Bayreuth: Carmen schreibt die Geschichte um (Aug. 2014)

Vorspiel: Einsam in trüben Tagen

Einsam in trüben Tagen fläzt die Carmencita im Jogging-Anzug zuhause auf dem Sofa herum und guckt aus dem Fenster in den grauen Himmel. Im Hintergrund plätschert leise klassische Musik. „Schon wieder so ein verregneter Sommer“, denkt unsere melancholische Heldin, während sie sich wehmütig an ihre sonnendurchflutete andalusische Heimat erinnert, die sie damals verlassen hat, um ihr Glück auf der Pariser Opernbühne zu suchen. Doch das liegt lange zurück. Inzwischen ist sie eine erfolgreiche und mit allen Wassern gewaschene Doppelagentin. Gerade allerdings ist Sommerloch. Nun sitzt sie in ihrer Kölner Wohnung und lauscht dem Rauschen des Starkregens.

Die Fußballweltmeisterschaft ist vorbei. Alle sind in Sommerferien. Blutin und der Rest der Welt spielen ihr dummes „Kaufst-Du-kein-Gas-von-mir-kauf-ich-auch-keine-Milch-von-Dir“-Spiel. In Afrika breitet sich die Ebola-Epidemie immer weiter aus. Hin und wieder stürzt irgendwo hinter den sieben Bergen ein Passagierflugzeug ab. Israelis und Palästinenser bringen trotz Carmens beherzten Eingreifens weiterhin gegenseitig ihre Kinder um. Die Saison für Auftragsmorde hat noch nicht wieder begonnen. Genügend Gründe also, grübelnd auf dem Sofa abzuhängen. Carmen langweilt sich.

„Fehlt nur noch, dass ich mir schon nach dem Frühstück den ersten Whiskey einschenke“, ist eine ihrer Untergangsfantasien.

Doch plötzlich unterbricht das Klingeln des Q-Phones den Weltschmerz unserer bipolaren Superheldin.

Eine Nummer aus Bayern. „Grüß Gott!“ meldet sich unsere polyglotte Spanierin geschäftsmäßig, schon in Erwartung eines dieser lästigen Werbeanrufe für Weißbier oder Wurstsemmeln.

„Woochner“, meldet sich eine stark sächselnde Stimme am anderen Ende der Leitung. „Herr Woochner“, bemüht sich Carmen, ihre latente Gereiztheit hinter betonter Freundlichkeit zu verbergen. „Nüscht Woochner. WOOCHNER! Gennen Sie müsch etwa nüscht?“ – „Nun, also, was kann ich für Sie tun?“ antwortet Carmen ausweichend und unter Vermeidung einer Anrede. „Üsch hob gehört, Sie gennen süsch mit Fomiljenaufställungen un so’n Zeusch aus.“ Pause.

„Möchten Sie mir vielleicht Ihr Anliegen kurz skizzieren?“ bittet Carmen ungeduldig und auch schon etwas zickig um weitere Informationen. „Also die Bolizeichefin hot gesocht, üsch soll Sie anrufen, Sie hot von Ihn in der Zeidung gelesen. Sie gönnten Fomiljenprobleme lösen und Faschwundne wieda aufdauchen lossen. Unser Gottfried is nämlich fort, müssen Sie wüssen.“

Jetzt wird’s aber doch allmählich spannend, denkt unsere Spezialgentin für schwierige Fälle. Noch bevor sie antworten kann, bekommt die Stimme des Anrufers plötzlich einen flehenden Unterton. „Bütte, Frolln Garmen, gommense, gommense und helfense uns, den Gottfried wieda zu finden! Die Bayreuther Bolizei is ratlos. Wir befürchden schon dos Schlümmste. Geld spült gor geene Rolle. Der Ludwisch zohlt“, beschwört sie der aufgeregte Anrufer. Das hört unsere Luxuskuh natürlich nicht ungern und schlagartig hebt sich ihre Laune. Auch wenn sie keine Ahnung hat, wer dieser Woochner und der Ludwisch sind.

„Gut, könnten Sie mir vielleicht eine kurze E-Mail mit den Kontaktdaten schicken?“ bittet sie den ihr unbekannten Anrufer mit aus der Erfahrung gewachsener Vorsicht. „Och, wos, Ih-Mehl! Gommense einfoch noch Bayreuth. Wohnfried kennt do jeda!“

Wohnfried?

In diesem Moment fällt Carmen vor Schreck fast die verblühte Kamelie aus ihrer herausgewachsenen La-Ola-Welle.

Bayreuth! Wahnfried!! Wagner!!! Richard Wagner!!!! Der Meister höchstselbst ruft sie an und bittet um ihre Hilfe! Der Meister!! Der Schöpfer dieser überirdisch schönen Musik, die gerade in ihrem Wohnzimmer silbrig-blau aus den Lautsprechern rieselt!!! „This fucking anti-semite“, hört Carmen ihre Freundin Abigail im Geiste sagen. Doch können diese weltanschaulichen Bedenken die Begeisterung unserer Heldin mit dem Vaterkomplex nicht ernsthaft mindern.

Wer hätte diesem trüben Tag noch eine solche Sternstunde zugetraut!

Schnell reißt sich Carmen wieder zusammen, im Bemühen, sich ihre Freude nicht anmerken zu lassen. „Gut, Herr Wagner. Morgen zur Mittagszeit kann ich bei Ihnen sein“, legt sich unsere professionelle Ermittlerin kurz entschlossen fest.

„Gönnse nüscht eher gommen?“ bittelt der berühmte Komponist. „Morgen Mittag. Früher geht leider nicht“, antwortet Carmen mit ehrlichem Bedauern in der Stimme.

„Denn vorher muss ich unbedingt noch zum Friseur und mein Flamencokleid aus der Reinigung abholen“, denkt die Carmencita, deren Eitelkeit der des Meisters wohl in nichts nachsteht.

 

Erster Akt: Willkommen, willkommen, Carmen, in Bayreuth!

Carmens Nachtschlaf war unruhig. Die Aufregung hatte sich bis in ihre Träume geschlichen. Viel früher als nötig erwacht sie vom vielstimmigen Konzert der Staubgebläse, mit denen die Hausmeister der ganzen Umgebung in einer rituellen Handlung die Morgenruhe stören. „Das muss doch jetzt wirklich nicht sein“, flucht unsere morgenmuffelige Umweltschützerin über diese völlig sinnlose Lärmemission und schraubt grimmig das Zielfernrohr auf ihr Präzisionsgewehr. Wenige Minuten später hat sie die wohltuende Stille wieder hergestellt, die nur gelegentlich unterbrochen wird von den Martinshörnern der herbei eilenden Rettungsfahrzeuge.

Verschlafen schlurft Carmen ins Bad. Gestern war sie nach dem Anruf des Meisters noch spontan nach Berlin geflogen und hatte Udo gedrängt, sie schnell zwischenrein zu nehmen. „Ich kann unmöglich mit dieser herausgewachsenen La-Ola-Welle nach Bayreuth!“ begründete sie ihre ungewöhnliche Penetranz. Udo verstand und zauberte unserer Heldin eine spektakuläre Festspielfrisur, die gerade heute morgen entfernt an die Fürstin von Thurn und Taxis in jungen Jahren erinnert.

„Praktisch ist anders“, geht es unserer Diva durch den Sinn, als sie nach dem Aufstehen mit viel Aufwand und Haarspray ihre neue Mähne zu bändigen versucht. „Ich sollte mir das aber wert sein“, beschwichtigt sich unsere Hobby-Psychologin selbst, da sie in einem Buch über die Behandlung chronischer Depressionen mithilfe des Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy gelesen hat, dass man sich gerade in trüben Tagen unbedingt auch mal etwas Besonderes gönnen soll. Dann packt sie ihren Schrankkoffer mit diversen Abendroben und den Moderationskoffer mit den Utensilien für eine Familienaufstellung sowie den üblichen Agentenbedarf und steigt in ihr Cabrio, dessen Dach wegen des Dauerregens heute zu bleiben muss.

Auf der Fahrt zum Flughafen hört sie die Ouvertüre zum „Fliegenden Holländer.“ „Hoffentlich bleiben meine Haare trocken“, sorgt sich die frisch frisierte Familienaufstellerin, während das Prasseln des Regens auf der Windschutzscheibe und der Rhythmus der Scheibenwischer mit der Musik zu verschmelzen scheinen.

Dass irgendein pflichtvergessener Soldat mal wieder vergessen hat, die Schranke an der Zufahrt zum Rollfeld des Militärflughafens von Köln-Wahn zu schließen, kommt ihr heute eher zupass. So fährt sie auf direktem Weg einmal quer über die Startbahn hinein in den Hangar und parkt das Auto neben der Drohne. Koffer umladen, einsteigen, Checkliste abhaken, Startfreigabe einholen und los geht’s.

Mit gemischten Gefühlen fliegt Carmen von Köln nach Bayreuth. Sie erinnert sich an ihren letzten Aufenthalt in der fränkischen Metropole und hofft, dass man ihr den Überfall auf das Lager der Pharmafirma und ihren Ausbruch aus der Forensischen Psychiatrie, in der sie zusammen mit Gustl Mollath eingesessen hatte, nicht mehr nachträgt. Damals hatten Abigail und die anderen Mädels vom Q-Sad sie in einer spektakulären Aktion befreit. http://www.rinderwahn.eu/?p=75 „A propos“, denkt Carmen, „ich könnte meine Süße ja mal wieder anrufen.“

Schon nach dem ersten Klingeln ist Abigail am Telefon. „Hi, Baby, don’t tell me you’rrre in trrrouble again!“ meldet sich die israelische Agentin und Intimfreundin unserer bisexuellen Superheldin mit launigen Worten. „No, thank God, I’m fine. And how are you, honey?“ – „Well, the usual stuff. The Hamas arrre digging tunnels and we arrre trrrying harrrd to fill them up again“, berichtet Abigail, die seit Beginn der aktuellen Krise beim israelischen Grenzschutz arbeitet. Nach ein wenig verliebtem Smalltalk erzählt Carmen von ihrem neuen Auftrag. „Rrrichard Wagnerrr?“ fragt Abigail mit hörbarer Ambivalenz in der Stimme. „This fucking anti-semite? … Well, but grrreat music anyway…“ fügt sie nachdenklich hinzu. „It’s a pity we don’t have opporrrtunities to go and see his works herrre.“ – „You should come to Bayreuth then. I’d love to attend ‚The Flying Dutchman’ together with you, honey,“ säuselt die Carmencita ihrer Freundin ins Ohr, da sie weiß, dass die Liebe sich auch von gemeinsamen Träumen nährt.

„Can’t possibly do this“, antwortet Abigail leise und ein wenig traurig. „They’d sack me immediately.“ – „I’m sure we’ll find a way of enjoying it together in the near future“, tröstet Carmen ihre israelische Freundin. Abigail spürt, dass Carmen es ernst meint und freut sich. Nach ein wenig weiterem Austausch ist das Telefonat beendet. Abigail wünscht Carmen viel Glück.

Dann beginnt unsere mit dem Sabiha-Gökcen-Orden ausgezeichnete Kampfpilotin den Landeanflug auf den Flughafen von Bayreuth. Zur Untermalung schaltet sie das Drohnenradio ein und dreht den „Ritt der Walküre“ auf volle Lautstärke. Wieder einmal findet sie, dass sich die Investition in das Bose-Surround-Sound-System gelohnt hat.

