Carmen beim Christopher Street Day (Juli 2013)

04. Juli 2013   Carmen geht ins Kino

Carmen geht ins Kino und sieht den heute angelaufenen neuen Film von Pedro Almodóvar, „Los amantes pasajeros“, im spanischen Original. Darin verteilt das Bordpersonal eines aufgrund eines defekten Fahrwerks zum Absturz verurteilten Flugzeugs an die Passagiere der Business-Class Getränke, denen sie Meskalin beigemischt hat. Es wird ein interessanter Flug. Carmen liebt die Filme dieses spanischen Regisseurs, die ihr immer wieder als Inspiration dienen.

 

05. Juli 2013   Der Hirte und die Ordnung der Liebe

11:00 Der Kölner Kardinal und Erzbischof Joachim Keifner wendet sich in einem Hirtenbrief „Über die Ordnung der Liebe“ an die Gläubigen. Darin erklärt er in deutlichen Worten, die gottgewollte Ordnung der Sexualität bestehe ausschließlich in einer auf Fortpflanzung ausgerichteten heterosexuellen Ehe zwischen Mann und Frau. Dagegen seien unter anderem homosexuelle Beziehungen und sexuelle Akte außerhalb der Ehe oder unter Anwendung empfängnisverhütender Methoden wider die Schöpfungsordnung. Veranstaltungen wie der Kölner Christopher Street Day seien daher eine Provokation aller rechtgläubigen Christen und Zeichen einer verirrten Schafherde, die man mithilfe wachsamer Deutscher Schäferhunde wieder sanft aber bestimmt auf den richtigen Weg führen müsse. Er ruft alle Homosexuellen und deren Angehörige auf, für ihre Gesundung zu beten: „Der Weg zur Hölle ist breit und bequem, der Weg zum Himmel steinig und steil!“ Vergewaltigte Frauen ruft er ebenfalls ausdrücklich zur Umkehr und zum Tragen langer Röcke auf. Der Vorsitzende von proNRW lehnt sich nach der Lektüre des Hirtenbriefs zufrieden zurück. Man ist sich einig.

13:00 Der Kardinal sieht im Internet die Wettervorhersage: Drei Tage strahlender Sonnenschein sind vorhergesagt. Beste Bedingungen für den Christopher Street Day mit Straßenfest und sonntäglicher Parade durch die Kölner Innenstadt.

13:05 Der Erzbischof greift zum Telefon. „Hölle?“ – „Keifner. Ist die Leitung sicher?“ – „Moment, ich gehe auf Zerhacker… So, jetzt. Was gibt’s?“ – „Spreche ich mit Frau Hölle, die das Scheißwetter macht?“ – „Immer noch.“ – „OK, ich möchte, dass Sie jetzt drei Tage Eisregen herunterkommen lassen! Es soll Ihr Schade nicht sein, die letzte Kollekte war fett genug. Wir verstehen uns.“ – „Drei Tage Eisregen, im Juli? Warum das, zur Hölle?“ – „Christopher Street Day. Straßenfest. Parade. Die ganze Stadt voller Sodomiten! Muss ich noch mehr sagen?“ – „Teufel noch mal, Keifner, gibt es nicht wichtigere Themen in der Welt? Die Flüchtlingskrise in Afrika? Der Bürgerkrieg in Syrien? Massenvergewaltigungen in Indien? Die Bespitzelung unschuldiger Bürger?“ – „Natürlich, aber an all dem sind doch die Sodomiten schuld! Man muss das Ãœbel an der Wurzel packen!“ – „Hm… Ich weiß ja nicht… Muss ich den Chef fragen…“ – „Tun Sie das! Und dann lassen Sie’s hageln! Drei Tage lang!“ Keifner legt auf.

13:15 Frau Hölle fragt Herrn Satan, ob sie drei Tage lang Eisregen auf Köln niedergehen lassen dürfe. Der Erzbischof wolle gut bezahlen. Satan lehnt ab. Im Gegensatz zu gewissen kirchlichen Würdenträgern sei er nicht käuflich. Stattdessen weist er Frau Hölle an, ein paar Heuschrecken in den Garten des Erzbischöflichen Ordinariats abzuwerfen: „Er soll endlich begreifen, dass ER die eigentliche Plage ist!“

15:00 Carmen bewirbt sich nach der Lektüre des Hirtenbriefs als Ministrantin im Kölner Dom. Die Antwort per E-Mail kommt umgehend. Sie möge sich bitte morgen um 10:00 Uhr in der Sakristei des Doms melden.

 

06. Juli 2013   Carmen wird Ministrantin

10:00 Carmen nimmt im Dom an einer Ministranten-Schulung teil und wird, da sie sich besonders geschickt anstellt und man noch eine Quotenfrau benötigt, bereits für den folgenden Tag zum Dienst beim Hochamt eingeteilt.

23:00 Carmen trifft sich nach Einbruch der Dunkelheit am Kölner Neumarkt mit einem finsteren Gesellen, der ihr durch das Fenster seines getunten 6-er BMW im Austausch gegen einige Geldscheine ein kleines Briefchen überreicht.

00:00 Carmen legt sich schlafen und träumt von einem lustigen Flug in der Business-Class.

 

07. Juli 2013

09:00 Carmen trifft in der Sakristei des Kölner Doms ein und zieht sich um. Sie tauscht ihr andalusisches Flamenco-Kleid gegen ein Ministrantengewand. Da der Obermessdiener, heute der einzige Heterosexuelle im Chorraum, ein Auge auf die rassige Spanierin geworfen hat, bevorzugt er sie bei der Einteilung. Sie darf das Altargerät richten und dem Kardinal später den Messwein einschenken. Dies ist eine besondere Ehre, die sonst auf Anordnung des Oberhirten nur besonders verdienten und hübschen männlichen Messdienern zuteil wird.

09:15 Carmen richtet das Altargerät und stellt eine kleine Karaffe mit dem Messwein parat. Nachdem sie sich kurz umgesehen und sichergestellt hat, dass sie nicht beobachtet wird, zieht sie aus dem Ärmel ihres Gewands ein kleines Briefchen hervor, dessen Inhalt sie in die Karaffe schüttet und darin mit einem goldenen Löffel verrührt.

10:00 Pünktlich beginnt das Kapitelsamt am Vierungsaltar. Der Organist spielt die Missa Brevis in D. Die Knaben des Kölner Domchores lassen ihre glockenhellen Stimmen erklingen. Manche wirken etwas unkonzentriert, weil sie befürchten, der Kardinal könne vielleicht nicht rechtzeitig zu Beginn der CSD-Parade den Abschlusssegen erteilen. Ihre Furcht ist unbegründet.

10:45 Nach einer flammenden Hasspredigt über die Unordnungen der Liebe unter besonderer Berücksichtigung gewisser Veranstaltungen in der Kölner Innenstadt beginnt der hochheiligste Teil der Messfeier. Während die Orgel spielt und der Knabenchor singt, bringt Carmen mit demütigem Blick den Messwein zum Altar und schenkt seiner Eminenz tüchtig ein. Dieser verspürt Wohlgefallen. Es folgt die Wandlung. Eminenz trinkt. Und trinkt. Und trinkt aus. Nach dem Austeilen der Heiligen Kommunion nimmt der Oberhirte Platz auf dem Bischofsstuhl. Sein Blick fällt auf das von Gerhard Richter gestaltete Fenster gegenüber, durch das die Sonne scheint. Erstmals nimmt der Kardinal an diesem Vormittag die Schönheit dieses Fensters wahr und verspürt den magischen Zauber des bunten Lichts. Warum war ihm dies nicht schon früher aufgefallen? Eine Unruhe erfasst die Beine des Oberhirten. Diese Farben, das Sonnenlicht, der Klang der Orgel. All das mischt sich zu einem Gefühl von Nähe und Wärme. Alles ist so gut. Alles ist so friedlich. Alles ist so schön. Darf er sich so das Paradies vorstellen? Kaum kann er das Ende des Orgelklangs erwarten.

11:55 Das Orgelspiel endet. Mit ungewohntem Schwung erhebt sich der Erzbischof noch im selben Moment aus seinem Sitz. Fast fliegt er zum Altar. Doch stellt er sich nicht dahinter, sondern davor. Er will seinen Gläubigen heute nah sein. Und nicht nur ihnen. So gibt er seinen Konzelebranten und den Ministranten ein Zeichen: Sie sollen zu ihm kommen. Ganz nah möchte er heute auch ihnen sein. Der Kardinal breitet die Arme aus. Er weicht ab von der Liturgie, die ihm noch nie gefallen hatte. Der Herr selbst legt ihm die Worte heute in den Mund: „Liebe Schwestern und Brüder! Und liebe Brüder, die Ihr vielleicht eigentlich Schwestern seid! Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret Ihnen nicht, hat der Herr gesagt! Darum sage ich Euch: Kommt zu mir und ich werde das ewige Fest mit Euch feiern! Schwestern und Brüder, lasset uns heute, an diesem wunderschönen Tag, den der Herr uns geschenkt, nicht einfach so auseinander gehen! Lasset uns ein Fest feiern! Die Freude der Christenmenschen sei allezeit mit Euch! Hallelujah! Um zwölf beginnt die Parade am Heumarkt! Das ist nicht weit! Einfach nur von der Hohen Domkirche die Hohe Straße runter und schon sind wir da! Nehmt Euch an den Händen! Gemeinsam sind wir stark! Gemeinsam finden wir den Weg! Lasset uns auferstehen! Come out – be gay! Bei drei geht’s los! Mir nach…“

Mit diesen Worten greift er den verwirrten Oberministranten bei der Hand und zieht ihn hinter sich her. Carmen schiebt die zögerlichen Konzelebranten hinterher und hilft bei ihrer Einreihung in die größte Polonaise, die der Dom jemals gesehen hat. Die Gläubigen schließen sich an. Kölner sind schließlich immer für einen Spaß zu haben, vor allem, wenn es Kölsch gibt. Die Chorknaben quietschen vor Vergnügen. Eine nicht enden wollende Menschenkette nähert sich dem Heumarkt. Von fern hört man wummernde Bässe.

12:10 Carmen führt den glückselig lächelnden Oberhirten zu einem bereitstehenden Truck. Sie hilft ihm beim Ablegen des Messgewands und streift ihm Lederchaps und Harness über. In dem Alter geht nur noch Leder, denkt sie. Beim Anblick des leicht bekleideten und entrückt tanzenden Hirten wendet sie sich kurz mit Grausen ab. Doch dann reißt sie sich wieder zusammen. Das ist eben der Job, denkt Carmen. In der libyschen Wüste hatte sie Schlimmeres gesehen. Carmen setzt sich ans Steuer des Trucks. Mal was anderes, denkt sie und flucht über die hakelige Gangschaltung.

12:20 Der Zug setzt sich in Bewegung. Zehn pfirsischfarbene Ministranten mit freiem Oberkörper umtanzen den Kardinal, wippen rhythmisch zur Musik und werfen kardinalsrote Kondome in die Menge. Gerade läuft David Guetta mit „Sexy Bitch“, als Carmen die Hand seiner Eminenz auf ihrem Arsch spürt. Die von Carmen vorsorglich bestellten Pressefotografen halten diesen besonderen Augenblick fest. Zwanzig Chorknaben laufen als Wagenengel neben dem Truck und passen auf, dass niemand unter die Räder kommt. Dank ihnen und dank Carmen wird die Parade störungsfrei verlaufen.

13:00 Carmen drückt dem Kardinal eine riesige, mit Weihwasser gefüllte Wasserpistole in die Hand. Mit kindlicher Freude spritzt er die Zuschauer nass. Wer vom Weihwasser getroffen ist, spürt sogleich die vorbehaltlose Liebe zu allen Farben der göttlichen Schöpfung und steckt die andern damit an.

