Archiv der Kategorie: Allgemein

Barcelona: Carmen besucht Miss Piggy (November 2014)

01. November 2014   Selbst- und Fremdbild

Vor der Abreise besucht Carmen im Kölner Dom einen Gottesdienst zu Allerheiligen. Sie genießt die feierlichen Klänge des Kirchenchors.

Beim Lied „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ ist Carmen sehr ergriffen. „Wachet auf, ruft uns die Stimme / Der Wächter sehr hoch auf der Zinne, / Wach auf du Stadt Jerusalem! / Mitternacht heißt diese Stunde! / Sie rufen uns mit hellem Munde: / Wo seid ihr klugen Jungfrauen?“

In diesem Moment reckt Carmen in der ersten Reihe des Kirchenschiffs bescheiden und wortlos, aber doch voller Inbrunst den Vorderhuf zum Himmel.

Der Bischof nickt ihr anerkennend zu.

Nach der Messe tanzt sie in der milden Herbstluft über die Domplatte. „Like a Virgin…“ singt unsere kleine heilige Kuh gut gelaunt und macht sich auf den Heimweg.

Warum sie „Space Ship Two“ abgeschossen habe, wird unsere Rüstungsexpertin gefragt. „Wenigstens den Weltraum will ich gern für mich allein haben“, ist die knappe Begründung unserer Individualreisenden.

 

02. November 2014

Eingecheckt: Doppelagentin Carmen de Ronda lässt die Kuh fliegen
Eingecheckt: Doppelagentin Carmen de Ronda lässt die Kuh fliegen

 

Auf geht’s nach Katalonien. Carmen hat sogar den Nagellack passend zur Handtasche ausgewählt. „Aber der Sprengstoffgürtel darf nicht ins Handgepäck“, informiert die freundliche Dame am Checkin bei German Twinks.

Nach der Landung entsteigt Carmen dem Flugzeug mit roten Streifen im Gesicht. „Ich hab Dir doch gesagt, Du sollst Dich nicht während der Landung schminken“, tadelt Jorge unsere eitle Reisende.

Nach der Ankunft in der Innenstadt von Barcelona erklärt Carmen die Unabhängigkeit Kataloniens und leitet die Abspaltung von Restspanien ein.

Ihr Patenonkel Juan Carlos ist ziemlich genervt. „Kaum ist sie im Land, macht sie Ärger“, schnaubt der Ex-König.

 

03. November 2014   Temple Expiatori de la Sagrada Familia

Carmen gibt beim Juwelier ein Krönchen in Auftrag und sucht nach einem hübschen Platz für ihre Krönung zur Reina de la Cataluña.

Später spaziert Dombaumeisterin Carmen ins Eixample, wo sie die Bauarbeiten an der Kirche Sagrada Familia inspiziert. „Läuft alles ein bisschen zäh“, stellt sie mit einem kritischen Blick auf die bedächtigen Handwerker fest.

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Die Baustelle der Sagrada Familia: Dombaumeisterin Carmen macht Verbesserungsvorschläge

 

In der Krypta trifft sie den Architekten der Großbaustelle und macht einige konstruktive Verbesserungsvorschläge. Außerdem stiftet sie selbstlos ein hübsches buntes Fenster für die Kathedrale und sichert sich auf diese Weise ein ewiges Andenken.

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Für die Ewigkeit: Carmen stiftet ein Fenster

 

„Wir hatten eine Mords-Gaudí“, freut sich unsere Mäzenin nach dem Treffen mit dem umstrittenen Künstler.

 

04. November 2014

Im Museo Picasso verschafft sich Muse Carmen einen Ãœberblick über das Werk ihres alten Freundes Pablo. „Bisher war mir gar nicht klar, dass er auch Figuren aus der Muppet-Show porträtiert hatte“, staunt Carmen, als sie vor einem Ölgemälde von Miss Piggy in Andacht versinkt.

Pablo Picasso, Miss Piggy (Cannes, 1957)
Pablo Picasso, Miss Piggy (Cannes, 1957)

 

05. November 2014

Carmen trifft sich mit einem Immobilienmakler im Monasterio de Pedralbes. „Leider zu teuer für eine arme Doppelagentin“, stellt sie enttäuscht fest, denn der Garten im Zentrum des Kreuzgangs hätte unserer kleinen Kräuterhexe zu gut gefallen.

Carmen im Kreuzgang
Carmen im Kreuzgang

 

06. November 2014   Más que una vaca

Carmen besucht einen Supermarkt und ist empört über die astronomischen Nutella-Preise in Katalonien. „Sollen Sie doch Schoko-Mac fressen!“ schimpft Carmen-Marie-Antoinette verständnislos.

La Carmencita: Más que una vaca!
La Carmencita: Más que una vaca!

 

12. November 2014   Weltraumexpedition

20:00 Uhr: Vor wenigen Stunden hat Carmen ihre Zweit-Drohne Rosetta-Philae auf dem Kometen Tschuri gelandet! „Die Welt ist nicht genug!“ findet unsere unersättliche Erobererin Carmen de Ronda-Columbus.

21:05 Uhr: Als sich ein paar neugierige Indianer der Drohne nähern, macht Carmen vorsichtshalber den Laser scharf.

21:08 Uhr: Carmen beklagt das Aussterben der letzten Indianer auf dem Kometen.

21:10 Uhr: Carmen beginnt mit der Abholzung des Regenwaldes.

22:00 Uhr: Carmen entdeckt beim Umgraben des Kometen eine Goldader.

23:30 Uhr: Alle Rohstoffe des Kometen Tschuri sind ausgebeutet und Gewinn bringend verkauft. Nun kann das wissenschaftliche Programm begonnen werden.

 

13. November 2014   Die Entstehung der Erde

08:00 Uhr: Bei Untersuchung erster Bodenproben des Kometen Tschuri stellt sich heraus, dass dieser überwiegend aus Fimo besteht. „Wir haben Grund zu der Annahme, dass der Komet vor 20 Jahren in einem südhessischen Kindergarten gebaut und von dort ins All geschossen wurde“, stellt die Leiterin der Rosetta-Mission, Carmen de Ronda – Armstrong, in einer Pressekonferenz fest.

Dies lasse wichtige Rückschlüsse auf die Entstehung der Erde zu: „Vermutlich das Zufallsprodukt einiger verspielter Engelkinder aus einem Himmelskindergarten“, so die erste Vermutung der Weltraumexpertin.

In einer Stellungnahme der Zeugen Jehovas äußern diese Ihre Freude über die nunmehr wissenschaftliche Bestätigung der biblischen Schöpfungsgeschichte.

09:00 Uhr: Nach der Pressekonferenz zieht sich Carmen mit einigen sehr attraktiven Jungastronauten in ein schalldichtes Labor zurück. „Wir werden in den nächsten Stunden einige Experimente zur Ãœberprüfung der Urknalltheorie machen“, erklärt die Astrophysikern.

20:00 Uhr: Carmen startet Rückholung der Drohne.

21:00 Uhr: Sendeschluss.

 

14. November 2014   Gegenübertragung

„Was führt sie zu mir?“ fragt der Therapeut die Hilfe suchende Carmencita im Erstgespräch.

„Ich habe das Gefühl, allen Menschen Unglück zu bringen, mit denen ich in näheren Kontakt trete“, antwortet Carmen bedrückt.

„So, aha“, sagt der Therapeut nachdenklich.

Nach einer kleinen Pause greift er sich an die Brust, erbleicht und verstirbt.

„Es ist, wie es immer ist“, murmelt Carmen versteinert und zieht die Tür der Praxis leise hinter sich zu.

 

16. November 2014   Zukunftsvision

Wir befinden uns im Jahre 2017 n. Chr. Die ganze Welt wird von Carmen kontrolliert… Die ganze Welt? Nein! Ein von unbeugsamen Priestern bevölkertes Dorf hört nicht auf, der Konquistadorin Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die Schweizer Gardisten, die als Besatzung in den befestigten Lagern des Vatikan liegen…

Carmens Kumpel Jorge, Staatsoberhaupt des Vatikan
Carmens Kumpel Jorge, Staatsoberhaupt des Vatikan

 

18. November 2014   Proporz

Die Gleichstellungsbeauftragte im Bundesverkehrsministerium fordert neben dem Ampelmann die Einführung einer Quotenampelfrau.

Verkehrsministerin Carmen stimmt dem Vorschlag mit einer kleinen Ergänzung zu. Entsprechend der Punktprävalenz des Phänomens in der Allgemeinbevölkerung sollen nämlich 10 Prozent der Rotlichter an Fußgängerampeln auf rosa Ampeltunten umgestellt werden. Eine höhere Rate sei für  einschlägige Brennpunkte in Großstädten wie Köln und Berlin vorzusehen.

Der scheidende Vorsitzende des Zentralrats der Juden fordert, mindestens ein Fünftel der Berliner Ampeltunten müssten erkennbar beschnitten sein und eine Kippa tragen.

Daraufhin entbrennt in der Presse eine lebhafte Diskussion über ein mögliches Burkaverbot für muslimische Ampellesben.

Mit Blick auf die nächsten Wahlen entscheidet sich Ministerin Carmen zunächst für die Durchführung einer Machbarkeitsstudie sowie eine freiwillige Übergangsregelung bis zum Jahr 3020.

„Schaun wir mal“, sagt unsere notorisch entscheidungsschwache Politikerin.

Wie geht's, wie steht's?
Wie geht’s, wie steht’s?

 

19. November 2014   Buß- und Bettag

Schuldwahn: In einem 13-seitigen Bekennerschreiben übernimmt Carmen die Verantwortung unter anderem für das Verschwinden von Malaysian Airlines Flug MH370, für die letzte Sonnenfinsternis und die koronare Herzkrankheit von Milton Nascimento. Beichtvater Jorge nutzt die seltene Reue der Carmencita für seine Zwecke und erteilt ihr die Absolution unter der Bedingung, dass sie ab sofort die lackierten Hufe von seinen Priesterseminaristen lässt.

Was denn das Hauptziel in ihrer neuen Position als Präsidentin des Bundeskriminalamtes sei, wird Carmen gefragt. „Ganz eindeutig: endlich den Staatsfeind Nr. Eins dingfest machen!“ lautet ihre spontane Antwort. Es könne schließlich nicht angehen, dass der Räuber Hotzenplotz noch länger ungehindert frei herum laufe und weiter die Kinder erschrecke, so Deutschlands oberste Polizeibeamtin.

 

24. November 2014   Jugendwort des Jahres

Bei einem Spaziergang durch die Vatikanischen Gärten trifft Carmen den emeritierten Papst. Voller Wiedersehensfreude geht sie auf ihn zu, legt ihm gönnerhaft einen Huf um die Schulter und fragt: „Und, Joseph, läuft bei Dir?“

„Die Hexenverbrennungen!“ ruft der greise Mann erregt mit heiserer Stimme, während er mit entrücktem Blick durch Carmen hindurch zum Horizont schaut. „Sie scheinen mir jüngst ein wenig ins Stocken geraten…“ fügt er ratlos hinzu.

In beruhigendem Ton verspricht ihm Carmen, sich der Sache anzunehmen. Dann dirigiert sie ihn behutsam zu seinen Gemächern.

Eine Stunde später entfacht Carmen im Sichtfeld von Kardinal Josephs Fenster hinter den Mauern der Vatikanischen Gärten ein paar kräftig qualmende Kartoffelfeuer.

In seinem Sessel sitzend nimmt der heilige Mann den Rauch beim Blick durchs Fenster schemenhaft wahr. Ein Leuchten geht über sein Gesicht.

Dann sinkt er beruhigt in seinen Mittagsschlaf.

 

Heißer Herbst (Oktober 2014)

01. Oktober 2014   Daría mas vueltas en calesita… (1)

Wegen einer Rückrufaktion des Herstellers Northrop Grumman bringt Carmen ihre Drohne heute in die Werkstatt. „Es handelt sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme“, informiert sie ihre besorgten Kunden. „Der Hersteller hat uns informiert, die Konstruktion der Tragflächen aus Fimo sei zwar preiswert und von ungelernten Leiharbeitern aus Osteuropa leicht zu verarbeiten. Insbesondere bei hohen Geschwindigkeiten könnten aber Verformungen nicht ausgeschlossen werden.“

Die Kosten für die Wartungsarbeiten würden vom Verteidigungsministerium übernommen, lässt Graugans Uschi aus dem Winterquartier in Kabul mitteilen. Daher sei allerdings auch im nächsten Jahr nicht mit einer Abschaffung des Soli zu rechnen, fügt sie bedauernd hinzu.

Den Weg zur Werkstatt legt Carmen in der milden Herbstsonne mit geöffnetem Panorama-Glasschiebedach zurück. „Mit dem neuen Heizpilz kann ich jetzt bis in den Spätherbst offen fliegen“, freut sich unsere Outdoor-Freundin.

„Ist ja wohl nicht verwerflich, das syrische Tränengas zu verheizen“, wischt sie die Bedenken ihrer linksintellektuellen Öko-Bekannten vom Tisch.

 

(1) Ich würde mehr Karussell fahren…  (J. L. Borges, Si pudiera vivir nuevamente mi vida – Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte)

Euro Hawk Puts German Defense Minister Under Pressure
Euro Hawk (Serviervorschlag)

 

02. Oktober 2014   Raffiniert

Anlässlich der Aktionswoche zur Bekämpfung des Taschendiebstahls schlendert Lockvogel Carmen mit aus ihrer offenen Handtasche herausguckendem Portemonnaie durch die überfüllte Fußgängerzone. „Hab Dich!“ kreischt sie vergnügt, als ihr wieder ein Anfänger auf den Leim gegangen ist.

 

05. Oktober 2014   Das Hohe Lied der Liebe

Nach dem katastrophalen Abschneiden von Marina Silva bei den Präsidentschaftswahlen in Brasilien, antechambriert Carmen bei ihrer alten Freundin Dilma und hofft, dass diese ihr den  Wahlkampfauftritt bei der Rivalin in der letzten Woche nicht mehr verübelt.

„Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, (…) sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, (…) sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“

zitiert Carmen mit überzeugend gespielter Reue ihre Lieblingsstelle aus dem 1. Konrintherbrief, woraufhin Dilma wieder dem Charme unserer kleinen Verführerin erliegt.

 

06. Oktober 2014   Wieder in Rom

Bei einer allgemeinen Verkehrskontrolle auf der A9 kritisiert Autobahnpolizistin Carmen die unsäglichen Laster der Griechen.

Nachdem sie auf der Autobahn jede Menge Verwarnungen ausgesprochen hat, fliegt sie mit der Drohne nach Rom, wo sie Jorge bei der Synode zum Thema Ehe und Familie in der strukturierten Entscheidungsfindung unterstützen möchte.

„Durch die Verkehrskontrolle vom Vormittag bin ich gerade gut im Thema drin“, findet unsere kleine Moraltheologin. Diese Fragen lägen ihr schon immer sehr am Herzen. Außerdem seien bei der Gelegenheit natürlich jede Menge käuflicher Ministranten zu koordinieren. Schließlich müsse sie ja auch mit irgendetwas ihr Geld verdienen, so unsere katholische Zuhälterin.

Moraltheologin Carmen informiert sich über das Thema Fortpflanzung
Moraltheologin Carmen informiert sich über das Thema Fortpflanzung

 

07. Oktober 2014  Strom für die Steckdose!

Im Schwarzbuch zur Verschwendung von Steuergeldern kritisiert die Vorsitzende des Bundes der Steuerhinterzieher Carmen de Ronda die immensen Aufwendungen für den Friseur von Graugans Uschi. „Für eine Verteidigungsministerin hätten sich preiswertere Lösungen angeboten. Einmal eine Hochsteckfrisur, Stahlhelm drauf, fertig!“ kommentiert unsere knauserige Diva, die sich gerade im Adlon auf den Besuch bei Udo Waltz vorbereitet.

Problem am aktuellen Streik der Lokführer ist, dass er vom GDL-Chef auf Ostdeutsch angekündigt wurde, was in weiten Teilen Deutschlands niemand verstanden hat.  „Ich dachte, Sachsen-Paule wirbt für seinen neuen Film“, seufzt Carmen.

Den Nobelpreis für Physik 2014 erhält die Japanerin Carmen Fukushima für die Erfindung der selbstgenügsamen Riesen-LED. „Einmal angezündet, strahlt sie zuverlässig für Jahrzehnte“, erklärt die Wissenschaftlerin stolz. Um mögliche Nebenwirkungen wolle man sich im nächsten Entwicklungsschritt intensiv Gedanken machen, fügt die unermüdliche Forscherin hinzu. Der Vorstandsvorsitzende von RWE tritt in erste Verhandlungen mit der Nobelpreisträgerin ein. Man wolle die Technologie schnellstmöglich nach Deutschland importieren. Schließlich könnten in einem so dicht besiedelten Land viel mehr Menschen gleichzeitig von der Riesen-LED profitieren, so der Bedenkenwegwischer. Was die Nebenwirkungen angehe, zeigt er sich zuversichtlich, dass diese zu gegebener Zeit durch die Steuerzahler geregelt würden. „Er hat mir ein Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen konnte“, teilt die korrupte Fukushima in einer ersten Stellungnahme mit.

 

08. Oktober 2014   Bittere Wahrheit

Noch vor dem Mittagessen sagt Hellseherin Carmen den Enten ihre Zukunft voraus.

Hellseherin
Memento mori

 

An diesem verregneten Nachmittag lässt sich Carmen durch den Bullen von nebenan zu konsensuellen sexuellen Handlungen überreden. Weil er ständig von „Doggy-Style“ spricht, begibt sich Carmen in die Position des nach unten schauenden Hundes. Als sie kurz vor dem Höhepunkt plötzlich anfängt laut zu bellen, wirkt der Bulle doch ein wenig irritiert. Der Vorteil der Position ist allerdings, dass Carmen sein fragender Gesichtsausdruck nicht auffällt. Bei der Zigarette danach kriegt Carmen ihren Yoga-Lehrer nicht aus dem Kopf.

 

09. Oktober 2014   Fehlentscheidung

Carmen hat sich  schon am frühen Morgen adrett zurecht gemacht, weil sie fest damit rechnet, heute Mittag den Literaturnobelpreis zugesprochen zu bekommen und zwar in Anerkennung ihres literarischen Werkes einerseits und ihrer integren Gesamtpersönlichkeit andererseits. „Einmal muss es doch endlich klappen“, hofft die empfindsame Verfasserin zahlloser romantischer Gedichte, die für morgen bereits vorsorglich ihr Erscheinen auf der Frankfurter Buchmesse angekündigt hat.

Um 13 Uhr verkündet das Nobelkomitee der Königlich-Schwedischen Akademie der Künste in Stockholm die Verleihung des Nobelpreises für Literatur an den Franzosen Patrick Modiano.

„Ich kenne diesen Kollegen nicht“, knurrt Carmen de Ronda-Ranicki nur verächtlich. Vor Wut schäumend schichtet sie Holz für eine spontane Bücherverbrennung auf.

„Da hätten sie den Preis gleich an Sascha Lobo vergeben können“, kotzt sich die enttäuschte Schriftstellerin in einem Interview mit dem Kölner „Express“, einem anerkannten Fachblatt für anspruchsvolle Literatur, aus.

 

Würde gut in die Reihe passen: Schriftstellerin Carmen de Ronda
Würde gut in die Reihe passen: Schriftstellerin Carmen de Ronda

 

Die USA führen aus Angst vor Ebola die routinemäßige Fiebermessung bei allen Einreisenden ein. Chief Immigration Officer Carmen de Ronda fuchtelt auf dem New Yorker John-F.-Kennedy-Flughafen mit der Temperatursonde vor den Gesichtern der Reisenden herum und erklärt das Vorgehen: „Erst in den Po, dann in den Mund!“ Nachdem der zweite Flieger abgefertigt ist, begibt sie sich in die Teeküche und sucht nach der Spüli-Flasche, um das Thermometer zu reinigen.

 

10. Oktober 2014   Für die Freiheit des Wortes!

Ein großer Tag für Carmen: Besuch auf der Frankfurter Buchmesse. Bereits am frühen Morgen ist sie mit der Drohne von Köln-Wahn in Richtung der hessischen Metropole gestartet. Im leichten Hochnebel orientiert sie sich an der Silhouette des Messeturms und steuert direkt auf ihn zu. Erst im letzten Moment dreht sie ab und landet nach einer kleinen Schleife im Innenhof des Messegeländes. „War doch nur Spaß“, teilt unsere gut gelaunte Heldin der Frankfurter Flugsicherung über Funk mit.

Noch einer frei: Drohnenparkplätze auf dem Messegelände
Noch einer frei: Drohnenparkplätze auf dem Messegelände

 

Zunächst stattet Carmen dem Ehrengast Finnland einen Höflichkeitsbesuch ab. „Hei! Nimeni on Carmen! Ei vaaraa!“ (Hallo! ich heiße Carmen! Keine Gefahr!) versucht unsere leutselige Besucherin die scheuen Finnen aus ihrem Versteck zu locken. Doch die Finnen zeigen sich nicht. Daher sieht sich Carmen in der Ausstellung um und entdeckt zu ihrer Ãœberraschung auch Literatur über entfernte Verwandte.

Carmen entdeckt scheue Verwandte aus dem hohen Norden
Carmen entdeckt scheue Verwandte aus dem hohen Norden

 

Anschließend begibt sie sich eher beiläufig wirkend in Halle 4, wo heute der Deutsche Buchpreis 2014 verliehen wird. Carmen hatte bereits im Vorfeld ihren Namen auf der Nominierungsliste entdeckt. Als schon der Großteil der Preise an andere Kandidaten vergeben wurde, spürt Carmen eine leichte Gereiztheit in sich aufsteigen. Schließlich wird sie aber doch noch aufgerufen. Carmen erhält den Deutschen Kinderbuchpreis in der Kategorie „Lustige Tiergeschichten“.  In seiner Laudatio hebt Roger Willemsen Carmens besondere Fähigkeit hervor, auch funktionalen Analphabeten aus der Banlieue milieugerechte Unterhaltung zu liefern ohne dabei den Bildungsauftrag des Kinderbuchs zu vernachlässigen. Carmen  nimmt den Preis mit ihrem schönsten Bühnenlächeln in Empfang und bedankt sich artig.

Bevor sie wieder nach Köln zurück fliegt, schaut sie noch am Stand des Pen-Zentrums vorbei, wo sie viele alte Freunde aus  Ländern begrüßt, in denen die Wahrheit nicht ausgesprochen werden darf. „Ich werde weiterhin über jedem Land Flugblätter für Euch abwerfen“, verspricht unsere engagierte Schriftstellerin.

Pen-Club
„Eine Kunstler darfe alles, ohne darfe alles, keine Kunst, capito?“ zitiert Carmen einen nicht unumstrittenen italienischen Gelehrten.

 

11. Oktober 2014   Feine Unterschiede

Bei der Kurden-Demonstration in Düsseldorf läuft Peschmerga-Kämpferin Carmen, die kurdische Fahne schwenkend, vorne weg. „Freiheit für Öcalan!“ ruft sie, bis ein paar Mitdemonstranten sie behutsam darauf hinweisen, dass es heute eigentlich um etwas anderes gehe.

Beschämt und gekränkt wirft Carmen impulsiv ihr Kopftuch und die Fahne weg und geht auf der Kö shoppen. Als sie bei Hermès minutenlang warten muss, ohne bedient zu werden, weil gerade eine arabische Familie mit fünf ganzkörperverschleierten Frauen das Personal vollständig in Anspruch nimmt, zündet sie einer davon mit dem Einwegfeuerzeug unauffällig die Burka an. Als die Sprinkleranlage  all die teuren Lederwaren verdirbt, verlässt Carmen unter lautem Summen der spanischen Nationalhymne den Laden.

Auf der Straße kommt gerade der Demonstrationszug vorbei. Man erklärt ihr, es gehe bei der Demo um die Rettung der Stadt Kuhbane. Da setzt Carmen das Kopftuch wieder auf und marschiert spontan weiter mit.

Wieder zuhause angekommen, will Carmen gerade die Hufe hochlegen, als ein mutmaßlicher DHL-Bote mit arabischem Aussehen an der Tür klingelt. Er übergibt Carmen ein Päckchen mit unleserlichem Absender und irakischen Briefmarken. Darin befinden sich einige als Geschenk verpackte Marmeladengläser mit Feigenbildern auf dem Etikett. Bei der routinemäßigen Ãœberprüfung mit dem Geiger-Zähler stellt Carmen deutlich erhöhte Radioaktivitätswerte fest. „Eindeutig ein Anschlag des IS“, ist unsere vorsichtige Heldin überzeugt. „Ich sollte denken, es wäre Marmelade. In Wahrheit handelt es sich aber um ein Kompott!“ sagt sie und entsorgt die Gläser behutsam in die Gelbe Tonne. Dann legt sie sich wieder auf’s Sofa. Vorher stellt sie den Geiger-Zähler neben die Stereoanlage und legt ein Violinkonzert auf.

 

12. Oktober 2014   Heiliger Stuhl!

Nachdem die erste Woche der Synode zu Fragen von Ehe und Familie in Rom vorüber ist, setzt sich Jorge mit Carmen zusammen, um einige der brennendsten offenen Fragen mit ihr zu besprechen. Jorge schätzt Carmen als loyale Katholikin, die jedoch den Blick immer ein wenig weiter über den Tellerrand hinaus zu richten weiß und für den Pragmatismus berühmt ist, der gerade bei dieser Synode im Vordergrund stehen soll.

Bei einer Tasse Tee beginnen sie die Liste durchzugehen. Dabei nennt Jorge jeweils ein Stichwort und Carmen macht einen kurzen Lösungsvorschlag:

  • Wiederverheiratung?
    Nur nach eingehender psychiatrischer Begutachtung der Zurechnungsfähigkeit. Wer einmal eine Ehe überstanden hat und dann unbedingt nochmal den gleichen Fehler machen will, kann eigentlich nicht ganz bei Trost sein.
  • Exkommunikation nach Wiederverheiratung?
    Nein. Aus oben genannten Gründen benötigen gerade diese verwirrten Schafe am meisten seelischen Beistand.
  • Kondome zur Verhütung von Empfängnis und sexuell übertragbaren Krankheiten?
    Ja. Aber nur farblos und ohne Geschmack.
  • Sex am Karfreitag?
    Ja. Aber nur mit dem eigenen Partner. Denn ein Vergnügen soll es nicht sein.
  • Kinderpornografie?
    Hä, fragt Carmen mit weit aufgerissenen Augen zurück??? Ok, sagt Jorge. War nur ein Test…
  • Schwulenpornos im Kloster?
    Gucken ja. Drehen nein.
  • Oralsex?
    Nur mit frisch geputzten Zähnen.
  • Eheschließung zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern?
    Nein. Warum sollten sie den gleichen Blödsinn machen wie die Heterosexuellen?
  • Nacktbaden?
    Nur nach Inspektion und Freigabe durch die Geschmackpolizei.

Jorge bedankt sich bei Carmen für die Beratung und will die Vorschläge am Montag seinen Mitbrüdern vortragen.

 

13. Oktober 2014   Herbsttag

Am Morgen nach dem denkwürdigsten Tatort aller Zeiten streckt Carmen de Ronda-Tarrantino kurz den Kopf aus dem Schlafzimmerfenster und beobachtet die fallenden Blätter.