Wie freudig ist ihre Überraschung, als sie nach der Landung diesmal nicht von einem Sondereinsatzkommando der Polizei, sondern vom Chor der Bayreuther Festspiele erwartet wird. Nachdem sie die Parkposition erreicht und das Panorama-Glasschiebedach geöffnet hat – in Bayreuth scheint die Sonne – ertönt es vielstimmig: „Willkommen, willkommen, Carmen in Bayreuth!“

Unsere Diva entsteigt beeindruckt ihrem Fluggerät und wird vom Leiter der Festspiele mit einem Hufkuss begrüßt.

Im Hintergrund flattert aufgeregt ein Schwan.

Carmen lässt ihren Schrankkoffer und das Arbeitsgerät ausladen. „Nur das Nötigste“, beteuert unsere kleine Luxus-Kuh treuherzig.

Man begleitet sie zum Ausgang des Provinzflughafens. Beim Verlassen des Sicherheitsbereichs wird sie von einer imposanten Frau erwartet, die ein Schild mit der Aufschrift „Frl. Carmen“ hochhält. Carmen tritt zu ihr hin und gibt sich zu erkennen. „Ich bin Brünnhild“, stellt sich die Dame vor. „Bin so etwas wie das Faktotum des Wagner-Clans. Mädchen für alles, gewissermaßen. Ich darf sie nach Wahnfried bringen. Kommen Sie, mein Gefährt steht gleich vor der Tür.“

In einer Reihe mit den Taxen hat Brünnhild ihren Einspänner geparkt. Mit starker Hand lädt sie Carmens Gepäck auf und bittet unsere Heldin, Platz zu nehmen. „Besser, Sie schnallen sich an“, grinst die Walküre und setzt sich vorn auf den Kutschbock. „Das gute Stück ist nämlich flotter als man beim ersten Anblick denkt. War übrigens mal ein Polizeifahrzeug“, erklärt sie. Auf ein kurzes „Hü, Grane!“ setzt sich die Kutsche mit einem heftigen Ruck in Bewegung.

In rasender Fahrt geht es zum Grünen Hügel.

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Auf der Fahrt beginnt Brünnhild mit dem Briefing unserer Nothelferin: „Es brodelt ja schon länger in Wahnfried. Aber seit ein paar Tagen ist nun wirklich die Hölle los. Die ganze Familie ist zerstritten. Dazu kommen noch ein paar mehr als merkwürdige Freunde, wenn ich das mal so formulieren darf, die sich in alles einmischen. Es ist ein richtiges Irrenhaus… Der Meister und Cosima haben es immer abgelehnt, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Böse Zungen behaupten, es liege daran, dass alle brauchbaren Psychotherapeuten Juden seien. A propos…“, stockt die etwas indiskrete Walküre und macht eine Kunstpause.

„Sprechen Sie es nicht aus. Ich bin katholisch“, wischt die Carmencita, die nicht unerwartete Frage antizipierend, alle Bedenken weg. „Ok, ist zwar immer noch suboptimal, macht die Sache aber auf jeden Fall einfacher…“, grinst Brünnhild.

Dann berichtet sie kurz über das Verschwinden des kleinen Gottfried. „Der Meister und Cosima haben ihn und seine ältere Schwester Elsa vor einigen Jahren von einer Konzertreise aus Antwerpen mitgebracht. Sie haben die beiden beim Besuch eines Waisenhauses kennengelernt und waren sofort vernarrt in die Kinder. Seitdem leben die kleinen Belgier in Wahnfried und sind inzwischen Teil der Familie geworden. Vor allem Gottfried hat alle verzaubert, was Elsa manchmal ein wenig eifersüchtig macht, weil sie in ihrer scheuen Art nicht ganz so zutraulich ist. Vor einer Woche sind beide zum Spielen in den Wald gegangen. Am Abend kam Elsa allein und völlig verstört zurück. Sie erzählte, Gottfried sei plötzlich verschwunden gewesen. Die Bayreuther Polizei hat noch in der selben Nacht mit einer Hundertschaft den Wald durchsucht. Vergebens. Gottfried blieb wie vom Erdboden verschluckt. Die Familie ist seitdem in größter Sorge. Nun ist der schon lange schwelende Konflikt im Haus völlig eskaliert. Einer beschuldigt den andern. Der Meister ist ratlos. Er hofft, sie können das Rätsel lösen und Gottfried wohlbehalten wieder zur Familie zurück bringen.“

Auf ein kurzes „Brrr, Grane“ kommt die Kutsche vor dem imposanten Anwesen der Wagners mit quietschenden Reifen zum Stehen. Die Carmencita hatte bei Wikipedia gelesen, dass es noch immer nicht abbezahlt sein soll.

Die Tür des Hauses öffnet sich und einige Domestiken helfen beim Ausladen. „Kommen Sie bitte mit“, sagt Brünnhild und geleitet unsere beeindruckte Heldin hinein. Im Foyer wuseln einige strohblonde Kinder herum, die bei Carmens Anblick neugierig innehalten und sie mit offener Neugier betrachten, vor allem weil sie noch nie ein Flamencokleid gesehen haben. Im nächsten Moment öffnet sich eine Tür und der Meister tritt an der Seite seiner Gattin gemessenen Schrittes auf den sehnlichst erwarteten Gast zu. „Frolln Garmen, do sind Sie jo. Üsch hoffe, Sie hotten eenen guten Fluch“, ergreift das Familienoberhaupt mit beiden Händen den ausgestreckten Huf der Carmencita. „Er ist noch kleiner als ich dachte“, denkt unsere Musikliebhaberin mit dem Vaterkomplex, in ihrem Bemühen, nicht allzu beeindruckt zu wirken.

„Das ist meene Frau Gosima“, stellt Wagner sein zweites Glück vor. „Willkommen in Wahnfried“, sagt Cosima förmlich und streckt der Carmencita die Hand entgegen. Dabei ist ihr trotz aller Freundlichkeit die Skepsis gegen jegliche fremde Einmischung in Familienangelegenheiten deutlich anzumerken. „Bitte, kommen Sie herein. Sie werden hungrig sein. Wir haben einen kleinen Imbiss vorbereitet, bevor Sie mit der Arbeit beginnen.“

Zum Mittagessen gibt es Saure Zipfel und fränkisches Bier. „Ob die sich jeden Tag so ungesund ernähren?“ fragt sich unsere Teilzeit-Vegetarierin. Dennoch findet sie das Mittagessen ganz lecker und langt kräftig zu, um nicht die mit zunehmendem Bierkonsum allmählich aufkeimende Vertrautheit durch übermäßige Zurückhaltung zu gefährden.

„Nu sochen Sie eenfoch, Frollen Garmen, wie Sie vorzugehen gedenken“, kommt der Meister beim Nachtisch zum Zweck des Besuchs. „Nun, ich schlage vor, alle Beteiligten sollten sich nach dem Mittagessen erst einmal zu einer Lagebesprechung zusammenfinden“, erklärt unsere Familientherapeutin. „Gut, dann treffen wir uns um sechs im Musikzümmer“, entscheidet der Meister. „Vorher zeicht Ihnen die Brünnhild noch Ühre Undergunft. Do gönnen Sie sich einrüschten und früsch mochen“, sächselt er munter weiter, froh, die Fäden nicht ganz aus der Hand geben zu müssen. „Und bevor’s losgäht däd üsch Sie gern noch under vier Oochen sprechen. Sochen wir um fümpf in der Bübliodeek?“, bittet der Meister. Carmen wirft einen Blick auf Ihre Omega Seamaster und stimmt zu.

Brünnhild nimmt Carmen unter ihre Fittiche und führt sie die Treppe hinauf auf den Flur, von dem die Gästezimmer abgehen. In einer Nische fällt Carmen eine große Vitrine auf, in der einige offenbar wertvolle Gegenstände ausgestellt sind. Besonders springt ihr ein großer goldener Kelch ins Auge, der einen zentralen Platz einnimmt und offenbar den Mittelpunkt der Sammlung darstellt. „Beeindruckend, nicht?“ fragt Brünnhild, die Carmens Blicken gefolgt ist. „Außergewöhnlich“, antwortet Carmen. „Ja, das trifft es wohl ganz gut“, antwortet das Faktotum nickend. „Es handelt sich um Geschenke, die den Wagners von prominenten Festspielgästen gemacht wurden. Meistens sind es rituelle Gegenstände von hohem Symbolwert. Zum Teil soll es sich aber auch um kultische Objekte mit einer langen Geschichte handeln.“ – „Wissen Sie etwas über diesen Kelch hier in der Mitte?“ fragt Carmen nach. „Nicht viel. Der ist das neueste und wahrscheinlich wertvollste Stück in der Sammlung. Einer der Gäste hat ihn vor kurzem mitgebracht. Fragen sie mich aber lieber nicht, wie er heißt“, sind die wenigen Informationen, die Brünnhild geben kann.

Carmen bezieht ihr Zimmer. „Nett“, denkt unsere durchaus an Komfort gewöhnte Luxus-Kuh mit einer rhetorischen Untertreibung. Wie gern würde sie sich ein wenig auf dem riesigen und weichen Bett ausstrecken. Doch dafür ist jetzt keine Zeit. Carmen hat bemerkt, dass die anderen Gäste und Familienmitglieder nach dem Essen alle in den Garten gegangen sind. „Die Gelegenheit ist günstig“, findet unsere Agentin und öffnet den Koffer mit dem elektronischen Arbeitsgerät. Sie nimmt eine Handvoll Abhörgeräte heraus und steckt sie in die Tasche ihres Flamencokleids. Dann verlässt sie vorsichtig das Zimmer und geht über den verlassenen Flur. An jeder Tür horcht sie kurz, klopft vorsichtig und wenn von drinnen keine Antwort zu hören ist, geht sie leise hinein, heftet rasch mit geübten Griffen ein kleines Mikrofon in den Lampenschirm und verlässt den Raum wieder. So verwanzt sie ein Zimmer nach dem andern. Bis auf eines, in dem sich offenbar eine Person aufhält.

Pünktlich um fünf Uhr betritt Carmen die Bibliothek, wo sie der Meister bereits in einem bequemen Sessel sitzend erwartet. Er bittet sie, Platz zu nehmen und setzt sie ins Bild über die Situation, die Carmen in groben Zügen bereits von Brünnhild erfahren hatte. „Do hier sowieso jeder jeden verdechdischt, will üsch Ihnen gleich sochen, dass die Gosima und üsch uns zum Zeitpunkt des Verschwündens des kleenen Gottfried auf einer Konzertreise in Venedisch befanden. Dafür gübt es jede Menge Zeuschen. Als uns die Brünnhild über die Ereischnisse informiert hot, sind wir natürlich sofort zurückgegommen und zwei Dooche später hier eingetroffen. Für uns ist dos Gonze eene eenzische Gatastrophe. Der Gottfried und die Elsa sind für uns wie unsere eeschenen Ginder“, schließt der Meister seine Ausführungen. Tränen stehen ihm in den Augen.

„Die beiden scheiden also schon mal als Täter aus“, denkt Carmen, die begreift, dass beide ein wasserdichtes Alibi und außerdem kein Motiv zu haben scheinen.

„Nochdem die Bayreuther Bolizei offensichtlich am Ende ist mit ihrem Ladein, hat mir die Leiterin der „Soko Gottfried“ geroten, üsch soll müsch mit Ühnen in Verbündung setzen. In Bolizeikreisen däd man süsch soochen, Sie wären die Beschte, und wenn eener die Soche aufklären gönnte, donn Sie, hot sie gesoocht.“ Der Meister schließt mit der inständigen Bitte, Carmen möge alles in ihrer Macht Stehende tun und versichert sie seiner unbeschränkten und rückhaltlosen Unterstützung. „Der Ludwisch zohlt!“ fügt er noch einmal hinzu und es klingt wie eine Beschwörungsformel, mit dem man hier im Haus so manches Problem zu lösen gewohnt ist. „Dann sollte er sich schon mal nach einem Käufer für Neuschwanstein umsehen“, grinst unsere Doppelagentin mit den unverschämten Honorarforderungen in sich hinein, bedankt sich dann aber förmlich und sichert dem Meister zu, sie sei zuversichtlich, die Angelegenheit bald aufklären zu können. Beginnen wolle sie damit, alle Familienmitglieder und Hausgäste kennenzulernen, um sich ein Bild machen zu können.

