Outbreak: Carmen et Victor Bourrédevirus-Roussette du Sénégal (Sep. 2014)

 Mama África tem
Tanto que fazer
Além de cuidar neném
Além de fazer denguim
Filhinho, tem que entender
Mama África vai e vem
Mas não se afasta de você. 

(Chico César)

(Mama Afrika hat soviel zu tun, außer das Baby zu versorgen, außer Zärtlichkeit zu schenken. Söhnchen, du musst verstehen, Mama Afrika geht und kommt,
aber sie wendet sich nicht von dir ab.)

 

Outbreak: Carmen und Victor Bourrédevirus-Roussette

 

08. März 2014   Atemlos durch die Nacht – die Seuchen nehmen Fahrt auf

In den letzten Monaten war Carmen bei ihren seltenen Streifzügen durch die Kölner Kneipenszene immer wieder von einer plötzlichen Übelkeit befallen worden. Diese wurde meist abgelöst von einem unwiderstehlichen Drang, zu den Klängen der Ouvertüre von „Tristan und Isolde“ mit bloßen Hufen zu töten.

Nachdem sich dieser Ablauf mehrfach wiederholt hat, wird unserer sensiblen Musikkritikerin plötzlich der Zusammenhang zwischen ihren Symptomen und der penetranten Wiederholung eines ebenso schwachsinnigen wie eingängigen Liedchens von Helene Fischer bewusst. „Diese Musik ist die Pest des 21. Jahrhunderts!“ stellt Carmen angewidert fest.

Bitte hier klicken, um Carmen beim Anhören von Atemlos zu sehen!

Ihrer Eingebung folgend, dass es sich angesichts der unkontrollierten Ausbreitung des Ohrwurms um eine Art Seuchenproblematik handeln muss, vermutet Carmen einen Zusammenhang zwischen der Verleihung des „Echo“-Preises an Helene Fischer und dem aktuellen Ausbruch einer Ebola-Epidemie in Westafrika: “Der HERR konnte diese Preisverleihung nicht ungestraft geschehen lassen. Leider trifft sein Zorn wieder einmal die Falschen”, stellt Carmen resigniert fest.

Als sie ihre These mit Jorge diskutieren will, der sich seit langem bemüht, unserer rachsüchtigen Heldin das Konzept von einem liebenden Gott näher zu bringen, zieht der nur die Augenbrauen hoch und schüttelt tief seufzend den Kopf.

 

11. März 2014   Seuchenbekämpfung

Mit ihrer Fliegenklatsche erschlägt Carmen beiläufig eine Fledermaus. Wenn sie sich recht erinnert, sollen diese Tiere Hauptüberträger des Ebola-Virus sein.[1] “Man muss das Übel mit der Wurzel ausrotten”, betont die designierte Kommissarin für Seuchenbekämpfung und Rassenhygiene bei der Europäischen Union und hängt die Fliegenklatsche wieder an den Nagel.

Als Carmen die Zeitung aufschlägt, fällt ihr sofort ein Interview mit Thilo Sarrazin ins Auge. Er und seine Freunde von der Alternative für Deutschland (AfD) begrüßen den Ausbruch von Ebola in Guinea. “Seuchen sind immer noch das wirksamste Mittel zur Bekämpfung der Überbevölkerung in Afrika und damit zur Stabilisierung des Euro”, behauptet der Rechtspopulist.

Auf der Kölner Domplatte füttert ein in der Nähe wohnender Rentner im Schutz der Nacht die katholischen Domfledermäuse mit kandierten Blutgerinnseln. “Eine von euch ist mir mehr wert als drei von denen!” säuselt er voller Zärtlichkeit. Neugierige Passanten versucht er von seiner These zu überzeugen, Ebola würde in Afrika vor allem von homosexuellen Fledermäusen auf unschuldige Negerkinder übertragen.

 

13. März 2014   Gnade vor Recht

Mit erhobener Fliegenklatsche steht Carmen am frühen Morgen drohend vor einer verschüchtert blickenden Fledermaus, die sich bei Tagesanbruch in ihre Wohnung verirrt hat. Bevor sie zuschlägt, fallen ihr deren Kurzhaarfrisur und das jungenhafte Gesichtchen auf. “Bist du etwa lesbisch?” fragt Carmen. Ein ängstlich-verschämtes Nicken ist die Antwort. “Na, dann flieg halt…” brummt unsere gutmütige Gleichstellungsbeauftragte und legt die Klatsche vorerst wieder beiseite.

 

05. April 2014   Carmen beliest sich

In den vergangenen Wochen musste unsere ehrgeizige Wissenschaftlerin in Bezug auf die Ebola-Epidemie zu viele Wissenslücken bei sich feststellen. Also nutzt sie eine ruhige Stunde, um sich zu belesen. Sie klappt ihr Q-Book auf und googelt „Ebola“. Dass die Krankheit durch eine Virusinfektion ausgelöst wird, äußerst ansteckend ist und in der Mehrzahl der Fälle trotz intensiver Behandlung relativ rasch zum Tode führt, erinnert sie noch aus ihrer Zeit an der Universität von Tel Aviv. Aber bezüglich der Übertragungswege war sie doch in gravierender Weise falsch informiert.

Kurz gesagt, hatte sie in den letzten Tagen zahllose Fledermäuse völlig unnötigerweise in die Ewigen Jagdgründe befördert. Denn die übertrugen das Virus wohl gar nicht! Zumindest diese nicht. Dafür mussten sie schon aus einem der Epidemiegebiete stammen. Außerdem waren für die Übertragung von Ebola offenbar eher Flughunde zuständig, gewissermaßen die hübschen Verwandten der Fledermäuse. Neben der angenehmeren Optik der Flughunde erfährt Carmen noch einen weiteren Unterschied: Während die Fledermaus ein Insektenfresser und Blutsauger ist, leben Flughunde vegetarisch.

Da waren ihr nun die Flughunde irgendwie sympathischer. Wenn nur diese Geschichte mit dem Ebola-Virus nicht wäre, denkt Carmen, dann würde ich mir glatt einen als Haustier anschaffen. Denn wenigstens muss man mit Flughunden nicht Gassi gehen. Als sie noch liest, dass diese Tiere kopfüber kopulieren, grinst sie in sich hinein und klappt ihr Q-Book wieder zu.

 

06. September 2014   Carmen rettet einen Flüchtling

Nach der aufregenden Zeit in Oberfranken und dem erfolgreichen Abschluss ihrer Verpflichtungen bei den Richard-Wagner-Festspielen hat sich Carmen kurz entschlossen ein paar Tage frei genommen und ist an die Amalfiküste geflogen. In Positano hat sie sich eine bescheidene Suite in einem kleinen Hotel gemietet. Die Einheimischen haben keinen Urlaub mehr und Carmen hat ihre geschäftlichen Anrufe und E-Mails zu einem Auftragsdienst umgeleitet. So stört nichts die beschauliche Atmosphäre und Carmen verbringt die Tage mit Müßiggang. Morgens schläft sie erst einmal aus, dann läuft sie ein wenig am Strand entlang. Anschließend genießt sie ein entspanntes zweites Frühstück in einem der vielen reizenden Cafés der Stadt. Meist nimmt sie sich danach ein Buch und legt sich zum Lesen entweder an den Strand oder an den Pool ihrer bescheidenen Unterkunft. Gerade erfreut sie sich an „El amor en los tiempos del ébola“[2]. Den Roman hatte sie kurz nach seinem Erscheinen geradezu verschlungen und erst vor kurzem beim Abstauben ihres Bücherregals wiederentdeckt.

Manchmal schaut Carmen aber auch einfach nur den Wolken hinterher, die vom Meer über die Stadt ziehen.

Es sind erholsame Tage.

Carmen Ronda oder de Ronda, wie seit ihrem zweiten Geburtstag amtlich ihr Name lautet, hat an einem Herbstvormittag des Jahres 20.., das unserer Welt monatelang eine so gefahrdrohende Miene zeigte, von ihrem Hotel in der Berlusconi-Straße zu Positano aus, allein einen weiten Spaziergang unternommen. Ãœberreizt von der schwierigen und gefährlichen Arbeit der letzten Wochen, hat die Doppelagentin dem Fortschwingen des produzierenden Triebwerks in ihrem Innern, jenem „locus animi continuus“, worin nach Cicero das Wesen des Killerinstinkts besteht, auch nach der Morgenmahlzeit nicht Einhalt zu tun vermocht und den entlastenden Schlummer nicht gefunden, der ihr, bei zunehmender Abnutzbarkeit ihrer Kräfte, einmal untertags so nötig war. So hat sie bald nach dem Tee das Freie gesucht, in der Hoffnung, dass Luft und Bewegung sie wieder herstellen und ihr zu einem ersprießlichen Tag verhelfen würden.

(Carmen sagt herzlichen Dank an den Kollegen Thomas Mann, der ihr die Vorlage zu diesem wunderbaren Satz geschickt hat. Denn nicht nur García Márquez hat sich vor ihr intensiv mit dem Seuchenthema befasst.)

Auch heute also macht sich Carmen des Morgens wieder auf den Weg, um ein paar Kilometer am Strand entlang zu joggen. „Nachher werde ich mir ein zweites Croissant gönnen“, freut sich unsere hungrige Heldin unterwegs schon auf das anschließende zweite Frühstück. Mit dem leckeren Cappuccino, den der attraktive Barista speziell für sie immer mit einem Herzchen aus Schokopulver auf dem Milchschaum bestäubt und ihr dann mit einem fast schon herausfordernden Augenzwinkern präsentiert.

Solcherart in Gedanken versunken achtet Carmen nicht so sehr auf den Weg und beinahe wäre sie auf ein kleines dunkles Bündel getreten, das plötzlich vor ihr im Sand liegend auftaucht. Gerade noch rechtzeitig kann sie sich zum Stehen bringen. Was ist das denn, fragt sich unsere neugierige Heldin und betrachtet das nasse, haarige und reglose Bündel von allen Seiten. Dann greift sie sich ein kleines Stöckchen, das in der Nähe im Sand liegt und tippt ihren Fund vorsichtig an. Keine Reaktion. Mithilfe des Stöckchens dreht Carmen das schwarze weiche Ding um. Ach, herrje, denkt sich unsere Naturforscherin, als sie plötzlich in das Gesicht eines offensichtlich von den Wellen an den Strand gespülten Flughundes schaut, der allem Anschein nach nicht mehr atmet.

Nachdem Carmen die Schrecksekunde überwunden hat, erinnert sie sich an den letzten Auffrischungskurs in kardiopulmonaler Reanimation, den sie vor kurzem im Rahmen der Verlängerung ihrer Kampfpilotenlizenz bei der Kölner Feuerwehr absolvieren musste. Ohne langes Nachdenken fängt sie also an, vorsichtig mit einem Huf das Brustbein des zarten Geschöpfes rhythmisch nach unten zu drücken. Dabei achtet sie allerdings darauf, nicht in allzu engen Kontakt mit ihm zu kommen. Vorsicht, Ebola, erinnert sie sich.

Es dauert nicht lang und der Flughund fängt an, sich zu ungezielt zu bewegen. Einen Augenblick später hustet er heftig und spuckt eine kleine Fontäne Wasser aus. Carmen weicht zuerst instinktiv zurück, greift dann aber wieder beherzt zu und hilft dem exotischen Tier, den Oberkörper aufzurichten. Dabei vermeidet sie jedoch weiterhin, direkt angehustet zu werden. Schließlich öffnet der Patient die Augen und atmet angestrengt tief ein und aus. Nach einer halben Minute scheint er sich einigermaßen erholt zu haben und schaut Carmen mit offenem Blick direkt in die Augen.

„Salaamaalekum!“[3] bringt er mit einem kräftigen Räuspern hervor. Carmen nickt freundlich. Aha, denkt sie. Der ist wohl wirklich nicht von hier. „Jërë-jëf!“[4] fügt der Flughund hinzu. Carmen weiß nicht so recht, was sie sagen soll. „Parla italiano? ¿Habla español? Speak English? Fala português?“ fragt unsere polyglotte Spanierin ein wenig hilflos.

Der kleine durchnässte Kerl guckt sie nur mit riesengroßen Augen an. Dann strahlt er aber, hustet noch einmal kurz und fängt mit einer zwar rauen, aber doch wohlklingenden und unverkennbar afrikanischen Stimme an zu singen: „Boul ma sene, boul ma guiss madi re nga fokni mane,
 Khamouma li neka thi sama souf ak thi guinaw, Beugouma kouma khol oaldine yaw li neka si yaw, Mo ne si man, li ne si mane moye dilene diapale…“[5] Dabei schaut er Carmen mit jeder Menge Schmalz im Blick weiterhin unverwandt tief in die Augen, so dass unsere begeisterungsfähige Superheldin fast schon geneigt ist, ihrem Barista den Laufpass zu geben. Gleichzeitig erinnert sie sich an die Melodie. Das Lied hat sie doch auf ihrem Q-Pad! Muss wohl so etwa zwanzig Jahre her sein, denkt unsere alternde Musikliebhaberin.

„Desolée, mais je ne sais pas parler Wolof“[6], sagt Carmen in einem letzten Versuch, die Kommunikation vielleicht doch noch auf die verbale Ebene heben zu können. „Ah, tu parler français!“[7] ruft der Flughund erfreut und erweist sich damit als Angehöriger einer gebildeten Schicht. „Comment tu t’appeller? Moi, j’être Victor. Victor Roussette! Je venir du Sénégal… Vachement enchanté!!!“[8] fügt er noch begeistert hinzu, nachdem Carmen sich ebenfalls vorgestellt hat. Da weiß sie nun zwar nicht, wie er das genau meint, entscheidet sich aber, dieser Frage zunächst nicht weiter nachzugehen. Immerhin erinnert sie sich dunkel, dass in Wolof die Verben nicht konjugiert werden. Daher also sein etwas eigenwilliges Französisch. Immerhin versteht sie ganz gut, was er sagt.

