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Outbreak: Carmen et Victor Bourrédevirus-Roussette du Sénégal (Sep. 2014)

 Mama África tem
Tanto que fazer
Além de cuidar neném
Além de fazer denguim
Filhinho, tem que entender
Mama África vai e vem
Mas não se afasta de você. 

(Chico César)

(Mama Afrika hat soviel zu tun, außer das Baby zu versorgen, außer Zärtlichkeit zu schenken. Söhnchen, du musst verstehen, Mama Afrika geht und kommt,
aber sie wendet sich nicht von dir ab.)

 

Outbreak: Carmen und Victor Bourrédevirus-Roussette

 

08. März 2014   Atemlos durch die Nacht – die Seuchen nehmen Fahrt auf

In den letzten Monaten war Carmen bei ihren seltenen Streifzügen durch die Kölner Kneipenszene immer wieder von einer plötzlichen Übelkeit befallen worden. Diese wurde meist abgelöst von einem unwiderstehlichen Drang, zu den Klängen der Ouvertüre von „Tristan und Isolde“ mit bloßen Hufen zu töten.

Nachdem sich dieser Ablauf mehrfach wiederholt hat, wird unserer sensiblen Musikkritikerin plötzlich der Zusammenhang zwischen ihren Symptomen und der penetranten Wiederholung eines ebenso schwachsinnigen wie eingängigen Liedchens von Helene Fischer bewusst. „Diese Musik ist die Pest des 21. Jahrhunderts!“ stellt Carmen angewidert fest.

Bitte hier klicken, um Carmen beim Anhören von Atemlos zu sehen!

Ihrer Eingebung folgend, dass es sich angesichts der unkontrollierten Ausbreitung des Ohrwurms um eine Art Seuchenproblematik handeln muss, vermutet Carmen einen Zusammenhang zwischen der Verleihung des „Echo“-Preises an Helene Fischer und dem aktuellen Ausbruch einer Ebola-Epidemie in Westafrika: “Der HERR konnte diese Preisverleihung nicht ungestraft geschehen lassen. Leider trifft sein Zorn wieder einmal die Falschen”, stellt Carmen resigniert fest.

Als sie ihre These mit Jorge diskutieren will, der sich seit langem bemüht, unserer rachsüchtigen Heldin das Konzept von einem liebenden Gott näher zu bringen, zieht der nur die Augenbrauen hoch und schüttelt tief seufzend den Kopf.

 

11. März 2014   Seuchenbekämpfung

Mit ihrer Fliegenklatsche erschlägt Carmen beiläufig eine Fledermaus. Wenn sie sich recht erinnert, sollen diese Tiere Hauptüberträger des Ebola-Virus sein.[1] “Man muss das Übel mit der Wurzel ausrotten”, betont die designierte Kommissarin für Seuchenbekämpfung und Rassenhygiene bei der Europäischen Union und hängt die Fliegenklatsche wieder an den Nagel.

Als Carmen die Zeitung aufschlägt, fällt ihr sofort ein Interview mit Thilo Sarrazin ins Auge. Er und seine Freunde von der Alternative für Deutschland (AfD) begrüßen den Ausbruch von Ebola in Guinea. “Seuchen sind immer noch das wirksamste Mittel zur Bekämpfung der Überbevölkerung in Afrika und damit zur Stabilisierung des Euro”, behauptet der Rechtspopulist.

Auf der Kölner Domplatte füttert ein in der Nähe wohnender Rentner im Schutz der Nacht die katholischen Domfledermäuse mit kandierten Blutgerinnseln. “Eine von euch ist mir mehr wert als drei von denen!” säuselt er voller Zärtlichkeit. Neugierige Passanten versucht er von seiner These zu überzeugen, Ebola würde in Afrika vor allem von homosexuellen Fledermäusen auf unschuldige Negerkinder übertragen.

 

13. März 2014   Gnade vor Recht

Mit erhobener Fliegenklatsche steht Carmen am frühen Morgen drohend vor einer verschüchtert blickenden Fledermaus, die sich bei Tagesanbruch in ihre Wohnung verirrt hat. Bevor sie zuschlägt, fallen ihr deren Kurzhaarfrisur und das jungenhafte Gesichtchen auf. “Bist du etwa lesbisch?” fragt Carmen. Ein ängstlich-verschämtes Nicken ist die Antwort. “Na, dann flieg halt…” brummt unsere gutmütige Gleichstellungsbeauftragte und legt die Klatsche vorerst wieder beiseite.

 

05. April 2014   Carmen beliest sich

In den vergangenen Wochen musste unsere ehrgeizige Wissenschaftlerin in Bezug auf die Ebola-Epidemie zu viele Wissenslücken bei sich feststellen. Also nutzt sie eine ruhige Stunde, um sich zu belesen. Sie klappt ihr Q-Book auf und googelt „Ebola“. Dass die Krankheit durch eine Virusinfektion ausgelöst wird, äußerst ansteckend ist und in der Mehrzahl der Fälle trotz intensiver Behandlung relativ rasch zum Tode führt, erinnert sie noch aus ihrer Zeit an der Universität von Tel Aviv. Aber bezüglich der Übertragungswege war sie doch in gravierender Weise falsch informiert.

Kurz gesagt, hatte sie in den letzten Tagen zahllose Fledermäuse völlig unnötigerweise in die Ewigen Jagdgründe befördert. Denn die übertrugen das Virus wohl gar nicht! Zumindest diese nicht. Dafür mussten sie schon aus einem der Epidemiegebiete stammen. Außerdem waren für die Übertragung von Ebola offenbar eher Flughunde zuständig, gewissermaßen die hübschen Verwandten der Fledermäuse. Neben der angenehmeren Optik der Flughunde erfährt Carmen noch einen weiteren Unterschied: Während die Fledermaus ein Insektenfresser und Blutsauger ist, leben Flughunde vegetarisch.

Da waren ihr nun die Flughunde irgendwie sympathischer. Wenn nur diese Geschichte mit dem Ebola-Virus nicht wäre, denkt Carmen, dann würde ich mir glatt einen als Haustier anschaffen. Denn wenigstens muss man mit Flughunden nicht Gassi gehen. Als sie noch liest, dass diese Tiere kopfüber kopulieren, grinst sie in sich hinein und klappt ihr Q-Book wieder zu.

 

06. September 2014   Carmen rettet einen Flüchtling

Nach der aufregenden Zeit in Oberfranken und dem erfolgreichen Abschluss ihrer Verpflichtungen bei den Richard-Wagner-Festspielen hat sich Carmen kurz entschlossen ein paar Tage frei genommen und ist an die Amalfiküste geflogen. In Positano hat sie sich eine bescheidene Suite in einem kleinen Hotel gemietet. Die Einheimischen haben keinen Urlaub mehr und Carmen hat ihre geschäftlichen Anrufe und E-Mails zu einem Auftragsdienst umgeleitet. So stört nichts die beschauliche Atmosphäre und Carmen verbringt die Tage mit Müßiggang. Morgens schläft sie erst einmal aus, dann läuft sie ein wenig am Strand entlang. Anschließend genießt sie ein entspanntes zweites Frühstück in einem der vielen reizenden Cafés der Stadt. Meist nimmt sie sich danach ein Buch und legt sich zum Lesen entweder an den Strand oder an den Pool ihrer bescheidenen Unterkunft. Gerade erfreut sie sich an „El amor en los tiempos del ébola“[2]. Den Roman hatte sie kurz nach seinem Erscheinen geradezu verschlungen und erst vor kurzem beim Abstauben ihres Bücherregals wiederentdeckt.

Manchmal schaut Carmen aber auch einfach nur den Wolken hinterher, die vom Meer über die Stadt ziehen.

Es sind erholsame Tage.

Carmen Ronda oder de Ronda, wie seit ihrem zweiten Geburtstag amtlich ihr Name lautet, hat an einem Herbstvormittag des Jahres 20.., das unserer Welt monatelang eine so gefahrdrohende Miene zeigte, von ihrem Hotel in der Berlusconi-Straße zu Positano aus, allein einen weiten Spaziergang unternommen. Ãœberreizt von der schwierigen und gefährlichen Arbeit der letzten Wochen, hat die Doppelagentin dem Fortschwingen des produzierenden Triebwerks in ihrem Innern, jenem „locus animi continuus“, worin nach Cicero das Wesen des Killerinstinkts besteht, auch nach der Morgenmahlzeit nicht Einhalt zu tun vermocht und den entlastenden Schlummer nicht gefunden, der ihr, bei zunehmender Abnutzbarkeit ihrer Kräfte, einmal untertags so nötig war. So hat sie bald nach dem Tee das Freie gesucht, in der Hoffnung, dass Luft und Bewegung sie wieder herstellen und ihr zu einem ersprießlichen Tag verhelfen würden.

(Carmen sagt herzlichen Dank an den Kollegen Thomas Mann, der ihr die Vorlage zu diesem wunderbaren Satz geschickt hat. Denn nicht nur García Márquez hat sich vor ihr intensiv mit dem Seuchenthema befasst.)

Auch heute also macht sich Carmen des Morgens wieder auf den Weg, um ein paar Kilometer am Strand entlang zu joggen. „Nachher werde ich mir ein zweites Croissant gönnen“, freut sich unsere hungrige Heldin unterwegs schon auf das anschließende zweite Frühstück. Mit dem leckeren Cappuccino, den der attraktive Barista speziell für sie immer mit einem Herzchen aus Schokopulver auf dem Milchschaum bestäubt und ihr dann mit einem fast schon herausfordernden Augenzwinkern präsentiert.

Solcherart in Gedanken versunken achtet Carmen nicht so sehr auf den Weg und beinahe wäre sie auf ein kleines dunkles Bündel getreten, das plötzlich vor ihr im Sand liegend auftaucht. Gerade noch rechtzeitig kann sie sich zum Stehen bringen. Was ist das denn, fragt sich unsere neugierige Heldin und betrachtet das nasse, haarige und reglose Bündel von allen Seiten. Dann greift sie sich ein kleines Stöckchen, das in der Nähe im Sand liegt und tippt ihren Fund vorsichtig an. Keine Reaktion. Mithilfe des Stöckchens dreht Carmen das schwarze weiche Ding um. Ach, herrje, denkt sich unsere Naturforscherin, als sie plötzlich in das Gesicht eines offensichtlich von den Wellen an den Strand gespülten Flughundes schaut, der allem Anschein nach nicht mehr atmet.

Nachdem Carmen die Schrecksekunde überwunden hat, erinnert sie sich an den letzten Auffrischungskurs in kardiopulmonaler Reanimation, den sie vor kurzem im Rahmen der Verlängerung ihrer Kampfpilotenlizenz bei der Kölner Feuerwehr absolvieren musste. Ohne langes Nachdenken fängt sie also an, vorsichtig mit einem Huf das Brustbein des zarten Geschöpfes rhythmisch nach unten zu drücken. Dabei achtet sie allerdings darauf, nicht in allzu engen Kontakt mit ihm zu kommen. Vorsicht, Ebola, erinnert sie sich.

Es dauert nicht lang und der Flughund fängt an, sich zu ungezielt zu bewegen. Einen Augenblick später hustet er heftig und spuckt eine kleine Fontäne Wasser aus. Carmen weicht zuerst instinktiv zurück, greift dann aber wieder beherzt zu und hilft dem exotischen Tier, den Oberkörper aufzurichten. Dabei vermeidet sie jedoch weiterhin, direkt angehustet zu werden. Schließlich öffnet der Patient die Augen und atmet angestrengt tief ein und aus. Nach einer halben Minute scheint er sich einigermaßen erholt zu haben und schaut Carmen mit offenem Blick direkt in die Augen.

„Salaamaalekum!“[3] bringt er mit einem kräftigen Räuspern hervor. Carmen nickt freundlich. Aha, denkt sie. Der ist wohl wirklich nicht von hier. „Jërë-jëf!“[4] fügt der Flughund hinzu. Carmen weiß nicht so recht, was sie sagen soll. „Parla italiano? ¿Habla español? Speak English? Fala português?“ fragt unsere polyglotte Spanierin ein wenig hilflos.

Der kleine durchnässte Kerl guckt sie nur mit riesengroßen Augen an. Dann strahlt er aber, hustet noch einmal kurz und fängt mit einer zwar rauen, aber doch wohlklingenden und unverkennbar afrikanischen Stimme an zu singen: „Boul ma sene, boul ma guiss madi re nga fokni mane,
 Khamouma li neka thi sama souf ak thi guinaw, Beugouma kouma khol oaldine yaw li neka si yaw, Mo ne si man, li ne si mane moye dilene diapale…“[5] Dabei schaut er Carmen mit jeder Menge Schmalz im Blick weiterhin unverwandt tief in die Augen, so dass unsere begeisterungsfähige Superheldin fast schon geneigt ist, ihrem Barista den Laufpass zu geben. Gleichzeitig erinnert sie sich an die Melodie. Das Lied hat sie doch auf ihrem Q-Pad! Muss wohl so etwa zwanzig Jahre her sein, denkt unsere alternde Musikliebhaberin.

„Desolée, mais je ne sais pas parler Wolof“[6], sagt Carmen in einem letzten Versuch, die Kommunikation vielleicht doch noch auf die verbale Ebene heben zu können. „Ah, tu parler français!“[7] ruft der Flughund erfreut und erweist sich damit als Angehöriger einer gebildeten Schicht. „Comment tu t’appeller? Moi, j’être Victor. Victor Roussette! Je venir du Sénégal… Vachement enchanté!!!“[8] fügt er noch begeistert hinzu, nachdem Carmen sich ebenfalls vorgestellt hat. Da weiß sie nun zwar nicht, wie er das genau meint, entscheidet sich aber, dieser Frage zunächst nicht weiter nachzugehen. Immerhin erinnert sie sich dunkel, dass in Wolof die Verben nicht konjugiert werden. Daher also sein etwas eigenwilliges Französisch. Immerhin versteht sie ganz gut, was er sagt.

(Um den Leser dieser Chronik nicht weiter durch Fußnoten über Gebühr zu strapazieren, sollen die Gespräche der beiden im Folgenden überwiegend direkt in der deutschen Übersetzung wiedergegeben werden.)

Wenigstens scheint er keinen größeren Dachschaden davongetragen zu haben, freut sich Carmen über den Erfolg ihrer Reanimationsbemühungen. Da er nun doch ein wenig zu zittern beginnt und überhaupt recht entkräftet wirkt, schlägt sie vor, ihn in ihr Hotel zu bringen, um ihn erst einmal abzutrocknen und ein wenig aufzupäppeln.

Um kein Aufsehen zu erregen, versteckt Carmen den kleinen Victor unter ihrem Gore-Tex-Laufshirt und schleicht sich durch den Garten des Hotels in ihre Suite. Dort stellt sie ihn unter die warme Dusche, reicht ihm ein frisches weiches Handtuch und bietet ihm eine Cola aus der Minibar an, die er in großen Schlucken austrinkt. „J’avoir faim!“[9] sagt der inzwischen wieder ein wenig zu Kräften gekommene Afrikaner schüchtern. „Das trifft sich gut“, antwortet Carmen. „Ich auch. Komm, lass uns frühstücken gehen.“ Sie reicht ihm eine Bermuda-Short, ein T-Shirt und ein paar Flip-Flops aus ihrem Kleiderschrank. Die Flipflops lehnt er artig ab. Zu Fuß gehen sei nicht so sein Ding, sagt Victor augenzwinkernd.

Um ihren Barista nicht zu verstören, entscheidet sich Carmen heute für ein anderes Café in der Nähe des Strands. Man weiß ja, wozu eifersüchtige Italiener fähig sind, denkt sie im Stillen. Schließlich will sie sich auch nicht die Chancen auf einen kleinen Urlaubsflirt vermasseln. Victor scheint ihr dann trotz seines schmalzigen Blicks und seiner gesanglichen Qualitäten als Intimpartner doch eher nicht in Frage zu kommen. Eigentlich empfindet sie eher mütterliche Gefühle für ihn. Erstaunlich, denkt Carmen, werde ich etwa alt?

Während unsere reifende Heldin sich so ihre Gedanken macht, flattert Victor ein wenig nervös neben ihr her. „Meinst Du, wir fallen hier auf?“ fragt er. „Hm, lass mich überlegen“, antwortet Carmen nachdenklich. „Eine Kuh aus Deutschland mit offensichtlich spanischem Migrationshintergrund läuft, im Flamencokleid, mit einem etwas ausgezehrten und schätzungsweise zwanzig Jahre jüngeren senegalesischen Flughund munter auf französisch plappernd durch die Gassen eines italienischen Touristenkaffs. Also, nur um Deine Frage zu beantworten, ja, könnte sein, dass wir ein wenig auffallen.“ – „Das ist aber nicht gut“, sagt Victor leise. „Hey, ist es Dir peinlich, mit mir gesehen zu werden oder was?“ fragt unsere mitunter grenzenlos eitle Diva gekränkt. „Überhaupt nicht. Aber es könnte vielleicht peinlich werden für Dich.“

Schlagartig ist Carmens unbefangene Urlaubsstimmung dahin. Oh oh oh, denkt sie, anscheinend steckt der Kleine in Schwierigkeiten. Sogleich setzt ihr professionelles Misstrauen wieder ein. Dann erinnert sie sich aber an den Kurs in „Positivem Denken“, den sie im Frühjahr bei der Kölner Volkshochschule zusammen mit elf traurigen Hausfrauen absolviert hat und beschließt, doch auf ihren Instinkt zu vertrauen und auf ihr unerschütterliches Selbstvertrauen, das ihr sagt, dass alle Probleme letztlich nur darauf warten, gelöst zu werden. „Komm, lass uns erst einmal frühstücken, dann erklärst Du mir das alles in Ruhe“, versucht Carmen ihren offenbar etwas nervösen neuen Bekannten zu ermutigen.

Im Café angekommen sind beide froh, dass die meisten Frühstücksgäste offenbar schon gegangen sind. Die Terrasse ist nur spärlich besetzt und die wenigen Gäste scheinen keine Notiz von ihnen zu nehmen. Der Kellner stammt offensichtlich aus Osteuropa und hat sich vermutlich schon vor langer Zeit das Wundern und Fragenstellen abgewöhnt. So können Carmen und Victor in Ruhe auf der Terrasse des Cafés unter einem Sonnenschirm sitzen. Carmen übersetzt ihrem neuen Schützling die Speisekarte und versucht, ihn bei der Auswahl seines Frühstücks zu beraten. „Ich weiß gar nicht, was Flughunde gern essen“, bittet sie ihn um seine Meinung zur Speisekarte. „Wir sind Vegetarier. Nektar, Pollen, Früchte, Blüten und so. Aber ich bin anpassungsfähig. Der Hunger treibt heute sowieso alles rein“, erklärt Victor bereitwillig.

„Nun erzähl mal, was ist Dir heute früh eigentlich passiert?“ fragt Carmen naiv, nachdem sie die Bestellung aufgegeben haben. Victors Blick wird plötzlich sehr ernst und traurig. „Das ist eine lange Geschichte“, fängt er an und versinkt zunächst wieder in Schweigen. „Willst Du die kurze oder die lange Version hören?“ – „Magst Du vielleicht mit der Kurzversion anfangen und dann sehen wir weiter?“ antwortet Carmen mit einer behutsamen Rückfrage, weil sie ein sehr feines Empfinden für die Stimmungen ihrer Gesprächspartner hat und sie gerade von einer gewissen Tragik angeweht wird.

„Nun, die Kurzversion: afrikanischer Flughund flieht vor der permanenten Bedrohung durch Buschfleischjäger, die schon die meisten seiner Freunde aus Kinderzeiten zu wohlschmeckenden Currys verarbeitet haben, und vor der Zerstörung seines Lebensraums durch europäische Investoren. Er verlässt sein Land, gerät in die Hände skrupelloser Schlepper, die ihn unter unwürdigsten Bedingungen und ständiger Lebensgefahr schließlich doch bis an die Küste Nordafrikas bringen, von wo er via Sizilien versucht, auf dem Luftweg auf das italienische Festland zu gelangen, um sich von dort weiter nach Frankreich durchzuschlagen, wo er wenigstens die Sprache versteht und vielleicht einen Asylantrag stellen kann. Unterwegs aber stürzt er irgendwann vor Entkräftung ins Meer – ist nämlich ganz schön anstrengend, wenn man immer versuchen muss, das Radar der Küstenwache zu unterfliegen – und verliert das Bewusstsein. Den Rest kennst Du. Sieht so aus, als ob Du mir das Leben gerettet hast. Jërë-Jëf.“

Mein Gott, schon wieder dieser Hundeblick, denkt Carmen, die nichts mehr fürchtet als wehrlos fremder Leute Verführungskünsten ausgeliefert zu sein.

Ein Flüchtling. Natürlich. Wie konnte ich nur so naiv sein, rettet sich Carmen in die Fakten. War ja eigentlich nichts Neues für sie, hatte sie doch im letzten Jahr Melchior Eins bis Drei aus Seenot vom Kölner Clarenbachkanal gerettet. Zum zweiten Mal ist sie nun unmittelbar mit einem Elend konfrontiert, das sie sonst nur aus der Zeitung kennt.

„Und jetzt bist Du zwar erst einmal in Europa, hast aber keine Papiere und musst fürchten, jederzeit von der Polizei verhaftet werden“, macht Carmen klar, dass sie seine Lage und vor allem seine Nervosität versteht. „So ist das“, antwortet Victor und schweigt betreten.

Der Kellner bringt das Frühstück und unsere beiden Protagonisten greifen mit Appetit zu. „Du kannst meine Früchte haben, wenn Du magst“, schiebt Carmen dem hungrigen Flughund ihr Müsli hin. „Echt, willst Du sie nicht?“ fragt Victor zurückhaltend nach. „Iss nur, ich hab doch noch soviel anderes hier, Croissants, Nutella, und die ganzen Milchprodukte…“, ermuntert ihn Carmen. „Jërë-Jëf“, murmelt Victor und schlägt zu.

Nach dem Frühstück machen sie einen kleinen Verdauungsspaziergang am Meer entlang und gehen dann wieder zurück zum Hotel. Dabei reden sie nicht viel. Jeder hängt so seinen Gedanken nach. Beim Bezahlen im Café war Carmen der misstrauische Blick des Kellners aufgefallen. Sie fragt sich, wie lange sie in Positano noch sicher sein würden und überlegt schon, wie sie Victor heil nach Deutschland bringen könnte. Aber natürlich macht sie sich auch Gedanken um die Tod bringende Krankheit, die er möglicherweise mit sich herumträgt.

Wieder im Hotel misst sie heimlich ihre Temperatur.

38,3 Grad zeigt das Thermometer.

Normal für eine Kuh.

Also alles in Ordnung, beruhigt sie sich. Dennoch setzt sie sich an ihr Q-Pad und recherchiert nochmals über Ebola. Symptome, Ansteckungswege, Inkubationszeit, Behandlung, Sterblichkeitsrate. Das klingt alles recht beunruhigend. Victor hat sich in der Zwischenzeit noch eine Cola aus der Minibar genommen und es sich vor dem Fernseher gemütlich gemacht, wo er sich mit Begeisterung Musikvideos anschaut.

Plötzlich wird die beschauliche Ruhe des Nachmittags durch ein heftiges Pochen an der Zimmertür gestört.

„Carabinieri! Machen Sie die Tür auf!“ tönt es vom Flur. Au weia, denkt Carmen. Die verlieren ja keine Zeit. Rasch zieht sie sich einen Bademantel über, um die Pistole in ihrem Schulterhalfter zu verbergen. Gleichzeitig gibt sie Victor ein Zeichen, sich im Bad zu verstecken. Nachdem er dort verschwunden ist, öffnet Carmen die Tür. Vor ihr stehen vier uniformierte Polizeibeamte mit wild entschlossenem Gesichtsausdruck. „Signora di Ronda?“ fragt der Chef der Truppe. „Sono io“[10], antwortet unsere unerschrockene Heldin wahrheitsgemäß, während die vier an ihr vorbei ins Zimmer gehen und sich dort umsehen. „Ihre Papiere bitte!“ ordnet der Wortführer an. Carmen geht an den Zimmersafe. Aus dem Stapel ihrer Ausweispapiere holt sie einen deutschen Reisepass mit ihrem echten Namen hervor und übergibt ihn dem Polizisten, der ihn einer eingehenden Prüfung unterwirft und ihn dann an Carmen zurückreicht.

„Sono Maggiore Strasser“[11], stellt sich der Offizier vor. „Signora di Ronda, uns liegen Informationen vor, wonach Sie einem illegalen Flüchtling Unterschlupf gewähren. Ich muss Ihnen wohl kaum erklären, dass Sie sich damit strafbar machen.“ – „Wer behauptet das?“ fragt Carmen zurück, um ein wenig Zeit zu gewinnen, während die anderen drei Polizisten die Schränke der Suite öffnen, auf den Balkon hinaustreten und unter dem Bett nachsehen. „Sie werden verstehen, dass wir unsere Informanten nicht preisgeben“, antwortet der Maggiore knapp. „Aber sie sind heute mit einem offensichtlich afrikanischen Flughund gesehen worden.“ Mist, denkt Carmen. Der Kellner hat sie verpfiffen. Bestimmt hat er dafür eine saftige Belohnung eingesteckt. Dabei beobachtet sie aus dem Augenwinkel, wie einer der Polizisten die Tür zum Badezimmer öffnet. Carmen versucht, sich in die Offensive zu flüchten. „Hören Sie, Maggiore Strasser“, schnauzt sie den Offizier an. „Es ist eine Ungeheuerlichkeit, wenn Sie hier nur aufgrund der Äußerungen eines Denunzianten einfach in meine Privatsphäre eindringen. Ich bin deutsche Staatsbürgerin und genieße als Geheimagentin Immunität. Wenn Sie nicht augenblicklich meine Suite verlassen, werde ich mich direkt an Ihren Colonnello wenden und mich über sie beschweren!“ Das mit der Immunität ist natürlich Blödsinn, aber Carmen hofft, dass der Maggiore nicht so gut über die Strukturen des Geheimdienstes informiert ist und sie ihn durch ihre intime Kenntnis der Dienstgrade der italienischen Polizei einschüchtern kann.

„Nonsenso“[12], grinst der Polizist, der Carmens Spiel durchschaut. „Solange Sie sich in Italien aufhalten, unterstehen Sie meiner Befehlsgewalt. Außerdem wollen wir gar nicht Sie, sondern den Afrikaner. Also, Signora, wo halten Sie den Afrikaner versteckt?“ Dieser Punkt geht an den Italiener, denkt Carmen, die es gar nicht leiden kann, wenn ihr die Kontrolle über eine Situation zu entgleiten scheint. In diesem Moment ertönt aus dem Bad ein Schrei. Das Grinsen des Maggiore gefriert. „Na, wer sagt’s denn“, freut er sich und ist mit einem Sprung ebenfalls im Bad. Carmen folgt ihm und da sieht sie die Bescherung: im hintersten Winkel des Badezimmers hat sich Victor an der Decke über der Badewanne in eine Ecke gekauert, wo er sich mühsam festhält, während er vor Angst wie Espenlaub zittert und mit großen Augen auf die Polizisten schaut. Die drängen Carmen aus dem Bad und schließen die Tür. Carmen hört Schritte, kurze Befehle, Stöhnen, schließlich einen Schmerzensschrei und heftiges Fluchen, gemischt mit lautem Klagen. Carmen entschließt sich, einzugreifen. Doch noch bevor sie sich für die passende Strategie entscheiden kann, ertönen einige kurze Befehle des Maggiore und dann nur noch ein zufriedenes „Ich hab’ ihn.“ Wenige Momente danach öffnet sich die Tür zum Badezimmer. Heraus kommen zuerst die drei Unteroffiziere, von denen einer sich die blutende rechte Hand hält, während ihn die beiden anderen stützen. Hinter ihnen tritt der Maggiore durch die Tür. In der Hand hat er einen Kescher. Darin gefangen flattert der arme Victor, ohne eine Chance zu entkommen. Mit weit aufgerissenen ängstlichen Augen schaut er Carmen Hilfe suchend an.

„Wie Sie sehen, kann die italienische Polizei ihre Aufgaben auch ohne die Unterstützung deutscher Geheimdienste lösen“, bemerkt Maggiore Strasser mit der Arroganz des Siegers. Doch er hat seine Rechnung ohne Carmen gemacht.

Die greift mit einer routinierten und blitzschnellen Bewegung unter den Bademantel und zieht ihre Walther PPK hervor. „Wie Sie sehen, lässt der deutsche Geheimdienst seine Freunde nicht im Stich“, antwortet sie trocken und richtet die Waffe direkt auf den Maggiore. „Daher schlage ich vor, dass sie mir jetzt den Flüchtling übergeben. Im Gegenzug verspreche ich Ihnen, noch heute Italien mit ihm zu verlassen. Ihren Vorgesetzten können Sie ja erzählen, Sie hätten uns nicht mehr angetroffen.“ – „Signora, nehmen Sie die Waffe herunter, sonst werden Sie für den Rest Ihres Lebens in einem italienischen Gefängnis verschmachten!“ droht der Offizier, der nicht nur in seinem Gerechtigkeitsempfinden verletzt ist, sondern auch um sein Ansehen als Vorgesetzter und als italienischer Macho fürchtet.

„Maggiore Strasser, bitte nehmen Sie es nicht persönlich, aber ich würde es doch bevorzugen, jetzt mit meinem Freund Victor abzureisen und Ihr schönes Land zu verlassen.“ In diesem Moment nimmt Carmen wahr, wie einer der Polizisten versucht, nach seiner Waffe zu greifen. Mit einem kurzen Hinterhuftritt befördert sie ihn in den Kleiderschrank. Allerdings durch die verschlossene Tür, was zwar eine Menge Lärm macht, den Angreifer aber auch ausschaltet und dazu führt, dass die beiden anderen unaufgefordert ihre Hände in die Luft heben. Der Maggiore steht weiter unbewegt mit dem Kescher in der Hand Carmen gegenüber. „Bitte, Maggiore“, wiederholt sich Carmen gefährlich leise, „lassen Sie meinen Freund jetzt frei.“

In diesem Moment ertönt aus dem Lautsprecher des Funkgerätes des Maggiore eine schnarrende Anfrage. Carmen versteht nur soviel, dass die Zentrale sich bei ihm nach dem Stand der Ermittlungen erkundigt. Carmen ist klar, dass er die Anfrage beantworten muss, wenn sie nicht will, dass in ein paar Minuten die gesamten Carabinieri der Region auf dem Hof des Hotels eintreffen, wahrscheinlich auch noch mit Unterstützung eines Hubschraubers. So ein halb verhungerter afrikanischer Flüchtling wird eben in Europa nicht nur von Wirrköpfen wie Sarrazins AfD schnell als Bedrohung der gesamten Staatsordnung erlebt. „Bitte beantworten Sie die Anfrage. Sagen Sie Ihren Kollegen, dass alles in Ordnung ist. Die deutsche Agentin sei bereits abgereist und habe den Flüchtling wohl mitgenommen.“ Der Maggiore greift mit der freien Hand zu seinem Mikrofon. „Zentrale…“, meldet er sich und fixiert Carmen dabei mit eiskaltem Blick. Pause. Dann drückt er erneut die Sprechtaste am Mikrofon und fährt fort: „Wir benötigen hier dringend…“

Das letzte, was Carmen von Maggiore Strasser in Erinnerung bleiben soll, ist sein erstaunter Blick aus den weit aufgerissenen Augen, während sich der Blutfleck auf seinem schönen weißen Hemd rasch vergrößert und er allmählich auf den Boden sinkt.

Dann steckt die Carmencita ihre Walther PPK wieder zurück in den wunderschönen Schulterhalfter von Hermès, den ihr damals ihr aufmerksamer japanischer Kollege Null-Null-Vielzehn aus Paris mitgebracht hatte.

Die beiden Unteroffiziere sind inzwischen über den Balkon geflohen.

Behutsam nimmt Carmen den Kescher aus der Hand des toten Maggiore und befreit den kleinen zitternden Flughund. „Trink aus, wir gehen“, sagt sie mit ruhiger Stimme zu ihm.

 

07. September 2014   Ankunft in Deutschland

Nach einer wilden Flucht aus Italien sind Carmen und Victor gestern am Abend heil in Deutschland angekommen. Erwartungsgemäß hatte es nach Maggiore Strassers abrupt unterbrochenem Funkspruch nicht lang gedauert, bis in der Ferne die ersten Polizeisirenen zu hören waren. Carmen konnte gerade noch ihr Flamencokleid überwerfen, die Pässe in den Trolley werfen und den verstörten Flughund in ihrer Louis-Vuitton-Handtasche verstecken. Dann rannte sie paradoxerweise im Schweinsgalopp durch den Hintereingang des Hotels auf die Straße, wo sie dem nächstbesten italienischen Jugendlichen seine frisierte Vespa raubte und damit in rasender Fahrt zu ihrer am Provinzflughafen von Positano abgestellten Drohne fuhr.

Ohne vorher die Checkliste durchzugehen startete sie die Triebwerke und rollte ohne Freigabe einfach auf die Startbahn. Als dort einige Polizeifahrzeuge auf sie zukamen, um sie am Starten zu hindern, konnte sie ihr Fluggerät in letzter Sekunde hochziehen. Der beim Abheben von den Triebwerken verursachte Jet blast wirbelte die Polizeiautos wild durcheinander. Bis sich die Polizisten von dem Schrecken erholt hatten, war Carmen bereits außer Schussweite.

Auf dem Flug hielt sie sich an Victors Rat und unterflog bis zur Grenze das Radar der Italiener. Außerdem wählte sie eine einigermaßen unberechenbare Route. So irrten die wenige Minuten nach ihrem Abflug gestarteten Abfangjäger des italienischen Militärs eine Weile ziellos umher, bis sie schließlich unverrichteter Dinge wieder zurückkehrten. Von unterwegs telefonierte Carmen mit einem freundlichen Juristen beim Allgemeinen Deutschen Drohnenclub (ADDC), der ihr mitteilte, dass in Italien begangene Verkehrsverstöße gegenwärtig noch nicht bis Deutschland nachverfolgt werden könnten. Eine Änderung sei zwar für die nahe Zukunft geplant, aber gegenwärtig müsse sie sich diesbezüglich keine Sorgen machen.

Es war ein aufregender Flug, aber schließlich waren unsere beiden Protagonisten am späten Abend sicher in Deutschland angekommen, wo sie unbehelligt landen und sich in Carmens Wohnung in Sicherheit bringen konnten.

„Ich kann gar nicht glauben, was seit gestern alles passiert ist“, sagt Victor am heutigen Morgen nach dem Frühstück zu seiner mutigen Retterin. „Ich will Dir aber nicht noch länger zur Last fallen. Wenn Du mir sagst, wie das in Deutschland läuft, werde ich heute noch einen Asylantrag stellen.“ – „Erstens fällt mir so ein knuffiger kleiner Kerl wie Du nicht zur Last. Das hätte ich Dir sonst schon gesagt. Und zweitens, also das mit dem Asylantrag, vergiss es. Das dauert Jahre. Zwischenzeitlich musst Du in einem engen, nach Pisse stinkenden Container wohnen, wo sich die verschiedenen Nationen gegenseitig zerfleischen, wenn sie nicht gerade vom Wachpersonal vermöbelt werden. Das ist es nämlich, was ein Land wie unseres mit denen macht, die nichts zum Bruttosozialprodukt beitragen. Und gewiss ist es gar nichts für so eine sensible Natur wie Dich. Am Ende wird Dein Antrag sowieso abgelehnt, weil der Senegal als sicheres Land gilt. Nein, lass mal lieber. Ich denke, ich werde heute bei meinen Kollegen vom Q-Sad Papiere für Dich besorgen. Dann hast Du einen deutschen Pass und kannst Dir eine Arbeit suchen. Aber vorher musst Du Deutsch lernen. Und zu allererst müssen wir noch ein paar Gesundheitschecks durchführen.“ – „Bei Dir fühle ich mich zum ersten Mal wirklich sicher“, stellt Victor fest und da ist er wieder, dieser treue Hundeblick, der Carmen schier in den Wahnsinn treibt. „Freu Dich lieber nicht zu früh“, flüchtet sich unsere berühmte Doppelagentin in ihre Professionalität. „Jetzt werden wir Dir nämlich erst einmal Blut abnehmen.“

Carmen hatte sich über Nacht noch einmal intensiv mit der aktuellen Fachliteratur zum Thema Impfstoffentwicklung beschäftigt. Da waren ein paar viel versprechende Ansätze. Allerdings hatte bisher noch keiner davon zum Erfolg geführt. Immerhin glaubt unsere Wissenschaftlerin, die richtigen Fragen gefunden zu haben.

„Auuuu, auuuu, das tut weh!“ kreischt Victor vorwurfsvoll, als Carmen, inzwischen mit weißem Schutzanzug, Mundschutz und Hufschuhen bekleidet, mit geübtem und sicherem Stich eine Nadel zur Blutentnahme in seine Vene versenkt. „Jetzt mach hier bloß nicht auf Mädchen! Schließlich hast Du schon Schlimmeres überstanden in den letzten Tagen!“ murmelt die Carmencita wenig empathisch hinter ihrem Mundschutz. Victor verzieht das Gesicht und schmollt. „So. Fertig“, sagt unsere gestrenge Heilkundige, nachdem sie die Nadel wieder herausgezogen hat. Mit einem routinierten „Draufdrücken. Sonst gibt’s nen blauen Fleck“, beendet sie die Prozedur. Dann trägt sie die Blutprobe in ihr Labor.

Dort entnimmt sie der Probe mit einer Pipette drei Tropfen, die sie jeweils auf einen Objektträger für das Mikroskop gibt. Ein Tropfen für das konventionelle Mikroskop bleibt ungefärbt, ein anderer wird gefärbt. Der dritte ist für das nagelneue Elektronenmikroskop, das sie sich erst im letzten Frühjahr angeschafft hat. Den Rest der Probe gibt sie in die Zentrifuge. Während die läuft, schiebt Carmen zuerst den ungefärbten Blutstropfen unter das Mikroskop. „Ach du dickes Ei!“ entfährt es ihr spontan, nachdem sie das Bild scharf gestellt hat.

„Ach du dickes Ei!“ wiederholt sie sich. Auf den ersten Blick hat Carmen entdeckt, dass das Blut ihres kleinen Freundes so einiges an Tropenkrankheiten transportiert. Carmen weiß, dass er diese Krankheiten zwar überträgt, aber selbst nicht erkrankt. Nur auf den ersten Blick eine ganz komfortable Situation, denkt unsere wackere Infektionsfilosofin, denn auf den zweiten Blick ist das natürlich eine potenzielle Quelle nicht endender Schuldgefühle. Bevor sie sich jedoch mit den psychoanalytischen Dimensionen des Themas „Überlebensschuld“ auseinandersetzt, ruft sie sich innerlich zur Ordnung und treibt weiter die Laboruntersuchungen voran. „Impfung geht vor Psychotherapie“ lautet eines ihrer Prinzipien. Daher widmet sie sich als nächstes dem Ansatz der RT-PCR[13], also dem direkten Nachweis des Ebola-Virus in Victors Blut. Carmen arbeitet ebenso rasch wie hoch konzentriert.

Nur einmal wird sie nach etwa zwei Stunden kurz unterbrochen, als Victor den Kopf durch die Tür steckt und kleinlaut fragt, wann es denn Mittagessen gebe. Carmen seufzt. Schon oft hat sie von befreundeten Kolleginnen beim Geheimdienst über die Doppelbelastung berufstätiger Mütter gehört. Eigentlich habe man ständig das Gefühl, keiner der Aufgaben jeweils ganz gerecht zu werden, klagten diese. Am liebsten würde Carmen ihrem Schützling Geld geben und ihn zu McDonald’s schicken. So etwas essen doch alle jungen Leute gern, meint sich Carmen zu erinnern. Aber dann fällt ihr ein, dass dort wohl kaum „Nektar, Pollen, Früchte, Blüten und so“ im Angebot sein werden. Die Ernährungsfrage lässt sich also nicht so ohne weiteres nebenbei lösen. „Ich muss das hier noch eben fertig machen, dann komme ich rüber und wir besprechen, was wir essen wollen. Nimm Dir doch bis dahin ein bisschen Obst aus dem Korb in der Küche“, schlägt Carmen im Ton einer durchorganisierten Mutter vor. „Hab‘ ich schon aufgegessen“, antwortet Victor im Ton eines chronisch vernachlässigten Jugendlichen. Carmen seufzt erneut. „Ich beeile mich. Bin gleich bei Dir.“ Victor macht die Tür wieder zu.

Eine halbe Stunde später hat sie alle Tests angesetzt. Jetzt heißt es warten, bis die Ergebnisse ablesbar sind. Die Zwischenzeit will sie nun nutzen, um den kleinen hungrigen Racker zu versorgen. Als Carmen vor dem Verlassen des Labors die Schutzkleidung auszieht, spürt sie einen leichten Schwindel und ein kurzes Frösteln. Ist bestimmt die Klimaumstellung, versucht sich unsere Heldin selbst zu beruhigen.