Eine halbe Stunde später hat Carmen das Musikzimmer für den Anlass vorbereitet. Sie hat einen Stuhlkreis und das mitgebrachte Flipchart aufgestellt, in dessen obere linke Ecke sie ein Foto des kleinen Gottfried geklebt hat. Der geöffnete Moderatorenkoffer liegt auf einem kleinen Beistelltisch. Nach und nach tröpfeln die Familienmitglieder und die anderen Bewohner des Hauses herein. Carmen bittet sie alle, Platz zu nehmen. Als letzte kommen Richard und Cosima hinzu.

Der Meister begrüßt die Anwesenden und stellt dann Carmen vor. Mittlerweile hat er die Fassung wieder gewonnen und gibt sich ganz als Familienoberhaupt: „Hört, Kinder, Edle, Gäste, Freunde von Bayreuth!“ verkündet er. „Carmen, der Deutschen Agentin, kam zur Statt, mit uns zu dingen nach des Reiches Recht! Gebt ihr nun Fried’ und Folge dem Gebot!“

„Klingt gut“, denkt Carmen, die kein Wort des geschwollenen Geredes verstanden hat. Dennoch bedankt sie sich artig. Nachdem die Runde nunmehr vollständig und aufmerksam zu sein scheint, richtet sie das Wort an die Anwesenden.

„Sie alle wissen, warum wir hier zusammengekommen sind. In erster Linie geht es darum, das Verschwinden des kleinen Gottfried aufzuklären. Dazu wird es zunächst hilfreich sein, die familiären Strukturen besser zu durchblicken. Wir sollten daher mit einer kleinen Vorstellungsrunde beginnen“, schlägt unsere psychologisch versierte Ermittlerin vor.

Zuerst richtet sie den Blick auf die junge Frau, die neben ihr Platz genommen hat. „Bist Du es, Elsa von Brabant?“, fragt Carmen feierlich. Elsa nickt. „Möchtest Du uns kurz Deine Sicht der Dinge schildern?“ ermutigt Carmen betont freundlich. Elsa nickt erneut.

„Mein armer Bruder!“ beginnt Elsa nach einer kurzen Pause stockend. Dann erzählt sie, wie sie von den Wagners damals zusammen mit ihrem Bruder von Brabant nach Wahnfried geholt worden sei, als Waisenkinder, und dass sie hier von der Familie aufgenommen worden seien wie deren eigen Fleisch und Blut. Dann kommt sie zu den jüngsten Ereignissen und schließlich berichtet sie von besagtem Nachmittag, als sie mit ihrem kleinen Bruder zusammen in den Wald an einen kleinen See zum Spielen gegangen sei. „Wir haben Verstecken gespielt und plötzlich war er wie vom Erdboden verschluckt.“ Sie habe das ganze Ufer abgesucht aber außer einem auf dem Wasser schwimmenden Schwan kein lebendes Wesen getroffen. Dann sei sie völlig verstört nach Hause gelaufen und habe Brünnhild und die Familie alarmiert. Brünnhild habe schließlich die Polizei verständigt. Den Rest der Geschichte kenne sie ja schon, schließt Elsa traurig an Carmen gewandt. Kurzes Schweigen. „Ich weiß, dass sowieso alle mich verdächtigen!“ platzt es schließlich aus Elsa heraus. „Aber ich schwöre bei Gott, ich war es nicht!“

„Es gilt zunächst für alle die Unschuldsvermutung“, beschwichtigt unsere Hobby-Juristin die aufgeregte Blondine. „Dennoch. Für alle Fälle: Erkennst Du mich als Deinen Richter an?“ fragt sie mit heiligem Ernst an Elsa gewandt. Elsa blickt zur Seite und nickt.

Zu Carmens besonderer Ermittlungsmethodik gehört der Einbezug ihres Unbewussten. Daher schließt sie kurz die Augen und wartet auf die inneren Bilder, die nun vor ihrem geistigen Auge auftauchen. Sie sieht einen still ruhenden See, die Elsa im makellos weißen Kleid mit einem güldenen Krönchen auf dem blonden Haar und in der Ferne auf dem Wasser einen reglosen und ebenso makellos weißen Schwan. Die an sich nahe liegende Hypothese vom Brudermord aus Eifersucht stellt Carmen angesichts dieser Idylle erst einmal beiseite.

„Ich danke Dir“, kehrt Carmen wieder in die Realität zurück. „Es ist nämlich wichtig, dass wir uns alle zu diesem Prozess comitten.“ Carmen blickt fragend in die Runde. Einige nicken ebenfalls, andere schauen betreten zu Boden.

„Gut. Dann fahren wir bitte mit der Vorstellungsrunde fort. Sag, wer bist Du?“ wendet sie sich an den saumäßig attraktiven blonden Hühnen neben Elsa, von dem sie gehört hat, er solle seit kurzem deren Verlobter sein, nachdem sie vor längerer Zeit einem gewissen Friedrich den Laufpass gegeben hatte.

Ein erschrecktes Schnaufen geht durch den Raum. Carmen spürt, dass sie offenbar einen problematischen Punkt angesprochen hat. „Oh, mir schwant, hier gibt es ein Tabuthema!“ freut sich die Carmencita innerlich. Der Hühne blickt ihr tief in die Augen. Carmen wird einen Moment lang ganz schwindelig von der Klarheit und Kraft, die er ausstrahlt. „Eine starke Persönlichkeit“, fährt es ihr durch den Kopf, „aber ich kann mir jetzt unmöglich die Kontrolle über die Situation aus dem Huf nehmen lassen.“ Daher legt sie mit Entschlossenheit nach: „Und, ich höre?“ Erneutes angespanntes Schnaufen in der Runde.

Da steht der Blonde auf und erhebt die Stimme: „Nie sollst Du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam’ und Art!“

„Ach, Du Scheiße“, denkt unsere Küchenpsychologin mit dem Hang zu Blickdiagnosen, „schizoid-narzisstische Persönlichkeitsstörung – und gleich zu Anfang soviel offener Widerstand. Das kann ja heiter werden.“ Dann erinnert sie sich an ihre familientherapeutische Ausbildung und entscheidet sich, den Hühnen erst einmal gewähren zu lassen. „Na gut, vielleicht könnten wir uns darauf einigen, dass Du mir sagst, wie Du angesprochen werden möchtest.“ Blondie setzt sich wieder hin, lehnt sich zurück und verkündet: „Nenn’ mich einfach ‚Schützer von Brabant’“, ordnet er an. „Ok, Schützer, ich verlasse mich dennoch auf Deine Kooperation“, versucht Carmen ein wenig hilflos, ihn wenigstens symbolisch ins Boot zu holen. Zu ihrer Erleichterung nickt der Blonde huldvoll. Es ist noch zu erfahren, dass er tatsächlich Elsas Verlobter sei, seit er neulich in einer Bayreuther Diskothek, wo Elsa sich gerade mit ihrem damaligen Freund Friedrich stritt, aus dem Nichts aufgetaucht sei, sich unter Einsatz seines eigenen Lebens sehr für sie ins Zeug gelegt und den Friedrich fürchterlich verdroschen habe. Das habe Elsa derart imponiert, dass sie spontan seinen Heiratsantrag angenommen habe. „So ist das“, denkt Carmen im Stillen, „diese Waisenkinder sind eben lebenslang anfällig für solche Beschützerfiguren.“

Dennoch wirkt das Ganze irgendwie stimmig und Carmen sieht erst einmal keinen Anlass, hier weiter nachzufragen. Vor ihrem geistigen Auge sieht sie den Schützer mit einem Schwert in der einen und einem güldenen Kelch in der anderen Hand, von einem Strahlenkranz umgeben. „Wow“, denkt Carmen, „der scheint echt etwas Besonderes zu sein.“

Dann bittet sie den Sitznachbarn des Schützers, sich vorzustellen. Er sei Siegfried, der Sohn von Richard und Cosima, teilt der für Carmens sensiblen Geschmack ein wenig effeminiert wirkende Herr schnörkellos mit. Er sei gerade mit der Einstudierung einer neuen Oper des Meisters am Festspielhaus beschäftigt. Am Nachmittag des Verschwindens des kleinen Gottfried habe er dort eine Orchesterprobe geleitet. Er sei durch einen Boten bei der Probe unterbrochen und benachrichtigt worden und daraufhin sofort nach Hause zurückgekehrt, um als ältestes der anwesenden Familienmitglieder die notwendigen Maßnahmen in die Wege zu leiten. „Wasserdichtes Alibi“, denkt Carmen und verzichtet auf weitere Nachfragen.

Vor ihrem geistigen Auge sieht sie Siegfried nackend durch ein schlecht beleuchtetes Badehaus streifen. Durch den Raum wabert heißer Wasserdampf, aus dem immer wieder zahlreiche, ebenfalls nackte Bauernburschen auftauchen sind, die sich vielsagende Blicke zuwerfen. Etwas irritiert öffnet Carmen die Augen, um die Runde fortzusetzen. Doch vorher erregt ein polterndes Geräusch im Haus ihre Aufmerksamkeit.

„Ist da noch jemand?“ wendet sich die Carmencita an den Meister. „Des würd der Ludwisch sein“, antwortet der berühmte Komponist achselzuckend. „Der Ludwig? Ja, wenn der auch hier ist, warum sitzt er dann nicht bei uns?“ fragt Carmen naiv. „Das müssen Sie verstehn, der Ludwisch ist een extreem scheuer Gesell. Der könnte dos gor nicht mit uns hier ausholten, alle zusommen in eenem Raum. Do kriescht der immer Schweißausbrüche und Banikodoggen“, entschuldigt der Meister seinen Hauptsponsor. „Ober üsch werd arranschürn, doss Sie ihn nochher unter vier Oochen sprechen gönnen“, bemüht er sich beschwichtigend, unserer Ermittlerin entgegen zu kommen. Carmen seufzt und setzt die Runde fort.

Ein Herr im langen Gewand ist an der Reihe. Er sei Heinrich der Vögler, stellt er sich vor. Der Deutschen König sei er gewesen und der Vorgesetzte von Ludwig. Mittlerweile befinde er sich jedoch im Ruhestand und sei zu Besuch hier in Wahnfried, wo er eine kleine aber doch bedeutende Rolle in der aktuellen Oper übernommen habe. Endlich habe er Zeit, seinem Hobby zu frönen, sagt er. Mit Gottfried habe er wenig zu tun gehabt, da er sich in seiner Freizeit lieber mit den Damen der Bayreuther Gesellschaft beschäftige, fügt er mit einem ebenso schmutzigen wie provozierenden Augenzwinkern in Richtung unserer bisexuellen Heldin hinzu. „Er kompensiert seine Unsicherheit und innere Leere nach der Pensionierung mit hypersexuellem Agieren“, denkt unsere wilde Psychoanalytikerin. Am fraglichen Nachmittag habe er ein Stelldichein mit der Tochter des Bürgermeisters gehabt, fährt der Vögler fort. Er bitte aber darum, diese Information möglichst vertraulich zu behandeln, schließlich sei er als Ex-König ein Ehrenmann. Carmen sieht vor ihrem geistigen Auge das schlaffe Fleisch des alternden Monarchen auf einem Bett liegen, während eine junge Blondine ebenso angestrengt wie geistesabwesend auf ihm herum hoppelt. Carmen ist froh, als sie die Augen wieder öffnen kann, fürchtet aber, diesen unerfreulichen Anblick so bald nicht wieder loszuwerden. „Nomen est omen“, stellt sie abschließend für sich fest.