(Um den Leser dieser Chronik nicht weiter durch Fußnoten über Gebühr zu strapazieren, sollen die Gespräche der beiden im Folgenden überwiegend direkt in der deutschen Übersetzung wiedergegeben werden.)

Wenigstens scheint er keinen größeren Dachschaden davongetragen zu haben, freut sich Carmen über den Erfolg ihrer Reanimationsbemühungen. Da er nun doch ein wenig zu zittern beginnt und überhaupt recht entkräftet wirkt, schlägt sie vor, ihn in ihr Hotel zu bringen, um ihn erst einmal abzutrocknen und ein wenig aufzupäppeln.

Um kein Aufsehen zu erregen, versteckt Carmen den kleinen Victor unter ihrem Gore-Tex-Laufshirt und schleicht sich durch den Garten des Hotels in ihre Suite. Dort stellt sie ihn unter die warme Dusche, reicht ihm ein frisches weiches Handtuch und bietet ihm eine Cola aus der Minibar an, die er in großen Schlucken austrinkt. „J’avoir faim!“[9] sagt der inzwischen wieder ein wenig zu Kräften gekommene Afrikaner schüchtern. „Das trifft sich gut“, antwortet Carmen. „Ich auch. Komm, lass uns frühstücken gehen.“ Sie reicht ihm eine Bermuda-Short, ein T-Shirt und ein paar Flip-Flops aus ihrem Kleiderschrank. Die Flipflops lehnt er artig ab. Zu Fuß gehen sei nicht so sein Ding, sagt Victor augenzwinkernd.

Um ihren Barista nicht zu verstören, entscheidet sich Carmen heute für ein anderes Café in der Nähe des Strands. Man weiß ja, wozu eifersüchtige Italiener fähig sind, denkt sie im Stillen. Schließlich will sie sich auch nicht die Chancen auf einen kleinen Urlaubsflirt vermasseln. Victor scheint ihr dann trotz seines schmalzigen Blicks und seiner gesanglichen Qualitäten als Intimpartner doch eher nicht in Frage zu kommen. Eigentlich empfindet sie eher mütterliche Gefühle für ihn. Erstaunlich, denkt Carmen, werde ich etwa alt?

Während unsere reifende Heldin sich so ihre Gedanken macht, flattert Victor ein wenig nervös neben ihr her. „Meinst Du, wir fallen hier auf?“ fragt er. „Hm, lass mich überlegen“, antwortet Carmen nachdenklich. „Eine Kuh aus Deutschland mit offensichtlich spanischem Migrationshintergrund läuft, im Flamencokleid, mit einem etwas ausgezehrten und schätzungsweise zwanzig Jahre jüngeren senegalesischen Flughund munter auf französisch plappernd durch die Gassen eines italienischen Touristenkaffs. Also, nur um Deine Frage zu beantworten, ja, könnte sein, dass wir ein wenig auffallen.“ – „Das ist aber nicht gut“, sagt Victor leise. „Hey, ist es Dir peinlich, mit mir gesehen zu werden oder was?“ fragt unsere mitunter grenzenlos eitle Diva gekränkt. „Überhaupt nicht. Aber es könnte vielleicht peinlich werden für Dich.“

Schlagartig ist Carmens unbefangene Urlaubsstimmung dahin. Oh oh oh, denkt sie, anscheinend steckt der Kleine in Schwierigkeiten. Sogleich setzt ihr professionelles Misstrauen wieder ein. Dann erinnert sie sich aber an den Kurs in „Positivem Denken“, den sie im Frühjahr bei der Kölner Volkshochschule zusammen mit elf traurigen Hausfrauen absolviert hat und beschließt, doch auf ihren Instinkt zu vertrauen und auf ihr unerschütterliches Selbstvertrauen, das ihr sagt, dass alle Probleme letztlich nur darauf warten, gelöst zu werden. „Komm, lass uns erst einmal frühstücken, dann erklärst Du mir das alles in Ruhe“, versucht Carmen ihren offenbar etwas nervösen neuen Bekannten zu ermutigen.

Im Café angekommen sind beide froh, dass die meisten Frühstücksgäste offenbar schon gegangen sind. Die Terrasse ist nur spärlich besetzt und die wenigen Gäste scheinen keine Notiz von ihnen zu nehmen. Der Kellner stammt offensichtlich aus Osteuropa und hat sich vermutlich schon vor langer Zeit das Wundern und Fragenstellen abgewöhnt. So können Carmen und Victor in Ruhe auf der Terrasse des Cafés unter einem Sonnenschirm sitzen. Carmen übersetzt ihrem neuen Schützling die Speisekarte und versucht, ihn bei der Auswahl seines Frühstücks zu beraten. „Ich weiß gar nicht, was Flughunde gern essen“, bittet sie ihn um seine Meinung zur Speisekarte. „Wir sind Vegetarier. Nektar, Pollen, Früchte, Blüten und so. Aber ich bin anpassungsfähig. Der Hunger treibt heute sowieso alles rein“, erklärt Victor bereitwillig.

„Nun erzähl mal, was ist Dir heute früh eigentlich passiert?“ fragt Carmen naiv, nachdem sie die Bestellung aufgegeben haben. Victors Blick wird plötzlich sehr ernst und traurig. „Das ist eine lange Geschichte“, fängt er an und versinkt zunächst wieder in Schweigen. „Willst Du die kurze oder die lange Version hören?“ – „Magst Du vielleicht mit der Kurzversion anfangen und dann sehen wir weiter?“ antwortet Carmen mit einer behutsamen Rückfrage, weil sie ein sehr feines Empfinden für die Stimmungen ihrer Gesprächspartner hat und sie gerade von einer gewissen Tragik angeweht wird.

„Nun, die Kurzversion: afrikanischer Flughund flieht vor der permanenten Bedrohung durch Buschfleischjäger, die schon die meisten seiner Freunde aus Kinderzeiten zu wohlschmeckenden Currys verarbeitet haben, und vor der Zerstörung seines Lebensraums durch europäische Investoren. Er verlässt sein Land, gerät in die Hände skrupelloser Schlepper, die ihn unter unwürdigsten Bedingungen und ständiger Lebensgefahr schließlich doch bis an die Küste Nordafrikas bringen, von wo er via Sizilien versucht, auf dem Luftweg auf das italienische Festland zu gelangen, um sich von dort weiter nach Frankreich durchzuschlagen, wo er wenigstens die Sprache versteht und vielleicht einen Asylantrag stellen kann. Unterwegs aber stürzt er irgendwann vor Entkräftung ins Meer – ist nämlich ganz schön anstrengend, wenn man immer versuchen muss, das Radar der Küstenwache zu unterfliegen – und verliert das Bewusstsein. Den Rest kennst Du. Sieht so aus, als ob Du mir das Leben gerettet hast. Jërë-Jëf.“

Mein Gott, schon wieder dieser Hundeblick, denkt Carmen, die nichts mehr fürchtet als wehrlos fremder Leute Verführungskünsten ausgeliefert zu sein.

Ein Flüchtling. Natürlich. Wie konnte ich nur so naiv sein, rettet sich Carmen in die Fakten. War ja eigentlich nichts Neues für sie, hatte sie doch im letzten Jahr Melchior Eins bis Drei aus Seenot vom Kölner Clarenbachkanal gerettet. Zum zweiten Mal ist sie nun unmittelbar mit einem Elend konfrontiert, das sie sonst nur aus der Zeitung kennt.

„Und jetzt bist Du zwar erst einmal in Europa, hast aber keine Papiere und musst fürchten, jederzeit von der Polizei verhaftet werden“, macht Carmen klar, dass sie seine Lage und vor allem seine Nervosität versteht. „So ist das“, antwortet Victor und schweigt betreten.

Der Kellner bringt das Frühstück und unsere beiden Protagonisten greifen mit Appetit zu. „Du kannst meine Früchte haben, wenn Du magst“, schiebt Carmen dem hungrigen Flughund ihr Müsli hin. „Echt, willst Du sie nicht?“ fragt Victor zurückhaltend nach. „Iss nur, ich hab doch noch soviel anderes hier, Croissants, Nutella, und die ganzen Milchprodukte…“, ermuntert ihn Carmen. „Jërë-Jëf“, murmelt Victor und schlägt zu.

Nach dem Frühstück machen sie einen kleinen Verdauungsspaziergang am Meer entlang und gehen dann wieder zurück zum Hotel. Dabei reden sie nicht viel. Jeder hängt so seinen Gedanken nach. Beim Bezahlen im Café war Carmen der misstrauische Blick des Kellners aufgefallen. Sie fragt sich, wie lange sie in Positano noch sicher sein würden und überlegt schon, wie sie Victor heil nach Deutschland bringen könnte. Aber natürlich macht sie sich auch Gedanken um die Tod bringende Krankheit, die er möglicherweise mit sich herumträgt.

Wieder im Hotel misst sie heimlich ihre Temperatur.

38,3 Grad zeigt das Thermometer.

Normal für eine Kuh.

Also alles in Ordnung, beruhigt sie sich. Dennoch setzt sie sich an ihr Q-Pad und recherchiert nochmals über Ebola. Symptome, Ansteckungswege, Inkubationszeit, Behandlung, Sterblichkeitsrate. Das klingt alles recht beunruhigend. Victor hat sich in der Zwischenzeit noch eine Cola aus der Minibar genommen und es sich vor dem Fernseher gemütlich gemacht, wo er sich mit Begeisterung Musikvideos anschaut.

Plötzlich wird die beschauliche Ruhe des Nachmittags durch ein heftiges Pochen an der Zimmertür gestört.

„Carabinieri! Machen Sie die Tür auf!“ tönt es vom Flur. Au weia, denkt Carmen. Die verlieren ja keine Zeit. Rasch zieht sie sich einen Bademantel über, um die Pistole in ihrem Schulterhalfter zu verbergen. Gleichzeitig gibt sie Victor ein Zeichen, sich im Bad zu verstecken. Nachdem er dort verschwunden ist, öffnet Carmen die Tür. Vor ihr stehen vier uniformierte Polizeibeamte mit wild entschlossenem Gesichtsausdruck. „Signora di Ronda?“ fragt der Chef der Truppe. „Sono io“[10], antwortet unsere unerschrockene Heldin wahrheitsgemäß, während die vier an ihr vorbei ins Zimmer gehen und sich dort umsehen. „Ihre Papiere bitte!“ ordnet der Wortführer an. Carmen geht an den Zimmersafe. Aus dem Stapel ihrer Ausweispapiere holt sie einen deutschen Reisepass mit ihrem echten Namen hervor und übergibt ihn dem Polizisten, der ihn einer eingehenden Prüfung unterwirft und ihn dann an Carmen zurückreicht.

„Sono Maggiore Strasser“[11], stellt sich der Offizier vor. „Signora di Ronda, uns liegen Informationen vor, wonach Sie einem illegalen Flüchtling Unterschlupf gewähren. Ich muss Ihnen wohl kaum erklären, dass Sie sich damit strafbar machen.“ – „Wer behauptet das?“ fragt Carmen zurück, um ein wenig Zeit zu gewinnen, während die anderen drei Polizisten die Schränke der Suite öffnen, auf den Balkon hinaustreten und unter dem Bett nachsehen. „Sie werden verstehen, dass wir unsere Informanten nicht preisgeben“, antwortet der Maggiore knapp. „Aber sie sind heute mit einem offensichtlich afrikanischen Flughund gesehen worden.“ Mist, denkt Carmen. Der Kellner hat sie verpfiffen. Bestimmt hat er dafür eine saftige Belohnung eingesteckt. Dabei beobachtet sie aus dem Augenwinkel, wie einer der Polizisten die Tür zum Badezimmer öffnet. Carmen versucht, sich in die Offensive zu flüchten. „Hören Sie, Maggiore Strasser“, schnauzt sie den Offizier an. „Es ist eine Ungeheuerlichkeit, wenn Sie hier nur aufgrund der Äußerungen eines Denunzianten einfach in meine Privatsphäre eindringen. Ich bin deutsche Staatsbürgerin und genieße als Geheimagentin Immunität. Wenn Sie nicht augenblicklich meine Suite verlassen, werde ich mich direkt an Ihren Colonnello wenden und mich über sie beschweren!“ Das mit der Immunität ist natürlich Blödsinn, aber Carmen hofft, dass der Maggiore nicht so gut über die Strukturen des Geheimdienstes informiert ist und sie ihn durch ihre intime Kenntnis der Dienstgrade der italienischen Polizei einschüchtern kann.