13:45 Ãœberall entlang des Wegs wird der Wagen des Erzbistums besonders bejubelt. Die zahlreichen Priester am Wegesrand skandieren „Jochen, Jochen…“ und so angefeuert hört dieser nicht auf zu tanzen.

War dies die Fronleichnamsprozession? War heute Weltjugendtag? War es endlich der wohlverdiente Einzug ins Paradies? Ist auch egal, denkt der – dank Carmen – zum Botschafter der Liebe Gottes mutierte ehemalige Hassprediger.

Noch nie zuvor hatte er sich seinen Gläubigen so verbunden gefühlt. Und vice versa.

Carmen und der Hochadel (Juli 2013)

Von Paparazzi gejagt

Brüssel, 4. Juli 2013, Vacas Neue Presse

Am frühen Morgen wurde der belgische Thronfolger Prinz Philippe beim Verlassen eines Brüsseler Nachtclubs in Begleitung der rassigen Carmencita gesichtet. Das Paar wirkte sehr verliebt. Die Belgier sind schockiert, nicht nur weil Philippe verheiratet ist, sondern auch weil es sich bei der Carmencita um eine Bürgerliche von zweifelhaftem Ruf handelt, der sogar schon Verbindungen zum Geheimdienst nachgesagt wurden. Möglicherweise haben sich die beiden bei einer Kampfpilotenübung kennengelernt.

Dazu der ARD-Adelsexperte Rolf Seelmann-Eggebert auf NDR-Tratschradio: „Die Strukturen und Regeln des europäischen Adels haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Wenn der britische Thronfolger damals ein Pferd zur Frau nahm, ist natürlich denkbar, dass sich der belgische nun für eine Kuh entscheidet.“

Die Gattin Philippes wurde derweil gesehen, wie sie in ihrem Renault Twingo von Paparazzi verfolgt mit 200 km/h Stunde auf eine Unterführung zuraste…

Bald mehr von unserer kleinen Ehebrecherin!

Carmen und die FIFA (Juli 2013)

01. Juli 2013    Moskau – Madrid – Göteborg

Heute fliegt sie eine Schaufensterpuppe, die aussieht wie Edward Snowden, nach Moskau. Nonstopflug dank Blue Efficiency Technologie. Das geht zwar elend langsam, aber so kommt sie mit 3,5 L Kerosin auf 100 km aus.

Den echten Snowden – wir erinnern uns – hatte sie ja schon vor über einer Woche nach Havanna gebracht und dort an den britischen Geheimdienst ausgeliefert. Er tanzt mittlerweile in Guantánamo seinen Namen. Gefesselt, geknebelt und angeschlossen an eine Autobatterie, versteht sich.

Für den Transport der Puppe war sie bereits von der amerikanischen Regierung im Voraus bezahlt worden. Nun, das war also alles reibungslos gelaufen und Carmen hatte an diesem Tag abzüglich Spesen fast 150.000 USD verdient. Sie denkt über die Erhebung eines Kerosinzuschlags nach, verwirft diese Idee aber rasch wieder. Zu schnell kommt man in den Ruf, gierig zu sein.

Die Sonne scheint durch das Panorama-Glasdach. Zufrieden lehnt sie sich zurück und schaltet die Sitzheizung eine Stufe herunter. Im Drohnenradio läuft ABBA. Carmen träumt ein wenig von diesem netten schwedischen Bullen mit dem Schlafzimmerblick, den sie bei ihrem ersten Besuch in Skandinavien in den Siebzigern kennengelernt hatte. Wie sich die Mode damals von der heutigen unterschied! Nur zu gern erinnert sie sich nicht nur an seinen Pferdeschwanz, sondern auch an die wunderschönen langen Haare, die er zu einem Zopf gebunden trug. Während sie so träumt, klingelt das Satellitentelefon.

„Hier ischt das Sekchretariat von Joseph Flatt’r, FIFA-Präsidium. Fräulein Charmen, der Herr Flatt’r würchde sich sehr freuen, wenn sie ihm die Ehre gäben, ihn cheute Abend zum Eröffnungsschbiel der Frauen-EM in Gchöteborchg zu begleitn.“ Carmen überlegt kurz, wirft einen Blick auf den Kalender ihres Q-Pad und ist unentschlossen. Das spürt die Sekretärin, denn sie legt nach: „Herr Flatt’r wollte sie auch fragen, ob sie gägäbnenfalls in Madchrid ein Päckchn abcholen und cheute Abend mitbringen kchönntn.“

Carmen wird hellhörig. Das hört sich nach einem lukrativen Auftrag an. Die Sekretärin kann offenbar Gedanken lesen. „Also sälbschverständlich würchden Sie den Transporcht vergütet bechomme.“ – „Gut, ich muss ohnehin noch etwas in Madird erledigen.“ – „Ja, sähet sie Fräulein Charmen, das passt doch wundrbar. Dann bägäbn sie sich bitte am Flughafen von Barachas (hier war der halskranke Laut ja mal angebracht, dachte die rassige Spanierin) zum Meeting-Point und träffen dorcht den Cherrn Fuentes. Der gchibt Ihnen das Paket und dann bringen Sie es cheute Abend einfach mit ins Chotel.“ Es folgen einige Höflichkeiten und Hinweise, in welchem Luxushotel in Göteborg man sie einquartieren werde, wann und wo die Ãœbergabe des Päckchens stattfinden solle usw. usf.

Carmen legt auf. Sie schaut auf die Uhr: Früher Nachmittag. Also erst über Madrid-Barajas und dann direkt weiter nach Göteborg. Einen frischen Schlüpfer für den Abend konnte sie sich auch dort noch kaufen.

Die Übergabe des Päckchens verläuft reibungslos, wenn man vom nervösen Gehabe des Herrn Fuentes einmal absieht. Anfänger, denkt Carmen. Aber sie weiß ihn sanft zu führen und zu beruhigen. Geschickt schmuggelt sie das Päckchen mit Klebestreifen unter ihrem Euter befestigt durch die Sicherheitskontrolle. Start und weiter nach Schweden.

In Göteborg angekommen, schwebt sie erst einmal im Tiefflug über die Stadt, um sich zu orientieren. Einer der wenigen Orte, an dem sie noch nie war. Viel Wasser, denkt sie. Besonders beeindruckt sie die Älvsborgsbron, eine Hängebrücke, die in der Hafeneinfahrt von Göteborg den Göta älv überquert. Ganz schön hoch, denkt Carmen und fliegt vergnügt mit den Flügeln wackelnd einmal unter der Brücke durch. Sie wirft einen Blick auf die Uhr. Genug Sightseeing, denkt sich unsere verspielte kleine Doppelagentin. Die Arbeit ruft. Sie landet auf dem Flughafen von Göteborg, wo sie von einer dunklen Limousine mit FIFA-Fähnchen abgeholt und ins Hotel gebracht wird.

Dort angekommen wird sie bereits von Flatters freundlicher Sekretärin erwartet. „Guten Tachg Fräulein Charmen, ich choffe, sie chatten einen gchuten Flug!“ Herrje, denkt Carmen, das ist ja live noch schlimmer als am Telefon. Haben die in der Schweiz keine Chals-Nasen-Ohren-Ärzte? Carmen lässt sich aber nichts anmerken, sondern geht auf den freundlichen Smalltalk ein und übergibt der Sekretärin das Päckchen, das sogleich weitergeleitet wird an die Trainerin der deutschen Frauenfußballnationalmannschaft.

Beim Einchecken bestellt Carmen bei der Hausdame zwei frische Einweg-Damenschlüpfer zur Lieferung auf ihr Zimmer. In ihrer Juniorsuite erwarten sie ein Umschlag mit dem verabredeten Honorar – Schweizer sind in finanziellen Dingen ebenso diskret wie penibel – und ein Blumenstrauß mit einer Karte: „Willkommen in Göteborg! Erwarte Dich um 17 Uhr in meiner Suite. Sepp“ Alte Schule, denkt Carmen. Aber sie ist auch ein wenig misstrauisch. Weiß sie doch, dass dem Präsidenten des Weltfußballverbandes nicht nur zahlreiche Korruptionsaffären nachgesagt werden.

Carmen macht sich frisch. Um 17 Uhr klingelt sie an Flatters Suite. Herrje, was ist das? Der FIFA-Präsident öffnet im Bademantel. Ist er noch nicht fertig? Hat sie sich in der Zeit geirrt? Nein. Er überhäuft sie mit liebenswürdigen Komplimenten und schenkt ihr ein Glas Champagner ein. Er bittet sie, Platz zu nehmen. Carmen versinkt im weichen Sofa. Plötzlich steht er vor ihr und öffnet seinen Bademantel. „Chomm Charmen, lass uns ein bisschen Strauss-Chahn schbielen! Chomm her, Du Ludr, magschd mein Zimmrmädli sein? Das haschd doch immer gern g’macht…“

Carmen reißt angesichts dieses erschütternden Anblicks ungläubig die Augen auf. Was sollte das denn bitte sein? Dieses rosa Dingelchen, das kaum hinausragt über die ungebändigte Lockenpracht? Carmen verflucht die Firma Pfizer, die seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit ihren blauen Pillen hoffnungslos veraltete Gerätschaften wieder in Betrieb setzte, welche der HERR aus gutem Grund schon vor langer Zeit stillgelegt hatte. Die Schweizer mochten zwar viele Gipfel in ihrem Land haben, zum Höhepunkt würden sie Carmen aber niemals bringen. Nicht damit. Nicht so. In kürzester Zeit rasen ihr viele Gedanken durch den Kopf. Wehmütig erinnert sie sich an den netten schwedischen Bullen aus den Siebzigern. Sie denkt auch an die Geschichte mit dem ehemaligen Chef des Internationalen Währungsfonds, auf die der Fußballkönig offenbar anspielt. Vor zwei Jahren hatte sie sich nämlich – im Auftrag des damaligen französischen Präsidenten und seiner Vertrauten Christine Lagarde – als Zimmermädchen in dessen Suite im New Yorker Sofitel eingeschlichen und DSK erfolgreich in eine verhängnisvolle Falle gelockt. Was keiner wusste: Damals war überhaupt nichts passiert. Carmen hatte sich nur an den Spuren der vorangegangenen Nacht bedient, die der Währungshüter mit mehreren Prostituierten in seiner Suite verbracht hatte. Diese Spuren verteilte sie großzügig auf ihrer Arbeitsuniform und ging damit zur Polizei, wo sie behauptete, DSK habe ihr Gewalt angetan. Außerdem war das damals ein Job und das großzügige Honorar glich die Unannehmlichkeiten hinlänglich aus. Heute dagegen versucht man sie zu überrumpeln! Und wenn es etwas gibt, was Carmen gar nicht mag, dann sind es ernst gemeinte Annäherungsversuche mächtiger alter Männer.

Während sie noch überlegt, wo sie das nächste Sushi-Messer und ein wenig Olivenöl und Pfeffer auftreiben könnte, um das Fleisch gewordene eidgenössische Elend zu einer – zugegebenermaßen kleinen – Portion Carpaccio zu verarbeiten, ist es auch schon zu spät, sich zur Wehr zu setzen. Der Präsident ist offenbar so angetan von dieser Begegnung, dass er bereits nach wenigen Sekunden das Gipfelkreuz erreicht und die Flagge gehisst hat.

Hm, Ejaculatio praecox, denkt Carmen, die damals in Israel auch ein paar Urologie-Kurse absolviert hatte, mit Sachverstand. Ist auch das Einzige, was der alte Knacker noch mit einem 14-Jährigen gemeinsam hat. Trotz dieser nüchternen Gedanken ist Carmen erbost, zutiefst erbost. Als er noch mit beglücktem Gesichtsausdruck feststellt „Gell, Charmen, es isch au schön für Dich gsi?“, wischt sie sich wortlos das Gesicht ab und hat nur noch einen Gedanken: ¡Espera, te arrepentirás! (Na warte, das wirst Du bereuen).