Sie schließt die Augen und erinnert sich an ihre Schulzeit:

Herbsttag

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke, 21.9.1902, Paris

 

Eine Woche nach Ende des Mid-Season-Sale startet Marketing-Genie und Waffenhändlerin Carmen Tarantino den großen „No-Reason-Sale“. Sie verspricht Rabatte bis zu 70% .*

*Nur im Aktionszeitraum von 12. bis 13. Oktober und nur in teilnehmenden Geschäften und nur auf ausgewählte Artikel des Vorjahres solange Vorrat reicht.

 

15. Oktober 2014

„Tuuuut tuuuut“, trötet Carmen und trotzt mit ihrer Märklin-Eisenbahn dem Lokführer-Streik. „Verehrte Fahrgäste, bei uns fahren alle Züge pünktlich. Sänk ju for träwelling wiss Carmen!“ verkündet sie über Lautsprecher in Uniform und Duktus des Bahnhofsvorstehers. Den Vorwurf, sie lebe in einer Traumwelt, will sie nicht gelten lassen. „Es sind nicht die Dinge, die uns bedrücken, sondern unsere Sicht der Dinge“, kommentiert unsere Kognitionspsychologin das Tagesgeschehen.

 

21. Oktober 2014

Nach dem verhinderten Amoklauf an einem Kölner Gymnasium wird Carmen am Morgen gegen Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen. „Ich wollte wirklich niemanden etwas zuleide tun“, versichert unsere kleine Pazifistin. „Eigentlich wollte ich nur mal wieder in die Zeitung“, fügt die publicitygeile Scharfschützin kleinlaut hinzu.

Im Prozess gegen Oscar Pistorius verkündet die Vorsitzende Richterin Carmen Justitia-de Ronda heute das Strafmaß: „Ich erkenne auf Freispruch! Schließlich hat jeder das Recht, in seiner Eigentumswohnung soviele Löcher in die Badezimmertür zu schießen, wie er will“, begründet die Immobilienrechtsexpertin ihre überraschende Entscheidung.

 

22. Oktober 2014   Weihnachten naht

An der Seite des obersten dicken Führers Kim Jong-un nimmt Carmen heute in der Demokratischen Volksrepublik Korea die Parade der Koreanischen Volksarmee ab. „Seine coole Frisur setzt neue Maßstäbe in der Weltpolitik“, lobt unsere Typen- und Farbberaterin die Haartracht des kommunistischen Schlächters.

„Aber einer fehlt!“ bemerkt unsere aufmerksame Generalinspekteurin. Sie vermutet, dass es sich um einen Deserteur und Weihnachtsflüchtling handelt.

Armee Nordkorea
Danke an Schwägerin Susanne!

 

24. Oktober 2014   Las necesidades obligan (2)   

Carmen bedauert sehr, zum Bestreiten ihres Lebensunterhaltes auf Prostitution angewiesen zu sein. „Die Wirtschaftskrise zwingt uns alle, Opfer zu bringen. Glauben sie mir, keiner Mutter fällt es leicht, ihre eigenen Kinder auf den Strich zu schicken – auch mir nicht!“ versichert sie dem Leiter des Jugendamtes mit einem verhärmten Zug um die wie immer grell geschminkten Lippen.

(2) Die Bedürfnisse zwingen (Kubanische Redensart)

 

25. Oktober 2014   Kernkompetenzen

Samstagmittag sitzen Jorge und Carmen gemeinsam am Küchentisch und erledigen Hausarbeiten. Bei einer Tasse Adventstee pflegt Jorge seinen Rosenkranz mit Möbelpolitur, während Carmen ihr Präzisionsgewehr reinigt. 

„Gott liebt die Menschen“, sagt Jorge beim Polieren der Kette versonnen. „Wirklich jeden einzelnen?“ fragt Carmen ungläubig. „Jeden einzelnen!“ bestätigt der Heilige Vater nickend.

„Wow!“ staunt Carmen und denkt, dass sie diesen Job nicht machen könnte.

 

27. Oktober 2014   Ausschreitungen

„Diese Scheiß-Bullen haben mir mit ihren Wasserwerfern meine nagelneuen Prada-Springerstiefel ruiniert“, flucht Hooligan Carmen mit Tränen der Wut in den Augen.

Dann schreibt sie eine Dienstaufsichtsbeschwerde an den Innenminister. „Nach § 12, Abs. 4, Satz 1 der „Landesverordnung über den Einsatz von Wasserwerfern bei Demonstrationen im Herbst“ (LVOEWaWeDemoH) hätte das Wasser nicht nur mit ätherischen Ölen versetzt, sondern vor dem Benetzen der Demonstranten auch angewärmt werden müssen.“

Carmen fordert den Minister auf, die politische Verantwortung zu übernehmen und zurückzutreten. Gern stehe sie für sein Amt zur Verfügung, so die Carmencita.

Doch was wäre eine Doppelagentin ohne einen gelegentlichen Seitenwechsel?

„War das ein Spaß!“ freut sich Carmen, als sie im Morgengrauen ihre Wasserwerferdrohne im Hangar abstellt. „Hat total Spaß gemacht, die ganzen besoffenen Hooligans in den Rinnstein zu spülen!“

Dann geht sie ins Bad und löst vorsichtig den aufgeklebten Salafisten-Bart aus ihrem Gesicht.

 

28. Oktober 2014   Selbstwirksamkeitsüberzeugung

Heute steht Carmen im Berufsverkehr an einer Fußgänger-Bedarfsampel und drückt alle zwei Minuten auf den Anforderungsknopf. So bildet sich allmählich ein immer längerer Auto-Stau.

„Wenigstens eine Sache im Leben, die ich wirklich beeinflussen kann“, nimmt Carmen mit Befriedigung zur Kenntnis.

Sexsüchtige Positivistin Carmen Wittgenstein – de Ronda stellt fest: „Die Welt ist alles was der Phall ist.“

 

29. Oktober 2014   Konzeptänderung

Die Bundeswehr soll familienfreundlicher werden, teilt Graugans Uschi aus dem Winterquartier in Kabul mit. Carmen stimmt zu und besucht im Lauf des Vormittags mehrere Grundschulen in sozialen Brennpunkten, wo sie sich um die Rekrutierung von Kindersoldaten bemüht. „Entscheidende Schlachten nur noch in der Kernarbeitszeit zwischen 09 und 15:30 Uhr!“ verspricht die Burnout-Verhüterin.

 

31. Oktober 2014   Ein Datum – drei Tage!

Zum heutigen Weltspartag leistet sich Carmen eine Dose Kaviar und eine Magnumflasche Champagner. „Iss und trink solange es dir schmeckt – schon zweimal ist das Geld verreckt!“ lautet der inflationäre Wahlspruch unserer kapitalismuskritischen Ökonosofin.

Pünktlich zu Halloween eröffnet Carmen ein neues Geschäft für sündhaft teure Dessous. Als Einführungsangebot hat sie speziell für den heutigen Tag einige „Ghost Bustiers“ im Sortiment.  „Damit sind Sie heute Abend der Hit in der Geisterbahn“, schmeichelt sie einer schon etwas älteren Kundin.

Anlässlich des heutigen Reformationstags schlägt Carmen die Prothesen von Oscar Pistorius an das Hauptportal des Kölner Doms. „Hier stehe ich. Ich kann auch anders!“ droht sie den herbeigeeilten Dom-Schweizern.

„Ich bin dann mal weg!“ verabschiedet Carmen diesen ungewöhnlich warmen Herbstmonat und setzt sich für ein paar Tage in ihre Heimat ab.

Eingecheckt: Doppelagentin Carmen de Ronda lässt die Kuh fliegen
Eingecheckt: Doppelagentin Carmen de Ronda lässt die Kuh fliegen

 

 

 

September 2014: Carmen verursacht Sonnensturm

02. September 2014   Make love, not war!

Mit dem Slogan „Dschi-Spot statt Dschi-had“ fordert Carmen alle gläubigen Muslime zur Erfüllung ihrer ehelichen Pflichten auf.

 

09. September 2014   Eins, zwei, Polizei

Mit einer großen Rabattaktion versucht Carmen, das schleppende Geschäft anzukurbeln. „Kaufe neun Auftragsmorde und du bekommst den zehnten geschenkt!“ Dies könne sich insbesondere für Bewohner größerer Wohnanlagen oder Mitglieder von Großfamilien schnell lohnen, so die Unternehmerin beim Kick-Off.

In einer Anhörung wird heute in Berlin über eine Reform des Prostitutionsgesetzes beraten. Dabei spricht sich die Vorsitzende des Berufsverbandes Freiberuflicher Sexarbeiterinnen (BFS), Carmen de Ronda-Nitribit, gegen eine grundsätzliche Bestrafung von Freiern aus. „Ich bin jung und brauche das Geld!“ begründet sie ihre klare Haltung.

Nach einem langen und erfolgreichen Arbeitstag in der Dortmunder Fußgängerzone genehmigt sich Scharia-Polizistin Carmen in einem Schnellimbiss erst mal ein Kölsch und ein leckeres Leberwurstbrötchen. „Wir alle bleiben doch zwangsläufig ständig hinter unseren eigenen Idealen zurück“, erklärt die Religionsbovinosofin dem erstaunten Kioskbesitzer.

 

10. September 2014   Milchmädchenrechnung

Paradox: Trendjägerin und It-Cow Carmen-Paris de Ronda besorgt sich die nagelneue Apple-Watch. Vor lauter Begeisterung über das neue Toy verliert sie jegliches Zeitgefühl und verpasst den Bus.

NRW-Oberfinanzkuh Carmen de Ronda-Borjans erwacht aus einem fiesen Albtraum, in dem ihr Excel-Programm von einem Virus befallen war und die Batterien im Taschenrechner versagten. Nach dem Aufwachen schüttelt sie sich kurz, beruhigt sich aber rasch und schläft wieder ein. Den Rest der Nacht träumt sie von einem ausgeglichenen Haushalt.

 

11. September 2014   Streik

Anlässlich des Pilotenstreiks der Lufthansa lernt Carmen einen Flugkapitän namens Peter kennen. Besonders beeindruckt ist sie von seinem imposanten Penis. „Ich nenne ihn Cock-Pit“ grinst unsere sexsüchtige Doppelagentin anzüglich.

Die ungezügelte Leidenschaft der beiden an Bord eines Airbus auf dem Flug nach Johannesburg löst mehrere Sonneneruptionen aus.

„Das wird wohl ein Nachspiel haben“, befürchtet unsere dennoch glückliche Heldin.

 

11. September 2014   Wie die Jungfrau zum Kind

Carmen bekommt Drillinge
Carmen bekommt Drillinge

 

12. September 2014   Interkulturelles Missverständnis

Wegen des frühen Wintereinbruchs hat in Bayern bereits der Almabtrieb begonnen. Carmen fragt sich, warum bei ihren Schwestern in Süddeutschland Abtreibungen eigentlich jedes Jahr so groß gefeiert werden. Neugierig fliegt sie ins Allgäu, um sich das Spektakel aus der Nähe anzusehen.

 

13. September 2014   Notschrei einer magnetisch Vergifteten 

Carmen ist im Allgäu eingetroffen und streift durch die Berge.

Treffen der Kulturen
Treffen der Kuh-lturen

 

Dort trifft sie als erstes auf einen schwer erkälteten Bauern, der durch die Infektion seine Stimme verloren hat. „Sennheiser!“ lautet die Blickdiagnose der ehemaligen Medizinstudentin.

Noch bevor die ersten Ausläufer des Sonnensturms die Erde erreichen, zieht unsere Astrologin ihren aus einem Küchensieb selbst gebauten Metallgitterhelm über den Kopf. „Keine Lust, schon wieder einen Migräne-Anfall zu bekommen“, erklärt unsere wetterfühlige Präventionskuh und schaut sich zum vierten Mal den Film „Melancholia“ an. „Sie hätten die Schutzhütte nicht aus Holz bauen dürfen“, kommentiert unsere Hobby-Meteorologin den Weltuntergang in der Abschlussszene.

Perfekter Schutz: Carmen mit Helm
Perfekter Schutz: Carmen mit Helm

 

Als sie später auf ihrem Spaziergang von einer Touristengruppe aus Norddeutschland wegen des Helms ausgelacht wird, feuert sie mit ihrem Multifunktionslaserschwert elektromagnetische Impulse auf die Saupreißn. Die werden dadurch unmittelbar von heftigen Kopfschmerzen befallen, woraufhin ihnen das Lachen sofort vergeht. Unter schamloser Ausnutzung der Notlage verkauft Apothekerin Carmen den Leidenden billigste Kopfschmerztabletten zu astronomischen Preisen.

Später wird sie in den Stall der gerade abgetriebenen Kühe gerufen, die aufgrund des Solarsturms ausnahmslos unter heftigen Migräneattacken leiden. Carmen geht von einer zur anderen und schießt allen ein schnell wirksames Migränemittel der neuesten Generation in die Nase, was jeweils innerhalb weniger Minuten zu vollständiger Schmerzfreiheit führt.

Als die bayrischen Rinder wieder alle  auf dem Damm sind, lädt Carmen sie zu einer Butterfahrt an den Chiemsee ein. Unterwegs hält der Bus an einem verlassenen Landgasthof, wo Carmen die Tiere zu einer Verkaufsveranstaltung bittet. Dabei stellt unser Marketinggenie ihren inzwischen patentierten Metallgitterhelm vor. Zunächst preist sie dessen medizinische Vorzüge und verspricht bei regelmäßigem Tragen nicht nur die sichere Verhütung weiterer Migräneanfälle, sondern auch Schutz vor Gedankenentzug durch die NSA.

Im weiteren Verlauf zeigt Carmen de Ronda-Wintour eine Foto-Strecke aus der neuesten Ausgabe der Q-Vogue, in der diese Helme für das nächste Frühjahr als unverzichtbares Accessoire trendbewusster It-Cows beim Almauftrieb vorgestellt werden.