„Nonsenso“[12], grinst der Polizist, der Carmens Spiel durchschaut. „Solange Sie sich in Italien aufhalten, unterstehen Sie meiner Befehlsgewalt. Außerdem wollen wir gar nicht Sie, sondern den Afrikaner. Also, Signora, wo halten Sie den Afrikaner versteckt?“ Dieser Punkt geht an den Italiener, denkt Carmen, die es gar nicht leiden kann, wenn ihr die Kontrolle über eine Situation zu entgleiten scheint. In diesem Moment ertönt aus dem Bad ein Schrei. Das Grinsen des Maggiore gefriert. „Na, wer sagt’s denn“, freut er sich und ist mit einem Sprung ebenfalls im Bad. Carmen folgt ihm und da sieht sie die Bescherung: im hintersten Winkel des Badezimmers hat sich Victor an der Decke über der Badewanne in eine Ecke gekauert, wo er sich mühsam festhält, während er vor Angst wie Espenlaub zittert und mit großen Augen auf die Polizisten schaut. Die drängen Carmen aus dem Bad und schließen die Tür. Carmen hört Schritte, kurze Befehle, Stöhnen, schließlich einen Schmerzensschrei und heftiges Fluchen, gemischt mit lautem Klagen. Carmen entschließt sich, einzugreifen. Doch noch bevor sie sich für die passende Strategie entscheiden kann, ertönen einige kurze Befehle des Maggiore und dann nur noch ein zufriedenes „Ich hab’ ihn.“ Wenige Momente danach öffnet sich die Tür zum Badezimmer. Heraus kommen zuerst die drei Unteroffiziere, von denen einer sich die blutende rechte Hand hält, während ihn die beiden anderen stützen. Hinter ihnen tritt der Maggiore durch die Tür. In der Hand hat er einen Kescher. Darin gefangen flattert der arme Victor, ohne eine Chance zu entkommen. Mit weit aufgerissenen ängstlichen Augen schaut er Carmen Hilfe suchend an.

„Wie Sie sehen, kann die italienische Polizei ihre Aufgaben auch ohne die Unterstützung deutscher Geheimdienste lösen“, bemerkt Maggiore Strasser mit der Arroganz des Siegers. Doch er hat seine Rechnung ohne Carmen gemacht.

Die greift mit einer routinierten und blitzschnellen Bewegung unter den Bademantel und zieht ihre Walther PPK hervor. „Wie Sie sehen, lässt der deutsche Geheimdienst seine Freunde nicht im Stich“, antwortet sie trocken und richtet die Waffe direkt auf den Maggiore. „Daher schlage ich vor, dass sie mir jetzt den Flüchtling übergeben. Im Gegenzug verspreche ich Ihnen, noch heute Italien mit ihm zu verlassen. Ihren Vorgesetzten können Sie ja erzählen, Sie hätten uns nicht mehr angetroffen.“ – „Signora, nehmen Sie die Waffe herunter, sonst werden Sie für den Rest Ihres Lebens in einem italienischen Gefängnis verschmachten!“ droht der Offizier, der nicht nur in seinem Gerechtigkeitsempfinden verletzt ist, sondern auch um sein Ansehen als Vorgesetzter und als italienischer Macho fürchtet.

„Maggiore Strasser, bitte nehmen Sie es nicht persönlich, aber ich würde es doch bevorzugen, jetzt mit meinem Freund Victor abzureisen und Ihr schönes Land zu verlassen.“ In diesem Moment nimmt Carmen wahr, wie einer der Polizisten versucht, nach seiner Waffe zu greifen. Mit einem kurzen Hinterhuftritt befördert sie ihn in den Kleiderschrank. Allerdings durch die verschlossene Tür, was zwar eine Menge Lärm macht, den Angreifer aber auch ausschaltet und dazu führt, dass die beiden anderen unaufgefordert ihre Hände in die Luft heben. Der Maggiore steht weiter unbewegt mit dem Kescher in der Hand Carmen gegenüber. „Bitte, Maggiore“, wiederholt sich Carmen gefährlich leise, „lassen Sie meinen Freund jetzt frei.“

In diesem Moment ertönt aus dem Lautsprecher des Funkgerätes des Maggiore eine schnarrende Anfrage. Carmen versteht nur soviel, dass die Zentrale sich bei ihm nach dem Stand der Ermittlungen erkundigt. Carmen ist klar, dass er die Anfrage beantworten muss, wenn sie nicht will, dass in ein paar Minuten die gesamten Carabinieri der Region auf dem Hof des Hotels eintreffen, wahrscheinlich auch noch mit Unterstützung eines Hubschraubers. So ein halb verhungerter afrikanischer Flüchtling wird eben in Europa nicht nur von Wirrköpfen wie Sarrazins AfD schnell als Bedrohung der gesamten Staatsordnung erlebt. „Bitte beantworten Sie die Anfrage. Sagen Sie Ihren Kollegen, dass alles in Ordnung ist. Die deutsche Agentin sei bereits abgereist und habe den Flüchtling wohl mitgenommen.“ Der Maggiore greift mit der freien Hand zu seinem Mikrofon. „Zentrale…“, meldet er sich und fixiert Carmen dabei mit eiskaltem Blick. Pause. Dann drückt er erneut die Sprechtaste am Mikrofon und fährt fort: „Wir benötigen hier dringend…“

Das letzte, was Carmen von Maggiore Strasser in Erinnerung bleiben soll, ist sein erstaunter Blick aus den weit aufgerissenen Augen, während sich der Blutfleck auf seinem schönen weißen Hemd rasch vergrößert und er allmählich auf den Boden sinkt.

Dann steckt die Carmencita ihre Walther PPK wieder zurück in den wunderschönen Schulterhalfter von Hermès, den ihr damals ihr aufmerksamer japanischer Kollege Null-Null-Vielzehn aus Paris mitgebracht hatte.

Die beiden Unteroffiziere sind inzwischen über den Balkon geflohen.

Behutsam nimmt Carmen den Kescher aus der Hand des toten Maggiore und befreit den kleinen zitternden Flughund. „Trink aus, wir gehen“, sagt sie mit ruhiger Stimme zu ihm.

 

07. September 2014   Ankunft in Deutschland

Nach einer wilden Flucht aus Italien sind Carmen und Victor gestern am Abend heil in Deutschland angekommen. Erwartungsgemäß hatte es nach Maggiore Strassers abrupt unterbrochenem Funkspruch nicht lang gedauert, bis in der Ferne die ersten Polizeisirenen zu hören waren. Carmen konnte gerade noch ihr Flamencokleid überwerfen, die Pässe in den Trolley werfen und den verstörten Flughund in ihrer Louis-Vuitton-Handtasche verstecken. Dann rannte sie paradoxerweise im Schweinsgalopp durch den Hintereingang des Hotels auf die Straße, wo sie dem nächstbesten italienischen Jugendlichen seine frisierte Vespa raubte und damit in rasender Fahrt zu ihrer am Provinzflughafen von Positano abgestellten Drohne fuhr.

Ohne vorher die Checkliste durchzugehen startete sie die Triebwerke und rollte ohne Freigabe einfach auf die Startbahn. Als dort einige Polizeifahrzeuge auf sie zukamen, um sie am Starten zu hindern, konnte sie ihr Fluggerät in letzter Sekunde hochziehen. Der beim Abheben von den Triebwerken verursachte Jet blast wirbelte die Polizeiautos wild durcheinander. Bis sich die Polizisten von dem Schrecken erholt hatten, war Carmen bereits außer Schussweite.

Auf dem Flug hielt sie sich an Victors Rat und unterflog bis zur Grenze das Radar der Italiener. Außerdem wählte sie eine einigermaßen unberechenbare Route. So irrten die wenige Minuten nach ihrem Abflug gestarteten Abfangjäger des italienischen Militärs eine Weile ziellos umher, bis sie schließlich unverrichteter Dinge wieder zurückkehrten. Von unterwegs telefonierte Carmen mit einem freundlichen Juristen beim Allgemeinen Deutschen Drohnenclub (ADDC), der ihr mitteilte, dass in Italien begangene Verkehrsverstöße gegenwärtig noch nicht bis Deutschland nachverfolgt werden könnten. Eine Änderung sei zwar für die nahe Zukunft geplant, aber gegenwärtig müsse sie sich diesbezüglich keine Sorgen machen.

Es war ein aufregender Flug, aber schließlich waren unsere beiden Protagonisten am späten Abend sicher in Deutschland angekommen, wo sie unbehelligt landen und sich in Carmens Wohnung in Sicherheit bringen konnten.

„Ich kann gar nicht glauben, was seit gestern alles passiert ist“, sagt Victor am heutigen Morgen nach dem Frühstück zu seiner mutigen Retterin. „Ich will Dir aber nicht noch länger zur Last fallen. Wenn Du mir sagst, wie das in Deutschland läuft, werde ich heute noch einen Asylantrag stellen.“ – „Erstens fällt mir so ein knuffiger kleiner Kerl wie Du nicht zur Last. Das hätte ich Dir sonst schon gesagt. Und zweitens, also das mit dem Asylantrag, vergiss es. Das dauert Jahre. Zwischenzeitlich musst Du in einem engen, nach Pisse stinkenden Container wohnen, wo sich die verschiedenen Nationen gegenseitig zerfleischen, wenn sie nicht gerade vom Wachpersonal vermöbelt werden. Das ist es nämlich, was ein Land wie unseres mit denen macht, die nichts zum Bruttosozialprodukt beitragen. Und gewiss ist es gar nichts für so eine sensible Natur wie Dich. Am Ende wird Dein Antrag sowieso abgelehnt, weil der Senegal als sicheres Land gilt. Nein, lass mal lieber. Ich denke, ich werde heute bei meinen Kollegen vom Q-Sad Papiere für Dich besorgen. Dann hast Du einen deutschen Pass und kannst Dir eine Arbeit suchen. Aber vorher musst Du Deutsch lernen. Und zu allererst müssen wir noch ein paar Gesundheitschecks durchführen.“ – „Bei Dir fühle ich mich zum ersten Mal wirklich sicher“, stellt Victor fest und da ist er wieder, dieser treue Hundeblick, der Carmen schier in den Wahnsinn treibt. „Freu Dich lieber nicht zu früh“, flüchtet sich unsere berühmte Doppelagentin in ihre Professionalität. „Jetzt werden wir Dir nämlich erst einmal Blut abnehmen.“

Carmen hatte sich über Nacht noch einmal intensiv mit der aktuellen Fachliteratur zum Thema Impfstoffentwicklung beschäftigt. Da waren ein paar viel versprechende Ansätze. Allerdings hatte bisher noch keiner davon zum Erfolg geführt. Immerhin glaubt unsere Wissenschaftlerin, die richtigen Fragen gefunden zu haben.

„Auuuu, auuuu, das tut weh!“ kreischt Victor vorwurfsvoll, als Carmen, inzwischen mit weißem Schutzanzug, Mundschutz und Hufschuhen bekleidet, mit geübtem und sicherem Stich eine Nadel zur Blutentnahme in seine Vene versenkt. „Jetzt mach hier bloß nicht auf Mädchen! Schließlich hast Du schon Schlimmeres überstanden in den letzten Tagen!“ murmelt die Carmencita wenig empathisch hinter ihrem Mundschutz. Victor verzieht das Gesicht und schmollt. „So. Fertig“, sagt unsere gestrenge Heilkundige, nachdem sie die Nadel wieder herausgezogen hat. Mit einem routinierten „Draufdrücken. Sonst gibt’s nen blauen Fleck“, beendet sie die Prozedur. Dann trägt sie die Blutprobe in ihr Labor.

Dort entnimmt sie der Probe mit einer Pipette drei Tropfen, die sie jeweils auf einen Objektträger für das Mikroskop gibt. Ein Tropfen für das konventionelle Mikroskop bleibt ungefärbt, ein anderer wird gefärbt. Der dritte ist für das nagelneue Elektronenmikroskop, das sie sich erst im letzten Frühjahr angeschafft hat. Den Rest der Probe gibt sie in die Zentrifuge. Während die läuft, schiebt Carmen zuerst den ungefärbten Blutstropfen unter das Mikroskop. „Ach du dickes Ei!“ entfährt es ihr spontan, nachdem sie das Bild scharf gestellt hat.

„Ach du dickes Ei!“ wiederholt sie sich. Auf den ersten Blick hat Carmen entdeckt, dass das Blut ihres kleinen Freundes so einiges an Tropenkrankheiten transportiert. Carmen weiß, dass er diese Krankheiten zwar überträgt, aber selbst nicht erkrankt. Nur auf den ersten Blick eine ganz komfortable Situation, denkt unsere wackere Infektionsfilosofin, denn auf den zweiten Blick ist das natürlich eine potenzielle Quelle nicht endender Schuldgefühle. Bevor sie sich jedoch mit den psychoanalytischen Dimensionen des Themas „Überlebensschuld“ auseinandersetzt, ruft sie sich innerlich zur Ordnung und treibt weiter die Laboruntersuchungen voran. „Impfung geht vor Psychotherapie“ lautet eines ihrer Prinzipien. Daher widmet sie sich als nächstes dem Ansatz der RT-PCR[13], also dem direkten Nachweis des Ebola-Virus in Victors Blut. Carmen arbeitet ebenso rasch wie hoch konzentriert.

Nur einmal wird sie nach etwa zwei Stunden kurz unterbrochen, als Victor den Kopf durch die Tür steckt und kleinlaut fragt, wann es denn Mittagessen gebe. Carmen seufzt. Schon oft hat sie von befreundeten Kolleginnen beim Geheimdienst über die Doppelbelastung berufstätiger Mütter gehört. Eigentlich habe man ständig das Gefühl, keiner der Aufgaben jeweils ganz gerecht zu werden, klagten diese. Am liebsten würde Carmen ihrem Schützling Geld geben und ihn zu McDonald’s schicken. So etwas essen doch alle jungen Leute gern, meint sich Carmen zu erinnern. Aber dann fällt ihr ein, dass dort wohl kaum „Nektar, Pollen, Früchte, Blüten und so“ im Angebot sein werden. Die Ernährungsfrage lässt sich also nicht so ohne weiteres nebenbei lösen. „Ich muss das hier noch eben fertig machen, dann komme ich rüber und wir besprechen, was wir essen wollen. Nimm Dir doch bis dahin ein bisschen Obst aus dem Korb in der Küche“, schlägt Carmen im Ton einer durchorganisierten Mutter vor. „Hab‘ ich schon aufgegessen“, antwortet Victor im Ton eines chronisch vernachlässigten Jugendlichen. Carmen seufzt erneut. „Ich beeile mich. Bin gleich bei Dir.“ Victor macht die Tür wieder zu.