In ihrem langjährigen Umgang mit den Mächtigen dieser Welt hatte Carmen gelernt, ihre Rachebedürfnisse zurückzustellen. Darin orientierte sie sich am Grafen von Monte Christo. Jahrelang konnte sie warten, Jahrzehnte. Rache ist ein Gericht, das kalt genossen wird. Der richtige Moment, die richtige Zeit. Das Opfer musste sich in Sicherheit wiegen, möglichst arglos und entspannt sein. Carmen geht also wortlos zurück in ihre Junior-Suite, wäscht ihr Gesicht, gurgelt mit einer halben Flasche Listerine und frischt ihren Lippenstift auf. Danach kehrt sie mit einem verbindlichen Lächeln im Gesicht zur Suite des FIFA-Präsidenten zurück.

Flatter ist nun vollständig angezogen. Sein Fahrer ist bei ihm und die Sekretärin. Sie fahren zum Stadion. Das Spiel zwischen Schweden und Dänemark verläuft unspektakulär. Carmen fügt sich perfekt in ihre Rolle als Begleiterin des Präsidenten ein. Sie sitzt neben ihm wie ein dekoratives Schmuckstück. Sie jubelt mit ihm in den richtigen Momenten. Sie nimmt sich zurück und lässt ihn im Vordergrund stehen. In der Halbzeit geht sie zur Damentoilette der VIP-Tribüne und trinkt dort die verbliebene halbe Flasche Listerine in einem Zug aus. Danach stößt sie ein langgezogenes kräftiges Bäuerchen aus, das jedem Bauarbeiter Ehre gemacht hätte und kehrt anschließend mit dem professionellen Lächeln einer Schauspielerin auf dem roten Teppich an ihren Platz neben ihren Gastgeber zurück.

Nach dem Spiel gehen sie essen, der Präsident, Carmen, die Sekretärin, diverse Günstlinge mit ihren Anhängen. Das Restaurant liegt in der Nähe des Hafens. Der Ausblick auf die Älvsborgsbron ist wunderschön. Der Präsident fühlt sich wohl mit seiner charmanten Begleiterin und als Mittelpunkt der Gesellschaft. Carmen hat wenig Appetit, doch sie lässt sich nichts anmerken.

Der Abend geht zu Ende. Die Gesellschaft löst sich auf. Flatter entlässt seine Sekretärin zusammen mit dem Fahrer zurück ins Hotel, nachdem Carmen ihn noch um einen kleinen Spaziergang unter vier Augen gebeten hat. Galant legt er ihr die Pelzstola über die Schultern.

Sie treten vor das Restaurant. Scheinbar ziellos. Unmerklich steuert Carmen den Weg in Richtung auf die Älvsborgsbron. Sie möchte in der Sommernacht und nach dem ausgiebigen Essen noch ein wenig Seeluft schnuppern, sagt Carmen. Flatter willigt ein. Er ist weiterhin in seinem Element. Er redet vor allem von sich. Carmen hört zu und bewundert ihn. Das mag er, wie alle Mächtigen. Sie betreten den Fußgängerweg, der am Geländer der Brücke entlang führt. Sie laufen langsam, schlendern, promenieren über die Brücke. Überall um sie herum die Lichter des Hafens und der Stadt.

In der Mitte der Brücke bleibt Carmen stehen. Sie lehnt sich an das Geländer und schaut hinunter auf’s Wasser. Der Präsident stellt sich neben sie. „Ja, guckch, wie tief das ischt!“ sagt Flatter beeindruckt mit einem Blick über das Geländer auf den Fluss. Unter der Brücke fährt gerade ein Frachtschiff hindurch. Carmen sagt nur „Ja, tief…“ und wartet einige Momente, bis das Schiff die Brücke passiert hat. Flatter legt seinen Arm um ihre Schulter. Er lässt seine Hand hinunter gleiten auf Carmens prallen Po. Carmen hebt ihren dem Präsidenten zugewandten Huf, stellt ihn hinter ihren Verehrer und streift sanft damit am Bein Flatters entlang. Er scheint es zu genießen, ist arglos und entspannt.

In diesem Moment zieht Carmen ruckartig das Bein hoch, lädt den dicken Mann wie eine Puppe auf ihren Huf und bugsiert ihn elegant über das Geländer. Diese Technik aus dem Krav Maga hatte sie im israelischen Ausbildungslager beim Q-Sad gelernt. Flatter hat noch Zeit, mit fragendem Blick in Carmens Augen zu schauen. „Respect“, haucht unsere wehrhafte Doppelagentin ihm entgegen. Dann stürzt er mit einem langgezogenen Schrei in die Tiefe. Den übertönt das Nebelhorn des Frachtschiffs.

Carmen blickt ihm hinterher bis er aufprallt und ihn die dunklen Fluten des nächtlichen Göta Älv sogleich verschlucken.

Schmutziger alter Mann, denkt unsere Antikorruptionsbeauftragte kopfschüttelnd, doch ohne wirkliches Bedauern. Sie fröstelt kurz und zieht ihre Pelzstola ein wenig enger um die Schultern, als sie gemächlich zurück zum Hotel geht.

Am Abend war es doch ein wenig kühl geworden.

Carmen auf Kuba und in Heiligendamm (Juni 2013)

 

25. Juni 2013   Carmen und die NSA

08:00 Uhr Ortszeit La Habana (MESZ -6 Stunden): Carmen landet ihre Drohne sicher auf dem internationalen Flughafen von Havanna. An Bord Edward Snowden.

Schlagzeile in der aktuellen Ausgabe der „Granma“: „Llega a Cuba vaca enana alemana“[1]. Von Snowden schreiben sie natürlich nichts.

09:00 Uhr: Carmen füllt in der Bodeguita del Medio Snowden mit Mojitos ab, um ihm die Zugangsdaten für die Internet-Überwachungssoftware zu entlocken.

10:00 Uhr: Nachdem sie Snowden völlig besoffen gemacht hat, schleppt sie ihn in ein billiges Stundenhotel in Havanna und setzt sich dort ohne Vorspiel rittlings auf ihn. Da sie wenig spürt, seufzt sie nur „Amerikaner…“ und denkt etwas wehmütig an Juan, den argentinischen Angus-Bullen, den sie im letzten Cluburlaub kennengelernt hatte. Aber gut, dies hier ist schließlich Arbeit. Nach 30 Sekunden ist Snowden mit einem letzten Blick auf Carmens Euter und einem leisen „Oh Mum…“ eingeschlafen. „Junger betrunkener Amerikaner…,“ seufzt Carmen und sie findet in seiner Jacke, wonach sie gesucht hatte: Ein Notizbuch mit den Zugangscodes zur Internet-Überwachungssoftware des NSA.

10:15 Uhr: Beim Verlassen des Stundenhotels nickt Carmen der Puffmutter kurz zu und sagte: „Vale, chica, te lo regalo.“

10:16 Uhr: Die Puffmutter, eine getarnte Agentin, benachrichtigt ihre Leute vom MI5.

10:18 Uhr: Carmen steigt mit dem Notizbuch in der Tasche auf ihr Motorrad.

10:19 Uhr: Drei schwarze Lieferwagen halten mit quietschenden Reifen vor dem Stundenhotel.

13:00 Beim Treffen mit den Castro-Brüdern tritt Carmen ehrfürchtig auf den legendären bärtigen Revolutionär zu, der sie in seinem Rollstuhl sitzend und mit einem Adidas-Jäckchen bekleidet (eine chinesische Raubkopie) im Schatten einer Palme erwartet. Carmen, wie immer beim Anblick solcher Vaterfiguren zutiefst ergriffen, nimmt seine Hand und haucht ehrerbietig: „Generalísimo!“[2] Woraufhin Fidel nur entsetzt den letzten funktionierenden Mundwinkel hochzieht. Raúl nimmt unsere verwirrte Doppelagentin daraufhin sanft zur Seite und korrigiert: „Se llama Máximo Líder!“[3] Stimmt, denkt Carmen, und es ist ihr etwas peinlich, die beiden alten Männer verwechselt zu haben. Hatte sie den anderen doch damals auch einmal kennengelernt, als sie noch in Spanien für die Legion Condor flog. Nun ja, das war lange her.

Zum Nachtisch überreicht Carmen Raúl das Notizbuch. Ein Lächeln geht über sein Gesicht. „¡Eres una heroína de la revolución!“[4] sagt er mit festen Blick in ihre Augen und überreicht der frisch gebackenen Revolutionärin einen Umschlag mit 50.000 US-Dollar. Carmen bedankt sich artig. Zwei Mitarbeiter des Staatschefs fahren sie in einem dunkelgrünen Jeep zum internationalen Flughafen, wo ihre Drohne sie frisch geputzt und voll getankt erwartet. „Hasta la próxima, chicos,[5] es war mir ein Vergnügen, Geschäfte mit Revolutionären zu machen“ verabschiedet sich mit hingehauchten Wangenküsschen von ihren Begleitern.

Da heute nichts Besonderes ansteht, beschließt Carmen, einen Teil der 50.000 Dollar in ihre Gesundheit zu investieren. Sie fliegt am späten Nachmittag aus Havanna ab und nimmt Kurs auf die deutsche Ostseeküste. Es wird ein entspannter Flug.

Im Drohnenradio läuft Tim Bendzko. Der kleine blonde Lockenkopf mit dem Welpenblick und dem Sprachfehler hat es ihr angetan. Vor allem wenn er singt

„Wenn Worte meine Sprache wären
Ich hätt dir schon gesagt
in all den schönen Worten
wie viel mir an dir lag
ich kann dich nur ansehen
weil ich dich wie eine Königin fährähr
doch ich kann nicht auf dich zugehen
weil meine Angst den Weg fährspährt…“

stellt sie sich vor, wie es wäre, auch so fährährt zu wärden. Bei der Zeile

„dir kann der Himmel auf Ährdn entgehen
der Himmel auf Ährdn…“

schmilzt sie endgültig dahin, blickt hinauf zum Firmament und fragt sich, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie damals nicht vom Geheimdienst angeworben worden wäre und nicht den Pilotenschein gemacht hätte. Nun, vielleicht hätte sich ein kleiner lockiger Welpe für sie interessiert und sie geheiratet und sie hätte ein ganz normales Leben geführt.

 

26. Juni 2013   Wellness-Urlaub in Heiligendamm

Während sie sich solchen Träumen hingibt, erblickt sie am Horizont die ersten Sonnenstrahlen und bald taucht die deutsche Ostseeküste vor ihr auf. Eine halbe Stunde später landet Carmen ihre Drohne am Strand von Heiligendamm. Da es noch früh am Morgen ist, erregt sie bei der Landung kein Aufsehen. Ohnehin sind die Mantelstromtriebwerke der Drohne mit Schalldämpfern ausgerüstet und indem sie nach dem Aufsetzen auf Schubumkehr verzichtet, kann sie eine flüsterleise Landung hinlegen. Langsam lässt Carmen die Drohne vor dem ehemaligen Kempinski Grand Hotel Heiligendamm ausrollen.

Wie man ihr an der Rezeption mit Bedauern mitteilt, ist die Tiefgarage leider voll, so dass sie die Drohne hinter dem Hotel im Freien abstellen muss. Carmen macht die Alarmanlage scharf und denkt sich, es wird schon nichts passieren. An der Rezeption mietet sie eine Suite und bucht gleich einige Wellness-Anwendungen. Zuerst geht sie eine Runde schwimmen, dann tänzelt sie zum Frühstück, wo sie ein leckeres Birchermüsli und ein Kännchen grünen Tee zu sich nimmt. Anschließend steht zunächst eine Heupackung auf dem Programm. Das war eine gute Empfehlung des Rezeptionisten, denkt Carmen. Sie schließt die Augen und atmet den Duft nach frischem Heu. Sogleich steigen Bilder in ihr auf, von den andalusischen Weiden im Frühling. Ach ja, die Serranía de Ronda! Es gab schon auch schöne Zeiten damals, bevor, naja, bevor ihr bewusst wurde, wie sehr ihr Vater die Brüder bevorzugte, nur weil die etwas hatten, was ihr offenkundig fehlte und…

Cut! Nicht wieder die alten Geschichten aufwärmen! Nicht wieder den alten Schmerz der Penislosigkeit spüren! Heute ist sie schließlich eine erfolgreiche Agentin, die es an Gerissenheit mit jedem Mann aufnehmen kann: 0815 Carmen, mit der Lizenz zum Vögeln! Nur das zählt. Also raus aus dem Heubad, bevor ihr Fell noch ganz aufgeweicht wird! Außerdem spürt sie bereits ein leichtes Jucken in der Nase. Diese verdammte Allergie. Hätte ihr damals fast den Eignungstest vermasselt.