Dann geht sie hinüber zu Victor und bespricht mit ihm den Speiseplan. Es ist eine Gratwanderung, ihm einerseits zu verdeutlichen, dass sie einen anspruchsvollen und zeitaufwendigen Beruf hat, ohne ihm andererseits das Gefühl zu geben, eine unwillkommene Last zu sein. Der ewige Konflikt zwischen Wunsch und Wirklichkeit, denkt sich unsere Ãœbermutter, die weiß, dass es auch hier um die wohldosierte Anerkennung der Begrenzungen geht, welche uns die Realität auferlegt. Doch Victor wirkt gar nicht enttäuscht. Im Gegenteil. Als sie ein paar Minuten später zusammen bei Edeka durch die Obst- und Gemüseabteilung streifen, freut er sich, dass Carmen gerade Zeit für ihn hat und er sich in diesem Schlaraffenland aussuchen darf, was er gern essen möchte. „Wo ich herkomme, mussten wir immer nehmen, was es gerade gab… Ohhhh, was ist das denn Schönes?“ stürzt er auf die kleinen Cocktailtomaten zu, die hier in verschiedenen Farben angeboten werden. „Habt Ihr im Senegal keine Tomaten?“ fragt Carmen erstaunt. „Toma… quoi?“[14]

Diese Rückfrage erinnert Carmen daran, dass ihr neuer Hausgast nicht nur einen deutschen Pass, sondern auch einen Sprachkurs benötigt. Und im Gegensatz zum Pass, den sie einfach bei ihren Kollegen vom Q-Sad bestellen konnte, musste er den Sprachkurs schon selber absolvieren. Sie nimmt sich vor, später im Internet nach geeigneten Angeboten zu suchen. Einerseits wäre ein solcher Kurs, vielleicht in einer bunten Gruppe junger Migranten aus besserem Hause, sicher eine gute Idee, weil der kleine dislozierte Afrikaner dann nicht nur unter Leute käme, sondern auch die dringend benötigte Tagesstruktur hätte, was wiederum ihr mehr Freiraum für ihre Arbeit geben würde. Andererseits kann sie ihn vorläufig noch nicht ohne Aufsicht frei herumlaufen lassen, solange er noch diese ganzen Tropenkrankheiten mit sich herum trägt.

Eins nach dem andern also, denkt Carmen und kauft unter den leuchtenden Augen des adoleszenten Flughundes erst mal ein paar Pfund Cocktailtomaten in allen Farben. Dann entscheidet sie sich, heute Abend eine Pizza mit Tomaten und Rucola in den Ofen zu schieben. Carmen fängt an, sich mit der Rolle der berufstätigen Mutter anzufreunden. Auf dem Heimweg fahren sie bei Carmens Lieblings-Syrer vorbei und packen zweimal Falafel-Teller zum Mitnehmen ein.

Nach dem Mittagessen setzt sich Victor wieder vor den Fernseher und guckt sich Musikvideos an. „Der braucht dringend eine Aufgabe. Dieses Herumgammeln kann nicht ewig so weiter gehen“, denkt Carmen und geht wieder ins Labor, um die PCR abzulesen. Was sie da sieht, lässt ihr für einen Moment das Blut in den Adern stocken. Auch wenn die Ergebnisse der Labortests eigentlich keine Überraschung darstellen. Die elektronenmikroskopische Untersuchung bestätigt den Befund.

Der kleine Victor ist nun also zweifellos ZEBOV-Träger. Ebola-Virus Typ Zaire. Der Subtyp des aktuellen Infektionsausbruchs in Westafrika. Und zwar nicht nur ein bisschen Virus, sondern ganz schön viel. „Niedlicher kleiner Bourrédevirus[15]…“, denkt Carmen mit einer Mischung aus liebevoller Fürsorge und Angst. In Bruchteilen einer Sekunde gehen ihr alle Situationen der letzten beiden Tage durch den Kopf, in denen sie sich angesteckt haben könnte. Es waren eindeutig genug. Mehr als genug.

Carmen fröstelt wieder.

Diesmal schiebt sie es auf die Klimaanlage im Labor.

Wie immer in angstvollen Momenten siegt dann aber in unserer kleinen Superheldin doch die kaltblütige, lösungsorientierte Professionalität. Schließlich hatte sie in ihrem Leben schon größere Gefahren überstanden. Geheimagenten im Kino kamen doch auch immer mit einem blauen Auge davon. Ein blaues Auge? Carmen erschrickt wieder. Weiß sie doch, dass Ebola-Kranke letztlich an massiven inneren Blutungen versterben. Sie wirft einen Blick in den Spiegel über dem Waschbecken. Nein, alles in Ordnung. Keine blauen Flecken im Gesicht.

Nach diesem kurzen hypochondrischen Anfall vertieft sich unsere Wissenschaftlerin wieder in die Fachliteratur. Die kreist naturgemäß um zwei Fragen, nämlich erstens die Suche nach wirksamen Medikamenten für bereits an Ebola Erkrankte und zweitens die Entwicklung eines Impfstoffs für noch nicht Infizierte. Wieder einmal wird ihr dabei deutlich, wie sehr die Forschung von wirtschaftlichen Interessen geleitet wird. Für die beteiligten Pharma-Firmen wäre es eindeutig am lukrativsten, wenn sich Ebola zu einer globalen Epidemie ausweiten würde, denkt Carmen. Schließlich lässt sich an vielen Kranken in reichen Ländern deutlich mehr verdienen als an der Entwicklung eines Impfstoffs für ein paar wenige bettelarme Schwarzafrikaner. Das denkt offenbar nicht nur sie, denn die Forschung konzentriert sich tatsächlich auf die Suche nach geeigneten Wirkstoffen für bereits Erkrankte. Bei allen wirtschaftspolitischen Vorbehalten unserer kleinen Kapitalismuskritikerin ist das allerdings zunächst auch der Ansatz, der Carmen vordringlich interessiert – im eigenen Interesse, denn schließlich hatte sie bereits so viel Kontakt zu Victor der Virenschleuder, dass eine Impfung für sie vermutlich zu spät käme. Daher muss sie unbedingt vor Ende der Inkubationszeit ein wirksames Medikament gefunden haben. Denn eines ist Carmen klar: wenn sie erst Symptome entwickelt hat, wird sie kaum mehr in der Lage sein, ihre Arbeit fortzusetzen. „Dann ist der Ofen aus. Und das wäre doch irgendwie auch ein bisschen Schade um mich“, findet unser kleines selbstbewusstes Universalgenie, das im Leben noch so viel vor hat.

„Es bleibt nicht mehr genug Zeit, nach einem neuen Wirkstoff zu suchen“, lautet ihr Ansatz. „Ich muss etwas finden, was es schon gibt und wovon man nur noch nicht weiß, dass es auch gegen Ebola wirkt.“ So geht sie hinüber ins Bad und öffnet ihren Medizinschrank. „Mal sehen, was wir da alles haben…“ Jeder der vielen Pillenschachteln entnimmt sie eine Tablette. Außerdem bestellt sie in der Apotheke um die Ecke telefonisch noch ein paar Wirkstoffe, die ihr ebenfalls als aussichtsreiche Kandidaten erscheinen. „Ich muss wohl nicht dazu sagen, dass es eilt“, treibt sie den Apotheker am Telefon an. Der kennt die meist lukrativen Spezialaufträge unserer berühmten Spezialagentin schon, so dass bereits eine halbe Stunde später ein Bote an der Tür klingelt und Carmen eine Kiste mit den bestellten Medikamenten überreicht.

Carmen trägt die Schätze ins Labor, wo sie eine lange Reihe mit Probengläsern aufstellt. In jedes Glas kommt eine Pille. Darüber gibt sie jeweils ein wenig von Viktors verdünntem Blut. „So, alles beschriftet… und nun für 12 Stunden hinein damit in den Brutschrank – morgen früh werden wir sehen, in welchen Gläsern die Viren den Geist aufgegeben haben“, fasst sie gedanklich den ebenso einfachen wie genialen Forschungsansatz zusammen. Gleichzeitig wundert sie sich, wieso sonst noch keiner der Kollegen auf dieses vergleichsweise preiswerte Vorgehen gekommen ist.

Nachdem sie ein wenig aufgeräumt hat, stellt sie sich unter die Desinfektionsdusche, wo sie einen leichten Schwindel verspürt. Nach dem Abtrocknen geht sie in die Küche und bereitet die Zutaten für die Pizza vor. „Du könntest mir mal ein wenig zur Hand gehen“, versucht sie Victor vom Fernseher wegzulocken. „Gibt’s etwas zu essen?“ ruft er aus dem Fernsehzimmer mit plötzlich sehr interessierter Stimme zurück. Carmen verdreht die Augen. Sie ist den Umgang mit halbwüchsigen Jungen nicht gewohnt, begreift aber, dass diese ähnlich zu ticken scheinen, wie gewöhnliche Hundewelpen: ein bisschen verspielt, ständig hungrig und ansonsten am liebsten faul auf dem Sofa. „Hatten wir doch besprochen. Es gibt Pizza mit Tomaten und Rucola. Aber nur, wenn Du mir hilfst, den Teig zu belegen“, versucht sie ihn in die Küche zu locken. Eine halbe Minute später kommt Victor etwas schwerfällig hereingeflattert.

Carmen will gerade die Cocktailtomaten aus dem Kühlschrank holen und wundert sich. „Wo hab‘ ich denn die vielen Tomaten?“ fragt sie eher an sich selbst gewandt. Keine Spur davon. Sie macht die Kühlschranktür wieder zu. Ihr nachdenklicher Blick fällt auf Victor die Virenschleuder. Der guckt ein bisschen verlegen zu Boden. Da dämmert es der frisch gebackenen Pflegemutter. „Victor, hast Du mir etwas zu sagen?“ fragt sie und muss sich fast das Lachen verbeißen bei der Vorstellung, dass er in den letzten zwei Stunden vor dem Fernseher offenbar mehrere Pfund Cocktailtomaten verdrückt hat. „Hm?“ antwortet Victor und möchte gern so tun, als hätte er keine Ahnung, wovon die Carmencita spricht. „Ok“, sagt Carmen. „Dann müssen wir wohl den Plan ändern.“

Normalerweise würde sie jetzt mit Victor einfach zu ihrem Lieblingsitaliener gehen, aber wegen des Ansteckungsrisikos für Inhaber Luigi, die Kellner und die anderen Gäste scheidet diese Möglichkeit vorläufig aus. Außerdem ist sie nach dem Zusammenstoß mit den Carabinieri und der überstürzten Flucht aus Italien gerade nicht gut auf dieses Volk zu sprechen. Den Gedanken, deswegen erst recht mit Victor dahin zum Essen zu gehen, verwirft sie sogleich wieder und schämt sich fast ein wenig für den teuflischen Gedanken. Pragmatisch wie sie ist, greift sie zum Telefon und bestellt bei Luigi zweimal Pizza Rucola, eine normale für sich und eine große mit extra viel Tomaten für ihren Hausgast. In einer halben Stunde könne sie zum Abholen vorbei kommen, teilt ihr Luigis freundliche Gattin am Telefon mit.

Als sie zwanzig Minuten später den Schlüssel ihres Cabrios greift, um das Abendessen abzuholen, verspürt sie kurz einen Anflug von Ãœbelkeit. „Die Zeit tickt“, denkt unsere mutmaßlich infizierte Superheldin und hofft inständig, dass die Testreihe im Brutschrank morgen früh schon ein brauchbares Ergebnis zeigen wird. „Darf ich mit?“ fragt Victor, dem verständlicherweise allmählich die Decke auf den Kopf zu fallen beginnt. „Einverstanden. Aber zum Italiener gehe ich alleine rein.“ Victor guckt betreten und wirkt ein wenig beschämt. „Je comprendre“[16], murmelt er nur. Carmen fühlt sich etwas hilflos, weil sie ahnt, dass sich ihr kleiner Adoptivzögling wohl gerade vielfach stigmatisiert fühlen muss: ein schwarzafrikanischer Flughund illegal in Köln, als Flüchtling noch ohne deutschen Pass, der Sprache nicht mächtig und zu allem Ãœberfluss reichlich beladen mit allem, was das Handbuch der Mikrobiologie zu bieten hat. „Außenseiterproblematiken in einer Zuwanderungsgesellschaft“ ist der Titel des Fachbuches, das zu schreiben sich unsere Expertin für Alltagssoziologie in diesem Moment vornimmt. Doch bevor sie sich auf die intellektuelle Metaebene retten kann, muss sie sich erst einmal dem Seelenleben des Einzelfalles stellen. „Victor, es tut mir so leid. Wahrscheinlich kann sich niemand vorstellen, wie das für Dich sein muss, der es nicht selbst erlebt hat. Hab’ noch ein wenig Geduld. Ich verspreche Dir, sehr bald werde ich ein wirksames Mittel gefunden haben und dann kann Dein neues Leben beginnen. Du wirst zur Schule gehen, Freunde finden, ausgehen, feiern…“ – „Ist schon gut“, unterbricht Victor tonlos den hilflosen Redeschwall seiner gerade emotional in wenig überforderten Pflegemutter. Er fühlt sich ohnehin schnell wertlos und will nicht auch noch zur Belastung für sie werden. Oh, oh, oh, denkt unsere sensible Carmencita auf der gemeinsamen Fahrt, die überwiegend schweigend verläuft. Obwohl sie noch keine Details seiner Biografie kennt, ahnt sie deutlich, dass ihr junger Freund bereits eine Menge traumatischer Erfahrungen mit sich herumzuschleppen scheint. Dass sie ihm nun ein gewisses Maß an Retraumatisierung zumuten muss, erlebt sie gerade wegen der Unvermeidlichkeit ihres Tuns als tragisch. Aufgrund ihrer eigenen Lebensgeschichte ist da eine Ahnung, welche unterdrückte Wut er wohl mit sich herumschleppen dürfte. Hoffentlich gerät er nicht in die falschen Kreise, denkt sie, während sie vor Luigis Lokal das Cabrio in der zweiten Reihe parkt. Vor ihren Augen hat sie Bilder aus ihrem Psychiatrischen Praktikum damals in Tel Aviv – reihenweise drogenabhängige und emotional instabile Heranwachsende, die von einem Suizidversuch in den nächsten stolpern, keine stabilen Beziehungen aufbauen können und einfach keinen Platz im Leben finden. „Eins nach dem andern!“ reißt sich die Carmencita selbst aus diesen trüben Fantasien und geht hinein ins Restaurant. „Schließlich muss ich erst mal dafür sorgen, dass er nicht verhungert! Das Seelenheil kommt später.“

„Ahhhhh, Signora, buonasera! Komme Sie herein – Sie sinde frühe, da wir habe noche beste Tische freie für Sie!“ begrüßt sie der Chef mit großer Herzlichkeit. „Buonasera Luigi, molte grazie, aber ich habe telefonisch zweimal Pizza zum Mitnehmen bestellt.“ – „Aber Signora, warum Sie wollen nixe esse bei unse? Komme, nehme Platze, iche bringe Ihne Karte immediatamente!!!“ – „Wirklich, Luigi, das ist sehr aufmerksam von Ihnen aber, wissen Sie, es gibt Tage, da möchte eine Frau lieber für sich sein, Sie verstehen…“ – „Ahhh, Signora, capisco… Lasse Sie mich gucke, ah, da seie Ihre Pizze, zweie…“ Carmen begreift, dass die Situation eine gewisse Widersprüchlichkeit in sich birgt. Doch noch bevor sie zu einer Ausrede ansetzen kann, hilft ihr der feinfühlige Restaurantbesitzer schon aus der Patsche. „Prego, hier, Ihre Pizze, iche bine so frohe, dass bei alle… afflizione[17]… Ihre Appetite iste gute. So iste rechte, brauche Krafte, müsse esse, unde Rucola enthalte viel Blute bildende Eise“, plappert der Chef einfach drauflos, um nur keine Peinlichkeit aufkommen zu lassen. Als er Carmen zur Tür begleitet und sie mit tausend Komplimenten und Besserungswünschen verabschiedet, fällt sein Blick auf den blutjungen attraktiven Schwarzafrikaner auf dem Beifahrersitz. „Cazzo, iste immer gewese große Luder diese donna“, seufzt er in sich hinein, während er die Tür hinter seinem Stammgast wieder schließt.

Wieder zuhause angekommen, stürzt sich Victor mit Appetit auf die Pizza. Carmen hat eine Flasche chilenischen Rotwein geöffnet, den sie im Sommer von der Fußballweltmeisterschaft aus Brasilien mitgebracht hat. Doch irgendwie will ihr das alles nicht so richtig schmecken. Carmen spürt einen Anflug von Kopfschmerzen und lässt die Hälfte ihrer Pizza liegen. Unruhig geht sie ins Bad und schaut in den Spiegel. Ein wenig heiße Lippen, aber zum Glück noch immer keine Blutungen. Als sie zurück kommt an den Esstisch, hat Victor seine große Pizza aufgegessen und guckt auf ihren Teller. „Magst Du das nicht mehr?“ fragt er. „Danke, ich bin schon satt. Wenn Du magst, dann nimm, bevor’s kalt wird.“ Das lässt sich der Gast nicht zweimal sagen. Nachdem er den Rest von Carmens Pizza auch noch verspeist hat, flattert er hinüber in die Küche und kommt nach ein paar Minuten mit zwei Tellern zurück. „Was ist das denn?“ fragt Carmen erstaunt. „Le dessert!“ verkündet er stolz und froh, endlich auch mal einen Beitrag zum Leben leisten zu können. Er stellt Carmen ihren Teller hin und legt Löffel und Gabel dazu. „Und verrätst Du mir, was das ist?“ fragt Carmen ebenso gerührt wie neugierig. „Senegalesische Spezialität. Vegan. Probier einfach. Du wirst es mögen“, erklärt Victor vergnügt. Sieht wirklich lecker aus, denkt Carmen und obwohl sie keinen Appetit hat, greift sie zu. „Schmeckt fruchtig“, sagt sie. „Und duftet ein wenig nach Blumen, hmmmm, lecker“, lobt sie die Kreation ihres Schützlings. Aber sag mal, wo hast Du das denn her?“ kann sie ihre Neugier nicht weiter bezwingen.

„Naja, als Du im Restaurant warst, also, da war auf der anderen Straßenseite ein Geschäft, Röformaus, stand da.“ – „Quoi?“ fragt Carmen zurück. „Röformaus“, wiederholt Victor. „Ah, Reformhaus!“ versteht Carmen. „Also, jedenfalls, die hatten so ein paar Sachen vor der Tür, die kamen mir bekannt vor und da habe ich einiges mitgenommen für das Dessert. Ich wollte Dich überraschen. Schmeckt es Dir?“ erklärt er mit leuchtenden Augen. Carmen begreift, dass dies nicht der richtige Moment ist für Erklärungen über die Strafbarkeit von Ladendiebstahl. Die Lektion bekommen wir später, denkt sie. Jetzt ist erst mal wichtig, dass er sich ein wenig aus seinem Gefühl der Abhängigkeit und Wertlosigkeit befreien kann, begreift Carmen und lässt Psychohygiene vor Recht ergehen.

Schweigend löffeln sie das wirklich wohlschmeckende Dessert, als Carmen spürt wie ihr allmählich die Nase zuschwillt. Sie muss ein paar Mal niesen. Komisch, denkt sie. Das sind aber keine Ebola-Symptome. Als ein paar Minuten später auch die Augen jucken, ist sie noch verwunderter. Fühlt sie an wie Heuschnupfen, denkt unsere kleine Allergikerin, die deswegen schon in der späten Kindheit besonders auf ihre Ernährung achten musste. Aber Heuschnupfen im September? Carmen war allergisch gegen Frühblüher. Gewöhnlich waren ihre Symptome spätestens Ende Mai vorüber. „Wirklich wunderbar“, schwärmt Carmen noch einmal. „Verrätst Du mir jetzt die Zutaten?“ – „Eigentlich alles, was Flughunde gern mögen“, erklärt Victor. „Nektar, Pollen, Früchte, Blüten und so.“

Pollen, denkt Carmen und grinst in sich hinein. Dann geht sie ins Bad und nimmt eine Heuschnupfentablette.

Nach dem Essen verspürt unsere sonst vor Tatendrang strotzende Heldin eine große Müdigkeit. Außerdem sind die Kopfschmerzen stärker geworden. Da sie heute im Labor nichts mehr tun kann, beschließt sie, früh zu Bett zu gehen. Sie wünscht Victor eine gute Nacht und legt sich in ihr riesiges französisches Bett, wo sie bald in einen traumlosen Schlaf fällt.

 

08. September 2014   Die Krankheit bricht aus[18]

Nach wenigen Stunden wacht sie schlagartig von einem lauten Rumpeln auf und ist plötzlich hellwach. Was war das? Carmen setzt sich auf und lauscht. War Victor noch wach? Hatte er etwas fallen lassen? Leise schält sie sich aus der flauschigen Bettdecke und streift den Seidenbademantel von Hermès über, den ihr ihre Freundin Abigail letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte. Vorsichtshalber greift sie nach ihrer Walther PPK, die immer griffbereit unter dem Kopfkissen liegt. Sie schraubt den Schalldämpfer auf. Dann öffnet sie vorsichtig die Schlafzimmertür. Wieder nimmt sie ein Rumpeln war. Es kommt aus dem Labor. Carmen schleicht hinüber. Durch die Glastür nimmt sie den Lichtschein einer Taschenlampe wahr und die Schatten sich bewegender Gestalten. Ohne ein Geräusch zu machen, öffnet sie langsam einen Spaltbreit die Tür und streckt ihren Kopf hinein. Was sie sieht, würde ihr das Blut in den Adern gefrieren lassen, wenn sie nicht über dieses hohe Maß professioneller Kaltblütigkeit verfügen würde. Zwei Gestalten in dunklen Anzügen haben die Probengläser aus dem Brutschrank geholt und sind dabei, alle zu öffnen und ihren Inhalt in den Ausguss des Waschbeckens zu schütten! Mit einem Huf zielt Carmen auf die beiden, während sie mit dem andern das grelle Deckenlicht einschaltet. „Hände hoch!“ befiehlt sie. Die beiden fahren zusammen und versuchen reflexartig, in ihre Taschen zu greifen. Doch Carmens Reflexe sind, trotz ihres angeschlagenen Gesundheitszustands, schneller.

Es ist nur ein leises „Flupp“. Einmal, zweimal. Die beiden Gestalten sinken tödlich getroffen in sich zusammen. Carmen geht zu ihnen hinüber und kickt mit dem freien Vorderhuf erst einmal die Waffen der Einbrecher außer Reichweite. Als sie sich vergewissert hat, dass von beiden keine Gefahr mehr ausgeht, untersucht sie die Leichen. In ihren Taschen findet sie jeweils Parteibücher der AfD. In dem Moment wird ihr schlagartig klar, was hier passiert ist. Die selbst ernannten Euro-Retter wollten um jeden Preis verhindern, dass sie ein wirksames Mittel gegen Ebola findet! Außerdem war da vermutlich noch die ein oder andere persönliche Rechnung offen. Weiß der Himmel, wie sie von Carmens Forschungen Wind bekommen hatten. Doch als sie dem einen die Strumpfmaske vom Gesicht zieht, begreift sie auch das: Sie erkennt den Bibliothekar des Instituts für Virologie, bei dem sie sich die ganze Fachliteratur zum Thema besorgt hatte. „Mierda, ich komme zu spät“, flucht Carmen als sie sieht, dass die beiden ganze Arbeit geleistet haben. Alle Probengläser sind zerstört und der Inhalt ist bereits im Ausguss gelandet.

Als Victor aufsteht, findet er Carmen nachdenklich und fröstelnd bei einer dampfenden Tasse Tee am Küchentisch sitzend vor. Vor ihr liegt ein Fieberthermometer. „Was ist los? Konntest Du nicht schlafen?“ fragt er besorgt. Carmen erklärt ihm, was passiert ist. „Die ganze Arbeit umsonst. Und die Zeit läuft ab“, fasst sie mit einem Blick auf das Thermometer die Lage zusammen.

„39,5 Grad. Das ist Fieber bei einer Kuh.“

Victor begreift den Ernst der Lage. „Und jetzt?“ fragt er besorgt seine Pflegemutter. „Ich weiß auch nicht“, antwortet Carmen, die sich nicht sicher ist, ob sie sich mehr um ihr eigenes Leben sorgt oder um die Zukunft ihres Schützlings. „Ich habe schon mit meiner Freundin beim Q-Sad gesprochen“, versucht sie ihn zu beruhigen. „Spätestens morgen hast Du einen deutschen Pass. Und sie werden sich definitiv auch weiter um Dich kümmern.“ – „Mach Dir keine Sorgen um mich. Ich habe es von Afrika bis nach Deutschland geschafft. Ich weiß, wo ich etwas zu essen finde. Es geht schon irgendwie weiter mit mir. Aber ich mache mir Vorwürfe, weil ich Dich angesteckt habe“, antwortet der kleine verantwortungsbewusste Flughund, der viel zu früh erwachsen werden musste.

„Ich kann einfach nicht akzeptieren, dass ein paar verirrte Extremisten den Lauf der Welt beeinflussen“, murmelt die Carmencita trotzig und hüllt sich ein wenig fester in ihren Morgenmantel.

In diesem Moment klingelt das Telefon. Carmen erkennt die Nummer. Jorge ist am Apparat. „Hola, guapa, ¿cómo estás?[19]“ ruft der Heilige Vater fröhlich. „Geht so“, antwortet Carmen, ein wenig unglücklich, weil sie dem Frühaufsteher die gute Laune verderben muss. „Und bei Dir?“ – „Ach, wir haben hier im Vatikan ein Riesenproblem mit ein paar russischen Computer-Freaks, die unsere Website gehackt haben. Sie haben einen Trojaner eingeschleust und die Kontodaten aller Katholiken geklaut, von denen wir in den letzten Jahren Ablasszahlungen eingezogen haben. Unsere EDV arbeitet auf Hochtouren, um die Schwachstelle zu schließen und den Trojaner zu eliminieren…“ klagt Carmens Kumpel. „Aber sag, Du hörst Dich nicht gut an. Was ist los bei Dir?“

„Im Grunde habe ich ein vergleichbares Problem“, antwortet die Carmencita, die plötzlich eine ungeheure Aufregung verspürt. „Aber sag mal, kann ich Dich später zurückrufen? Ich muss mich nämlich gerade ganz dringend um etwas kümmern!“ – „Claro, guapa, llámame cuando quieras[20], ich wollte nur mal kurz Deine Stimme hören“, antwortet der heilige Mann wie immer völlig unkompliziert und freundlich. „Danke, ich kann Dir gar nicht sagen, wie dankbar ich Dir bin“, antwortet Carmen und legt auf. Sie wirft ihr Q-Phone zurück auf den Tisch. Dann blickt sie Victor tief in die traurigen Augen. „Komm mit!“ sagt sie nur und geht voran ins Labor.

 

08. September 2014   Shake the Disease!

Im Labor klappt Carmen ihr Q-Book auf und schließt nach dem Einschalten den Flachbettscanner an. Sie öffnet den Deckel des Scanners und schaut Victor an, der ihr die ganze Zeit mit fragendem Blick zugesehen hat. „So. Jetzt leg Dich bitte mal da drauf.“ – „Hä?“ fragt Victor verständnislos. „Frag nicht. Vertrau mir. Leg Dich bitte auf den Scanner. Mach Dich flach. So flach, wie Du kannst.“ Victor zögert kurz, doch Carmens Ton zeigt ihm, dass sie es ernst meint. „Puuuuuuh, das ist kalt“, kreischt er kurz, als er sich auf die Glasscheibe legt. Carmen schließt den Deckel über ihm. „Und jetzt möglichst nicht bewegen.“ Mit ein paar geübten Gesten ihrer Hufe auf dem Touchpad und der Tastatur des Rechners aktiviert sie das Hochleistungsvirensuchprogramm, dessen neueste Version sie gerade vor ihrem Italien-Urlaub über die Website des Q-Sad heruntergeladen und installiert hatte. Der Scanner setzt sich in Bewegung. „Hmmmm, das fühlt sich gut an“, schnurrt Victor, während das helle und warme Licht unter der Scheibe des Scanners seinen Körper abtastet. Eine Minute später hat Carmen auf dem Bildschirm das Ergebnis. Es stimmt im Wesentlichen mit den Laborbefunden überein. In einer Ecke blinkt rot eine Warnung: „Caution – ZEBOV positive – highly contagious!“ Daneben hat sich automatisch ein Fenster geöffnet: „Please click here to eliminate virus.“ Carmen clickt auf „OK“. Wieder setzt sich der Scanner in Bewegung. Diesmal hat das Licht eine andere Farbe. „Oooooohhh, aaahhhhhh, oi oi oi!!!!!“ giggelt Victor in einer Mischung aus vorpubertärer Verwirrung und postpubertärer Lust. „Stillhalten!“ ordnet unsere Computerexpertin an. Dann ist der Prozess auch schon abgeschlossen. „Virus has been successfully eliminated“, lautet nun die Meldung auf dem Bildschirm. Sicherheitshalber wiederholt Carmen den Virenscan. Offensichtlich ist Victor jetzt clean.

„Kannst wieder rauskommen“, sagt Carmen. Victor krabbelt, noch etwas benommen, von der Scheibe des Scanners. „Was war denn das?“ fragt er. „Der erste Schritt zur Heilung“, antwortet Carmen de Ronda-Düsentrieb nur trocken. „Jedenfalls bist Du jetzt nicht mehr ansteckend.“ – „Und du? Was ist mit Dir?“ erkundigt sich der noch immer etwas aufgeregte Flughund. „Du passt doch nicht auf den Scanner!“ – „Das ist genau das Problem“, antwortet Carmen nachdenklich und schaut aus dem Fenster, wo gerade über einem Oleander-Strauch die milde Herbstsonne ihre Strahlen in den Garten wirft.

Es ist der Tag der glücklichen Eingebungen. Carmen klappt ihr Q-Book zu und steckt es in die Tasche. „Zieh Dir etwas an, wir müssen raus“, sagt sie zu ihrem kleinen Ziehsohn. Dann schnappt sie sich wieder die Autoschlüssel und wenige Minuten später geht es in rasender Fahrt in die Haupteinkaufsstraße von Carmens Stadtteil.

Vor „Mandy’s Sonnenstübchen“, einer der letzten Reliquien der 90-er Jahre des vorigen Jahrhunderts, kommt Carmen mit quietschenden Reifen zum Stehen und stürzt nach drinnen. „Stellen Sie jetzt bitte keine Fragen“, sagt Carmen zu der verdutzten Inhaberin, deren Hautfarbe Victor an die Frauen seiner Heimat erinnert. „Ich nehme einmal Flatrate“, fügt Carmen hinzu und legt ihre goldene Vacacard auf die Theke. Dann flitzt sie in die Kabine mit dem größten Solarium und sucht das Gehäuse nach dem USB-Anschluss ab. Als sie ihn gefunden hat, schließt sie ihr Q-Book an und startet wieder den Virenscanner. „Aber dass sie mir bloß keine Schweinereien machen da drin, hören Sie!“ sächselt Mandy von draußen, weil Carmen hinter sich und Victor die Kabinentür verriegelt hat. „Keine Sorge“, beruhigt Carmen. „Es geht hier um eine medizinische Behandlung. Schuppenflechte, Sie verstehen.“ Dann bittet Sie Mandy sicherheitshalber um zwei UV-Schutzbrillen und legt sich auf die Sonnenbank. Mit knappen und klaren Anweisungen leitet sie Victor an, der die Bedienung des Computers übernommen hat. Die Röhren des Solariums wechseln mehrfach die Farbe. Nach einer Viertelstunde sind Virenscan und Reinigung abgeschlossen. Carmen erhebt sich.

„Komm, Großer, wir gehen heim. Du hast mir übrigens gerade das Leben gerettet. Jërë-Jëf“, sagt Carmen zu ihrem Zauberlehrling.

Zuhause angekommen, schiebt sich Carmen das Thermometer in den Mund. Die Kopfschmerzen sind weg, die Übelkeit auch. Sie fröstelt nicht mehr.

38,3 Grad zeigt das Thermometer.

Normal für eine Kuh.

 

[1] Carmen erinnert sich nicht so ganz recht. [2] „Die Liebe in den Zeiten von Ebola“ [3] Friede sei mit Dir! [4] Danke! [5] Es dauert schon lange, ich suche mich selbst und meine Geliebte, mein Leben ist für dich,
 und für niemand anderen als dich.
(7 Seconds, Youssou N’Dour und Neneh Cherry)
 [6] Es tut mir leid, aber ich spreche kein Wolof. [7] Ah! Du sprechen französisch! [8] Wie Du heißen? Ich sein Victor. Victor Flughund. Ich kommen aus dem Senegal… Freut mich riesig (wörtlich: kuhmäßig erfreut!) [9] Ich haben Hunger [10] Die bin ich [11] Ich bin Major Strasser [12] Unsinn [13] Reverse Transcriptase-Polymerase Chain Reaction [14] Toma… was? [15] Sinngemäß: Virenschleuder [16] Ich verstehen [17] Leiden [18] Anscheinend ist die Inkubationszeit bei Kühen deutlich kürzer als beim Menschen [19] Hallo, Süße, wie geht’s? [20] Klar, Süße, ruf mich an, wann immer Du möchtest

 

Ende des ersten Teils 

Carmen und Victor sind nun gerettet.

Doch was ist mit dem Rest der Welt? Und vor allem mit dem gebissenen italienischen Polizisten?

Wird es Carmen gelingen, eine wirksame Therapie für die breite Masse zu entdecken?

Und welche Rolle wird Helene Fischer dabei spielen?

Das erfährst Du im nächsten Teil!

To be kuh-ntinued – Stay tuned!

 

 

O diário de Carmen em Bayreuth

Segue uma aventura da Carmen em português – para Shirleide, minha estimada professora, e para todos nossos fãs brasileiros!

O diário de Carmen em Bayreuth

No dia 4 de agosto, Carmen voou com seu VAJT (Veículo Aéreo Já Tripulado) para Bayreuth porque tinha um compromisso muito importante para sua carreira de artista.

Bayreuth é uma pequena cidade com 71.000 habitantes que fica na Baviera, perto de Würzburg e Nürnberg. É famosa por dois personagens famosos que viviam lá: o componista Richard Wagner (1813-1883) e o escritor Johann Paul Friedrich Richter (1763-1825), melhor conhecido como “Jean Paul”.

Quando Carmen aterrizou no aeroporto, foi recebida pelo coro do festival de Bayreuth e pelo mestre Richard Wagner em pessoa. O coro cantou uma canção (um pouquinho modificada) da ópera “Lohengrin”: “Bem-vinda, bem-vinda, Carmen, em Bayreuth!” Carmen ficou muito emocionada. O mestre a convidou para passar a temporada do festival em  “Wahnfried”,  a casa modesta de Richard Wagner e sua familia, que fica em uma favela de Bayreuth.

“Ví você na ópera de Paris no papel da ‚Rainha da noite‘ na ‚Flauta Mágica‘ e estava entusiasmado. Se você quiser”, o mestre disse durante o jantar, “poderá candidatar-se para o papel da Ortrud em Lohengrin. Como a Rainha da noite, Ortrud também é uma mulher obsecada por seus desejos de vingança. Acho que você seria a personagem perfeita nesse papel.” – “Seria uma honra para mim”, nossa diva respondeu. “Muito bem! Os ensaios vão começar amanhã às dez horas.”

Embora Carmen tenha experiência como cantora de ópera, até agora nunca cantou em uma obra de Richard Wagner. Pois isso, depois de jantar com a familia, ela passou a noite estudando e aprendendo de cor o livreto. “Puxa! Tanto texto para aprender…”, Carmen gemeu.

No dia seguinte, a diva chegou pontualmente no teatro onde conheceu a companhia e a orquestra. No começo do ensaio, todos a encorajaram e lhe desejaram boa sorte. O mestre estava impresionado com o desempenho de Carmen. Depois do ensaio, ele ofereceu a ela um contrato para a temporada inteira, que já assinaram. Carmen ficou muito contente e orgulhosa. Por isso, ela convidou toda a companhia para uma festa para celebrar o contrato. Como é de praxe na região, beberam muita cerveja. A festa durou até de madrugada.

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No próximo dia, quando a diva acordou, estava de ressaca e com dor de cabeça muito forte. Mas o que foi pior: tinha esquecido todo o texto do seu papel! Foi uma catástrofe. Carmen ficou completamente desesperada.

Depois de tomar dois comprimidos de Aspirina, ligou para seu melhor amigo em Colônia que trabalha como psiquiatra. Relatou-lhe o que tinha acontecido. “Hoje de tarde estreia a ópera. Você tem que me ajudar, senão estou perdida“, Carmen chorou. Seu amigo lembrou um caso parecido que tinha tratado bem-sucecidamente no seu consultorio havia uns anos. Procurou no arquivo e finalmente encontrou o dossiê. Imediatamente ligou de volta para a diva. “Ouve, garota, tenho uma ideia. Vá à farmácia e pergunte por ‘gotas de trecho de gingko’. Tome vinte gotas cada hora. Normalmente a memória deveria voltar dentro de 24 horas.” – „Só tenho seis horas até o ensaio começar”, Carmen respondeu descontentemente. “Então, sugiro que você ligue para seu amigo Jorge – ele é responsável pelos milagres. Eu somente sou um médico simples. É tudo o que posso fazer para você.” Carmen ficou furiosa e desligou o telefone. “Estes médicos podem ser tão cínicos”, nossa diva frustrada pensou.

(Segundo Wikipedia, “acredita-se que o Ginkgo seja um nootrópico, sendo usado principalmente como intensificador de memória, de atenção e contra vertigem.”)

Apesar disso, no caminho à farmácia, telefonou para seu amigo Jorge e lhe explicou o problema. “Olha, garota, sempre dizia que você deveria ser mais prudente com o álcool”, o Papa suspirou. “Não preciso de sermão mas sim de um bom conselho”, Carmen se queixou. “Perdão, lhe entendo. Então, vá à igreja e acenda uma vela na capela de Santo Antonio. Ele ajuda os homens a encontrar coisas perdidas. Pode ser que também funcione com a memória”, o Papa sugeriu. “Obrigada. Vou tentar isso“, Carmen respondeu um pouco cética. „Boa sorte, garota!” Jorge acabou a conversa.

Entretanto Carmen tinha chegado à farmácia. „Queria gotas de trecho de gingko, por favor“, ela pediu. “A senhora tem uma prescrição?” o farmacêutico perguntou. “Não, não tenho…”, Carmen confessou. “Ouve, sou cantora de ópera e esquecí todo meu texto durante a noite passada. O ensaio vai começar em três horas. Preciso deste remédio urgentemente. É quarta-feira de tarde – todos os consultórios dos médicos estão fechados! É imposível obter uma prescrição logo agora!” Carmen gritou. “Sinto muito. Não posso vender trecho de gingko sem receita médica“, o farmacêutico respondeu teimosamente.

Carmen ficou com raiva. “Olha, senhor farmacêutico, este tipo de prescrição vai bastar?” nossa diva brava perguntou, tirando uma pistola da sua bolsa. O farmacêutico ficou pálido. No ano passado tinha passado suas férias no Brasil onde tinha aprendido a regra geral de nunca opor rêsistencia num assalto. “Absolutamente. Fique tranqűila, vou trazer as gotas já“, ele disse. „O senhor é um garoto obediente”, Carmen se alegrou. “Sabe que eu detesto todo tipo de violência. Somente faço isso para salvar a arte”, Carmen explicou recebendo a pequena garrafa. “Muito obrigada. Quanto custa?“ – „É… é um presente da casa“, o farmacêutico respondeu, ainda tremendo. “Obrigada de novo”, Carmen disse entregando dois bilhetes para a estreia ao farmacêutico. “Estou ansiosa para recebê-lo no teatro”, se despediu.

Quando Carmen saía da loja, já tomou a metade das gotas. “Muito ajuda muito”, pensou e continou seu caminho para a igreja. Quando chegou là, o padre estava falando com umas mulheres velhas na frente da entrada. “Padre, quero fazer uma confissão”, Carmen sussurrou. O Padre olhou Carmen atentamente. “Parece preocupada, minha filha, venha, siga-me!” o sacerdote disse e se despediu das mulheres.

O interior da igreja ficou no oscuro e não havia ninguém. “Antes de confessar, quero acender uma vela na capela de Santo Antonio, Padre”, Carmen disse. O padre parou sua caminha. “Ah é? ” respondeu surpreendido. „Já sabe que Santo Antonio não é autorizado a absolver seus pecados?“ – “Sei, sim. Não importa. Não tenho tantos pecados. Para dizer a verdade, eu sou uma garota muito decente. No entanto queira acender uma vela na capela. É para minha saúde mental, sabe.” – “Sinto muito”, o Padre disse inseguro. “A capela de Santo Antonio está fechada por obras de construção. Lamento que não seja posível acender uma vela lá.” De novo, Carmen sacou a pistola da sua bolsa. “Tudo é uma questão de querer, não é? As obras não me perturbam“, nossa vaca filosófica com amnésia explicou. “Por favor, Padre, abra a cerca!” Uns momentos mais tarde, nossa cantora devota acendeu uma vela, duas velas, três velas em frente da estátua de Santo Antonio, rezou um, dois, três pai-nossos e logo tomou o resto das gotas de gingko. “Muito ajuda muito”, pensou de novo. “Muito obrigada por sua cooperação, Padre. Se você quiser e se Santo Antonio tiver piedade de mim, vai ser um prazer recebê-los na estreia de ‘Lohengrin’”, Carmen disse entregando dois bilhetes ao sacerdote. Depois desapareceu. Quando Carmen saiu da igreja, eram quase três horas da tarde. Ela chamou um taxi na rua. „Para a Colina Verde, rápido!“ ela ordenou.