Eine halbe Stunde später hat sie alle Tests angesetzt. Jetzt heißt es warten, bis die Ergebnisse ablesbar sind. Die Zwischenzeit will sie nun nutzen, um den kleinen hungrigen Racker zu versorgen. Als Carmen vor dem Verlassen des Labors die Schutzkleidung auszieht, spürt sie einen leichten Schwindel und ein kurzes Frösteln. Ist bestimmt die Klimaumstellung, versucht sich unsere Heldin selbst zu beruhigen.

Dann geht sie hinüber zu Victor und bespricht mit ihm den Speiseplan. Es ist eine Gratwanderung, ihm einerseits zu verdeutlichen, dass sie einen anspruchsvollen und zeitaufwendigen Beruf hat, ohne ihm andererseits das Gefühl zu geben, eine unwillkommene Last zu sein. Der ewige Konflikt zwischen Wunsch und Wirklichkeit, denkt sich unsere Ãœbermutter, die weiß, dass es auch hier um die wohldosierte Anerkennung der Begrenzungen geht, welche uns die Realität auferlegt. Doch Victor wirkt gar nicht enttäuscht. Im Gegenteil. Als sie ein paar Minuten später zusammen bei Edeka durch die Obst- und Gemüseabteilung streifen, freut er sich, dass Carmen gerade Zeit für ihn hat und er sich in diesem Schlaraffenland aussuchen darf, was er gern essen möchte. „Wo ich herkomme, mussten wir immer nehmen, was es gerade gab… Ohhhh, was ist das denn Schönes?“ stürzt er auf die kleinen Cocktailtomaten zu, die hier in verschiedenen Farben angeboten werden. „Habt Ihr im Senegal keine Tomaten?“ fragt Carmen erstaunt. „Toma… quoi?“[14]

Diese Rückfrage erinnert Carmen daran, dass ihr neuer Hausgast nicht nur einen deutschen Pass, sondern auch einen Sprachkurs benötigt. Und im Gegensatz zum Pass, den sie einfach bei ihren Kollegen vom Q-Sad bestellen konnte, musste er den Sprachkurs schon selber absolvieren. Sie nimmt sich vor, später im Internet nach geeigneten Angeboten zu suchen. Einerseits wäre ein solcher Kurs, vielleicht in einer bunten Gruppe junger Migranten aus besserem Hause, sicher eine gute Idee, weil der kleine dislozierte Afrikaner dann nicht nur unter Leute käme, sondern auch die dringend benötigte Tagesstruktur hätte, was wiederum ihr mehr Freiraum für ihre Arbeit geben würde. Andererseits kann sie ihn vorläufig noch nicht ohne Aufsicht frei herumlaufen lassen, solange er noch diese ganzen Tropenkrankheiten mit sich herum trägt.

Eins nach dem andern also, denkt Carmen und kauft unter den leuchtenden Augen des adoleszenten Flughundes erst mal ein paar Pfund Cocktailtomaten in allen Farben. Dann entscheidet sie sich, heute Abend eine Pizza mit Tomaten und Rucola in den Ofen zu schieben. Carmen fängt an, sich mit der Rolle der berufstätigen Mutter anzufreunden. Auf dem Heimweg fahren sie bei Carmens Lieblings-Syrer vorbei und packen zweimal Falafel-Teller zum Mitnehmen ein.

Nach dem Mittagessen setzt sich Victor wieder vor den Fernseher und guckt sich Musikvideos an. „Der braucht dringend eine Aufgabe. Dieses Herumgammeln kann nicht ewig so weiter gehen“, denkt Carmen und geht wieder ins Labor, um die PCR abzulesen. Was sie da sieht, lässt ihr für einen Moment das Blut in den Adern stocken. Auch wenn die Ergebnisse der Labortests eigentlich keine Überraschung darstellen. Die elektronenmikroskopische Untersuchung bestätigt den Befund.

Der kleine Victor ist nun also zweifellos ZEBOV-Träger. Ebola-Virus Typ Zaire. Der Subtyp des aktuellen Infektionsausbruchs in Westafrika. Und zwar nicht nur ein bisschen Virus, sondern ganz schön viel. „Niedlicher kleiner Bourrédevirus[15]…“, denkt Carmen mit einer Mischung aus liebevoller Fürsorge und Angst. In Bruchteilen einer Sekunde gehen ihr alle Situationen der letzten beiden Tage durch den Kopf, in denen sie sich angesteckt haben könnte. Es waren eindeutig genug. Mehr als genug.

Carmen fröstelt wieder.

Diesmal schiebt sie es auf die Klimaanlage im Labor.

Wie immer in angstvollen Momenten siegt dann aber in unserer kleinen Superheldin doch die kaltblütige, lösungsorientierte Professionalität. Schließlich hatte sie in ihrem Leben schon größere Gefahren überstanden. Geheimagenten im Kino kamen doch auch immer mit einem blauen Auge davon. Ein blaues Auge? Carmen erschrickt wieder. Weiß sie doch, dass Ebola-Kranke letztlich an massiven inneren Blutungen versterben. Sie wirft einen Blick in den Spiegel über dem Waschbecken. Nein, alles in Ordnung. Keine blauen Flecken im Gesicht.

Nach diesem kurzen hypochondrischen Anfall vertieft sich unsere Wissenschaftlerin wieder in die Fachliteratur. Die kreist naturgemäß um zwei Fragen, nämlich erstens die Suche nach wirksamen Medikamenten für bereits an Ebola Erkrankte und zweitens die Entwicklung eines Impfstoffs für noch nicht Infizierte. Wieder einmal wird ihr dabei deutlich, wie sehr die Forschung von wirtschaftlichen Interessen geleitet wird. Für die beteiligten Pharma-Firmen wäre es eindeutig am lukrativsten, wenn sich Ebola zu einer globalen Epidemie ausweiten würde, denkt Carmen. Schließlich lässt sich an vielen Kranken in reichen Ländern deutlich mehr verdienen als an der Entwicklung eines Impfstoffs für ein paar wenige bettelarme Schwarzafrikaner. Das denkt offenbar nicht nur sie, denn die Forschung konzentriert sich tatsächlich auf die Suche nach geeigneten Wirkstoffen für bereits Erkrankte. Bei allen wirtschaftspolitischen Vorbehalten unserer kleinen Kapitalismuskritikerin ist das allerdings zunächst auch der Ansatz, der Carmen vordringlich interessiert – im eigenen Interesse, denn schließlich hatte sie bereits so viel Kontakt zu Victor der Virenschleuder, dass eine Impfung für sie vermutlich zu spät käme. Daher muss sie unbedingt vor Ende der Inkubationszeit ein wirksames Medikament gefunden haben. Denn eines ist Carmen klar: wenn sie erst Symptome entwickelt hat, wird sie kaum mehr in der Lage sein, ihre Arbeit fortzusetzen. „Dann ist der Ofen aus. Und das wäre doch irgendwie auch ein bisschen Schade um mich“, findet unser kleines selbstbewusstes Universalgenie, das im Leben noch so viel vor hat.

„Es bleibt nicht mehr genug Zeit, nach einem neuen Wirkstoff zu suchen“, lautet ihr Ansatz. „Ich muss etwas finden, was es schon gibt und wovon man nur noch nicht weiß, dass es auch gegen Ebola wirkt.“ So geht sie hinüber ins Bad und öffnet ihren Medizinschrank. „Mal sehen, was wir da alles haben…“ Jeder der vielen Pillenschachteln entnimmt sie eine Tablette. Außerdem bestellt sie in der Apotheke um die Ecke telefonisch noch ein paar Wirkstoffe, die ihr ebenfalls als aussichtsreiche Kandidaten erscheinen. „Ich muss wohl nicht dazu sagen, dass es eilt“, treibt sie den Apotheker am Telefon an. Der kennt die meist lukrativen Spezialaufträge unserer berühmten Spezialagentin schon, so dass bereits eine halbe Stunde später ein Bote an der Tür klingelt und Carmen eine Kiste mit den bestellten Medikamenten überreicht.

Carmen trägt die Schätze ins Labor, wo sie eine lange Reihe mit Probengläsern aufstellt. In jedes Glas kommt eine Pille. Darüber gibt sie jeweils ein wenig von Viktors verdünntem Blut. „So, alles beschriftet… und nun für 12 Stunden hinein damit in den Brutschrank – morgen früh werden wir sehen, in welchen Gläsern die Viren den Geist aufgegeben haben“, fasst sie gedanklich den ebenso einfachen wie genialen Forschungsansatz zusammen. Gleichzeitig wundert sie sich, wieso sonst noch keiner der Kollegen auf dieses vergleichsweise preiswerte Vorgehen gekommen ist.

Nachdem sie ein wenig aufgeräumt hat, stellt sie sich unter die Desinfektionsdusche, wo sie einen leichten Schwindel verspürt. Nach dem Abtrocknen geht sie in die Küche und bereitet die Zutaten für die Pizza vor. „Du könntest mir mal ein wenig zur Hand gehen“, versucht sie Victor vom Fernseher wegzulocken. „Gibt’s etwas zu essen?“ ruft er aus dem Fernsehzimmer mit plötzlich sehr interessierter Stimme zurück. Carmen verdreht die Augen. Sie ist den Umgang mit halbwüchsigen Jungen nicht gewohnt, begreift aber, dass diese ähnlich zu ticken scheinen, wie gewöhnliche Hundewelpen: ein bisschen verspielt, ständig hungrig und ansonsten am liebsten faul auf dem Sofa. „Hatten wir doch besprochen. Es gibt Pizza mit Tomaten und Rucola. Aber nur, wenn Du mir hilfst, den Teig zu belegen“, versucht sie ihn in die Küche zu locken. Eine halbe Minute später kommt Victor etwas schwerfällig hereingeflattert.

Carmen will gerade die Cocktailtomaten aus dem Kühlschrank holen und wundert sich. „Wo hab‘ ich denn die vielen Tomaten?“ fragt sie eher an sich selbst gewandt. Keine Spur davon. Sie macht die Kühlschranktür wieder zu. Ihr nachdenklicher Blick fällt auf Victor die Virenschleuder. Der guckt ein bisschen verlegen zu Boden. Da dämmert es der frisch gebackenen Pflegemutter. „Victor, hast Du mir etwas zu sagen?“ fragt sie und muss sich fast das Lachen verbeißen bei der Vorstellung, dass er in den letzten zwei Stunden vor dem Fernseher offenbar mehrere Pfund Cocktailtomaten verdrückt hat. „Hm?“ antwortet Victor und möchte gern so tun, als hätte er keine Ahnung, wovon die Carmencita spricht. „Ok“, sagt Carmen. „Dann müssen wir wohl den Plan ändern.“

Normalerweise würde sie jetzt mit Victor einfach zu ihrem Lieblingsitaliener gehen, aber wegen des Ansteckungsrisikos für Inhaber Luigi, die Kellner und die anderen Gäste scheidet diese Möglichkeit vorläufig aus. Außerdem ist sie nach dem Zusammenstoß mit den Carabinieri und der überstürzten Flucht aus Italien gerade nicht gut auf dieses Volk zu sprechen. Den Gedanken, deswegen erst recht mit Victor dahin zum Essen zu gehen, verwirft sie sogleich wieder und schämt sich fast ein wenig für den teuflischen Gedanken. Pragmatisch wie sie ist, greift sie zum Telefon und bestellt bei Luigi zweimal Pizza Rucola, eine normale für sich und eine große mit extra viel Tomaten für ihren Hausgast. In einer halben Stunde könne sie zum Abholen vorbei kommen, teilt ihr Luigis freundliche Gattin am Telefon mit.