Als nächstes steht ein Ganzkörperpeeling auf dem Programm, anschließend Maniküre und Pediküre und eine Gesichtsbehandlung. Alles durchgeführt von Natalia, einer ruhigen und sanften Polin mit begnadeten Händen. Als die mit ihr fertig ist, steht schon Ronnie bereit, der Kuhiatsu-Masseur. „Möglicherweise werden sie während der Massage Wärmeflüsse in ihrem Körper spüren. Das ist ein Zeichen, dass sich Blockaden lösen und die Energie wieder frei zu fließen beginnt.“ Esoterischer Quatsch, denkt Carmen. Dennoch legt sie sich hin und lässt Ronnie machen. Hm, schon auch angenehm und entspannend nach dem langen Flug, denkt Carmen. Sie wird immer ruhiger. Ihre Gedanken kommen zur Ruhe. Irgendwann gibt es nur noch Ronnies Hände auf ihrem Körper. Sollte er doch Recht gehabt haben? Carmen spürt eine Wärme im Lendenwirbelbereich, die allmählich zu fließen beginnt. Zuerst nach oben, denn aber auch um ihre Hüften und in ihr Becken. In ihr kleines Becken. Die Wärme wird intensiver, steigert sich zur Hitze. Carmen wird geil. Geil auf diese Hände, geil auf den ganzen Kerl. Obwohl er ein Ossie ist. In diesem Moment greifen die jahrelang antrainierten Gewohnheiten: Carmen nimmt sich, was sie will. Ronnie erinnert sich an die Worte des Hoteldirektors: „In erster Linie sind wir dem Wohl der Gäste verpflichtet.“ Also tut er seine Pflicht und sorgt für Carmens Wohl. Die lässt sich nicht lumpen und gibt ein fettes Trinkgeld.

Inzwischen ist es Mittag geworden. Dunkle Wolken jagen vom Meer auf den Strand zu. Es hat angefangen, kräftig zu regnen. Ich muss ja nicht mehr raus, denkt Carmen zufrieden und genießt einen frischen Salat mit Joghurt-Dressing im Wintergarten. Dabei schaut sie voller Wohlgefallen auf ihre frisch manikürten Hufe, die zarte, frische Haut ihres Euters und ihr glänzendes Fell. Solche Tage sollte sie sich häufiger gönnen. Wenn nur diese verrückte Welt etwas langsamer getaktet wäre.

Nach dem Mittagessen legt sich Carmen ein Stündchen auf das Himmelbett ihrer Suite und macht ein erfrischendes Nickerchen, bis das Telefon klingelt. „Hier ist die Rezeption. Wir möchten Sie an ihren Fango-Termin erinnern.“ Carmen steht auf, zieht den flauschigen Bademantel und die Frottee-Schuhchen über und geht hinunter in die Bäderabteilung. Dort erwartet sie Maik, der breitschultrige Physiotherapeut. Fango, Wärme, Hitze, geil, Maik, Ossie, egal. Trinkgeld.

Zeit für den Nachmittagskaffee und ein Stückchen Rüblitorte. Der Regen ist stärker geworden. Der kräftige Wind peitscht die Gischt vom Strand bis an die Scheiben des Wintergartens. Carmen steht an einer offenen Terrassentür. Salzige Meerluft. Gut gegen die Allergie. Carmen atmet befreit durch und sieht auf die Uhr. In zehn Minuten beginnt der Aroma-Hufwickel. Der wird durchgeführt von Kacper, einem blutjungen Polen. Abwechslung ist das halbe Leben denkt Carmen. Ihre fetten Trinkgelder haben sich inzwischen herumgesprochen und so könnte man meinen, er lege es darauf auf, die Aroma-Hufwickel vor allem an den Hinterhufen unanständig weit hoch zu wickeln. Wärme, Hitze etc. Carmen wird klar, dass es ein Fehler war, diese Nationalität bisher so sträflich vernachlässigt zu haben und meditiert über ihre persönliche Osterweiterung.

Abendessen, ein Drink an der Bar. Netter Barkeeper. Maksim, Russe. Ich sollte häufiger in den Osten reisen, denkt Carmen. Wenn die nur im Luftverkehr etwas mehr Spaß verstünden und nicht immer gleich schießen würden. Carmen wirft ihn vor dem Frühstück hinaus und schläft noch ein wenig.

 

28. Juni 2013   Technische Probleme

Nach dem Frühstück checkt Carmen aus und begleicht die horrende Rechnung. Sogar den Drohnenparkplatz im Freien hat man ihr berechnet. Und zwar vierfach, weil sie vergessen hatte, die Flügel hochzuklappen. Egal, denkt Carmen. Ich bin erholt, das war es wert.

Es regnet noch immer. Carmen verstaut ihren Trolley im Frachtraum und setzt sich hinter den Steuerknüppel. Routinemäßig geht sie die Checkliste durch. Als sie die Triebwerke anlassen will, rührt sich nichts. Gar nichts. Zuerst denkt Carmen an einen Marderschaden. Aber wie sollten die Viecher an die Triebwerke kommen? Außerdem hatte sie gestern Abend noch unter die Drohne gepinkelt und Kuhpisse hielt Marder normalerweise zuverlässig fern.

Das wird kein guter Tag, denkt Carmen und sie soll Recht behalten.

Nachdem sie alle Möglichkeiten der Fehlerdiagnose anhand des Bordhandbuchs durchgegangen ist, bleibt ihr nur, technische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sie nimmt ihr Handy und wählt die Nummer des Herstellers. Schließlich ist die Drohne gerade mal einen knappen Monat alt und man hatte ihr beim Kauf unbegrenzte Mobilitätsgarantie für die ersten zwei Jahre schriftlich zugesichert. Ein Garantiefall also. „Guten Tag! Wir freuen uns, dass Sie die Service-Hotline der Northrop Grumman Corporation Deutschland gewählt haben. Um Sie schnellstmöglich mit dem zuständigen Mitarbeiter verbinden zu können, wählen Sie bitte Ihr Anliegen: Wenn Sie Fragen zu einem unserer Produkte haben, drücken Sie bitte die Eins. Wenn Sie auf der Suche nach einem Händler sind, drücken Sie bitte die Zwei. Für Presseanfragen drücken Sie bitte die Drei. Für technische Fragen drücken Sie bitte die Vier. Wenn Sie im Verteidigungsministerium für die Beschaffung zuständig sind, drücken Sie zweimal die Null. Für alle weiteren Fragen drücken Sie bitte die Neun.“ Vier. „Einen Moment bitte… Leider befinden sich unsere Mitarbeiter gerade alle im Kundengespräch. Wenn Sie warten möchten, drücken Sie bitte die Eins.“ Eins. „Einen Moment Bitte… Leider befinden sich unsere Mitarbeiter gerade alle im Kundengespräch. Der nächste freie Mitarbeiter ist für Sie reserviert. Bitte haben Sie einen Moment Geduld…“ Musik. Beethoven. Ode an die Freude. „Was den großen Ring bewohnet, huldige der Sympathie! Zu den Sternen leitet sie, wo der Unbekannte thronet.“

Drohnet??? Welcher Marketing-Fuzzie auch immer sich das ausgedacht hatte, er hatte seinen Blick über den Tellerrand gerichtet, dachte Carmen. Nachdem die Ode viermal gelaufen ist, fliegt Carmen aus der Leitung. Plötzlich nur noch das Besetztzeichen. Zweiter Anlauf. Selbes Ergebnis. Soviel zum Thema Mobilitätsgarantie. Carmen kocht und denkt sich grausame Foltermethoden für die Service-Mitarbeiter der Firma aus.

Sie ist aber Profi genug, ihre Gedanken auf Lösungen zu richten. Ihr Blick fällt auf einen kleinen Aufkleber auf der Windschutzscheibe: „ADDC – Allgemeiner Deutscher Drohnen-Club“. Eine Service-Nummer. Ein Klingeln. „Allgemeiner Deutscher Drohnen-Club, mein Name ist Mandy Gierig, wie kann ich Ihnen helfen?“ – „Meine Drohne springt nicht an.“ – „Och, das soll aber nicht sein… Ja, was ist das denn für ein Modell?“ – „Euro Hawk, Baujahr 2013.“ – „Ach, da hamm heute anscheinend mehr Leute das Problem… Wo stehen Sie denn?“ – „Heiligendamm, Parkplatz hinter dem Kempinski.“ – „Und Ihr Name?“ – „Carmen.“ – „Gut, Frau Carmen, ich habe da einen Mitarbeiter ganz bei Ihnen in der Nähe, kann aber so ein halbes Stündchen dauern, ist das in Ordnung?“ – „Das ist ganz in Ordnung.“ – „Ja, schön, Frau Carmen, dann bedanke ich mich für Ihren Anruf und wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!“ – „Danke, ebenso.“

25 Minuten später biegt ein gelber SUV auf den Parkplatz ein und fährt auf die Drohne zu. „Guten Morgen! Sie sind Frau Carmen?“ – „Einfach nur Carmen.“ – „Ach, Sie sind Spanierin, gell? Ich war im letzten Urlaub in Spanien. Torremolinos. Da haben wir einen Flamenco-Abend im Hotel gehabt. Die hatten auch so schicke Kleider an wie Sie…. So, und Sie sagen, die Drohne springt nicht an? Ja, das soll aber nicht sein… Hamm heute aber mehr Leute das Problem… Das liegt an der Nässe. Stand die die ganze Nacht im Freien?“ – „In der Tiefgarage war kein Platz.“ – „Ja, das ist die Feuchtigkeit. Die legt die Elektrik von den Triebwerken lahm. Scheint ein Problem zu sein bei dem Modell. Ist ja auch eher für den Einsatz im Nahen Osten gedacht. Und da ist es meistens trocken… Da hilft nur raus aus dem Regen, rein in die Werkstatt, Verkleidung runter und trockenföhnen.“ – „Das darf doch nicht wahr sein.“ – „Ja, versteh ich. Ist aber so. Ich kann Sie in die nächste Werkstatt schleppen. Wir haben hier ganz in der Nähe eine unabhängige Fachwerkstatt, die haben schon alle wieder flott gekriegt.“ – „Na, gut, aber ich habe doch noch Mobilitätsgarantie!“ – „Ich denke, der kann das mit dem Hersteller verrechnen.“ – „Gut, also los.“

 

29. Juni 2013   Carmen hat den Kavaliersschnupfen

Carmen verspürt morgens beim Aufwachen ein unangenehmes Ziehen im Unterleib. Als sie nach dem Aufstehen erst einmal pinkeln geht, brennt es heftig. Carmen ahnt schon, was los ist. Oh weh, denkt sie, einer der Typen in Heiligendamm war wohl nicht sauber. Aber wer? Ist ja auch egal. Sie geht unter die Dusche und sucht danach im Internet nach einem Tier-Urologen. Rasch wird sie fündig: Dr. med. vet. Al Qatheter, so erfährt sie von seiner Website, scheint ein ebenso gut organisierter wie gutaussehender Mann mit arabischen Wurzeln zu sein. Sein Studium hat er in den USA absolviert, wo er sich auf Tierurologie und insbesondere die peinlichen Malheurs der Kavaliere und ihrer Gespielinnen spezialisiert hat. Genau der richtige Mann in ihrer Situation, denkt Carmen und ruft in der Praxis an. Mit dem Hinweis, sie sei privat versichert, bekommt sie einen Termin am selben Vormittag. Gerade in solchen Situationen ist Carmen vehement gegen die geplante Bürgerversicherung. „Bundestagswahl“ notiert sie auf einem Zettel. Es wird Zeit, eine SPD-Regierung mit Klabauterbach als Gesundheitsminister definitiv zu verhindern.