Bis zum Ende der Veranstaltung läuft Carmens Auftragsbuch voll und sie hat in den nächsten Tagen Mühe, so viele Küchensiebe aufzutreiben.

 

14. September 2014   Köln-Marathon

Carmen steht mit ihrem Bauchladen an der Strecke: „Wasser! Bananen! Hühneraugenpflaster! Urinbeutel! Zigaretten! Magnesium! Voltaren! Kompressionsstrümpfe! Körriwuast! Noppenkondome! Haschisch!!!“

Diplom-Ökotrophologin Carmen berät Sportler in Ernährungsfragen
Diplom-Ökotrophologin Carmen berät Sportler in Ernährungsfragen

 

15. September 2014   Frauensache

Da Carmen leider nur ihren Kopf vor der Strahlung des Sonnensturms geschützt hatte, setzt am Nachmittag mit großer Heftigkeit eine vorzeitige Regelblutung ein. In der Apotheke findet sie jedoch rezeptfrei wirksame Hilfe.

Mestruationspflaster

 

17. September 2014   Tierschutz nach Aldi-Art

Auf der Basis einer freiwilligen Übergangsregelung bis zum Sankt-Nimmerleinstag werden deutsche Bauern und Mastbetriebe aufgefordert, ihren Schweinen die Schwänze nicht mehr routinemäßig abzuschneiden.

In der Zwischenzeit werde im Ministerium eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die über die Machbarkeit eines entsprechenden Forschungsprojekts zur Wirksamkeit der Freiwilligkeit vorläufig beraten solle.

„Dadurch gaukeln wir den Tierschützern und unseren ökologisch angehauchten Wählern vor, dass etwas passiert und müssen trotzdem bis zum Ende der übernächsten Legislaturperiode die Fleischwarenindustrie nicht verärgern“, so Landwirtschaftsministerin Carmen Bolz N. Schuss bei einer Pressekonferenz.

Zur Beruhigung der Massen fügt sie hinzu, es sei weiterhin gewährleistet, dass jeder Bundesbürger täglich riesige Mengen billiger Wurstwaren in sich hineinstopfen und noch mehr in den Müll werfen könne, ohne sich über deren Herkunft ernsthaft Gedanken machen zu müssen. So bliebe immer noch genug Geld für die Anschaffung eines größeren Autos übrig, fügt die Ministerin hinzu.

 

18. September 2014   Zu schön, um wahr zu sein

Beim bundesweiten Blitzmarathon foppt Carmen die Polizisten, indem sie als Oberstudienrat verkleidet in einem Mercedes C 180 mit Tempo 50 auf der linken Spur über den Kölner Autobahnring fährt. Auf der Hutablage lächelt zwischen zwei Klopapierrollen mit schwarzrotgoldenen Strickmützchen ein freundliches Wäckelkälbchen. Mit den unter den Strickmützchen verborgenen Dashcams filmt Carmen alle Verkehrsteilnehmer, die zu dicht auffahren, um sie später wegen Nötigung anzuzeigen.

(In Wahrheit kann sich jedoch niemand daran erinnern, wann der Verkehr auf den Kölner Autobahnringen zuletzt so schnell geflossen wäre. Die gelangweilten Polizisten an den Blitzgeräten schießen daher Selfies, die sie zur Unterhaltung ihrer Kollegen auf Bullbook posten.)

FOC: Carmens Freundin Sally Io ist scharf auf Bullen
FOC: Carmens Freundin Sally Io stiert auf Bullen

 

18. September 2014   Entwarnung

Anlässlich einer routinemäßigen Untersuchung wird Carmen eine Milchprobe im Tetra-Pack abgenommen. Am nächsten Tag erfährt sie von ihrem Haustierarzt, dass alle Laborwerte unauffällig seien. „Man bekommt also gar nicht in jedem Urlaub die Syphilis“, stellt unsere reiselustige Geheimagentin erleichtert fest.

 

20. September 2014

Zur Amtseinführung des neuen Kölner Erzbischofs überreicht Carmen feierlich eine Schachtel Pralinen. „Die hat Ihr Vorgänger immer so gern gegessen“, kommentiert sie das Präsent.  Mit ihren Glückwünschen verbindet sie die Einladung zum diesjährigen Femen-Kongress: „Wir rechnen fest damit, dass Sie bei der Eröffnung ein Grußwort sprechen“, lautet Carmens Angebot für eine friedliche Koexistenz.

 

23. September 2014   Carmen als Währungshüterin

Ab heute kommen die neuen Zehn-Euro-Scheine in Umlauf. „Für so ein bisschen buntes Papier sind sie eigentlich viel zu teuer“, findet Carmen und behält erst mal ihre alten.

Dann setzt sie sich an den PC und entwirft einen eleganten Elf-Euro-Schein, den sie vor dem Supermarkt für zehn Euro anbietet. „Aber nur heute und nur bei real – ist nämlich ein exklusives Einführungsangebot“, wirbt unsere Marketingfachkraft. „Ãœbrigens in den aktuellen Herbstfarben“, fügt sie schwärmend hinzu.

Nachmittags geht Carmen von Haustür zu Haustür und verwickelt alleinstehende Rentnerinnen in Gespräche über die neuen Geldscheine. Mit der Behauptung, die alten seien ab heute ungültig und der Besitz ab morgen strafbar, lässt sie sich von den alten Damen ihre Bargeldbestände aushändigen. „Eine neue Variante des alten Enkeltricks. Funktioniert immer noch tadellos“, freut sich unsere Trickbetrügerin.

Zur bundesweiten „Woche der Wiederbelebung“ gießt Friedhofsgärtnerin Carmen heute auf Melaten die Gräber mit Adrenalinlösung. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, findet unsere lebenskluge Existenzialistin.

 

26. September 2014   Was die Welt nicht braucht

Zum deutschlandweiten „Tag des Butterbrots“ erinnert Molkereibesitzerin Carmen an all die hungrigen Kälbchen mit Laktoseintoleranz und fordert ein staatliches Ernährungsprogramm für erbkranke Kühe. Dann schickt sie ein paar Tonnen Butter als Soforthilfe nach Liberia. Die Alternative für Deutschland kritisiert, dass Afrika dem deutschen Mittelstand jetzt auch noch die Butter vom Brot nehme und damit den Untergang des Euro beschleunige.

 

27. September 2014

Am Morgen verabschiedet Integrationsministerin Carmen auf dem Flughafen Wahn die nordafrikanischen Graugänse auf ihren Flug in den Süden und wünscht den Vögeln gute Reise. „Aber nicht wieder über Kabul fliegen!“ ermahnt sie die wieder tadellos frisierte Graugans Uschi.

Auch sie wolle am Wochenende mal wieder die Kuh fliegen lassen, teilt die unternehmungslustige Politikerin nach der kleinen Zeremonie im Vertrauen mit.

Am späten Nachmittag startet Carmen bei einem Benefizlauf zugunsten der Kölner AIDS-Hilfe und erreicht nach 10 km das Ziel knapp vor dem nach unten schauenden Hund. Als sie bei der Siegerehrung den Preis für das originellste Kostüm bekommt, fühlt sie sich ein wenig missverstanden. „Eigentlich laufe ich immer so rum“, mault unsere andalusische Flamenco-Tänzerin beleidigt.

RoC 2014
Ganz vorne mit dabei: unsere andalusische Sportskanone

 

30. September 2014

Mit einer Flasche griechischen Weines gratuliert Carmen ihrem lieben Ex-Kollegen Udo Jürgens zum 80. Geburtstag. „Ich erinnere mich noch gern an unsere gemeinsame Zeit auf den Operettenbühnen der Welt“, schwelgt unsere Diva in Nostalgie. Er möge bitte noch recht lange durchhalten, ermutigt sie ihn. „Denn nur gemeinsam können wir Helene Fischer wirksam in Schach halten!“ betont die Gewinnerin zahlreicher goldener Schallplatten in ihrer Festrede.

Im Düsseldorfer Landtag legt Inspekteuse Carmen ihren vertraulichen Untersuchungsbericht über Gewalt in Nordrhein-Westfälischen Flüchtlingsheimen vor. „Die Prügel waren gar nicht das Schlimmste“, fasst sie zusammen. Daran seien viele Flüchtlinge aus ihren Ursprungsländern gewöhnt. „Aber an der Dauerbeschallung mit Helene-Fischer-Liedern sind die meisten am Ende seelisch zerbrochen“, lautet ihr erschütterndes Fazit.

Der Landtag beschließt daraufhin, im Rahmen einer freiwilligen Ãœbergangsregelung bis zum Jahr 2039 die Hälfte der Stellen in Asylantenunterkünften mit nicht ganz so gewaltbereitem Personal zu besetzen. „Die anderen werden kurzfristig eine Anstellung in Altenpflegeheimen finden“, rechtfertigt die resolute Ministerpräsidentin ihre mutige Entscheidung.

Wer keinen Beitrag zur Rettung des Euro leiste, müsse eben auch Prügel einstecken, findet der Vorsitzende der AfD in NRW und erntet dafür Schulterklopfen von Kopftuchjäger Sarrazin.

Wegen heftiger Niesanfälle, von denen sie seit Monaten meist in deutschen Innenstädten geplagt wird, sucht Carmen heute endlich einen HNO-Arzt auf. Nach Abschluss aller Untersuchungen ist seine Diagnose eindeutig: „Sie haben eine Hipster-Allergie“, bestätigt die Koryphäe den Verdacht unserer verschnupften Diva. Er empfiehlt die strikte Meidung der auslösenden Allergene und verschreibt ein Antihipstaminikum.

Nach Verlassen der Praxis eilt Carmen in das nächste Sportgeschäft und erwirbt einen Baseballschläger aus Metall. „Der ist zwar etwas teurer, aber Holz wird vom vielen Hipster-Blut schnell unansehnlich“, begründet unsere Allergikerin ihre Wahl.

„Jeder tote Hipster hat eine Mama, die um ihn weint“, gibt Jorge unserer Allergikerin im Blutrausch zu bedenken. „Sowas kann auch nur die eigene Mutter lieb haben“, schimpft Carmen und nimmt sich den nächsten vor. „Geh zurück nach München mit dei’m Rucksack oder Stuttgart, häng‘ nicht in meiner Hood ab!“ schnauzt die kleine Rapperin und hebt drohend den Schlagstock.

Um sich abzukühlen fliegt die politisch engagierte Kampfpilotin später nach São Paulo, wo sie die Präsidentschaftskandidatur von Marina Silva durch Abwurf von Flugblättern aus der Drohne unterstützt. „Diese bewundernswerte Frau hat im brasilianischen Urwald vom selbst gesammelten Kautschuk eine Kondomfabrik errichtet. Gemeinsam mit ihr könnte ich noch im Oktober die Weltherrschaft übernehmen“, träumt unsere kleine Kommunistenkuh.

 

 

Move well: Carmen treibt Sport (2014)

Carmen und Jorge drehen eine Runde
Carmen und Jorge drehen eine Runde

 

01. April 2014

Aus der Werbung von Carmens Fitnessstudio: Eat well, move well, feel well!

Carmen kräht nach der Dusche, tropfnass und suchend: „Towel(l)!!!“

 

07. April 2014   Carmen plant Personal Training

Pilates

„Lieber Trainer“, sagt Carmen treuherzig und augenklimpernd, „all das würde ich wirklich gern spüren!“

Der Trainer empfiehlt diplomatisch, erst einmal bei seiner Yoga-Stunde mitzumachen. Carmen ist Feuer und Flamme. „Und dann von der Kobra in den nach unten schauenden Hund… und dann mit den Händen zu den Füßen laufen… und langsam die Wirbelsäule aufrichten… Danke, dass ihr mitgemacht habt und schönen Sonntag!“ beschließt der Trainer die Stunde. Dezenter Applaus der Teilnehmer. Nur Carmen klatscht enthusiastisch. Sie atmet tief durch und spürt sich. Und überlegt sich, wie sie den Trainer nach der nächsten Stunde in ihre Wohnung locken wird.

„Der Schmerz ist mein Freund“, denkt Carmen als sie nach dem Duschen zum Ausgang humpelt.

Auf dem Heimweg überfährt sie einen nach unten schauenden Hund. „Hättse ma besser geguckt, wose hinläufs“, denkt Carmen gereizt.

 

01. Mai 2014   Neue Geschäftsmodelle

Als der bislang persönlich nicht in Erscheinung getretene auktoriale Erzähler nach 15 Kilometern Waldlauf im Regen durchnässt heimkehrt, liegt Carmen gemütlich in der Badewanne und hört mit voller Lautstärke ihre Lieblings-CD der „Heroes del Silencio“, wobei sie den Text von „Entre dos Tierras“ lauthals mitsingt. Im Gesicht hat sie eine Quark-Honig-Maske und auf den Augen einige frische Gurkenscheiben. Als sie nach mehrmaliger Aufforderung endlich die Musik leiser gestellt hat, fragt der etwas genervte Erzähler sie, ob sie nicht endlich einmal eine GPS-gesteuerte Regenschirmdrohne entwickeln könne, die ihn auf seinen Läufen vor Feuchtigkeit schützen soll. Sofort wirkt Carmen hellwach. Sie nimmt die Gurkenscheiben von den Augen und stellt fest: „Gar keine schlechte Idee!“

Eine Viertelstunde später sitzt sie bereits am Computer und öffnet ihr CAD-Programm. Nur einmal schaut sie kurz auf und kommandiert: „Kannst Dich ja auch in die Wanne legen – das Wasser ist noch warm. Und dann geh schon mal an den Herd, ich hab Hunger.“ Dann vertieft sie sich wieder in die Arbeit.