Als sie zwanzig Minuten später den Schlüssel ihres Cabrios greift, um das Abendessen abzuholen, verspürt sie kurz einen Anflug von Ãœbelkeit. „Die Zeit tickt“, denkt unsere mutmaßlich infizierte Superheldin und hofft inständig, dass die Testreihe im Brutschrank morgen früh schon ein brauchbares Ergebnis zeigen wird. „Darf ich mit?“ fragt Victor, dem verständlicherweise allmählich die Decke auf den Kopf zu fallen beginnt. „Einverstanden. Aber zum Italiener gehe ich alleine rein.“ Victor guckt betreten und wirkt ein wenig beschämt. „Je comprendre“[16], murmelt er nur. Carmen fühlt sich etwas hilflos, weil sie ahnt, dass sich ihr kleiner Adoptivzögling wohl gerade vielfach stigmatisiert fühlen muss: ein schwarzafrikanischer Flughund illegal in Köln, als Flüchtling noch ohne deutschen Pass, der Sprache nicht mächtig und zu allem Ãœberfluss reichlich beladen mit allem, was das Handbuch der Mikrobiologie zu bieten hat. „Außenseiterproblematiken in einer Zuwanderungsgesellschaft“ ist der Titel des Fachbuches, das zu schreiben sich unsere Expertin für Alltagssoziologie in diesem Moment vornimmt. Doch bevor sie sich auf die intellektuelle Metaebene retten kann, muss sie sich erst einmal dem Seelenleben des Einzelfalles stellen. „Victor, es tut mir so leid. Wahrscheinlich kann sich niemand vorstellen, wie das für Dich sein muss, der es nicht selbst erlebt hat. Hab’ noch ein wenig Geduld. Ich verspreche Dir, sehr bald werde ich ein wirksames Mittel gefunden haben und dann kann Dein neues Leben beginnen. Du wirst zur Schule gehen, Freunde finden, ausgehen, feiern…“ – „Ist schon gut“, unterbricht Victor tonlos den hilflosen Redeschwall seiner gerade emotional in wenig überforderten Pflegemutter. Er fühlt sich ohnehin schnell wertlos und will nicht auch noch zur Belastung für sie werden. Oh, oh, oh, denkt unsere sensible Carmencita auf der gemeinsamen Fahrt, die überwiegend schweigend verläuft. Obwohl sie noch keine Details seiner Biografie kennt, ahnt sie deutlich, dass ihr junger Freund bereits eine Menge traumatischer Erfahrungen mit sich herumzuschleppen scheint. Dass sie ihm nun ein gewisses Maß an Retraumatisierung zumuten muss, erlebt sie gerade wegen der Unvermeidlichkeit ihres Tuns als tragisch. Aufgrund ihrer eigenen Lebensgeschichte ist da eine Ahnung, welche unterdrückte Wut er wohl mit sich herumschleppen dürfte. Hoffentlich gerät er nicht in die falschen Kreise, denkt sie, während sie vor Luigis Lokal das Cabrio in der zweiten Reihe parkt. Vor ihren Augen hat sie Bilder aus ihrem Psychiatrischen Praktikum damals in Tel Aviv – reihenweise drogenabhängige und emotional instabile Heranwachsende, die von einem Suizidversuch in den nächsten stolpern, keine stabilen Beziehungen aufbauen können und einfach keinen Platz im Leben finden. „Eins nach dem andern!“ reißt sich die Carmencita selbst aus diesen trüben Fantasien und geht hinein ins Restaurant. „Schließlich muss ich erst mal dafür sorgen, dass er nicht verhungert! Das Seelenheil kommt später.“

„Ahhhhh, Signora, buonasera! Komme Sie herein – Sie sinde frühe, da wir habe noche beste Tische freie für Sie!“ begrüßt sie der Chef mit großer Herzlichkeit. „Buonasera Luigi, molte grazie, aber ich habe telefonisch zweimal Pizza zum Mitnehmen bestellt.“ – „Aber Signora, warum Sie wollen nixe esse bei unse? Komme, nehme Platze, iche bringe Ihne Karte immediatamente!!!“ – „Wirklich, Luigi, das ist sehr aufmerksam von Ihnen aber, wissen Sie, es gibt Tage, da möchte eine Frau lieber für sich sein, Sie verstehen…“ – „Ahhh, Signora, capisco… Lasse Sie mich gucke, ah, da seie Ihre Pizze, zweie…“ Carmen begreift, dass die Situation eine gewisse Widersprüchlichkeit in sich birgt. Doch noch bevor sie zu einer Ausrede ansetzen kann, hilft ihr der feinfühlige Restaurantbesitzer schon aus der Patsche. „Prego, hier, Ihre Pizze, iche bine so frohe, dass bei alle… afflizione[17]… Ihre Appetite iste gute. So iste rechte, brauche Krafte, müsse esse, unde Rucola enthalte viel Blute bildende Eise“, plappert der Chef einfach drauflos, um nur keine Peinlichkeit aufkommen zu lassen. Als er Carmen zur Tür begleitet und sie mit tausend Komplimenten und Besserungswünschen verabschiedet, fällt sein Blick auf den blutjungen attraktiven Schwarzafrikaner auf dem Beifahrersitz. „Cazzo, iste immer gewese große Luder diese donna“, seufzt er in sich hinein, während er die Tür hinter seinem Stammgast wieder schließt.

Wieder zuhause angekommen, stürzt sich Victor mit Appetit auf die Pizza. Carmen hat eine Flasche chilenischen Rotwein geöffnet, den sie im Sommer von der Fußballweltmeisterschaft aus Brasilien mitgebracht hat. Doch irgendwie will ihr das alles nicht so richtig schmecken. Carmen spürt einen Anflug von Kopfschmerzen und lässt die Hälfte ihrer Pizza liegen. Unruhig geht sie ins Bad und schaut in den Spiegel. Ein wenig heiße Lippen, aber zum Glück noch immer keine Blutungen. Als sie zurück kommt an den Esstisch, hat Victor seine große Pizza aufgegessen und guckt auf ihren Teller. „Magst Du das nicht mehr?“ fragt er. „Danke, ich bin schon satt. Wenn Du magst, dann nimm, bevor’s kalt wird.“ Das lässt sich der Gast nicht zweimal sagen. Nachdem er den Rest von Carmens Pizza auch noch verspeist hat, flattert er hinüber in die Küche und kommt nach ein paar Minuten mit zwei Tellern zurück. „Was ist das denn?“ fragt Carmen erstaunt. „Le dessert!“ verkündet er stolz und froh, endlich auch mal einen Beitrag zum Leben leisten zu können. Er stellt Carmen ihren Teller hin und legt Löffel und Gabel dazu. „Und verrätst Du mir, was das ist?“ fragt Carmen ebenso gerührt wie neugierig. „Senegalesische Spezialität. Vegan. Probier einfach. Du wirst es mögen“, erklärt Victor vergnügt. Sieht wirklich lecker aus, denkt Carmen und obwohl sie keinen Appetit hat, greift sie zu. „Schmeckt fruchtig“, sagt sie. „Und duftet ein wenig nach Blumen, hmmmm, lecker“, lobt sie die Kreation ihres Schützlings. Aber sag mal, wo hast Du das denn her?“ kann sie ihre Neugier nicht weiter bezwingen.

„Naja, als Du im Restaurant warst, also, da war auf der anderen Straßenseite ein Geschäft, Röformaus, stand da.“ – „Quoi?“ fragt Carmen zurück. „Röformaus“, wiederholt Victor. „Ah, Reformhaus!“ versteht Carmen. „Also, jedenfalls, die hatten so ein paar Sachen vor der Tür, die kamen mir bekannt vor und da habe ich einiges mitgenommen für das Dessert. Ich wollte Dich überraschen. Schmeckt es Dir?“ erklärt er mit leuchtenden Augen. Carmen begreift, dass dies nicht der richtige Moment ist für Erklärungen über die Strafbarkeit von Ladendiebstahl. Die Lektion bekommen wir später, denkt sie. Jetzt ist erst mal wichtig, dass er sich ein wenig aus seinem Gefühl der Abhängigkeit und Wertlosigkeit befreien kann, begreift Carmen und lässt Psychohygiene vor Recht ergehen.

Schweigend löffeln sie das wirklich wohlschmeckende Dessert, als Carmen spürt wie ihr allmählich die Nase zuschwillt. Sie muss ein paar Mal niesen. Komisch, denkt sie. Das sind aber keine Ebola-Symptome. Als ein paar Minuten später auch die Augen jucken, ist sie noch verwunderter. Fühlt sie an wie Heuschnupfen, denkt unsere kleine Allergikerin, die deswegen schon in der späten Kindheit besonders auf ihre Ernährung achten musste. Aber Heuschnupfen im September? Carmen war allergisch gegen Frühblüher. Gewöhnlich waren ihre Symptome spätestens Ende Mai vorüber. „Wirklich wunderbar“, schwärmt Carmen noch einmal. „Verrätst Du mir jetzt die Zutaten?“ – „Eigentlich alles, was Flughunde gern mögen“, erklärt Victor. „Nektar, Pollen, Früchte, Blüten und so.“

Pollen, denkt Carmen und grinst in sich hinein. Dann geht sie ins Bad und nimmt eine Heuschnupfentablette.

Nach dem Essen verspürt unsere sonst vor Tatendrang strotzende Heldin eine große Müdigkeit. Außerdem sind die Kopfschmerzen stärker geworden. Da sie heute im Labor nichts mehr tun kann, beschließt sie, früh zu Bett zu gehen. Sie wünscht Victor eine gute Nacht und legt sich in ihr riesiges französisches Bett, wo sie bald in einen traumlosen Schlaf fällt.

 

08. September 2014   Die Krankheit bricht aus[18]

Nach wenigen Stunden wacht sie schlagartig von einem lauten Rumpeln auf und ist plötzlich hellwach. Was war das? Carmen setzt sich auf und lauscht. War Victor noch wach? Hatte er etwas fallen lassen? Leise schält sie sich aus der flauschigen Bettdecke und streift den Seidenbademantel von Hermès über, den ihr ihre Freundin Abigail letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte. Vorsichtshalber greift sie nach ihrer Walther PPK, die immer griffbereit unter dem Kopfkissen liegt. Sie schraubt den Schalldämpfer auf. Dann öffnet sie vorsichtig die Schlafzimmertür. Wieder nimmt sie ein Rumpeln war. Es kommt aus dem Labor. Carmen schleicht hinüber. Durch die Glastür nimmt sie den Lichtschein einer Taschenlampe wahr und die Schatten sich bewegender Gestalten. Ohne ein Geräusch zu machen, öffnet sie langsam einen Spaltbreit die Tür und streckt ihren Kopf hinein. Was sie sieht, würde ihr das Blut in den Adern gefrieren lassen, wenn sie nicht über dieses hohe Maß professioneller Kaltblütigkeit verfügen würde. Zwei Gestalten in dunklen Anzügen haben die Probengläser aus dem Brutschrank geholt und sind dabei, alle zu öffnen und ihren Inhalt in den Ausguss des Waschbeckens zu schütten! Mit einem Huf zielt Carmen auf die beiden, während sie mit dem andern das grelle Deckenlicht einschaltet. „Hände hoch!“ befiehlt sie. Die beiden fahren zusammen und versuchen reflexartig, in ihre Taschen zu greifen. Doch Carmens Reflexe sind, trotz ihres angeschlagenen Gesundheitszustands, schneller.

Es ist nur ein leises „Flupp“. Einmal, zweimal. Die beiden Gestalten sinken tödlich getroffen in sich zusammen. Carmen geht zu ihnen hinüber und kickt mit dem freien Vorderhuf erst einmal die Waffen der Einbrecher außer Reichweite. Als sie sich vergewissert hat, dass von beiden keine Gefahr mehr ausgeht, untersucht sie die Leichen. In ihren Taschen findet sie jeweils Parteibücher der AfD. In dem Moment wird ihr schlagartig klar, was hier passiert ist. Die selbst ernannten Euro-Retter wollten um jeden Preis verhindern, dass sie ein wirksames Mittel gegen Ebola findet! Außerdem war da vermutlich noch die ein oder andere persönliche Rechnung offen. Weiß der Himmel, wie sie von Carmens Forschungen Wind bekommen hatten. Doch als sie dem einen die Strumpfmaske vom Gesicht zieht, begreift sie auch das: Sie erkennt den Bibliothekar des Instituts für Virologie, bei dem sie sich die ganze Fachliteratur zum Thema besorgt hatte. „Mierda, ich komme zu spät“, flucht Carmen als sie sieht, dass die beiden ganze Arbeit geleistet haben. Alle Probengläser sind zerstört und der Inhalt ist bereits im Ausguss gelandet.

Als Victor aufsteht, findet er Carmen nachdenklich und fröstelnd bei einer dampfenden Tasse Tee am Küchentisch sitzend vor. Vor ihr liegt ein Fieberthermometer. „Was ist los? Konntest Du nicht schlafen?“ fragt er besorgt. Carmen erklärt ihm, was passiert ist. „Die ganze Arbeit umsonst. Und die Zeit läuft ab“, fasst sie mit einem Blick auf das Thermometer die Lage zusammen.

„39,5 Grad. Das ist Fieber bei einer Kuh.“

Victor begreift den Ernst der Lage. „Und jetzt?“ fragt er besorgt seine Pflegemutter. „Ich weiß auch nicht“, antwortet Carmen, die sich nicht sicher ist, ob sie sich mehr um ihr eigenes Leben sorgt oder um die Zukunft ihres Schützlings. „Ich habe schon mit meiner Freundin beim Q-Sad gesprochen“, versucht sie ihn zu beruhigen. „Spätestens morgen hast Du einen deutschen Pass. Und sie werden sich definitiv auch weiter um Dich kümmern.“ – „Mach Dir keine Sorgen um mich. Ich habe es von Afrika bis nach Deutschland geschafft. Ich weiß, wo ich etwas zu essen finde. Es geht schon irgendwie weiter mit mir. Aber ich mache mir Vorwürfe, weil ich Dich angesteckt habe“, antwortet der kleine verantwortungsbewusste Flughund, der viel zu früh erwachsen werden musste.

„Ich kann einfach nicht akzeptieren, dass ein paar verirrte Extremisten den Lauf der Welt beeinflussen“, murmelt die Carmencita trotzig und hüllt sich ein wenig fester in ihren Morgenmantel.

In diesem Moment klingelt das Telefon. Carmen erkennt die Nummer. Jorge ist am Apparat. „Hola, guapa, ¿cómo estás?[19]“ ruft der Heilige Vater fröhlich. „Geht so“, antwortet Carmen, ein wenig unglücklich, weil sie dem Frühaufsteher die gute Laune verderben muss. „Und bei Dir?“ – „Ach, wir haben hier im Vatikan ein Riesenproblem mit ein paar russischen Computer-Freaks, die unsere Website gehackt haben. Sie haben einen Trojaner eingeschleust und die Kontodaten aller Katholiken geklaut, von denen wir in den letzten Jahren Ablasszahlungen eingezogen haben. Unsere EDV arbeitet auf Hochtouren, um die Schwachstelle zu schließen und den Trojaner zu eliminieren…“ klagt Carmens Kumpel. „Aber sag, Du hörst Dich nicht gut an. Was ist los bei Dir?“

„Im Grunde habe ich ein vergleichbares Problem“, antwortet die Carmencita, die plötzlich eine ungeheure Aufregung verspürt. „Aber sag mal, kann ich Dich später zurückrufen? Ich muss mich nämlich gerade ganz dringend um etwas kümmern!“ – „Claro, guapa, llámame cuando quieras[20], ich wollte nur mal kurz Deine Stimme hören“, antwortet der heilige Mann wie immer völlig unkompliziert und freundlich. „Danke, ich kann Dir gar nicht sagen, wie dankbar ich Dir bin“, antwortet Carmen und legt auf. Sie wirft ihr Q-Phone zurück auf den Tisch. Dann blickt sie Victor tief in die traurigen Augen. „Komm mit!“ sagt sie nur und geht voran ins Labor.