Quando chegou lá, o mestre já estava esperando ela. “Já não é sem tempo!“ exclamou. „Onde você esteve? O que é que aconteceu? Tem que preparar-se para a estreia! Vai començar em uma hora! A audiência já está chegando!“ o mestro apressou nossa diva.

Carmen entrou no teatro e se foi para seu camarim. Se vestiu do vestuário de Ortrud, estudando de novo o livreto. Todo o texto lhe parecia desconhecido. “Vai ser uma catástrofe”, pensou. Lembrou uma frase que seu padre na Andaluzia sempre dizia: “O mal tem que expulsar o mal!” – “Vale a pena tentar”, a diva desesperada achou e sacou uma garrafa de cerveja da geladeira. “Muito ajuda muito”, foi seu segundo pensamento quando sacava uma segunda garrafa.

A fanfarra soou e Carmen se foi ao palco. Enquanto a orquestra tocava a abertura, Carmen viu todos os acontecimentos deste dia como um filme na sua cabeça. De repente, sentiu uma alteração dentro de si mesma. Carmen estava um pouco grogue. A cortina se abre. O teatro está completo. O regente dá uma vista de olhos ao palco e levanta a batuta. A trama começa.

No primeiro ato Elsa é acusada por Friedrich e sua mulher Ortrud de fratricídio (de ter assassinado seu irmão Gottfried). Vem de barco – puxado por um cisne – um cavaleiro estrangeiro que recusa-se a revelar seu nome. Ele está convencido da inocência de Elsa e está prestes a lutar contra Friedrich para descobrir a verdade em um “tribunal de Deus”. O estrangeiro ganha. Friedrich e Ortrud são exilados pelo Reino. No princípio do segundo ato Ortrud explica a Friedrich seu plano de vingança.

A primeira ária de Ortrud / Carmen começa com alguns compassos de música de orquestra. Quando Ortrud deveria começar a cantar, o regente a olha e lhe dá um sinal. Carmen fica calada. O regente rasga os olhos e recomeça do princípio. Outra vez Carmen fica calada. A audiência fica inquieta. Pela terceira vez a orquestra repete a partir do princípio.

Seja pelas gotas de gingko, seja pelas velas acendidas na capela de Santo Antonio, seja pela cerveja, do nada, Carmen lembra o livreto inteiro. Por fim, Carmen começa a cantar.

Canta como um passarinho.

Canta como uma deusa.

Canta como nunca tinha cantado na vida inteira.

No final, quando a cortina se fecha, soa um aplauso tremendo. Quando Carmen se apresenta em frente da cortina, a audiência exclama “Bravo! Bravo!”, bate palmas, bate com os pés no chão. É um aplauso exceptional. Carmen olha o público. Descobre o farmacêutico com sua esposa, o Padre e Santo Antonio. Todos estão em pé, aplaudindo freneticamente. Carmen salta beijos com a mão especialmente para eles. Depois Carmen fecha os olhos. O aplauso não termina. O mestre entra no palco. Se inclina perante a diva. Também aparece o cisne batendo com suas asas.

Carmen está no ápice da sua carreira.

Bayreuth: Carmen schreibt die Geschichte um (Aug. 2014)

Vorspiel: Einsam in trüben Tagen

Einsam in trüben Tagen fläzt die Carmencita im Jogging-Anzug zuhause auf dem Sofa herum und guckt aus dem Fenster in den grauen Himmel. Im Hintergrund plätschert leise klassische Musik. „Schon wieder so ein verregneter Sommer“, denkt unsere melancholische Heldin, während sie sich wehmütig an ihre sonnendurchflutete andalusische Heimat erinnert, die sie damals verlassen hat, um ihr Glück auf der Pariser Opernbühne zu suchen. Doch das liegt lange zurück. Inzwischen ist sie eine erfolgreiche und mit allen Wassern gewaschene Doppelagentin. Gerade allerdings ist Sommerloch. Nun sitzt sie in ihrer Kölner Wohnung und lauscht dem Rauschen des Starkregens.

Die Fußballweltmeisterschaft ist vorbei. Alle sind in Sommerferien. Blutin und der Rest der Welt spielen ihr dummes „Kaufst-Du-kein-Gas-von-mir-kauf-ich-auch-keine-Milch-von-Dir“-Spiel. In Afrika breitet sich die Ebola-Epidemie immer weiter aus. Hin und wieder stürzt irgendwo hinter den sieben Bergen ein Passagierflugzeug ab. Israelis und Palästinenser bringen trotz Carmens beherzten Eingreifens weiterhin gegenseitig ihre Kinder um. Die Saison für Auftragsmorde hat noch nicht wieder begonnen. Genügend Gründe also, grübelnd auf dem Sofa abzuhängen. Carmen langweilt sich.

„Fehlt nur noch, dass ich mir schon nach dem Frühstück den ersten Whiskey einschenke“, ist eine ihrer Untergangsfantasien.

Doch plötzlich unterbricht das Klingeln des Q-Phones den Weltschmerz unserer bipolaren Superheldin.

Eine Nummer aus Bayern. „Grüß Gott!“ meldet sich unsere polyglotte Spanierin geschäftsmäßig, schon in Erwartung eines dieser lästigen Werbeanrufe für Weißbier oder Wurstsemmeln.

„Woochner“, meldet sich eine stark sächselnde Stimme am anderen Ende der Leitung. „Herr Woochner“, bemüht sich Carmen, ihre latente Gereiztheit hinter betonter Freundlichkeit zu verbergen. „Nüscht Woochner. WOOCHNER! Gennen Sie müsch etwa nüscht?“ – „Nun, also, was kann ich für Sie tun?“ antwortet Carmen ausweichend und unter Vermeidung einer Anrede. „Üsch hob gehört, Sie gennen süsch mit Fomiljenaufställungen un so’n Zeusch aus.“ Pause.

„Möchten Sie mir vielleicht Ihr Anliegen kurz skizzieren?“ bittet Carmen ungeduldig und auch schon etwas zickig um weitere Informationen. „Also die Bolizeichefin hot gesocht, üsch soll Sie anrufen, Sie hot von Ihn in der Zeidung gelesen. Sie gönnten Fomiljenprobleme lösen und Faschwundne wieda aufdauchen lossen. Unser Gottfried is nämlich fort, müssen Sie wüssen.“

Jetzt wird’s aber doch allmählich spannend, denkt unsere Spezialgentin für schwierige Fälle. Noch bevor sie antworten kann, bekommt die Stimme des Anrufers plötzlich einen flehenden Unterton. „Bütte, Frolln Garmen, gommense, gommense und helfense uns, den Gottfried wieda zu finden! Die Bayreuther Bolizei is ratlos. Wir befürchden schon dos Schlümmste. Geld spült gor geene Rolle. Der Ludwisch zohlt“, beschwört sie der aufgeregte Anrufer. Das hört unsere Luxuskuh natürlich nicht ungern und schlagartig hebt sich ihre Laune. Auch wenn sie keine Ahnung hat, wer dieser Woochner und der Ludwisch sind.

„Gut, könnten Sie mir vielleicht eine kurze E-Mail mit den Kontaktdaten schicken?“ bittet sie den ihr unbekannten Anrufer mit aus der Erfahrung gewachsener Vorsicht. „Och, wos, Ih-Mehl! Gommense einfoch noch Bayreuth. Wohnfried kennt do jeda!“

Wohnfried?

In diesem Moment fällt Carmen vor Schreck fast die verblühte Kamelie aus ihrer herausgewachsenen La-Ola-Welle.

Bayreuth! Wahnfried!! Wagner!!! Richard Wagner!!!! Der Meister höchstselbst ruft sie an und bittet um ihre Hilfe! Der Meister!! Der Schöpfer dieser überirdisch schönen Musik, die gerade in ihrem Wohnzimmer silbrig-blau aus den Lautsprechern rieselt!!! „This fucking anti-semite“, hört Carmen ihre Freundin Abigail im Geiste sagen. Doch können diese weltanschaulichen Bedenken die Begeisterung unserer Heldin mit dem Vaterkomplex nicht ernsthaft mindern.

Wer hätte diesem trüben Tag noch eine solche Sternstunde zugetraut!

Schnell reißt sich Carmen wieder zusammen, im Bemühen, sich ihre Freude nicht anmerken zu lassen. „Gut, Herr Wagner. Morgen zur Mittagszeit kann ich bei Ihnen sein“, legt sich unsere professionelle Ermittlerin kurz entschlossen fest.

„Gönnse nüscht eher gommen?“ bittelt der berühmte Komponist. „Morgen Mittag. Früher geht leider nicht“, antwortet Carmen mit ehrlichem Bedauern in der Stimme.

„Denn vorher muss ich unbedingt noch zum Friseur und mein Flamencokleid aus der Reinigung abholen“, denkt die Carmencita, deren Eitelkeit der des Meisters wohl in nichts nachsteht.

 

Erster Akt: Willkommen, willkommen, Carmen, in Bayreuth!

Carmens Nachtschlaf war unruhig. Die Aufregung hatte sich bis in ihre Träume geschlichen. Viel früher als nötig erwacht sie vom vielstimmigen Konzert der Staubgebläse, mit denen die Hausmeister der ganzen Umgebung in einer rituellen Handlung die Morgenruhe stören. „Das muss doch jetzt wirklich nicht sein“, flucht unsere morgenmuffelige Umweltschützerin über diese völlig sinnlose Lärmemission und schraubt grimmig das Zielfernrohr auf ihr Präzisionsgewehr. Wenige Minuten später hat sie die wohltuende Stille wieder hergestellt, die nur gelegentlich unterbrochen wird von den Martinshörnern der herbei eilenden Rettungsfahrzeuge.

Verschlafen schlurft Carmen ins Bad. Gestern war sie nach dem Anruf des Meisters noch spontan nach Berlin geflogen und hatte Udo gedrängt, sie schnell zwischenrein zu nehmen. „Ich kann unmöglich mit dieser herausgewachsenen La-Ola-Welle nach Bayreuth!“ begründete sie ihre ungewöhnliche Penetranz. Udo verstand und zauberte unserer Heldin eine spektakuläre Festspielfrisur, die gerade heute morgen entfernt an die Fürstin von Thurn und Taxis in jungen Jahren erinnert.

„Praktisch ist anders“, geht es unserer Diva durch den Sinn, als sie nach dem Aufstehen mit viel Aufwand und Haarspray ihre neue Mähne zu bändigen versucht. „Ich sollte mir das aber wert sein“, beschwichtigt sich unsere Hobby-Psychologin selbst, da sie in einem Buch über die Behandlung chronischer Depressionen mithilfe des Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy gelesen hat, dass man sich gerade in trüben Tagen unbedingt auch mal etwas Besonderes gönnen soll. Dann packt sie ihren Schrankkoffer mit diversen Abendroben und den Moderationskoffer mit den Utensilien für eine Familienaufstellung sowie den üblichen Agentenbedarf und steigt in ihr Cabrio, dessen Dach wegen des Dauerregens heute zu bleiben muss.

Auf der Fahrt zum Flughafen hört sie die Ouvertüre zum „Fliegenden Holländer.“ „Hoffentlich bleiben meine Haare trocken“, sorgt sich die frisch frisierte Familienaufstellerin, während das Prasseln des Regens auf der Windschutzscheibe und der Rhythmus der Scheibenwischer mit der Musik zu verschmelzen scheinen.

Dass irgendein pflichtvergessener Soldat mal wieder vergessen hat, die Schranke an der Zufahrt zum Rollfeld des Militärflughafens von Köln-Wahn zu schließen, kommt ihr heute eher zupass. So fährt sie auf direktem Weg einmal quer über die Startbahn hinein in den Hangar und parkt das Auto neben der Drohne. Koffer umladen, einsteigen, Checkliste abhaken, Startfreigabe einholen und los geht’s.

Mit gemischten Gefühlen fliegt Carmen von Köln nach Bayreuth. Sie erinnert sich an ihren letzten Aufenthalt in der fränkischen Metropole und hofft, dass man ihr den Überfall auf das Lager der Pharmafirma und ihren Ausbruch aus der Forensischen Psychiatrie, in der sie zusammen mit Gustl Mollath eingesessen hatte, nicht mehr nachträgt. Damals hatten Abigail und die anderen Mädels vom Q-Sad sie in einer spektakulären Aktion befreit. http://www.rinderwahn.eu/?p=75 „A propos“, denkt Carmen, „ich könnte meine Süße ja mal wieder anrufen.“

Schon nach dem ersten Klingeln ist Abigail am Telefon. „Hi, Baby, don’t tell me you’rrre in trrrouble again!“ meldet sich die israelische Agentin und Intimfreundin unserer bisexuellen Superheldin mit launigen Worten. „No, thank God, I’m fine. And how are you, honey?“ – „Well, the usual stuff. The Hamas arrre digging tunnels and we arrre trrrying harrrd to fill them up again“, berichtet Abigail, die seit Beginn der aktuellen Krise beim israelischen Grenzschutz arbeitet. Nach ein wenig verliebtem Smalltalk erzählt Carmen von ihrem neuen Auftrag. „Rrrichard Wagnerrr?“ fragt Abigail mit hörbarer Ambivalenz in der Stimme. „This fucking anti-semite? … Well, but grrreat music anyway…“ fügt sie nachdenklich hinzu. „It’s a pity we don’t have opporrrtunities to go and see his works herrre.“ – „You should come to Bayreuth then. I’d love to attend ‚The Flying Dutchman’ together with you, honey,“ säuselt die Carmencita ihrer Freundin ins Ohr, da sie weiß, dass die Liebe sich auch von gemeinsamen Träumen nährt.

„Can’t possibly do this“, antwortet Abigail leise und ein wenig traurig. „They’d sack me immediately.“ – „I’m sure we’ll find a way of enjoying it together in the near future“, tröstet Carmen ihre israelische Freundin. Abigail spürt, dass Carmen es ernst meint und freut sich. Nach ein wenig weiterem Austausch ist das Telefonat beendet. Abigail wünscht Carmen viel Glück.

Dann beginnt unsere mit dem Sabiha-Gökcen-Orden ausgezeichnete Kampfpilotin den Landeanflug auf den Flughafen von Bayreuth. Zur Untermalung schaltet sie das Drohnenradio ein und dreht den „Ritt der Walküre“ auf volle Lautstärke. Wieder einmal findet sie, dass sich die Investition in das Bose-Surround-Sound-System gelohnt hat.

Wie freudig ist ihre Überraschung, als sie nach der Landung diesmal nicht von einem Sondereinsatzkommando der Polizei, sondern vom Chor der Bayreuther Festspiele erwartet wird. Nachdem sie die Parkposition erreicht und das Panorama-Glasschiebedach geöffnet hat – in Bayreuth scheint die Sonne – ertönt es vielstimmig: „Willkommen, willkommen, Carmen in Bayreuth!“

Unsere Diva entsteigt beeindruckt ihrem Fluggerät und wird vom Leiter der Festspiele mit einem Hufkuss begrüßt.

Im Hintergrund flattert aufgeregt ein Schwan.

Carmen lässt ihren Schrankkoffer und das Arbeitsgerät ausladen. „Nur das Nötigste“, beteuert unsere kleine Luxus-Kuh treuherzig.

Man begleitet sie zum Ausgang des Provinzflughafens. Beim Verlassen des Sicherheitsbereichs wird sie von einer imposanten Frau erwartet, die ein Schild mit der Aufschrift „Frl. Carmen“ hochhält. Carmen tritt zu ihr hin und gibt sich zu erkennen. „Ich bin Brünnhild“, stellt sich die Dame vor. „Bin so etwas wie das Faktotum des Wagner-Clans. Mädchen für alles, gewissermaßen. Ich darf sie nach Wahnfried bringen. Kommen Sie, mein Gefährt steht gleich vor der Tür.“

In einer Reihe mit den Taxen hat Brünnhild ihren Einspänner geparkt. Mit starker Hand lädt sie Carmens Gepäck auf und bittet unsere Heldin, Platz zu nehmen. „Besser, Sie schnallen sich an“, grinst die Walküre und setzt sich vorn auf den Kutschbock. „Das gute Stück ist nämlich flotter als man beim ersten Anblick denkt. War übrigens mal ein Polizeifahrzeug“, erklärt sie. Auf ein kurzes „Hü, Grane!“ setzt sich die Kutsche mit einem heftigen Ruck in Bewegung.

In rasender Fahrt geht es zum Grünen Hügel.

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Auf der Fahrt beginnt Brünnhild mit dem Briefing unserer Nothelferin: „Es brodelt ja schon länger in Wahnfried. Aber seit ein paar Tagen ist nun wirklich die Hölle los. Die ganze Familie ist zerstritten. Dazu kommen noch ein paar mehr als merkwürdige Freunde, wenn ich das mal so formulieren darf, die sich in alles einmischen. Es ist ein richtiges Irrenhaus… Der Meister und Cosima haben es immer abgelehnt, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Böse Zungen behaupten, es liege daran, dass alle brauchbaren Psychotherapeuten Juden seien. A propos…“, stockt die etwas indiskrete Walküre und macht eine Kunstpause.

„Sprechen Sie es nicht aus. Ich bin katholisch“, wischt die Carmencita, die nicht unerwartete Frage antizipierend, alle Bedenken weg. „Ok, ist zwar immer noch suboptimal, macht die Sache aber auf jeden Fall einfacher…“, grinst Brünnhild.

Dann berichtet sie kurz über das Verschwinden des kleinen Gottfried. „Der Meister und Cosima haben ihn und seine ältere Schwester Elsa vor einigen Jahren von einer Konzertreise aus Antwerpen mitgebracht. Sie haben die beiden beim Besuch eines Waisenhauses kennengelernt und waren sofort vernarrt in die Kinder. Seitdem leben die kleinen Belgier in Wahnfried und sind inzwischen Teil der Familie geworden. Vor allem Gottfried hat alle verzaubert, was Elsa manchmal ein wenig eifersüchtig macht, weil sie in ihrer scheuen Art nicht ganz so zutraulich ist. Vor einer Woche sind beide zum Spielen in den Wald gegangen. Am Abend kam Elsa allein und völlig verstört zurück. Sie erzählte, Gottfried sei plötzlich verschwunden gewesen. Die Bayreuther Polizei hat noch in der selben Nacht mit einer Hundertschaft den Wald durchsucht. Vergebens. Gottfried blieb wie vom Erdboden verschluckt. Die Familie ist seitdem in größter Sorge. Nun ist der schon lange schwelende Konflikt im Haus völlig eskaliert. Einer beschuldigt den andern. Der Meister ist ratlos. Er hofft, sie können das Rätsel lösen und Gottfried wohlbehalten wieder zur Familie zurück bringen.“

Auf ein kurzes „Brrr, Grane“ kommt die Kutsche vor dem imposanten Anwesen der Wagners mit quietschenden Reifen zum Stehen. Die Carmencita hatte bei Wikipedia gelesen, dass es noch immer nicht abbezahlt sein soll.

Die Tür des Hauses öffnet sich und einige Domestiken helfen beim Ausladen. „Kommen Sie bitte mit“, sagt Brünnhild und geleitet unsere beeindruckte Heldin hinein. Im Foyer wuseln einige strohblonde Kinder herum, die bei Carmens Anblick neugierig innehalten und sie mit offener Neugier betrachten, vor allem weil sie noch nie ein Flamencokleid gesehen haben. Im nächsten Moment öffnet sich eine Tür und der Meister tritt an der Seite seiner Gattin gemessenen Schrittes auf den sehnlichst erwarteten Gast zu. „Frolln Garmen, do sind Sie jo. Üsch hoffe, Sie hotten eenen guten Fluch“, ergreift das Familienoberhaupt mit beiden Händen den ausgestreckten Huf der Carmencita. „Er ist noch kleiner als ich dachte“, denkt unsere Musikliebhaberin mit dem Vaterkomplex, in ihrem Bemühen, nicht allzu beeindruckt zu wirken.

„Das ist meene Frau Gosima“, stellt Wagner sein zweites Glück vor. „Willkommen in Wahnfried“, sagt Cosima förmlich und streckt der Carmencita die Hand entgegen. Dabei ist ihr trotz aller Freundlichkeit die Skepsis gegen jegliche fremde Einmischung in Familienangelegenheiten deutlich anzumerken. „Bitte, kommen Sie herein. Sie werden hungrig sein. Wir haben einen kleinen Imbiss vorbereitet, bevor Sie mit der Arbeit beginnen.“

Zum Mittagessen gibt es Saure Zipfel und fränkisches Bier. „Ob die sich jeden Tag so ungesund ernähren?“ fragt sich unsere Teilzeit-Vegetarierin. Dennoch findet sie das Mittagessen ganz lecker und langt kräftig zu, um nicht die mit zunehmendem Bierkonsum allmählich aufkeimende Vertrautheit durch übermäßige Zurückhaltung zu gefährden.

„Nu sochen Sie eenfoch, Frollen Garmen, wie Sie vorzugehen gedenken“, kommt der Meister beim Nachtisch zum Zweck des Besuchs. „Nun, ich schlage vor, alle Beteiligten sollten sich nach dem Mittagessen erst einmal zu einer Lagebesprechung zusammenfinden“, erklärt unsere Familientherapeutin. „Gut, dann treffen wir uns um sechs im Musikzümmer“, entscheidet der Meister. „Vorher zeicht Ihnen die Brünnhild noch Ühre Undergunft. Do gönnen Sie sich einrüschten und früsch mochen“, sächselt er munter weiter, froh, die Fäden nicht ganz aus der Hand geben zu müssen. „Und bevor’s losgäht däd üsch Sie gern noch under vier Oochen sprechen. Sochen wir um fümpf in der Bübliodeek?“, bittet der Meister. Carmen wirft einen Blick auf Ihre Omega Seamaster und stimmt zu.

Brünnhild nimmt Carmen unter ihre Fittiche und führt sie die Treppe hinauf auf den Flur, von dem die Gästezimmer abgehen. In einer Nische fällt Carmen eine große Vitrine auf, in der einige offenbar wertvolle Gegenstände ausgestellt sind. Besonders springt ihr ein großer goldener Kelch ins Auge, der einen zentralen Platz einnimmt und offenbar den Mittelpunkt der Sammlung darstellt. „Beeindruckend, nicht?“ fragt Brünnhild, die Carmens Blicken gefolgt ist. „Außergewöhnlich“, antwortet Carmen. „Ja, das trifft es wohl ganz gut“, antwortet das Faktotum nickend. „Es handelt sich um Geschenke, die den Wagners von prominenten Festspielgästen gemacht wurden. Meistens sind es rituelle Gegenstände von hohem Symbolwert. Zum Teil soll es sich aber auch um kultische Objekte mit einer langen Geschichte handeln.“ – „Wissen Sie etwas über diesen Kelch hier in der Mitte?“ fragt Carmen nach. „Nicht viel. Der ist das neueste und wahrscheinlich wertvollste Stück in der Sammlung. Einer der Gäste hat ihn vor kurzem mitgebracht. Fragen sie mich aber lieber nicht, wie er heißt“, sind die wenigen Informationen, die Brünnhild geben kann.

Carmen bezieht ihr Zimmer. „Nett“, denkt unsere durchaus an Komfort gewöhnte Luxus-Kuh mit einer rhetorischen Untertreibung. Wie gern würde sie sich ein wenig auf dem riesigen und weichen Bett ausstrecken. Doch dafür ist jetzt keine Zeit. Carmen hat bemerkt, dass die anderen Gäste und Familienmitglieder nach dem Essen alle in den Garten gegangen sind. „Die Gelegenheit ist günstig“, findet unsere Agentin und öffnet den Koffer mit dem elektronischen Arbeitsgerät. Sie nimmt eine Handvoll Abhörgeräte heraus und steckt sie in die Tasche ihres Flamencokleids. Dann verlässt sie vorsichtig das Zimmer und geht über den verlassenen Flur. An jeder Tür horcht sie kurz, klopft vorsichtig und wenn von drinnen keine Antwort zu hören ist, geht sie leise hinein, heftet rasch mit geübten Griffen ein kleines Mikrofon in den Lampenschirm und verlässt den Raum wieder. So verwanzt sie ein Zimmer nach dem andern. Bis auf eines, in dem sich offenbar eine Person aufhält.

Pünktlich um fünf Uhr betritt Carmen die Bibliothek, wo sie der Meister bereits in einem bequemen Sessel sitzend erwartet. Er bittet sie, Platz zu nehmen und setzt sie ins Bild über die Situation, die Carmen in groben Zügen bereits von Brünnhild erfahren hatte. „Do hier sowieso jeder jeden verdechdischt, will üsch Ihnen gleich sochen, dass die Gosima und üsch uns zum Zeitpunkt des Verschwündens des kleenen Gottfried auf einer Konzertreise in Venedisch befanden. Dafür gübt es jede Menge Zeuschen. Als uns die Brünnhild über die Ereischnisse informiert hot, sind wir natürlich sofort zurückgegommen und zwei Dooche später hier eingetroffen. Für uns ist dos Gonze eene eenzische Gatastrophe. Der Gottfried und die Elsa sind für uns wie unsere eeschenen Ginder“, schließt der Meister seine Ausführungen. Tränen stehen ihm in den Augen.

„Die beiden scheiden also schon mal als Täter aus“, denkt Carmen, die begreift, dass beide ein wasserdichtes Alibi und außerdem kein Motiv zu haben scheinen.

„Nochdem die Bayreuther Bolizei offensichtlich am Ende ist mit ihrem Ladein, hat mir die Leiterin der „Soko Gottfried“ geroten, üsch soll müsch mit Ühnen in Verbündung setzen. In Bolizeikreisen däd man süsch soochen, Sie wären die Beschte, und wenn eener die Soche aufklären gönnte, donn Sie, hot sie gesoocht.“ Der Meister schließt mit der inständigen Bitte, Carmen möge alles in ihrer Macht Stehende tun und versichert sie seiner unbeschränkten und rückhaltlosen Unterstützung. „Der Ludwisch zohlt!“ fügt er noch einmal hinzu und es klingt wie eine Beschwörungsformel, mit dem man hier im Haus so manches Problem zu lösen gewohnt ist. „Dann sollte er sich schon mal nach einem Käufer für Neuschwanstein umsehen“, grinst unsere Doppelagentin mit den unverschämten Honorarforderungen in sich hinein, bedankt sich dann aber förmlich und sichert dem Meister zu, sie sei zuversichtlich, die Angelegenheit bald aufklären zu können. Beginnen wolle sie damit, alle Familienmitglieder und Hausgäste kennenzulernen, um sich ein Bild machen zu können.

Eine halbe Stunde später hat Carmen das Musikzimmer für den Anlass vorbereitet. Sie hat einen Stuhlkreis und das mitgebrachte Flipchart aufgestellt, in dessen obere linke Ecke sie ein Foto des kleinen Gottfried geklebt hat. Der geöffnete Moderatorenkoffer liegt auf einem kleinen Beistelltisch. Nach und nach tröpfeln die Familienmitglieder und die anderen Bewohner des Hauses herein. Carmen bittet sie alle, Platz zu nehmen. Als letzte kommen Richard und Cosima hinzu.

Der Meister begrüßt die Anwesenden und stellt dann Carmen vor. Mittlerweile hat er die Fassung wieder gewonnen und gibt sich ganz als Familienoberhaupt: „Hört, Kinder, Edle, Gäste, Freunde von Bayreuth!“ verkündet er. „Carmen, der Deutschen Agentin, kam zur Statt, mit uns zu dingen nach des Reiches Recht! Gebt ihr nun Fried’ und Folge dem Gebot!“

„Klingt gut“, denkt Carmen, die kein Wort des geschwollenen Geredes verstanden hat. Dennoch bedankt sie sich artig. Nachdem die Runde nunmehr vollständig und aufmerksam zu sein scheint, richtet sie das Wort an die Anwesenden.

„Sie alle wissen, warum wir hier zusammengekommen sind. In erster Linie geht es darum, das Verschwinden des kleinen Gottfried aufzuklären. Dazu wird es zunächst hilfreich sein, die familiären Strukturen besser zu durchblicken. Wir sollten daher mit einer kleinen Vorstellungsrunde beginnen“, schlägt unsere psychologisch versierte Ermittlerin vor.

Zuerst richtet sie den Blick auf die junge Frau, die neben ihr Platz genommen hat. „Bist Du es, Elsa von Brabant?“, fragt Carmen feierlich. Elsa nickt. „Möchtest Du uns kurz Deine Sicht der Dinge schildern?“ ermutigt Carmen betont freundlich. Elsa nickt erneut.

„Mein armer Bruder!“ beginnt Elsa nach einer kurzen Pause stockend. Dann erzählt sie, wie sie von den Wagners damals zusammen mit ihrem Bruder von Brabant nach Wahnfried geholt worden sei, als Waisenkinder, und dass sie hier von der Familie aufgenommen worden seien wie deren eigen Fleisch und Blut. Dann kommt sie zu den jüngsten Ereignissen und schließlich berichtet sie von besagtem Nachmittag, als sie mit ihrem kleinen Bruder zusammen in den Wald an einen kleinen See zum Spielen gegangen sei. „Wir haben Verstecken gespielt und plötzlich war er wie vom Erdboden verschluckt.“ Sie habe das ganze Ufer abgesucht aber außer einem auf dem Wasser schwimmenden Schwan kein lebendes Wesen getroffen. Dann sei sie völlig verstört nach Hause gelaufen und habe Brünnhild und die Familie alarmiert. Brünnhild habe schließlich die Polizei verständigt. Den Rest der Geschichte kenne sie ja schon, schließt Elsa traurig an Carmen gewandt. Kurzes Schweigen. „Ich weiß, dass sowieso alle mich verdächtigen!“ platzt es schließlich aus Elsa heraus. „Aber ich schwöre bei Gott, ich war es nicht!“

„Es gilt zunächst für alle die Unschuldsvermutung“, beschwichtigt unsere Hobby-Juristin die aufgeregte Blondine. „Dennoch. Für alle Fälle: Erkennst Du mich als Deinen Richter an?“ fragt sie mit heiligem Ernst an Elsa gewandt. Elsa blickt zur Seite und nickt.

Zu Carmens besonderer Ermittlungsmethodik gehört der Einbezug ihres Unbewussten. Daher schließt sie kurz die Augen und wartet auf die inneren Bilder, die nun vor ihrem geistigen Auge auftauchen. Sie sieht einen still ruhenden See, die Elsa im makellos weißen Kleid mit einem güldenen Krönchen auf dem blonden Haar und in der Ferne auf dem Wasser einen reglosen und ebenso makellos weißen Schwan. Die an sich nahe liegende Hypothese vom Brudermord aus Eifersucht stellt Carmen angesichts dieser Idylle erst einmal beiseite.

„Ich danke Dir“, kehrt Carmen wieder in die Realität zurück. „Es ist nämlich wichtig, dass wir uns alle zu diesem Prozess comitten.“ Carmen blickt fragend in die Runde. Einige nicken ebenfalls, andere schauen betreten zu Boden.

„Gut. Dann fahren wir bitte mit der Vorstellungsrunde fort. Sag, wer bist Du?“ wendet sie sich an den saumäßig attraktiven blonden Hühnen neben Elsa, von dem sie gehört hat, er solle seit kurzem deren Verlobter sein, nachdem sie vor längerer Zeit einem gewissen Friedrich den Laufpass gegeben hatte.

Ein erschrecktes Schnaufen geht durch den Raum. Carmen spürt, dass sie offenbar einen problematischen Punkt angesprochen hat. „Oh, mir schwant, hier gibt es ein Tabuthema!“ freut sich die Carmencita innerlich. Der Hühne blickt ihr tief in die Augen. Carmen wird einen Moment lang ganz schwindelig von der Klarheit und Kraft, die er ausstrahlt. „Eine starke Persönlichkeit“, fährt es ihr durch den Kopf, „aber ich kann mir jetzt unmöglich die Kontrolle über die Situation aus dem Huf nehmen lassen.“ Daher legt sie mit Entschlossenheit nach: „Und, ich höre?“ Erneutes angespanntes Schnaufen in der Runde.

Da steht der Blonde auf und erhebt die Stimme: „Nie sollst Du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam’ und Art!“

„Ach, Du Scheiße“, denkt unsere Küchenpsychologin mit dem Hang zu Blickdiagnosen, „schizoid-narzisstische Persönlichkeitsstörung – und gleich zu Anfang soviel offener Widerstand. Das kann ja heiter werden.“ Dann erinnert sie sich an ihre familientherapeutische Ausbildung und entscheidet sich, den Hühnen erst einmal gewähren zu lassen. „Na gut, vielleicht könnten wir uns darauf einigen, dass Du mir sagst, wie Du angesprochen werden möchtest.“ Blondie setzt sich wieder hin, lehnt sich zurück und verkündet: „Nenn’ mich einfach ‚Schützer von Brabant’“, ordnet er an. „Ok, Schützer, ich verlasse mich dennoch auf Deine Kooperation“, versucht Carmen ein wenig hilflos, ihn wenigstens symbolisch ins Boot zu holen. Zu ihrer Erleichterung nickt der Blonde huldvoll. Es ist noch zu erfahren, dass er tatsächlich Elsas Verlobter sei, seit er neulich in einer Bayreuther Diskothek, wo Elsa sich gerade mit ihrem damaligen Freund Friedrich stritt, aus dem Nichts aufgetaucht sei, sich unter Einsatz seines eigenen Lebens sehr für sie ins Zeug gelegt und den Friedrich fürchterlich verdroschen habe. Das habe Elsa derart imponiert, dass sie spontan seinen Heiratsantrag angenommen habe. „So ist das“, denkt Carmen im Stillen, „diese Waisenkinder sind eben lebenslang anfällig für solche Beschützerfiguren.“

Dennoch wirkt das Ganze irgendwie stimmig und Carmen sieht erst einmal keinen Anlass, hier weiter nachzufragen. Vor ihrem geistigen Auge sieht sie den Schützer mit einem Schwert in der einen und einem güldenen Kelch in der anderen Hand, von einem Strahlenkranz umgeben. „Wow“, denkt Carmen, „der scheint echt etwas Besonderes zu sein.“

Dann bittet sie den Sitznachbarn des Schützers, sich vorzustellen. Er sei Siegfried, der Sohn von Richard und Cosima, teilt der für Carmens sensiblen Geschmack ein wenig effeminiert wirkende Herr schnörkellos mit. Er sei gerade mit der Einstudierung einer neuen Oper des Meisters am Festspielhaus beschäftigt. Am Nachmittag des Verschwindens des kleinen Gottfried habe er dort eine Orchesterprobe geleitet. Er sei durch einen Boten bei der Probe unterbrochen und benachrichtigt worden und daraufhin sofort nach Hause zurückgekehrt, um als ältestes der anwesenden Familienmitglieder die notwendigen Maßnahmen in die Wege zu leiten. „Wasserdichtes Alibi“, denkt Carmen und verzichtet auf weitere Nachfragen.

Vor ihrem geistigen Auge sieht sie Siegfried nackend durch ein schlecht beleuchtetes Badehaus streifen. Durch den Raum wabert heißer Wasserdampf, aus dem immer wieder zahlreiche, ebenfalls nackte Bauernburschen auftauchen sind, die sich vielsagende Blicke zuwerfen. Etwas irritiert öffnet Carmen die Augen, um die Runde fortzusetzen. Doch vorher erregt ein polterndes Geräusch im Haus ihre Aufmerksamkeit.

„Ist da noch jemand?“ wendet sich die Carmencita an den Meister. „Des würd der Ludwisch sein“, antwortet der berühmte Komponist achselzuckend. „Der Ludwig? Ja, wenn der auch hier ist, warum sitzt er dann nicht bei uns?“ fragt Carmen naiv. „Das müssen Sie verstehn, der Ludwisch ist een extreem scheuer Gesell. Der könnte dos gor nicht mit uns hier ausholten, alle zusommen in eenem Raum. Do kriescht der immer Schweißausbrüche und Banikodoggen“, entschuldigt der Meister seinen Hauptsponsor. „Ober üsch werd arranschürn, doss Sie ihn nochher unter vier Oochen sprechen gönnen“, bemüht er sich beschwichtigend, unserer Ermittlerin entgegen zu kommen. Carmen seufzt und setzt die Runde fort.

Ein Herr im langen Gewand ist an der Reihe. Er sei Heinrich der Vögler, stellt er sich vor. Der Deutschen König sei er gewesen und der Vorgesetzte von Ludwig. Mittlerweile befinde er sich jedoch im Ruhestand und sei zu Besuch hier in Wahnfried, wo er eine kleine aber doch bedeutende Rolle in der aktuellen Oper übernommen habe. Endlich habe er Zeit, seinem Hobby zu frönen, sagt er. Mit Gottfried habe er wenig zu tun gehabt, da er sich in seiner Freizeit lieber mit den Damen der Bayreuther Gesellschaft beschäftige, fügt er mit einem ebenso schmutzigen wie provozierenden Augenzwinkern in Richtung unserer bisexuellen Heldin hinzu. „Er kompensiert seine Unsicherheit und innere Leere nach der Pensionierung mit hypersexuellem Agieren“, denkt unsere wilde Psychoanalytikerin. Am fraglichen Nachmittag habe er ein Stelldichein mit der Tochter des Bürgermeisters gehabt, fährt der Vögler fort. Er bitte aber darum, diese Information möglichst vertraulich zu behandeln, schließlich sei er als Ex-König ein Ehrenmann. Carmen sieht vor ihrem geistigen Auge das schlaffe Fleisch des alternden Monarchen auf einem Bett liegen, während eine junge Blondine ebenso angestrengt wie geistesabwesend auf ihm herum hoppelt. Carmen ist froh, als sie die Augen wieder öffnen kann, fürchtet aber, diesen unerfreulichen Anblick so bald nicht wieder loszuwerden. „Nomen est omen“, stellt sie abschließend für sich fest.

Zu ihrer Überraschung gibt sich die verschlagen wirkende Dame neben Heinrich als Siegfrieds Ehefrau Winifred zu erkennen. „Ach, Sie sind verheiratet?“, entfährt es Carmen ebenso spontan wie überrascht. Sogleich möchte sie sich auf die Lippen beißen und das Gesagte zurücknehmen. Doch gesagt ist gesagt. Die ganze Runde blickt etwas betreten zu Boden.

Winifred gibt an, am Nachmittag zusammen mit der Köchin in der Küche beschäftigt gewesen zu sein. Viel Hilfreiches ist von ihr ansonsten nicht zu erfahren. Carmen schließt wieder die Augen. Je weniger gesprochen wird, umso wichtiger die inneren Bilder aus dem Unbewussten. Da sieht sie Winifred im langen Ledermantel, mit einer Schildmütze auf dem Kopf und einer neunschwänzigen Katze in der Hand, im offenen Wagen stehend über den Prachtboulevard einer Großstadt fahren. Als sie den Mund öffnet, ergießt sich daraus ein nicht endender Strom hässlicher Ratten, die aus dem Wagen springen, wo sie die den Weg säumenden Menschen anfallen und mit der Pest infizieren. Carmen schaudert. Sie öffnet die Augen und reißt sich zusammen. Doch es soll noch schlimmer kommen.

Denn nun ist der kleine Mann mit dem komischen Bärtchen über den kariösen Schneidezähnen und dem schlecht sitzenden Anzug neben Winifred an der Reihe. „Äch bänn Onkel Wolf“, schnarrt er mit merkwürdigem Akzent und versucht dabei vergeblich, liebenswürdig zu wirken. “Onkel Wolf ist ein enger Vertrauter der Familie“, erklärt Winifred. „Er ist in der Politik aktiv und hat gerade im Gefä…, äh, in Landsberg am Lech sein Parteiprogramm verfasst. Wir haben ihn eingeladen, sich hier bei uns von den Strapazen zu erholen.“ – „So zieht das Unheil in dies Haus“, denkt Carmen und fragt sich, wo sie diesen Satz schon einmal gehört hat.

„Gänau, ond om zo arbeiten. Am Nachmättag däs Värschwändens däs kleinen ongezogenen Rackers war äch mät lätzten Korrektoren der Drockfahnen bäschäftigt“, ergänzt der hässliche Mann mit dem komischen Sprachfehler.

Carmen läuft es eiskalt den Rücken hinunter. Sie schließt die Augen und erschrickt sogleich über ihre Visionen, die mit selten erlebter Intensität Besitz von ihr ergreifen: Sie sieht eine Landkarte Europas in Flammen aufgehen, unter rauchenden Trümmern eingestürzter Häuser, abstürzenden Schwänen mit vom Feuer versengtem Gefieder und Bergen abgemagerter Leichen. Unter den Leichen ist eine, deren Gesicht Carmen erkennt. Es ist das ihrer über alles geliebten Freundin und Gefährtin Abigail. Carmens Herzschlag beschleunigt sich, ihre Hufe zittern und sie spürt eine Übelkeit aufsteigen, wie sie sie noch nie beim Anblick eines Unbekannten empfunden hat. Im nächsten Moment sieht sie sich mit einem Baseballschläger in den Hufen immer wieder und mit voller Kraft auf Onkel Wolfs Schädel einschlagen, während der nicht aufhören will, aus der zerschmetterten Fratze diabolisch zu lachen.