In der Praxis angekommen, erfährt sie einen bestens durchorganisierten Ablauf. Die Arzthelferin am Empfang ist freundlich und nichts in der Praxis erinnert an Krankheit und Leid. Teure Möbel, teure Kunst. Die Rezeptionistin fordert Carmen zunächst zur Abgabe einer Urinprobe auf. Es brennt immer schlimmer. Danach wird sie gebeten, noch einen Augenblick im Wartezimmer Platz zu nehmen. Es ist das separate Wartezimmer für privat Versicherte. Carmen tritt ein und grüßt ungewohnt schüchtern die einzige wartende Dame. Die blickt zunächst kaum von ihrer Zeitschrift auf. Es handelt sich um eine blondierte und auffällig dünne Kuh in engen Jeans, die in hohen Stiefeln stecken, und einer weißen Bluse. Auf den Stuhl neben ihr hat sie ihre Louis-Vuitton-Handtasche abgestellt. Carmen seufzt innerlich angesichts dieses Fleisch gewordenen Klischees, dann ruft sie sich jedoch zur Ordnung, denn tief im Innern spürt sie doch auch eine gewisse Solidarität unter Kranken. Carmen fasst sich ein Herz und spricht die vermeintliche Leidensgenossin an: „Entschuldigung… darf ich Sie etwas fragen?“ – „Meinen Sie mich?“ Wen sonst, du dumme Nuss, denkt sich Carmen, schließlich sind sie nur zu zweit hier. Doch sie bleibt freundlich. „Ja.. also.. ich bin zum ersten Mal hier…“ Carmen kommt sich ein wenig unglaubwürdig vor. Als wollte sie sich als Jungfrau ausgeben. „Also… naja… kennen Sie den Doktor?“ – „Ja.“ – „Und, darf ich fragen, also… ist er, äh.. kompetent?“ – „Er ist einer der Besten.“ Carmen ist etwas erstaunt. Ihre Mitpatientin sieht so brav aus, so rein. Kaum vorstellbar, dass sie häufiger mit solchen Problemen zu tun hatte? „Ja“, fügt die Louis-Vuitton-Taschen-Besitzerin hinzu. „Es gibt nur wenige mit so fantastischen Operationsergebnissen.“ Carmen erschrickt fürchterlich. Oh mein Gott, denkt sie, wieso, um Himmels Willen, denn eine Operation? Sie hatte gedacht, das Problem könne elegant und vor allem kurzfristig mit einem Antibiotikum gelöst werden. „Operation?“ fragt Carmen mit Entsetzen im Blick. „Ach, klingt schlimmer als es ist. Es ist ein kleiner Eingriff und das Ergebnis rechtfertigt ohne Frage die kleinen Unannehmlichkeiten.“ Carmen schweigt betreten. Die Mitpatientin guckt sie etwas mitleidig an, wird dann aber aufgerufen. Sie legt die „Gala“ beiseite, nimmt ihre teure Handtasche und steht auf. Im Hinausgehen wendet sie sich noch einmal Carmen zu und sagt: „Nur Mut, so eine Schamlippenverkleinerung ist heute wirklich keine große Sache mehr.“

Zehn Minuten später wird Carmen aufgerufen und in das Sprechzimmer geführt. Dr. Al Qatheter ist ein charmanter Mann, dennoch auf das Wesentliche fokussiert. Carmen schildert ihm ihr Malheur und ihre Vermutung. Der Doktor verzieht keine Miene. In den USA hat er gelernt, in jeder Situation neutral zu bleiben. Nur keinen Ärger mit Lobbyorganisationen riskieren. Außerdem konnte ihn so ein bisschen Tripper oder Schanker schon lange nicht mehr aus der Ruhe bringen. Er bittet Carmen, sich frei zu machen und auf dem Untersuchungsstuhl Platz zu nehmen. Der Arzt klappt Carmens große Schamlippen zur Seite und seufzt hörbar. Carmen versteht den Hinweis. Es folgt eine routinierte Untersuchung mit Abstrich. Der Urologe fordert Carmen auf, sich wieder anzuziehen und geht mit dem Abstrich zum Mikroskop. Ein schneller Blick. Dann kommt er zurück und bitte Carmen, ihm gegenüber am Schreibtisch Platz zu nehmen. „Nun, Frau Carmen, ich kann Ihre Vermutung bestätigen. Es handelt sich um eine venerische Infektion. Ist allerdings gut zu behandeln. Es war gut, dass Sie so frühzeitig zu mir gekommen sind.“ Erstmals im Gespräch wird die Mimik des Veterinärs lebendiger: „Gerade ist ein neues Antibiotikum auf den Markt gekommen. Sehr vielversprechend. Kaum Resistenzen. Gut verträglich. Zwei Tabletten und das Problem ist gelöst.“

Was er Carmen nicht erzählt: Bis vorgestern hatte er von diesem Antibiotikum noch nie etwas gehört. Gestern war ein Pharmareferent zu Besuch. Der erklärte ihm nicht nur anhand einiger Hochglanzprospekte und in geschliffenen Worten die Vorteile des neuen Produktes. Er bot Dr. Al Qatheter auch die Teilnahme an ein „wissenschaftlichen Studie“ an. Der Deal: Er sollte für jeden Patienten, dem er die neuen Pillen verordnete, einen kleinen Fragebogen ausfüllen. Für jeden ausgefüllten Fragebogen würde ihm das Unternehmen 300 € bezahlen. Zehn Verordnungen – 3000 €. Davon konnte er sich mit seiner Frau schon wieder ein nettes Wochenende einschließlich Opernbesuch in Mailand machen. Noch ein paar Verordnungen mehr, und auch die neuen Schuhe für die Freundin wären finanziert. Der Doktor willigte ein. Diese Art, Verordnungen zu kaufen, war juristisch unanfechtbar. Das hatte Kuh Bayashi, Chef der Rechtsabteilung des Pharma-Unternehmens, eindeutig festgestellt.

Doch wie gesagt, von all dem ahnt Carmen nichts. Sie verabschiedet sich, dankbar und voller Hoffnung auf schnelle Heilung. Im Hinausgehen nimmt sie noch einen kleinen Prospekt mit, in dem über Schamlippenverkleinerungen informiert wird.

Auf dem Heimweg geht Carmen bei der Apotheke vorbei. Die hat das neue Präparat vorrätig. Zuhause angekommen, wirft sie die ersten beiden Tabletten ein. Anschließend setzt sie sich an den Küchentisch und studiert den Beipackzettel. Die Lektüre ist ernüchternd. Insbesondere auf einen wichtigen Punkt hatte Dr. Al Qatheter sie nicht hingewiesen: „Dieses Arzneimittel kann auch bei bestimmungsgemäßem Gebrauch Ihre Fähigkeit zum Ziehen von Pflügen und zum Steuern von Drohnen beeinträchtigen.“ Au weia, denkt Carmen, also erst mal zwei Tage Arbeitsunfähigkeit. Sie überschlägt im Geist den dadurch verursachten Umsatzausfall. Andererseits: so, wie sie sich heute fühlt, könnten ihr vielleicht zwei Tage Auszeit mal ganz gut tun. Carmen lehnt sich zurück und beschließt, die unerwartete Freizeit am Nachmittag einen kleinen Einkaufsbummel zu nutzen. In der Hoffnung auf baldige Heilung singt sie sich ein lustiges kleines Lied.

 

Es brennt die Blase, brennt die Muh,
einen Tripper hat die Kuh.
Sie darf nicht fliegen,
darf nicht poppen;
drum geht sie heute eben shoppen.
Vielleicht gibt’s ein paar neue Schuh…

Oh, diese Schläppchen sind nicht schlecht,
die wär’n der Carmen g’rade recht,
doch bei dem Preis erfasst sie Panik,
(die Schuh’ sind von Manolo Blahnik).

Derweil die Muh, die trieft vor Eiter,
drum schaut die Carmen erst mal weiter.

Die Carmen ist bei apropos[6].
Inzwischen brennt auch noch ihr Po.
Verflixt, die Pillen wirken nicht!
Den Tierarzt zieht sie vor Gericht!

Die Carmen ist total perplex.
Beim nächsten Kerl:
Nur Safer Sex!

 

30. Juni 2013   Happy End

Carmen geht zu einem richtigen Arzt und bekommt ein preiswertes, aber wirksames Medikament.

Schon am Abend sind die Symptome verschwunden.

 

[1] Deutsche Zwergkuh landet auf Cuba
[2] Wörtlich: „Größter General“. War gängige Bezeichnung für General Francisco Franco.
[3] „Er heißt Größter Führer“. Übliche respektvolle Bezeichnung für Fidel Castro.
[4] „Du bist eine Heldin der Revolution!
[5] „Bis zum nächsten Mal, Jungs“
[6] Überteuerte Kölner Nobel-Boutique mit überwiegend verspannter Kundschaft

 

03. Juli 2013   Carmen hilft einem alten Freund

09:40 Uhr: Carmen sitzt beim Frühstück als ihr Handy klingelt. Evo Morales ist dran: „Oye, chiquitita, ¡tienes que ayudarme! “[1] Man halte ihn mit seiner Präsidentenmaschine auf dem Wiener Flughafen fest, weil man vermutet, er habe Edward Snowden an Bord und wolle ihm zur Flucht verhelfen.

09:55 Uhr: Wenige Minuten nachdem Carmen den Kaffee ausgetrunken und die Zähne geputzt hat, sitzt sie in ihrer Drohne und lässt die Triebwerke an.

09:57 Uhr: Carmen startet und nimmt Kurs auf den Flughafen Wien-Schwechat.

11:00 Uhr: Carmen ballert im Tiefflug aus allen Rohren auf die neben der Maschine von Evo Morales abgestellten Polizeifahrzeuge. Mit einer Panzerfaust knallt sie einen Polizeihubschrauber zur Seite.

11:02 Uhr: Die österreichischen Sicherheitskräfte befinden sich in wilder Flucht. Im Tower haben sich alle Mitarbeiter auf den Boden geworfen.

11:05 Uhr: Die Präsidentenmaschine rollt ungehindert zur Startbahn. Dahinter Carmen in der Drohne.

11:06 Uhr: Morales hebt ab.

11:07 Uhr: Carmen perforiert die Startbahn. Eine Verfolgung wird somit unmöglich.

13:30 Uhr: Tankstopp auf den Kanaren.

13:35 Uhr: Der österreichische Bundespräsident tritt mit hochrotem Kopf vor den Nationalen Sicherheitsrat und fordert, Carmen zu Tafelspitz verarbeiten zu lassen.

13:40 Uhr: Carmen bestellt beim russischen Geheimdienst eine Kiste Grünen Veltliner zur Lieferung an den österreichischen Bundespräsidenten. Vom Weingut 210Polonium.

 

[1] Hör mal, Kleines, Du musst mir helfen!

FOC: Frida (Drama, Baby!)

 

Der Volksmund sagt, irgendwann müsse sich jede Frau entscheiden, ob Ziege oder Kuh. Frida hatte sich entschieden: Sie war ganz Kuh. Ihr Sohn Edgar erblickte das Licht der Welt als Latinokälbchen unter der Sonne der Karibik im Norden der größten Antillen-Insel Kuba. Er war der Augapfel seiner Mutter, ihr Liebstes, ihr ganzer Stolz und der einzige Sinn ihres Lebens.