 

08. September 2014   Shake the Disease!

Im Labor klappt Carmen ihr Q-Book auf und schließt nach dem Einschalten den Flachbettscanner an. Sie öffnet den Deckel des Scanners und schaut Victor an, der ihr die ganze Zeit mit fragendem Blick zugesehen hat. „So. Jetzt leg Dich bitte mal da drauf.“ – „Hä?“ fragt Victor verständnislos. „Frag nicht. Vertrau mir. Leg Dich bitte auf den Scanner. Mach Dich flach. So flach, wie Du kannst.“ Victor zögert kurz, doch Carmens Ton zeigt ihm, dass sie es ernst meint. „Puuuuuuh, das ist kalt“, kreischt er kurz, als er sich auf die Glasscheibe legt. Carmen schließt den Deckel über ihm. „Und jetzt möglichst nicht bewegen.“ Mit ein paar geübten Gesten ihrer Hufe auf dem Touchpad und der Tastatur des Rechners aktiviert sie das Hochleistungsvirensuchprogramm, dessen neueste Version sie gerade vor ihrem Italien-Urlaub über die Website des Q-Sad heruntergeladen und installiert hatte. Der Scanner setzt sich in Bewegung. „Hmmmm, das fühlt sich gut an“, schnurrt Victor, während das helle und warme Licht unter der Scheibe des Scanners seinen Körper abtastet. Eine Minute später hat Carmen auf dem Bildschirm das Ergebnis. Es stimmt im Wesentlichen mit den Laborbefunden überein. In einer Ecke blinkt rot eine Warnung: „Caution – ZEBOV positive – highly contagious!“ Daneben hat sich automatisch ein Fenster geöffnet: „Please click here to eliminate virus.“ Carmen clickt auf „OK“. Wieder setzt sich der Scanner in Bewegung. Diesmal hat das Licht eine andere Farbe. „Oooooohhh, aaahhhhhh, oi oi oi!!!!!“ giggelt Victor in einer Mischung aus vorpubertärer Verwirrung und postpubertärer Lust. „Stillhalten!“ ordnet unsere Computerexpertin an. Dann ist der Prozess auch schon abgeschlossen. „Virus has been successfully eliminated“, lautet nun die Meldung auf dem Bildschirm. Sicherheitshalber wiederholt Carmen den Virenscan. Offensichtlich ist Victor jetzt clean.

„Kannst wieder rauskommen“, sagt Carmen. Victor krabbelt, noch etwas benommen, von der Scheibe des Scanners. „Was war denn das?“ fragt er. „Der erste Schritt zur Heilung“, antwortet Carmen de Ronda-Düsentrieb nur trocken. „Jedenfalls bist Du jetzt nicht mehr ansteckend.“ – „Und du? Was ist mit Dir?“ erkundigt sich der noch immer etwas aufgeregte Flughund. „Du passt doch nicht auf den Scanner!“ – „Das ist genau das Problem“, antwortet Carmen nachdenklich und schaut aus dem Fenster, wo gerade über einem Oleander-Strauch die milde Herbstsonne ihre Strahlen in den Garten wirft.

Es ist der Tag der glücklichen Eingebungen. Carmen klappt ihr Q-Book zu und steckt es in die Tasche. „Zieh Dir etwas an, wir müssen raus“, sagt sie zu ihrem kleinen Ziehsohn. Dann schnappt sie sich wieder die Autoschlüssel und wenige Minuten später geht es in rasender Fahrt in die Haupteinkaufsstraße von Carmens Stadtteil.

Vor „Mandy’s Sonnenstübchen“, einer der letzten Reliquien der 90-er Jahre des vorigen Jahrhunderts, kommt Carmen mit quietschenden Reifen zum Stehen und stürzt nach drinnen. „Stellen Sie jetzt bitte keine Fragen“, sagt Carmen zu der verdutzten Inhaberin, deren Hautfarbe Victor an die Frauen seiner Heimat erinnert. „Ich nehme einmal Flatrate“, fügt Carmen hinzu und legt ihre goldene Vacacard auf die Theke. Dann flitzt sie in die Kabine mit dem größten Solarium und sucht das Gehäuse nach dem USB-Anschluss ab. Als sie ihn gefunden hat, schließt sie ihr Q-Book an und startet wieder den Virenscanner. „Aber dass sie mir bloß keine Schweinereien machen da drin, hören Sie!“ sächselt Mandy von draußen, weil Carmen hinter sich und Victor die Kabinentür verriegelt hat. „Keine Sorge“, beruhigt Carmen. „Es geht hier um eine medizinische Behandlung. Schuppenflechte, Sie verstehen.“ Dann bittet Sie Mandy sicherheitshalber um zwei UV-Schutzbrillen und legt sich auf die Sonnenbank. Mit knappen und klaren Anweisungen leitet sie Victor an, der die Bedienung des Computers übernommen hat. Die Röhren des Solariums wechseln mehrfach die Farbe. Nach einer Viertelstunde sind Virenscan und Reinigung abgeschlossen. Carmen erhebt sich.

„Komm, Großer, wir gehen heim. Du hast mir übrigens gerade das Leben gerettet. Jërë-Jëf“, sagt Carmen zu ihrem Zauberlehrling.

Zuhause angekommen, schiebt sich Carmen das Thermometer in den Mund. Die Kopfschmerzen sind weg, die Übelkeit auch. Sie fröstelt nicht mehr.

38,3 Grad zeigt das Thermometer.

Normal für eine Kuh.

 

[1] Carmen erinnert sich nicht so ganz recht. [2] „Die Liebe in den Zeiten von Ebola“ [3] Friede sei mit Dir! [4] Danke! [5] Es dauert schon lange, ich suche mich selbst und meine Geliebte, mein Leben ist für dich,
 und für niemand anderen als dich.
(7 Seconds, Youssou N’Dour und Neneh Cherry)
 [6] Es tut mir leid, aber ich spreche kein Wolof. [7] Ah! Du sprechen französisch! [8] Wie Du heißen? Ich sein Victor. Victor Flughund. Ich kommen aus dem Senegal… Freut mich riesig (wörtlich: kuhmäßig erfreut!) [9] Ich haben Hunger [10] Die bin ich [11] Ich bin Major Strasser [12] Unsinn [13] Reverse Transcriptase-Polymerase Chain Reaction [14] Toma… was? [15] Sinngemäß: Virenschleuder [16] Ich verstehen [17] Leiden [18] Anscheinend ist die Inkubationszeit bei Kühen deutlich kürzer als beim Menschen [19] Hallo, Süße, wie geht’s? [20] Klar, Süße, ruf mich an, wann immer Du möchtest

 

Ende des ersten Teils 

Carmen und Victor sind nun gerettet.

Doch was ist mit dem Rest der Welt? Und vor allem mit dem gebissenen italienischen Polizisten?

Wird es Carmen gelingen, eine wirksame Therapie für die breite Masse zu entdecken?

Und welche Rolle wird Helene Fischer dabei spielen?

Das erfährst Du im nächsten Teil!

To be kuh-ntinued – Stay tuned!

 

 

September 2014: Carmen verursacht Sonnensturm

02. September 2014   Make love, not war!

Mit dem Slogan „Dschi-Spot statt Dschi-had“ fordert Carmen alle gläubigen Muslime zur Erfüllung ihrer ehelichen Pflichten auf.

 

09. September 2014   Eins, zwei, Polizei

Mit einer großen Rabattaktion versucht Carmen, das schleppende Geschäft anzukurbeln. „Kaufe neun Auftragsmorde und du bekommst den zehnten geschenkt!“ Dies könne sich insbesondere für Bewohner größerer Wohnanlagen oder Mitglieder von Großfamilien schnell lohnen, so die Unternehmerin beim Kick-Off.

In einer Anhörung wird heute in Berlin über eine Reform des Prostitutionsgesetzes beraten. Dabei spricht sich die Vorsitzende des Berufsverbandes Freiberuflicher Sexarbeiterinnen (BFS), Carmen de Ronda-Nitribit, gegen eine grundsätzliche Bestrafung von Freiern aus. „Ich bin jung und brauche das Geld!“ begründet sie ihre klare Haltung.

Nach einem langen und erfolgreichen Arbeitstag in der Dortmunder Fußgängerzone genehmigt sich Scharia-Polizistin Carmen in einem Schnellimbiss erst mal ein Kölsch und ein leckeres Leberwurstbrötchen. „Wir alle bleiben doch zwangsläufig ständig hinter unseren eigenen Idealen zurück“, erklärt die Religionsbovinosofin dem erstaunten Kioskbesitzer.

 

10. September 2014   Milchmädchenrechnung

Paradox: Trendjägerin und It-Cow Carmen-Paris de Ronda besorgt sich die nagelneue Apple-Watch. Vor lauter Begeisterung über das neue Toy verliert sie jegliches Zeitgefühl und verpasst den Bus.

NRW-Oberfinanzkuh Carmen de Ronda-Borjans erwacht aus einem fiesen Albtraum, in dem ihr Excel-Programm von einem Virus befallen war und die Batterien im Taschenrechner versagten. Nach dem Aufwachen schüttelt sie sich kurz, beruhigt sich aber rasch und schläft wieder ein. Den Rest der Nacht träumt sie von einem ausgeglichenen Haushalt.

 

11. September 2014   Streik

Anlässlich des Pilotenstreiks der Lufthansa lernt Carmen einen Flugkapitän namens Peter kennen. Besonders beeindruckt ist sie von seinem imposanten Penis. „Ich nenne ihn Cock-Pit“ grinst unsere sexsüchtige Doppelagentin anzüglich.

Die ungezügelte Leidenschaft der beiden an Bord eines Airbus auf dem Flug nach Johannesburg löst mehrere Sonneneruptionen aus.

„Das wird wohl ein Nachspiel haben“, befürchtet unsere dennoch glückliche Heldin.

 

11. September 2014   Wie die Jungfrau zum Kind

Carmen bekommt Drillinge
Carmen bekommt Drillinge

 

12. September 2014   Interkulturelles Missverständnis

Wegen des frühen Wintereinbruchs hat in Bayern bereits der Almabtrieb begonnen. Carmen fragt sich, warum bei ihren Schwestern in Süddeutschland Abtreibungen eigentlich jedes Jahr so groß gefeiert werden. Neugierig fliegt sie ins Allgäu, um sich das Spektakel aus der Nähe anzusehen.

 

13. September 2014   Notschrei einer magnetisch Vergifteten 

Carmen ist im Allgäu eingetroffen und streift durch die Berge.

Treffen der Kulturen
Treffen der Kuh-lturen

 

Dort trifft sie als erstes auf einen schwer erkälteten Bauern, der durch die Infektion seine Stimme verloren hat. „Sennheiser!“ lautet die Blickdiagnose der ehemaligen Medizinstudentin.

Noch bevor die ersten Ausläufer des Sonnensturms die Erde erreichen, zieht unsere Astrologin ihren aus einem Küchensieb selbst gebauten Metallgitterhelm über den Kopf. „Keine Lust, schon wieder einen Migräne-Anfall zu bekommen“, erklärt unsere wetterfühlige Präventionskuh und schaut sich zum vierten Mal den Film „Melancholia“ an. „Sie hätten die Schutzhütte nicht aus Holz bauen dürfen“, kommentiert unsere Hobby-Meteorologin den Weltuntergang in der Abschlussszene.

Perfekter Schutz: Carmen mit Helm
Perfekter Schutz: Carmen mit Helm

 

Als sie später auf ihrem Spaziergang von einer Touristengruppe aus Norddeutschland wegen des Helms ausgelacht wird, feuert sie mit ihrem Multifunktionslaserschwert elektromagnetische Impulse auf die Saupreißn. Die werden dadurch unmittelbar von heftigen Kopfschmerzen befallen, woraufhin ihnen das Lachen sofort vergeht. Unter schamloser Ausnutzung der Notlage verkauft Apothekerin Carmen den Leidenden billigste Kopfschmerztabletten zu astronomischen Preisen.

Später wird sie in den Stall der gerade abgetriebenen Kühe gerufen, die aufgrund des Solarsturms ausnahmslos unter heftigen Migräneattacken leiden. Carmen geht von einer zur anderen und schießt allen ein schnell wirksames Migränemittel der neuesten Generation in die Nase, was jeweils innerhalb weniger Minuten zu vollständiger Schmerzfreiheit führt.

Als die bayrischen Rinder wieder alle  auf dem Damm sind, lädt Carmen sie zu einer Butterfahrt an den Chiemsee ein. Unterwegs hält der Bus an einem verlassenen Landgasthof, wo Carmen die Tiere zu einer Verkaufsveranstaltung bittet. Dabei stellt unser Marketinggenie ihren inzwischen patentierten Metallgitterhelm vor. Zunächst preist sie dessen medizinische Vorzüge und verspricht bei regelmäßigem Tragen nicht nur die sichere Verhütung weiterer Migräneanfälle, sondern auch Schutz vor Gedankenentzug durch die NSA.