Carmen bittet um eine Pause. Sie öffnet die Fenster und blickt nach draußen in den Garten von Wahnfried.

„So zieht das Unglück in dies Haus“, denkt unsere hochsensible Heldin noch einmal und atmet tief die frische Luft ein und aus. Ihr Blick fällt auf das Grab von Russ, dem verblichenen Hund des Meisters. Allmählich beruhigt sich ihr Puls und sie bittet alle Anwesenden, wieder Platz zu nehmen.

Carmen am Grab von Wagners Hund Russ
Carmen am Grab von Wagners Hund Russ

 

Als nächste ist das Kindermädchen Emma an der Reihe. Emma bricht sogleich in Tränen aus und berichtet, sie habe den Nachmittag spielend mit den anderen Kindern verbracht. Sie mache sich solche Vorwürfe, weil sie Elsa und Gottfried alleine in den Wald habe gehen lassen. „Wenn er nicht zurückkommt, werde ich mir das nie verzeihen“, schließt sie ihre Rede und versinkt in Schluchzen. „Warum sind es eigentlich immer die liebevollsten Frauen, die sich selbst die Schuld geben, wenn mit den Kindern etwas schiefläuft…“, fragt sich Carmen, während idyllische Bilder einer unbeschwert im Garten spielenden Kinderschar in ihr aufsteigen.

Die Runde geht weiter und die anderen Kinder und die Enkel des Meisters stellen sich vor. Am interessantesten findet Carmen die kleine Friedelind, die schon allein mit ihrem blau gefärbten Irokesenschnitt und den vielen Piercings optisch für Abwechslung im blonden Einheitsbrei der Familienmitglieder sorgt. Carmen registriert die anklagenden Worte der jungen Frau, welche nach Carmens systemischer Einschätzung offenbar die Rolle der Rebellin im Familiensystem übernommen hat. „Hättet Ihr mal besser auf Gottfried aufgepasst! Aber Ihr seid ja immer nur mit Euch selbst beschäftigt“, giftet sie ihre Eltern Siegfried und Winifred an. „Friedelind, do ongezogenes Mädchen“, mischt sich Onkel Wolf ungefragt schimpfend ein. Carmen schließt kurz die Augen und spürt eine tiefe Sympathie für die Heranwachsende. Hatte sie doch selbst dieses äußerst schwierige Verhältnis zu ihren Eltern gehabt, das sie letztlich in die Emigration nach Paris getrieben hatte. „Ich wünsche Ihr, dass sie einmal groß rauskommt“, denkt Carmen unter Verlust jeglicher Objektivität.

Spätestens jetzt ist die Luft im Raum zum Schneiden dick.

Draußen wird es allmählich Nacht über Bayreuth.

Nacht über Bayreuth

Nacht über Bayreuth

 

Zweiter Akt: Die ihr in süßem Schlaf verloren, wisst, dass für Euch das Unheil wacht!

Nach dem Abendessen, zu dem wieder Saure Zipfel und viel fränkisches Bier gereicht wurden, sitzt Carmen noch ein wenig mit dem Meister auf einer Bank im Garten. Zuerst unterhalten sie sich kurz über den scheuen Hausgast mit dem blauen Blut. Carmen möchte wissen, wie sie ihn auch noch sprechen könne. „In die große Runde wird er gaum zu grieschen sein. Vielleicht gönnt üsch ühn zu eenem Vier-Oochen-Gespräch beweeschen“, meint der Meister. – „Das wäre gut“, stimmt Carmen zu und hängt ein wenig ihren Gedanken nach.

Dann kommen sie auf Wagners Schrift „Das Judenthum in der Musik“ zu sprechen. „Wie kann ein Mensch, der so überirdisch schöne Musik macht, in seinen Schriften einen derart schäbigen Charakter an den Tag legen?“ fragt sich unsere Moralbovinosofin im Stillen und traut sich dann, ihre Bedenken vorsichtig aber dennoch deutlich formuliert zu äußern. „Bei allem Respekt, Meister, dieses unselige Pamphlet hätten Sie sich und der Welt besser erspart.“ Er habe es unter dem Einfluss seiner politisch engagierten Schwiegertochter Winifred geschrieben, will sich der Meister herausreden. Doch das lässt die Carmencita nicht gelten. „Nichts da! Aus dem Neid ist das geboren! Aus unerträglicher Intoleranz und kleinstädtischer Engstirnigkeit!“ schimpft sie. „Dabei haben Sie das doch eigentlich gar nicht nötig“, fügt sie begütigend hinzu.

Dann greift unser Verhandlungsgenie aber lieber zu einem Kunstgriff der Verhandlungstechnik, der bisher noch meistens funktioniert hat: „Stellen Sie sich mal vor, Ihr psychisch offensichtlich reichlich labiler Freund und Sponsor Ludwig geht irgendwann ins Wasser. Wer soll denn dann Ihren aufwändigen Lebensstil und Ihre neuen Produktionen finanzieren?“ Der Meister blickt zu Boden. „Und wos hot dos jetzt mit den Juden zu tun?“ fragt er ein wenig trotzig wie ein Mann, der spürt, dass ihm die Argumente ausgehen. „Ganz einfach. Ich kenne viele reiche Musikliebhaber mosaischen Glaubens“, säuselt unsere raffinierte Taktikerin, die weiß, dass die Aussicht auf Erfolg, Ruhm, Macht und Geld bei Persönlichkeiten wie der des Meisters fast regelhaft die Oberhand über weltanschauliche Überzeugungen gewinnt. „Die würden sich zweifellos freuen, Sie zu unterstützen, wenn Sie Ihre Irrtümer zurücknehmen.“

Betretenes Schweigen und hörbares Nachdenken beim Meister. „Noja, mit dem Ludwisch, dos hob üsch müsch schon öfter gefrocht wie long dos noch gut geht.“ Da holt Carmen zum finalen Schachzug aus: „Wenn ich das mit dem Gottfried hinkriege, versprechen Sie, mir dann einen Gefallen zu tun?“ – „Also los, raus domit…, nö, wos sind Sie aber och für een roffinierdes Luda…“, brummt der Meister gutmütig und nicht ohne eine gehörige Portion Bewunderung in der Stimme. Daraufhin lehnt sich unsere anschmiegsame Carmencita an des Meisters Schulter und flüstert ihm etwas ins Ohr.

Der Meister reißt die Augen auf. „Näää, sochen Sie bloß! Meenen Sie würklisch des gönnt wos werden? Des wär jo obgefohrn!“ staunt er ungläubig und verfällt vor lauter Begeisterung in die Sprache seiner Kinder. Die Carmencita strahlt über das ganze Gesicht. „Abgemacht?“ fragt sie. „Obgemocht“, antwortet der Meister und schüttelt ihr kräftig den Huf. „Aber ärscht müssense den Gottfried fünden.“ – „Lassen Sie mich nur machen“, antwortet Carmen selbstsicher.

Carmen setzt dem Meister einen Floh ins Ohr

Carmen setzt dem Meister einen Floh ins Ohr

 

„Übrischens: Üsch bin der Rüschard!“ sagt der Meister nach einer kleinen Schweigepause spontan und hält seiner neuen Mäzenin die Hand hin. „Freut mich, Richard. Ich bin die Carmen. Das ‚Frollein’ kannste jetzt weglassen!“ antwortet unsere leutselige Heldin mit dem Vaterkomplex und gibt ihm einen hingehauchten Kuss auf die Wange.

Nach dem anstrengenden Tag, den vielen Sauren Zipfeln und dem denkwürdigen Gespräch mit ihrem neuen Duz-Freund verspürt Carmen das Bedürfnis, noch ein wenig frische Luft zu schnappen, um sich vor dem Schlafengehen auf andere Gedanken zu bringen. Von Brünnhild lässt sie sich in die Stadt fahren. „Wo kann man denn hier noch einen Absacker trinken?“ fragt Carmen. „Da gibt es viele Möglichkeiten. Wonach steht Ihnen denn der Sinn?“ fragt das Faktotum zurück. Carmen meint, sie wünsche sich noch ein wenig Gesellschaft, aber keine aufdringlichen Männer. Brünnhild empfiehlt ihr eine nette Lesben-Bar seitlich vom Marktplatz, wo sie unsere mental erschöpfte Heldin absetzt.

Schon von Ferne erkennt Carmen den Eingang der Bar an der offensiv ausgehängten Regenbogenfahne. Die Tür steht offen, es ist Sommer. Aus den Lautsprechern der Bar dudelt Helene Fischer mit „Atemlos durch die Nacht.“ – „Seuche, diese verfluchte Seuche“, denkt unsere Musikliebhaberin angewidert. Das hirnlose Gesinge ist bis auf die Straße zu hören. Als Carmen das Lokal betritt, verstummen die wenigen Besucherinnen kurz und wenden reflektorisch in einer konzertierten Aktion den Blick auf unsere ebenso knackige wie dynamische Heldin. „Frischfleisch“, denkt Carmen ernüchtert. „Hier bin ich Frischfleisch.“ Carmen setzt sich an die Bar. Sie lässt einen Hocker Sicherheitsabstand zur nächsten Besucherin, die ebenfalls allein hier zu sein scheint und sich an einem Glas Bier festhält. Es ist eben das landestypische Getränk. Als Carmen sich setzt, blickt die Nachbarin kurz herüber und nickt ihr freundlich zu. Eine sympathisch wirkende große Frau mit langen Haaren und einem offensichtlich durchtrainierten Körper. „Eigentlich will ich doch nur noch einen Absacker trinken“, denkt Carmen. Aber kein Bier. Nach diesem Tag braucht sie etwas Härteres.

„Was darf’s denn sein?“ fragt die Bedienung. „Habt Ihr Limetten?“ ragt Carmen zurück. „Mogst a Caipi?“ fragt die Kellnerin verständnisvoll in freundlich-breitem Fränkisch zurück. „Ach“, denkt Carmen erfreut, „in der Provinz gibt es eben noch kompetentes Personal. Anders als in Köln, wo die Gastronomie beherrscht wird von 20-jährigen hilflosen Studentinnen.“ Sie nickt zustimmend. „Moch mer“, verspricht die Bardame zufrieden über die geglückte Interaktion. „So gewinnt man neue Stammkunden“, denkt sie und greift einige Limetten aus dem Kühlschrank.

„Kommst Du aus Schbanien?“ meldet sich nun die Sitznachbarin mit dezent- sympathisch fränkischem Akzent zu Wort. Carmen ist einen Moment hin und hergerissen, ob sie sich auf diese Konversation einlassen soll. Einerseits hat sie heute schon genug geredet und wollte doch eigentlich nur noch ein wenig Luft schnappen und in Ruhe etwas trinken. Andererseits wirkt die Frau neben ihr ganz patent, mit ihrem offenen Blick und dem freundlichen Lächeln. Patente Frauen findet Carmen schon immer gut. Also entscheidet sie sich, zunächst einmal unverbindlich zu antworten. „Ich bin in Spanien geboren, lebe aber schon lange nicht mehr dort.“ – „Aber die Drinkgewohnheiten, die hast fei beibehalten, gell?“ Carmen lächelt freundlich, weil sie den sich entwickelnden Kontakt nicht durch Besserwisserei gefährden will. Die Kellnerin stellt Carmen ein großes Glas Caipirinha hin mit einem makellosen Zuckerrand und einer Menge Eis. „Zum Wohlsein“, sagt sie angesichts der beeindruckenden Fremden geschwollen.

Carmen bedankt sich und wendet sich wieder an ihre neue Bekannte. „Und Du kommst von hier?“ fragt sie statt eines Vortrags über brasilianischen Zuckerrohrschnaps zurück. „Ja, ich bin hier geboren“, antwortet die Oberfränkin nachdenklich. „Ich bin übrigens die Brangäne“, fügt sie kurz entschlossen hinzu und streckt Carmen die Hand hin. „Carmen. Freut mich, Brangäne. Das ist aber kein fränkischer Name?“ – „Nein, mein Vader war Wachner-Fan. Deshalb heißen wir Kinder alle so komisch.“ – „Verstehe“, antwortet Carmen nickend. „Bisd Du zu den Fesdschbielen hier?“ will Brangäne wissen. „Nein, aber indirekt hat es vielleicht doch damit zu tun“, antwortet Carmen ausweichend. „Jedzd machsd Du mich aber neugierig“, lässt Brangäne nicht locker. Carmen findet deren ebenso freundlich-warmen wie neugierig-forschenden Blick bemerkenswert. „Dieser Frau kann man so leicht nix vormachen“, denkt unsere Heldin mit der ausgeprägten Menschenkenntnis. Die Unterhaltung geht zwanglos weiter. Beide umzingeln einander mit Fragen, doch das hat nichts Misstrauisches, sondern es ist eher ein kleines konversatorisches Ballett zweier Personen, die sich behutsam einander annähern im Wissen, sich gegenseitig zu mögen. So stellt sich schließlich heraus, dass Brangäne Leiterin der Bayreuther Stadtpolizei und Leiterin der „Soko Gottfried“ ist. Sie hatte schon von Carmen, der psychologischen Ermittlerin aus der großen Stadt im Westen Deutschlands, gehört und hatte sie an die Wagners empfohlen. „Dann sind wir ja fei Kolleginnen! Freut mich, Dich kennenzulernen!“ strahlt Brangäne und Carmen denkt, wie es wohl wäre, wenn sie nicht immer so allein arbeiten müsste.

Carmens neue Freundin Brangäne

Carmens neue Freundin Brangäne

 

Eigentlich hatte unsere erschöpfte Heldin nach dem langen Tag nur noch einen kleinen Absacker trinken wollen. Aber nun ist ihre Müdigkeit verflogen. Das Gespräch mit Brangäne ist so eine wohl tuende Abwechslung zur ebenso betulichen wie angespannten Atmosphäre in Wahnfried und zu ihren letzten Wochen, die nach dem Ende der Fußballweltmeisterschaft ereignislos und ein wenig einsam dahingeflossen waren. So bleibt Carmen einfach sitzen und führt die Unterhaltung fort. „Kuh muss auch mal loslassen können“, fallen ihr die Worte von Tante Maria Eliminación ein. Sie bestellt noch eine Caipi und noch eine. An Limetten scheint es in Oberfranken nicht zu fehlen. Mit der Zeit werden die beiden ziemlich beschwipst und wie das dann unter Kollegen so ist, tauschen sie ihre Filosofien aus.

Brangäne fasst die wesentlichen Überzeugungen aus jahrzehntelanger Berufserfahrung kurz in zwei Sätzen zusammen: „Erstens: Banküberfall, Banküberfall, das Böse ist immer und überall und zweitens: Das Leben ist keine Sonnenbank.“ – „Damit ist das Theodizee-Problem ein für alle Mal gelöst“, kommentiert Carmen mit etwas schwerer Zunge beeindruckt und stellt sich vor, wie sich führende zeitgenössische Vulgärfilosofen in einer Talkrunde bei Bettina Böttinger sprachlos zeigen würden von der kristallenen Klarheit dieser Beweisführung.

Carmen könnte die Unterhaltung endlos fortsetzen, aber beiden Frauen ist klar, dass am nächsten Tag die Arbeit wieder auf sie wartet und so entscheiden sie sich, doch der Stimme der Vernunft zu folgen und den Heimweg anzutreten. Als sie gemeinsam vor die Tür treten und sich verabschieden, fallen sie sich spontan um den Hals und drücken einander kräftig. „Hm, die riecht auch noch richtig gut“, denkt Carmen und schließt kurz die Augen hinter ihren langen Wimpern, während sie den angenehmen Duft einsaugt. „Also, man siehd sich!“ sagt Brangäne schließlich in vollem Ernst. „Sollten wir aber nicht dem Zufall überlassen“, antwortet Carmen und übergibt ihr einen Zettel mit der Nummer ihres Q-Phones.

Auf Carmens Bitte weist ihr Brangäne noch den Weg zum nächsten Taxistand. Die Polizistin selbst wohnt um die Ecke und tritt ihren Heimweg zu Fuß an. Der Taxistand befindet sich zwei Straßenecken weiter.

Unterwegs dahin hört Carmen aus einer Seitenstraße zwei laute Stimmen und neugierig bleibt sie kurz stehen, um zu horchen. Ein Mann und eine Frau scheinen heftigen Streit zu haben.

„Du fürchterliches Weib, was bannt mich noch in Deine Nähe? Warum lass ich Dich nicht allein, und fliehe fort, dahin, dahin…“ ruft er, offenbar in großer Verzweiflung. „Weshalb misstraust Du mir?“ gibt sie vorwurfsvoll zurück. „Da fragst Du noch? Du hast mich dazu gebracht, auf Elsas Hand zu verzichten und stattdessen Dich rachsüchtige Schlampe zu heiraten! Gemeinsam würden wir ganz groß rauskommen, hast Du mir versprochen. Und jetzt? Was hab ich jetzt davon? Ich bin gesellschaftlich erledigt!“ brüllt er sie an. „Ha, wie tödlich Du mich kränkst!“ antwortet sie in verbittertem Tonfall. „Hättest Du Dich in der Diskothek nicht von diesem Lackaffen vermöbeln lassen, wäre sowieso alles anders gekommen! O hättest Du im Kampf nur einen Finger ihm geschlagen…“

Carmen schüttelt den Kopf und geht weiter zu den Droschken. Unterwegs fragt sie sich, wieviele solcher Dramen sich wohl jeden Tag in deutschen Kleinstädten abspielen mögen. Dann überlegt sie auch noch, ob denn der Name „Elsa“ eine zufällige Koinzidenz darstellt oder ob etwa genau DIE Elsa aus Wahnfried gemeint war. Dann hätte diese scheinbar so reine Jungfer zart es vielleicht faustdick hinter den Ohren? So verliebt wie der Schützer heute Nachmittag gewirkt hatte, scheint sie offenbar über die Fähigkeit zu verfügen, allen Männern den Kopf zu verdrehen. Ob ihr der kleine Bruder vielleicht doch im Weg war?

Schließlich erreicht Carmen den Taxistand, wo sie sich in einen uralten Daimler fallen lässt und den Fahrer mit der knappen Anordnung „Wahnfried“ so sehr beeindruckt, dass der sich die ganze Fahrt über nicht traut, auch nur ein einziges Wort zu reden.

Beim Haus der Wagners angekommen, zieht Carmen den Türschlüssel aus der Handtasche, den ihr Brünnhild vorsorglich mitgegeben hatte. Kurz hält sie inne, weil neben dem Eingang der Schwan auf dem Boden sitzt. Beim Ankommen unserer etwas wackeligen Heldin streckt er den Hals nach oben und wendet den Blick auf sie. „Was machst Du denn hier?“ fragt unsere beschwipste Agentin nur. „Komm, geh wieder Heia machen!“ Der Schwan steckt seinen Kopf zurück ins Gefieder.

Nachdem Carmen mit einiger Mühe endlich das Schlüsselloch gefunden hat, schleicht sie sich hinein in das in tiefer Nachtruhe liegende Haus. Ruhig, so hat es zumindest den Anschein. Die Treppe schafft unsere betrunkene Heldin noch. Im Zimmer wirft sie das Flamencokleid in geradezu verwerflicher Achtlosigkeit auf den Boden und fällt dann – ganz gegen ihre Gewohnheit – völlig erledigt ins Bett, ohne vorher noch eine Runde durch das Bad gedreht zu haben. Von dem sie übrigens gar nicht weiß, wo es sich befindet, wie sie beim Einschlafen feststellt.

Zwei Stunden später wacht Carmen auf, weil die Blase drückt. Der viele Alkohol. Carmen muss aufs Klo. Und weiß nicht, wo das Bad ist. Mühsam und widerwillig rappelt sie sich auf, streift ein langes T-Shirt über, das allerdings nur notdürftig ihr Euter bedeckt und öffnet vorsichtig die Tür zum Flur. „A propos Notdurft“, denkt unsere Sprachassoziationskünstlerin, die nun wirklich dringend pinkeln muss. Als sie den Kopf nach draußen steckt, nimmt sie eine dunkle Silhouette wahr, die gebückt vor Ludwigs Zimmertür steht und sich rhythmisch bewegt. Sollte der scheue Monarch etwa in Gefahr sein? Da die Aufmerksamkeit dieser Person offensichtlich völlig von anderem in Anspruch genommen ist, tritt Carmen zunächst auf Hufspitzen zurück ins Zimmer, um ihre Walther PPK und ein Nachtsichtgerät aus der Handtasche zu nehmen. Dann schleicht sie wieder auf den Flur.

Carmen schafft es unbemerkt bis zu der Vitrine, die bei der Anreise ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Dahinter versteckt hat sie eine gute Sicht auf den gesamten Flur. Sie nimmt das Nachtsichtgerät und schaut sich die zappelnde Gestalt näher an. Als sich ihre Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt haben, fängt sie vor Überraschung und angesichts der Peinlichkeit der Szene fast an, laut zu lachen. Im Dunkel des Flures steht Onkel Wolf im zu großen Frottier-Schlafanzug gebückt vor Ludwigs Tür, schaut höchst konzentriert durchs Schlüsselloch und schrubbelt mit der rechten Hand ebenso hektisch wie engagiert in der Hose herum.

„Onkel Wolf ist also ein Spanner“, denkt unsere psychologische Ermittlerin mit dem bereits bekannten Hang zu Blickdiagnosen. Da sie sich gut erinnert, was sie während ihres Medizinstudiums an der Universität von Tel Aviv im Psychiatrie-Unterricht über Voyeurismus gelernt hat, entscheidet sie sich in einem Anflug von Sadismus, Onkel Wolf ein wenig Stress zu bereiten. Es genügt ein lautes und entschiedenes Räuspern. Der Spanner zuckt zusammen und rennt sofort hektisch in die andere Richtung. Vor seinem Zimmer angekommen, stößt er heftig mit dem Kopf gegen die Tür, flucht halblaut und verschwindet dann von der Bildfläche.

Carmen wüsste zu gern, welcher Anblick den Mann aus Österreich mit dem merkwürdigen Sprachfehler und dem komischen Bärtchen so erregt hat. Doch leider ist Ludwigs Zimmer das einzige, in dem sie nach ihrer Ankunft noch keine Wanze installieren konnte, weil er doch fast nie den Raum verließ. Also muss sie sich wohl weiter auf die Lauer legen. Aber zuerst, zuerst muss sie nun wirklich austreten. Doch wo ist das Bad?

In diesem Moment höchster Not fällt Carmens Blick auf den Kelch in der Vitrine, der schon am Nachmittag ihr Interesse erregt hatte. „Auch eine Lösung“, denkt Carmen, die während ihrer Ausbildung beim Q-Sad häufiger unter spartanischen Bedingungen hatte wohnen müssen. Vorsichtig öffnet sie den Glasschrank, entnimmt den Kelch und trägt ihn in ihr Zimmer, wo sie sich endlich erleichtern kann. Das Fassungsvermögen des güldnen Gefäßes reicht dafür gerade so aus. Carmen stellt es in eine Ecke des Zimmers nahe ans Fenster. Dann begibt sie sich wieder auf den Flur und versteckt sich erneut hinter der Vitrine.

Die Geduld unserer kleinen Ermittlerin wird auf eine harte Probe gestellt. Mehrfach schläft sie während der Observation fast ein und wird jeweils nur durch den plötzlichen muskulären Tonusverlust wieder geweckt, wenn ihr das Kinn auf die Brust fällt. Erst im frühen Morgengrauen öffnet sich die Tür von Ludwigs Zimmer. Doch was Carmen da zu sehen bekommt, belohnt ihre Geduld: Heraus treten nacheinander fünf Bauernburschen. Einer fescher als der andere. Und alle nur äußerst spärlich bekleidet. Mit kurzen Krachledernen und offenen, rot karierten Hemden. Obwohl sie alle ein bisschen zerzaust aussehen, würden sie unserer bisexuellen Doppelagentin ausnahmslos nicht schlecht gefallen. Doch begreift sie gleich, dass die wohl samt und sonders für die Frauenwelt verloren sein dürften. Oder doch nicht? Denn als sie ihr Nachtsichtgerät zu Hilfe nimmt, fällt ihr auf, dass zwei der Burschen jeweils ein Bündel Geldscheine zählen und dann in den Hosentaschen verschwinden lassen. „Soso, da haben Majestät also eine kleine Orgie der käuflichen Liebe gefeiert“, begreift unsere fixe Heldin. „Und Onkel Wolf hatte Lust auf Pay-TV und den Erotikkanal gewählt.“ Schon freut sie sich, endlich zu Bett gehen zu können, als sich die Tür zu Ludwigs Schlafgemach noch einmal öffnet. Heraus kommt… Siegfried.

„Wusste doch, dass ich meiner Intuition vertrauen kann“, denkt Carmen befriedigt, bevor sie sich endlich in ihr Bett zurückziehen kann, wo sie bis zum Frühstück in einen kurzen aber tiefen Schlummer fällt.


Dritter Akt, erste Szene: Greift den Verruchten!

Gegen neun Uhr erwacht Carmen, weil ihr der leckere Duft von Kaffee und frischen Brötchen in die Nase weht. Mit etwas schwerem Kopf erhebt sich unsere psychologische Ermittlerin, zieht einen flauschigen Bademantel mit großem gesticktem „C“ auf der Brusttasche aus einem der Schrankkoffer und streckt den Kopf auf den Flur. Dort sind zwei Hausangestellte gerade dabei, die Schlafzimmer der Gäste aufzuräumen. „Entschuldigung, wo ist denn das Bad?“ fragt unsere reinliche Heldin die beiden Damen. Eine führt sie hilfsbereit zu dem großen und luxuriös eingerichteten Feuchtraum am Ende des Flurs. Carmen stellt sich erst einmal unter die riesige Regendusche und genießt das Prasseln auf ihrem Fell. Dann macht sie sich weiter zurecht für den Tag und geht zurück in ihr Zimmer, wo sie das Flamencokleid frisch aufgebügelt auf einem Kleiderbügel vor dem Kleiderschrank hängend vorfindet. „Es geht doch nichts über unaufdringlichen Service“, freut sie sich und zieht sich an.

Anschließend begibt sie sich nach unten, wo die Familie und die Gäste bereits beim Frühstück sitzen. „Och, do büste jo“, freut sich der Meister und bittet seinen Gast, kräftig zuzulangen. Das lässt sich unsere hungrige Diva nicht zweimal sagen. Vor allem das Rührei mit frischen Kräutern mundet ihr nach der durchzechten Nacht ganz hervorragend. „Fast wie von meiner Hühnerfarm in Uruguay“, denkt sie und stärkt sich weiter für den Tag. Vor allem aber der fair gehandelte Kaffee aus 100% Arabica tut ihrem Kopf gut.

„So, und nu soch mol, wie geht’s jetzt weiter?“ will ihr neuer Duz-Freund Richard zum Ende des Morgenmahls wissen. „Heute kommen wir zum Kernstück der Ermittlungen. Wir werden eine Familienaufstellung machen“, verkündet Carmen. „Ich schlage vor, wir treffen uns in einer Stunde wieder im Musikzimmer.“ Was das denn sei und ob „däse jödischen Mäthoden“ wirklich sein müssten, mosert Onkel Wolf, ohne die Carmencita anzublicken. „Dieser verschlagene Gesell“, denkt Carmen, die noch die Bilder der letzten Nacht deutlich vor Augen hat, bittet aber dennoch mit professioneller Freundlichkeit, sich ihr anzuvertrauen.

In der verbleibenden Stunde wolle sie nach Möglichkeit ein Gespräch mit dem König führen, sagt Carmen zum Hausherrn. „Das sollte mer hünkriechen“, verspricht der und begibt sich zum Haustelefon, um Ludwig in seinem Zimmer anzurufen, in dem man dem Monarchen auch schon das Frühstück serviert hat. Nach dem kurzen Gespräch nimmt Richard unsere Doppelagentin beiseite. „Also, er ist bereit, müt Dür zu sprechen. Aber Du dorfscht net in sein Zimmer rein. Gibt’s denn eine andere Möglichkeit?“ Carmen, die in der letzten Nacht erlebt hat, dass Ludwig nicht mit allen so scheu zu sein scheint, seufzt nur kurz und schlägt dann ein Telefoninterview von Zimmer zu Zimmer vor. Der Ludwig sei einverstanden, teilt ihr der Meister mit, nachdem er noch einmal bei seinem noblen Geldgeber nachgefragt hat. Es dürfe aber nicht zu lange dauern, fügt er noch hinzu und mit Rücksicht auf die Bedeutung des Gastes für die Familie im allgemeinen und die Kunst unter pekuniären Aspekten im besonderen bittet Wagner die Carmencita, möglichst behutsam vorzugehen. „Er üst ein büssel empfündlich, wenn’s um Fremde geht“, schließt Richard seine Vermittlertätigkeit ab.

Carmen geht zurück auf ihr Zimmer. Bevor sie allerdings zum Telefon greift, fällt ihr der uringefüllte Kelch neben dem Fenster auf, den das Personal offenbar übersehen hat. „Jetzt nur nichts verschütten“, denkt unsere schamgeplagte Heldin, während sie die Schale vorsichtig in den Garten trägt, wo sie nach kurzem Suchen den Komposthaufen entdeckt. Auf ihrem Weg dahin begegnet ihr der lustwandelnde Schützer, der offenbar gerade von seinen morgendlichen Qi-Gong-Übungen mit dem Schwert zurückgekommen ist. Als er Carmen mit dem Kelch in der Hand erblickt, wird er bleich und seine Mine versteinert sich. „Kleines Malheur letzte Nacht“, entschuldigt sich Carmen und gießt den Inhalt des goldenen Gefäßes auf den Komposthaufen. „Ist aber gut für die Pflanzen“, versucht sie Elsas offenbar etwas empörten Verlobten zu beschwichtigen. „Tun Sie das nie wieder! NIE wieder, hören Sie!“ faucht er und reißt der Carmencita den Kelch aus der Hand, um ihn im Wasser des Springbrunnens zu reinigen, während im Teich daneben der Schwan ruhig seine Runden dreht und die beiden aufmerksam beobachtet. „Soll nicht wieder vorkommen. Ich weiß ja jetzt, wo das Bad ist“, raunt sie kleinlaut.

„Der tut fast so, als hätte ich den Heiligen Gral entweiht“, brummt unsere stolze Spanierin hinterher, weil sie doch meistens ganz gern das letzte Wort hat.

Das Telefongespräch mit Ludwig ist wenig ergiebig. Letztlich scheint er aber ein Alibi für den fraglichen Nachmittag zu haben, weil er sowieso fast nie sein Zimmer verlässt. An diesem Tag war auch noch sein Leibarzt zum Hausbesuch da. Wegen der Nervosität. Insgesamt wirken die Ausführungen des Monarchen etwas inkohärent und manche Formulierungen erscheinen der Carmencita reichlich merkwürdig und erinnern sie an ihr Praktikum in der psychiatrischen Universitätsklinik von Tel Aviv. Es wird aber deutlich, dass Ludwig mit den Kindern überhaupt wenig zu tun hat, weil sie ihm zu anstrengend sind. Und welches Motiv sollte er eigentlich haben, den Gottfried verschwinden zu lassen, da er doch offensichtlich eine Vorliebe für knackige Bauernburschen hat, fragt sich unsere Sexualpsychopathologin.

Nun wird es aber Zeit, das Musikzimmer für die geplante Familienaufstellung (in der modifizierten Methode nach Carmen Hellinger – de Ronda) vorzubereiten. Carmen räumt alle Stühle an die Wände.

Gottfrieds Fahrrad, das man am Tag seines Verschwindens in der Nähe des Sees gefunden hatte, postiert sie in der Mitte des Raums. Ihrem Moderationskoffer entnimmt sie eine größere Zahl Puppen und Stofftiere, die sie um das Fahrrad herum auslegt. Kaum ist sie fertig, treffen schon die Teilnehmer ein. Nach ein paar einführenden Worten bittet sie die Familienmitglieder und die Gäste, einfach durch den Raum zu gehen, ohne miteinander zu sprechen. Nach ein paar Minuten schlägt sie vor, jeder möge nun in die Mitte des Raumes kommen und sich, möglichst ohne groß nachzudenken, spontan eine Puppe, eine Figur oder ein Stofftier aussuchen und das gewählte Stück an der Stelle im Raum postieren, die seiner Beziehung zu dem Verschwundenen am ehesten entspreche.

Richard wählt einen Pinguin im Frack. Cosima einen Lipizzaner. Beide stellen ihre Stofftiere nebeneinander erstaunlich weit entfernt von Gottfrieds Fahrrad auf. Elsa entscheidet sich für ein weißes Schaf, das sie direkt neben das Fahrrad legt. Der Schützer greift zielsicher einen Ritter in silberner Rüstung heraus, den er auf einer Kommode hoch über der ganzen Szene postiert. Siegfried findet Gefallen an einem rosa Ferkel, das ein bisschen verloren irgendwo im Raum landet, woraufhin sich die Carmencita kaum ein Grinsen verbeißen kann.

Das Kindermädchen Emma nimmt eine sehr lieb dreinblickende Kuh. Die Kinder streiten sich kurz um diverse Teletubbies, wobei dann doch jedes den für sich passenden findet. Kuh und Tubbies finden ihren Platz zusammen ein Stück von Gottfried entfernt. Friedelind wählt eine putzige weiße Ratte, die sie sich auf die Schulter setzt.

Winifred sympathisiert zunächst mit einer Schlange, greift dann aber doch nach dem giftgrünen Krokodil, das gegenüber von Elsas Schaf Platz nimmt. Ob jemand ein Tier für den abwesenden Ludwig auswählen wolle, fragt Carmen. Richard entscheidet sich für einen Astronauten im Raumfahreranzug, den er unter die Tastaturabdeckung des Klaviers legt und den Deckel dann wieder schließt.

Die ganze Zeit über hält sich Onkel Wolf im Hintergrund. Carmen fragt ihn, ob er sich nicht auch ein Tier oder eine Figur nehmen wolle. Mit Verachtung im Blick wählt er den schwarzen Schwan und gibt ihn nicht mehr aus der Hand.

Carmen hat vorläufig genug gesehen. Sie bedankt sich bei allen Teilnehmern und beendet die Sitzung.

„Wie, und dos wor nun olles?“ fragt Richard ein wenig enttäuscht. „Äch habe ja gleich gesagt, däse jödischen Mäthoden…“, schnarrt Onkel Wolf mit unverhohlenem Hass und schleudert den schwarzen Schwan gegen Gottfrieds Fahrrad, das daraufhin umfällt. Winifred will ihm gerade zustimmen, da bittet Carmen alle, den Raum jetzt zu verlassen, ihre Figuren aber unverändert dort zu belassen, wo sie sich befinden. Sie müsse sich zunächst noch etwas Zeit nehmen und wolle alle nach dem Mittagessen wieder hier sehen.

Als auch der Letzte das Musikzimmer verlassen hat, setzt sich Carmen auf das Klavierbänkchen und blickt auf das umgestürzte Fahrrad. „Die Macht des Unbewussten!“ staunt sie. In diesem Moment klingelt ihr Q-Phone.

„Brangäne hier. Servus, Carmen!“ meldet sich die Leiterin der Bayreuther Stadtpolizei fröhlich. „Brangäne!“ freut sich unsere gefühlvolle Heldin. „Was machst Du?“ – „Ich habe gerade Middagsbause und wollte fragen, ob Du Lust hast eine Kleinigkeit mit mir zu essen“, antwortet die neue Freundin der Carmencita. „Lust schon, aber ich stecke hier mitten in den Ermittlungen“, erwidert Carmen seufzend. „Ja, die Arbeit. Gibt’s schon Neuigkeiden?“ – „Ich glaube schon. Ich bin überzeugt, den Täter zu kennen. Aber mir fehlt noch sein Motiv.“ – „Ohne Modiv kommsd Du vor keinem Undersuchungsrichder durch“, sagt Brangäne nachdenklich. „Ich weiß. Aber ich habe so ein Gefühl, dass der Fall gar nicht vor Gericht landen wird.“ Brangäne scheint sofort zu verstehen. „Du weißd aber schon, dass Selbsdjusdiz in unserem Land schdrafbar ist“, klingt Brangäne besorgt. „Ich muss mir doch keine Sorgen machen?“ – „Nein, brauchst Du nicht“, antwortet Carmen in wenig überzeugendem Ton. „Soll ich zu Euch rauskommen?“ lässt die erfahrene Polizistin nicht locker. „Vielen Dank, das ist lieb von Dir. Es wäre mir schon geholfen, wenn ich weiß, dass Du im Hintergrund verfügbar bist, wenn ich Hilfe brauche.“ – „Darauf kannsd Du Dich verlassen. Anruf genügd! Du hasd ja jedzd meine Nummer“, verspricht Brangäne. Carmen bedankt sich, legt auf und versinkt wieder in Gedanken.

Im selben Moment hört sie, wie neben dem Haus ein Auto angelassen wird und so ruppig anfährt, dass der Kies der Auffahrt hochspritzt. Carmen stürzt zum Fenster und sieht, wie Onkel Wolf in einem offenen Wagen davon fährt.

„Scheiße, er haut ab!“ flucht Carmen und rennt auf den Flur, wo sie nach Brünnhild brüllt. „Die Kutsche! Schnell!“ Brünnhild stellt keine Fragen, sondern hastet mit Carmen zum Hauseingang, wo wundersamerweise die Kutsche mit Grane schon bereitsteht. „Bin gerade vom Einkaufen zurückgekommen“, erklärt das Faktotum diesen günstigen Zufall. Brünnhild schwingt sich auf den Kutschbock und Carmen setzt sich diesmal neben sie. „Los! Dem Wagen hinterher!“ ordnet sie an. Brünnhild zieht ein Blaulicht unter dem Kutschbock hervor, das sie mit einem Griff auf dem Verdeck befestigt. „Ich hatte ja gesagt, ist ein ausgedientes Polizeifahrzeug“, erklärt sie unserer erstaunten Doppelagentin mit einem Grinsen im Gesicht. „Ich habe immer gehofft, dass einmal so etwas passiert.“ In rasender Fahrt nimmt sie die Verfolgung von Onkel Wolfs Wagen auf. Es geht quer durch Bayreuth, über rote Ampeln, vorbei an Fußgängern, die sich nur mit beherzten Sprüngen in Sicherheit bringen können. Onkel Wolfs Wagen steuert auf den Wald zu, in dem Gottfried verschwunden war. Bisher hatte sich der Abstand zwischen den beiden Fahrzeugen immer weiter vergrößert, aber nun, auf den unbefestigten Waldwegen, zeigt sich die Überlegenheit der größeren Räder der Kutsche. Während Onkel Wolfs Wagen immer wieder ins Schleudern gerät, holen Brünnhild und Carmen allmählich auf. „Hü, Grane!“ treibt die Walküre das bereits schäumende Pferd unerbittlich an.

In der Ferne taucht der See auf. „Den Täter treibt es immer wieder an den Tatort zurück“, erinnert sich Carmen an die alte Kriminalistenweisheit aus dem Fernsehen. Als sie fast am See angekommen sind, verliert Onkel Wolf die Kontrolle über seinen Wagen. Er schleudert, dreht sich mehrfach um die eigene Achse und prallt schließlich mit der Seite so heftig gegen einen Baum, dass sich alle Airbags öffnen. Brünnhild kann gerade noch die Kutsche sicher zum Stehen bringen, als Onkel Wolf mit blutender Nase aus dem Fahrzeug taumelt. Carmen springt leichthufig vom Kutschbock und eilt auf ihn zu, als er eine Pistole aus seiner Manteltasche zieht. Carmen wirft sich daraufhin vorsorglich zu Boden und rollt hinter einen Baum, um sich in Sicherheit zu bringen. Im nächsten Moment steht Onkel Wolf aber schon wenige Meter hinter ihr und zielt auf sie.

„Erhäbe Dich, Gänossin meiner Schmach!“ befiehlt er. Carmen flucht innerlich, dass sie ihre Walther PPK heute früh in der Tasche des Bademantels stecken gelassen hat. Nun bleiben ihr nur noch die Techniken des Krav Maga zur Entwaffnung eines Angreifers mit bloßen Hufen. Doch zuerst muss sie Zeit gewinnen und den Abstand zu dem bewaffneten Gegner verringern.

„Du hast also den Gottfried verschwinden lassen!“ stellt sie nüchtern fest. „Är war ein ongezogener Jonge“, antwortet Onkel Wolf, der sich nun endlich überlegen fühlt. „Wieso, was hat er gemacht?“ – „Frag läber, was er nächt machen wollte!“ antwortet der Kindermörder mit einem fiesen Grinsen unter seinem komischen Schnurrbart. Carmen will sich das alles gar nicht vorstellen. Nun hat sie aber das niedere Motiv: Es ging um die Befriedigung der unreifen Triebinstinkte des Österreichers. So war er keineswegs nur ein harmloser Spanner. Aber im Gegensatz zum Ludwig traute er sich nicht an Erwachsene heran. Carmen erinnert sich, dass in der Mehrzahl der Missbrauchsfälle die Täter aus der nächsten Umgebung der Opfer stammten. Wenn Richard geahnt hätte, wen er sich da ins Haus geholt hatte! Aber, so hatte Friedelind wohl zu Recht festgestellt, die Eltern waren ja immer nur mit sich selbst beschäftigt. „Welcher Sumpf hinter dieser großbürgerlichen Fassade im anständigen Oberfranken“, denkt Carmen. Doch dann kehrt sie aus ihren Gedanken in die Gegenwart zurück.