Edgar war meistens hungrig und Frida stets bemüht, ihn satt zu bekommen. Es waren die schweren Zeiten der „periódo especial“ auf Kuba und Lebensmittel waren knapp. Doch Frida hätte lieber selbst gehungert, als ihren Liebling unversorgt zu lassen.

Frida und ihr Sohn Edgar in glücklichen Tagen
Frida und ihr Sohn Edgar in glücklichen Tagen

 

Edgars Augen leuchteten, sie strahlten Lebendigkeit und Feuer aus. Wenn er jemanden treuherzig anblickte, so war es um den geschehen. Man erfüllte ihm jeden Wunsch.

Seine Augen waren allerdings das einzig Treue an ihm.

Die Jahre der Kindheit vergingen wie im Flug und Edgar reifte allmählich zu einem jungen und attraktiven Stier heran. Er hatte gelernt zu verführen, aber er war auch verführbar. So sehr beeindruckten ihn die Geschichten aus dem Norden, dass die Sehnsucht nach den Vereinigten Staaten von Amerika immer größer wurde.

Eine Tages teilte er seiner Mutter den Entschluss mit, in der kommenden Neumondnacht auf einem selbst gebauten Floß zusammen mit einigen Kumpels die gefährliche Reise über das Meer nach Florida antreten zu wollen.

Frida erstarrte. Ihr kleiner Edgar wollte das Dorf verlassen? Die Insel sogar und, schlimmer noch: seine Mutter!

Sie versuchte mit allen Mitteln, ihn zum Bleiben zu bewegen. Doch vergebens. Sein Entschluss stand fest. Als all ihr Zureden nichts half, spielte sie sogar mit dem Gedanken, ihn bei der Polizei zu denunzieren: lieber hätte sie ihn im Gefängnis gewusst als in der großen weiten Welt! Doch nein, sie hatte so viel Schreckliches von den kubanischen Gefängnissen gehört. Das konnte sie ihm unmöglich antun. Lieber wollte sie sterben. Doch hoffte sie noch auf ein Umdenken.

Umsonst.

Am nächsten Morgen fand Frida sein Bett unbenutzt und leer. Eine kleine Notiz lag auf dem Kopfkissen. Frida spürte nur noch Leere und einen brennenden Schmerz. Ihr Herz war gebrochen.

Sie entwickelte – in der Sprache der Psychiater – eine mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom. Das hieß: sie lachte nicht mehr, sie schlief nicht mehr, sie aß nicht mehr.

Eigentlich war sie nicht mehr.

Frida saß den ganzen Tag am Strand und blickte wartend auf das Meer hinaus. Doch ihr kleines Kälbchen kam nicht zurück.

Cuba7
Fridas Blick gen Florida

 

Sie wollte so lange in der Sonne sitzen bleiben und nicht essen noch trinken, bis sie irgendwann muh-mifiziert wäre. Wenn ihr Edgar dann eines Tages, von Sehnsucht nach seiner Mama getrieben, übers Meer nach Hause käme, sollte er sie so vorfinden: vor Gram verhungert und verdurstet. Weinend sollte er vor ihrer Muh-mie auf die Knie fallen und den Geist seiner Mutter und die Götter um Vergebung bitten. Das waren ihre Fantasien vom masochistischen Triumph, während Frida am Strand saß und auf’s Meer blickte.

So ging das Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat und schließlich fast ein Jahr. Bald war sie tatsächlich nur noch ein elendes Häuflein Fell und Knochen. Ihre Freundinnen konnten das Elend nicht mehr mit ansehen. Sie berieten sich und eines Tages brachten sie die willen- und wehrlose Frida in die Berge der Sierra de Escambray. Dort, im Regenwald, wohnte El Ciervo Blanco Sabio, der Weise Weiße Hirsch. Er war ein Babalao, ein Hohepriester der Santería, von der man munkelt, sie sei in Wahrheit die kubanische Sektion der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung.

„CBS Coaching y Consulta“[1] stand auf dem glänzenden Schild an seiner Tür. Ihre Freundinnen schoben sie in die Wohnung des geheimnisumwitterten Mannes. Klopfenden Herzens trat sie ein.

Hier wohnt der CBS
Hier wohnt der CBS

 

„Was führt Dich zu mir?“ fragte der Weise Weiße Hirsch freundlich. Frida erzählte ihre Geschichte. Zuerst stockend, dann immer flüssiger. Sie fing an bei Edgars Geburt, wie sie ihn trockengeleckt hatte, erinnerte sich an seine Zeit als Milchkalb, wenn er hungrig an ihren Zitzen gezerrt hatte, über seine spätere Kindheit, den ersten Schultag, wie hübsch er in seiner roten Schuluniform ausgesehen hatte, bis hin zur Pubertät, als er allmählich schwieriger wurde und gelangte schließlich zum Tag seines Aufbruchs. Am Ende ihrer Erzählung brach sie in Tränen aus. „Er fehlt mir so sehr!“ schloss Frida und verfiel in Schweigen.

Der Weise Weiße Hirsch blickte Frida mit einem zugekniffenen Auge an. Dann warf er schweigend das Ifá-Orakel und schließlich sagte er ruhig: „Dein Schmerz ist unermesslich.“

Frida wollte sich gerade verstanden fühlen, da erweckte sie der zweite Satz des Priesters wie ein Peitschenhieb: „Deine Dummheit aber auch.“

Frida riss die Augen auf. Der Hirsch fuhr fort: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Dein selbstsüchtiger Kalbskopf von Sohn ist das Produkt seiner ebenso selbstsüchtigen Mutter-Kuh! Was sprichst Du immer nur von Dir! Als wüsstest Du nicht, dass jedes Kalb sich irgendwann von seiner Mutter lösen und seinen eigenen Weg gehen muss! Das ist nun mal der Lauf der Welt und wenn Du versuchst, ihn aufzuhalten, dann wirst Du ganz sicher unglücklich werden. Oder verhungern. Also versuche es lieber nicht. Wenn Dein Edgar sein Glück im Norden finden will, dann geh und bete für ihn, wenn Du ihn wirklich liebst!“

Der Priester packte das Orakel wieder ein. Das Gespräch war beendet.

Frida ging hinaus zu ihren Freundinnen. Die blickten sie fragend und neugierig an. Eine ging hinein, um das Finanzielle mit dem CBS zu regeln. Die Freundinnen hatten für diesen Tag gesammelt und gespart. Im Sozialismus funktioniert der Zusammenhalt zwischen den Menschen eben noch besser als in der Überflussgesellschaft.

Auf dem Rückweg in ihr Dorf sagte Frida kein Wort. Es war, als hätte sie nach dem Appetit und dem Schlaf nun auch noch die Sprache verloren.

Zuhause angekommen verbrachte sie eine durchwachte Nacht am Strand. Gegen Morgen stieg eine immer größere Wut in ihr auf. Zunächst Wut auf den Weisen Weißen Hirsch: „Esoteriker!“ fluchte sie. „Besserwisser! ¡Hijo de puta![2] Du hast leicht reden!“ Dann Wut auf ihren Edgar, der sie verlassen hatte, nachdem sie alles für ihn gegeben und getan hatte! Erst stand sie auf und schrie gegen die Brandung, als wollte sie noch in Florida gehört werden. Dann kletterte sie auf eine Palme und schleuderte einige Kokosnüsse zu Boden. Die nächsten Tage wütete sie am Strand. Eine Kokosnuss nach der andern zerquetschte sie mit bloßen Hufen, bis der Sand übersät war von den zermatschten Früchten.

Der CBS bringt Frida auf die Palme
Der CBS bringt Frida auf die Palme

 

Doch allmählich, ganz allmählich verwandelte sich ihre blinde Wut in gezielte Tatkraft. Vorbei waren die Tage, an denen sie regungslos vom Strand auf’s Meer gestiert hatte. Frida begann, sich ein neues, eigenes Leben aufzubauen. Sie nahm eine Teilzeitstelle in der Nachmittagsbetreuung einer Ganztagsgrundschule an. Sie lernte Englisch. Und zwar richtig gut. Bald las sie Hemingway im Original. „Wer weiß, wofür ich das einmal gebrauchen kann“, sagte sie zu ihren Freundinnen. Frida begann wieder zu schlafen, zu essen und eines Tages konnte sie auch wieder lachen. Es war ein anderes Lachen als früher, aber ein Lachen.

Der Weise Weiße Hirsch hatte sein Ziel erreicht.

Edgar hatte es übrigens tatsächlich geschafft, trockenen Fußes auf amerikanischem Boden anzukommen. So erhielt er als angeblich politisch verfolgtes kubanisches Kalb automatisch ein Aufenthaltsrecht. Er lernte die Sprache mit einiger Mühe und schlug sich als Sänger in einem Nachtclub in Miami und als Begleiter einsamer Damen durch. Seine Spezialität waren Lieder von Frank Sinatra auf Spanisch, obwohl er dafür eigentlich noch viel zu jung war. Seine einschmeichelnde Stimme, sein Augenklimpern, sein überaus maskuliner Akzent und sein treuer Blick brachten ihm Erfolg bei den Frauen. Genau genommen tat er jetzt das Selbe, was viele seiner Kumpels auf Kuba früher mit den älteren kanadischen Touristinnen getan hatten: zuzwinkern, anbaggern, melken, entsorgen.

Eine ganze Weile ging das gut. Dann geriet er eines Nachts aufgrund seines karibischen Temperaments vor der Tür des Clubs in eine Auseinandersetzung mit dem Anführer einer Drogengang. Als lateinamerikanischer Machote[3] konnte er sich vor seiner Begleiterin keine Blöße geben. Es kam zum Kampf, den er besser vermieden hätte, wenn sein Hirn nicht so von Testosteron vernebelt gewesen wäre. Ein Streifschuss erwischte ihn. Zwar kam er dank des beherzten Eingreifens von Crockett und Tubbs gerade noch mit dem Leben davon, doch musste er aus Florida verschwinden. Per Anhalter schlug er sich nach Kalifornien durch.

Dort verlor sich seine Spur.

 

[1] Coaching und Beratung
[2] Hurensohn
[3] Machote = großer Macho

FOC: Zita aus München

 

Zitas Leben war nicht immer leicht gewesen. Nach dem frühen Tod ihres Gatten Markus hatte sie sich und die Kälber allein versorgen müssen. Der Gatte hatte ihr außer dem alten Mercedes nicht viel hinterlassen. Er war das, was man in München einen „Hallodri“ nannte. Während er tagsüber als „selbständiger Unternehmer“, wie er stets betonte, mit seinem abgerockten Mercedes-Taxi unterwegs war, machte er nebenbei hier und da nicht nur das ein oder andere halblegale Geschäftchen, sondern auch die ein oder andere eher weniger zarte Bekanntschaft klar. Er stand auf handfeste Weiber. Wenn Rücksitze Geschichten erzählen könnten, wäre sein Fahrzeug erst ab 18 freigegeben gewesen. Vielleicht hing es mit diesen nicht unbedingt altersentsprechenden Turnübungen in der Enge seines Fahrzeugs zusammen, dass Porno-Markus, wie ihn die Kollegen nannten, unter einem chronischen Rückenschmerzproblem litt, das viel zu seiner – besonders bei Föhn-Wetterlagen – chronisch schlechten Laune beitrug.

Reichtümer waren im Taxi-Gewerbe nicht zu verdienen. So blieben Zita von ihrem notorisch untreuen Gatten nach dessen jähem Unfalltod – er war bei einem seiner nächtlichen Streifzüge durch die Münchner Rotlichtbars in betrunkenem Zustand von einer Straßenbahn erfasst und vierzig Meter weit mitgeschleift worden – nicht viel mehr als eine alte Rolex dubioser Herkunft mit durch den Aufprall gebrochenem Glas aber intakter Schweizer Präzisionsmechanik und natürlich besagter Mercedes. Sowie, vielleicht das Wertvollste von allem, die Taxi-Lizenz.