Im weiteren Verlauf zeigt Carmen de Ronda-Wintour eine Foto-Strecke aus der neuesten Ausgabe der Q-Vogue, in der diese Helme für das nächste Frühjahr als unverzichtbares Accessoire trendbewusster It-Cows beim Almauftrieb vorgestellt werden.

Bis zum Ende der Veranstaltung läuft Carmens Auftragsbuch voll und sie hat in den nächsten Tagen Mühe, so viele Küchensiebe aufzutreiben.

 

14. September 2014   Köln-Marathon

Carmen steht mit ihrem Bauchladen an der Strecke: „Wasser! Bananen! Hühneraugenpflaster! Urinbeutel! Zigaretten! Magnesium! Voltaren! Kompressionsstrümpfe! Körriwuast! Noppenkondome! Haschisch!!!“

Diplom-Ökotrophologin Carmen berät Sportler in Ernährungsfragen
Diplom-Ökotrophologin Carmen berät Sportler in Ernährungsfragen

 

15. September 2014   Frauensache

Da Carmen leider nur ihren Kopf vor der Strahlung des Sonnensturms geschützt hatte, setzt am Nachmittag mit großer Heftigkeit eine vorzeitige Regelblutung ein. In der Apotheke findet sie jedoch rezeptfrei wirksame Hilfe.

Mestruationspflaster

 

17. September 2014   Tierschutz nach Aldi-Art

Auf der Basis einer freiwilligen Übergangsregelung bis zum Sankt-Nimmerleinstag werden deutsche Bauern und Mastbetriebe aufgefordert, ihren Schweinen die Schwänze nicht mehr routinemäßig abzuschneiden.

In der Zwischenzeit werde im Ministerium eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die über die Machbarkeit eines entsprechenden Forschungsprojekts zur Wirksamkeit der Freiwilligkeit vorläufig beraten solle.

„Dadurch gaukeln wir den Tierschützern und unseren ökologisch angehauchten Wählern vor, dass etwas passiert und müssen trotzdem bis zum Ende der übernächsten Legislaturperiode die Fleischwarenindustrie nicht verärgern“, so Landwirtschaftsministerin Carmen Bolz N. Schuss bei einer Pressekonferenz.

Zur Beruhigung der Massen fügt sie hinzu, es sei weiterhin gewährleistet, dass jeder Bundesbürger täglich riesige Mengen billiger Wurstwaren in sich hineinstopfen und noch mehr in den Müll werfen könne, ohne sich über deren Herkunft ernsthaft Gedanken machen zu müssen. So bliebe immer noch genug Geld für die Anschaffung eines größeren Autos übrig, fügt die Ministerin hinzu.

 

18. September 2014   Zu schön, um wahr zu sein

Beim bundesweiten Blitzmarathon foppt Carmen die Polizisten, indem sie als Oberstudienrat verkleidet in einem Mercedes C 180 mit Tempo 50 auf der linken Spur über den Kölner Autobahnring fährt. Auf der Hutablage lächelt zwischen zwei Klopapierrollen mit schwarzrotgoldenen Strickmützchen ein freundliches Wäckelkälbchen. Mit den unter den Strickmützchen verborgenen Dashcams filmt Carmen alle Verkehrsteilnehmer, die zu dicht auffahren, um sie später wegen Nötigung anzuzeigen.

(In Wahrheit kann sich jedoch niemand daran erinnern, wann der Verkehr auf den Kölner Autobahnringen zuletzt so schnell geflossen wäre. Die gelangweilten Polizisten an den Blitzgeräten schießen daher Selfies, die sie zur Unterhaltung ihrer Kollegen auf Bullbook posten.)

FOC: Carmens Freundin Sally Io ist scharf auf Bullen
FOC: Carmens Freundin Sally Io stiert auf Bullen

 

18. September 2014   Entwarnung

Anlässlich einer routinemäßigen Untersuchung wird Carmen eine Milchprobe im Tetra-Pack abgenommen. Am nächsten Tag erfährt sie von ihrem Haustierarzt, dass alle Laborwerte unauffällig seien. „Man bekommt also gar nicht in jedem Urlaub die Syphilis“, stellt unsere reiselustige Geheimagentin erleichtert fest.

 

20. September 2014

Zur Amtseinführung des neuen Kölner Erzbischofs überreicht Carmen feierlich eine Schachtel Pralinen. „Die hat Ihr Vorgänger immer so gern gegessen“, kommentiert sie das Präsent.  Mit ihren Glückwünschen verbindet sie die Einladung zum diesjährigen Femen-Kongress: „Wir rechnen fest damit, dass Sie bei der Eröffnung ein Grußwort sprechen“, lautet Carmens Angebot für eine friedliche Koexistenz.

 

23. September 2014   Carmen als Währungshüterin

Ab heute kommen die neuen Zehn-Euro-Scheine in Umlauf. „Für so ein bisschen buntes Papier sind sie eigentlich viel zu teuer“, findet Carmen und behält erst mal ihre alten.

Dann setzt sie sich an den PC und entwirft einen eleganten Elf-Euro-Schein, den sie vor dem Supermarkt für zehn Euro anbietet. „Aber nur heute und nur bei real – ist nämlich ein exklusives Einführungsangebot“, wirbt unsere Marketingfachkraft. „Ãœbrigens in den aktuellen Herbstfarben“, fügt sie schwärmend hinzu.

Nachmittags geht Carmen von Haustür zu Haustür und verwickelt alleinstehende Rentnerinnen in Gespräche über die neuen Geldscheine. Mit der Behauptung, die alten seien ab heute ungültig und der Besitz ab morgen strafbar, lässt sie sich von den alten Damen ihre Bargeldbestände aushändigen. „Eine neue Variante des alten Enkeltricks. Funktioniert immer noch tadellos“, freut sich unsere Trickbetrügerin.

Zur bundesweiten „Woche der Wiederbelebung“ gießt Friedhofsgärtnerin Carmen heute auf Melaten die Gräber mit Adrenalinlösung. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, findet unsere lebenskluge Existenzialistin.

 

26. September 2014   Was die Welt nicht braucht

Zum deutschlandweiten „Tag des Butterbrots“ erinnert Molkereibesitzerin Carmen an all die hungrigen Kälbchen mit Laktoseintoleranz und fordert ein staatliches Ernährungsprogramm für erbkranke Kühe. Dann schickt sie ein paar Tonnen Butter als Soforthilfe nach Liberia. Die Alternative für Deutschland kritisiert, dass Afrika dem deutschen Mittelstand jetzt auch noch die Butter vom Brot nehme und damit den Untergang des Euro beschleunige.

 

27. September 2014

Am Morgen verabschiedet Integrationsministerin Carmen auf dem Flughafen Wahn die nordafrikanischen Graugänse auf ihren Flug in den Süden und wünscht den Vögeln gute Reise. „Aber nicht wieder über Kabul fliegen!“ ermahnt sie die wieder tadellos frisierte Graugans Uschi.

Auch sie wolle am Wochenende mal wieder die Kuh fliegen lassen, teilt die unternehmungslustige Politikerin nach der kleinen Zeremonie im Vertrauen mit.

Am späten Nachmittag startet Carmen bei einem Benefizlauf zugunsten der Kölner AIDS-Hilfe und erreicht nach 10 km das Ziel knapp vor dem nach unten schauenden Hund. Als sie bei der Siegerehrung den Preis für das originellste Kostüm bekommt, fühlt sie sich ein wenig missverstanden. „Eigentlich laufe ich immer so rum“, mault unsere andalusische Flamenco-Tänzerin beleidigt.

RoC 2014
Ganz vorne mit dabei: unsere andalusische Sportskanone

 

30. September 2014

Mit einer Flasche griechischen Weines gratuliert Carmen ihrem lieben Ex-Kollegen Udo Jürgens zum 80. Geburtstag. „Ich erinnere mich noch gern an unsere gemeinsame Zeit auf den Operettenbühnen der Welt“, schwelgt unsere Diva in Nostalgie. Er möge bitte noch recht lange durchhalten, ermutigt sie ihn. „Denn nur gemeinsam können wir Helene Fischer wirksam in Schach halten!“ betont die Gewinnerin zahlreicher goldener Schallplatten in ihrer Festrede.

Im Düsseldorfer Landtag legt Inspekteuse Carmen ihren vertraulichen Untersuchungsbericht über Gewalt in Nordrhein-Westfälischen Flüchtlingsheimen vor. „Die Prügel waren gar nicht das Schlimmste“, fasst sie zusammen. Daran seien viele Flüchtlinge aus ihren Ursprungsländern gewöhnt. „Aber an der Dauerbeschallung mit Helene-Fischer-Liedern sind die meisten am Ende seelisch zerbrochen“, lautet ihr erschütterndes Fazit.

Der Landtag beschließt daraufhin, im Rahmen einer freiwilligen Ãœbergangsregelung bis zum Jahr 2039 die Hälfte der Stellen in Asylantenunterkünften mit nicht ganz so gewaltbereitem Personal zu besetzen. „Die anderen werden kurzfristig eine Anstellung in Altenpflegeheimen finden“, rechtfertigt die resolute Ministerpräsidentin ihre mutige Entscheidung.

Wer keinen Beitrag zur Rettung des Euro leiste, müsse eben auch Prügel einstecken, findet der Vorsitzende der AfD in NRW und erntet dafür Schulterklopfen von Kopftuchjäger Sarrazin.

Wegen heftiger Niesanfälle, von denen sie seit Monaten meist in deutschen Innenstädten geplagt wird, sucht Carmen heute endlich einen HNO-Arzt auf. Nach Abschluss aller Untersuchungen ist seine Diagnose eindeutig: „Sie haben eine Hipster-Allergie“, bestätigt die Koryphäe den Verdacht unserer verschnupften Diva. Er empfiehlt die strikte Meidung der auslösenden Allergene und verschreibt ein Antihipstaminikum.

Nach Verlassen der Praxis eilt Carmen in das nächste Sportgeschäft und erwirbt einen Baseballschläger aus Metall. „Der ist zwar etwas teurer, aber Holz wird vom vielen Hipster-Blut schnell unansehnlich“, begründet unsere Allergikerin ihre Wahl.

„Jeder tote Hipster hat eine Mama, die um ihn weint“, gibt Jorge unserer Allergikerin im Blutrausch zu bedenken. „Sowas kann auch nur die eigene Mutter lieb haben“, schimpft Carmen und nimmt sich den nächsten vor. „Geh zurück nach München mit dei’m Rucksack oder Stuttgart, häng‘ nicht in meiner Hood ab!“ schnauzt die kleine Rapperin und hebt drohend den Schlagstock.

Um sich abzukühlen fliegt die politisch engagierte Kampfpilotin später nach São Paulo, wo sie die Präsidentschaftskandidatur von Marina Silva durch Abwurf von Flugblättern aus der Drohne unterstützt. „Diese bewundernswerte Frau hat im brasilianischen Urwald vom selbst gesammelten Kautschuk eine Kondomfabrik errichtet. Gemeinsam mit ihr könnte ich noch im Oktober die Weltherrschaft übernehmen“, träumt unsere kleine Kommunistenkuh.

 

 

Move well: Carmen treibt Sport (2014)

Carmen und Jorge drehen eine Runde
Carmen und Jorge drehen eine Runde

 

01. April 2014

Aus der Werbung von Carmens Fitnessstudio: Eat well, move well, feel well!

Carmen kräht nach der Dusche, tropfnass und suchend: „Towel(l)!!!“

 

07. April 2014   Carmen plant Personal Training

Pilates

„Lieber Trainer“, sagt Carmen treuherzig und augenklimpernd, „all das würde ich wirklich gern spüren!“

Der Trainer empfiehlt diplomatisch, erst einmal bei seiner Yoga-Stunde mitzumachen. Carmen ist Feuer und Flamme. „Und dann von der Kobra in den nach unten schauenden Hund… und dann mit den Händen zu den Füßen laufen… und langsam die Wirbelsäule aufrichten… Danke, dass ihr mitgemacht habt und schönen Sonntag!“ beschließt der Trainer die Stunde. Dezenter Applaus der Teilnehmer. Nur Carmen klatscht enthusiastisch. Sie atmet tief durch und spürt sich. Und überlegt sich, wie sie den Trainer nach der nächsten Stunde in ihre Wohnung locken wird.

„Der Schmerz ist mein Freund“, denkt Carmen als sie nach dem Duschen zum Ausgang humpelt.

Auf dem Heimweg überfährt sie einen nach unten schauenden Hund. „Hättse ma besser geguckt, wose hinläufs“, denkt Carmen gereizt.

 

01. Mai 2014   Neue Geschäftsmodelle

Als der bislang persönlich nicht in Erscheinung getretene auktoriale Erzähler nach 15 Kilometern Waldlauf im Regen durchnässt heimkehrt, liegt Carmen gemütlich in der Badewanne und hört mit voller Lautstärke ihre Lieblings-CD der „Heroes del Silencio“, wobei sie den Text von „Entre dos Tierras“ lauthals mitsingt. Im Gesicht hat sie eine Quark-Honig-Maske und auf den Augen einige frische Gurkenscheiben. Als sie nach mehrmaliger Aufforderung endlich die Musik leiser gestellt hat, fragt der etwas genervte Erzähler sie, ob sie nicht endlich einmal eine GPS-gesteuerte Regenschirmdrohne entwickeln könne, die ihn auf seinen Läufen vor Feuchtigkeit schützen soll. Sofort wirkt Carmen hellwach. Sie nimmt die Gurkenscheiben von den Augen und stellt fest: „Gar keine schlechte Idee!“

Eine Viertelstunde später sitzt sie bereits am Computer und öffnet ihr CAD-Programm. Nur einmal schaut sie kurz auf und kommandiert: „Kannst Dich ja auch in die Wanne legen – das Wasser ist noch warm. Und dann geh schon mal an den Herd, ich hab Hunger.“ Dann vertieft sie sich wieder in die Arbeit.