Schließlich ist der Drucker zu hören. Anschließend führt Carmen zwei Telefongespräche. Eine Stunde später setzt sie sich zu Tisch, schaufelt sich den Teller voll und legt dem Erzähler einige Ausdrucke mit Konstruktionsplänen vor. Kurz erläutert sie die grundlegenden Funktionen der neuen Regenschirmdrohne. „So viele Irre laufen morgens durch den Regen wie Du. Das Teil wird der Burner“, stellt sie selbstzufrieden fest. Es folgt eine kurze Darstellung der wesentlichen Funktionen. Carmen hat an alles gedacht. „Nenn‘ mich einfach „Q“!“ lautet ihr stolzes Fazit.

„Nun brauchst Du aber noch einen Vertriebspartner. Am besten eine große Sportartikelfirma“, gibt der Erzähler zu bedenken. „Auch schon erledigt“, tönt Carmen schmatzend. „Rehbock aus dem Stadtwald hat bereits zugesagt!“

Dann wischt sie sich mit der Serviette die von der Quark-Honig-Maske noch immer geschmeidigen Lippen ab und dreht wieder die Musik auf.

 

10. Mai 2014

„Warum guckst du so traurig?“ fragt Carmen beim Yoga den nach unten schauenden Hund. „Ach, letzten Monat ist auf der Aachener Straße mein kleiner Bruder überfahren worden“, antwortet der Vierbeiner bedrückt. Schuldbewusst nimmt Carmen die Position der zu Boden blickenden Kuh ein.

 

14. September 2014   Marathon

Carmen steht mit ihrem Bauchladen an der Strecke: „Wasser! Bananen! Hühneraugenpflaster! Urinbeutel! Zigaretten! Magnesium! Voltaren! Kompressionsstrümpfe! Körriwuast! Noppenkondome! Haschisch!!!“

Diplom-Ökotrophologin Carmen berät Sportler in Ernährungsfragen
Diplom-Ökotrophologin Carmen berät Sportler in Ernährungsfragen

 

 

 

 

 

Carmen boxt sich durch (Februar 2014)

02. Februar 2014   Boxenluder

Das schöne Wetter nutzt Carmen zum Frühjahrsputz in der Drohne. Von den Ausdünstungen der Reinigungsmittel wird ihr ein wenig plümmerant. „Dieses Meister Poppers ist schon ein Teufelszeug“, stellt sie beeindruckt fest.

Am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz findet heute Carmens Schaukampf gegen Vitali Klitschko statt, der am Abend im Fernsehen live übertragen wird.

Wettbüros melden bereits kurz nach Öffnung ungewöhnlichen Andrang.

Wegen Carmens gefürchteter Tiefschläge sorgt sich die Gattin von Vitali Klitschko, Doris Klitschko (genannt „Klitdoris“), um die Kronjuwelen ihres Gatten. Carmen beruhigt: „Was soll da noch kaputt gehen?“

Den Kampf gewinnt Carmen durch Punktsieg. Die Siegerin atemlos in einem Interview mit der ARD-Sportschau: „Er ist ein harter Brocken. Aber gegen meine Tiefschläge hatte er keine Chance.“

Jetzt gehöre die Ukraine ihr, so die Carmenownaja.

Nach dem Kampf tut unserem Boxenluder nun doch alles weh und sie erholt sich ein wenig auf dem Sofa.

Boxenluder
Boxenluder

 

03. Februar 2014   Personalentscheidungen

Carmen Ripley trauert um ihren großen Schauspielerkollegen Philip Seymour Hoffman. „Und ich sach noch, nimm dat Zeuch nich pur, hab ich gesacht…“ erinnert sich die Diva, die in den letzten Jahren ebenfalls vier Mal für den Oscar nominiert war.

Eiskunsttieffliegerin Carmen Neureuther – de Ronda wird die deutsche Fahne beim Einmarsch der Sportler in Со́чи tragen. In einem interview zeigt sie sich tief befriedigt über diese Entscheidung des nationalen Olympischen Komitees und kommentiert zackig: „Die Fahne hoch!“

Zum 60. Geburtstag von Dieter Bohlen tanzt Carmen zu „You’re my heart, you’re my soul“ über die Treppe vom Bad in Richtung Ankleidezimmer und beklagt innerlich den Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Ãœber Fleurop schickt sie Bohlen einen Strauß Fliegenpilze mit einer silbernen Gabel.

Dann rollt sie die deutsche Fahne zusammen, packt ihren Trolley, steigt in die Drohne und los geht’s zur Eröffnungsfeier nach Со́чи.

Mit einer angemessenen Ãœberweisung auf das Privatkonto des ADAC-Präsidenten bewirkt Carmen, dass ihre Drohne auf Platz 1 der umweltfreundlichsten Verkehrsmittel „gewählt“ wird.

Nach der Ankunft in Со́чи wirft Carmen eine Handvoll russischer Münzen über den Boden. „Der Rubel rollt!“ stellt die Euro-Skeptikerin vergnügt fest.

Zum Todestag von Dr. med. Josef Mengele, der heute vor 35 Jahren vor der Küste Brasiliens beim Schwimmen ertrunken ist, blickt Ex-Medizinerin Carmen nur betreten zu Boden und sagt ausnahmsweise lieber nichts.

 

09. Februar 2014

In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung benennt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Carmen, die Herausforderungen der Zukunft: „Insbesondere das Weihnachtsfest und die Hüttengaudi sind eindeutig Gefahren für die Volksgesundheit“, so die sozialkritische Stellungnahme unserer vergnügten Abstinenzlerin.

Carmen lobt das Engagement von Peter Maffay für traumatisierte Kinder: „Es ist ein klein wenig Wiedergutmachung für das, was er mit seiner Musik angerichtet hat“, betont die PTSD-Spezialistin bei einer Feierstunde in der Berliner Nikolaikirche. Dabei stellt sie ausdrücklich fest, dass es hier nicht um einen Angehörigen der Familie Krauss-Maffai gehe.

 

10. Februar 2014

Mit der knappen, aber juristisch einwandfreien Begründung „Nix gibt’s!“ weist die Vorsitzende Richterin am OLG Carmen de Ronda-Piëch, die Schadenersatzklage gegen Porsche ab. Revision lässt sie nicht zu: „Was ich sage, wird gemacht!“

Danach steigt sie in den neuen Cayenne, dessen Schlüssel sie am Wochenende in ihrem Briefkasten gefunden hatte, und fährt damit durch die Fußgängerzone zu ihrem Lieblingsschuhgeschäft, wo sie den Gutschein einlöst, der am Porscheschlüssel hing.

 

11. Februar 2014   Wintersport

Mit einem Bein auf einer halben Riesenkastagnette balancierend erreicht Carmen beim Rodelwettbewerb der Damen in Со́чи eine hervorragende Zwischenzeit! In einem kleinen Tannenwäldchen verliert sie dann allerdings die Orientierung und landet schließlich eine Stunde später Wellen reitend im Schwarzen Meer.

Nachdem sie sich abgetrocknet und die Rodelsurfriesen-kastagnettenhälfte im Kofferraum ihrer vom ADAC prämierten Umweltschutzdrohne verstaut hat, geht Carmen, frisch blondiert, in weißer Bluse und hohen Stiefeln mit Blutins vierter Ex-Frau, der stadtbekannten Lesbe Nadja Blutana, in einem Café am Strand von Со́чи Latte macchiato trinken.

Eine nach Kohlsuppe riechende ältere Polizistin mit Kurzhaarfrisur tritt zu den Freundinnen an den Tisch und kontrolliert ihre Ausweise. Dann ermahnt sie die beiden, nicht mehr so laut in der Öffentlichkeit zu lachen. Dies würde den völlig falschen Eindruck erwecken, dass man als Lesbe glücklich sein könne und sei daher als homosexuelle Propaganda zu bewerten. Außerdem habe in Russland seit Jahren niemand mehr laut gelacht. Es gebe schließlich auch keinen Grund dazu.

Bei einem tiefen Blick in das verhärmte Gesicht und die durch ein hartes Leben voller Selbstverleugnung verhärteten Augen der Polizistin spürt Carmen eine tiefe Verbundenheit mit dem Universum.

Sie streicht der Beamtin sanft und liebevoll über die Wange und schenkt ihr einen fast noch neuen Lippenstift von Chanel.

 

12. Februar 2014   Wat fott es, es fott

Mit einer Packung Mon Cherie und einem herzlichen Händedruck gratuliert Carmen heute früh ihrem Erzfreund, Kardinal Keifner, zu seinem 25-jährigen Amtsjubiläum.

In einer Laudatio würdigt sie ihn und seine Lebensleistung. Bei allen persönlichen Differenzen sei er doch anzuerkennen als unerschrockener Streiter für die Überzeugungen seines früheren Chefs.

Eminenz nimmt die Glückwünsche dankbar entgegen und schiebt sich gleich ein paar Mon Cherie in den Mund, während einige pfirsischfarbene Ministranten katzengleich und schnurrend um seine Beine streichen.

„Sicher war er nicht immer unumstritten. Leider hat er auch diesmal durch frühere Erfahrungen wieder nichts gelernt – er glaubt wohl weiterhin zu sehr an das Gute im Menschen“, bemerkt Carmen in einer kritischen Stellungnahme gegenüber dem Kölner Stadtanzeiger unter Verweis auf den letztjährigen CSD.

Was sie in die Pralinen gefüllt habe, bleibe jedoch ihr Geheimnis, so die Carmencita während der Kardinal bereits halluzinierend durch sein Palais schwebt.

 

17. Februar 2014

Die parteilose Carmen de Ronda, bisher Staatssekretärin im Justizministerium, wird Nachfolgerin des zurückgetretenen Landwirtschaftsministers Friedrich. Dadurch wird eine weitere Politikerin mit Migrationshintergrund ein Ministeramt übernehmen.

Die ledige Mutter ungezählter Kälber war bisher vor allem durch eher widersprüchliche Positionen aufgefallen. So setzt sich die Vegetarierin einerseits für ein Verbot der Massentierhaltung aber auch für die verstärkte Anpflanzung von Gen-Mais ein. „Gen-Mais macht schön!“ so ihre provozierende These in einer Anzeigenkampagne. Dabei weist sie Vorwürfe scharf zurück, diese Haltung habe mit ihrem privaten Besitz an BASF-Aktien zu tun.

Zuletzt hatte sich die Juristin durch ihr Engagement in der Rinderpornoaffäre des Abgeordneten Muhbarthy hervorgetan, als sie die Wiedereinführung der Todesstrafe für Rinderschänder forderte.

 

23. Februar 2014   This is the End

Mit einem feinen Aerosol aus dem Drohnenklo bringt Carmen das Olympische Feuer zum Erlöschen. Der Präsident des IOC wischt sich die Tropfen vom Gesicht, die von den Massenmedien fälschlich als Tränen der Rührung interpretiert werden.

 

26. Februar 2014   Verluste

Kurz vor dem EU-weiten Verbot von Zusatzstoffen besorgt Carmen im Auftrag von Helmut Schmidt 1.000 Stangen Menthol-Zigaretten aus Polen. „Das sollte seinen Bedarf für die nächsten Wochen decken“, hustet Carmen nach der Landung in Berlin und steckt sich ein Fisherman’s Friend zwischen die Lippen.

Als sie den Container mit den 340.000 polnischen Kippen bei der Zollkontrolle durch den grünen Ausgang schiebt, antwortet sie auf die Frage des Beamten, ob sie etwas zu verzollen habe, nur cool: „Eine Packung Fisherman’s Friend ist doch frei, oder?“

Nach dem Fallen der Dreiprozenthürde kandidiert Carmen mit ihrer Partei „Muh-ve On!“ für das Europaparlament.

Carmen zum Tod ihres engen Freundes, des berühmten Flamenco-Gitarristen Paco de Lucia zutiefst betrübt: „Ich werde nie wieder tanzen!“

 

27. Februar 2014   Weiberfastnacht

Mit jeweils einer roten Rose quer zwischen den Lippen haben sich Carmen und Jorge als Tangotänzer verkleidet und gehen als Argentinier zum Straßenkarneval.

 

28. Februar 2014   Krisen

Für 12 Uhr wird der Rücktritt von Kardinal Keifner erwartet. Carmen kommt aus dem Feiern nicht raus.

Krimtartaren verarbeiten Janukowitsch zu rohem Hackfleisch. Ein Tartaren-Häuptling: „Er war immer ein Pinkel!“ Carmen belässt es heute bei Grünkohl. Breaking News: Abtrünnige Krimsekten verspeisen Tartaren!

Ernesto zum Rücktritt von Keifner: „In meim nächsten Leben werd‘ ich Cardenal!“

 

03. März 2013   Rosenmontag

Am Rosenmontag streift Carmen durch ihren Zen-Garten und schneidet die Rosen. Im Hintergrund intoniert der Chor der Abtei St. Martin in the Fields die Choralversion von „Viva Colonia“.

 

05. März 2014   Aschermittwoch

Als am frühen Morgen zwei blutjunge Amerikaner in weißen Hemden, Elder Jimmy und Elder Johnny, an Carmens Tür klingeln und sie nach durchfeierter Karnevalsnacht aus dem Schlaf wecken, um sie über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage zu informieren, bittet Carmen – noch im Morgenrock – die beiden freundlich herein.

Im Gespräch erzählt unsere ebenso listige wie rachsüchtige Doppelagentin den jungen Männern mit feurigen Blicken von ihrer eigenen Religion. Deren bevorzugte Meditationshaltung sei die sogenannte Missionarsposition, die sie ihnen gern beibringen wolle. Die beiden blicken sich kurz an und versuchen dann unter allerlei Ausreden etwas überstürzt, Carmens Wohnung zu verlassen. Während Jimmy gerade noch entwischen kann, stellt sich Carmen Johnny in den Weg. Sie packt ihn an seiner Krawatte, schleudert ihn zu Boden und zieht ihn durch. Anschließend wirft sie ihn aus der Wohnung.

Dann macht sie sich seufzend erst einmal einen doppelten Espresso.

FOC: Frida (Drama, Baby!)