„Was hast Du mit ihm gemacht?“ will sie wissen, weil sie spürt, dass es diesem Psychopathen Freunde macht, über seine Untaten zu berichten. „Äch habe ähn äm Sää ärsäuft, wä ein kleines Kätzchen!“ lautet die achselzuckende Antwort. „Ond das sälbe wärde äch jätzt mät Där machen, do jödische Schnöfflerin“, kündigt er mit sadistischem Lachen an. „Ich bin katholisch“, wendet Carmen etwas hilflos ein. „Tut nächts, Do wärst trotzdem ersäuft!“ nimmt ihr Onkel Wolf den Anflug jeder Hoffnung. Aber eigentlich ist es genau das, was sie erreichen will: dass er in Reichweite ihrer nahkampferprobten Hufe kommt. Doch noch dirigiert sie der Verbrecher mit der Pistole in sicherem Abstand vor sich her zum Ufer.

Carmen schaut auf das Wasser und erblickt zu ihrem Erstaunen in einigen Metern Entfernung den Schwan, der ruhig auf der spiegelglatten Oberfläche des Sees treibt. „Hänknien“, befiehlt Onkel Wolf und nähert sich allmählich von hinten an. Carmen spürt angesichts seiner Gefühlskälte und Entschlossenheit nun doch etwas, was sie bei früheren Einsätzen kaum jemals erlebt hat. Sie hat Angst. Angst, dass sich ihre Visionen vom Vortag bewahrheiten würden. Angst vor dem Untergang der Welt. Angst um ihre geliebte Freundin Abigail.

In diesem Moment ertönt aus unmittelbare Nähe in zartem Oberfränkisch ein kurzer scharfer Ruf: „Waffe runder!“ Carmen muss sich nicht umschauen, um zu wissen, wer da plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht ist.

Brangäne wiederholt ihren Befehl: „Waffe runder! Du hasd keine Chance. Der Wald ist umschdellt.“ – Onkel Wolf dreht sich zur Seite, ohne die Pistole sinken zu lassen. „Wer bäst Do?“ fragt er verwirrt zurück. Es geht doch nichts über solide Polizeiarbeit, denkt Carmen und nutzt Onkel Wolfs Ablenkung, um sich ruckartig umzudrehen und ihm mit einer unzählige Male geübten Kombination geschickter Griffe die Waffe zu entwinden. „Aaaaaaauuuuaaaaa!“ brüllt Onkel Wolf, dessen im Abzug verhakter Zeigefinger mit einem hässlichen Geräusch bricht. Dann hat Carmen die Pistole im Huf und richtet sie auf den jammernden Täter. Neben ihr steht Brangäne, die ebenfalls auf ihn zielt.

„Durch Gottes Sieg ist jetzt Dein Leben mein“, sagt die Leiterin der Stadtpolizei. „Ich schenk es Dir, mögst Du der Reu’ es weihn!“

Kurze Stille.

Vor Carmens geistigem Auge wiederholt sich die Vision von gestern: Die brennende Landkarte Europas, die Trümmer eingestürzter Häuser, die abstürzenden Schwäne, die Leichenberge, darunter das Gesicht ihrer Freundin Abigail. Carmens Herzschlag beschleunigt sich wieder.

Noch bevor ihre Hufe anfangen können zu zittern, sagt sie leise und entschlossen: „Nein.“

Und drückt ab.

 

Dritter Akt, zweite Szene: Mein lieber Schwan!

Durch den Schuss alarmiert, rücken Brangänes Kolleginnen im Laufschritt an. Als sie den Toten auf dem Boden liegen sehen, tun sie ihre Arbeit. Sie sichern das Gelände, sichern die Waffe und sichern die Spuren.

Brangäne sitzt derweil mit Carmen am Ufer des Sees. „Und, was wirst Du jetzt machen?“ fragt Carmen, noch immer erschüttert, ihre Freundin, die ja vorhin keinen Zweifel an ihrer Einstellung zu Selbstjustiz gelassen hatte.

Brangäne lässt schweigend ein paar flache Steinchen über die Wasseroberfläche flitzen. „Ich habe mich noch nichd endschieden.“

Wieder Schweigen.

„Zwischen welchen Möglichkeiten?“ fragt Carmen schließlich etwas unsicher zurück. „Ob er Selbstmord begangen hat oder auf der Fluchd erschossen wurde“, antwortet Brangäne trocken.

„Hm“, brummt Carmen und zieht die Augenbrauen hoch. „Brangäne, ich glaube, das ist der Beginn einer wundervollen Freundschaft.“

Kurz darauf tauchen der Meister und der Schützer am Ort des Geschehens auf. Wie sich herausstellt, hat Brünnhild sie verständigt und hergefahren. „Üsch hob’s doch immer gesocht, Winifred, hob ich gesocht, loss es, dieser Mensch is geen Umgang für Düsch! Aber nee, die Ginder müssen ja immer olles besser wüssen“, ergeht sich Richard in wortreichen Klagen. „Nö, dös is aber och geen scheener Onblick“, wendet er sich kopfschüttelnd von der Leiche ab.

Derweil tritt der Schützer auf das Ufer zu und blickt zu dem noch immer auf dem Wasser treibenden Schwan hinüber. Aus seiner Tasche zieht er den goldenen Kelch, der unserer kleinen Heldin in der Nacht so nützlich gewesen war, und hebt ihn mit beiden Händen zum Himmel, so dass er im Sonnenlicht glänzt.

Davon angelockt, kommt der Schwan näher. Der Schützer geht auf ihn zu, mit dem Gefäß in der Hand. Er gießt eine Flüssigkeit hinein und lässt den Schwan davon trinken.

In diesem Moment verwandelt sich das Tier und statt seiner steht der kleine Gottfried wohlbehalten am Ufer.

 

Nachspiel: In fernem Land, unnahbar Euren Schritten

Nachdem die Formalitäten erledigt sind, Carmen also Brangänes Bericht von Onkel Wolfs Überführung als Kinderschänder und seinem anschließenden Selbstmord unterschrieben hat, bringt eine Mitarbeiterin der Stadtpolizei Carmen zurück nach Wahnfried, wo das ganze Haus die Rückkehr des kleinen Gottfried feiert. Carmen freut sich, dass alle sich freuen und zieht sich dann mit einer Flasche fränkischen Bieres auf die Terrasse zurück.

Sie holt ihr Q-Phone aus der Tasche und ruft ihre Freundin Abigail an. „Hi, Babe, how are you?“ fragt Carmen mit zärtlicher Stimme. „Well, nothing rrreally new“, antwortet Abigail, die ein wenig müde klingt. „The Hamas arrre still digging tunnels and we arrre filling them up again. And you? What about yourrr case in Beirrrut?“ Carmen stockt kurz, doch bevor sie das Missverständnis aufklären kann, schießt ihr eine zündende Idee durch den Kopf. Sie plaudert noch ein wenig mit Abigail, erzählt ihr, dass alles gut gelaufen sei und sie den Fall fast abgeschlossen habe. „See you in the near future!“ sagt sie abschließend. Abigail freut sich, weil sie weiß, dass Carmen es ernst meint und immer für eine Überraschung gut ist.

Nachdem unsere sentimentale Heldin aufgelegt hat, tritt der Meister auf die Terrasse und setzt sich neben sie. Noch bevor er etwas sagen kann, hüpft Friedelind herbei, weiterhin die Ratte auf der Schulter, und gibt Carmen spontan einen dicken Kuss auf die Wange. „Danke“, sagt sie nur und Carmen ahnt, dass sie weniger von Gottfrieds Rückkehr spricht.

„Wür sind Dür auf ewisch zu Dank verpflüschtet!“ sagt der Meister mit Tränen in den Augen. „Keine Ursache“, antwortet Carmen. „Aber nachdem nun alles gut über die Bühne gegangen und der Gottfried wohlbehalten zurück ist, darf ich auch an unsere Abmachung erinnern.“ – „No, freilüsch! Hier, das soll üsch Dür vom Ludwisch geben“, sagt er und überreicht der Carmencita einen dicken Umschlag. „Aber nu soch emal, Du hoscht etwas von neuen Rüschard-Woochner-Festspülen gesocht! Nu erklär mol, was hoschtn do genau im Sünn?“ fragt der Meister in einer Mischung aus Neugier und Enthusiasmus.

„Folgendes Projekt“, beginnt Carmen feierlich mit der Schilderung ihres Plans. „In fernem Land, unnahbar Euren Schritten steht eine Stadt, die Beirut genannt. Ein lichter Tempel soll dort stehn inmitten, so kostbar, als auf Erden nichts bekannt“, beginnt unsere Poetin. „Im Klartext“, fährt Carmen fort, da der Meister sie nur fragend anblickt, „im Nahen Osten gibt es jede Menge Wagner-Fans. Die sind aber nicht nur untereinander zerstritten bis auf’s Blut, sondern unterliegen zum Teil auch einer strikten Zensur, was ihre kulturellen Interessen angeht. Nicht mal Furtwängler würde dort den Holländer aufführen dürfen. Manche der Menschen dort sind arm und könnten sich nie einen Theaterbesuch leisten. Andere haben Kohle zum Abwinken und wissen nicht, wohin damit“, erklärt Carmen die Situation.

„Soweit gann üsch Dür folgen, aber wos hot dos jetzt müt mür zu tun?“ fragt der Mister begriffsstutzig. „Ganz einfach“, fährt unsere geschäftstüchtige Eventmanagerin fort. „Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass die Festspiele in Deutschland allmählich ausgelutscht sind. Auch wenn Ihr es immer abstreitet, aber inzwischen hat sich herumgesprochen, dass Ihr auf den Karten sitzen bleibt. Die alten Fans sterben aus und die Jugend hört Musik nur noch mit großen Kopfhörern aus kleinen Smartphones. So sieht’s doch aus“, stellt unsere gnadenlose Wirtschaftsanalytikerin fest. „Außerdem kommen Deine antisemitischen Pamphlete heute zumindest in Europa nicht mehr gut an. Naja, außer in Russland vielleicht. Trotzdem, damit hast Du Dir echt selbst ins Knie geschossen“, folgt noch mal eine kurze Standpauke. „Üsch wärd dos nimmer mochen, üsch versprächs jo schon“, erwidert der Meister kleinlaut.

„Beste Voraussetzungen für das Projekt, mit dem wir die Zukunft Deines Clans sichern könnten und zudem noch etwas für den Weltfrieden täten!“ triumphiert unser kleines Verhandlungsgenie. „Nu soch schon, Du hoscht von einem neuen Festspülhaus gesprochen!“ – „Genau“, kommt Carmen zum Höhepunkt ihrer Ausführungen. „Wir bauen ein Richard-Wagner-Festspielhaus im Nahen Osten. Wenn Du Deine ideologischen Irrtümer zurücknimmst und Dich entschuldigst, hab ich einige Geldgeber aus Israel an der Hand, die sich freuen würden, das Ganze zu finanzieren. Zielgruppe ist die gesamte Region, mit Ausnahme der Regierungsvertreter, weil da sowieso Hopfen und Malz verloren ist. Aber die anderen werden wir durch Deine Musik problemlos einen. Die Karten werden wie folgt verteilt: Ein Kontingent an Mitglieder der Hamas, ein Kontingent an orthodoxe Juden (zumindest für die Vorstellungen unter der Woche), ein Kontingent an Mitglieder der israelischen Streitkräfte und eines an die PKK. Darüber hinaus laden wir syrische Flüchtlinge ein. Und natürlich spezielle Ehrengäste.“ Dabei denkt Carmen natürlich in erster Linie an ihre Freundin Abigail und deren Familie. „Der Rest geht in den freien Verkauf. Auch über Internet. Du wirst sehen, wenn wir das Ganze mit diesem exotischen Reiz versehen, werden sich auch die Europäer wieder um Karten reißen. Von allen Ländern der Region werden wir mit meiner Tunnelbohrmaschine Tunnel graben, die sternförmig auf das Theater zuführen und den Gästen einen sicheren Zugang ermöglichen.“

„Deine Kunst soll sie alle einen“, schließt Carmen triumphierend ihre Ausführungen: „Wir gründen die Richard-Wagner-Festspiele in Beirut!“

Der Meister stimmt begeistert zu und umarmt Carmen stürmisch.

Schon morgen werde er sich ans Klavier setzen und mit der Komposition einer neuen Oper beginnen, die zur Eröffnung des neuen Festspielhauses uraufgeführt werden solle, verspricht er. Darin wolle er die Erfahrungen der letzten Tage einfließen lassen. Premiere also nächstes Jahr in Beirut.

Einen Arbeitstitel hat er auch schon.

Lohengrin.

Oder so.

Carmen eröffnet das Richard-Wagner-Festspielhaus in Beirut
Carmen eröffnet das Richard-Wagner-Festspielhaus in Beirut

 

WM-Tagebuch (Mai – Juli 2014)

No sinal
O espetáculo vai começar
Garantindo sua diversão
A cobertura dos abutres já no ar!

Por sinal
O espetáculo já terminou
Pra recomeçar n’outra versão
Dura até que o sangue pare de jorrar…

(Maria Gadú)

(Auf das Zeichen wird die Show beginnen, Ihr Vergnügen ist garantiert, am Himmel sammeln sich schon die Geier,
übrigens ist die Show schon zu Ende, um auf andere Art neu zu beginnen, sie dauert bis kein Blut mehr spritzt…)

Carmen WM Planer
Die Planung steht!

 

01. Mai 2014   Reisevorbereitungen

„Wie gut, dass wir in Europa solche Verhältnisse nicht kennen“, stellt Carmen erleichtert fest, nachdem sie den brasilianischen Film „Cidade de Deus“ (City of God) gesehen hat.

Dann legt sie beiläufig einen Autofahrer um, der ihr gerade vor dem Supermarkt den letzten Parkplatz vor der Nase wegschnappen will und steuert zielsicher selbst in die Lücke.

„Wehret den Anfängen!“ sagt sie zu den herbeigeeilten Polizisten, denen sie eine Plastiktüte mit Leergutbons in die Hand drückt, woraufhin diese keine weiteren Fragen stellen, Carmen zuvorkommend die Autotür aufhalten und die üblichen Verdächtigen verhaften.

„Ganz ehrlich, Udo“, fragt Carmen ihren Friseur, „meinst Du, so eine La-Ola-Welle würde mir stehen?“ – „Schätzchen, wenn eine das tragen kann, dann Du!“ antwortet der professionelle Frauenversteher erwartungsgemäß.

Laola
Carmen reitet auf der La-Ola-Welle

 

06. Mai 2014

Als Carmen nach einer Stunde Trampolinspringen vor das Fitnessstudio tritt, macht sie eine Beobachtung, die sie zum Grübeln über ihr Gewicht veranlasst. Die neben der Tür aufgeklebte Beschriftung des Raumes hat sich gelöst und ist zur Seite gekippt.

Studio
Ein Erdbeben?

 

Telefonisch erkundigt sich Carmen beim Seismografischen Institut der Universität zu Köln, ob heute im Raum Innenstadt besondere Aktivitäten registriert worden seien.

Der Dienst habende Seismologe versucht, sie zu beruhigen: „Da war schon etwas. Aber das war sicher kein Erdbeben.“ – „Nein?“ fragt Carmen eher beunruhigt zurück. „Sie werden es nicht glauben, aber es sah eher aus, als würde eine fette Kuh auf dem Trampolin springen“, beschreibt der Seismologe das Phänomen metaphorisch und lacht sich anschließend über seinen eigenen Witz kaputt.

Im Restaurant bestellt Carmen einen Salat mit Ziegenkäse. „Aber ohne Ziegenkäse und das Dressing bitte nur mit Essig und ohne Öl“, schärft sie der Bedienung ein.

 

21. Mai 2014   Trainingslager

Aufgrund des verletzungsbedingten Ausfalls von Maskottchen Paule fährt Carmen heute mit der Nationalmannschaft ins Trainingslager nach Südtirol.

„Jogi hat gesagt, ich darf bei Manuel im Zimmer schlafen“, freut sich unsere charmante Glücksbringerin.

Ringring Ringring… „Rezeption, was kann ich für sie tun?“ – „Neuer, Zimmer elf. Bei mir liegt so ne dicke alte Kuh auf dem Bett. Kann die bitte jemand auf die Weide führen? Ich will mich hinlegen…“

Nachmittags bei der Physiotherapie kugelt Carmen Müller-Wohlfahrt dem Nationaltorhüter mit einer geschickten Bewegung die verletzte Schulter aus.

„Das war für die dicke alte Kuh, du arroganter Sack“, knurrt Carmen und zieht sich aus dem Behandlungsraum zurück.

„Und immer schön kühl halten“, ruft sie dem weinenden Torwart im Weggehen noch zu.

Dann setzt sie die dunkle Langhaarperücke ab und justiert ihre Kamelienblüten im Haar.

 

09. Juni 2014   Carmen bezieht ihr Zimmer in Campo Bahia

Zum „Deutschen Mühlentag“ bereitet Carmen heute in Campo Bahia den Kaffee für die Nationalmannschaft ganz frisch: „Jede Tasse handgemahlen!“ informiert sie die müden Spieler und lenkt so vom eigentlichen Zweck ihrer Reise ab, einem Geheimauftrag der Firma Schwartau. Die Spieler sollen behutsam aber nachhaltig von Nutella auf Schoko Mac umgewöhnt werden. Schon längst hat sie jedem eine Probepackung an den Platz gelegt.

 

12. Juni 2014   No sinal, o espetáculo vai começar [1]

Als Carmen nach dem Frühstück gemütlich mit ihrer nagelneuen Spiegelreflexkamera um den Hals durch die Favela Maré in Rio spaziert und hier und dort den ein oder anderen Drogendeal ablichtet („Olhe o passarinho!!! Obrigada….“)[2], wird sie erwartungsgemäß Opfer eines bewaffneten Raubüberfalls durch einen Crack-Süchtigen. Wie in ihrem Reiseführer empfohlen, leert sie widerstandslos die Taschen und übergibt deren Inhalt an den nervösen Kleinkriminellen. „Würde mich mal interessieren, welcher Supermarkt in Rio die ganzen Leergutbons aus dem Kölner Rewe einlöst“, erzählt sie hinterher schmunzelnd ihrer Freundin Abigail am Telefon.

 

14. Juni 2014

Nach der vernichtenden Niederlage der spanischen Nationalmannschaft vom Freitag öffnet Carmen heute erstmals wieder ein Auge, blickt Jorge hilfesuchend an und flüstert: „Sag mir bitte, dass es ein Albtraum war!“

 

16. Juni 2014   Seitenwechsel

Wenige Stunden vor dem Anpfiff des WM-Spiels Deutschland gegen Portugal stellt Carmen in ihrem Hotelzimmer in Salvador das Bier kalt, hängt die portugiesische Fahne über das Balkongeländer und richtet alle Utensilien, um nachher Ronaldo die Haare schön zu machen.

In einem Hinterhof der Altstadt von Salvador schlachtet Candomblé-Hohepriesterin Carmen Ialorixá de Ronda-Muralecimbe ein Huhn und verschmiert das Blut auf dem Boden. Anschließend versetzt sie sich in Trance und liest die Zeichen: „Es wird ausgehen wie erwartet!“ lautet ihre Ãœberzeugung nach Abschluss des afrikanischen Rituals. Ein bisschen Hühnerblut mischt sie in Ronaldos Brillantine. „Bringt Glück. Also dem Ronaldo. Dem Huhn ja nicht“, erklärt sie ihren Zauber einem Journalisten in allgemeinverständlichen Worten.

Noch vor Ende der Zeremonie wird Carmen mit vorgehaltener Waffe das Huhn geraubt. „Zum Glück hatte ich das Suppengrün in meinen Schuhen versteckt“, freut sich unsere erfahrene Brasilien-Besucherin.

Mit dem restlichen Hühnerblut streckt sie im Quartier der Deutschen Mannschaft die zur Neige gehenden Vorräte von „Schoko Mac“. Dann richtet sie der Nationalelf das Frühstück. „Ob die Vegetarier etwas merken werden?“ fragt sie sich im Stillen, während sie den Tisch mit dem Suppengrün dekoriert, das sie liebevoll in eine kleine Vase gestellt hat.

11:00 Uhr Ortszeit – Breaking News: Aufgrund gesundheitlicher Probleme ist der Einsatz von Cristiano Ronaldo heute in Gefahr. „Das Knie macht uns keine Probleme“, lautet das Kommuniqué der Mannschaftsärztin Carmen Coelho-Wohlfahrt. „Aber aufgrund einer Haarwurzelentzündung sitzt die Frisur im Mittelfeld nicht perfekt – so kann er unmöglich spielen“, erklärt die charismatische Medizinerin. Sie sei weiterhin zuversichtlich, die Störung durch massiven Einsatz von Eispackungen und Brillantine noch rechtzeitig vor Spielbeginn in den Griff zu bekommen.

Während der Behandlung bemerkt Carmen am Oberschenkel des portugiesischen Mannschaftskapitäns ein vereinzeltes, bei der Depilation offenbar übersehenes Härchen, das sie sogleich mit einer Pinzette auszupft und den Haarbalg anschließend mit einer Kamillenpackung beruhigt. „Mit dieser Maßnahme haben wir seinen cw-Wert um mindestens 1 Promille gesenkt. Es sind gerade solche scheinbaren Kleinigkeiten, die häufig über Sieg oder Niederlage entscheiden. Außerdem, wenn er das Haar während des Spiels selbst entdeckt hätte, wäre er vermutlich sofort in Ohmacht gefallen.“

13:30 Uhr Ortszeit – Beim 2:0 für Deutschland denkt Carmen an Trennung.

Endstand 4:0 für Deutschland.

„Das Candomblé-Orakel hatte tatsächlich Recht“, ist Carmens erster Gedanke nach dem Abpfiff. Eine halbe Stunde später liegt Ronaldo weinend an ihrem Euter. Währenddessen tippt Carmen auf ihrem Q-Phone eine SMS: „Lieber Manuel, erst einmal herzlichen Glückwunsch zu Eurer tollen Leistung. Ich hoffe, Du bist mir nicht mehr böse. Du weißt schon, wegen Deiner Schulter neulich. Freut mich echt, dass Dir wieder besser geht. Wäre schön, wenn wir uns bald mal wieder treffen könnten. GLG, Deine Carmen.“

„Wenn der nur endlich mal aufhören würde zu weinen“, denkt Carmen und guckt angewidert auf den Brillantineschopf hinunter. „Mein schönes Flamencokleid ist ja schon pitschnass…“ Als Ronaldo endlich eingeschlafen ist, trägt sie ihn in sein Bettchen, deckt ihn zu und geht hinüber zu Pepe. Dort kehrt sie den strengen Fußballcoach heraus: „Wenn Du Deine Impulsivität nicht in den Griff bekommst, geht’s ab nach Hause!“ schimpft sie ihn aus. „Er musste sein Ritalin absetzen wegen der Doping-Tests. Offensichtlich geht es aber doch nicht ohne“, seufzt die ADHS-Spezialistin in einem Interview mit der Zeitschrift „Kicker“.

 

17. Juni 2014   The Day After

„Kuh muss Prioritäten setzen“, meint Carmen nach dem Aufwachen und sagt vorläufig alle Auftragsmorde außerhalb Brasiliens ab.

In Bermudas, T-Shirt und Flipflops macht sie einen kleinen Morgenspaziergang durch Salvador. „Das wird mir in Deutschland irgendwie fehlen“, sagt sie, nachdem ihr eine Gruppe Achtjähriger mit vorgehaltenen Waffen das Portemonnaie abgenommen hat. „Würde gern die Gesichter sehen, wenn sie am Geldautomaten versuchen, mit meiner alten Paybackkarte das Konto leerzuräumen“, grinst unsere Weltreisende.

Auf dem Rückweg zum Hotel trifft Carmen die Bundeskanzlerin, die in Flipflops, Bermudas und T-Shirt im Supermarkt noch schnell eine Flasche Cachaça für den Rückflug nach Deutschland gekauft hatte. „Stell dir vor, da haben die mir doch am Ausgang meine ADAC-Karte abgenommen“, giggelt Angie in vertrautem Ton. Dann ziehen beide ihre unter den Sohlen aufgeklebten Geldscheine hervor und gehen erst mal einen Kaffee trinken.

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Uma xícara de café e uma cachaça

 

Dabei informiert Carmen ihre neue Amiga über die sozialen Missstände des Landes: „In manchen Favelas hat nicht mal jedes dritte Kind eine eigene Schusswaffe!“ prangert sie an und untermauert ihre Darstellung mit einigen Barcharts auf einem Hochglanzflyer, den sie zuuuuufällig in einer kleinen Plastiktüte bei sich trug. „Und genau hier wollen wir mit dem Hilfsprogramm der Carmen’s Gentle Killers-Stiftung ansetzen: ‚Schusswaffen für alle bis 2015‘ lautet unsere ehrgeizige Vision!“ redet sich Carmen in Rage. „Klingt plausibel“, meint Angie nachdenklich. „Und was kann ich dazu beitragen?“ – „Du musst nur die Waffenexporte genehmigen. Um alles andere kümmern wir uns. Hier, ich hab da mal etwas vorbereitet…“ schiebt Carmen der Kanzlerin die erforderlichen Papiere unter. Nach der Unterschrift klopft sie der Kanzlerin auf die Schulter und sagt mit fester Stimme: „Brasilien: Ein Land der Zukunft!“ Als kleines Dankeschön für die unbürokratische Kooperation schenkt unsere Waffenhändlerin der Regierungschefin das gleichnamige Buch von Stefan Zweig.

„Wo ist denn nur mein Handy?“ wundert sich die Kanzlerin nach dem Deal und guckt fragend dem Jugendlichen hinterher, der gerade ihren Stuhl gestreift hat. „Uiiiiii, da wird der Lammert aber wieder schimpfen“, lacht Carmen und bestellt für beide noch einen Cachaça.

Nachdem sie das Geschäftliche erledigt hat, nutzt unsere vielbeschäftigte Heldin eine ruhige Stunde, um sich ein wenig an den Strand von Salvador zu legen. Sie setzt ihre überdimensionierten High-Tech-Kopfhörer auf und lauscht den Klängen von Paco de Lucias letztem Album. Dabei erinnert sie sich, wie ihr Freund Paco in jener warmen andalusischen Sommernacht in den Gärten des Generalife nur für sie gespielt hat. Plötzlich wird sie durch einen Stoß in die Seite unsanft aus ihren Träumen aufgeschreckt.

Als sie die Augen öffnet, steht vor ihr ein etwas verdreckter Zehnjähriger, der hektisch mit einer Knarre herumfuchtelt. „Me dê o fone!“[3] befiehlt er nicht gerade auf höchstem Sprachniveau und zeigt nervös auf die Kopfhörer.

In aller Seelenruhe und mit einem liebenswürdig-gewinnenden Lächeln setzt Carmen die Kopfhörer ab: „Desculpe, não entendi. Poderia repetir, por favor?“[4]

„O fone! Me dê!!!“[5] überschlägt sich die Stimme des kleinen Kapitalverbrechers.

„Pois, você gosta dele? É o mesmo modelo que Manuel Neuer usa. Você conhece o Manuel?“ [6] plappert Carmen munter weiter, woraufhin der Junge ihr die Pistole gegen die Stirn presst: „Me dê!!!“[7] fordert der Kleine kurz vor dem Ausflippen.

„Qual é a palavra mágica?“[8] denkt Carmen unberührt und vielleicht etwas oberlehrerhaft. Da sie aber doch begreifen muss, dass der Kleine offenbar wenig Sinn für Humor besitzt, seufzt sie nur kurz und zieht dann ebenso überraschend wie entschlossen ihre beiden Vorderhufe ruckartig zum Körper – eine der einfachsten Techniken aus dem Krav-Maga-Training – wodurch der Ganove mit einem langgezogenen Schmerzensschrei in hohem Bogen etwa 100 Meter aufs Meer hinaus befördert wird, wo er mit einem satten Platschen aufkommt. Dann geht die Schreierei erst richtig los.

„Eigentlich verabscheue ich Gewalt“, sinniert Carmen und nimmt vorsichtshalber die Waffe des Räubers an sich, die ihm vor Schreck aus der Hand gefallen war. Dann setzt sie die Kopfhörer wieder auf und erinnert sich irgendwo gelesen zu haben, dass die meisten Brasilianer erst als Erwachsene schwimmen lernen.

Allmählich findet die Carmencita wieder zur Ruhe. Im Halbschlaf erscheint vor ihrem geistigen Auge Goyas Bild des „Perro semihundido“, das ihr letztes Jahr im Prado so gut gefallen hat.

 

17. Juni 2014   Unentschieden

Rechtzeitig zum Spiel Brasilien gegen Mexiko landet Carmens Drohne in Fortaleza. Als sie im Stadion eintrifft, zeigt sie sich zunächst erschüttert: „Neymar in blond! Setzt denn niemand diesen verwirrten Kindern Grenzen?“ Dann muss sie aber eingestehen, dass die Haarfarbe letztlich gut zum IQ des brasilianischen Superstars passt.

Als Carmen Giovanni Dos Santos erblickt, spürt sie eine feuchte Hitze unter ihrem Flamencokleid aufsteigen. „90 % Luftfeuchtigkeit“, behauptet sie entschuldigend und zieht ihren Fächer aus der Handtasche. Dann beschließt sie aber doch, in der Pause der mexikanischen Kabine einen kleinen Höflichkeitsbesuch abzustatten.

Anpfiff. Beim ersten Überqueren der Mittellinie nimmt Oscar dem türkischen Schiedsrichter mit vorgehaltener Pistole die Uhr ab. „Bem-vindo no Brasil!“[9] klopft er dem Unparteiischen freundlich auf die Schulter und zieht sich die Uhr an.

Als in der 26. Minute noch immer kein Tor gefallen ist, schaltet Greenkeeper Carmen gelangweilt die Berieselungsanlage ein. „Können wohl alle eine Abkühlung gebrauchen“, beschwichtigt sie den aufgebrachten Schiedsrichter.

„Ksch ksch, hola, ¡fiesta blanca! ¿quieres?“[10] – „Ahhh, no no, ahora no, gracias“[11], lehnt der mexikanische Trainer freundlich das Kokaintütchen ab, das ihm traficante Carmen diskret anbietet. „Er kann es sich gerade nicht reinziehen, weil man ihm vor dem Spiel alle Geldscheine und die Kreditkarten geklaut hat“, zeigt Carmen Verständnis für die Abstinenz des Coachs.

„Hey, Bock auf nen Freistoß?“ zwinkert Carmen dem brasilianischen Nationalspieler Thiago Silva zu. „Du bist manchmal so billig“, hört sie Jorges Stimme hinter einer Wolke sagen.

Kein Tor bis zur Halbzeit. Unendlich gelangweilte Carmen gräbt das Spielfeld um. „Ich bin die erste Kuh in Südamerika, die HINTER dem Pflug steht“, kommentiert sie stolz.

Danach verteilt sie im Auftrag der Firma Beiersdorf kleine Deo-Pröbchen aus ihrem Bauchladen. „Wird höchste Zeit“, rümpft sie beim Durchstreifen des mexikanischen Fanblocks die Nase.

Die zweite Halbzeit beginnt. Da Manuel bisher nicht auf ihre SMS geantwortet hat, schmeißt sich Carmen jetzt an den mexikanischen Torhüter Guillermo Ochoa ran und versucht penetrant, den Torbogenreflex[12] bei ihm auszulösen. Doch der hat nur Augen für den Ball.

„Nimm mich! Bitte!! So nimm mich doch endlich!!!“ reißt Carmen verzweifelt an seinen Locken, bis sie von Sicherheitskräften weggebracht und dem Stadionarzt vorgestellt wird. „Kontrollverlust aufgrund tropischer Hitze“, lautet dessen Diagnose. Das sei nicht untypisch bei diesen europäischen Touristinnen, fügt er noch hinzu und verabreicht unserer berauschten Superheldin ein leichtes Beruhigungsmittel.

Der Schlusspfiff naht. Carmen erwartet ungeduldig den Trikottausch.

Carmen Trikottausch
Lasziv

 

18. Juni 2014   Hauptsache: Tor

Da Manuel noch immer nicht auf Carmens SMS geantwortet hat und der mexikanische Torwart auch nach dem Spiel partout nicht auf ihre penetranten Annäherungsversuche reagieren wollte, hat sich Carmen nach dem Schlusspfiff noch ein paar Caipirinhas reingepfiffen und ist dann zu Olli Kahn aufs Zimmer geschlichen. „Die alten Kämpfer sind immer noch die besten: unaufgeregte Qualität eben“, ist das Fazit unserer kleinen Spielerfrau als sie im Morgengrauen diskret Kahns Unterkunft verlässt.

 

19. Juni 2014   Spanien scheidet aus

Mannschaftskapitänin Carmen de Ronda hatte bei der spanischen Hymne Tränen in den Augen. Dennoch hat sie sich vorgenommen, mit ihrer Elf die Chilenen in den Atlantik zu treiben. Es soll jedoch anders kommen.

Anpfiff. Carmen bekommt in den nächsten 45 Minuten kein Bein auf den Boden.

0:2 für Chile zur Halbzeitpause. Der spanische Trainer wechselt Carmen aus und schickt sie auf die Ersatzbank.

Carmens Patenonkel König Juan Carlos unterschreibt daraufhin seine Abdankung.

Kurz vor Beginn der zweiten Halbzeit steckt Carmen dem Unparteiischen ein Bündel Geldscheine in die Tasche. „Die erste Hälfte jetzt, die andere wenn Chile verliert“, beschwört ihn die Meisterin der Corrupção.

Noch 20 Minuten. Schweizer Sterbehilfeverein verteilt Prospekte in der Kabine der Spanier.

Noch 10 Minuten. Aussichtslos. Spanien bittet um den Telefonjoker.

Noch fünf Minuten. Carmen übergibt dem Schiedsrichter ihre schwarze Amex. „Mach was!“ zischt sie ihn an. „Mindestens sechs Minuten Nachspielzeit will ich dafür haben!“

Nach Ende der sechsminütigen Nachspielzeit hat Chile 0:2 gewonnen. Die Spanier fahren heim. Vielleicht müssen sie auch schwimmen.

 

20. Juni 2014   Konsequenzen

Am frühen Morgen steigt Carmen in die Drohne und fliegt auf direktem Weg über Paraguay und Argentinien nach Santiago de Chile. Dort stürmt sie kurz nach Öffnung in die Passabteilung der Ausländerbehörde und verlangt den Amtsleiter zu sprechen. „Ich will eine von Euch werden!“ knallt sie ihren spanischen Pass auf den Tisch, in dem sie diskret 500 US-Dollar versteckt hat.

Der Behördenchef schaut sie nur mitleidig an. „Bedaure Señora, aber der Ansturm an Elendsflüchtlingen aus ihrem Land ist seit gestern einfach zu groß.“

Carmen tippt selbstbewusst auf Ihren Pass: „Vielleicht möchten Sie doch noch einmal genauer hinschauen?“ Als der Immigrationsbeamte die 500 Dollar entdeckt, wird er doch kooperativer. „Wie soll denn der Name in ihrem chilenischen Pass lauten?“ fragt er dienstbereit. „Conchita Ochoa“, ist Carmens spontane Antwort.

„Wenn du zurückfliegst“, bittet Jorge unsere Weltenbummlerin am Telefon, „könntest du vielleicht in Buenos Aires zwischenlanden und mir ein paar Gläser Dulce de leche mitbringen? Die Fastenzeit ist doch vorbei…“ fügt das Leckermäulchen noch entschuldigend hinzu. „Na gut. Dein Glück soll mir den Umweg wert sein“, antwortet unsere frischgebackene Chilenin zufrieden.

Am Abend schaut sie im Haus ihrer Freundin Dilma das Spiel Uruguay gegen England gemütlich bei einem Bier im Fernsehen. „Wo ist denn Deine Haushälterin?“ erkundigt sich Carmen. „Die musste ich entlassen“, antwortet die Präsidentin. „Seit der Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns können wir uns nur noch halb soviel Personal leisten“, ist die bittere Erklärung. „Jetzt steht sie auf der Straße. Damit hat sie wohl auch nichts gewonnen…“

„Uruguay ist ein Land der Zukunft“, proklamiert Carmen als die Engländer geschlagen den Platz verlassen und trägt sich mit dem Gedanken, dort in eine Hühnerfarm zu investieren. „Wir brauchen frisches Hühnerblut. Für die Orakel“, begründet sie diese Idee.

 

21. Juni 2014   Carmen sieht schwarz

Am Morgen vor dem Spiel gegen Ghana lässt Carmen wieder ein Huhn schächten. Das Blut sammelt sie auf, um es der deutschen Elf ins Schoko Mac zu rühren. „Schließlich hat uns noch kein Vegetarier zum Sieg geschossen“, begründet unsere kleine Spezialistin für Sportlernahrung ihr heimliches Tun.

„Ey, nit schlescht, dat Zeusch, jar nit schlescht“, poltert Poldi den Schweini beim Frühstück an. „Fehlt Dir dat Nutella? Also mir nit“, fügt er noch hinzu. Carmen lässt sich ihre Freude über diesen Dialog der beiden manipulierbaren Konsumopfer nicht anmerken und stellt dem Kölschen Fußballprinzen noch ein frisch zubereitetes Glas Schoko Mac mit Hühnerblut hin, während sie Jogis misstrauischen Blicken auszuweichen versucht. „Du sollscht doch den Poldi net so abfüttere, der isch doch eh zu fett!“ warnt der Trainer seine Diätassistentin mit deutlichen Worten.

„Höhöhö, fett hat er gesagt, der Poldi is fett“, giggeln Schweini und Hummels ausgelassen. Manuel Neuer lässt sich von der Fröhlichkeit der Truppe nicht anstecken und mampft schweigend und versunken sein Müsli. Er fragt sich, ob es richtig war, nach der Sache mit der Schulter die Handynummer zu wechseln. Er fragt sich, ob Carmen wohl versucht hat, ihn zu erreichen. Denn irgendwie fehlt sie ihm auch. Jedenfalls hatte es ihm einen Stich versetzt, als sie sich vorgestern so an Ochoa rangeschmissen hat. „Was will sie denn mit diesem aufgeföhnten Latino-Pudel? Ich passe doch viel besser zu ihr“, lauten seine depressiven Grübeleien.

Der Geschäftsführer von Schwartau ruft bei Carmen an. Er ist glücklich über die steigenden Absatzzahlen von Schoko Mac. „Und das Beste ist: jetzt verkaufen wir die Pampe nicht nur in Deutschland, sondern inzwischen gehen die Umsatzzahlen auch in der brasilianischen Mittelschicht eindeutig nach oben!“ – „Glückwunsch! Ich würde sagen, Nutella war gestern“, biedert sich Carmen bei dem Kapitalisten an.

„This Girl is on Fire“, singt Carmen zum Todestag der Jeanne d’Arc besinnlich. „Sie war eine wie ich – bis auf das Ende“, meint Carmen. „Ja, starke Frauen wie wir leben riskant. Sie hatte damals leider den falschen Zauber“, fügt sie hinzu, während sie sich das Hühnerblut von den Hufen wäscht. „Außerdem ist es nie verkehrt, den Heiligen Vater auf seiner Seite zu haben“, sagt unsere erfahrene Netzwerkerin und schickt Jorge per UPS ein paar große Gläser Dulce de leche, die sie ihm aus Argentinien mitgebracht hat.

Die UN-Hochkommissarin für das Flüchtlingswesen, Conchita Ochoa, rettet 20 erschöpfte spanische Nationalspieler aus dem Atlantik. „Es war höchste Zeit, sie waren schon völlig entkräftet“, sagt Ochoa. Nun verteilt sie die politisch verfolgten Asylsucher auf verschiedene Länder in Lateinamerika.

„Sie können nicht in ihre Heimat zurück, weil sie dort nicht mehr sicher sind. Daher verteilen wir sie jetzt auf spanischsprachige Länder in der Region. Nach Chile wollte allerdings keiner“, teilt die Diplomatin mit.

 

21. Juni 2014   GER ./. GHA

Fortaleza: Carmen ordnet die Einstellung deutscher Entwicklungshilfe für Ghana an und verkauft Neuer an einen amazonischen Kannibalenstamm.

 

22. Juni 2014

Heute früh hat der Chef der Raiffeisenbank Carmens Garageneinfahrt zugeparkt. „Wir machen den Weg frei“, knurrt unsere kleine Politesse, als sie seine Karre mit einer Panzerfaust in die Luft jagt.

Zum Frühstück besucht sie das Trainingslager der Nationalmannschaft von Ghana. Als Geschenk bringt sie ein paar Gläser Schoko Mac mit. Dann hält sie eine kleine Ansprache, in der sie die Mannschaft ermutigt, sich weiter anzustrengen: „Unter hohem Druck wird auch Kohle zum Diamanten“, lauten ihre abschließenden Worte, die den anwesenden Journalisten viel Spielraum zur Diskussion über implizit rassistische Metaphern eröffnen.