Schließlich ist der Drucker zu hören. Anschließend führt Carmen zwei Telefongespräche. Eine Stunde später setzt sie sich zu Tisch, schaufelt sich den Teller voll und legt dem Erzähler einige Ausdrucke mit Konstruktionsplänen vor. Kurz erläutert sie die grundlegenden Funktionen der neuen Regenschirmdrohne. „So viele Irre laufen morgens durch den Regen wie Du. Das Teil wird der Burner“, stellt sie selbstzufrieden fest. Es folgt eine kurze Darstellung der wesentlichen Funktionen. Carmen hat an alles gedacht. „Nenn‘ mich einfach „Q“!“ lautet ihr stolzes Fazit.

„Nun brauchst Du aber noch einen Vertriebspartner. Am besten eine große Sportartikelfirma“, gibt der Erzähler zu bedenken. „Auch schon erledigt“, tönt Carmen schmatzend. „Rehbock aus dem Stadtwald hat bereits zugesagt!“

Dann wischt sie sich mit der Serviette die von der Quark-Honig-Maske noch immer geschmeidigen Lippen ab und dreht wieder die Musik auf.

 

10. Mai 2014

„Warum guckst du so traurig?“ fragt Carmen beim Yoga den nach unten schauenden Hund. „Ach, letzten Monat ist auf der Aachener Straße mein kleiner Bruder überfahren worden“, antwortet der Vierbeiner bedrückt. Schuldbewusst nimmt Carmen die Position der zu Boden blickenden Kuh ein.

 

14. September 2014   Marathon

Carmen steht mit ihrem Bauchladen an der Strecke: „Wasser! Bananen! Hühneraugenpflaster! Urinbeutel! Zigaretten! Magnesium! Voltaren! Kompressionsstrümpfe! Körriwuast! Noppenkondome! Haschisch!!!“

Diplom-Ökotrophologin Carmen berät Sportler in Ernährungsfragen
Diplom-Ökotrophologin Carmen berät Sportler in Ernährungsfragen

 

 

 

 

 

O diário de Carmen em Bayreuth

Segue uma aventura da Carmen em português – para Shirleide, minha estimada professora, e para todos nossos fãs brasileiros!

O diário de Carmen em Bayreuth

No dia 4 de agosto, Carmen voou com seu VAJT (Veículo Aéreo Já Tripulado) para Bayreuth porque tinha um compromisso muito importante para sua carreira de artista.

Bayreuth é uma pequena cidade com 71.000 habitantes que fica na Baviera, perto de Würzburg e Nürnberg. É famosa por dois personagens famosos que viviam lá: o componista Richard Wagner (1813-1883) e o escritor Johann Paul Friedrich Richter (1763-1825), melhor conhecido como “Jean Paul”.

Quando Carmen aterrizou no aeroporto, foi recebida pelo coro do festival de Bayreuth e pelo mestre Richard Wagner em pessoa. O coro cantou uma canção (um pouquinho modificada) da ópera “Lohengrin”: “Bem-vinda, bem-vinda, Carmen, em Bayreuth!” Carmen ficou muito emocionada. O mestre a convidou para passar a temporada do festival em  “Wahnfried”,  a casa modesta de Richard Wagner e sua familia, que fica em uma favela de Bayreuth.

“Ví você na ópera de Paris no papel da ‚Rainha da noite‘ na ‚Flauta Mágica‘ e estava entusiasmado. Se você quiser”, o mestre disse durante o jantar, “poderá candidatar-se para o papel da Ortrud em Lohengrin. Como a Rainha da noite, Ortrud também é uma mulher obsecada por seus desejos de vingança. Acho que você seria a personagem perfeita nesse papel.” – “Seria uma honra para mim”, nossa diva respondeu. “Muito bem! Os ensaios vão começar amanhã às dez horas.”

Embora Carmen tenha experiência como cantora de ópera, até agora nunca cantou em uma obra de Richard Wagner. Pois isso, depois de jantar com a familia, ela passou a noite estudando e aprendendo de cor o livreto. “Puxa! Tanto texto para aprender…”, Carmen gemeu.

No dia seguinte, a diva chegou pontualmente no teatro onde conheceu a companhia e a orquestra. No começo do ensaio, todos a encorajaram e lhe desejaram boa sorte. O mestre estava impresionado com o desempenho de Carmen. Depois do ensaio, ele ofereceu a ela um contrato para a temporada inteira, que já assinaram. Carmen ficou muito contente e orgulhosa. Por isso, ela convidou toda a companhia para uma festa para celebrar o contrato. Como é de praxe na região, beberam muita cerveja. A festa durou até de madrugada.

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No próximo dia, quando a diva acordou, estava de ressaca e com dor de cabeça muito forte. Mas o que foi pior: tinha esquecido todo o texto do seu papel! Foi uma catástrofe. Carmen ficou completamente desesperada.

Depois de tomar dois comprimidos de Aspirina, ligou para seu melhor amigo em Colônia que trabalha como psiquiatra. Relatou-lhe o que tinha acontecido. “Hoje de tarde estreia a ópera. Você tem que me ajudar, senão estou perdida“, Carmen chorou. Seu amigo lembrou um caso parecido que tinha tratado bem-sucecidamente no seu consultorio havia uns anos. Procurou no arquivo e finalmente encontrou o dossiê. Imediatamente ligou de volta para a diva. “Ouve, garota, tenho uma ideia. Vá à farmácia e pergunte por ‘gotas de trecho de gingko’. Tome vinte gotas cada hora. Normalmente a memória deveria voltar dentro de 24 horas.” – „Só tenho seis horas até o ensaio começar”, Carmen respondeu descontentemente. “Então, sugiro que você ligue para seu amigo Jorge – ele é responsável pelos milagres. Eu somente sou um médico simples. É tudo o que posso fazer para você.” Carmen ficou furiosa e desligou o telefone. “Estes médicos podem ser tão cínicos”, nossa diva frustrada pensou.

(Segundo Wikipedia, “acredita-se que o Ginkgo seja um nootrópico, sendo usado principalmente como intensificador de memória, de atenção e contra vertigem.”)

Apesar disso, no caminho à farmácia, telefonou para seu amigo Jorge e lhe explicou o problema. “Olha, garota, sempre dizia que você deveria ser mais prudente com o álcool”, o Papa suspirou. “Não preciso de sermão mas sim de um bom conselho”, Carmen se queixou. “Perdão, lhe entendo. Então, vá à igreja e acenda uma vela na capela de Santo Antonio. Ele ajuda os homens a encontrar coisas perdidas. Pode ser que também funcione com a memória”, o Papa sugeriu. “Obrigada. Vou tentar isso“, Carmen respondeu um pouco cética. „Boa sorte, garota!” Jorge acabou a conversa.

Entretanto Carmen tinha chegado à farmácia. „Queria gotas de trecho de gingko, por favor“, ela pediu. “A senhora tem uma prescrição?” o farmacêutico perguntou. “Não, não tenho…”, Carmen confessou. “Ouve, sou cantora de ópera e esquecí todo meu texto durante a noite passada. O ensaio vai começar em três horas. Preciso deste remédio urgentemente. É quarta-feira de tarde – todos os consultórios dos médicos estão fechados! É imposível obter uma prescrição logo agora!” Carmen gritou. “Sinto muito. Não posso vender trecho de gingko sem receita médica“, o farmacêutico respondeu teimosamente.

Carmen ficou com raiva. “Olha, senhor farmacêutico, este tipo de prescrição vai bastar?” nossa diva brava perguntou, tirando uma pistola da sua bolsa. O farmacêutico ficou pálido. No ano passado tinha passado suas férias no Brasil onde tinha aprendido a regra geral de nunca opor rêsistencia num assalto. “Absolutamente. Fique tranqűila, vou trazer as gotas já“, ele disse. „O senhor é um garoto obediente”, Carmen se alegrou. “Sabe que eu detesto todo tipo de violência. Somente faço isso para salvar a arte”, Carmen explicou recebendo a pequena garrafa. “Muito obrigada. Quanto custa?“ – „É… é um presente da casa“, o farmacêutico respondeu, ainda tremendo. “Obrigada de novo”, Carmen disse entregando dois bilhetes para a estreia ao farmacêutico. “Estou ansiosa para recebê-lo no teatro”, se despediu.

Quando Carmen saía da loja, já tomou a metade das gotas. “Muito ajuda muito”, pensou e continou seu caminho para a igreja. Quando chegou là, o padre estava falando com umas mulheres velhas na frente da entrada. “Padre, quero fazer uma confissão”, Carmen sussurrou. O Padre olhou Carmen atentamente. “Parece preocupada, minha filha, venha, siga-me!” o sacerdote disse e se despediu das mulheres.

O interior da igreja ficou no oscuro e não havia ninguém. “Antes de confessar, quero acender uma vela na capela de Santo Antonio, Padre”, Carmen disse. O padre parou sua caminha. “Ah é? ” respondeu surpreendido. „Já sabe que Santo Antonio não é autorizado a absolver seus pecados?“ – “Sei, sim. Não importa. Não tenho tantos pecados. Para dizer a verdade, eu sou uma garota muito decente. No entanto queira acender uma vela na capela. É para minha saúde mental, sabe.” – “Sinto muito”, o Padre disse inseguro. “A capela de Santo Antonio está fechada por obras de construção. Lamento que não seja posível acender uma vela lá.” De novo, Carmen sacou a pistola da sua bolsa. “Tudo é uma questão de querer, não é? As obras não me perturbam“, nossa vaca filosófica com amnésia explicou. “Por favor, Padre, abra a cerca!” Uns momentos mais tarde, nossa cantora devota acendeu uma vela, duas velas, três velas em frente da estátua de Santo Antonio, rezou um, dois, três pai-nossos e logo tomou o resto das gotas de gingko. “Muito ajuda muito”, pensou de novo. “Muito obrigada por sua cooperação, Padre. Se você quiser e se Santo Antonio tiver piedade de mim, vai ser um prazer recebê-los na estreia de ‘Lohengrin’”, Carmen disse entregando dois bilhetes ao sacerdote. Depois desapareceu. Quando Carmen saiu da igreja, eram quase três horas da tarde. Ela chamou um taxi na rua. „Para a Colina Verde, rápido!“ ela ordenou.

Quando chegou lá, o mestre já estava esperando ela. “Já não é sem tempo!“ exclamou. „Onde você esteve? O que é que aconteceu? Tem que preparar-se para a estreia! Vai començar em uma hora! A audiência já está chegando!“ o mestro apressou nossa diva.

Carmen entrou no teatro e se foi para seu camarim. Se vestiu do vestuário de Ortrud, estudando de novo o livreto. Todo o texto lhe parecia desconhecido. “Vai ser uma catástrofe”, pensou. Lembrou uma frase que seu padre na Andaluzia sempre dizia: “O mal tem que expulsar o mal!” – “Vale a pena tentar”, a diva desesperada achou e sacou uma garrafa de cerveja da geladeira. “Muito ajuda muito”, foi seu segundo pensamento quando sacava uma segunda garrafa.

A fanfarra soou e Carmen se foi ao palco. Enquanto a orquestra tocava a abertura, Carmen viu todos os acontecimentos deste dia como um filme na sua cabeça. De repente, sentiu uma alteração dentro de si mesma. Carmen estava um pouco grogue. A cortina se abre. O teatro está completo. O regente dá uma vista de olhos ao palco e levanta a batuta. A trama começa.

No primeiro ato Elsa é acusada por Friedrich e sua mulher Ortrud de fratricídio (de ter assassinado seu irmão Gottfried). Vem de barco – puxado por um cisne – um cavaleiro estrangeiro que recusa-se a revelar seu nome. Ele está convencido da inocência de Elsa e está prestes a lutar contra Friedrich para descobrir a verdade em um “tribunal de Deus”. O estrangeiro ganha. Friedrich e Ortrud são exilados pelo Reino. No princípio do segundo ato Ortrud explica a Friedrich seu plano de vingança.

A primeira ária de Ortrud / Carmen começa com alguns compassos de música de orquestra. Quando Ortrud deveria começar a cantar, o regente a olha e lhe dá um sinal. Carmen fica calada. O regente rasga os olhos e recomeça do princípio. Outra vez Carmen fica calada. A audiência fica inquieta. Pela terceira vez a orquestra repete a partir do princípio.

Seja pelas gotas de gingko, seja pelas velas acendidas na capela de Santo Antonio, seja pela cerveja, do nada, Carmen lembra o livreto inteiro. Por fim, Carmen começa a cantar.

Canta como um passarinho.

Canta como uma deusa.

Canta como nunca tinha cantado na vida inteira.

No final, quando a cortina se fecha, soa um aplauso tremendo. Quando Carmen se apresenta em frente da cortina, a audiência exclama “Bravo! Bravo!”, bate palmas, bate com os pés no chão. É um aplauso exceptional. Carmen olha o público. Descobre o farmacêutico com sua esposa, o Padre e Santo Antonio. Todos estão em pé, aplaudindo freneticamente. Carmen salta beijos com a mão especialmente para eles. Depois Carmen fecha os olhos. O aplauso não termina. O mestre entra no palco. Se inclina perante a diva. Também aparece o cisne batendo com suas asas.

Carmen está no ápice da sua carreira.