 

Der Volksmund sagt, irgendwann müsse sich jede Frau entscheiden, ob Ziege oder Kuh. Frida hatte sich entschieden: Sie war ganz Kuh. Ihr Sohn Edgar erblickte das Licht der Welt als Latinokälbchen unter der Sonne der Karibik im Norden der größten Antillen-Insel Kuba. Er war der Augapfel seiner Mutter, ihr Liebstes, ihr ganzer Stolz und der einzige Sinn ihres Lebens.

Edgar war meistens hungrig und Frida stets bemüht, ihn satt zu bekommen. Es waren die schweren Zeiten der „periódo especial“ auf Kuba und Lebensmittel waren knapp. Doch Frida hätte lieber selbst gehungert, als ihren Liebling unversorgt zu lassen.

Frida und ihr Sohn Edgar in glücklichen Tagen
Frida und ihr Sohn Edgar in glücklichen Tagen

 

Edgars Augen leuchteten, sie strahlten Lebendigkeit und Feuer aus. Wenn er jemanden treuherzig anblickte, so war es um den geschehen. Man erfüllte ihm jeden Wunsch.

Seine Augen waren allerdings das einzig Treue an ihm.

Die Jahre der Kindheit vergingen wie im Flug und Edgar reifte allmählich zu einem jungen und attraktiven Stier heran. Er hatte gelernt zu verführen, aber er war auch verführbar. So sehr beeindruckten ihn die Geschichten aus dem Norden, dass die Sehnsucht nach den Vereinigten Staaten von Amerika immer größer wurde.

Eine Tages teilte er seiner Mutter den Entschluss mit, in der kommenden Neumondnacht auf einem selbst gebauten Floß zusammen mit einigen Kumpels die gefährliche Reise über das Meer nach Florida antreten zu wollen.

Frida erstarrte. Ihr kleiner Edgar wollte das Dorf verlassen? Die Insel sogar und, schlimmer noch: seine Mutter!

Sie versuchte mit allen Mitteln, ihn zum Bleiben zu bewegen. Doch vergebens. Sein Entschluss stand fest. Als all ihr Zureden nichts half, spielte sie sogar mit dem Gedanken, ihn bei der Polizei zu denunzieren: lieber hätte sie ihn im Gefängnis gewusst als in der großen weiten Welt! Doch nein, sie hatte so viel Schreckliches von den kubanischen Gefängnissen gehört. Das konnte sie ihm unmöglich antun. Lieber wollte sie sterben. Doch hoffte sie noch auf ein Umdenken.

Umsonst.

Am nächsten Morgen fand Frida sein Bett unbenutzt und leer. Eine kleine Notiz lag auf dem Kopfkissen. Frida spürte nur noch Leere und einen brennenden Schmerz. Ihr Herz war gebrochen.

Sie entwickelte – in der Sprache der Psychiater – eine mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom. Das hieß: sie lachte nicht mehr, sie schlief nicht mehr, sie aß nicht mehr.

Eigentlich war sie nicht mehr.

Frida saß den ganzen Tag am Strand und blickte wartend auf das Meer hinaus. Doch ihr kleines Kälbchen kam nicht zurück.

Cuba7
Fridas Blick gen Florida

 

Sie wollte so lange in der Sonne sitzen bleiben und nicht essen noch trinken, bis sie irgendwann muh-mifiziert wäre. Wenn ihr Edgar dann eines Tages, von Sehnsucht nach seiner Mama getrieben, übers Meer nach Hause käme, sollte er sie so vorfinden: vor Gram verhungert und verdurstet. Weinend sollte er vor ihrer Muh-mie auf die Knie fallen und den Geist seiner Mutter und die Götter um Vergebung bitten. Das waren ihre Fantasien vom masochistischen Triumph, während Frida am Strand saß und auf’s Meer blickte.

So ging das Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat und schließlich fast ein Jahr. Bald war sie tatsächlich nur noch ein elendes Häuflein Fell und Knochen. Ihre Freundinnen konnten das Elend nicht mehr mit ansehen. Sie berieten sich und eines Tages brachten sie die willen- und wehrlose Frida in die Berge der Sierra de Escambray. Dort, im Regenwald, wohnte El Ciervo Blanco Sabio, der Weise Weiße Hirsch. Er war ein Babalao, ein Hohepriester der Santería, von der man munkelt, sie sei in Wahrheit die kubanische Sektion der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung.

„CBS Coaching y Consulta“[1] stand auf dem glänzenden Schild an seiner Tür. Ihre Freundinnen schoben sie in die Wohnung des geheimnisumwitterten Mannes. Klopfenden Herzens trat sie ein.

Hier wohnt der CBS
Hier wohnt der CBS

 

„Was führt Dich zu mir?“ fragte der Weise Weiße Hirsch freundlich. Frida erzählte ihre Geschichte. Zuerst stockend, dann immer flüssiger. Sie fing an bei Edgars Geburt, wie sie ihn trockengeleckt hatte, erinnerte sich an seine Zeit als Milchkalb, wenn er hungrig an ihren Zitzen gezerrt hatte, über seine spätere Kindheit, den ersten Schultag, wie hübsch er in seiner roten Schuluniform ausgesehen hatte, bis hin zur Pubertät, als er allmählich schwieriger wurde und gelangte schließlich zum Tag seines Aufbruchs. Am Ende ihrer Erzählung brach sie in Tränen aus. „Er fehlt mir so sehr!“ schloss Frida und verfiel in Schweigen.

Der Weise Weiße Hirsch blickte Frida mit einem zugekniffenen Auge an. Dann warf er schweigend das Ifá-Orakel und schließlich sagte er ruhig: „Dein Schmerz ist unermesslich.“

Frida wollte sich gerade verstanden fühlen, da erweckte sie der zweite Satz des Priesters wie ein Peitschenhieb: „Deine Dummheit aber auch.“

Frida riss die Augen auf. Der Hirsch fuhr fort: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Dein selbstsüchtiger Kalbskopf von Sohn ist das Produkt seiner ebenso selbstsüchtigen Mutter-Kuh! Was sprichst Du immer nur von Dir! Als wüsstest Du nicht, dass jedes Kalb sich irgendwann von seiner Mutter lösen und seinen eigenen Weg gehen muss! Das ist nun mal der Lauf der Welt und wenn Du versuchst, ihn aufzuhalten, dann wirst Du ganz sicher unglücklich werden. Oder verhungern. Also versuche es lieber nicht. Wenn Dein Edgar sein Glück im Norden finden will, dann geh und bete für ihn, wenn Du ihn wirklich liebst!“

Der Priester packte das Orakel wieder ein. Das Gespräch war beendet.

Frida ging hinaus zu ihren Freundinnen. Die blickten sie fragend und neugierig an. Eine ging hinein, um das Finanzielle mit dem CBS zu regeln. Die Freundinnen hatten für diesen Tag gesammelt und gespart. Im Sozialismus funktioniert der Zusammenhalt zwischen den Menschen eben noch besser als in der Überflussgesellschaft.

Auf dem Rückweg in ihr Dorf sagte Frida kein Wort. Es war, als hätte sie nach dem Appetit und dem Schlaf nun auch noch die Sprache verloren.

Zuhause angekommen verbrachte sie eine durchwachte Nacht am Strand. Gegen Morgen stieg eine immer größere Wut in ihr auf. Zunächst Wut auf den Weisen Weißen Hirsch: „Esoteriker!“ fluchte sie. „Besserwisser! ¡Hijo de puta![2] Du hast leicht reden!“ Dann Wut auf ihren Edgar, der sie verlassen hatte, nachdem sie alles für ihn gegeben und getan hatte! Erst stand sie auf und schrie gegen die Brandung, als wollte sie noch in Florida gehört werden. Dann kletterte sie auf eine Palme und schleuderte einige Kokosnüsse zu Boden. Die nächsten Tage wütete sie am Strand. Eine Kokosnuss nach der andern zerquetschte sie mit bloßen Hufen, bis der Sand übersät war von den zermatschten Früchten.

Der CBS bringt Frida auf die Palme
Der CBS bringt Frida auf die Palme

 

Doch allmählich, ganz allmählich verwandelte sich ihre blinde Wut in gezielte Tatkraft. Vorbei waren die Tage, an denen sie regungslos vom Strand auf’s Meer gestiert hatte. Frida begann, sich ein neues, eigenes Leben aufzubauen. Sie nahm eine Teilzeitstelle in der Nachmittagsbetreuung einer Ganztagsgrundschule an. Sie lernte Englisch. Und zwar richtig gut. Bald las sie Hemingway im Original. „Wer weiß, wofür ich das einmal gebrauchen kann“, sagte sie zu ihren Freundinnen. Frida begann wieder zu schlafen, zu essen und eines Tages konnte sie auch wieder lachen. Es war ein anderes Lachen als früher, aber ein Lachen.

Der Weise Weiße Hirsch hatte sein Ziel erreicht.

Edgar hatte es übrigens tatsächlich geschafft, trockenen Fußes auf amerikanischem Boden anzukommen. So erhielt er als angeblich politisch verfolgtes kubanisches Kalb automatisch ein Aufenthaltsrecht. Er lernte die Sprache mit einiger Mühe und schlug sich als Sänger in einem Nachtclub in Miami und als Begleiter einsamer Damen durch. Seine Spezialität waren Lieder von Frank Sinatra auf Spanisch, obwohl er dafür eigentlich noch viel zu jung war. Seine einschmeichelnde Stimme, sein Augenklimpern, sein überaus maskuliner Akzent und sein treuer Blick brachten ihm Erfolg bei den Frauen. Genau genommen tat er jetzt das Selbe, was viele seiner Kumpels auf Kuba früher mit den älteren kanadischen Touristinnen getan hatten: zuzwinkern, anbaggern, melken, entsorgen.

Eine ganze Weile ging das gut. Dann geriet er eines Nachts aufgrund seines karibischen Temperaments vor der Tür des Clubs in eine Auseinandersetzung mit dem Anführer einer Drogengang. Als lateinamerikanischer Machote[3] konnte er sich vor seiner Begleiterin keine Blöße geben. Es kam zum Kampf, den er besser vermieden hätte, wenn sein Hirn nicht so von Testosteron vernebelt gewesen wäre. Ein Streifschuss erwischte ihn. Zwar kam er dank des beherzten Eingreifens von Crockett und Tubbs gerade noch mit dem Leben davon, doch musste er aus Florida verschwinden. Per Anhalter schlug er sich nach Kalifornien durch.

Dort verlor sich seine Spur.

 

[1] Coaching und Beratung
[2] Hurensohn
[3] Machote = großer Macho

FOC: Zita aus München

 

Zitas Leben war nicht immer leicht gewesen. Nach dem frühen Tod ihres Gatten Markus hatte sie sich und die Kälber allein versorgen müssen. Der Gatte hatte ihr außer dem alten Mercedes nicht viel hinterlassen. Er war das, was man in München einen „Hallodri“ nannte. Während er tagsüber als „selbständiger Unternehmer“, wie er stets betonte, mit seinem abgerockten Mercedes-Taxi unterwegs war, machte er nebenbei hier und da nicht nur das ein oder andere halblegale Geschäftchen, sondern auch die ein oder andere eher weniger zarte Bekanntschaft klar. Er stand auf handfeste Weiber. Wenn Rücksitze Geschichten erzählen könnten, wäre sein Fahrzeug erst ab 18 freigegeben gewesen. Vielleicht hing es mit diesen nicht unbedingt altersentsprechenden Turnübungen in der Enge seines Fahrzeugs zusammen, dass Porno-Markus, wie ihn die Kollegen nannten, unter einem chronischen Rückenschmerzproblem litt, das viel zu seiner – besonders bei Föhn-Wetterlagen – chronisch schlechten Laune beitrug.

Reichtümer waren im Taxi-Gewerbe nicht zu verdienen. So blieben Zita von ihrem notorisch untreuen Gatten nach dessen jähem Unfalltod – er war bei einem seiner nächtlichen Streifzüge durch die Münchner Rotlichtbars in betrunkenem Zustand von einer Straßenbahn erfasst und vierzig Meter weit mitgeschleift worden – nicht viel mehr als eine alte Rolex dubioser Herkunft mit durch den Aufprall gebrochenem Glas aber intakter Schweizer Präzisionsmechanik und natürlich besagter Mercedes. Sowie, vielleicht das Wertvollste von allem, die Taxi-Lizenz.

Zita nahm sich nicht viel Zeit zum Trauern. Sie streifte die Rolex mit dem gebrochenen Glas über und erwarb in kürzester Zeit die Erlaubnis zur Personenbeförderung. Schließlich mussten die Kälber ernährt werden. Aufgrund ihrer Tatkraft, ihres ebenso robusten Auftretens wie ihrer hohen Sensibilität hatte sie sich im Kreis der wenigen deutschstämmigen Taxifahrer bald einen festen Platz erobert. Die Zita, so hieß es, war eine patente Person. Und schließlich auch die Witwe vom Porno-Markus, den der öffentliche Nahverkehr das Leben gekostet hatte. Ob damit die Straßenbahn gemeint war oder die Nutte, die ihn so besoffen gemacht hatte, blieb dabei der Fantasie des Zuhörers überlassen.

Zita am Steuer ihres Mercedes
Zita am Steuer ihres Mercedes

 

Das Taxi-Gewerbe war schon damals in München ein hartes Brot. In den letzten Jahren hatten immer mehr ausländische Chauffeure Lizenzen erworben. Sie arbeiteten mit allen Tricks. Jeder gegen jeden jagten sie sich gegenseitig die Fahrgäste ab. Doch Zita hatte sich bald einen treuen Kundenstamm aufgebaut. Viele reiche alte Kühe aus den besseren Stadtteilen, die sich von ihr zum Arzt oder ins Café fahren ließen, wo sie, nach ein paar zusätzlichen Insulin-Einheiten, mächtige Sahnetorten verspeisten und sich gegenseitig von ihren Arztbesuchen berichteten. Einige Geschäftsleute waren auch dabei. Hier gab es lukrative Fahrten zum damals noch neuen Flughafen im Erdinger Moos.