Zu ihrer Überraschung gibt sich die verschlagen wirkende Dame neben Heinrich als Siegfrieds Ehefrau Winifred zu erkennen. „Ach, Sie sind verheiratet?“, entfährt es Carmen ebenso spontan wie überrascht. Sogleich möchte sie sich auf die Lippen beißen und das Gesagte zurücknehmen. Doch gesagt ist gesagt. Die ganze Runde blickt etwas betreten zu Boden.

Winifred gibt an, am Nachmittag zusammen mit der Köchin in der Küche beschäftigt gewesen zu sein. Viel Hilfreiches ist von ihr ansonsten nicht zu erfahren. Carmen schließt wieder die Augen. Je weniger gesprochen wird, umso wichtiger die inneren Bilder aus dem Unbewussten. Da sieht sie Winifred im langen Ledermantel, mit einer Schildmütze auf dem Kopf und einer neunschwänzigen Katze in der Hand, im offenen Wagen stehend über den Prachtboulevard einer Großstadt fahren. Als sie den Mund öffnet, ergießt sich daraus ein nicht endender Strom hässlicher Ratten, die aus dem Wagen springen, wo sie die den Weg säumenden Menschen anfallen und mit der Pest infizieren. Carmen schaudert. Sie öffnet die Augen und reißt sich zusammen. Doch es soll noch schlimmer kommen.

Denn nun ist der kleine Mann mit dem komischen Bärtchen über den kariösen Schneidezähnen und dem schlecht sitzenden Anzug neben Winifred an der Reihe. „Äch bänn Onkel Wolf“, schnarrt er mit merkwürdigem Akzent und versucht dabei vergeblich, liebenswürdig zu wirken. “Onkel Wolf ist ein enger Vertrauter der Familie“, erklärt Winifred. „Er ist in der Politik aktiv und hat gerade im Gefä…, äh, in Landsberg am Lech sein Parteiprogramm verfasst. Wir haben ihn eingeladen, sich hier bei uns von den Strapazen zu erholen.“ – „So zieht das Unheil in dies Haus“, denkt Carmen und fragt sich, wo sie diesen Satz schon einmal gehört hat.

„Gänau, ond om zo arbeiten. Am Nachmättag däs Värschwändens däs kleinen ongezogenen Rackers war äch mät lätzten Korrektoren der Drockfahnen bäschäftigt“, ergänzt der hässliche Mann mit dem komischen Sprachfehler.

Carmen läuft es eiskalt den Rücken hinunter. Sie schließt die Augen und erschrickt sogleich über ihre Visionen, die mit selten erlebter Intensität Besitz von ihr ergreifen: Sie sieht eine Landkarte Europas in Flammen aufgehen, unter rauchenden Trümmern eingestürzter Häuser, abstürzenden Schwänen mit vom Feuer versengtem Gefieder und Bergen abgemagerter Leichen. Unter den Leichen ist eine, deren Gesicht Carmen erkennt. Es ist das ihrer über alles geliebten Freundin und Gefährtin Abigail. Carmens Herzschlag beschleunigt sich, ihre Hufe zittern und sie spürt eine Übelkeit aufsteigen, wie sie sie noch nie beim Anblick eines Unbekannten empfunden hat. Im nächsten Moment sieht sie sich mit einem Baseballschläger in den Hufen immer wieder und mit voller Kraft auf Onkel Wolfs Schädel einschlagen, während der nicht aufhören will, aus der zerschmetterten Fratze diabolisch zu lachen.

Carmen bittet um eine Pause. Sie öffnet die Fenster und blickt nach draußen in den Garten von Wahnfried.

„So zieht das Unglück in dies Haus“, denkt unsere hochsensible Heldin noch einmal und atmet tief die frische Luft ein und aus. Ihr Blick fällt auf das Grab von Russ, dem verblichenen Hund des Meisters. Allmählich beruhigt sich ihr Puls und sie bittet alle Anwesenden, wieder Platz zu nehmen.

Carmen am Grab von Wagners Hund Russ
Carmen am Grab von Wagners Hund Russ

 

Als nächste ist das Kindermädchen Emma an der Reihe. Emma bricht sogleich in Tränen aus und berichtet, sie habe den Nachmittag spielend mit den anderen Kindern verbracht. Sie mache sich solche Vorwürfe, weil sie Elsa und Gottfried alleine in den Wald habe gehen lassen. „Wenn er nicht zurückkommt, werde ich mir das nie verzeihen“, schließt sie ihre Rede und versinkt in Schluchzen. „Warum sind es eigentlich immer die liebevollsten Frauen, die sich selbst die Schuld geben, wenn mit den Kindern etwas schiefläuft…“, fragt sich Carmen, während idyllische Bilder einer unbeschwert im Garten spielenden Kinderschar in ihr aufsteigen.

Die Runde geht weiter und die anderen Kinder und die Enkel des Meisters stellen sich vor. Am interessantesten findet Carmen die kleine Friedelind, die schon allein mit ihrem blau gefärbten Irokesenschnitt und den vielen Piercings optisch für Abwechslung im blonden Einheitsbrei der Familienmitglieder sorgt. Carmen registriert die anklagenden Worte der jungen Frau, welche nach Carmens systemischer Einschätzung offenbar die Rolle der Rebellin im Familiensystem übernommen hat. „Hättet Ihr mal besser auf Gottfried aufgepasst! Aber Ihr seid ja immer nur mit Euch selbst beschäftigt“, giftet sie ihre Eltern Siegfried und Winifred an. „Friedelind, do ongezogenes Mädchen“, mischt sich Onkel Wolf ungefragt schimpfend ein. Carmen schließt kurz die Augen und spürt eine tiefe Sympathie für die Heranwachsende. Hatte sie doch selbst dieses äußerst schwierige Verhältnis zu ihren Eltern gehabt, das sie letztlich in die Emigration nach Paris getrieben hatte. „Ich wünsche Ihr, dass sie einmal groß rauskommt“, denkt Carmen unter Verlust jeglicher Objektivität.

Spätestens jetzt ist die Luft im Raum zum Schneiden dick.

Draußen wird es allmählich Nacht über Bayreuth.

Nacht über Bayreuth

Nacht über Bayreuth

 

Zweiter Akt: Die ihr in süßem Schlaf verloren, wisst, dass für Euch das Unheil wacht!

Nach dem Abendessen, zu dem wieder Saure Zipfel und viel fränkisches Bier gereicht wurden, sitzt Carmen noch ein wenig mit dem Meister auf einer Bank im Garten. Zuerst unterhalten sie sich kurz über den scheuen Hausgast mit dem blauen Blut. Carmen möchte wissen, wie sie ihn auch noch sprechen könne. „In die große Runde wird er gaum zu grieschen sein. Vielleicht gönnt üsch ühn zu eenem Vier-Oochen-Gespräch beweeschen“, meint der Meister. – „Das wäre gut“, stimmt Carmen zu und hängt ein wenig ihren Gedanken nach.

Dann kommen sie auf Wagners Schrift „Das Judenthum in der Musik“ zu sprechen. „Wie kann ein Mensch, der so überirdisch schöne Musik macht, in seinen Schriften einen derart schäbigen Charakter an den Tag legen?“ fragt sich unsere Moralbovinosofin im Stillen und traut sich dann, ihre Bedenken vorsichtig aber dennoch deutlich formuliert zu äußern. „Bei allem Respekt, Meister, dieses unselige Pamphlet hätten Sie sich und der Welt besser erspart.“ Er habe es unter dem Einfluss seiner politisch engagierten Schwiegertochter Winifred geschrieben, will sich der Meister herausreden. Doch das lässt die Carmencita nicht gelten. „Nichts da! Aus dem Neid ist das geboren! Aus unerträglicher Intoleranz und kleinstädtischer Engstirnigkeit!“ schimpft sie. „Dabei haben Sie das doch eigentlich gar nicht nötig“, fügt sie begütigend hinzu.

Dann greift unser Verhandlungsgenie aber lieber zu einem Kunstgriff der Verhandlungstechnik, der bisher noch meistens funktioniert hat: „Stellen Sie sich mal vor, Ihr psychisch offensichtlich reichlich labiler Freund und Sponsor Ludwig geht irgendwann ins Wasser. Wer soll denn dann Ihren aufwändigen Lebensstil und Ihre neuen Produktionen finanzieren?“ Der Meister blickt zu Boden. „Und wos hot dos jetzt mit den Juden zu tun?“ fragt er ein wenig trotzig wie ein Mann, der spürt, dass ihm die Argumente ausgehen. „Ganz einfach. Ich kenne viele reiche Musikliebhaber mosaischen Glaubens“, säuselt unsere raffinierte Taktikerin, die weiß, dass die Aussicht auf Erfolg, Ruhm, Macht und Geld bei Persönlichkeiten wie der des Meisters fast regelhaft die Oberhand über weltanschauliche Überzeugungen gewinnt. „Die würden sich zweifellos freuen, Sie zu unterstützen, wenn Sie Ihre Irrtümer zurücknehmen.“

Betretenes Schweigen und hörbares Nachdenken beim Meister. „Noja, mit dem Ludwisch, dos hob üsch müsch schon öfter gefrocht wie long dos noch gut geht.“ Da holt Carmen zum finalen Schachzug aus: „Wenn ich das mit dem Gottfried hinkriege, versprechen Sie, mir dann einen Gefallen zu tun?“ – „Also los, raus domit…, nö, wos sind Sie aber och für een roffinierdes Luda…“, brummt der Meister gutmütig und nicht ohne eine gehörige Portion Bewunderung in der Stimme. Daraufhin lehnt sich unsere anschmiegsame Carmencita an des Meisters Schulter und flüstert ihm etwas ins Ohr.

Der Meister reißt die Augen auf. „Näää, sochen Sie bloß! Meenen Sie würklisch des gönnt wos werden? Des wär jo obgefohrn!“ staunt er ungläubig und verfällt vor lauter Begeisterung in die Sprache seiner Kinder. Die Carmencita strahlt über das ganze Gesicht. „Abgemacht?“ fragt sie. „Obgemocht“, antwortet der Meister und schüttelt ihr kräftig den Huf. „Aber ärscht müssense den Gottfried fünden.“ – „Lassen Sie mich nur machen“, antwortet Carmen selbstsicher.

Carmen setzt dem Meister einen Floh ins Ohr

Carmen setzt dem Meister einen Floh ins Ohr

 

„Übrischens: Üsch bin der Rüschard!“ sagt der Meister nach einer kleinen Schweigepause spontan und hält seiner neuen Mäzenin die Hand hin. „Freut mich, Richard. Ich bin die Carmen. Das ‚Frollein’ kannste jetzt weglassen!“ antwortet unsere leutselige Heldin mit dem Vaterkomplex und gibt ihm einen hingehauchten Kuss auf die Wange.

Nach dem anstrengenden Tag, den vielen Sauren Zipfeln und dem denkwürdigen Gespräch mit ihrem neuen Duz-Freund verspürt Carmen das Bedürfnis, noch ein wenig frische Luft zu schnappen, um sich vor dem Schlafengehen auf andere Gedanken zu bringen. Von Brünnhild lässt sie sich in die Stadt fahren. „Wo kann man denn hier noch einen Absacker trinken?“ fragt Carmen. „Da gibt es viele Möglichkeiten. Wonach steht Ihnen denn der Sinn?“ fragt das Faktotum zurück. Carmen meint, sie wünsche sich noch ein wenig Gesellschaft, aber keine aufdringlichen Männer. Brünnhild empfiehlt ihr eine nette Lesben-Bar seitlich vom Marktplatz, wo sie unsere mental erschöpfte Heldin absetzt.

