und wälzt sich unruhig hin und her, bis Jorge sie aus ihrem Fiebertraum weckt. Schlaftrunken versucht sich unsere kränkliche Heldin zu orientieren und realisiert voller Trauer, dass Spanien gar nicht im Endspiel steht.

Nach dem Aufstehen wird ein leichtes Aufwärmtraining absolviert. Die Spieler machen Gymnastik und einen kleinen lockeren Lauf. Jorge übt 10 Minuten Seilspringen mit dem Rosenkranz. Carmen leert ein Pittermännchen[22] auf ex.

Carmen und Jorge drehen eine Runde
Carmen und Jorge drehen eine Runde

 

„Höchste Zeit fürs Orakel“, ruft Candomblé-Priesterin Carmen aufgeregt und greift sich ein in Todesangst wild flatterndes Huhn.

„Muss das wirklich sein?“ fragt Jorge voller Mitgefühl für das Geflügel.

„Na gut, dann wandeln wir die Liturgie heute mal etwas ab“, entscheidet Carmen großmütig.

Sie öffnet ihren Arztkoffer. „Serviço de Médico“ steht darauf, darunter deutlich sichtbar „Johnson & Johnson“. Die amerikanische Firma mit dem Saubermann-Image hat für diese Kampagne ein Vermögen bezahlt. Carmen entnimmt dem Koffer Stauschlauch, Alkoholtupfer, Einmalspritze und Kanüle. Dann zapft sie dem Huhn fachmännisch eine Blutprobe ab, die sie sogleich an die Wand des Hotelzimmers spritzt. Daraufhin versetzt sie sich mit dem nächsten Pittermännchen in Trance und liest die Zeichen. „Na, da wird sich aber jemand freuen!“ prognostiziert sie mit unumstößlicher Sicherheit das Ergebnis des Finales.

Derweil kollabiert das Huhn und erleidet einen hämorrhagischen Schock. „Es kann wohl kein Blut sehen. Oder meinst Du, ein halber Liter war vielleicht doch etwas zuviel?“ fragt unsere Spezialistin für peinliche Befragungen verunsichert den Heiligen Vater, der bereits mit seinem Vatifone die Notrufnummer gewählt hat.

„Mengele war ein Waisenknabe gegen dich!“ stößt Jorge verärgert hervor, während er dem ausgebluteten Huhn die letzte Ölung spendet. „Nun wollen wir mal nicht unsachlich werden. Du weißt, Vergleiche mit der Nazi-Zeit haben schon andere ihr Amt gekostet“, zickt Carmen, während sie einen Manolo-Karton aus dem Schuhschrank holt, ihn mit Goldbronze besprüht und mit einem Kreuz bemalt. „Schließlich sorge ich gerade für ein würdiges Begräbnis. Obwohl man eigentlich noch ein leckeres Süppchen daraus machen könnte…“

„Ficken?“ lautet der schlichte Text einer SMS, die Carmen sieben Stunden vor Spielbeginn von Oliver Kahn erhält. „Bei Dir oder bei mir?“ fragt Carmen kurz entschlossen zurück.

Etwas hektisch verlässt Dreilochstute Carmen anderthalb Stunden vor Spielbeginn Kahns Hotelzimmer und eilt hinüber ins Maracanã. „Sorry, war am Strand und habe völlig das Zeitgefühl verloren“, versucht sie sich mit einer Notlüge bei Jogi für die Verspätung zu entschuldigen. „Sagemal, warum läufschdn du so komisch?“ fragt der Trainer misstrauisch.

Psychoterror: Lionel Messi fragt Carmen vor dem Spiel im Vorübergehen, ob sie nicht gern auf seiner Rinderfarm in Argentinien weiden wolle. Carmen macht ihm daraufhin ein Angebot, das er nicht ablehnen kann.

Eine Stunde vor Anpfiff nimmt Jorge seinen Platz auf der Kniebank in der Coaching-Zone ein. Er holt das Vatifone aus der Tasche und stellt die Standleitung zu seinem Chef her. Carmen bringt ihm die frisch gebügelte himmelblauweiße Stola. „Die musst Du umlegen, sonst bricht die Verbindung ab“, warnt unsere Spezialistin für sakramentale Telekommunikation.