Zita fuhr tagsüber, so lange die Kälber noch in der Schule waren. Die Nacht war nichts für sie. Zu viele Betrunkene, auf die sie leicht gereizt reagierte, wie auf ihren Markus. Ein oder zwei Mal hatte sich das hochgeschaukelt und nur dank des beherzten Eingreifens von Kollegen konnte eine Eskalation zum Schaden der Fahrgäste vermieden werden. Zita hatte nämlich nach dem Tod ihres Gatten nicht nur den Personenbeförderungsschein erworben, sondern auch einen Selbstverteidigungskurs gemacht. Krav Maga für Kühe. Die einzige Regel: Erlaubt ist, was wirkt. Ein gezielter Stich mit dem Huf ins Auge, ein Schienbeinkantenschlag auf den Kehlkopf. Ein Knie ins Gemächt. Hauptsache plötzlich und unerwartet. Wie die Straßenbahn bei Porno-Markus.

Zita hat große Brüste und breite Hüften, die durch ihre sitzende Tätigkeit allmählich noch ausladender geworden waren, was ihr aber im Zweikampf auch eine größere Stabilität verlieh. Dennoch wurde Zita älter und die langen Arbeitszeiten zehrten an ihr. Immer häufiger machte sie sich Gedanken über eine mögliche Alternative zum harten Taxigeschäft.

Im September fand der alljährliche Kongress der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes wiederum in München statt. Es kamen Teilnehmer aus der ganzen Republik. Ärzte, die sich auf Kosten der Pharmaindustrie ein paar schöne Tage in der heimlichen Hauptstadt machten. Für Zita bedeutete das: viele lukrative Fahrten vom Flughafen in die Stadt und viele interessante Gespräche mit ihren Fahrgästen. Sie lernte viel über die Volkskrankheit Rückenschmerz. Ihr Markus hatte das Problem ja auch gehabt, so konnte sie ein wenig mitreden. Jedenfalls wurde ihr klar: Kongress hin, Pharmaindustrie her, eine Lösung gab es für die Krankheit nicht und es bestand eine immense Nachfrage nach alternativen Therapiemethoden.

Als Taxifahrerin wusste sich Zita Zutritt zu den meisten geschlossenen Veranstaltungen zu verschaffen und so besuchte sie an einem freien Vormittag den Kongress. Beim Wandern durch die Industrieausstellung im Foyer stieß sie auf den Stand einer Heilpraktikerschule. Sie kam mit den Damen dort ins Gespräch und informierte sich ausführlich. Gesucht wurden Menschen mit Lebenserfahrung und einem Hang zu ebenso irrationalen wie hartnäckigen Überzeugungen. Zita, die schon manchem aufgeregten Fahrgast das Leben mit den Bachblütennotfalltropfen aus dem Handschuhfach gerettet hatte, fasste einen Entschluss, den sie mit der ihr eigenen Konsequenz umsetzte. Die Kälber waren mittlerweile aus dem Haus und es war Zeit für eine Veränderung.

Sie ließ sich eine Weile krankschreiben, besorgte sich ein Attest von ihrem Hausarzt und ging damit zum Arbeitsamt, wo sie eine Umschulung beantragte, die ihr auch anstandslos genehmigt wurde, da die Behörde gerade mal wieder Geld übrig hatte, wenn auch nicht für sinnvolle Maßnahmen.

Zita absolvierte eine Ausbildung zur feinstofflichen Heilpraktikerin nach der Göthertschen Methode, weil sie festgestellt hatte, dass die meisten Menschen umso lieber an eine Methode glauben, je blödsinniger sie ist. Und wenn jemand chronisch krank ist, klammert er sich sowieso an jeden Strohhalm.

Nach erfolgreich abgelegter Prüfung verkaufte sie die Taxi-Lizenz und den Mercedes und hatte damit einen Grundstock für die Einrichtung ihrer eigenen Praxis beisammen. „Zita Gschaftlhuber, Heilpraktikerin (staatl. anerk.)“, stand auf ihrem Praxisschild. Die beste Marketing-Armada, die man sich denken kann, machte 24 Stunden am Tag Werbung für sie: ihre ehemaligen Taxifahrer-Kollegen. Wenn die einen Krankentransport erledigten, erzählten sie ihren Fahrgästen von den sagenumwobenen Heilkräften ihrer patenten Ex-Kollegin.

So dauerte es nicht lang und Zita hatte keine Termine mehr frei. Die Schmerzgeplagten standen vor ihrer Tür Schlange. Zita beriet, schröpfte, nadelte, injizierte. Erlaubt ist, was wirkt. Was beim Krav Maga funktionierte, konnte in der Heilkunst nicht verkehrt sein. Sie liquidierte stets in bar, am Ende jeder Behandlung, denn man wusste ja nie, wie lange einer noch zu leben hatte. Und wie man Schwarzgeld macht, das hatte sie schließlich beim Taxifahren gelernt.

Zita war fleißig, geschäftstüchtig und verdiente nicht schlecht. Bald konnte sie das zerbrochene Glas in Markus‘ Uhr ersetzen lassen. Mit ein bisschen Wehmut dachte sie an die gemeinsamen Zeiten zurück. Ach, dachte sie, wenn ihr Markus das noch miterlebt hätte, er wäre bestimmt sehr stolz auf sie gewesen. Andererseits, wenn er damals nicht gestorben wäre, hätte sie niemals ihre eigene Praxis eröffnet.

Mit diesen Überlegungen gab sie sich einen Ruck und blickte unter ihren allmählich silbern gewordenen Haaren wieder nach vorn.

In eine goldene Zukunft.

FOC: Sally Io und Osama

Osama

Die Geschichte dieses jungen Stieres ist kompliziert und der Bericht etwas heikel, denn er könnte religiöse Gefühle verletzen, was keinesfalls beabsichtigt ist.

Osama ist kein Taliban. Benannt wurde er nach seinen Eltern Sa-ndra und Ma-nfred. Die waren beide katholisch und lebten im Sauerland. Gar keine schlechte Gegend für katholische Rinder.

Manfred war der einzige Stier im Ort. Er trieb sich viel herum und keine Kuh war vor ihm sicher. Sandra saß meistens zuhause wartend vor dem Fernseher und trank Weinschorle. Auf den ersten Blick wartete sie auf Manfred. Worauf sie wirklich wartete, wusste sie selbst nicht. Vermutlich hatte sie sich diese Frage noch nicht einmal gestellt. Es war aber ganz klar, wer auf Sandra wartete. Er trug einen schwarzen Umhang und mit jedem Glas Weinschorle rückte er ein wenig näher.

Osama war ein begabtes Kalb. Als er klein war, trank Sandra noch nicht so viel. Sie nahm sich viel Zeit für ihn und unterstützte seine schulische Laufbahn so gut sie konnte.

Nach dem Abitur tat sich Osama aber schwer, seinen Platz im Leben zu finden. Er hatte kein Ziel und ihm fehlte die Struktur, die ihm die Schule noch geboten hatte. Eines war allerdings klar: er wollte weg von zuhause. Also immatrikulierte er sich an einer nicht weit entfernten Fachhochschule für Sozialwissenschaften und bezog ein Zimmer im Studentenwohnheim. In dieser Zeit experimentierte er viel mit unterschiedlichsten Drogen, wobei die meisten im Sauerland zwar aufgrund des eher widrigen Klimas nicht gut gediehen, aber doch problemlos als Import käuflich zu erwerben waren. Wer das Sauerland und seine Bewohner kennt, kann vielleicht auch das Bedürfnis der dortigen Jugend nach bewusstseinserweiternden Substanzen ein wenig nachvollziehen. So dümpelte Osama Semester für Semester an der Hochschule herum. Mehrfach stand er kurz vor der Exmatrikulation und konnte seinen Verbleib dort nur dank seines freundlichen und friedfertigen Wesens sowie seiner ebenso geheimen wie intimen Kontakte zur Dekanin retten.

Osama beim Chillen im Sauerland
Osama beim Sonnenbad im Sauerland

 

Die Ereignisse aus dem Jahr 2001 brachten eine Wende in Osamas Leben. Sie veranlassten ihn, sich intensiver mit Religion auseinanderzusetzen. Die Begegnung mit dem Priester einer fremden Religion an seinem Studienort führte zu einer grundlegenden Auseinandersetzung mit spirituellen Fragen. In besagtem Priester schien Osama endlich die verständnisvolle Vaterfigur gefunden zu haben, nach der er sich immer gesehnt hatte. Der gab ihm Orientierung, klare Antworten auf seine drängenden existenziellen Fragen. Dinge, die einen jungen Mann beschäftigen, wie „wo komme ich her und wo gehe ich hin und wer kommt mit?“

Der Priester nahm ihn mit in seine Gemeinde, wo Osama herzlich aufgenommen wurde. Er unterrichtete ihn in der arabischen Sprache, die so aufregend anders war als der sauerländische Dialekt. Es war schließlich nur konsequent, dass sich Osama in seiner Sehnsucht nach Leitbildern, Identität und Zugehörigkeit der Gemeinde anschloss.

Bis hierher war das auch alles noch in Ordnung – eine erfreuliche Entwicklung hin zu mehr Individuation bei gleichzeitiger Öffnung zur Welt und deutlich verringertem Drogenkonsum.

Osama schloss – nicht zuletzt dank der diskreten Unterstützung der übrigens verheirateten Dekanin – sein Studium ab, bekam danach aber natürlich keinen Job: Sozialwissenschaften. 16 Semester bis zum Abschluss. Vollbart. Sauerland. Nicht einfach zu vermitteln.

Wie er es sich in der Zeit des heftigsten Drogenkonsums angewöhnt hatte, gab er dafür der bösen Welt die Schuld. Er fühlte sich unverstanden. Ausgegrenzt. Und kochte innerlich vor Wut. Er trieb sich viel auf Bahnhöfen herum und lernte einige Mitglieder der Sauerlandgruppe kennen. Gegen den erbitterten Widerstand seines Priesters wurde Osama Fanatiker und verteilte kostenlose Exemplare wirrer religiöse Traktate in der Fußgängerzone von Prilon.

Es hätte ein böses Ende mit ihm nehmen können, wenn er nicht auf einer Wiese nahe der Ortschaft, wo er gerade zur Entspannung ein wenig Gras rauchte, plötzlich eine Erscheinung gehabt hätte.

 

Sally Io

Eine schneeweiße Kuh raste vom Berg herunter, paradoxerweise in einem Affentempo, direkt auf Osama zu.

Sally Io.

Sally Io war als Tochter des griechischen Einwanderers Inachos Fondos, eines einfachen Fischers, und seiner US-amerikanischen Gattin Jane Fonda in Los Angeles geboren worden.

In ihrer Jugend war Sally Io eine recht oberflächliche und daher meist glückliche Kuh, die sich wie die meisten ihrer amerikanischen Freundinnen völlig unreflektiert allen Moden und Zeitströmungen hingab. Sally Io war immer recht sportlich, betrieb intensiv Aerobic, vor allem weil sie die bunten Stulpen cool fand. Sie war in Ken verknallt, ihren brasilianischen Aerobic-Instructor. Dass der schwul und ein stadtbekanntes Flittchen war, wollte sie nicht wahrhaben. Vielleicht ahnte sie es auch und es kam ihrer tief verwurzelten Angst vor reifer Sexualität entgegen.

So begnügte sie sich mit Schwärmen und blieb dadurch nicht zuletzt vor ungewollter Schwangerschaft geschützt. Sehr zur Freude ihres Vaters, dem ihre Keuschheit am Herzen lag und der es aus diesem Grund am liebsten gesehen hätte, wenn möglichst alle jungen Männer der Stadt die unsägliche Leidenschaft des Aerobic-Lehrers geteilt hätten, die man übrigens aus seiner Sicht völlig zu Unrecht als das „Laster der Griechen“ bezeichnete, war er doch damit erstmals wissentlich in den Vereinigten Staaten konfrontiert worden. So verschließt eben jeder auf seine Weise die Augen vor der Realität. In manchen Familien scheint diese Neigung geradezu erblich zu sein.

Daher bemerkte auch Sally Io lange Zeit nicht die interessierten Blicke ihres Geschichtslehrers. Mr. Zeus war bei den Schülern als engagierter Lehrer beliebt, weil er neben dem Unterricht zahlreiche Freizeitaktivitäten anbot, wie zum Beispiel eine Theatergruppe und sonntägliche Ausflüge ins Grüne.

Es geschah auf einem dieser Ausflüge, dass er sich Sally Io näherte. Sie empfand sein Interesse als schmeichelhaft. Er war so ein kluger und belesener Mann! In der Theatergruppe hatte er das besondere Talent, in die unterschiedlichsten Rollen zu schlüpfen und sich so zu verkleiden, dass er der dargestellten Person täuschend ähnlich sah. Besonders die Rolle des jugendlichen Liebhabers schien ihm zu liegen. Als solcher erschien er ihr bei einem Ausflug. Nebel kam auf. Sally Io ließ sich täuschen und kurze Zeit später war es um ihre Tugend geschehen.

Als ihre Regel ausblieb, konsultierte sie einen Arzt. Dieser tat, was er tun musste: er führte einen Schwangerschaftstest und eine Ultraschalluntersuchung durch. Sally Io weinte bitterlich. Ihre Eltern zwangen sie zu einer Abtreibung und schickten sie auf ein Internat. Sally Io verlor ihr Lachen. Sie verbrachte die erste Zeit apathisch auf ihrem Zimmer. Bis sie es nicht mehr aushielt. Als sich die Starre löste, geriet sie in Raserei. Wie von einer Bremse gestochen floh sie aus dem Internat.