Schon von Ferne erkennt Carmen den Eingang der Bar an der offensiv ausgehängten Regenbogenfahne. Die Tür steht offen, es ist Sommer. Aus den Lautsprechern der Bar dudelt Helene Fischer mit „Atemlos durch die Nacht.“ – „Seuche, diese verfluchte Seuche“, denkt unsere Musikliebhaberin angewidert. Das hirnlose Gesinge ist bis auf die Straße zu hören. Als Carmen das Lokal betritt, verstummen die wenigen Besucherinnen kurz und wenden reflektorisch in einer konzertierten Aktion den Blick auf unsere ebenso knackige wie dynamische Heldin. „Frischfleisch“, denkt Carmen ernüchtert. „Hier bin ich Frischfleisch.“ Carmen setzt sich an die Bar. Sie lässt einen Hocker Sicherheitsabstand zur nächsten Besucherin, die ebenfalls allein hier zu sein scheint und sich an einem Glas Bier festhält. Es ist eben das landestypische Getränk. Als Carmen sich setzt, blickt die Nachbarin kurz herüber und nickt ihr freundlich zu. Eine sympathisch wirkende große Frau mit langen Haaren und einem offensichtlich durchtrainierten Körper. „Eigentlich will ich doch nur noch einen Absacker trinken“, denkt Carmen. Aber kein Bier. Nach diesem Tag braucht sie etwas Härteres.

„Was darf’s denn sein?“ fragt die Bedienung. „Habt Ihr Limetten?“ ragt Carmen zurück. „Mogst a Caipi?“ fragt die Kellnerin verständnisvoll in freundlich-breitem Fränkisch zurück. „Ach“, denkt Carmen erfreut, „in der Provinz gibt es eben noch kompetentes Personal. Anders als in Köln, wo die Gastronomie beherrscht wird von 20-jährigen hilflosen Studentinnen.“ Sie nickt zustimmend. „Moch mer“, verspricht die Bardame zufrieden über die geglückte Interaktion. „So gewinnt man neue Stammkunden“, denkt sie und greift einige Limetten aus dem Kühlschrank.

„Kommst Du aus Schbanien?“ meldet sich nun die Sitznachbarin mit dezent- sympathisch fränkischem Akzent zu Wort. Carmen ist einen Moment hin und hergerissen, ob sie sich auf diese Konversation einlassen soll. Einerseits hat sie heute schon genug geredet und wollte doch eigentlich nur noch ein wenig Luft schnappen und in Ruhe etwas trinken. Andererseits wirkt die Frau neben ihr ganz patent, mit ihrem offenen Blick und dem freundlichen Lächeln. Patente Frauen findet Carmen schon immer gut. Also entscheidet sie sich, zunächst einmal unverbindlich zu antworten. „Ich bin in Spanien geboren, lebe aber schon lange nicht mehr dort.“ – „Aber die Drinkgewohnheiten, die hast fei beibehalten, gell?“ Carmen lächelt freundlich, weil sie den sich entwickelnden Kontakt nicht durch Besserwisserei gefährden will. Die Kellnerin stellt Carmen ein großes Glas Caipirinha hin mit einem makellosen Zuckerrand und einer Menge Eis. „Zum Wohlsein“, sagt sie angesichts der beeindruckenden Fremden geschwollen.

Carmen bedankt sich und wendet sich wieder an ihre neue Bekannte. „Und Du kommst von hier?“ fragt sie statt eines Vortrags über brasilianischen Zuckerrohrschnaps zurück. „Ja, ich bin hier geboren“, antwortet die Oberfränkin nachdenklich. „Ich bin übrigens die Brangäne“, fügt sie kurz entschlossen hinzu und streckt Carmen die Hand hin. „Carmen. Freut mich, Brangäne. Das ist aber kein fränkischer Name?“ – „Nein, mein Vader war Wachner-Fan. Deshalb heißen wir Kinder alle so komisch.“ – „Verstehe“, antwortet Carmen nickend. „Bisd Du zu den Fesdschbielen hier?“ will Brangäne wissen. „Nein, aber indirekt hat es vielleicht doch damit zu tun“, antwortet Carmen ausweichend. „Jedzd machsd Du mich aber neugierig“, lässt Brangäne nicht locker. Carmen findet deren ebenso freundlich-warmen wie neugierig-forschenden Blick bemerkenswert. „Dieser Frau kann man so leicht nix vormachen“, denkt unsere Heldin mit der ausgeprägten Menschenkenntnis. Die Unterhaltung geht zwanglos weiter. Beide umzingeln einander mit Fragen, doch das hat nichts Misstrauisches, sondern es ist eher ein kleines konversatorisches Ballett zweier Personen, die sich behutsam einander annähern im Wissen, sich gegenseitig zu mögen. So stellt sich schließlich heraus, dass Brangäne Leiterin der Bayreuther Stadtpolizei und Leiterin der „Soko Gottfried“ ist. Sie hatte schon von Carmen, der psychologischen Ermittlerin aus der großen Stadt im Westen Deutschlands, gehört und hatte sie an die Wagners empfohlen. „Dann sind wir ja fei Kolleginnen! Freut mich, Dich kennenzulernen!“ strahlt Brangäne und Carmen denkt, wie es wohl wäre, wenn sie nicht immer so allein arbeiten müsste.

Carmens neue Freundin Brangäne

Carmens neue Freundin Brangäne

 

Eigentlich hatte unsere erschöpfte Heldin nach dem langen Tag nur noch einen kleinen Absacker trinken wollen. Aber nun ist ihre Müdigkeit verflogen. Das Gespräch mit Brangäne ist so eine wohl tuende Abwechslung zur ebenso betulichen wie angespannten Atmosphäre in Wahnfried und zu ihren letzten Wochen, die nach dem Ende der Fußballweltmeisterschaft ereignislos und ein wenig einsam dahingeflossen waren. So bleibt Carmen einfach sitzen und führt die Unterhaltung fort. „Kuh muss auch mal loslassen können“, fallen ihr die Worte von Tante Maria Eliminación ein. Sie bestellt noch eine Caipi und noch eine. An Limetten scheint es in Oberfranken nicht zu fehlen. Mit der Zeit werden die beiden ziemlich beschwipst und wie das dann unter Kollegen so ist, tauschen sie ihre Filosofien aus.

Brangäne fasst die wesentlichen Überzeugungen aus jahrzehntelanger Berufserfahrung kurz in zwei Sätzen zusammen: „Erstens: Banküberfall, Banküberfall, das Böse ist immer und überall und zweitens: Das Leben ist keine Sonnenbank.“ – „Damit ist das Theodizee-Problem ein für alle Mal gelöst“, kommentiert Carmen mit etwas schwerer Zunge beeindruckt und stellt sich vor, wie sich führende zeitgenössische Vulgärfilosofen in einer Talkrunde bei Bettina Böttinger sprachlos zeigen würden von der kristallenen Klarheit dieser Beweisführung.

Carmen könnte die Unterhaltung endlos fortsetzen, aber beiden Frauen ist klar, dass am nächsten Tag die Arbeit wieder auf sie wartet und so entscheiden sie sich, doch der Stimme der Vernunft zu folgen und den Heimweg anzutreten. Als sie gemeinsam vor die Tür treten und sich verabschieden, fallen sie sich spontan um den Hals und drücken einander kräftig. „Hm, die riecht auch noch richtig gut“, denkt Carmen und schließt kurz die Augen hinter ihren langen Wimpern, während sie den angenehmen Duft einsaugt. „Also, man siehd sich!“ sagt Brangäne schließlich in vollem Ernst. „Sollten wir aber nicht dem Zufall überlassen“, antwortet Carmen und übergibt ihr einen Zettel mit der Nummer ihres Q-Phones.

Auf Carmens Bitte weist ihr Brangäne noch den Weg zum nächsten Taxistand. Die Polizistin selbst wohnt um die Ecke und tritt ihren Heimweg zu Fuß an. Der Taxistand befindet sich zwei Straßenecken weiter.

Unterwegs dahin hört Carmen aus einer Seitenstraße zwei laute Stimmen und neugierig bleibt sie kurz stehen, um zu horchen. Ein Mann und eine Frau scheinen heftigen Streit zu haben.

„Du fürchterliches Weib, was bannt mich noch in Deine Nähe? Warum lass ich Dich nicht allein, und fliehe fort, dahin, dahin…“ ruft er, offenbar in großer Verzweiflung. „Weshalb misstraust Du mir?“ gibt sie vorwurfsvoll zurück. „Da fragst Du noch? Du hast mich dazu gebracht, auf Elsas Hand zu verzichten und stattdessen Dich rachsüchtige Schlampe zu heiraten! Gemeinsam würden wir ganz groß rauskommen, hast Du mir versprochen. Und jetzt? Was hab ich jetzt davon? Ich bin gesellschaftlich erledigt!“ brüllt er sie an. „Ha, wie tödlich Du mich kränkst!“ antwortet sie in verbittertem Tonfall. „Hättest Du Dich in der Diskothek nicht von diesem Lackaffen vermöbeln lassen, wäre sowieso alles anders gekommen! O hättest Du im Kampf nur einen Finger ihm geschlagen…“

Carmen schüttelt den Kopf und geht weiter zu den Droschken. Unterwegs fragt sie sich, wieviele solcher Dramen sich wohl jeden Tag in deutschen Kleinstädten abspielen mögen. Dann überlegt sie auch noch, ob denn der Name „Elsa“ eine zufällige Koinzidenz darstellt oder ob etwa genau DIE Elsa aus Wahnfried gemeint war. Dann hätte diese scheinbar so reine Jungfer zart es vielleicht faustdick hinter den Ohren? So verliebt wie der Schützer heute Nachmittag gewirkt hatte, scheint sie offenbar über die Fähigkeit zu verfügen, allen Männern den Kopf zu verdrehen. Ob ihr der kleine Bruder vielleicht doch im Weg war?

Schließlich erreicht Carmen den Taxistand, wo sie sich in einen uralten Daimler fallen lässt und den Fahrer mit der knappen Anordnung „Wahnfried“ so sehr beeindruckt, dass der sich die ganze Fahrt über nicht traut, auch nur ein einziges Wort zu reden.

Beim Haus der Wagners angekommen, zieht Carmen den Türschlüssel aus der Handtasche, den ihr Brünnhild vorsorglich mitgegeben hatte. Kurz hält sie inne, weil neben dem Eingang der Schwan auf dem Boden sitzt. Beim Ankommen unserer etwas wackeligen Heldin streckt er den Hals nach oben und wendet den Blick auf sie. „Was machst Du denn hier?“ fragt unsere beschwipste Agentin nur. „Komm, geh wieder Heia machen!“ Der Schwan steckt seinen Kopf zurück ins Gefieder.

Nachdem Carmen mit einiger Mühe endlich das Schlüsselloch gefunden hat, schleicht sie sich hinein in das in tiefer Nachtruhe liegende Haus. Ruhig, so hat es zumindest den Anschein. Die Treppe schafft unsere betrunkene Heldin noch. Im Zimmer wirft sie das Flamencokleid in geradezu verwerflicher Achtlosigkeit auf den Boden und fällt dann – ganz gegen ihre Gewohnheit – völlig erledigt ins Bett, ohne vorher noch eine Runde durch das Bad gedreht zu haben. Von dem sie übrigens gar nicht weiß, wo es sich befindet, wie sie beim Einschlafen feststellt.