Carmen putzt gerade das deutsche Tor, als die Stimme des Stadionsprechers ertönt: „Der kleine Manuel möchte aus dem Swingerparadies abgeholt werden!“ Da fällt es Carmen wie Schuppen von den Augen. „Das ist auch die einzig plausible Erklärung, warum er nicht auf mich anspringt“, murmelt unsere bisexuelle Doppelagentin erleichtert.

„Ja, sagemal, jetzt läufd der ja auch so komisch“, wundert sich Jogi, als Philipp mit hochrotem Kopf seinen Mannschaftskameraden Manuel zurück in die Kabine bringt.

Carmen fragt sich, was die armen „Einlaufkinder“ sonst noch alles machen müssen.

Anpfiff.

Schon in den ersten Minuten klaut Carmen dem Schiedsrichter das Elfmeterspray, schäumt damit dem argentinischen Torwart das Gesicht ein und zückt ihr Rasiermesser. „Runter mit dem Salafistenbart!“ ordnet unsere Mannschaftsfriseuse an.

Anschließend flitzt sie in den Baumarkt und kauft noch mehr Abseitsfallen, die sie angeekelt mit argentinischem Rinderfilet bestückt.

Dann schleicht sie sich auf die VIP-Tribüne, drängelt sich an Gauck, Merkel und Dilma vorbei. Vor Blutin bleibt sie stehen und wackelt provozierend mit dem Euter. „Ich weiß, was deine Frau letzte Nacht gemacht hat!“ flüstert sie dem Präsidenten mit rauchiger Stimme ins Ohr, woraufhin der sofort einen juckenden Ausschlag entwickelt.

Halbzeit. Noch immer Null : Null.

Jorge unterbricht kurz seine Gebete und setzt eine Flasche Messiwein an. „Auf ex!“ sagt er und blickt um Verständnis heischend zum Himmel.

In der Kabine der deutschen Elf schiebt Carmen derweil die Kanzlerin zur Seite und reibt Manuels Schulter mit geeistem Hühnerblut ein. „Magst auch nen Schluck?“ fragt sie die Kanzlerin.

Bevor es wieder losgeht, verteilt sie noch einen Satz frische Trikots. „Sollt ja ordentlich Aussehen bei der Siegesfeier“, findet unsere mütterliche Waschfrau.

Es geht weiter. „Alles rausholen was möglich ist!“ brüllt Carmen und entblößt erneut ihr Euter.

Nach der ganzen Flasche Messiwein hat der Heilige Vater in der Aufregung sein Trikot verloren und rennt etwas verwirrt über den Rasen. Ob die Ordner wissen, wen sie da gerade in einem Großaufgebot abgeführt haben? „Es ist alles ein Missverständnis! So lassen sie mich doch erklären!!!“ verhallen seine Rufe ungehört.

Carmen verschmiert ein wenig Olivenöl vor dem deutschen Tor. Messi rutscht. Der Ball geht ins Aus. „Kalt gepresst!“ stellt Carmen zufrieden fest.

„Da wir schon gerade bei unfairen Maßnahmen sind“, fragt Carmen den Jogi, „können wir nicht Krimkrieger Blutin einwechseln?“ – „Der isch doch läbenslang gschberrt“, raunt der Bundestrainer. „Außerdäm passt der net in unsere Rassismus-Kampagne.“

Dann wird Mario Götze eingewechselt. „Zum Glück hab ich ihm vor dem Spiel noch die Augenbrauen frisch gezupft“, lehnt sich Carmen beruhigt zurück.

Ende der regulären Spielzeit. Noch immer steht es Null : Null für die deutsche Mannschaft.

Vier Physiotherapeuten kümmern sich um die geschundenen Gelenke. Mannschaftsfriseuse Carmen richtet die Frisuren der Spieler.

Das Spiel wird immer härter. „Jetzt fließt auch noch Schweiniblut“, schlägt Carmen die Hufe vor’s Gesicht , als der deutsche Gladiator erneut verletzt zu Boden geht.

Und dann der sensationelle Treffer von Mario Götze.

Messi verschießt einen Freistoß in den Himmel von Rio. Carmen grinst.

Linienrichter Jesús zeigt oben auf dem Corcovado Vorteil für die deutsche Mannschaft an.

Wenig später der Abpfiff.

Deutschland ist Weltmeister. Die Freude ist unbeschreiblich.

„Hat das Orakel also wieder einmal Recht behalten“, stellt Carmen weise nickend fest.