Später darf die Carmencita an einem leichten Training der Afrikaner teilnehmen. Die ebenso verspielten wie höflichen Sportler lassen sie ein Tor schießen und jubeln ihr danach begeistert zu. Anschließend darf unsere liebesbedürftige Heldin mit der Mannschaft duschen. „Puxa[13], Afrika ist ein grooooßer Kontinent!“ kommt sie aus dem Staunen nicht heraus.

„Wenn ich Kevin Prince heirate, werde ich dann Prinzessin?“ träumt unsere heimliche Romantikerin im Stillen.

 

23. Juni 2014   Hoch wirksam

In der aktuellen „Apotheken-Umschau“ stellt Carmen ihre neue Salbe gegen Sportverletzungen vor. „Allein damit haben wir Ronaldos Knie und Neuers Schulter wieder hingekriegt!“ schwärmt die Apothekerin. „Ist hoch wirksam und in Doping-Tests nicht nachweisbar – mit natürlichem Kuhtison!“

 

24. Juni 2014

„Hola Carmen, kriege das Bild deines prallen Euters nicht aus dem Kopf. Bin total scharf auf Dich. Lass uns treffen. Ruf mich an. Guillermo“ lautet der Text der SMS, die Carmen mit großen Augen auf ihrem Q-Phone liest. Als sie gerade zurückrufen will, klingelt der Wecker und Carmen erwacht durchgeschwitzt aus ihrem Traum.

„Sie halten ein straffes Euter zurecht für den Schlüssel Ihres Erfolgs“, deutet Carmens Analytiker den Traum. Er weist sie darauf hin, dass seine Ehefrau in ihrer Hautarztpraxis gerade eine neue Pflegeserie für empfindliche Haut anbiete. „Für meine Patienten übrigens zum Sonderpreis“. fügt der korrupte Psychologe hinzu.

„Aber denken sie denn nicht, dass echtes Selbstbewusstsein unabhängig sein müsste von solchen Äußerlichkeiten?“ fragt Carmen verunsichert. „Ach ja, das versucht ihnen die Emanzipationsbewegung immer einzureden. Meiner Meinung nach beruht diese Auffassung aber auf einer idealistischen Weltsicht, die an der Realität vorbeigeht. Gucken sie sich doch Frau Schwarzer nur mal an, wie weit sie mit ihren vertrockneten Titten gekommen ist!“ schnaubt der Therapeut. Carmen denkt an ihre unversteuerten Leergutbons und versinkt für den Rest der Sitzung in Schweigen.

Auf dem Heimweg schaut Carmen dann doch in der Hautarztpraxis rein. „Ah, Sie kommen von meinem Mann!“ strahlt die Frau Doktor und drückt Carmen einen großen Cremetiegel in die Hand. „Hier: morgens und abends mit sanft kreisenden Bewegungen einmassieren“, empfiehlt die Ärztin. „Dann klappt’s auch mit dem Torwart“, flüstert sie noch verschwörerisch hinterher. Carmen bezahlt und geht nach draußen. Dort wirft sie einen Blick auf die Packung. „El Euter O’Cock“ steht da in großen Lettern.

 

25. Juni 2014   NIG ./. ARG

„Hab‘ ich extra mit einem Spezialwaschmittel für Funktionskleidung gewaschen“, schwärmt Carmen und überreicht Jorge sein frisch gebügeltes und duftendes Papstfußballtrikot, knöchellang in weiß mit hellblauen Streifen. „Danke Dir, meine Liebe! Damit werden wir die Muselmänner heute Abend ein für alle mal besiegen!“ tönt der lateinamerikanische Kreuzritter selbstbewusst.

Im Spiel landet Jorge den entscheidenden Treffer, der Argentinien zum Sieg verhilft. Danach belohnt ihn Carmen mit einem leckeren Quark mit frischem Obst. „Er hatte die letzten Tage etwas zuviel Schoko Mac“, erklärt unsere Diplom-Ökotrophologin den Speiseplan, während Jorge sein Tischgebet spricht:

„Komm Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was Du uns bescheret hast.“ Dann löffelt er hungrig das Bio-Obst. „Reicht aber doch gar nicht für zwei“, murmelt Blasphemikerin Carmen aus dem Hintergrund.

Jorge Quark
Jorge auf Diät

 

„Es geschah mit Gottes Hilfe“, sagt der Torschütze nach dem Essen bescheiden zu seinem Erfolg.

„Es geschah, weil ich den nigerianischen Torwart bestochen habe“, notiert die Carmencita in ihrem geheimen Tagebuch.

 

26. Juni 2014   GER ./. USA

Carmen entfernt die argentinische Flagge von ihrer Drohne und zieht die gestrickten Deutschland-Mützchen über die Rückspiegel ihres Cabrios. „And she’s fighting for Germany, she’s fighting for Spain, she’s fighting for Argentinia, and she’s fighting for Brasil, and she’s fighting for Africa, and she thinks we’ll put an end to war this way…. She’s a universal soldier and she really is to blame, her orders come from FIFA no more, they come from here and there and you and me, and sisters can’t you see, this is not the way we put the end to war….“ pfeift Carmen Donovania – de Ronda fröhlich, während ihr von der Siegesfeier erschöpfter Freund Jorge noch selig schlummert und weiter von der Reconquista träumt.

Das Spiel läuft gut. „Hab ihre hübschen Trikots nicht umsonst so sorgfältig gebügelt! Rotschwarz steht dem Müller richtig gut!“ stellt unsere Typen- und Farbberaterin zufrieden fest.

„Die machet mir de Schweini kaputt“, brüllt Jogi in höchster Not und entscheidet sich kurzfristig, Carmen als Mannschaftsärztin ins Team von Müller-Wohlfahrt zurückzuholen. „Wir müssen dem Özil sein Schilddrüsenhormon runterdosieren“, ist Carmens erster Rat an Jogi. „Aber dann kommet doch wieder die Äugle raus“, äußert der Bundestrainer Bedenken.

„Reicht jetzt!“ sagt Carmen herrisch und nimmt dem nervösen Trainer kurz vor der Halbzeitpause die Chipstüte weg.

 

27. Juni 2014

„Deutschland ist ein Land der Zukunft“, lautet Carmens Überzeugung am Morgen nach dem Einzug ins Achtelfinale.

„Am Montag geht der Kampf gegen die afrikanischen Muselmänner weiter!“ freut sich Wüstenfuchs und Kreuzritter Jorge. „Eine Spanierin verwickelt Deutschland in den Algerienkrieg – verrückte Welt“, bestätigt Carmen de Ronda-Rommel nachdenklich.

„Ab nächsterrr Woche wirrrd auch in Affrrricka endlich wiederrr doitsch gesprrrochen!“ muht der ewig gestrige Bulle Adolf aus Österreich mit dem komischen Bärtchen im gewohnten Stakkato. „Er nun wieder…“ verrollt Carmen nur die Augen und wendet sich angeekelt ab.

 

28. Juni 2014   Carmen und Jorge feiern mit O & S

Am Samstagmorgen liest Jorge eine Messe in der größten Favela von Rio de Janeiro. „Wo hast du denn dein Altargerät?“ fragt Carmen als er mit leeren Händen ins Hotel zurückkommt. „Drei mal darfst du raten…“ brummt der Heilige Vater bedrückt, während sich Carmen das Lachen kaum verbeißen kann.

„Hab ich Dir nicht gesagt, du solltest besser Plastikgeschirr nehmen, wenn du schon unbedingt dort missionieren musst?“ meint Carmen altklug. „Hör mal, hab ich gestern etwas gesagt, als du barhufig vom Joggen zurückgekommen bist? Deine neuen Asics waren schließlich auch nicht billig – und dann gleich vier Stück“, entgegnet der Franziskaner, dem Carmens Besserwisserei manchmal ziemlich gegen den Strich geht.

Dann macht sich Carmen bereit für den Flug nach Deutschland. „Heute Abend sollten wir nicht zu spät kommen zum Sommerfest bei O & S. Packst du bitte schon mal deine Sachen!“ bittet Carmen ihren Kumpel. „Welche Sachen?“ antwortet Jorge genervt. Er hatte bei der Rückkehr in sein Zimmer die Tür nur angelehnt vorgefunden und nun spürt er ein schlechtes Gewissen, weil er instinktiv das Zimmermädchen verdächtigt hatte.

„Oh nein“, entfährt es Carmen als sie zum Flughafen kommen und in die Drohne steigen wollen. Die steht ohne Reifen da, abgestützt auf einigen Backsteinen. „Wo kriegen wir jetzt so schnell neue Reifen her?“ fragt Jorge ratlos. „Gar nicht“, entscheidet Carmen. „Wir fliegen mit der Lufthansa.“

Schon seit Carmen und Jorge vor einigen Monaten die Einladung zum Fest ihrer lieben Freunde erhalten hatten, machte sich unsere Kleine intensiv Gedanken über den passenden Auftritt. „Ich will ihnen ja nicht die Show stehlen, aber schließlich ist es das wichtigste Fest des Jahres!“ denkt unsere gefallsüchtige Superheldin.

Nach ihrer Ankunft in Köln stehen Carmen und Jorge vor dem Kleiderschrank. Während Jorge mit einem schnellen Griff ein frisches und dennoch schlichtes Papst-Kostüm ausgewählt hat, wühlt sich Carmen nervös durch dutzende Paare noch ungetragener Manolos: „Die oder lieber doch die?“ wendet sie sich Rat suchend an den Heiligen Vater. „Wozu braucht eine einzelne Kuh nur so viele Schuhe?“ staunt der Kirchenfürst. „Wo doch zwei Drittel der Bevölkerung froh wären, wenn sie auch nur EIN paar Sandalen hätten…“ fügt der Konsumkritiker noch hinzu. „Die leben aber nicht in der Großstadt, sondern auf dem Land, wo barfuß gehen ja auch viel gesünder ist! Außerdem sind sie wohl kaum zu so noblen Anlässen eingeladen. Als Geschäftsfrau kann ich es mir eben nicht leisten, mich vor den anderen zu blamieren!“ holt Carmen, vom schlechten Gewissen geplagt, zu einer wortreichenden Rechtfertigung aus. „Entschuldige, ich wollte Dich nicht angreifen“, versucht Jorge seine Freundin zu besänftigen. „Schlechter Zeitpunkt für Grundsatzdiskussionen. Sag mir einfach, welche Schuhe Du an meiner Stelle anziehen würdest“, herrscht ihn unsere lösungsorientierte Modeprinzessin an. „Also, mein Vorgänger hat sich bei offiziellen Anlässen meist für ein paar rote Pradas entschieden. Er hat immer gesagt, damit könne man nicht viel verkehrt machen“, antwortet Jorge diplomatisch. „Hm, meinst Du? Die würden sicher auch gut zu meinem neuen Flamencokleid passen“, überlegt Carmen. „Gibt da nur ein Problem“, murmelt sie auf den Boden blickend. „Ich habe keine roten Pradas…“

Eine halbe Stunde später sitzt die Carmencita in ihrer Drohne und fliegt nach Mailand, wo sie in ihrem Lieblingsschuhgeschäft ein paar rote High Heels ersteht. Wieder zuhause, führt sie ihren Schatz stolz dem Heiligen Vater vor. „Solche meintest Du doch, oder?“ – „Wunderbar, ganz wunderbar, meine Liebe. Wenn auch die Absätze bei Benedikt vielleicht etwas flacher waren. Aber das war sicherlich nur seinem Hüftleiden geschuldet“, bestätigt Jorge seine kleine Freundin in ihrem Kauf. Dann wird es höchste Zeit zum Aufbruch.

„Ein bisschen Treppensteigen wird uns allen gut tun!“ verkündet Eventmanagerin Carmen im Foyer des Kölnturms, nachdem sie rechtzeitig vor dem Eintreffen der Gäste durch einen elektromagnetischen Impuls alle Aufzüge stillgelegt hat.

„Sehr geehrte Damen und Herren, Ihr Otis Aufzugsteam informiert Sie, dass alle Fahrstühle ins Osman 30 wieder voll funktionsfähig sind! Wir wünschen eine schöne Party!“ lautet eine Stunde später die Ansage der stolzen Monteure, die für ihren Notdiensteinsatz wieder Unsummen berechnen werden.

„Ich sitze am längeren Hebel“, grinst unsere verspielte Terrorkuh, zieht die Fernbedienung aus ihrer Gucci-Handtasche und drückt auf einen roten Knopf.

Der nächste Aufzug durchstößt daraufhin mit hoher Geschwindigkeit das Dach des Kölnturms. Gottlob löst der Fallschirm aus und die Kabine schaukelt im Wind sanft und langsam zu Boden, so dass alle Passagiere wohlbehalten unten landen.

„Ooops, wieder der falsche Knopf“, ärgert sich Carmen über ihr Ungeschick.

„Diese durchgeknallte Kuh bringt unsere Gäste um“, schluchzt S. an O.s Schulter. „Meinst Du, wir hätten sie lieber nicht einladen sollen?“ fragt O. nachdenklich. „Ich will mir gar nicht ausmalen, wozu sie dann fähig gewesen wäre!“ sagt S. von Entsetzen geschüttelt.

Als das ungleiche Paar Kuh und Papst schließlich doch im 30. Stock eintrifft, werden die beiden von ihren Freunden herzlich empfangen. „Hier, lasst uns anstoßen!“ bekommen die Gäste auch gleich ein Gläschen Perlwein in die Hand gedrückt. „Hm, lecker“, ist Jorges spontane Reaktion. „Ob ich den wohl mal als Messwein im Petersdom einführen sollte?“ lautet die eher rhetorische Frage an seine flippigste Ministrantin. „Siehste, allmählich lernst Du die guten Dinge auch zu schätzen“, ist Carmens süffisante Antwort an den Franziskaner.

Dann überreichen die beiden ihr Geschenk: „Ein Gutschein für zwei Absprünge mit dem Fallschirm aus der Drohne – als Halo-Jump aus 20.000 Metern Höhe. Natürlich mit Sauerstoffgerät! Herzlichen Glückwunsch zum Hochzeitstag!“ verkündet die Carmencita stolz und Jorge fügt mit etwas verlegenem Lächeln hinzu: „Selbstverständlich werde ich Eure Fallschirme vorher segnen.“ – „Du sollst mir nicht immer in den Rücken fallen!“ zischt Carmen gereizt. „Ist doch völlig ungefährlich.“ – „Ein wenig Weihwasser kann trotzdem nicht schaden“, entgegnet der Nachfolger Petri vorsichtig. „Immer musst Du das letzte Wort haben – Du hältst Dich wohl für unfehlbar“, gibt Carmen zickig zurück. „Das bin ich in der Tat!“ sagt Jorge sanft aber mit Bestimmtheit. „Diesen Glauben teile ich heute noch weniger als früher!“ versetzt ihm unsere kirchenkritische Spanierin, die schon immer ein Problem damit hatte, Autoritäten zu akzeptieren.

„Ooooh…, danke…, das ist ja eine… ähem… außergewöhnliche Idee…“ nimmt O. mühsam gefasst den Gutschein entgegen, während S. neben ihm kreidebleich gegen eine Ohnmacht kämpft. „Diese Kuh bringt mich irgendwann ins Grab“, stöhnt er noch, bevor er in Jorges rettende Arme kollabiert. O. ist derweil auf die Terrasse gerannt und fächelt sich Luft zu. Als sein Blick vom 30. Stock nach unten fällt, läuft er schnell wieder zurück. Kaum hat er das Lokal erreicht, kollabiert er ebenso.

Als beide erwachen, steht Ex-Medizinerin Carmen über sie gebeugt und schwenkt ein Riechfläschchen vor ihren Nasen. „Geht‘s wieder?“ fragt sie mit echter Besorgnis. „Was ist passiert?“ versuchen sich die Gastgeber zu orientieren.

„Nun, Ihr fandet unser Geschenk offenbar echt umwerfend“, lacht unsere kampferprobte Doppelagentin. „Man kann den Gutschein auch umtauschen“, beschwichtigt Jorge.

„Gottseidank“, seufzen O. und S. wie aus einem Mund. Der Heilige Vater blickt nach oben und nickt zustimmend. „Naja, nüchtern betrachtet hat das wohl eher mit dem gesetzlichen Rücktrittsrecht bei Online-Geschäften zu tun“, holt die Carmencita alle wieder auf den Boden der Tatsachen.

„Kannst Du bitte mal das Riechfläschchen zumachen? Das stinkt ja grauenvoll“, dreht O. angewidert den Kopf zur Seite. „Prima, gell, damit hab ich auch in meinem Zentrum für Enhanced Interrogation Techniques noch jeden wieder wach gekriegt!“ grinst die Carmencita, schließt das Gefäß und schenkt den beiden allmählich wieder zu Kräften kommenden Gastgebern die Flasche. „Andalusischer Rinderdung“ steht auf der Verpackung.

„Es geht doch nichts über wirklich gute Freunde“, denken die beiden flugerprobten Jubilare und rappeln sich allmählich wieder auf.

 

29. Juni 2014   Katerstimmung

02:45 Uhr: Carmen sinkt nach der Feier ebenso betrunken wie befriedigt in ihr Bett. „Näää, war datt schön!!!‘ stöhnt unsere kleine rheinische Alkoholoikerin zufrieden, bevor sie sanft entschlummert.

10:00 Uhr: Mit ihrer riesigen Gucci-Sonnenbrille schlurft Carmen auf Hufspitzen zum Frühstückstisch. „Guten Morgen, meine Liebe“, schaut Jorge kurz vom Osservatore Romano auf. „Nun, haben wir ein wenig übertrieben mit den Genussmitteln?“ fragt er mit einem Blick auf die Sonnenbrille. Carmen sagt erst mal nichts und nimmt sich einen doppelten Espresso.

Als sie ein wenig orientierter wirkt, zeigt ihr Jorge einen Zeitungsartikel über das gestrige Fest.

„Was hast du eigentlich gestern Nacht so lange mit dem schwarzen Kellner auf der Damentoilette gemacht?“ fragt Inquisitor Jorge scheinbar beiläufig, ohne von der Zeitung aufzusehen. Carmen läuft ein wenig rot an. „Ach, er… äääh… hat mir nur geholfen, einen Fleck aus meinem Flamencokleid zu entfernen“, behauptet unsere reinliche Doppelagentin nach einer Millisekunde zu langen Zögerns, allerdings ohne mitzuteilen, woher der Fleck stammte. „Wie freundlich von ihm“, stellt Jorge fest. „Diese Art von Flecken soll ja tatsächlich schwer rausgehen. Auch aus Messgewändern übrigens“, erinnert sich der Heilige Vater, der früher lange als Beichtvater in einem Priesterseminar tätig war. Carmen fühlt sich ertappt und holt sich schweigend noch einen Espresso.

Dann kommt das Taxi zum Flughafen, denn heute Abend werden die beiden schon wieder in Brasilien gebraucht.

Immer noch mit großer Sonnenbrille sitzt Carmen neben Jorge in der Lufthansa Business Class auf dem Weg zurück nach Rio, als ihr der freundliche Purser ein Tablett hinhält: „Gläschen Champagner, die Dame?“ – „Danke, nein. Wasser, ich brauche Wasser. Viel Wasser. Und noch eine Ibuprofen“, bittet Carmen. „Und könnten sie bitte auch das Licht ein wenig dimmen?“ äußert sie einen weiteren Wunsch. „Das steht nicht in seiner Macht“, kommentiert Jorge: „Es ist die Sonne. Wir befinden uns bereits über den Wolken.“ Dann kommt der freundliche Purser zurück: „Vielleicht hilft Ihnen das hier ein wenig“, überreicht er der kopfschmerzgeplagten Feierelse mit verständnisvollem Blick eine Schlafbrille. „Zum Spiel von Mexiko heute Abend muss ich wieder fit sein“, flüstert Carmen, die über den Ereignissen der letzten Nacht beinahe ihren putzigen mexikanischen Torwart vergessen hätte.

Vor der Landung in Rio kommt der Purser erneut auf Carmen zu. Diesmal hat er ein Anliegen: „Der Kapitän bittet sie zu sich ins Cockpit.“ Carmen denkt an den Agentenfilm, den sie gerade gesehen hat und fragt sich, ob es sich um einen Scherz handelt. Dennoch rappelt sie sich hoch, steigt die Treppe hinauf und klingelt. Beim Betreten des Cockpits bietet sich ihr ein Bild des Jammers. Kapitän und Erster Offizier tragen riesige Sonnenbrillen und hängen schwer angeschlagen in ihren Stühlen. Eine Stewardess bringt gerade einen ganzen Sack prall gefüllter Spucktüten weg. „Die Döner-Bude am Rudolfplatz…“ stammelt der Kapitän erklärend… Wir wollten fragen, ob sie nicht die Landung in Rio übernehmen könnten“, bittet er, bevor er nach der nächsten Tüte greift. „Hm, Döner, ist klar. Und vermutlich auch das ein oder andere Kölsch, gell“, legt Carmen den Finger in die Wunde. Dann aber gibt sie sich pragmatisch: „Vale, chico, dann mach mal Deinen Stuhl frei. Und Sie“, fügt Carmen an die Stewardess gewandt hinzu, „bringen mir bitte ein großes Glas Agua de Valencia“, übernimmt unsere erfahrene Pilotin das Kommando über den A380.

Als die beiden Lufthansa-Piloten das Cockpit verlassen haben, um sich ein wenig hinzulegen, schaltet Carmen das automatische Landesystem ein. „Wird schon gut gehen“, denkt sie, lässt aber für alle Fälle Jorge ausrichten, er möge vor der Landung noch einen Rosenkranz beten. Dann stellt sie den Pilotensitz in Liegeposition, schüttet noch ein Wasserglas Agua de Valencia auf einmal hinunter und zieht wieder ihre Schlafbrille auf. „Bös muss Bös vertreiben“, lautet die Weisheit unserer Drogenbeauftragten.

Eine halbe Stunde später legt der Autopilot eine butterweiche Landung hin. Carmen nimmt das Mikrofon und drückt den Schalter „Economy Class“. „Hier spricht ihre Kapitänin. Wo bleibt mein Applaus?“ schnauzt sie die Passagiere an.

„Wir haben hier in Rio eine Außenposition. Bitte steigen sie in die bereitstehenden Busse. Und, besser Sie halten ihre Handtaschen gut fest“, fügt sie noch vorsorglich hinzu. Dann verlässt sie das Cockpit und geht wieder zu ihrem Platz in der Kabine. „Trink aus, Papst, wir gehen. Fußball geht gleich los“, klopft sie Jorge munter auf die Schulter.

Am Abend spielen die Niederlande gegen Mexiko. Eckstoß Robben. „Lass ihn bloß nicht an Deine Kiste!“ schreit Carmen hysterisch hinter Ochoas Tor. Ochoa lässt Robben nicht rüber. „Brav“, sagt Carmen und tätschelt ihren lockigen Liebling.

Die Situation spitzt sich zu und Carmen entscheidet sich zu einem Sabotageakt: Die Torlinientechnikerin schaltet heimlich den Detektor im mexikanischen Tor aus.

Cooling Break: Carmen verreibt einen Eiswürfel auf Ochoas Brustwarzen und der Torhüter beginnt zu schnurren. „Das hat er gern“, sagt unsere kleine Edelnutte mit anzüglichem Unterton.

Das Spiel geht weiter. Carmen im Blutrausch. „Robben frisst den Seekühen die Fische weg!“ hetzt unsere kleine Hasspredigerin.

Schlusspfiff. 2:1. Aus für Mexiko.

Carmen trennt sich per SMS von Ochoa und gibt ihren chilenischen Pass zurück.

Dann schlurft sie niedergeschlagen aus dem Stadion. „Es gibt keinen Gott“, murmelt Carmen und geht achtlos an Jorge vorbei.

Vor dem Stadion bekommt sie nun doch Hunger. „Eine Portion Fritjes mit Maya“[14], verlangt Carmen diplomatisch.

 

30. Juni 2014   Politik geht weiter

„Waffenruhe in der Ukraine“, erläutert Carmen, während sie den Schalldämpfer auf ihre Walther PKK schraubt.

„Keine weiteren Ausnahmen vom Mindestlohn!“ kämpft Carmen für die Interessen lateinamerikanischer Zwangsprostituierter.

Vom vielen Reisen verstopfte Carmen nimmt ein Abführzäpfchen und freut sich über die prompte Wirkung. „Das mit dem Fracking kann also wirklich funktionieren!“ staunt die diesjährige Gewinnerin von „Jugend forscht“.

„Ole-andro andro andro“, singt Greenkeeper Lady Carmen-Gaga vergnügt, während sie ihre Balkonpflanzen düngt.

 

30. Juni 2014   Achtelfinale GER ./. ALG

Nervosität im deutschen Team. Hat Hummels etwa Gelbfieber? Carmen hat eine Eingebung.

Eine Stunde später stellt die Leiterin des Gesundheitsamtes von Porto Alegre, Carmen Wohlfahrt-Camus, das Trainingslager der algerischen Mannschaft unter Quarantäne. „Pestverdacht“, lautet ihre ebenso absurde wie unwiderlegbare Behauptung. Auf Druck der FIFA wird die Maßnahme allerdings kurz vor Spielbeginn wieder aufgehoben. „Lieber ein paar Tote als Umsatzausfall!“ sagt Blatter mit Entschiedenheit.

Anpfiff. Die rotschwarzen Trikots haben Carmen besser gefallen. „Weiß macht vor allem die Blonden so blass“, findet unsere Typberaterin.

Carmen scannt die algerische Mannschaft mit der Bilderkennungssoftware ihres Q-Pad. „Also der algerische Torhüter ist definitiv ein gesuchter Terrorist“, lautet das Ergebnis. Dann warnt sie noch vor einem möglichen Selbstmordattentat. „Feghouli hat einen Chip im Hirn! Er wirkt völlig ferngesteuert!“ warnt die Terrorismusexpertin.

Schweini ungedeckt. Carmen: „Da kann ich ihm helfen…“

„Aber die süßeren Hintern haben sie schon, die Algerier“, flüstert Carmen Jogi ins Ohr. Der läuft daraufhin rot an. „Du sollscht doch net immer so Sache sage…“, flüstert er verschämt.

Es steht Null zu Null zur Halbzeit. Carmen macht mit den deutschen Spielern ein paar Entspannungsübungen. „Unsere Yogi-Übungen sollen Ihnen zu mehr innerer Harmonie verhelfen. Das reduziert die Zahl der Fehlpässe erheblich“, erklärt die Wohlfühlmanagerin.

Das wird ein Nachspiel haben, denkt Carmen.

Zu Beginn der Nachspielzeit knien Jorge und der Imam der algerischen Mannschaft in ihren jeweiligen Coaching-Zonen und beten um die Wette. „Aber es gibt doch nur einen Gott“, sagt Gott daraufhin verwirrt.

2:1 für Deutschland nach Verlängerung. Schlusspfiff.

Der Imam bittet Jorge um die Taufe. Gemeindeassistentin Carmen liefert dienstfertig einen Krug aufbereitetes Regenwasser vom Amazonas. „Ist nachhaltiger“, weiß unsere Umweltschützerin.

„Und Freitag treiben wir die Franzosen in den Atlantik!“ lautet das Fazit unserer Gotteskriegerin.

 

01. Juli 2014   The day after

„Die gestrige Schlacht war für alle Gläubigen die Hölle“, sagt der algerische Mannschaftsimam auf Al Jazeera: „Schweini im Ramadan!“

Schürrle und Özil bekommen heute zum Frühstück von Carmen die doppelte Portion Schoko Mac. „Mit extra viel Hühnerblut!“ klopft ihnen Carmen anerkennend auf die Schultern.

„Solange Du nicht ablässt von Deinem Nutella-Konsum, wirst du auf der Ersatzbank bleiben!“ verwarnt Carmen den Poldi.

Drei freie Tage stehen unseren beiden Helden bis zum nächsten Spiel der deutschen Elf bevor. Carmen nutzt die Zeit und meldet sich zu einem Capoeira-Workshop an. Jorge will in einem Sprachkurs seine Portugiesisch-Kenntnisse vertiefen. „Se eu fosse Papa, rezaria para a seleção argentina ganhar“, übt er fleißig Konditionalsätze.[15]

„Das Ergebnis läutet den Sieg der Demut über den Kapitalismus ein“, bewertet Franziskaner Jorge den Sieg Argentiniens über die Schweiz.

„Ich muss meine Leergutbons woanders parken“, murmelt Carmen fast unhörbar.

 

02. Juli 2014   Gespräch mit Zuhause

08:00 Uhr: Putzfrau O’Limpia kriegt die Tür zu Carmens Kölner Wohnung nicht auf und ruft deswegen Carmen in Brasilien auf dem Handy an. „Ich habe in den Nachrichten etwas von einer Haushaltssperre in NRW gehört“, mutmaßt Carmen über die Ursache der Blockade.

 

03. Juli 2014   Bio-Fleisch für Frankreich

Die UN-Beauftragte für das Seuchenwesen Carmen de Ronda (gs. Ochoa, vw. Neuer) lobt Einsatz von Raumspray als wichtige Maßnahme im Kampf gegen die Ebola-Epidemie.

Im französischen Trainingslager serviert Sterneköchin Carmen heute „Westafrikanische Flüghünd mit Pommes de Marre an Sauce fatale“. „Ein Volk von Karnivoren“, schüttelt sie insgeheim angewidert den Kopf.

„Könnte allerdings knapp werden mit der Inkubationszeit“, warnt sie Jogi.

 

04. Juli 2014   FRA ./ GER: Prends garde à toi!

Nach dem EGH-Urteil zur Rechtmäßigkeit des französischen Burkaverbots, überlegt Carmen, heute gegen Frankreich im Ganzkörperschleier zu spielen. „Mein Minenspiel gehört mir!“ sagt die emanzipierte Kämpferin für Religionsfreiheit.

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Carmen in ihrer Gore-Tex-Funktionsburka

 

Dann spricht sie mit Jogi über die Mannschaftsaufstellung und er bittet sie, auf der Bank Platz zu nehmen. „Spieler haben wir genug. Aber auf Deine strategische Kompetenz können wir nicht verzichten.“ Das leuchtet Carmen ein. Ohnehin hat sie in der feuchten Wärme von Rio de Janeiro eigentlich keine Lust, sich schon wieder das Trikot durchzuschwitzen.

Derweil hat Jorge erfahren, dass die Partie von einem Schiedsrichter aus Argentinien gepfiffen wird. Auf Carmens Drängen prüft er Möglichkeiten der Einflussnahme und telefoniert mit dem Chef der Schweizer Garde. Dann spricht er kurz mit einem loyalen Priester, der in Buenos Aires ein Internat leitet. Kurz vor Spielbeginn schickt Jorge mit unterdrückter Rufnummer eine SMS an den Unparteiischen: „Les hemos buscado a tus hijos de la escuela. ¡Mejor que te guardes! Un amigo alemán.“ [16]

„Irgendwie hab ich gar kein gutes Gefühl dabei“, sagt er von Skrupeln geplagt zu Carmen. „Wird schon gut gehen“, klopft ihm unsere FIFA-Strategin leichten Mutes auf die Schulter. Zur Eröffnung des Spiels darf sie die Habanera-Arie singen, die sie damals in Paris so berühmt gemacht hat: „Prends gaaaaaaaarde à toi!“ schmettert sie in hellstem Sopran. Tosender Applaus der begeisterungsfähigen Brasilianer im Stadion. Carmen liebt dieses Land.

Anpfiff. Nach dreizehn Minuten steht es 1:0 für Schland. Jogi drückt den Heiligen Vater. Bei jedem Versuch der Franzosen, zum Sturm auf den deutschen Strafraum zu blasen, steht Carmen de Ronda-Sarkozy mit ihrem Kärcher hinter der Mittellinie. „Zurück mit Euch in die Banlieue!“ droht sie mit dem harten Wasserstrahl.

Halbzeit. Carmen schenkt in der deutschen Kabine einen Zaubertrank aus. Das Rezept bleibt ihr Geheimnis. „Alles natürliche Zutaten von meiner Hühnerfarm in Uruguay!“ preist sie das dickflüssige Wundermittel an.

Dann massiert Sie Manuel Neuer behutsam die Schulter. „Bist mir wieder gut?“ fragt sie im Ton einer schüchternen Fünfzehnjährigen. „Schaun wir mal“, brummt der sanfte Riese und lässt sich zumindest die Massage willig gefallen.

Die zweite Halbzeit beginnt. „Was hascht Du dene denn danoi gemixt?“ fragt Jogi nervös weil die Leistung seiner Schützlinge gerade deutlich in den Keller gegangen ist. „Hör auf mich, glaube mir, Augen zu, vertraue mir!“, säuselt Carmen de Ronda-Kaa dem Bundestrainier ins Ohr, der in höchster Anspannung gerade mit den Fingern in seinem Mund herumfuhrwerkt. „Nimm lieber Zahnseide!“ hält ihm unsere Dentalhygienikerin eine kleine weiße Packung hin.

Noch einmal versucht sie, die deutsche Elf durch Mentalcoaching wieder in Gang zu bringen. „Ach, mein süßer Frosch“, säuselt Carmen hinter dem deutschen Tor, weil sie das grüne Trikot des Torwarts wirklich sehr gelungen findet. „Keine Sorge“, sagt sie zu ihrem Liebling, während sie mit Putzeimer und Lappen hinter dem Tor winkt: „Ich halte Deine Kiste sauber!“

Doch alle psychotherapeutischen Maßnahmen nützen nichts. Die deutsche Mannschaft kommt nicht aus ihrem Formtief und die Angriffe der Franzosen werden immer bedrohlicher. Khediras farbloser Nagellack blättert schon in der feuchten Hitze der brasilianischen Metropole. „Der muss unbedingt mehr essen“, sorgt sich Carmen um die Ernährung des dünnen Müller. Dann setzt sie zu einer komplementären Strategie an und versucht, die Franzosen zu demoralisieren: „Blaise mir einen!“ ruft sie an Matuidi gewandt. Doch der versteht nicht und hat auch keine Augen für Carmens lasziv präsentiertes Euter.

Als wieder ein deutscher Spieler gefoult am Boden liegt, schleppt sich Mannschaftsarzt Müller-Wohlfahrt mit seinem Rollator zu dem Verletzten. „Nächsten Monat wird er seinen Geburtstag feiern“; weiß Carmen über den Kollegen zu berichten. „Einige Teile von ihm werden 72 Jahre alt.“

„Bin mal kurz weg“, sagt Carmen, die sich wegen der drohenden Übermacht der französischen Nationalelf ernsthaft Sorgen zu machen beginnt. Dann steht sie auf und verschwindet in den Katakomben unter dem Stadion.

Im Dunkel der verwinkelten Gänge findet sie die Tunnelbohrmaschine, die sie nach Abschluss des Kölner U-Bahn-Baus günstig gebraucht erworben und in weiser Voraussicht nach Brasilien geschafft hatte. Rasch bohrt sie damit einige Tunnel unter der deutschen Hälfte. An den Tunneldächern bringt sie starke Elektromagneten an, die sie jeweils einschaltet, wenn ein französischer Spieler darüber läuft. „In Verbindung mit den Eisen, die ich ihnen vor dem Spiel in ihre Schuhsohlen gepflanzt hatte, werden sie dann doch signifikant ausgebremst“, erklärt Carmen das technisch anspruchsvolle Sabotagemanöver.

Dann begibt sie sich wieder nach oben, wo sie diverse Abseitsfallen aufstellt, die sie mit Froschschenkeln und Gänsestopfleber bestückt. „Damit kriegen wir sie!“ sagt sie voller Ãœberzeugung zum angespannten Jogi. Nach Carmens Schultermassage hält Neuer souverän. Khedira geht etwas ruppig ran und sieht eine gelbe Karte. „Da steht er ja drauf“, entfährt es Carmen indiskreterweise.

Die Maßnahmen in ihrer Gesamtheit verhelfen dem deutschen Team zu einem knappen Sieg. Der Jubel ist enorm. Jorge ruft sogleich in Buenos Aires an und veranlasst die Freilassung der Kinder des Schiedsrichters. Carmen plant schon ihren triumphalen Einmarsch in Paris – als Wiedergutmachung für die unfreundliche Reaktion des Pariser Opernpublikums bei der Uraufführung ihrer Titelrolle damals.

Zuerst muss sie nun aber los nach Fortaleza. Denn gerade hat Dilma eine SMS geschickt und angefragt, ob die beiden Special Agents das Spiel Brasilien gegen Kolumbien mit ihr gemeinsam in der VIP-Loge gucken wollen.

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Product Placement: Dilma, Carmen und Jorge in der VIP-Loge

 

Sie eilen zum Flughafen und steigen in die Drohne, die sie diesmal in einem besonders gesicherten Hangar abgestellt hatten. Auf dem Flug informiert sich Jorge vor dem erneuten Zusammentreffen mit der Präsidentin über die politischen Hintergründe.

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Jorge beliest sich über die Hintergründe

 

Im Spiel Brasilien gegen Kolumbien läuft zunächst alles wie geschmiert und Carmen entspannt sich in der VIP-Loge zwischen Jorge und der brasilianischen Staatspräsidentin.

Doch als in der 86. Minute der kolumbianische Verteidiger Juan Zúñiga dem angreifenden Neymar das Knie in den Rücken stößt und der mit einem Abbruch des Dornfortsatzes am dritten Lendenwirbel zu Boden geht, ahnt Carmen schon, dass es heute nichts wird mit einem fröhlichen Abend. Auf Bitten der Staatspräsidentin kümmert sich unsere Rettungsfliegerin um den verletzten Superstar. Hurtig rüstet sie ihre Drohne zum Ambulanzflugzeug um. Während sie Neymar schonend auf einer Trage lagert, sperrt sie den gefesselten Zúñiga in eine winzige Zelle, die sie ebenfalls an Bord installiert hat. „Wir fliegen nach La Habana, Kuba, und bringen Neymar dort in eine Spezialklinik für Wirbelsäulenverletzte“, teilt Carmen vor dem Abflug in Rio der Presse mit. „Wir werden alles dafür tun, damit er wieder schnell auf die Beine kommt“, fügt sie noch hinzu. „Das ist wohl das Mindeste. Schließlich er hat die Frisurenmode einer ganzen Generation geprägt.“

Als die Drohne in La Habana landet, wird Neymar von einer Spezialeinheit kubanischer Wirbelsäulenchirurgen in Empfang genommen und in die Klinik gebracht. Ãœber ihr Q-Pad bestellt Carmen bei Florarop Latinoamérica einen Blumenstrauß, den sie ihm zusammen mit ihren Genesungswünschen ins Krankenhaus liefern lässt.

„So, das war der einfachere Teil. Unsere wichtigste Aufgabe steht aber noch bevor“, sagt sie unter vier Augen zu Jorge, der unterwegs Rosenkränze am Fließband für die Genesung des brasilianischen Superstars gebetet hat. „Was denn jetzt noch?“ fragt der vom vielen Beten ermüdete Vorstandsvorsitzende des Heiligen Stuhls. Carmen telefoniert derweil schon mit einem amerikanischen FIFA-Funktionär. Nachdem sie aufgelegt hat, grinst sie ihren Kumpel und Kopiloten an. „Ich habe gerade mit den Amerikanern gesprochen. Sie vermieten uns einen Befragungsraum in Guantánamo.“

Dann rollt die Drohne wieder zur Startbahn und nimmt Kurs auf den Südosten der Insel.

Unterwegs klingelt das Q-Phone. Ein befreundeter Journalist vom Kölner Stadtanzeiger bittet Carmen um ein Exklusiv-Interview. „Nach, dann schieß mal los. Was willst Du denn wissen?“ fragt unsere gut gelaunte Geheimagentin. „Hast Du schon Informationen über die Hintergründe des Fouls?“ fragt der Sportredakteur. Carmen teilt ihm mit, es gebe Spekulationen über ein mögliches Auftragsfoul. Es könne sich um eine groß angelegte Verschwörung handeln. Dafür spreche auch, dass der spanische Schiedsrichter das Foul nicht geahndet habe. „Man hat ihn offensichtlich für’s Wegsehen bezahlt. Unsere Recherchen sind aber noch im Gang“, bittet Carmen mit Rücksicht auf die laufenden Ermittlungen von weiteren Fragen Abstand zu nehmen.

In Guantánamo bringt sie Zúñiga persönlich in den angemieteten Befragungsraum. „Hm, nicht so schick wie in meinem Kölner Zentrum für EIT[17], aber soweit scheint die erforderliche Ausrüstung vorhanden zu sein“, stellt Carmen fest, nachdem sie sich mit den Räumlichkeiten vertraut gemacht hat.

Danach übernimmt sie persönlich die peinliche Befragung des verantwortlichen Kolumbianers. „Bald wissen wir mehr“, zeigt sich die Nachrichtendienstlerin zuversichtlich.

Bereits nach der vierten Runde auf dem Waterboard legt der kolumbianische Nationalspieler ein umfangreiches Geständnis ab.

„Stell Dir vor“, berichtet Carmen nach Abschluss der Untersuchung ihrem erzkatholischen Freund Jorge bei einem Feierabendbier, „die Vereinigung lateinamerikanischer Drogenbosse hat FIFA-Boss Blatter gekauft und das Foul bei ihm bestellt. Sie wollten damit ein publikumswirksames Exempel statuieren. Und weißt Du auch warum?“ – „Keine Ahnung“, antwortet der schockierte Kirchenmann, der nicht damit gerechnet hatte, dass auch Europa in diesem Ausmaß in Korruptionsaffären verwickelt sein könnte.