Es folgten lange Monate des Umherirrens. Sie nahm den ersten Flug nach Athen. Von dort reiste sie weiter zu Fuß nach Istanbul, wo die Polizei sie aufgriff, als sie versuchte, den Bosporus zu durchschwimmen. Sie verbrachte mehrere Tage in einem türkischen Gefängnis. Als der US-Konsul die Minderjährige aus dem Gefängnis geholt hatte und sie wieder in ein Flugzeug nach Los Angeles verfrachten wollte, gelang ihr erneut die Flucht. Sie schlug sich durch Kleinasien und landete schließlich in Kairo. Da sie inzwischen dramatisch an Gewicht verloren hatte, war sie kaum von den dünnen ägyptischen Kühen zu unterscheiden. Einzig ihr schneeweißes Fell fiel auf. Auf Anfrage gab sie sich als Mutante aus, lüftete zum Beweis kurz ihre Sonnenbrille und zeigte ihre rotgeweinten Kuhaugen.

Kuhriocity
I wear my sunglasses at night

 

Sie schlief unter freiem Himmel auf dem Tahrir-Platz. In den Unruhen des Arabischen Frühlings fiel sie nicht weiter auf. Sie verstand nur immer wieder das Wort „Muhbarack“ und dachte, das könne vielleicht eine geeignete Unterkunft für sie sein. Doch ohne Sprachkenntnisse und ohne Geld konnte sie das Haus nicht finden. So lief sie weiter nach Alexandria, wo sie sich auf ein Schiff schlich, mit dem sie als blinder Passagier über das Mittelmeer nach Italien reiste. Von dort ging es weiter nach Norden, in Richtung Dolomiten, wo es ihr gelang, einer etwas irren Südtiroler Kuh beide Ohrmarken zu klauen. Nun hatte sie gewissermaßen einen gültigen Pass und konnte sich ein wenig entspannen.

Dennoch kam sie nicht zur Ruhe. Sie lief – nun in gemäßigterem Tempo – weiter über die Alpen und kam über den Brenner nach Österreich. In Kitzbühel wollte sie einen kurzen Stopp einlegen. Dort fiel sie mit ihrem schneeweißen Fell nicht mehr so auf, denn in Kitzbühel konkurrierten alle Kühe um extravagante und teure Kleider. Ihre heruntergezogenen Mundwinkel wurden als besondere Arroganz verstanden. Die meisten der reichen Rinder dort guckten irgendwie mürrisch, weil Luxus allein nicht glücklich macht. Hier fiel sie also nicht weiter auf.

Als sie nachts ein paar bunte Aerobic-Stulpen von einer Wäscheleine genommen und am nächsten Tag übergestreift hatte, schauten ihr alle heimlich neidisch hinterher. Wie das aber mit Neidern so ist, versuchten manche, ihr zu schmeicheln und sich mit ihr anzufreunden. Bewunderung ist eben die freundliche kleine Schwester des Neids. Aha, dachte Sally Io, mit einem coolen Outfit bist Du also auch in Europa nicht allein. Viele falsche Freunde. Aber nicht allein.

In einem exklusiven Wellness-Resort engagierte man sie schließlich als Animateur für die auswärtigen Kühe. So konnte sie sich ein wenig Geld verdienen, hatte ein Dach über dem Kopf und gutes Essen gab es außerdem. Trotz täglicher sportlicher Aktivitäten legte Sally Io die auf der bisherigen Reise verlorenen Pfunde schnell wieder zu. Abends stürzte sie sich ins Nachtleben.

Nur ihr trauriger Gesichtsausdruck wollte sich nicht aufhellen.

Das ging monatelang gut. Bis ihr in der Diskothek ein betrunkener amerikanischer Stier nachstellte und sie mit anzüglichen Sprüchen belästigte. Da verlor Sally Io die Kontrolle und trat ihm mit ihren stulpenbewehrten Hufen ins Gemächt. Das ist groß bei einem Stier, sogar bei einem amerikanischen, und daher leicht zu treffen. Vor allem, wenn das Gegenüber betrunken ist. Was Sally Io für Notwehr hielt, führte dennoch zu einer polizeilichen Untersuchung, bei der durch einen gewitzten Dorfpolizisten die Herkunft ihrer Ohrmarken nachverfolgt wurde.

Erneut gelang Sally Io die Flucht. Von Österreich rannte sie über die deutsche Grenze. Keine Kontrollen. Schengen sei Dank.

In Miesbach, kurz hinter der deutschen Grenze, traf sie auf eine andere Streunerin. Mit ihr tauschte sie die Ohrmarken, denn die wollte weiter nach Italien. Sally Io war nun deutsche Staatsbürgerin.

Wohin wollte sie weiter? Sally Io hatte keine Ahnung. Kein Ziel. Nur laufen, laufen, laufen. Der gleichmäßige Rhythmus ihrer Bewegung beruhigte sie. Weiter nach Skandinavien? Polen? Russland? In Deutschland war die Orientierung einfach: Immer entlang der Autobahnen. Ungerade Nummern führten nach Norden. Die Straßen gingen durch die schönsten Landschaften und daher gab es auch immer genug zu essen.

Als sie entlang der A1 am Kölner Westen vorbei kam, fielen ihr die zahlreichen dunklen SUVs auf, die von blondierten Frauen, die ihre engen Jeans in hohe, teure Stiefel gesteckt hatten, ungelenk über die Straßen gesteuert wurden und an jeder Ecke den Verkehr aufhielten. Mehr als einmal wurde Sally Io so in ihrem Lauf ausgebremst und aus dem Rhythmus der beruhigenden Bewegung gebracht. Der Anblick der Luxusgefährte und ihrer Fahrerinnen erinnerte sie an Kitzbühel. Plötzlich stieg eine enorme Wut in ihr auf. Sie steckte sich etwas buntes Laub ins Haar, stellte sich breitbeinig auf, holte tief Luft und begann zu pusten.


Pressemeldung: Hurrikan Sally erreicht Kölner Westen

Vacas Neue Presse, 30.10.2012

Mit großer Wucht hat Hurrikan Sally am Dienstagmorgen den Kölner Westen erreicht. Zeitweise wurden Windgeschwindigkeiten bis 180 km/h gemessen.

In Unterlindenthal war noch in der Nacht eine am Aachener Weiher grasende Kuhherde in eine Grundschule am Clarenbachkanal evakuiert worden.

Nach Angaben der Feuerwehr gestaltete sich die Evakuierung der Herde schwierig, da nicht nur die Ampeln an der Kreuzung Universitätsstraße / Aachener Straße ausgefallen waren, sondern auch einige der Kühe aufgrund von Seh- und Gehbehinderungen nur langsam von der Stelle kamen, so dass sie für die 500 Meter lange Strecke über eine Stunde benötigten. Hinzu kam einem Sprecher des Veterinäramtes zufolge die massive Verängstigung der sensiblen Tiere. Ein Feuerwehrmann wurde von einer dementen Kuh beim Versuch, sie durch Zug an ihrem Rollator schnell über die Straße zu drängen, durch einen ungewöhnlich gezielten Huftritt im Unterleib getroffen, woraufhin er für mehrere Minuten die sturmbedingt ausgefallenen Martinshörner ersetzen konnte. Ein Feuerwehrsprecher: „Isch glaube, für de Kollejen hat sisch dat mit der Familjenplanung erledischt.“

Endlich vor der Schule angekommen, ergab sich als nächste Schwierigkeit für die Herde die Überwindung der Treppe zum ersten Obergeschoß, da der Aufzug aufgrund der Stromabschaltungen ebenfalls ausgefallen war. Es vergingen mehrere Stunden, bis die letzte Kuh in Sicherheit gebracht war. Ein Amtstierarzt kümmerte sich die ganze Nacht um die verstörten Tiere. „Glücklicherweise hatten wir größere Mengen Beruhigungsmittel bevorratet, so dass die Herde letztlich eine ruhige Nacht verbrachte. Bis zum Morgen waren alle Tiere entspannt eingeschlafen,“ so der Mediziner.

Nach Abschluss der Evakuierung wurden noch zahlreiche Passanten auf ihrem Weg in Notunterkünfte von umher fliegenden Kuhfladen getroffen. Dabei wurden insgesamt acht Personen verletzt. Ein Mann erstickte, weil ihm ein Fladen die Atemwege verstopft hatte. Für ihn kam jede Hilfe zu spät. Das Gesundheitsamt ging heute auf Anfrage nicht davon aus, dass für die übrigen Opfer eine BSE-Gefahr bestand. „Alle Kühe verfügten über den vorgeschriebenen Impfschutz,“ so der Veterinär.

In Junkersdorf wurden insgesamt 38 Blondinen verletzt, als sie mit ihren schwarzen SUVs in zweiter Reihe parkten, um in einem Schuhgeschäft Hamsterkäufe zu tätigen. Ihre großflächigen Sonnenbrillen wurden von einer starken Windböe erfasst, der ihre ausgehungerten Körper nichts entgegenzusetzen hatten, so dass sie endgültig jegliche Bodenhaftung verloren.

Dass sie mitsamt ihren asozialen Vehikeln vom Hurrikan auf Nimmerwiedersehen durch die Luft davon getragen wurden, ließ den Pfarrer einer nahe gelegenen Kirche hinter der Sturmkatastrophe einen göttlichen Plan vermuten.

Inzwischen ist Sally wieder abgezogen, um sich nach einer Erholungspause die nächste Großstadt vorzunehmen.

 

Befriedigt betrachtete Sally Io ihr Werk. Die SUVs waren aus dem Weg geräumt. Ihre Schwestern waren in Sicherheit. Die Luft war raus, die Wut war weg. Sie konnte weiterlaufen. Entlang der A1.

So kam Sally Io schließlich ins Sauerland.

Wie gesagt, keine schlechte Gegend, wenn man ein Rind ist.

Sally Io nach dem Sturm
Sally Io nach dem Sturm

 

Sally Io und Osama

Nun stand Sally Io also auf besagter Wiese vor Osama.

Osama betrachtete fragend seinen Joint und verfluchte den Dealer, weil er die imposante schneeweiße Kuh, die auf ihn zugerast und erst in letzter Sekunde mit quietschenden Hufen unmittelbar vor ihm zum Stillstand gekommen war, nachdem sie eine lange Bremsspur in die Wiese gefräst hatte, zunächst für eine Halluzination hielt.

Sally Io schaute ihn von oben herab an und stellte nüchtern fest: „Drogen sind Scheiße!“ Da wusste Osama, dass er nicht halluzinierte. Diese Erscheinung war real. Osama wagte keinen Widerspruch und warf seinen Joint weg. Sally Io trat ihn aus. Sie schauten einander an.

In diesem Moment entbrannten beider Herzen in Liebe.

Osama hörte auf, Drogen zu nehmen. Nicht etwa, um Sally Io zu gefallen, sondern einfach weil er plötzlich so gar kein Bedürfnis mehr danach verspürte. Die Liebe zu ihr hatte seine Leere gefüllt. Osama wurde sanfter und gelassener. Seine Einstellung zur Religion wurde weniger fanatisch. Sally Io, die sich durch ihre Erfahrungen in Ägypten eine gewisse Sympathie für seinen Glauben bewahrt hatte, stellte ihm viele Fragen. Osama erklärte ihr alles mit großer Geduld.

Eines Tages ging er mit ihr zu seinem Priester. Der nahm den verlorenen Sohn und seine neue Freundin mit offenen Armen auf. Obwohl diese Geschichte eigentlich aus dem Neuen Testament stammt. Es dauerte nicht lang, da drängte die Gemeinde auf eine Hochzeit: „Ein Mann hat sexuelle Bedürfnisse, die er befriedigen muss, sonst wird er krank. Du musst heiraten, Osama, und zwar bald!“ stellte der Priester mit Entschlossenheit fest. Osama hatte in der Zwischenzeit durch seinen konsequenten Verzicht auf Drogen allmählich zu mehr Antrieb und Tatkraft gefunden. Auch seine Libido war zurückgekehrt. So machte er Sally Io einen Antrag, den sie beglückt annahm. Bald wurde Hochzeit gefeiert.

Osama und Sally Io zogen zusammen und gestalteten ihr Leben voller Liebe und nach den Regeln ihrer Religion. Sally Io machte es gar nichts aus, ein Kopftuch zu tragen. Nur was die Länge ihrer Kleider anging, setzte sie sich durch mit dem Argument, dass lange Röcke sie zu sehr beim Laufen behindern würden. Osama war ein modern denkender Mann geworden und er hatte nichts dagegen, dass Sally Io weiterhin ihrem Sport nachging. Sie trainierte für den Nil-Marathon in Kairo. Manchmal fand er ihre eng anliegende Funktionskleidung zwar ein wenig unangemessen für eine verheiratete Kuh, aber seufzend sah er ein, dass auch er Kompromisse machen musste. Und schließlich ergötzten ihn ihre festen Pobacken, die sie durch das viele Laufen stramm erhalten hatte. Sally Io ließ ihn nach außen den Macho spielen. Zuhause, das wusste sie, war er ein sensibler und liebevoller Gefährte, auf den sie sich stets verlassen konnte und der sie vor jeglicher Zudringlichkeit fremder Bullen schützte.

Auch wenn sie manchmal ein wenig den Kopf über einander schütteln mussten – er über ihren sportlichen Ehrgeiz, sie über sein religiöses und politisches Engagement – so wussten sie doch zu jeder Zeit, was sie aneinander hatten.

Denn Liebe heißt auch: Toleranz.

Manchmal spielten sie sich gegenseitig Streiche und neckten einander wie kleine Kinder.

Doch war ihre Beziehung stets getragen von der tiefen Zuneigung, die sie bereits im Moment ihrer ersten Begegnung gespürt hatten.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

Übrigens im Kölner Osten.

Da gibt es weniger SUVs und Kopftücher fallen auch nicht so auf.

Glücklich im Alltag: Sally Io und Osama
Glücklich im Alltag: Sally Io und Osama