Zita nahm sich nicht viel Zeit zum Trauern. Sie streifte die Rolex mit dem gebrochenen Glas über und erwarb in kürzester Zeit die Erlaubnis zur Personenbeförderung. Schließlich mussten die Kälber ernährt werden. Aufgrund ihrer Tatkraft, ihres ebenso robusten Auftretens wie ihrer hohen Sensibilität hatte sie sich im Kreis der wenigen deutschstämmigen Taxifahrer bald einen festen Platz erobert. Die Zita, so hieß es, war eine patente Person. Und schließlich auch die Witwe vom Porno-Markus, den der öffentliche Nahverkehr das Leben gekostet hatte. Ob damit die Straßenbahn gemeint war oder die Nutte, die ihn so besoffen gemacht hatte, blieb dabei der Fantasie des Zuhörers überlassen.

Zita am Steuer ihres Mercedes
Zita am Steuer ihres Mercedes

 

Das Taxi-Gewerbe war schon damals in München ein hartes Brot. In den letzten Jahren hatten immer mehr ausländische Chauffeure Lizenzen erworben. Sie arbeiteten mit allen Tricks. Jeder gegen jeden jagten sie sich gegenseitig die Fahrgäste ab. Doch Zita hatte sich bald einen treuen Kundenstamm aufgebaut. Viele reiche alte Kühe aus den besseren Stadtteilen, die sich von ihr zum Arzt oder ins Café fahren ließen, wo sie, nach ein paar zusätzlichen Insulin-Einheiten, mächtige Sahnetorten verspeisten und sich gegenseitig von ihren Arztbesuchen berichteten. Einige Geschäftsleute waren auch dabei. Hier gab es lukrative Fahrten zum damals noch neuen Flughafen im Erdinger Moos.

Zita fuhr tagsüber, so lange die Kälber noch in der Schule waren. Die Nacht war nichts für sie. Zu viele Betrunkene, auf die sie leicht gereizt reagierte, wie auf ihren Markus. Ein oder zwei Mal hatte sich das hochgeschaukelt und nur dank des beherzten Eingreifens von Kollegen konnte eine Eskalation zum Schaden der Fahrgäste vermieden werden. Zita hatte nämlich nach dem Tod ihres Gatten nicht nur den Personenbeförderungsschein erworben, sondern auch einen Selbstverteidigungskurs gemacht. Krav Maga für Kühe. Die einzige Regel: Erlaubt ist, was wirkt. Ein gezielter Stich mit dem Huf ins Auge, ein Schienbeinkantenschlag auf den Kehlkopf. Ein Knie ins Gemächt. Hauptsache plötzlich und unerwartet. Wie die Straßenbahn bei Porno-Markus.

Zita hat große Brüste und breite Hüften, die durch ihre sitzende Tätigkeit allmählich noch ausladender geworden waren, was ihr aber im Zweikampf auch eine größere Stabilität verlieh. Dennoch wurde Zita älter und die langen Arbeitszeiten zehrten an ihr. Immer häufiger machte sie sich Gedanken über eine mögliche Alternative zum harten Taxigeschäft.

Im September fand der alljährliche Kongress der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes wiederum in München statt. Es kamen Teilnehmer aus der ganzen Republik. Ärzte, die sich auf Kosten der Pharmaindustrie ein paar schöne Tage in der heimlichen Hauptstadt machten. Für Zita bedeutete das: viele lukrative Fahrten vom Flughafen in die Stadt und viele interessante Gespräche mit ihren Fahrgästen. Sie lernte viel über die Volkskrankheit Rückenschmerz. Ihr Markus hatte das Problem ja auch gehabt, so konnte sie ein wenig mitreden. Jedenfalls wurde ihr klar: Kongress hin, Pharmaindustrie her, eine Lösung gab es für die Krankheit nicht und es bestand eine immense Nachfrage nach alternativen Therapiemethoden.

Als Taxifahrerin wusste sich Zita Zutritt zu den meisten geschlossenen Veranstaltungen zu verschaffen und so besuchte sie an einem freien Vormittag den Kongress. Beim Wandern durch die Industrieausstellung im Foyer stieß sie auf den Stand einer Heilpraktikerschule. Sie kam mit den Damen dort ins Gespräch und informierte sich ausführlich. Gesucht wurden Menschen mit Lebenserfahrung und einem Hang zu ebenso irrationalen wie hartnäckigen Überzeugungen. Zita, die schon manchem aufgeregten Fahrgast das Leben mit den Bachblütennotfalltropfen aus dem Handschuhfach gerettet hatte, fasste einen Entschluss, den sie mit der ihr eigenen Konsequenz umsetzte. Die Kälber waren mittlerweile aus dem Haus und es war Zeit für eine Veränderung.

Sie ließ sich eine Weile krankschreiben, besorgte sich ein Attest von ihrem Hausarzt und ging damit zum Arbeitsamt, wo sie eine Umschulung beantragte, die ihr auch anstandslos genehmigt wurde, da die Behörde gerade mal wieder Geld übrig hatte, wenn auch nicht für sinnvolle Maßnahmen.

Zita absolvierte eine Ausbildung zur feinstofflichen Heilpraktikerin nach der Göthertschen Methode, weil sie festgestellt hatte, dass die meisten Menschen umso lieber an eine Methode glauben, je blödsinniger sie ist. Und wenn jemand chronisch krank ist, klammert er sich sowieso an jeden Strohhalm.

Nach erfolgreich abgelegter Prüfung verkaufte sie die Taxi-Lizenz und den Mercedes und hatte damit einen Grundstock für die Einrichtung ihrer eigenen Praxis beisammen. „Zita Gschaftlhuber, Heilpraktikerin (staatl. anerk.)“, stand auf ihrem Praxisschild. Die beste Marketing-Armada, die man sich denken kann, machte 24 Stunden am Tag Werbung für sie: ihre ehemaligen Taxifahrer-Kollegen. Wenn die einen Krankentransport erledigten, erzählten sie ihren Fahrgästen von den sagenumwobenen Heilkräften ihrer patenten Ex-Kollegin.

So dauerte es nicht lang und Zita hatte keine Termine mehr frei. Die Schmerzgeplagten standen vor ihrer Tür Schlange. Zita beriet, schröpfte, nadelte, injizierte. Erlaubt ist, was wirkt. Was beim Krav Maga funktionierte, konnte in der Heilkunst nicht verkehrt sein. Sie liquidierte stets in bar, am Ende jeder Behandlung, denn man wusste ja nie, wie lange einer noch zu leben hatte. Und wie man Schwarzgeld macht, das hatte sie schließlich beim Taxifahren gelernt.

Zita war fleißig, geschäftstüchtig und verdiente nicht schlecht. Bald konnte sie das zerbrochene Glas in Markus‘ Uhr ersetzen lassen. Mit ein bisschen Wehmut dachte sie an die gemeinsamen Zeiten zurück. Ach, dachte sie, wenn ihr Markus das noch miterlebt hätte, er wäre bestimmt sehr stolz auf sie gewesen. Andererseits, wenn er damals nicht gestorben wäre, hätte sie niemals ihre eigene Praxis eröffnet.

Mit diesen Überlegungen gab sie sich einen Ruck und blickte unter ihren allmählich silbern gewordenen Haaren wieder nach vorn.

In eine goldene Zukunft.

FOC: Sally Io und Osama

Osama

Die Geschichte dieses jungen Stieres ist kompliziert und der Bericht etwas heikel, denn er könnte religiöse Gefühle verletzen, was keinesfalls beabsichtigt ist.

Osama ist kein Taliban. Benannt wurde er nach seinen Eltern Sa-ndra und Ma-nfred. Die waren beide katholisch und lebten im Sauerland. Gar keine schlechte Gegend für katholische Rinder.

Manfred war der einzige Stier im Ort. Er trieb sich viel herum und keine Kuh war vor ihm sicher. Sandra saß meistens zuhause wartend vor dem Fernseher und trank Weinschorle. Auf den ersten Blick wartete sie auf Manfred. Worauf sie wirklich wartete, wusste sie selbst nicht. Vermutlich hatte sie sich diese Frage noch nicht einmal gestellt. Es war aber ganz klar, wer auf Sandra wartete. Er trug einen schwarzen Umhang und mit jedem Glas Weinschorle rückte er ein wenig näher.

Osama war ein begabtes Kalb. Als er klein war, trank Sandra noch nicht so viel. Sie nahm sich viel Zeit für ihn und unterstützte seine schulische Laufbahn so gut sie konnte.

Nach dem Abitur tat sich Osama aber schwer, seinen Platz im Leben zu finden. Er hatte kein Ziel und ihm fehlte die Struktur, die ihm die Schule noch geboten hatte. Eines war allerdings klar: er wollte weg von zuhause. Also immatrikulierte er sich an einer nicht weit entfernten Fachhochschule für Sozialwissenschaften und bezog ein Zimmer im Studentenwohnheim. In dieser Zeit experimentierte er viel mit unterschiedlichsten Drogen, wobei die meisten im Sauerland zwar aufgrund des eher widrigen Klimas nicht gut gediehen, aber doch problemlos als Import käuflich zu erwerben waren. Wer das Sauerland und seine Bewohner kennt, kann vielleicht auch das Bedürfnis der dortigen Jugend nach bewusstseinserweiternden Substanzen ein wenig nachvollziehen. So dümpelte Osama Semester für Semester an der Hochschule herum. Mehrfach stand er kurz vor der Exmatrikulation und konnte seinen Verbleib dort nur dank seines freundlichen und friedfertigen Wesens sowie seiner ebenso geheimen wie intimen Kontakte zur Dekanin retten.

Osama beim Chillen im Sauerland
Osama beim Sonnenbad im Sauerland

 

Die Ereignisse aus dem Jahr 2001 brachten eine Wende in Osamas Leben. Sie veranlassten ihn, sich intensiver mit Religion auseinanderzusetzen. Die Begegnung mit dem Priester einer fremden Religion an seinem Studienort führte zu einer grundlegenden Auseinandersetzung mit spirituellen Fragen. In besagtem Priester schien Osama endlich die verständnisvolle Vaterfigur gefunden zu haben, nach der er sich immer gesehnt hatte. Der gab ihm Orientierung, klare Antworten auf seine drängenden existenziellen Fragen. Dinge, die einen jungen Mann beschäftigen, wie „wo komme ich her und wo gehe ich hin und wer kommt mit?“

Der Priester nahm ihn mit in seine Gemeinde, wo Osama herzlich aufgenommen wurde. Er unterrichtete ihn in der arabischen Sprache, die so aufregend anders war als der sauerländische Dialekt. Es war schließlich nur konsequent, dass sich Osama in seiner Sehnsucht nach Leitbildern, Identität und Zugehörigkeit der Gemeinde anschloss.

Bis hierher war das auch alles noch in Ordnung – eine erfreuliche Entwicklung hin zu mehr Individuation bei gleichzeitiger Öffnung zur Welt und deutlich verringertem Drogenkonsum.

Osama schloss – nicht zuletzt dank der diskreten Unterstützung der übrigens verheirateten Dekanin – sein Studium ab, bekam danach aber natürlich keinen Job: Sozialwissenschaften. 16 Semester bis zum Abschluss. Vollbart. Sauerland. Nicht einfach zu vermitteln.

Wie er es sich in der Zeit des heftigsten Drogenkonsums angewöhnt hatte, gab er dafür der bösen Welt die Schuld. Er fühlte sich unverstanden. Ausgegrenzt. Und kochte innerlich vor Wut. Er trieb sich viel auf Bahnhöfen herum und lernte einige Mitglieder der Sauerlandgruppe kennen. Gegen den erbitterten Widerstand seines Priesters wurde Osama Fanatiker und verteilte kostenlose Exemplare wirrer religiöse Traktate in der Fußgängerzone von Prilon.