„Es handelt sich wohl um einen Vergeltungsakt für unsere Aktion letztes Jahr beim Weltjugendtag in Rio!“ lässt Carmen die Bombe platzen.

 

08. Juli 2014   Schwarzmarkt

Carmen hat einen kleinen Zwischenstopp in Köln eingelegt. Es regnet in Strömen. In ihrem nagelneuen Neoprenanzug absolviert sie auf den Kölner Ringen das Schwimmtraining für den bevorstehenden Kuhathlon. „Babylon versinkt“, lautet ihre nüchterne Feststellung nach dem ausschweifenden CSD vom Wochenende. Auf der verlassenen Bühne am Gürzenich tanzt sie am Morgen allein im Regen zu „They dance alone“ von Sting. „I’m a poor lonesome cow, boy!“ sagt sie zu Lucky Luke, der gerade auf dem durchnässten Jolly Jumper vorbeireitet.

Dann fährt sie ins Gartencenter, weil sie ihren Balkon neu bepflanzen möchte. „Ich bin viel unterwegs. Also am besten etwas Pflegeleichtes!“ bittet sie den Mitarbeiter der Gärtnerei. Mit einem taxierenden Blick empfiehlt der ihr Sukuhlenten.

Später fliegt sie wieder zurück nach Brasilien. Dort wird sie von der örtlichen Polizei um Mithilfe bei der Fahndung nach einem Verbrecherring gebeten, der Eintrittskarten für die Fußballspiele zu astronomischen Preisen auf dem Schwarzmarkt verkauft. „Ein Ticket für das Finale wurde unserem V-Mann für umgerechnet 11.500 Euro angeboten“, erklärt ihr der Leiter der Sonderkommission. Carmen macht sich sofort auf die Suche nach den Verantwortlichen und kann auch bald einen Fahndungserfolg erzielen. Auf einer brasilianischen Fazenda[18] verhaftet sie einen Arbeiter, der gerade den Zaun ausbessert. „Ich habe ihn in flagranti ertappt“, teilt Carmen mit. „Es ist eindeutig: Er ist der Drahtzieher!“

Dann widmet sich Carmen dem Schwarzmarkt für verschwitzte T-Shirts und gebrauchte Socken. „Das gehört eindeutig in die Fetischabteilung“, wendet sich unsere reinliche Superheldin Nase rümpfend ab. Dann wäscht sie die benutzten Kleidungsstücke, wodurch diese ihren Schwarzmarktwert weitgehend einbüßen.

In Salvador de Bahia engagiert Carmen günstig zwei blutjunge Einheimische, die sie auf ihr Zimmer lockt. „Der Schwarzmarkt hat auch seine Vorteile“, grinst unsere sexsüchtige Doppelagentin.

Anschließend schlachtet sie wieder ein Huhn von ihrer Farm in Uruguay und spritzt das Blut als Orakel auf den Boden. Als sie die Zeichen gelesen hat, ist sie sich über den Ausgang des heutigen Spiels gewiss. Sie greift zum Q-Phone und ruft Dilma an. „Oh oh oh!“ unkt Carmen nur. Dilma versteht sofort und legt auf. Sekunden später ruft die Präsidentin ihren Buchmacher an. „Auf die Zwölf! alles auf die Zwölf!“ befiehlt die ehemalige Guerillera erregt und legt wieder auf.

Breaking News: Carmen erhält Ruf auf George-W.-Bush-Stiftungsprofessur für Enhancend Interrogation Techniques am MIT! Auf den Vorwurf von amnesty international, sie habe ja keine Ahnung, was sie durch ihre Befragungsmethoden in den Menschen anrichte, antwortet Carmen spontan: „Ich war mal bei einem Helene-Fischer-Konzert. Seitdem weiß ich sehr wohl, was Folter bedeutet!

Raptusartig zieht Dilma die Häkelnadel aus dem noch unfertigen Topflappen und sticht wütend auf eine Voodoo-Puppe im Deutschlandtrikot ein. „Mitten auf die Zwölf!“ schreit sie außer sich.

 

10. Juli 2014

Am Morgen betrachtet Carmen den Kölner Dom über eine Webcam. „Es hat aufgehört zu regnen. Aber ich sehe ein Woelki am Horizont!“ stellt sie vorausblickend fest.

Messi könne am Sonntag vielleicht nicht spielen, teilt der Vatikan mit. Er habe sich den Perróneus[19] gezerrt.

In einer sechsstündigen, frei gehaltenen Rede an das brasilianische Volk wirbt Carmen-Evita de Ronda-Perrón um die Unterstützung der Gastgeber für die argentinische Mannschaft im Finale.

In einer 10-sekündigen Videobotschaft antwortet Staatspräsidentin Dilma auf Carmens Ansprache: „Nem que a vaca tussa!“[20]

Carmen räuspert sich warnend.

 

11. Juli 2014   Ich glaub, mich tritt ein Pferd

Da heute in Brasilien noch frei ist, sind Jorge und Carmen zum CHIO nach Aachen geflogen, wo sie in der Disziplin „Voltigieren“ antreten. „Ich hab Dir doch gesagt, Du sollst mir mehr Schnur geben“, zickt Carmen, die nicht nur eine Pferdemaske aus Gummi trägt, sondern auch ein enges Latexkostüm. „Hatte ich noch vom CSD im Schrank“, flüstert unsere SM-Kuh im Vertrauen.

„Das ist aber ein ungewöhnlich dickes Pferd!“ sagt ein CHIO-Funktionär zu Gaucho Jorge, der Carmen an der Leine im Kreis herum führt.

Als sie in der nächsten Runde an den beiden vorbeikommt, spielt Carmen „scheuende Stute“ und trifft den Funktionär mit einem gezielten Hinterhuftritt in der Körpermitte.

„Das sind aber ungewöhnlich dicke Hoden“, kommentiert sie sachlich, als der jammernde Pferdewirt vom Notarzt abtransportiert wird.

„Bist du vielleicht bei manchen Themen ein wenig überempfindlich?“ fragt Jorge sein bestes Pferd im Stall nach der Disqualifikation. „Wehret den Anfängen!“ schnaubt Carmen und befreit sich wiehernd aus ihrem Latexanzug.

Mit dem Hinweis „Ich weiß, was Ihr damals mit Euren Genossen in der Kaserne unter der Dusche gemacht habt“ nötigt Carmen die russische Regierung, den Kubanern einen vollständigen Schuldenerlass zu gewähren. „Mein Schweigen war ihnen 23 Milliarden wert“, staunt unsere tüchtige Nachrichtendienstlerin. „Wir stehen wieder einmal tief in Deiner Schuld“, sagt Raúl bei der Verabschiedung dankbar. „Sag mir, wenn ich einmal etwas für Dich tun kann.“ Carmen nickt und lässt sich drei blutjunge Kubaner in ihre Suite bringen.

In einem Berliner Puff ertappt Zollfahnderin Carmen bei einer Razzia einen Staatssekretär mit einer minderjährigen polnischen Zwangsprostituierten. „Er hatte sie mit seiner MasterCard bezahlt“, berichtet Ermittlerin Carmen den Medienvertretern. „Es handelt sich also um einen klaren Fall von Kreditkarten-Missbrauch!“

Dann nimmt unsere Berufspendlerin die kleine Polin mit nach Rio. „FIFA-Funktionäre müssen nicht so aufs Geld schauen wie deutsche Beamte“, erklärt sie der jungen Frau ihre beruflichen Chancen in Südamerika. „Und Brasilien ist ein Land der Zukunft“, schließt sie ihre Erläuterungen. Im Hinterkopf plant sie jedoch schon ein Resozialisierungsprogramm. „Vielleicht kann ich sie auf meiner Hühnerfarm in Uruguay einsetzen“, überlegt unsere Bewährungshelferin.

Der russische Geheimdienst veröffentlicht einen Bericht, wonach es sich bei der „Hühnerfarm“ um ein getarntes Großbordell für wohlhabende Zoophile aus aller Welt handeln soll. „So etwas würde ich niemals tun!“ beteuert Carmen mit treuherzigem Augenaufschlag ihre Unschuld. Bei dem Bericht handle es sich um eine gezielte Verleumdungskampagne. Dahinter stecke der russische Präsident, der ihr wohl die Aktion auf Kuba verüble. „Er ist so nachtragend“, schüttelt Carmen den Kopf.

Bei einer behördlichen Inspektion wird Carmens Hühnerfarm in Uruguay als Vorzeigebetrieb gelobt. „Vor allem die zahlreichen und ausnahmslos adrett gekleideten polnischen Hühnerpflegerinnen sind positiv aufgefallen“, lobt der Inspektor und steckt den dicken Briefumschlag weg, den Carmen ihm überreicht hatte.

 

13. Juli 2014   Até que o sangue pare de jorrar…[21]

„Espanschland!“ schreit Carmen immer wieder und wälzt sich unruhig hin und her, bis Jorge sie aus ihrem Fiebertraum weckt. Schlaftrunken versucht sich unsere kränkliche Heldin zu orientieren und realisiert voller Trauer, dass Spanien gar nicht im Endspiel steht.

Nach dem Aufstehen wird ein leichtes Aufwärmtraining absolviert. Die Spieler machen Gymnastik und einen kleinen lockeren Lauf. Jorge übt 10 Minuten Seilspringen mit dem Rosenkranz. Carmen leert ein Pittermännchen[22] auf ex.

Carmen und Jorge drehen eine Runde
Carmen und Jorge drehen eine Runde

 

„Höchste Zeit fürs Orakel“, ruft Candomblé-Priesterin Carmen aufgeregt und greift sich ein in Todesangst wild flatterndes Huhn.

„Muss das wirklich sein?“ fragt Jorge voller Mitgefühl für das Geflügel.

„Na gut, dann wandeln wir die Liturgie heute mal etwas ab“, entscheidet Carmen großmütig.

Sie öffnet ihren Arztkoffer. „Serviço de Médico“ steht darauf, darunter deutlich sichtbar „Johnson & Johnson“. Die amerikanische Firma mit dem Saubermann-Image hat für diese Kampagne ein Vermögen bezahlt. Carmen entnimmt dem Koffer Stauschlauch, Alkoholtupfer, Einmalspritze und Kanüle. Dann zapft sie dem Huhn fachmännisch eine Blutprobe ab, die sie sogleich an die Wand des Hotelzimmers spritzt. Daraufhin versetzt sie sich mit dem nächsten Pittermännchen in Trance und liest die Zeichen. „Na, da wird sich aber jemand freuen!“ prognostiziert sie mit unumstößlicher Sicherheit das Ergebnis des Finales.

Derweil kollabiert das Huhn und erleidet einen hämorrhagischen Schock. „Es kann wohl kein Blut sehen. Oder meinst Du, ein halber Liter war vielleicht doch etwas zuviel?“ fragt unsere Spezialistin für peinliche Befragungen verunsichert den Heiligen Vater, der bereits mit seinem Vatifone die Notrufnummer gewählt hat.

„Mengele war ein Waisenknabe gegen dich!“ stößt Jorge verärgert hervor, während er dem ausgebluteten Huhn die letzte Ölung spendet. „Nun wollen wir mal nicht unsachlich werden. Du weißt, Vergleiche mit der Nazi-Zeit haben schon andere ihr Amt gekostet“, zickt Carmen, während sie einen Manolo-Karton aus dem Schuhschrank holt, ihn mit Goldbronze besprüht und mit einem Kreuz bemalt. „Schließlich sorge ich gerade für ein würdiges Begräbnis. Obwohl man eigentlich noch ein leckeres Süppchen daraus machen könnte…“

„Ficken?“ lautet der schlichte Text einer SMS, die Carmen sieben Stunden vor Spielbeginn von Oliver Kahn erhält. „Bei Dir oder bei mir?“ fragt Carmen kurz entschlossen zurück.

Etwas hektisch verlässt Dreilochstute Carmen anderthalb Stunden vor Spielbeginn Kahns Hotelzimmer und eilt hinüber ins Maracanã. „Sorry, war am Strand und habe völlig das Zeitgefühl verloren“, versucht sie sich mit einer Notlüge bei Jogi für die Verspätung zu entschuldigen. „Sagemal, warum läufschdn du so komisch?“ fragt der Trainer misstrauisch.

Psychoterror: Lionel Messi fragt Carmen vor dem Spiel im Vorübergehen, ob sie nicht gern auf seiner Rinderfarm in Argentinien weiden wolle. Carmen macht ihm daraufhin ein Angebot, das er nicht ablehnen kann.

Eine Stunde vor Anpfiff nimmt Jorge seinen Platz auf der Kniebank in der Coaching-Zone ein. Er holt das Vatifone aus der Tasche und stellt die Standleitung zu seinem Chef her. Carmen bringt ihm die frisch gebügelte himmelblauweiße Stola. „Die musst Du umlegen, sonst bricht die Verbindung ab“, warnt unsere Spezialistin für sakramentale Telekommunikation.

Carmen putzt gerade das deutsche Tor, als die Stimme des Stadionsprechers ertönt: „Der kleine Manuel möchte aus dem Swingerparadies abgeholt werden!“ Da fällt es Carmen wie Schuppen von den Augen. „Das ist auch die einzig plausible Erklärung, warum er nicht auf mich anspringt“, murmelt unsere bisexuelle Doppelagentin erleichtert.

„Ja, sagemal, jetzt läufd der ja auch so komisch“, wundert sich Jogi, als Philipp mit hochrotem Kopf seinen Mannschaftskameraden Manuel zurück in die Kabine bringt.

Carmen fragt sich, was die armen „Einlaufkinder“ sonst noch alles machen müssen.

Anpfiff.

Schon in den ersten Minuten klaut Carmen dem Schiedsrichter das Elfmeterspray, schäumt damit dem argentinischen Torwart das Gesicht ein und zückt ihr Rasiermesser. „Runter mit dem Salafistenbart!“ ordnet unsere Mannschaftsfriseuse an.

Anschließend flitzt sie in den Baumarkt und kauft noch mehr Abseitsfallen, die sie angeekelt mit argentinischem Rinderfilet bestückt.

Dann schleicht sie sich auf die VIP-Tribüne, drängelt sich an Gauck, Merkel und Dilma vorbei. Vor Blutin bleibt sie stehen und wackelt provozierend mit dem Euter. „Ich weiß, was deine Frau letzte Nacht gemacht hat!“ flüstert sie dem Präsidenten mit rauchiger Stimme ins Ohr, woraufhin der sofort einen juckenden Ausschlag entwickelt.

Halbzeit. Noch immer Null : Null.

Jorge unterbricht kurz seine Gebete und setzt eine Flasche Messiwein an. „Auf ex!“ sagt er und blickt um Verständnis heischend zum Himmel.

In der Kabine der deutschen Elf schiebt Carmen derweil die Kanzlerin zur Seite und reibt Manuels Schulter mit geeistem Hühnerblut ein. „Magst auch nen Schluck?“ fragt sie die Kanzlerin.

Bevor es wieder losgeht, verteilt sie noch einen Satz frische Trikots. „Sollt ja ordentlich Aussehen bei der Siegesfeier“, findet unsere mütterliche Waschfrau.

Es geht weiter. „Alles rausholen was möglich ist!“ brüllt Carmen und entblößt erneut ihr Euter.

Nach der ganzen Flasche Messiwein hat der Heilige Vater in der Aufregung sein Trikot verloren und rennt etwas verwirrt über den Rasen. Ob die Ordner wissen, wen sie da gerade in einem Großaufgebot abgeführt haben? „Es ist alles ein Missverständnis! So lassen sie mich doch erklären!!!“ verhallen seine Rufe ungehört.

Carmen verschmiert ein wenig Olivenöl vor dem deutschen Tor. Messi rutscht. Der Ball geht ins Aus. „Kalt gepresst!“ stellt Carmen zufrieden fest.

„Da wir schon gerade bei unfairen Maßnahmen sind“, fragt Carmen den Jogi, „können wir nicht Krimkrieger Blutin einwechseln?“ – „Der isch doch läbenslang gschberrt“, raunt der Bundestrainer. „Außerdäm passt der net in unsere Rassismus-Kampagne.“

Dann wird Mario Götze eingewechselt. „Zum Glück hab ich ihm vor dem Spiel noch die Augenbrauen frisch gezupft“, lehnt sich Carmen beruhigt zurück.

Ende der regulären Spielzeit. Noch immer steht es Null : Null für die deutsche Mannschaft.

Vier Physiotherapeuten kümmern sich um die geschundenen Gelenke. Mannschaftsfriseuse Carmen richtet die Frisuren der Spieler.

Das Spiel wird immer härter. „Jetzt fließt auch noch Schweiniblut“, schlägt Carmen die Hufe vor’s Gesicht , als der deutsche Gladiator erneut verletzt zu Boden geht.

Und dann der sensationelle Treffer von Mario Götze.

Messi verschießt einen Freistoß in den Himmel von Rio. Carmen grinst.

Linienrichter Jesús zeigt oben auf dem Corcovado Vorteil für die deutsche Mannschaft an.

Wenig später der Abpfiff.

Deutschland ist Weltmeister. Die Freude ist unbeschreiblich.

„Hat das Orakel also wieder einmal Recht behalten“, stellt Carmen weise nickend fest.

Nun regelt unsere Fußball-Funktionärin das Geschäftliche. Zuerst heftet sie Götze das Bundesverdienstkreuz durch die Brustwarze. Dann überreicht sie Messi einen dicken Briefumschlag. „Gruß von Angie und danke für den Freistoß“, flüstert sie ihm ins Ohr.

Anschließend pflegt sie ihre sozialen Beziehungen. „Argentinien ist ein Land der Zukunft!“ tröstet Carmen ihren traurigen Kumpel Jorge.

„Das stimmt. Wir sind Papst. Aber Ihr seid Weltmeister!“ antwortet der faire Verlierer.

Autokorso
Autokorso

 

14. Juli 2014   No sinal, o espectáculo já terminou[23]

„Sie haben‘s geschafft – dank Schoko Mac!“ freut sich der Schwartau-Produktmanager und überreicht seiner Agentin noch in der Nacht einen sehr dicken Briefumschlag.

Am Morgen erscheint Carmen auf der Fanmeile in München: „Und ich danke meinem Freund Jorge, meiner Freundin Dilma, meinem Ex-Mann Guillermo Ochoa, meinen Hühnern in Uruguay, meinem Bundesjogi, der Firma Schwartau und meinen Fans in Deutschland, der Hasenbande und allen, die mit mir gefiebert haben! Ohne Euch alle würde ich jetzt nicht hier stehen!“ bringt sie die letzten Sätze nur noch unter Schluchzen hervor.

„Wenn’s fertig san, machens bitte das Licht aus?“ sagt der Hausmeister, der das leere Gelände gern abschließen möchte.

 

15. Juli 2014   Happy End

Am Vormittag landet die Nationalmannschaft auf dem Flughafen Berlin-Tegel und fährt auf offenen Wagen zum Brandenburger Tor. Nicht einmal der erste Besuch von Papst Benedikt XVI. nach seiner Wahl hatte in der gottlosen Hauptstadt so viele Zuschauer angezogen.

Bei der Liveübertragung im ZDF ist Carmens Drohne zu sehen, die mit wackelnden Flügeln über die Fanmeile fliegt. Die Pilotin winkt der jubelnden Menge zu.

Die Nationalspieler halten ein Transparent in die Kameras: „Obrigado Carmen!“

Carmen strahlt und dreht langsam Richtung Süden ab.

„Jetzt geht’s erst mal in Flitterwochen“, freut sie sich und legt den linken Huf um die Schulter ihres Kopiloten.

„Vale, guapa, yo también me alegro“[24], antwortet Guillermo mit einem glücklichen Lächeln.

 

THE END


[1] Auf das Zeichen wird die Show beginnen
[2] Schau, das Vögelchen!!!! Danke…
[3] Gib mir den Kopfhörer!
[4] Entschuldige, ich habe Dich nicht verstanden. Könntest du es bitte noch einmal sagen?
[5] Die Kopfhörer! Gib her!
[6] Ah, gefallen sie Dir? Ist dasselbe Modell, das auch Manuel Neuer benutzt. Kennst Du den Manuel?
[7] Gib her!
[8] Wie heißt das Zauberwort?
[9] Willkommen in Brasilien
[10] Ksch ksch, hallo, weiße Party! Möchtest Du?
[11] Ahhh, nein nein, jetzt nicht, danke.
[12] Als Torbogenreflex bezeichnet man bei männlichen Rindern das Verhalten, auf Gegenstände aufzuspringen, die in etwa eine Silhouette wie ein Torbogen haben.
[13] Wow!
[14] Danke dafür an meine Schwägerin
[15] Wenn ich Papst wäre, würde ich für die argentinische Nationalmannschaft beten
[16] Wir haben Deine Kinder von der Schule abgeholt. Sieh Dich vor! Ein deutscher Freund.
[17] Enhanced Interrogation Techniques
[18] Landgut, Farm
[19] Musculus peroneus: Wadenmuskel
[20] Sinngemäß „Nie im Leben!“. Wörtlich „Nicht einmal wenn die Kuh hustet!“
[21] Bis das Blut aufhört zu spritzen
[22] Kleines Fässchen mit 10 Litern Kölsch
[23] Beim Zeichen ist die Vorstellung schon zu Ende (Liedzeile von Maria Gadú)
[24] Ok, Süße, ich freue mich auch!

Carmen in Lissabon (Mai 2014)

Para viajar, basta existir.

(Fernando Pessoa)

 

01. Mai 2014   Carmen reist nach Lissabon

Anlässlich des 40. Jahrestages der Nelkenrevolution reist Carmen heute in die Portugiesische Hauptstadt. Nach der Ankunft tauscht sie die Kamelie im Haar gegen ein Sträußchen roter Nelken und lässt sich erst einmal ein wenig durch die Stadt treiben, wobei sie die Atmosphäre der portugiesischen Metropole in sich aufsaugt.

Die scheuen Einheimischen reagieren zunächst eher zurückhaltend auf unsere freundliche Touristin.

 

02. Mai 2014   Geschäfte

Carmen kommt zum eigentlichen Zweck ihres Besuchs. Zunächst besucht unsere Waffenhändlerin die Kirche des Mosteiro dos Jéronimos und betet am Grab Vasco da Gamas für gute Geschäfte.

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Carmen im Mosteiro dos Jéronimos

 

Anschließend trifft sich unsere unermüdliche Erobererin mit einigen finsteren Gestalten am Torre de Belém, wo sie die aktuelle Kollektion des Portugiesischen Militärs in Augenschein nimmt. Da sie nicht so gern die Katze im Sack kauft, feuert sie, noch bevor ihre Geschäftspartner einschreiten können, einen Probeschuss auf die Raffinerie am anderen Ufer des Tejo.

„Sieht alt aus, funktioniert aber tadellos – trotz Krise“, ist ihr fachmännisches Urteil im Angesicht des Infernos.

Nachdem die Geschäfte mit einem Handschlag besiegelt sind, reitet Carmen auf einer Kanonenkugel über die Ponte de 25 Abril und landet sicher auf der Christusstatue. Abends werden die Geschäfte gefeiert.

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Carmen besichtigt die aktuelle Kollektion des Portugiesischen Militärs

 

03. Mai 2014   Vergnügen

Am nächsten Morgen fährt Carmen mit dem Cabrio zum Tontaubenschießen auf das Castelo de São Jorge. Da sie am Vorabend etwas zu viel Portwein getrunken hat, verwechselt schon mal die Ziele. Ihr Kuhmentar: „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer!“

Als sie auf dem Rückweg mit ihrem Auto beim Passieren einer Einbahnstraße in der falschen Fahrtrichtung angehalten wird, drückt sie dem Polizisten 10 € in die Hand und steckt ihm eine rote Nelke ins Nasenloch.

„Ich wünsche ihrer jungen Demokratie alles Gute!“ ruft sie gönnerhaft und gibt Vollgas.

 

Carmen Lisboa 1

Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Samstagszeitung

„Das ist wie ein chirurgischer Eingriff“

Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Samstagszeitung (FAS)

 

Wir treffen Carmen de Ronda, selbständige Geheimagentin und Gründerin von „Los Asesinos Cariñosos de Carmen“ (etwa: Carmen’s Gentle Killers), im „Glashaus“ des Kölner Hyatt Regency Hotels. Sie hatte diesen Treffpunkt vorgeschlagen. Die Aussicht ist spektakulär. Im Hintergrund läuft dezent Paco de Lucia. Ein Zufall? Auf die Minute pünktlich zur vereinbarten Zeit erscheint Carmen de Ronda mit dynamischem und dennoch elegantem Schritt in einem spektakulären rot-weißen Flamencokleid und einer Gardenie im Haar.

FAS: Eine Geheimagentin haben wir uns immer anders vorgestellt.

CdR: So? Wie denn?

FAS: Eher wie in einem James-Bond-Film.

CdR: Ich schätze den Kollegen Bond. Wir haben bei verschiedenen Gelegenheiten zusammengearbeitet. Niemand kennt Russland besser als er. Aber ich muss Ihnen wohl nicht sagen, dass in diesen Filmen auch jede Menge Klischees bedient werden. Es tut mir leid, wenn sie von meiner Erscheinung enttäuscht sind.

FAS: Überhaupt nicht. Nur überrascht. Sie wirken sehr feminin und elegant.

CdR: Womit wir doch wieder bei James Bond wären…

FAS: Haben Sie die Musik bestellt?

CdR: Ich überlasse nichts dem Zufall.

FAS: Paco de Lucia war ein Freund von Ihnen?

CdR: Ja. Einige seiner Stücke hat er für mich geschrieben. Sein Tod war ein großer Verlust. (Greift in ihre Handtasche, entnimmt ihr ein großes Taschentuch, offensichtlich von Hermès, und schneuzt sich heftig.) Verzeihen Sie bitte. Eine Mischung aus Heuschnupfen und Erkältung. Diese ewigen Klimaanlagen.

FAS: Heuschnupfen???

CdR: (Mit einem nachdenklichen Blick in ihr Taschentuch, murmelt etwas wie „bäh, diese grüne Rotze…“) Naja… das ist wohl… ein typischer Geheimagentenschnupfen – mit jeder Menge, ähm… „Top Sekret“.

FAS: Wenn Sie erkältet sind, möchten Sie etwas trinken?

CdR: Das ist eine gute Idee, sehr gern. (Winkt freundlich die Bedienung herbei). Was nehmen Sie?

FAS: Ich bleibe beim Wasser.

CdR: (zur Bedienung) Haben Sie frische Pfefferminze?

Bedienung: Frische Pfefferminze, selbstverständlich, haben wir.

CdR: Dann bitte einen Pfefferminztee für mich und noch ein Wasser für den Herrn.

FAS: Wir hatten gedacht, es würde ein Mojito?

CdR: Das ist noch so ein Vorurteil. Der Agentenjob ist hart. Dafür muss man sich fit halten. Alkoholiker halten das nicht lange durch. Außerdem braucht man zum Töten eine ruhige Hand.

FAS: Noch einmal zurück zur Musik. Der Flamenco ist ein Hobby von Ihnen?

CdR: Der Begriff „Hobby“ wird der Bedeutung des Flamenco für mein Leben nicht annähernd gerecht. Ich bin mit Flamenco aufgewachsen. Ich stehe mit Flamenco auf und gehe mit Flamenco schlafen. Ich töte zu Flamenco-Musik. Flamenco ist meine Meditation, eine spirituelle Haltung. Wenn Sie sich das vor Augen halten, wird Ihnen vermutlich klar, welche Bedeutung Paco für mein Leben hatte. (Sie wischt sich noch einmal über die Nase und packt das Taschentuch wieder weg.)

FAS: Sie sind Spanierin und leben seit einigen Jahren in Deutschland. Ihre Familie, so steht zu lesen, stammt aber ursprünglich aus Portugal.

CdR: So? Wo steht das denn?

FAS: Ähm, bei Wikipedia…

CdR: Na, dann wird wohl etwas dran sein. (Grinst amüsiert.) Ja, im Ernst: Meine Vorfahren sind 1755 nach dem Erdbeben tatsächlich von Lissabon nach Andalusien umgesiedelt. Sie waren ohnehin eine bunte gemischte Sippe mit maurischen, iberischen und sephardischen Genen. Danach haben sie sich auch noch mit den andalusischen Gitanos gemischt. In meiner Familie haben anscheinend immer alle wild durch Gegend gev…

FAS: (unterbricht nervös) Señora, por favor… Wir sind von der FAS.

CdR: Bitte entschuldigen sie. Also, was ich sagen wollte: Ich entstamme einer Familie mit einer Tradition der genetischen Vielfalt. Portugiesen, Muslime, Juden, Zigeuner. Ganz zu schweigen von dem, was aus den Kolonien rüberrutsch… äh… rüberkam.

FAS: Ihr Vater war Stierkämpfer?

CdR: Kampfstier. Das ist etwas anderes.

FAS: Verzeihung. Ich meinte auch Kampfstier.

CdR: Hören Sie, ich habe mich früh von meiner Familie gelöst und meine eigene Entwicklung genommen. Vielleicht müssen wir das Thema nicht weiter vertiefen.

FAS: Meine Frage lief darauf hinaus, ob Ihnen das Töten möglicherweise im Blut liegt?

CdR: Da würde ich dann aber weniger an meinen Vater denken. Der hat nur einmal einen Torero platt gemacht und danach ein ziemlich bequemes Leben geführt.

FAS: An wen denken Sie sonst?

CdR: Nun, in erster Linie vielleicht an Tía Maria Eliminación. Meine Tante Maria… Sie war vier Mal verheiratet. Ihre Ehemänner hatten alle irgendwelche ausgesprochen unangenehmen Gewohnheiten. Und verhielten sich wenig respektvoll gegenüber Tía Maria. Alle fielen augenscheinlich verschiedenen Unfällen zum Opfer. Der Vierte ist zum Beispiel ertrunken. Er wollte Tante Maria Eliminación ihr neues Hobby Wakeboarding verbieten. Danach hat sie begriffen, dass sie allein besser dran ist und nicht mehr geheiratet. Merkwürdigerweise hörte das in der Gegend auch mit den Unfällen daraufhin auf. Tía Maria hatte später einen Beratervertrag mit der CIA.

FAS: Sind solche resoluten und erfolgreichen Frauen typisch für Ihre Familie?

CdR: Würde ich nicht unbedingt sagen. Meine Mutter war eher das Gegenteil. Die Zeiten waren eben so, damals. Aber mutige Frauen hat es doch zu jeder Zeit gegeben, oder?

FAS: An wen denken Sie da besonders?

CdR: An die Frauen, die der Inquisition getrotzt haben, zum Beispiel.

FAS: Gibt es da ein konkretes Vorbild für Sie?

CdR: Nein. Ich bin kein Opfer. Ich nehme die Fackel selbst in die Hand.

FAS: Weil Sie gerade die Inquisition erwähnt haben: man sagt Ihnen gute Kontakte zum Vatikan nach.

CdR: Gute Kontakte? Ich bin mit dem Chef befreundet.

FAS: Gott?

CdR: (stöhnt und verdreht die Augen) Mit dem Heiligen Vater. Dem Senior Vice President, wenn Sie so wollen.

FAS: Ist das immer nur ein privater Kontakt gewesen?

CdR: Ich spreche nicht über meine Auftraggeber. Aber kennengelernt haben wir uns auf beruflicher Ebene.

FAS: Sie haben bei ihm gebeichtet und er hat Ihnen die Absolution erteilt?

CdR: Ich habe ihm aus einer Notlage geholfen und später hat er mich während einer Lebenskrise spirituell begleitet. Daraus ist eine enge persönliche Freundschaft gewachsen. Wir haben unterschiedliche Kernkompetenzen und ergänzen uns ganz gut.

FAS: Der Papst ist mit einer Auftragsmörderin befreundet?

CdR: Ich mag den Begriff „Mord“ in dem Zusammenhang nicht. Das klingt so nach Straftat. Nach niederen Motiven. Was ich tue, hat immer einen guten Grund.

FAS: Aber fühlen Sie sich nicht auch schuldig, wenn Sie einen Menschen töten? Selbst wenn er ein Bösewicht ist?

CdR: Würden Sie diese Frage ernsthaft einem Chirurgen stellen, der Tag für Tag Krebsgeschwüre aus den Bäuchen seiner Patienten entfernt, um ihr Leben zu retten?

FAS: Sie sind für Ihre eindrucksvollen Metaphern bekannt. Ich verstehe jetzt, warum. Sie erleben sich also wie eine Ärztin, die versucht, die Welt zu retten, indem sie die Bösewichter eliminiert?

CdR: So ungefähr.

FAS: Aber wer legt denn fest, wer der Bösewicht ist?

CdR: Dazu benötigen Sie natürlich klare Wertvorstellungen, aus denen Sie Ihre Handlungsregeln ableiten können. Ich gebe zu, manches davon ist durchaus persönlich gefärbt. Aber insgesamt befinde ich mich in meinen Einschätzungen meist im Einklang mit den ethischen Maßstäben unserer westlichen Kultur. Vieles bespreche ich mit meinem Freund Jorge, also dem Heiligen Vater. Er stimmt meistens mit meiner Einschätzung überein. Allerdings wäre er in der Regel weniger drastisch in seinen Mitteln. Nun ja, wir ergänzen uns auch da ganz gut. Ich mache eben manchmal die Drecksarbeit, damit andere ihre Hände in Unschuld waschen können.

FAS: Und wie sieht diese Drecksarbeit konkret aus?

CdR: Wir bekommen einen Auftrag, prüfen ihn auf Übereinstimmung mit unseren ethischen Standards und führen ihn gegebenenfalls aus. Zuverlässig.

FAS: Konkret heißt das also, sie töten für Geld?

CdR: Sie sprechen immer nur vom Töten. Obwohl das nur den kleineren Teil unserer Arbeit ausmacht, wenn auch den anspruchs- und reizvolleren. Der Alltag ist weniger spektakulär: Wir beschaffen Informationen, auch in Form peinlicher Befragungen, wir leisten „Überzeugungsarbeit“, wir beschützen gefährdete Personen und so weiter. Natürlich nehmen wir dafür Geld. Wir müssen schließlich unsere Unkosten decken und leben außerdem davon. Auch der Chirurg bekommt schließlich ein Honorar. Und zwar völlig zurecht.

FAS: Wie sind Sie eigentlich zu diesem ungewöhnlichen Beruf gekommen?

CdR: Ich wollte immer gern etwas mit Menschen machen.

FAS: Wo arbeiten Sie?

CdR: Unsere Schwerpunkte liegen in Lateinamerika und in den arabischen Ländern, einschließlich der Türkei. In letzter Zeit auch zunehmend in Russland.

FAS: Was ist mit Asien und den USA?

CdR: Die USA sind zu kompliziert. Allein bis ich da mit meiner Ausrüstung durch die Immigration bin. Außerdem sind die Verhältnisse zu undurchsichtig. Eigentlich weiß man dort nie, wem man trauen kann. Die Politiker sind genauso verlogen wie in den arabischen Ländern. Vielleicht ein wenig politisch korrekter…

FAS: Und Asien?

CdR: Da vertrage ich das Klima schlecht. Und viele Asiaten gehen mir unglaublich auf die Nerven. Aber das ist eine ganz persönlich Sache.

FAS: Wie sehen Ihre Einsätze in den arabischen Ländern aus?

CdR: Immer spannend. Es ist jedes Mal wieder von neuem eine Herausforderung. In manchen Ländern muss ich zum Beispiel mit Burka arbeiten, vor allem, um bei Einnahme meiner Stellung und späterem Rückzug nicht aufgehalten zu werden. Stellen Sie sich mal vor, sie liegen auf dem Dach eines Hauses, sie arbeiten mit Zielfernrohr, weil die Zielperson in 400 Metern Entfernung mit einer gepanzerten Limousine vorfährt, von vier bis sechs Leibwächtern beschützt wird, auf dem Arm den jüngsten Sohn trägt, während dahinter die Gattinen in ihren Chanel-Burkas… Also und dem soll ich jetzt mit sicherer Hand ein Projektil genau zwischen seine zusammengewachsenen Augenbrauen platzieren, ohne seinen Sohn zu verletzen, weil Kinder natürlich tabu sind, während mir ständig der Schleier zwischen Auge und Zielfernrohr… Aber gerade diese Dinge sind es eben, die einen Auftrag auch spannend machen. Auf die Gefahr, mich zu wiederholen: Es ist wie ein chirurgischer Eingriff von höchster Präzision.

FAS: Ich versuche gerade, mir diese Szene vorzustellen. Sie erschießen also den Vater und Ehemann vor den Augen seiner Kinder und Ehefrauen? Ist das nicht traumatisch für die Familie?

CdR: Natürlich lassen sich auch trotz professioneller Ausführung und geeigneter Wahl des Projektils Kollateralschäden nicht immer ganz vermeiden. Also, meistens sind es Blut- und Gewebespritzer auf der Kleidung der Umstehenden. Für solche Fälle arbeiten wir aber mit einer zuverlässigen Reinigung zusammen, den Jacky Kennedy Cleaners in Washington. Außerdem deckt unsere Haftpflichtversicherung solche Schäden ab.

FAS: Mit „traumatisch“ meinte ich eher seelische Traumata.

CdR: Ach so. Ja, auch darum kümmern wir uns. Wir haben eine Stiftung für die Behandlung von Angehörigen mit Posttraumatischer Belastungsstörung gegründet. Hier finden Frauen und Kinder der Zielpersonen unentgeltlich Hilfe.

FAS: Verstehe ich das richtig: sie töten die Zielperson vor den Augen der Ehefrau und wenn die dann nachher Albträume und Flashbacks hat, kommt Sie in ihre Klinik und wird dort kostenlos behandelt? Ist das nicht verlogen?

CdR: Das ist nicht anders als wenn Nestlé in ein Projekt zur Alphabetisierung afrikanischer Kinder investiert. Das Prinzip ist einfach: Sie machen etwas gezielt kaputt und investieren nachher einen Bruchteil Ihres Gewinns in den Ablasshandel. Und noch einmal mindestens das Doppelte davon in Marketing-Maßnahmen, mit denen Sie Ihre sozialen Projekte bewerben.

FAS: Sie sind zynisch.

CdR: Ich bin Realistin.

FAS: Arbeiten Sie immer mit Schusswaffen?

CdR: Nein. Eigentlich habe ich eine Abneigung gegen Distanzwaffen. Sie nehmen einem das Gefühl für die Arbeit. Am liebsten arbeite ich mit bloßen Hufen. Außerdem, wie schon gesagt, die definitive Ausschaltung der Zielpersonen macht nur einen kleinen Teil unserer Arbeit aus.

FAS: Wir haben gehört, Sie seien auch sehr erfahren im Erpressen von Geständnissen.

CdR: Ihre Formulierungen sind mitunter tendenziös und manipulativ. Ich würde mich wohler fühlen, wenn Sie sich auf unser Gespräch einlassen könnten, ohne von vornherein eine bestimmte Meinung bei Ihnen Lesern hervorrufen zu wollen.

FAS: Was war an meiner Frage manipulativ?

CdR: Wir erpressen keine Geständnisse. Das hört sich an wie bei der Inquisition, als am Ende jeder alles zugab, was die Inquisitoren hören wollten. Das hatte dann mit der Wahrheit nichts mehr zu tun. Wir bemühen uns, die Wahrheit ans Licht zu bringen.

FAS: Durch Folter?

CdR: Wieder so ein tendenziöser Begriff. Wir foltern nicht. Unsere Methoden sind lediglich EIT.

FASZ: Können Abkürzungen nicht der Verschleierung dienen? Was ist EIT?

CdR: EIT steht für „Enhanced Interrogation Techniques“. Also erweiterte Befragungstechniken.

FAS: Wie sieht das konkret aus?

CdR: Beispielsweise baden wir die Probanden in einer Art Badewanne. Sie kennen so etwas in ähnlicher Form aus der Physiotherapie. Das Ziel ist, dass sie sich besser entspannen und in diesem Zustand besser an die Informationen erinnern, die wir von ihnen benötigen.

FAS: (hält ihr ein Foto hin) Ist es das, wovon Sie sprechen?

CdR: (zwischen den Zähnen) Woher haben Sie dieses Foto?

FAS: Nun, wir haben natürlich recherchiert. Das Bild zeigt Sie in Gummistiefeln, Schürze und mit Putzhandschuhen über eine Person gebeugt, die auf ein Brett geschnallt ins Wasser getaucht wird.

CdR: Ich sage ja, wir baden die Häftlinge, damit sie sich besser entspannen können. Wie gesagt, eine Art Physiotherapie. Natürlich will ich mir dabei nicht immer nasse Füße holen. Die Klimaanlagen sind schlimm genug für meine empfindlichen Atemwege. (Holt wieder das Hermès-Tuch aus der Handtasche und schneuzt sich).

FAS: Andere nennen das „Waterboarding“.

CdR: Das sind doch nur Schlagwörter. Aber gut, nennen Sie es meinetwegen Waterboarding. Sie müssen sich das vorstellen wie Skateboarding oder Wakeboarding. Die Leute lieben den Kitzel. Tante Maria Eliminación hat das erfunden. Sie war bestimmt kein schlechter Mensch.

FAS: Aber anscheinend überleben nicht alle diesen Kitzel.

CdR: Wer sagt das?

FAS: Auf dem Foto wird hinter Ihnen gerade eine Bahre mit einem zugedeckten Körper vorbeifahren.