Zwei Stunden später wacht Carmen auf, weil die Blase drückt. Der viele Alkohol. Carmen muss aufs Klo. Und weiß nicht, wo das Bad ist. Mühsam und widerwillig rappelt sie sich auf, streift ein langes T-Shirt über, das allerdings nur notdürftig ihr Euter bedeckt und öffnet vorsichtig die Tür zum Flur. „A propos Notdurft“, denkt unsere Sprachassoziationskünstlerin, die nun wirklich dringend pinkeln muss. Als sie den Kopf nach draußen steckt, nimmt sie eine dunkle Silhouette wahr, die gebückt vor Ludwigs Zimmertür steht und sich rhythmisch bewegt. Sollte der scheue Monarch etwa in Gefahr sein? Da die Aufmerksamkeit dieser Person offensichtlich völlig von anderem in Anspruch genommen ist, tritt Carmen zunächst auf Hufspitzen zurück ins Zimmer, um ihre Walther PPK und ein Nachtsichtgerät aus der Handtasche zu nehmen. Dann schleicht sie wieder auf den Flur.

Carmen schafft es unbemerkt bis zu der Vitrine, die bei der Anreise ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Dahinter versteckt hat sie eine gute Sicht auf den gesamten Flur. Sie nimmt das Nachtsichtgerät und schaut sich die zappelnde Gestalt näher an. Als sich ihre Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt haben, fängt sie vor Überraschung und angesichts der Peinlichkeit der Szene fast an, laut zu lachen. Im Dunkel des Flures steht Onkel Wolf im zu großen Frottier-Schlafanzug gebückt vor Ludwigs Tür, schaut höchst konzentriert durchs Schlüsselloch und schrubbelt mit der rechten Hand ebenso hektisch wie engagiert in der Hose herum.

„Onkel Wolf ist also ein Spanner“, denkt unsere psychologische Ermittlerin mit dem bereits bekannten Hang zu Blickdiagnosen. Da sie sich gut erinnert, was sie während ihres Medizinstudiums an der Universität von Tel Aviv im Psychiatrie-Unterricht über Voyeurismus gelernt hat, entscheidet sie sich in einem Anflug von Sadismus, Onkel Wolf ein wenig Stress zu bereiten. Es genügt ein lautes und entschiedenes Räuspern. Der Spanner zuckt zusammen und rennt sofort hektisch in die andere Richtung. Vor seinem Zimmer angekommen, stößt er heftig mit dem Kopf gegen die Tür, flucht halblaut und verschwindet dann von der Bildfläche.

Carmen wüsste zu gern, welcher Anblick den Mann aus Österreich mit dem merkwürdigen Sprachfehler und dem komischen Bärtchen so erregt hat. Doch leider ist Ludwigs Zimmer das einzige, in dem sie nach ihrer Ankunft noch keine Wanze installieren konnte, weil er doch fast nie den Raum verließ. Also muss sie sich wohl weiter auf die Lauer legen. Aber zuerst, zuerst muss sie nun wirklich austreten. Doch wo ist das Bad?

In diesem Moment höchster Not fällt Carmens Blick auf den Kelch in der Vitrine, der schon am Nachmittag ihr Interesse erregt hatte. „Auch eine Lösung“, denkt Carmen, die während ihrer Ausbildung beim Q-Sad häufiger unter spartanischen Bedingungen hatte wohnen müssen. Vorsichtig öffnet sie den Glasschrank, entnimmt den Kelch und trägt ihn in ihr Zimmer, wo sie sich endlich erleichtern kann. Das Fassungsvermögen des güldnen Gefäßes reicht dafür gerade so aus. Carmen stellt es in eine Ecke des Zimmers nahe ans Fenster. Dann begibt sie sich wieder auf den Flur und versteckt sich erneut hinter der Vitrine.

Die Geduld unserer kleinen Ermittlerin wird auf eine harte Probe gestellt. Mehrfach schläft sie während der Observation fast ein und wird jeweils nur durch den plötzlichen muskulären Tonusverlust wieder geweckt, wenn ihr das Kinn auf die Brust fällt. Erst im frühen Morgengrauen öffnet sich die Tür von Ludwigs Zimmer. Doch was Carmen da zu sehen bekommt, belohnt ihre Geduld: Heraus treten nacheinander fünf Bauernburschen. Einer fescher als der andere. Und alle nur äußerst spärlich bekleidet. Mit kurzen Krachledernen und offenen, rot karierten Hemden. Obwohl sie alle ein bisschen zerzaust aussehen, würden sie unserer bisexuellen Doppelagentin ausnahmslos nicht schlecht gefallen. Doch begreift sie gleich, dass die wohl samt und sonders für die Frauenwelt verloren sein dürften. Oder doch nicht? Denn als sie ihr Nachtsichtgerät zu Hilfe nimmt, fällt ihr auf, dass zwei der Burschen jeweils ein Bündel Geldscheine zählen und dann in den Hosentaschen verschwinden lassen. „Soso, da haben Majestät also eine kleine Orgie der käuflichen Liebe gefeiert“, begreift unsere fixe Heldin. „Und Onkel Wolf hatte Lust auf Pay-TV und den Erotikkanal gewählt.“ Schon freut sie sich, endlich zu Bett gehen zu können, als sich die Tür zu Ludwigs Schlafgemach noch einmal öffnet. Heraus kommt… Siegfried.

„Wusste doch, dass ich meiner Intuition vertrauen kann“, denkt Carmen befriedigt, bevor sie sich endlich in ihr Bett zurückziehen kann, wo sie bis zum Frühstück in einen kurzen aber tiefen Schlummer fällt.


Dritter Akt, erste Szene: Greift den Verruchten!

Gegen neun Uhr erwacht Carmen, weil ihr der leckere Duft von Kaffee und frischen Brötchen in die Nase weht. Mit etwas schwerem Kopf erhebt sich unsere psychologische Ermittlerin, zieht einen flauschigen Bademantel mit großem gesticktem „C“ auf der Brusttasche aus einem der Schrankkoffer und streckt den Kopf auf den Flur. Dort sind zwei Hausangestellte gerade dabei, die Schlafzimmer der Gäste aufzuräumen. „Entschuldigung, wo ist denn das Bad?“ fragt unsere reinliche Heldin die beiden Damen. Eine führt sie hilfsbereit zu dem großen und luxuriös eingerichteten Feuchtraum am Ende des Flurs. Carmen stellt sich erst einmal unter die riesige Regendusche und genießt das Prasseln auf ihrem Fell. Dann macht sie sich weiter zurecht für den Tag und geht zurück in ihr Zimmer, wo sie das Flamencokleid frisch aufgebügelt auf einem Kleiderbügel vor dem Kleiderschrank hängend vorfindet. „Es geht doch nichts über unaufdringlichen Service“, freut sie sich und zieht sich an.

Anschließend begibt sie sich nach unten, wo die Familie und die Gäste bereits beim Frühstück sitzen. „Och, do büste jo“, freut sich der Meister und bittet seinen Gast, kräftig zuzulangen. Das lässt sich unsere hungrige Diva nicht zweimal sagen. Vor allem das Rührei mit frischen Kräutern mundet ihr nach der durchzechten Nacht ganz hervorragend. „Fast wie von meiner Hühnerfarm in Uruguay“, denkt sie und stärkt sich weiter für den Tag. Vor allem aber der fair gehandelte Kaffee aus 100% Arabica tut ihrem Kopf gut.

„So, und nu soch mol, wie geht’s jetzt weiter?“ will ihr neuer Duz-Freund Richard zum Ende des Morgenmahls wissen. „Heute kommen wir zum Kernstück der Ermittlungen. Wir werden eine Familienaufstellung machen“, verkündet Carmen. „Ich schlage vor, wir treffen uns in einer Stunde wieder im Musikzimmer.“ Was das denn sei und ob „däse jödischen Mäthoden“ wirklich sein müssten, mosert Onkel Wolf, ohne die Carmencita anzublicken. „Dieser verschlagene Gesell“, denkt Carmen, die noch die Bilder der letzten Nacht deutlich vor Augen hat, bittet aber dennoch mit professioneller Freundlichkeit, sich ihr anzuvertrauen.

In der verbleibenden Stunde wolle sie nach Möglichkeit ein Gespräch mit dem König führen, sagt Carmen zum Hausherrn. „Das sollte mer hünkriechen“, verspricht der und begibt sich zum Haustelefon, um Ludwig in seinem Zimmer anzurufen, in dem man dem Monarchen auch schon das Frühstück serviert hat. Nach dem kurzen Gespräch nimmt Richard unsere Doppelagentin beiseite. „Also, er ist bereit, müt Dür zu sprechen. Aber Du dorfscht net in sein Zimmer rein. Gibt’s denn eine andere Möglichkeit?“ Carmen, die in der letzten Nacht erlebt hat, dass Ludwig nicht mit allen so scheu zu sein scheint, seufzt nur kurz und schlägt dann ein Telefoninterview von Zimmer zu Zimmer vor. Der Ludwig sei einverstanden, teilt ihr der Meister mit, nachdem er noch einmal bei seinem noblen Geldgeber nachgefragt hat. Es dürfe aber nicht zu lange dauern, fügt er noch hinzu und mit Rücksicht auf die Bedeutung des Gastes für die Familie im allgemeinen und die Kunst unter pekuniären Aspekten im besonderen bittet Wagner die Carmencita, möglichst behutsam vorzugehen. „Er üst ein büssel empfündlich, wenn’s um Fremde geht“, schließt Richard seine Vermittlertätigkeit ab.

Carmen geht zurück auf ihr Zimmer. Bevor sie allerdings zum Telefon greift, fällt ihr der uringefüllte Kelch neben dem Fenster auf, den das Personal offenbar übersehen hat. „Jetzt nur nichts verschütten“, denkt unsere schamgeplagte Heldin, während sie die Schale vorsichtig in den Garten trägt, wo sie nach kurzem Suchen den Komposthaufen entdeckt. Auf ihrem Weg dahin begegnet ihr der lustwandelnde Schützer, der offenbar gerade von seinen morgendlichen Qi-Gong-Übungen mit dem Schwert zurückgekommen ist. Als er Carmen mit dem Kelch in der Hand erblickt, wird er bleich und seine Mine versteinert sich. „Kleines Malheur letzte Nacht“, entschuldigt sich Carmen und gießt den Inhalt des goldenen Gefäßes auf den Komposthaufen. „Ist aber gut für die Pflanzen“, versucht sie Elsas offenbar etwas empörten Verlobten zu beschwichtigen. „Tun Sie das nie wieder! NIE wieder, hören Sie!“ faucht er und reißt der Carmencita den Kelch aus der Hand, um ihn im Wasser des Springbrunnens zu reinigen, während im Teich daneben der Schwan ruhig seine Runden dreht und die beiden aufmerksam beobachtet. „Soll nicht wieder vorkommen. Ich weiß ja jetzt, wo das Bad ist“, raunt sie kleinlaut.

„Der tut fast so, als hätte ich den Heiligen Gral entweiht“, brummt unsere stolze Spanierin hinterher, weil sie doch meistens ganz gern das letzte Wort hat.

Das Telefongespräch mit Ludwig ist wenig ergiebig. Letztlich scheint er aber ein Alibi für den fraglichen Nachmittag zu haben, weil er sowieso fast nie sein Zimmer verlässt. An diesem Tag war auch noch sein Leibarzt zum Hausbesuch da. Wegen der Nervosität. Insgesamt wirken die Ausführungen des Monarchen etwas inkohärent und manche Formulierungen erscheinen der Carmencita reichlich merkwürdig und erinnern sie an ihr Praktikum in der psychiatrischen Universitätsklinik von Tel Aviv. Es wird aber deutlich, dass Ludwig mit den Kindern überhaupt wenig zu tun hat, weil sie ihm zu anstrengend sind. Und welches Motiv sollte er eigentlich haben, den Gottfried verschwinden zu lassen, da er doch offensichtlich eine Vorliebe für knackige Bauernburschen hat, fragt sich unsere Sexualpsychopathologin.