Nun regelt unsere Fußball-Funktionärin das Geschäftliche. Zuerst heftet sie Götze das Bundesverdienstkreuz durch die Brustwarze. Dann überreicht sie Messi einen dicken Briefumschlag. „Gruß von Angie und danke für den Freistoß“, flüstert sie ihm ins Ohr.

Anschließend pflegt sie ihre sozialen Beziehungen. „Argentinien ist ein Land der Zukunft!“ tröstet Carmen ihren traurigen Kumpel Jorge.

„Das stimmt. Wir sind Papst. Aber Ihr seid Weltmeister!“ antwortet der faire Verlierer.

Autokorso
Autokorso

 

14. Juli 2014   No sinal, o espectáculo já terminou[23]

„Sie haben‘s geschafft – dank Schoko Mac!“ freut sich der Schwartau-Produktmanager und überreicht seiner Agentin noch in der Nacht einen sehr dicken Briefumschlag.

Am Morgen erscheint Carmen auf der Fanmeile in München: „Und ich danke meinem Freund Jorge, meiner Freundin Dilma, meinem Ex-Mann Guillermo Ochoa, meinen Hühnern in Uruguay, meinem Bundesjogi, der Firma Schwartau und meinen Fans in Deutschland, der Hasenbande und allen, die mit mir gefiebert haben! Ohne Euch alle würde ich jetzt nicht hier stehen!“ bringt sie die letzten Sätze nur noch unter Schluchzen hervor.

„Wenn’s fertig san, machens bitte das Licht aus?“ sagt der Hausmeister, der das leere Gelände gern abschließen möchte.

 

15. Juli 2014   Happy End

Am Vormittag landet die Nationalmannschaft auf dem Flughafen Berlin-Tegel und fährt auf offenen Wagen zum Brandenburger Tor. Nicht einmal der erste Besuch von Papst Benedikt XVI. nach seiner Wahl hatte in der gottlosen Hauptstadt so viele Zuschauer angezogen.

Bei der Liveübertragung im ZDF ist Carmens Drohne zu sehen, die mit wackelnden Flügeln über die Fanmeile fliegt. Die Pilotin winkt der jubelnden Menge zu.

Die Nationalspieler halten ein Transparent in die Kameras: „Obrigado Carmen!“

Carmen strahlt und dreht langsam Richtung Süden ab.

„Jetzt geht’s erst mal in Flitterwochen“, freut sie sich und legt den linken Huf um die Schulter ihres Kopiloten.

„Vale, guapa, yo también me alegro“[24], antwortet Guillermo mit einem glücklichen Lächeln.

 

THE END


[1] Auf das Zeichen wird die Show beginnen
[2] Schau, das Vögelchen!!!! Danke…
[3] Gib mir den Kopfhörer!
[4] Entschuldige, ich habe Dich nicht verstanden. Könntest du es bitte noch einmal sagen?
[5] Die Kopfhörer! Gib her!
[6] Ah, gefallen sie Dir? Ist dasselbe Modell, das auch Manuel Neuer benutzt. Kennst Du den Manuel?
[7] Gib her!
[8] Wie heißt das Zauberwort?
[9] Willkommen in Brasilien
[10] Ksch ksch, hallo, weiße Party! Möchtest Du?
[11] Ahhh, nein nein, jetzt nicht, danke.
[12] Als Torbogenreflex bezeichnet man bei männlichen Rindern das Verhalten, auf Gegenstände aufzuspringen, die in etwa eine Silhouette wie ein Torbogen haben.
[13] Wow!
[14] Danke dafür an meine Schwägerin
[15] Wenn ich Papst wäre, würde ich für die argentinische Nationalmannschaft beten
[16] Wir haben Deine Kinder von der Schule abgeholt. Sieh Dich vor! Ein deutscher Freund.
[17] Enhanced Interrogation Techniques
[18] Landgut, Farm
[19] Musculus peroneus: Wadenmuskel
[20] Sinngemäß „Nie im Leben!“. Wörtlich „Nicht einmal wenn die Kuh hustet!“
[21] Bis das Blut aufhört zu spritzen
[22] Kleines Fässchen mit 10 Litern Kölsch
[23] Beim Zeichen ist die Vorstellung schon zu Ende (Liedzeile von Maria Gadú)
[24] Ok, Süße, ich freue mich auch!