CdR: Zeigen Sie mal… also, das kann ich mir nicht erklären… bestimmt war ihm kalt oder er wollte auf dem Foto nicht erkannt werden… Ich sage Ihnen, das sind sichere Befragungsmethoden in den Händen von Profis. Und wir sind Profis.

Der zweite Teil des Interviews folgt in der nächsten Ausgabe.

Carmen und ver.di (März 2014)

 

E o céu de um azul celeste celestial
(Caetano Veloso)

06. März 2014   Trem das Cores[1]

„Fuck ver.di!“ ruft Streikbrecherin Carmen und rast mit einem gemieteten Doppeldeckeromnibus durch die Kölner Innenstadt.

„Steigt ein!“ ruft sie den an Bushaltestellen wartenden Menschen zu. „Ich fahr‘ euch wohin ihr wollt!“

Statt eines Fahrscheins erhält jeder Passagier von ihr ein Briefchen mit LSD. „Na, wo soll die Reise denn hingehen?“ fragt unsere Busfahrerin augenzwinkernd.

„Melaten“[2], stöhnt ein älterer Herr als Carmen ihm mit seinem Rollator beim Einsteigen behilflich ist. „Oh, wird doch hoffentlich nicht Ihre letzte Reise mit uns sein?“ fragt Carmen besorgt.

 

[1] Zug der Farben. Titel eines Liedes von Caetano Veloso, in dem er Erfahrungen auf einem LSD-Trip besingt.

[2] Was Highgate in London, Père Lachaise in Paris, Arlington in Washington, Prazeres in Lissabon, Bellu in Bukarest, Cristóbal Colón in La Habana…, das ist Melaten in Köln

Die dunkle Jahreszeit beginnt (November – Dezember 2013)

03. November 2013   Leichtsinnig

In  Dortmund wird die Innenstadt wegen eines 180 kg schweren Blindgängers aus dem Zweiten Weltkrieg evakuiert. Als sich die Feuerwehr der Bombe nähert, traut sie ihren Augen nicht: Carmen übt auf der Luftmine leichtfüßig, wenn auch etwas angestrengt, Seilspringen. Als die Polizei sie zur Rede stellt, meint sie nur kurzatmig, sie könne dringend mal wieder einen heftigen Bums gebrauchen. Später kümmert sich der Sprengmeister um sie.

 

05. November 2013   Tuuut tuuut

Carmen enthüllt neuen Korruptionsskandal. Diesmal deckt sie die tiefe Verstrickung der katholischen Kirche mit der Autoindustrie auf. Als Beweis zeigt sie ein Foto: „Berenteter Großinquisitor segnet Silikonhupen“.

 

07. November 2013   Überirdisch

Carmen ist mit der Olympischen Fackel unterwegs zur Raumstation MIR. Trotz Moon-Boots leidet sie ein wenig unter kalten Hufen, die sie sich immer wieder an der Flamme wärmt. Den Anblick der Erde von oben findet sie beeindruckend.

Zum 2. Frühstück schaut sie beim Mann im Mond vorbei. Er ist ein bleicher und kühler Typ. Dennoch findet Carmen ihn faszinierend. Auf dem weiteren Weg macht sie das Dach des Cabrios zu. Dabei geht leider die Flamme aus.

Carmen ruft über Satellitentelefon im Kontrollzentrum an, ihre Flamme sei erloschen. Sie fragt kleinlaut, ob man ihr nicht einen Helfer „mit möglichst langer Zündschnur“ schicken könne. Auf Anfrage im Entwicklungsministerium, ob sie einen unterbeschäftigten Mitarbeiter zu verleihen haben, kann ein freundlicher Beamter unter Umgehung des Dienstwegs kurzfristig aushelfen.

Carmen dockt an der Raumstation MIR an. Die Zündschnur nutzt sie als Versorgungsleitung für einen Weltraumspaziergang.

Gut gezockt: Carmen verkauft ihre kurz zuvor erworbenen Twitter-Aktien mit unanständigem Gewinn. Sie reibt sich die Hufe, zündet sich eine Zigarre an und nimmt den Rest des Tages frei.

 

08. November 2013   Recycling

Von ihren Aktiengewinnen kauft die Carmencita bei Karstadt eine Küchenmaschine und bei Lidl mehrere Kilo Pfifferlinge aus der Ukraine. In der Küche ihrer Wohnung baut sie daraus eine kleine Urananreicherungsanlage und bietet der iranischen Führung Verhandlungen an. Nach der Terminvereinbarung lädt sie den amerikanischen Außenminister zu Pasta Funghi ein.

 

09. November 2013

Carmen hat ihre Kittelschürze angezogen und putzt in ihrer Wohnung die Lüster. Dabei murmelt sie pausenlos mantraartig: „Never again!“

 

10. November 2013   Double Bind

Carmen zieht durch ein Armenviertel der russischen Hauptstadt. Mit einem Schwerthieb teilt sie ihr Flamencokleid und wärmt einen frierenden Jungen. Der wird am Nachmittag von seinen Kumpels beim Fußballtraining als Transe beschimpft.

Präsident Blutin bestätigt auf Anfrage, dass Transvestiten in Russland nicht verfolgt würden. Allerdings nur, solange sie nicht in Frauenkleidern herumliefen.

Bei der heimlichen Durchsuchung von Blutins Wohnung finden Carmen und ihre Freundin Abigail eine umfangreiche Sammlung von Lesbenpornos. Hauptdarstellerin ist Blutins Ehefrau, die unter dem wenig originellen Künstlernamen „Blutana“ auftritt.

 

11. November 2013   Die fünfte Jahreszeit beginnt

Carmen und Jorge stehen schon am Morgen bei strahlendem Sonnenschein auf dem Kölner Heumarkt und erwarten den Countdown zur neuen Karnevalssession. Besonders gut gefällt Jorge das Lied „Die Hände zum Himmel“, das er als Credo der rheinischen Jecken interpretiert. Als die Umstehenden einhellig sein mutmaßliches Papst-Kostüm als besonders authentisch und gelungen loben, hat Jorge wieder mal einen Heidenspaß und gibt eine Runde Kölsch aus.

 

13. November 2013   Artenschutz

Carmen will Feldhamster vor dem Aussterben retten. Feldhamster: „Au! Du tust mir weh!“

Carmen ermahnt den Hamster, seine individuellen Empfindlichkeiten im Interesse der Arterhaltung vorübergehend zurückzustellen.

 

16. November 2013   Empathiedefekt

Carmen wirft nach Shopping-Bummel auf Düsseldorfer Königsallee neue Nespresso-Kapsel in leeren Starbucks-Becher eines Bettlers.

 

17. November 2013 Totensonntag 

Muhstisch: Carmen steht im Morgennebel, bekleidet mit einem langen schwarzen Umhang mit Kapuze, auf einer Wiese im Bergischen Land und mäht mit einer Sense rhythmisch das Gras.

 

Carmen Mandarin
Sprachbegabt: Carmen studiert Mandarin

 

22. November 2013   Aufheiterung

09:30 Uhr: Am 50. Jahrestag der Ermordung von JFK sitzt Carmen schon morgens um halb zehn melancholisch mit einem Glas Agua de Valencia auf dem Sofa und findet November irgendwie blöd.

10:15 Uhr: Carmen verspürt das Bedürfnis, dieser schlechten Welt etwas Gutes entgegenzusetzen. Nach dreißig Jahren schenkt sie ihrer Haushälterin O’Limpia die Freiheit.

10:30 Uhr: Seufzend macht sich Carmen auf die Suche nach der Bedienungsanleitung ihrer Waschmaschine.

11:30 Uhr: Die Haushälterin klingelt an der Tür: Ob sie nicht bleiben könne. Die Freiheit mache ihr angst.

17:00 Uhr: Carmen ist kurzfristig nach Berlin geflogen. Auf dem Weg von Tegel in die Innenstadt hat sie einen Bäckerladen besucht. Zum 50. Todestag von JFK steht sie nun aufgeregt am Brandenburger Tor und ruft freudig aus: „Ich ess‘ ein Berliner!“

 

24. November 2013   Volkstrauertag

Carmen dreht mit geöffnetem Panoramaglasschiebedach im Tiefflug Platzrunden über dem reich mit Tannengrün geschmückten Kölner Weihnachtsmarkt. Aus dem voll aufgedrehten Drohnenradio schallt Alexandra.

 

29. November 2013

Carmen hat in der Nacht die Flugbahn des Kometen Ison verfolgt, bis dieser schließlich in einer Kollision mit der Sonne verglühte. Von diesem fast spirituellen Erlebnis zutiefst beeindruckt und auch ein wenig beunruhigt zerreißt Carmen am Morgen ihre Zehnerkarte für’s Solarium.

 

01. Dezember 2013   Welt-AIDS-Tag

Zum heutigen Welt-AIDS-Tag steht Carmen vor dem Kölner Dom und verteilt Informationsmaterial zum Thema „Kenne das Risiko: HIV und Kirchenlieder“. Darin vertritt sie die provozierende Auffassung „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ müsse als Praktik mit hohem Ãœbertragungsrisiko betrachtet werden, die daher zum Schutz der Gläubigen nicht länger besungen werden sollte.

Dass sie unter dem Motto „You never know – protect yourselves!“ auch Kondome an Ministranten verschenkt, wird vom Erzbischof in seiner Sonntagspredigt scharf verurteilt.

 

02. Dezember 2013   Ethisch fragwürdige Technik 

08:30 Uhr: Carmen loggt sich mit Drohnenradio bei Eurosur ein und rettet auf dem Clarenbachkanal eine völlig erschöpfte Entenfamilie aus Afrika vor dem Ertrinken!

09:00 Uhr: Die Enten werden anschließend von der Wasserschutzpolizei in ein Auffanglager am Aachener Weiher gebracht. Sie erhalten eine Tasse heißen Tees und sollen nach Feststellung ihrer Personalien wieder in die Sahara abgeschoben werden. Ein Ermittlungsverfahren wegen unerlaubten Aufenthaltes wird eingeleitet. Den Enten droht jeweils bis zu einem Monat Haft.

11:45 Uhr: Carmen tauft die Enten in einer kleinen katholischen Zeremonie auf die Namen Melchior Eins bis Drei und erwirkt Kirchenasyl in St. Aposteln bis zum 6. Januar.

Carmen y los patos
Carmen und ihre Schützlinge Melchior Eins bis Drei

 

13:00 Uhr: Carmen unterschreibt einen Vertrag mit dem Versandhändler Amazon, in dem sie die Verantwortung für die zukünftige Warenauslieferung mit der Drohne übernimmt. Die Ausführung der Lieferungen gibt sie jedoch an Subunternehmer weiter, die sie in Anlehnung an den Tarifvertrag für die Logistikbranche bezahlt.

 

6. Dezember 2013   Nelson Mandela verstorben

„Hat der Schnitter schon wieder Ernte gehalten…“ murmelt Carmen leise und schüttelt betroffen den Kopf. Dann zündet sie vor dem Foto von Michael Jackson eine Kerze an und spricht ein stilles Gebet zur Ewigen Milch.
(Carmen sagt Danke an David Safier, der in seinem wunderbaren Buch „Muh“ die Ewige Milch als Ort boviner Spiritualität eingeführt hat.)
Dabei erfährt sie als Inspiration die Worte „Carpe diem!“, weswegen sie sogleich und ohne Rücksicht auf ihre Figur einen ganzen Schokoladennikolaus verspeist. Danach fühlt sie sich einen Moment lang glücklich und anschließend stundenlang irgendwie schuldig.

 

Nikolaus
Noch ahnt der Hl. Nikolaus nicht, dass Carmen ihn zum Fressen gern hat

 

10. Dezember 2013   Johannesburg (Südafrika)

08:00 Uhr: Carmen ist am frühen Morgen mit der Drohne zur Trauerfeier für Nelson Mandela nach Johannesburg geflogen. Bei ihrer Ankunft im Stadion geht ein kühler Nieselregen nieder. Unter ihrem riesigen schwarzen Hut und dem Schleier aus halbtransparentem Gore-Tex (Standardausrüstung aller Q-Sad-Agentinnen) ist Carmen jedoch perfekt geschützt. Das Gewicht der kugelsicheren Weste bereitet ihr allerdings ein wenig Rückenschmerzen.

08:30 Uhr: Als die Obamas neben ihr Platz nehmen wollen, hält Carmen mit spitzbübischem Grinsen ein Schild hoch mit der Aufschrift: „Nur für Weiße“. Nach einer kurzen Schrecksekunde erkennen die beiden den groben Scherz unserer kleinen Hobby-Reconquistadorin und die alten Freunde fallen sich herzlich in die Arme. Carmen lobt das schlichte schwarze Kleid der Präsidentengattin und merkt an, es bilde einen durchaus reizvollen Kontrast zu ihren offenbar frisch gebleachten Zähnen. Michelle wirkt ein wenig verstimmt.

08:40 Uhr: Michelle fragt mit gespielter Besorgnis, ob Carmen denn schon das minderwertige Silikon aus ihren Euterimplantaten habe austauschen lassen.

08:45 Uhr: Es riecht ein wenig nach Zickenkrieg.

08.50 Uhr: Carmen spürt eine feucht-kalte Hand, die ihr unbeholfen, wenn auch vermutlich zärtlich gemeint, über den Nacken streicht. Gleichzeitig weht eine Wolke viel zu schweren Parfums heran. Dilma ist von hinten an Carmen herangetreten und mit ihrer rauchigen Stimme flüstert sie unserer kleinen Heldin sanft ins Ohr: „Oi, meu amor! Muito prazer em ver você!“ - „Bom dia, Dona Presidente! O prazer é todo meu!“ flüstert Carmen mit viel gespieltem Respekt und ein wenig echter Koketterie zurück.

Dilma Rousseff
Dilma, a Presidente do Brasil

 

13:00 Uhr: Unter dem Motto „Townhouse statt Township“ erwirbt Carmen eine Immobilie in der besten Wohngegend von Johannesburg.

15:30 Uhr: Unter dem neuen Motto „Township meets Townhouse“ engagiert Carmen in einem eher finsteren Vorort eine Gruppe Heranwachsender, die ihr gegen Gebühr bei der unbürokratischen Entmietung der Immobilie behilflich sind.

 

13. Dezember 2013

Bei den „Fressnapf Premium-Probierwochen“ frisst sich Carmen zum Ärger der Verkäufer in mehreren Filialen durch die Regale, ohne etwas zu kaufen. Pappsatt entschließt sie sich auf dem Heimweg zur Unterstützung der Präsidentschaftskandidatur von Vitali Klitschko.

Nach einem Blick auf die Lebensmittelampel des Verbraucherschutzministeriums erbricht Carmen die ganzen Probierpackungen wieder. Danach legt sie sich mit einer Wärmflasche auf dem Bauch ins Bett und schwört sich, heute nur noch Zwieback zu essen.

 

14. Dezember 2014   Raumfahrt auf Chinesisch

10:00 Uhr: Chinesisches Raumschiff landet auf dem Mond. Als erstes wird der Kommandant hingerichtet, weil er die Verantwortung dafür trägt, dass das Bügeleisen zum Plätten der chinesischen Flagge nicht funktioniert. Carmen und der Mann im Mond beobachten die kleinen wuselnden Hektiker aus einem sicheren Versteck.

10:55 Uhr: Carmens Sauerstoffvorrat auf Reserve. Der Mann im Mond stellt fest, dass er vergessen hat, die Austauschflaschen befüllen zu lassen.

11:00 Uhr: Lieber rot als tot, denkt Carmen und bewirbt sich bei den Chinesen um die vakante Stelle des Kommandanten. Als sie ein funktionierendes Reisebügeleisen aus ihrem Trolley zieht, wird sie von den Chinesen eingestellt.

11:05 Uhr: Die Chinesen wollen den Mann im Mond hinrichten, weil er vergessen hat, die Sauerstoffflaschen befüllen zu lassen.

11:10 Uhr: Das Exekutionskommando ist ratlos, weil der Mann im Mond nie gelebt hat.

11:12 Uhr: Carmen nimmt sich vor, diese Szene ihrer Sammlung von Erzählungen des magischen Realismus hinzuzufügen.

11:20 Uhr: Die Chinesen hissen ihre makellos gebügelte Flagge und loben das Bügeleisen aus deutscher Produktion. Nachdem sie es heimlich aufgeschraubt und von allen Seiten fotografiert haben, senden sie die Baupläne nach Peking. Anschließend geben sie Carmen unter vielen Verbeugungen ihr Eigentum zurück.

11:25 Uhr: Vor dem Abflug entspannt Carmen noch ein wenig beim Schlittschuhlaufen auf einer kleinen Eisfläche und genießt den fantastischen Ausblick auf die Erde.

11:30 Uhr: Die Chinesen richten eben noch rasch den Smutje hin, weil er die Reisnudeln nicht weich gekriegt hat.

12:00 Uhr: Geplante Startzeit für die Rückkehr zur Erde

12: 05 Uhr: Mit einem gigantischen Grasfresserpups hat Carmen das Raumschiff ins All katapultiert!

16:15 Uhr: Carmen legt eine butterweiche Landung hin – in einer kasachischen Molkerei.

16:20 Uhr: Die aufgebrachten chinesischen Raumfahrer wollen Carmen wegen des mit dem Navigationsfehler verbundenen Gesichtsverlusts hinrichten.

16:22 Uhr: Für Carmen ist jetzt Schluss mit lustig. Mit ein paar gezielten Huftritten versenkt sie die nervigen Asiaten im Butterfass, wo man sie aufgrund des geringen Farbkontrasts schon bald nicht mehr finden kann.

16:25 Uhr: Carmen tauscht den unbequemen Raumanzug gegen ihr flauschiges Flamencokleid und schlendert aus der Molkerei.

16:30 Uhr: Draußen zwinkert sie einem kasachischen Stier zu und verschwindet mit ihm hinter dem nächsten Stall.

 

15. Dezember 2013

Unter dem Motto „Weg frei für die große Kopulation“ stellt Carmen kurz vor dem Tatort im Ersten ihr Schattenkabinett vor, in dem sie einige ihrer Amigos, aber auch ein paar Sozialfälle, unterbringen konnte:

• Minister für Finanzen: Jorge Mario Bergoglio

• Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Mann im Mond

• Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: Rainer Calmund

• Minister für Integration: Bushido

• Minister für Verkehr: Johanna Quandt

• Minister für Gesundheit: Sankt Nikolaus

• Minister für Verteidigung: Sabiha Gökcen

• Minister für Wirtschaft: Franz-Peter Tebartz-van Elst

• Justizminister: Hoi-Sin Torquemada-Ratzinger

• Ministerin für Selbstkontrolle und Opportunismus: Uschi Comme il Faut – der Leyen

• Außenministerin: Carmen

• Innenministerin: Carmen

• Superministerin: Carmen

• Regierungschefin: Carmen

 

19. Dezember 2013

09:00 Uhr: Zur Unterhaltung gelangweilter Autofahrer und zur Belebung der Weihnachtsstimmung ist Carmen heute mit der Asphaltfräse auf dem Kölner Militärring unterwegs. Um die Bauarbeiten abzusichern, hat sie eine Spur sperren lassen. Gleichzeitig hat ein befreundeter LKW-Fahrer seinen 40-Tonner auf der A1 umgeworfen. Dank dieser sorgfältigen Planung hat Carmen innerhalb einer Stunde den Verkehr stadteinwärts im gesamten Kölner Westen weitgehend zum Stillstand gebracht.

09:45 Uhr: Zu Beginn ihrer Frühstückspause stellt Carmen die Fräse quer und sperrt so auch noch die Gegenrichtung.

10:15 Uhr: Nach der Pause füllt sie die ausgefrästen Gräben mit Wasser.

12:00 Uhr: Carmen zieht die Zugbrücke hoch. Die Stadt ist von der Außenwelt abgeschnitten.

13:00 Uhr: Carmen tauscht ihr Flamencokleid gegen einen gelben Overall, steigt auf ihr Motorrad und tarnt sich als ADAC-Pannenhelfer. In Wahrheit fahndet sie jedoch nach zwei Ausbrechern, die sie an der Zugbrücke um die Mautgebühr geprellt haben.

 

20. Dezember 2013

Beim vorweihnachtlichen Personal Training schiebt der Trainer Carmen ohne Vorwarnung seinen Unterarm in den Po. Dies sei eine wissenschaftlich erprobte Methode zur wirksamen Stabilisierung der unteren Wirbelsäule, erläutert er der kleinen Sportskanone, die daraufhin heute 5 Kniebeugen mehr schafft als sonst.

Während er fiebrig blickt, spürt Carmen, dass ihre Rückenschmerzen verschwunden sind.

„Er ist einfach ein Zauberer“, schwärmt Carmen nach dem Training bei einem Latte Macchiato mit verklärtem Blick ihrer skeptischen Freundin Abigail vor.

 

21. Dezember 2013

14:00 Uhr: Aus Protest gegen den Konsumterror übergießt sich das Christkind an diesem vierten Adventssamstag in der Kölner Schildergasse mit Benzin. Bevor Schlimmeres passiert, kann ihm Carmen die Streichhölzer entreißen. Das Christkind wird wegen akuter Eigengefährdung in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. „Immer sperrt Ihr die Falschen weg“, murmelt es verbittert vor sich hin.

16:00 Uhr: Pedro Almodóvar dreht in der Schildergasse den zweiten Teil von „Mujeres al borde de un ataque de nervios“[1].

18:00 Uhr: Carmen stellt ihre Einkaufstüten zuhause ab, bereitet sich einen Darjeeling zu und lässt das Erlebte auf sich wirken.

19:00 Uhr: Durch einen elektromagnetischen Impuls legt Carmen eine Stunde vor Ladenschluss alle Registrierkassen und die Geldautomaten in der Kölner Innenstadt lahm. Dann überfliegt sie die Fußgängerzone mit der Drohne und wirft Flugblätter ab, auf denen sie „Freiheit für das Christkind“ fordert.

 

22. Dezember 2013   Carmen stärkt die Moral der Truppe

Bei einem gemeinsamen vorweihnachtlichen Truppenbesuch in Kabul macht Carmen die neue Verteidigungsministerin Uschi Comme il Faut – der Leyen mit dem Schwarzen Afghanen bekannt.

„Viele unwissende Bundesbürger halten ihn für einen zotteligen Hund. Aber in Wahrheit ist er eine Heilpflanze!“ belehrt die Ministerin albern kichernd die begleitenden Journalisten.

Am nächsten Morgen tritt Carmen vor das Zelt, streckt sich, atmet tief durch und stellt aus tiefstem Herzen fest: „Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen.“

Bevor sie bei der Abreise nach der Ministerin in die Drohne steigt, dreht sich Carmen noch einmal zu den angetretenen Soldaten um, steht stramm, grüßt militärisch und verkündet in tiefstem Lesbenbass: „I’ll be back!“


23. Dezember 2013  Nicht hinreichend bibelfest

Blutin-Kritikerin Carmen backt Weihnachtsplätzchen für Chordokowsky. Nach getaner Arbeit setzt sie sich auf’s Sofa und blättert ein wenig in der Bibel. Besonders fasziniert ist sie vom Buch Euteronomium.

Solcherart inspiriert geht sie wieder zum Küchentisch und schreibt den ersten Brief an die Korinthen. Den schickt sie jedoch irrtümlich an die Rosinen.

Carmen kauft Alufolie sowie eine Haushaltsschere und schneidet Lametta.

 

24. Dezember 2013   Besinnlich

Endlich: Der Vorweihnachtswahnsinn ist vorüber. Carmen legt sich erschöpft auf’s Sofa und lässt das vergangene Jahr Revue passieren.

In diesem besinnlichen Moment kommt ihr ein Zitat des französischen Schriftstellers Frédéric Beigbeder in den Sinn, das Ihrer Meinung nach die letzten turbulenten Monate in wunderbarer Weise zusammenfasst:

Die ganze kleine Welt bumst, vögelt, bläst, leckt Sperma, reibt sich die Klitoris, pumpt an Schwänzen, spritzt auf Gesichter, malträtiert Mösen, peitscht sich die Brüste, bepisst sich, schwuchtelt und wichst in Freude und Entspannung.

Ach ja, denkt die Carmencita.

Dann schließt sie die Augen und schläft entspannt ein.

 

27. Dezember 2013   Jet Set

09:00 Uhr: Lebefrau und Klimawandelleugnerin Carmen ist am Morgen für einen Tag zum Skilaufen in den Libanon geflogen. In ihrer knallroten Funktionsburka ist sie der Star auf der Piste.

Weil ihr nach der siebten Abfahrt mehr nach Wärme zumute ist, fliegt Carmen am späten Nachmittag in die Dominikanische Republik. Nach einem Tag am Strand wird ihr allerdings schon wieder langweilig, weswegen sie einen Immobilienmakler in Santo Domingo kontaktiert.

 

28. Dezember 2013   Reconquista – nächster Versuch

Carmen erwirbt eine mittelgroße Zuckerrohrplantage. Anschließend macht sie sich auf den Weg nach Angola, um bei einer ortsansässigen Zeitarbeitsfirma Personal für die Landarbeit zu rekrutieren.

Amnesty International wird bei Carmen vorstellig und weist darauf hin, dass die Sklaverei auch in der Karibik spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts abgeschafft sei. Nachdem die Delegation ihr Haus verlassen hat, löscht Carmen per Online-Banking ihren Spendendauerauftrag für die Menschenrechtsorganisation.

 

29. Dezember 2013

Ministerpräsident ErdoÄŸan bittet Carmen um Hilfe bei seinen Bemühungen, „die inneren Probleme der Türkei auf demokratische Weise zu lösen.“ Zu diesem Zweck sei er bereit, ihr Tränengas in jeder benötigten Menge zur Verfügung zu stellen, so ErdoÄŸan.

Carmen sagt ihre Unterstützung zu unter der Bedingung, dass sie nach dem Einsatz gemeinsam mit den Polizisten duschen dürfe.

 

31. Dezember 2013   Irgendwas ist immer

11:00 Uhr: Nach dem Skiunfall von Michael Schumacher erhebt Carmen bei einer Pressekonferenz in Grenoble schwere Vorwürfe gegen Annette Schavan. Auf die Frage nach dem Zusammenhang antwortet Carmen lapidar, die Suche nach einem Schuldigen sei ein in solchen Fällen obligatorisches Ritual. Die Schavan habe sich schon in der Vergangenheit als idealer Sündenbock angeboten.

11:30 Uhr: Unerwartet kontert die Schavan mit der Behauptung, Zeugen hätten kurz vor dem Aufprall eine Skiläuferin im roten Flamencokleid beobachtet, die Schumacher bei einer Schussfahrt mit hoher Geschwindigkeit die Vorfahrt genommen habe. Carmen verweist auf ihr Alibi, sie sei zum Unfallzeitpunkt nachweislich im Libanon gewesen. Schavan spricht von einer mutmaßlichen Doppelgängerin, die schließlich unter der Skiburka nicht eindeutig zu identifizieren gewesen sei.

13:30 Uhr: Carmen zwingt bulgarische Flughafenarbeiter, die Drohne nackt zu putzen. Das sei eben ein Vorgeschmack auf ihre Interpretation von „Arbeitnehmerfreizügigkeit“, so Carmen bei einer Anhörung im Luftfahrtbundesamt.

15:00 Uhr: Nachdem Carmen sich und Abigail am ersten Weihnachtsfeiertag beim Kuhnilingus gefilmt und die Aufnahme anschließend bei Facebook hochgeladen hat, wird sie von einer auf Abmahnungen spezialisierten Anwaltskanzlei wegen der Verbreitung von Rinderpornografie angezeigt.

16:00 Uhr: Carmen enthüllt ihr Denkmal.

Wir müssen uns Carmen als eine glückliche Kuh vorstellen.

Carmen enthüllt ihr Denkmal, gestaltet von Bildhauerin Luise
Carmen enthüllt ihr Denkmal, gestaltet von Bildhauerin Luise

 

 

 

[1] Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs

 

Carmen am Bosporus (Juni – Dezember 2013)

13. Juni 2013   Carmen in der Türkei

Carmen steht mit Gasmaske auf dem Taksim-Platz und klappert zur Unterstützung der Demonstranten mit den Kastagnetten. Präsident Eunerpan verbittet sich jede Einmischung des Auslandes. Gleichzeitig verspürt er bei Carmens Anblick eine seltsame Hitze aus der Körpermitte aufsteigen. Er lädt Carmen zu „Sondierungsgesprächen“ in den Präsidentenpalast nach Ankara ein.

Stummer Protest auf dem Taksim-Platz
Stummer Protest auf dem Taksim-Platz

 

14. Juni 2013

Carmen reist nach dem Freitagsgebet in die türkische Hauptstadt und trifft sich mit Eunerpan.

Cärmen mit Köpftüch
Cärmen mit Köpftüch

 

17. Juni 2013   Seitenwechsel

Carmen hat die Seite gewechselt! Nach dem Gespräch mit Eunerpan am Freitag hat sie die Nuklearsprengköpfe gegen Tränengasgranaten ausgetauscht und fliegt jetzt Einsätze gegen die Demonstranten. Begründung: „Er hat mir ein Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen konnte.“ Das Tränengas hat sie in Syrien erworben, wo sie unter Hinweis auf die Verwendung in der Türkei 5% Sofortrabatt erhielt. Am Abend fühlt sich unsere kleine Doppelagentin irgendwie korrupt bis ins Euter.

 

29. Oktober 2013

Carmen ist gestern Abend mal wieder nach Istanbul geflogen, zu einem kleinen informellen Treffen mit Ministerpräsident Eunerpan bevor heute der neue Eisenbahn-Tunnel unter dem Bosporus eingeweiht wird.

Im Lauf des Abends werden sie bei einer Flasche Raki immer alberner, bis ihm Carmen etwas in Ohr flüstert. Seine Augen weiten sich und er sagt grinsend: „Schaffst Du nicht!“ Carmen: „Schaff ich wohl!“ – Eunerpan: „Schaffst Du nicht!“ – Carmen: „Schaff ich doch!“ – Eunerpan: „Wetten schaffst Du nicht?“ – „Carmen: „Ok, was krieg ich?“ – Eunerpan: „Kriegst ein Orden!“ – Carmen: „Abgemacht!“

Der Abend wird lang und am Ende gelingt es Carmen nur mit großer Mühe, den anhänglichen Regierungschef auf Distanz zu halten.

Am Morgen hat sich eine große Menschenmenge auf beiden Seiten des Tunnels versammelt. Auf der europäischen Seite steht ein Zug bereit, der auf der asiatischen Seite von einer Delegation hochrangiger Regierungsmitglieder und Militärs erwartet wird. Da hört man am Himmel ein Brummen, das schnell näher kommt. Alle gucken hoch und sehen, wie Carmen in der Drohne mit geöffnetem Panorama-Glasschiebedach auf den Eingang des Tunnels zusteuert. Aus dem Drohnenradio tönt Tarkan. Die Frauen kreischen. Die Männer halten die Luft an. Carmen fliegt zielsicher in den Tunnel hinein. Nach zwei Minuten kommt sie auf der anderen Seite wieder heraus. Die Spitzen der Flügel sehen ein wenig zerkratzt aus, aber sonst ist alles heil. Carmen landet knapp neben dem Festplatz, steigt aus und geht mit wiegendem Schritt zu Eunerpans Tribüne.

Eunerpan ergreift ihren Huf und verleiht ihr mit gesetzten Worten den neu geschaffenen Sabiha-Gökcen-Orden für die mutigste Kampffliegerin des Jahres. Als er ihr den Orden anheftet, streift seine Hand wie zufällig Carmens Euter. Lasziv flüstert er ihr ins Ohr: „Oh Carmen, ich hab schon wieder steif. Kommst Du nachher in mein Wohnung in Palast?“

Carmen lächelt staatsmännisch in die Kameras, verbeugt sich kurz und antwortet mit einem festen Blick in seine Augen: „Mission impossible!“

In diesem Sinne: Tun wir nur, was wir wirklich wollen und lassen uns dafür am Ende auch noch einen Orden verleihen.

 

11. Oktober 2013

12:00 Uhr Der Friedensnobelpreis 2013 geht an die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW). Das Nobel-Komitee verweist auf den aktuellen Anlass der Chemiewaffen-Vernichtung in Syrien. Die Ereignisse in Syrien hätten die Notwendigkeit unterstrichen, „die Bemühungen zur Beseitigung dieser Waffen zu verstärken“, begründet der Vorsitzende des Nobel-Komitees, Thorbjörn Jagland, die Entscheidung.

13:00 Uhr Carmen holt eine Packung Stinkbomben aus ihrem Waffenschrank und gibt sie reumütig beim Pförtner der OPCW-Zentrale ab.

 

29. Dezember 2013

Ministerpräsident Eunerpan bittet Carmen um Hilfe bei seinen Bemühungen, “die inneren Probleme der Türkei auf demokratische Weise zu lösen.” Zu diesem Zweck sei er bereit, ihr Tränengas in jeder benötigten Menge zur Verfügung zu stellen, so Eunerpan.

Carmen sagt ihre Unterstützung zu unter der Bedingung, dass sie nach dem Einsatz gemeinsam mit den Polizisten duschen dürfe.

Eat, Pray, Love!
Eat, Pray, Love!

Carmen und der Bischof (Oktober 2013)

12. Oktober 2013

09:00 Uhr: In einem Interview mit dem Magazin „Rolling Stone“ bestreitet Bischof Teewurst-von Welt, jemals Drogen genommen zu haben. Ein anonymer Ministrant hatte von gemeinsam durchgefeierten Nächten und einem Loch in der Nasenscheidewand des Kirchenmannes berichtet. Der Bischofs kontert mit einer eidesstattlichen Erklärung: „Wir haben gemeinsam gebetet. Und das Loch ist von meinem Septum-Piercing.“ Der Interviewer beschreibt die auffällig weiten Pupillen seiner Exzellenz.

09:45 Uhr: Carmen zapft die Abwasserleitung der bischöflichen Wohnung an und bringt die B-Probe des Bischofs ins Labor.

10:00 Uhr: Als Carmen Bischof Teewurst-von Welt (fürderhin: TvW) mit einer Kreditkartenabrechnung konfrontiert, aus der eindeutig hervorgeht, dass er im Jahr 2011 auf Kosten des Bistums für 5.000 € bei Cartier in Düsseldorf eingekauft hat, sagt er: „Was wollen Sie denn – damals hatte mir der Heilige Vater nur einen Ring geschenkt. Da brauchte ich ja wohl noch die passenden Ohrclips!“

14:00 Uhr: Der Bischof besteigt einen Billigflieger auf dem Weg nach Rom.

 

13. Oktober 2013   Carmen als Assistentin der Heiligen Inquisition in Rom

13:30 Uhr: Beginn der peinlichen Befragung von Bischof TvW. Zum ersten Mal seit Abbruch ihres Medizinstudiums hat Carmen wieder die Gelegenheit, sich in der operativen Entfernung von Fingernägeln zu üben. Diesmal allerdings ohne Betäubung.

13:35 Uhr: Carmen kommentiert vergnügt: „Da waren’s nur noch acht!“

 

14. Oktober 2013

08:00 Uhr: Im Osservatore Romano erscheint ein Bericht über ein Wunder. Papst Franziskus habe einen vielfach erfolglos vorbehandelten Glaubensbruder vom Nägelkauen kuriert. Dabei habe ihn die fromme Schwester Carmen unterstützt.

08:50 Uhr: Bischof TvW bietet dem Papst seinen Rücktritt an.

09:00 Uhr: TvW legt dem Heiligen Vater mit dick verbundenen Händen die Baupläne für seinen Alterssitz in Königstein im Taunus vor. Auf Nachfrage seiner Heiligkeit räumt er ein, das Grundstück sei in den geschätzten Kosten von voraussichtlich 3 Millionen Euro für das Bauprojekt noch nicht enthalten.

09:05 Uhr: Auf Zeichen des Papstes nimmt sich Carmen die Fußnägel des Bischofs vor.

09:20 Uhr: Bei einer Interviewanfrage wird der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mitgeteilt, Bischof TvW sei „gerade zur Pediküre“.

11:00 Uhr: Breaking News – Bischof TvW übernimmt lukrativen Posten in der Rüstungsindustrie. Im Auftrag einer deutschen Firma soll er das indische Atomprogramm vorantreiben. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollstock, zerrt beim Erhalt der Nachricht wild und laut schreiend an seinem Bußgürtel.

 

15. Oktober 2013

08:00 Uhr: Während Bischof TvW – mit dick verbundenen Händen und Füßen im Rollstuhl sitzend – von einer Nonne gefüttert wird, lässt sich Carmen im Baumarkt über die am besten für Kreuzigungszwecke geeigneten Nägel beraten. Anschließend darf sie mit der vatikanischen Ministrantenfußballmannschaft trainieren und danach mit den Spielern duschen. Sie spürt: Es wird ein guter Tag in Rom.

09:00 Uhr: Bischof TvW bestellt bei BMW telefonisch einen Elektrorollstuhl mit 326 PS, Sitzbezug aus Krokodilleder, automatischem Weihrauchvernebler, Sitzheizung und goldenen Felgen in der Langversion für Chauffeurbetrieb. Eine Nonne hat ihm gegen Zahlung eines Schweigegelds Diskretion versprochen und am Telefon die Nummer gewählt.

09:15 Uhr: Carmen poliert die im Baumarkt erworbenen Nägel (ebenfalls Langversion).

 

16. Oktober 2013

Heute in Rom: Carmen fragt das Volk: „Soll ich TvW freilassen oder Berlusconi?“ Das Volk schreit: „Gib uns Berlusconi!“ – „Und was soll ich mit TvW machen?“ Das Volk schreit: „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“

Carmen lässt TvW wegbringen und wäscht ihre Hufe in Unschuld.

Johanna Quandt spendet TvW einen nagelneuen BMW X6. Dafür soll er mit seinen Parteifreunden eine Messe zur Verhütung strengerer Abgasnormen feiern.

Carmen hat in den vatikanischen Gärten den Scheiterhaufen aufgeschichtet. Mithilfe des vielen Benzins aus dem gespendeten BMW soll der dürre Bischof trefflich brennen! Mit ihm die Heilige Johanna von den Schrottplätzen.

Bevor sie den Bischof verbrennt, will Carmen aber noch ein bisschen mit ihm spielen. Sie hat daher eine Fernbedienung in den Elektrorollstuhl eingebaut und lässt ihn an jeder Ecke mit den lädierten Füßen anstoßen.

Jorge überlegt laut: „Ich frage mich, was Jesus mit ihm gemacht hätte.“ Carmen wird hellhörig: „Du meinst bestimmt, er hätte seinem schwachen, sündigen Bruder vergeben?“ Jorge nickt. „Ach Mensch“, mault Carmen enttäuscht, „ich hab doch schon alles vorbereitet. So ein richtig nettes Autodafé. Mit Rahmenprogramm – Barbecue, Musik und Kinderfest und so weiter. Und jetzt willst du das alles absagen nur von wegen Vergebung usw.“ – „Naja“ schlägt Jorge vor, „das Rahmenprogramm kannst du doch stehen lassen.“ – „Aber wenn nachher niemand verbrannt wird, kommt doch wieder keiner. Da bleiben selbst die Kinder lieber zuhause vorm PC und spielen weiter World of Warcraft.“

Carmen schlägt vor, TvW mit Diamanten zu steinigen. Sie will wissen, welches Signal man an die Welt sendet, wenn Verschwendung und Gier ungesühnt bleiben. Jorge erinnert Carmen an die luxuriösen Altersheime für Kühe in Indien.

http://www.tagesschau.de/videoblog/dilli_dilli/dillidilli118.html

Carmen ist im Aufsichtsrat des Trägervereins. Sie diskutieren das Theodizee-Problem anhand der Frage: Wie kann Gott zulassen, dass in Indien Kinder verhungern. Es wird wieder einmal ein langer und interessanter Abend.

 

21. Oktober 2013

09:00 Bis zum Beginn der Audienz beim Papst vertreiben sich Carmen und TvW die Zeit mit einem kleinen Shoppingbummel durch die Luxusboutiquen von Rom. TvW spendiert Carmen ein Eis bei Giolitti. Carmen findet den Bischof „irgendwie doch ganz nett“.

12:00 In der Audienz ernennt der Hl. Vater den deutschen Bischof zum Antikorruptionsbeauftragten der katholischen Kirche. Ein kluger Schachzug, findet Carmen und spendiert dem Hl. Vater ein Eis.

13:00 Der Hl. Vater lädt eine vorbeikommende Schulklasse aus Afghanistan zum Eis ein. „Spart Euer Geld, Kinder, heute seid Ihr Gäste des Heiligen Stuhls!“ ruft er leutselig.

13:05 Erfreut verstauen die Schüler ihre Portemonnaies wieder hinter den Sprengstoffgürteln.

14:00 Berlusconi gratuliert TvW zu seiner neuen Position und schlägt Erfahrungsaustausch vor.

 

23. Oktober 2013

Reiseverkehrskauffrau Carmen berät den Bischof im Vatikanischen Reisebüro über verschiedene Studien- und Abenteuerreisen, mit denen er sich während seiner Auszeit beschäftigen könnte. Insbesondere empfiehlt sie „Timbuktu von hinten“ und „Ferien am Boden des See Genezareth – der ultimative Tauchurlaub“.