Nun wird es aber Zeit, das Musikzimmer für die geplante Familienaufstellung (in der modifizierten Methode nach Carmen Hellinger – de Ronda) vorzubereiten. Carmen räumt alle Stühle an die Wände.

Gottfrieds Fahrrad, das man am Tag seines Verschwindens in der Nähe des Sees gefunden hatte, postiert sie in der Mitte des Raums. Ihrem Moderationskoffer entnimmt sie eine größere Zahl Puppen und Stofftiere, die sie um das Fahrrad herum auslegt. Kaum ist sie fertig, treffen schon die Teilnehmer ein. Nach ein paar einführenden Worten bittet sie die Familienmitglieder und die Gäste, einfach durch den Raum zu gehen, ohne miteinander zu sprechen. Nach ein paar Minuten schlägt sie vor, jeder möge nun in die Mitte des Raumes kommen und sich, möglichst ohne groß nachzudenken, spontan eine Puppe, eine Figur oder ein Stofftier aussuchen und das gewählte Stück an der Stelle im Raum postieren, die seiner Beziehung zu dem Verschwundenen am ehesten entspreche.

Richard wählt einen Pinguin im Frack. Cosima einen Lipizzaner. Beide stellen ihre Stofftiere nebeneinander erstaunlich weit entfernt von Gottfrieds Fahrrad auf. Elsa entscheidet sich für ein weißes Schaf, das sie direkt neben das Fahrrad legt. Der Schützer greift zielsicher einen Ritter in silberner Rüstung heraus, den er auf einer Kommode hoch über der ganzen Szene postiert. Siegfried findet Gefallen an einem rosa Ferkel, das ein bisschen verloren irgendwo im Raum landet, woraufhin sich die Carmencita kaum ein Grinsen verbeißen kann.

Das Kindermädchen Emma nimmt eine sehr lieb dreinblickende Kuh. Die Kinder streiten sich kurz um diverse Teletubbies, wobei dann doch jedes den für sich passenden findet. Kuh und Tubbies finden ihren Platz zusammen ein Stück von Gottfried entfernt. Friedelind wählt eine putzige weiße Ratte, die sie sich auf die Schulter setzt.

Winifred sympathisiert zunächst mit einer Schlange, greift dann aber doch nach dem giftgrünen Krokodil, das gegenüber von Elsas Schaf Platz nimmt. Ob jemand ein Tier für den abwesenden Ludwig auswählen wolle, fragt Carmen. Richard entscheidet sich für einen Astronauten im Raumfahreranzug, den er unter die Tastaturabdeckung des Klaviers legt und den Deckel dann wieder schließt.

Die ganze Zeit über hält sich Onkel Wolf im Hintergrund. Carmen fragt ihn, ob er sich nicht auch ein Tier oder eine Figur nehmen wolle. Mit Verachtung im Blick wählt er den schwarzen Schwan und gibt ihn nicht mehr aus der Hand.

Carmen hat vorläufig genug gesehen. Sie bedankt sich bei allen Teilnehmern und beendet die Sitzung.

„Wie, und dos wor nun olles?“ fragt Richard ein wenig enttäuscht. „Äch habe ja gleich gesagt, däse jödischen Mäthoden…“, schnarrt Onkel Wolf mit unverhohlenem Hass und schleudert den schwarzen Schwan gegen Gottfrieds Fahrrad, das daraufhin umfällt. Winifred will ihm gerade zustimmen, da bittet Carmen alle, den Raum jetzt zu verlassen, ihre Figuren aber unverändert dort zu belassen, wo sie sich befinden. Sie müsse sich zunächst noch etwas Zeit nehmen und wolle alle nach dem Mittagessen wieder hier sehen.

Als auch der Letzte das Musikzimmer verlassen hat, setzt sich Carmen auf das Klavierbänkchen und blickt auf das umgestürzte Fahrrad. „Die Macht des Unbewussten!“ staunt sie. In diesem Moment klingelt ihr Q-Phone.

„Brangäne hier. Servus, Carmen!“ meldet sich die Leiterin der Bayreuther Stadtpolizei fröhlich. „Brangäne!“ freut sich unsere gefühlvolle Heldin. „Was machst Du?“ – „Ich habe gerade Middagsbause und wollte fragen, ob Du Lust hast eine Kleinigkeit mit mir zu essen“, antwortet die neue Freundin der Carmencita. „Lust schon, aber ich stecke hier mitten in den Ermittlungen“, erwidert Carmen seufzend. „Ja, die Arbeit. Gibt’s schon Neuigkeiden?“ – „Ich glaube schon. Ich bin überzeugt, den Täter zu kennen. Aber mir fehlt noch sein Motiv.“ – „Ohne Modiv kommsd Du vor keinem Undersuchungsrichder durch“, sagt Brangäne nachdenklich. „Ich weiß. Aber ich habe so ein Gefühl, dass der Fall gar nicht vor Gericht landen wird.“ Brangäne scheint sofort zu verstehen. „Du weißd aber schon, dass Selbsdjusdiz in unserem Land schdrafbar ist“, klingt Brangäne besorgt. „Ich muss mir doch keine Sorgen machen?“ – „Nein, brauchst Du nicht“, antwortet Carmen in wenig überzeugendem Ton. „Soll ich zu Euch rauskommen?“ lässt die erfahrene Polizistin nicht locker. „Vielen Dank, das ist lieb von Dir. Es wäre mir schon geholfen, wenn ich weiß, dass Du im Hintergrund verfügbar bist, wenn ich Hilfe brauche.“ – „Darauf kannsd Du Dich verlassen. Anruf genügd! Du hasd ja jedzd meine Nummer“, verspricht Brangäne. Carmen bedankt sich, legt auf und versinkt wieder in Gedanken.

Im selben Moment hört sie, wie neben dem Haus ein Auto angelassen wird und so ruppig anfährt, dass der Kies der Auffahrt hochspritzt. Carmen stürzt zum Fenster und sieht, wie Onkel Wolf in einem offenen Wagen davon fährt.

„Scheiße, er haut ab!“ flucht Carmen und rennt auf den Flur, wo sie nach Brünnhild brüllt. „Die Kutsche! Schnell!“ Brünnhild stellt keine Fragen, sondern hastet mit Carmen zum Hauseingang, wo wundersamerweise die Kutsche mit Grane schon bereitsteht. „Bin gerade vom Einkaufen zurückgekommen“, erklärt das Faktotum diesen günstigen Zufall. Brünnhild schwingt sich auf den Kutschbock und Carmen setzt sich diesmal neben sie. „Los! Dem Wagen hinterher!“ ordnet sie an. Brünnhild zieht ein Blaulicht unter dem Kutschbock hervor, das sie mit einem Griff auf dem Verdeck befestigt. „Ich hatte ja gesagt, ist ein ausgedientes Polizeifahrzeug“, erklärt sie unserer erstaunten Doppelagentin mit einem Grinsen im Gesicht. „Ich habe immer gehofft, dass einmal so etwas passiert.“ In rasender Fahrt nimmt sie die Verfolgung von Onkel Wolfs Wagen auf. Es geht quer durch Bayreuth, über rote Ampeln, vorbei an Fußgängern, die sich nur mit beherzten Sprüngen in Sicherheit bringen können. Onkel Wolfs Wagen steuert auf den Wald zu, in dem Gottfried verschwunden war. Bisher hatte sich der Abstand zwischen den beiden Fahrzeugen immer weiter vergrößert, aber nun, auf den unbefestigten Waldwegen, zeigt sich die Überlegenheit der größeren Räder der Kutsche. Während Onkel Wolfs Wagen immer wieder ins Schleudern gerät, holen Brünnhild und Carmen allmählich auf. „Hü, Grane!“ treibt die Walküre das bereits schäumende Pferd unerbittlich an.

In der Ferne taucht der See auf. „Den Täter treibt es immer wieder an den Tatort zurück“, erinnert sich Carmen an die alte Kriminalistenweisheit aus dem Fernsehen. Als sie fast am See angekommen sind, verliert Onkel Wolf die Kontrolle über seinen Wagen. Er schleudert, dreht sich mehrfach um die eigene Achse und prallt schließlich mit der Seite so heftig gegen einen Baum, dass sich alle Airbags öffnen. Brünnhild kann gerade noch die Kutsche sicher zum Stehen bringen, als Onkel Wolf mit blutender Nase aus dem Fahrzeug taumelt. Carmen springt leichthufig vom Kutschbock und eilt auf ihn zu, als er eine Pistole aus seiner Manteltasche zieht. Carmen wirft sich daraufhin vorsorglich zu Boden und rollt hinter einen Baum, um sich in Sicherheit zu bringen. Im nächsten Moment steht Onkel Wolf aber schon wenige Meter hinter ihr und zielt auf sie.

„Erhäbe Dich, Gänossin meiner Schmach!“ befiehlt er. Carmen flucht innerlich, dass sie ihre Walther PPK heute früh in der Tasche des Bademantels stecken gelassen hat. Nun bleiben ihr nur noch die Techniken des Krav Maga zur Entwaffnung eines Angreifers mit bloßen Hufen. Doch zuerst muss sie Zeit gewinnen und den Abstand zu dem bewaffneten Gegner verringern.

„Du hast also den Gottfried verschwinden lassen!“ stellt sie nüchtern fest. „Är war ein ongezogener Jonge“, antwortet Onkel Wolf, der sich nun endlich überlegen fühlt. „Wieso, was hat er gemacht?“ – „Frag läber, was er nächt machen wollte!“ antwortet der Kindermörder mit einem fiesen Grinsen unter seinem komischen Schnurrbart. Carmen will sich das alles gar nicht vorstellen. Nun hat sie aber das niedere Motiv: Es ging um die Befriedigung der unreifen Triebinstinkte des Österreichers. So war er keineswegs nur ein harmloser Spanner. Aber im Gegensatz zum Ludwig traute er sich nicht an Erwachsene heran. Carmen erinnert sich, dass in der Mehrzahl der Missbrauchsfälle die Täter aus der nächsten Umgebung der Opfer stammten. Wenn Richard geahnt hätte, wen er sich da ins Haus geholt hatte! Aber, so hatte Friedelind wohl zu Recht festgestellt, die Eltern waren ja immer nur mit sich selbst beschäftigt. „Welcher Sumpf hinter dieser großbürgerlichen Fassade im anständigen Oberfranken“, denkt Carmen. Doch dann kehrt sie aus ihren Gedanken in die Gegenwart zurück.

„Was hast Du mit ihm gemacht?“ will sie wissen, weil sie spürt, dass es diesem Psychopathen Freunde macht, über seine Untaten zu berichten. „Äch habe ähn äm Sää ärsäuft, wä ein kleines Kätzchen!“ lautet die achselzuckende Antwort. „Ond das sälbe wärde äch jätzt mät Där machen, do jödische Schnöfflerin“, kündigt er mit sadistischem Lachen an. „Ich bin katholisch“, wendet Carmen etwas hilflos ein. „Tut nächts, Do wärst trotzdem ersäuft!“ nimmt ihr Onkel Wolf den Anflug jeder Hoffnung. Aber eigentlich ist es genau das, was sie erreichen will: dass er in Reichweite ihrer nahkampferprobten Hufe kommt. Doch noch dirigiert sie der Verbrecher mit der Pistole in sicherem Abstand vor sich her zum Ufer.

Carmen schaut auf das Wasser und erblickt zu ihrem Erstaunen in einigen Metern Entfernung den Schwan, der ruhig auf der spiegelglatten Oberfläche des Sees treibt. „Hänknien“, befiehlt Onkel Wolf und nähert sich allmählich von hinten an. Carmen spürt angesichts seiner Gefühlskälte und Entschlossenheit nun doch etwas, was sie bei früheren Einsätzen kaum jemals erlebt hat. Sie hat Angst. Angst, dass sich ihre Visionen vom Vortag bewahrheiten würden. Angst vor dem Untergang der Welt. Angst um ihre geliebte Freundin Abigail.

In diesem Moment ertönt aus unmittelbare Nähe in zartem Oberfränkisch ein kurzer scharfer Ruf: „Waffe runder!“ Carmen muss sich nicht umschauen, um zu wissen, wer da plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht ist.

Brangäne wiederholt ihren Befehl: „Waffe runder! Du hasd keine Chance. Der Wald ist umschdellt.“ – Onkel Wolf dreht sich zur Seite, ohne die Pistole sinken zu lassen. „Wer bäst Do?“ fragt er verwirrt zurück. Es geht doch nichts über solide Polizeiarbeit, denkt Carmen und nutzt Onkel Wolfs Ablenkung, um sich ruckartig umzudrehen und ihm mit einer unzählige Male geübten Kombination geschickter Griffe die Waffe zu entwinden. „Aaaaaaauuuuaaaaa!“ brüllt Onkel Wolf, dessen im Abzug verhakter Zeigefinger mit einem hässlichen Geräusch bricht. Dann hat Carmen die Pistole im Huf und richtet sie auf den jammernden Täter. Neben ihr steht Brangäne, die ebenfalls auf ihn zielt.

„Durch Gottes Sieg ist jetzt Dein Leben mein“, sagt die Leiterin der Stadtpolizei. „Ich schenk es Dir, mögst Du der Reu’ es weihn!“

Kurze Stille.

Vor Carmens geistigem Auge wiederholt sich die Vision von gestern: Die brennende Landkarte Europas, die Trümmer eingestürzter Häuser, die abstürzenden Schwäne, die Leichenberge, darunter das Gesicht ihrer Freundin Abigail. Carmens Herzschlag beschleunigt sich wieder.

Noch bevor ihre Hufe anfangen können zu zittern, sagt sie leise und entschlossen: „Nein.“

Und drückt ab.

 

Dritter Akt, zweite Szene: Mein lieber Schwan!

Durch den Schuss alarmiert, rücken Brangänes Kolleginnen im Laufschritt an. Als sie den Toten auf dem Boden liegen sehen, tun sie ihre Arbeit. Sie sichern das Gelände, sichern die Waffe und sichern die Spuren.

Brangäne sitzt derweil mit Carmen am Ufer des Sees. „Und, was wirst Du jetzt machen?“ fragt Carmen, noch immer erschüttert, ihre Freundin, die ja vorhin keinen Zweifel an ihrer Einstellung zu Selbstjustiz gelassen hatte.

Brangäne lässt schweigend ein paar flache Steinchen über die Wasseroberfläche flitzen. „Ich habe mich noch nichd endschieden.“

Wieder Schweigen.

„Zwischen welchen Möglichkeiten?“ fragt Carmen schließlich etwas unsicher zurück. „Ob er Selbstmord begangen hat oder auf der Fluchd erschossen wurde“, antwortet Brangäne trocken.

„Hm“, brummt Carmen und zieht die Augenbrauen hoch. „Brangäne, ich glaube, das ist der Beginn einer wundervollen Freundschaft.“

Kurz darauf tauchen der Meister und der Schützer am Ort des Geschehens auf. Wie sich herausstellt, hat Brünnhild sie verständigt und hergefahren. „Üsch hob’s doch immer gesocht, Winifred, hob ich gesocht, loss es, dieser Mensch is geen Umgang für Düsch! Aber nee, die Ginder müssen ja immer olles besser wüssen“, ergeht sich Richard in wortreichen Klagen. „Nö, dös is aber och geen scheener Onblick“, wendet er sich kopfschüttelnd von der Leiche ab.

Derweil tritt der Schützer auf das Ufer zu und blickt zu dem noch immer auf dem Wasser treibenden Schwan hinüber. Aus seiner Tasche zieht er den goldenen Kelch, der unserer kleinen Heldin in der Nacht so nützlich gewesen war, und hebt ihn mit beiden Händen zum Himmel, so dass er im Sonnenlicht glänzt.

Davon angelockt, kommt der Schwan näher. Der Schützer geht auf ihn zu, mit dem Gefäß in der Hand. Er gießt eine Flüssigkeit hinein und lässt den Schwan davon trinken.

In diesem Moment verwandelt sich das Tier und statt seiner steht der kleine Gottfried wohlbehalten am Ufer.

 

Nachspiel: In fernem Land, unnahbar Euren Schritten

Nachdem die Formalitäten erledigt sind, Carmen also Brangänes Bericht von Onkel Wolfs Überführung als Kinderschänder und seinem anschließenden Selbstmord unterschrieben hat, bringt eine Mitarbeiterin der Stadtpolizei Carmen zurück nach Wahnfried, wo das ganze Haus die Rückkehr des kleinen Gottfried feiert. Carmen freut sich, dass alle sich freuen und zieht sich dann mit einer Flasche fränkischen Bieres auf die Terrasse zurück.

Sie holt ihr Q-Phone aus der Tasche und ruft ihre Freundin Abigail an. „Hi, Babe, how are you?“ fragt Carmen mit zärtlicher Stimme. „Well, nothing rrreally new“, antwortet Abigail, die ein wenig müde klingt. „The Hamas arrre still digging tunnels and we arrre filling them up again. And you? What about yourrr case in Beirrrut?“ Carmen stockt kurz, doch bevor sie das Missverständnis aufklären kann, schießt ihr eine zündende Idee durch den Kopf. Sie plaudert noch ein wenig mit Abigail, erzählt ihr, dass alles gut gelaufen sei und sie den Fall fast abgeschlossen habe. „See you in the near future!“ sagt sie abschließend. Abigail freut sich, weil sie weiß, dass Carmen es ernst meint und immer für eine Überraschung gut ist.

Nachdem unsere sentimentale Heldin aufgelegt hat, tritt der Meister auf die Terrasse und setzt sich neben sie. Noch bevor er etwas sagen kann, hüpft Friedelind herbei, weiterhin die Ratte auf der Schulter, und gibt Carmen spontan einen dicken Kuss auf die Wange. „Danke“, sagt sie nur und Carmen ahnt, dass sie weniger von Gottfrieds Rückkehr spricht.

„Wür sind Dür auf ewisch zu Dank verpflüschtet!“ sagt der Meister mit Tränen in den Augen. „Keine Ursache“, antwortet Carmen. „Aber nachdem nun alles gut über die Bühne gegangen und der Gottfried wohlbehalten zurück ist, darf ich auch an unsere Abmachung erinnern.“ – „No, freilüsch! Hier, das soll üsch Dür vom Ludwisch geben“, sagt er und überreicht der Carmencita einen dicken Umschlag. „Aber nu soch emal, Du hoscht etwas von neuen Rüschard-Woochner-Festspülen gesocht! Nu erklär mol, was hoschtn do genau im Sünn?“ fragt der Meister in einer Mischung aus Neugier und Enthusiasmus.

„Folgendes Projekt“, beginnt Carmen feierlich mit der Schilderung ihres Plans. „In fernem Land, unnahbar Euren Schritten steht eine Stadt, die Beirut genannt. Ein lichter Tempel soll dort stehn inmitten, so kostbar, als auf Erden nichts bekannt“, beginnt unsere Poetin. „Im Klartext“, fährt Carmen fort, da der Meister sie nur fragend anblickt, „im Nahen Osten gibt es jede Menge Wagner-Fans. Die sind aber nicht nur untereinander zerstritten bis auf’s Blut, sondern unterliegen zum Teil auch einer strikten Zensur, was ihre kulturellen Interessen angeht. Nicht mal Furtwängler würde dort den Holländer aufführen dürfen. Manche der Menschen dort sind arm und könnten sich nie einen Theaterbesuch leisten. Andere haben Kohle zum Abwinken und wissen nicht, wohin damit“, erklärt Carmen die Situation.

„Soweit gann üsch Dür folgen, aber wos hot dos jetzt müt mür zu tun?“ fragt der Mister begriffsstutzig. „Ganz einfach“, fährt unsere geschäftstüchtige Eventmanagerin fort. „Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass die Festspiele in Deutschland allmählich ausgelutscht sind. Auch wenn Ihr es immer abstreitet, aber inzwischen hat sich herumgesprochen, dass Ihr auf den Karten sitzen bleibt. Die alten Fans sterben aus und die Jugend hört Musik nur noch mit großen Kopfhörern aus kleinen Smartphones. So sieht’s doch aus“, stellt unsere gnadenlose Wirtschaftsanalytikerin fest. „Außerdem kommen Deine antisemitischen Pamphlete heute zumindest in Europa nicht mehr gut an. Naja, außer in Russland vielleicht. Trotzdem, damit hast Du Dir echt selbst ins Knie geschossen“, folgt noch mal eine kurze Standpauke. „Üsch wärd dos nimmer mochen, üsch versprächs jo schon“, erwidert der Meister kleinlaut.

„Beste Voraussetzungen für das Projekt, mit dem wir die Zukunft Deines Clans sichern könnten und zudem noch etwas für den Weltfrieden täten!“ triumphiert unser kleines Verhandlungsgenie. „Nu soch schon, Du hoscht von einem neuen Festspülhaus gesprochen!“ – „Genau“, kommt Carmen zum Höhepunkt ihrer Ausführungen. „Wir bauen ein Richard-Wagner-Festspielhaus im Nahen Osten. Wenn Du Deine ideologischen Irrtümer zurücknimmst und Dich entschuldigst, hab ich einige Geldgeber aus Israel an der Hand, die sich freuen würden, das Ganze zu finanzieren. Zielgruppe ist die gesamte Region, mit Ausnahme der Regierungsvertreter, weil da sowieso Hopfen und Malz verloren ist. Aber die anderen werden wir durch Deine Musik problemlos einen. Die Karten werden wie folgt verteilt: Ein Kontingent an Mitglieder der Hamas, ein Kontingent an orthodoxe Juden (zumindest für die Vorstellungen unter der Woche), ein Kontingent an Mitglieder der israelischen Streitkräfte und eines an die PKK. Darüber hinaus laden wir syrische Flüchtlinge ein. Und natürlich spezielle Ehrengäste.“ Dabei denkt Carmen natürlich in erster Linie an ihre Freundin Abigail und deren Familie. „Der Rest geht in den freien Verkauf. Auch über Internet. Du wirst sehen, wenn wir das Ganze mit diesem exotischen Reiz versehen, werden sich auch die Europäer wieder um Karten reißen. Von allen Ländern der Region werden wir mit meiner Tunnelbohrmaschine Tunnel graben, die sternförmig auf das Theater zuführen und den Gästen einen sicheren Zugang ermöglichen.“

„Deine Kunst soll sie alle einen“, schließt Carmen triumphierend ihre Ausführungen: „Wir gründen die Richard-Wagner-Festspiele in Beirut!“

Der Meister stimmt begeistert zu und umarmt Carmen stürmisch.

Schon morgen werde er sich ans Klavier setzen und mit der Komposition einer neuen Oper beginnen, die zur Eröffnung des neuen Festspielhauses uraufgeführt werden solle, verspricht er. Darin wolle er die Erfahrungen der letzten Tage einfließen lassen. Premiere also nächstes Jahr in Beirut.

Einen Arbeitstitel hat er auch schon.

Lohengrin.

Oder so.

Carmen eröffnet das Richard-Wagner-Festspielhaus in Beirut
Carmen eröffnet das Richard-Wagner-Festspielhaus in Beirut