Es hätte ein böses Ende mit ihm nehmen können, wenn er nicht auf einer Wiese nahe der Ortschaft, wo er gerade zur Entspannung ein wenig Gras rauchte, plötzlich eine Erscheinung gehabt hätte.

 

Sally Io

Eine schneeweiße Kuh raste vom Berg herunter, paradoxerweise in einem Affentempo, direkt auf Osama zu.

Sally Io.

Sally Io war als Tochter des griechischen Einwanderers Inachos Fondos, eines einfachen Fischers, und seiner US-amerikanischen Gattin Jane Fonda in Los Angeles geboren worden.

In ihrer Jugend war Sally Io eine recht oberflächliche und daher meist glückliche Kuh, die sich wie die meisten ihrer amerikanischen Freundinnen völlig unreflektiert allen Moden und Zeitströmungen hingab. Sally Io war immer recht sportlich, betrieb intensiv Aerobic, vor allem weil sie die bunten Stulpen cool fand. Sie war in Ken verknallt, ihren brasilianischen Aerobic-Instructor. Dass der schwul und ein stadtbekanntes Flittchen war, wollte sie nicht wahrhaben. Vielleicht ahnte sie es auch und es kam ihrer tief verwurzelten Angst vor reifer Sexualität entgegen.

So begnügte sie sich mit Schwärmen und blieb dadurch nicht zuletzt vor ungewollter Schwangerschaft geschützt. Sehr zur Freude ihres Vaters, dem ihre Keuschheit am Herzen lag und der es aus diesem Grund am liebsten gesehen hätte, wenn möglichst alle jungen Männer der Stadt die unsägliche Leidenschaft des Aerobic-Lehrers geteilt hätten, die man übrigens aus seiner Sicht völlig zu Unrecht als das „Laster der Griechen“ bezeichnete, war er doch damit erstmals wissentlich in den Vereinigten Staaten konfrontiert worden. So verschließt eben jeder auf seine Weise die Augen vor der Realität. In manchen Familien scheint diese Neigung geradezu erblich zu sein.

Daher bemerkte auch Sally Io lange Zeit nicht die interessierten Blicke ihres Geschichtslehrers. Mr. Zeus war bei den Schülern als engagierter Lehrer beliebt, weil er neben dem Unterricht zahlreiche Freizeitaktivitäten anbot, wie zum Beispiel eine Theatergruppe und sonntägliche Ausflüge ins Grüne.

Es geschah auf einem dieser Ausflüge, dass er sich Sally Io näherte. Sie empfand sein Interesse als schmeichelhaft. Er war so ein kluger und belesener Mann! In der Theatergruppe hatte er das besondere Talent, in die unterschiedlichsten Rollen zu schlüpfen und sich so zu verkleiden, dass er der dargestellten Person täuschend ähnlich sah. Besonders die Rolle des jugendlichen Liebhabers schien ihm zu liegen. Als solcher erschien er ihr bei einem Ausflug. Nebel kam auf. Sally Io ließ sich täuschen und kurze Zeit später war es um ihre Tugend geschehen.

Als ihre Regel ausblieb, konsultierte sie einen Arzt. Dieser tat, was er tun musste: er führte einen Schwangerschaftstest und eine Ultraschalluntersuchung durch. Sally Io weinte bitterlich. Ihre Eltern zwangen sie zu einer Abtreibung und schickten sie auf ein Internat. Sally Io verlor ihr Lachen. Sie verbrachte die erste Zeit apathisch auf ihrem Zimmer. Bis sie es nicht mehr aushielt. Als sich die Starre löste, geriet sie in Raserei. Wie von einer Bremse gestochen floh sie aus dem Internat.

Es folgten lange Monate des Umherirrens. Sie nahm den ersten Flug nach Athen. Von dort reiste sie weiter zu Fuß nach Istanbul, wo die Polizei sie aufgriff, als sie versuchte, den Bosporus zu durchschwimmen. Sie verbrachte mehrere Tage in einem türkischen Gefängnis. Als der US-Konsul die Minderjährige aus dem Gefängnis geholt hatte und sie wieder in ein Flugzeug nach Los Angeles verfrachten wollte, gelang ihr erneut die Flucht. Sie schlug sich durch Kleinasien und landete schließlich in Kairo. Da sie inzwischen dramatisch an Gewicht verloren hatte, war sie kaum von den dünnen ägyptischen Kühen zu unterscheiden. Einzig ihr schneeweißes Fell fiel auf. Auf Anfrage gab sie sich als Mutante aus, lüftete zum Beweis kurz ihre Sonnenbrille und zeigte ihre rotgeweinten Kuhaugen.

Kuhriocity
I wear my sunglasses at night

 

Sie schlief unter freiem Himmel auf dem Tahrir-Platz. In den Unruhen des Arabischen Frühlings fiel sie nicht weiter auf. Sie verstand nur immer wieder das Wort „Muhbarack“ und dachte, das könne vielleicht eine geeignete Unterkunft für sie sein. Doch ohne Sprachkenntnisse und ohne Geld konnte sie das Haus nicht finden. So lief sie weiter nach Alexandria, wo sie sich auf ein Schiff schlich, mit dem sie als blinder Passagier über das Mittelmeer nach Italien reiste. Von dort ging es weiter nach Norden, in Richtung Dolomiten, wo es ihr gelang, einer etwas irren Südtiroler Kuh beide Ohrmarken zu klauen. Nun hatte sie gewissermaßen einen gültigen Pass und konnte sich ein wenig entspannen.

Dennoch kam sie nicht zur Ruhe. Sie lief – nun in gemäßigterem Tempo – weiter über die Alpen und kam über den Brenner nach Österreich. In Kitzbühel wollte sie einen kurzen Stopp einlegen. Dort fiel sie mit ihrem schneeweißen Fell nicht mehr so auf, denn in Kitzbühel konkurrierten alle Kühe um extravagante und teure Kleider. Ihre heruntergezogenen Mundwinkel wurden als besondere Arroganz verstanden. Die meisten der reichen Rinder dort guckten irgendwie mürrisch, weil Luxus allein nicht glücklich macht. Hier fiel sie also nicht weiter auf.

Als sie nachts ein paar bunte Aerobic-Stulpen von einer Wäscheleine genommen und am nächsten Tag übergestreift hatte, schauten ihr alle heimlich neidisch hinterher. Wie das aber mit Neidern so ist, versuchten manche, ihr zu schmeicheln und sich mit ihr anzufreunden. Bewunderung ist eben die freundliche kleine Schwester des Neids. Aha, dachte Sally Io, mit einem coolen Outfit bist Du also auch in Europa nicht allein. Viele falsche Freunde. Aber nicht allein.

In einem exklusiven Wellness-Resort engagierte man sie schließlich als Animateur für die auswärtigen Kühe. So konnte sie sich ein wenig Geld verdienen, hatte ein Dach über dem Kopf und gutes Essen gab es außerdem. Trotz täglicher sportlicher Aktivitäten legte Sally Io die auf der bisherigen Reise verlorenen Pfunde schnell wieder zu. Abends stürzte sie sich ins Nachtleben.

Nur ihr trauriger Gesichtsausdruck wollte sich nicht aufhellen.

Das ging monatelang gut. Bis ihr in der Diskothek ein betrunkener amerikanischer Stier nachstellte und sie mit anzüglichen Sprüchen belästigte. Da verlor Sally Io die Kontrolle und trat ihm mit ihren stulpenbewehrten Hufen ins Gemächt. Das ist groß bei einem Stier, sogar bei einem amerikanischen, und daher leicht zu treffen. Vor allem, wenn das Gegenüber betrunken ist. Was Sally Io für Notwehr hielt, führte dennoch zu einer polizeilichen Untersuchung, bei der durch einen gewitzten Dorfpolizisten die Herkunft ihrer Ohrmarken nachverfolgt wurde.

Erneut gelang Sally Io die Flucht. Von Österreich rannte sie über die deutsche Grenze. Keine Kontrollen. Schengen sei Dank.

In Miesbach, kurz hinter der deutschen Grenze, traf sie auf eine andere Streunerin. Mit ihr tauschte sie die Ohrmarken, denn die wollte weiter nach Italien. Sally Io war nun deutsche Staatsbürgerin.

Wohin wollte sie weiter? Sally Io hatte keine Ahnung. Kein Ziel. Nur laufen, laufen, laufen. Der gleichmäßige Rhythmus ihrer Bewegung beruhigte sie. Weiter nach Skandinavien? Polen? Russland? In Deutschland war die Orientierung einfach: Immer entlang der Autobahnen. Ungerade Nummern führten nach Norden. Die Straßen gingen durch die schönsten Landschaften und daher gab es auch immer genug zu essen.

Als sie entlang der A1 am Kölner Westen vorbei kam, fielen ihr die zahlreichen dunklen SUVs auf, die von blondierten Frauen, die ihre engen Jeans in hohe, teure Stiefel gesteckt hatten, ungelenk über die Straßen gesteuert wurden und an jeder Ecke den Verkehr aufhielten. Mehr als einmal wurde Sally Io so in ihrem Lauf ausgebremst und aus dem Rhythmus der beruhigenden Bewegung gebracht. Der Anblick der Luxusgefährte und ihrer Fahrerinnen erinnerte sie an Kitzbühel. Plötzlich stieg eine enorme Wut in ihr auf. Sie steckte sich etwas buntes Laub ins Haar, stellte sich breitbeinig auf, holte tief Luft und begann zu pusten.


Pressemeldung: Hurrikan Sally erreicht Kölner Westen

Vacas Neue Presse, 30.10.2012

Mit großer Wucht hat Hurrikan Sally am Dienstagmorgen den Kölner Westen erreicht. Zeitweise wurden Windgeschwindigkeiten bis 180 km/h gemessen.

In Unterlindenthal war noch in der Nacht eine am Aachener Weiher grasende Kuhherde in eine Grundschule am Clarenbachkanal evakuiert worden.

Nach Angaben der Feuerwehr gestaltete sich die Evakuierung der Herde schwierig, da nicht nur die Ampeln an der Kreuzung Universitätsstraße / Aachener Straße ausgefallen waren, sondern auch einige der Kühe aufgrund von Seh- und Gehbehinderungen nur langsam von der Stelle kamen, so dass sie für die 500 Meter lange Strecke über eine Stunde benötigten. Hinzu kam einem Sprecher des Veterinäramtes zufolge die massive Verängstigung der sensiblen Tiere. Ein Feuerwehrmann wurde von einer dementen Kuh beim Versuch, sie durch Zug an ihrem Rollator schnell über die Straße zu drängen, durch einen ungewöhnlich gezielten Huftritt im Unterleib getroffen, woraufhin er für mehrere Minuten die sturmbedingt ausgefallenen Martinshörner ersetzen konnte. Ein Feuerwehrsprecher: „Isch glaube, für de Kollejen hat sisch dat mit der Familjenplanung erledischt.“

Endlich vor der Schule angekommen, ergab sich als nächste Schwierigkeit für die Herde die Überwindung der Treppe zum ersten Obergeschoß, da der Aufzug aufgrund der Stromabschaltungen ebenfalls ausgefallen war. Es vergingen mehrere Stunden, bis die letzte Kuh in Sicherheit gebracht war. Ein Amtstierarzt kümmerte sich die ganze Nacht um die verstörten Tiere. „Glücklicherweise hatten wir größere Mengen Beruhigungsmittel bevorratet, so dass die Herde letztlich eine ruhige Nacht verbrachte. Bis zum Morgen waren alle Tiere entspannt eingeschlafen,“ so der Mediziner.

Nach Abschluss der Evakuierung wurden noch zahlreiche Passanten auf ihrem Weg in Notunterkünfte von umher fliegenden Kuhfladen getroffen. Dabei wurden insgesamt acht Personen verletzt. Ein Mann erstickte, weil ihm ein Fladen die Atemwege verstopft hatte. Für ihn kam jede Hilfe zu spät. Das Gesundheitsamt ging heute auf Anfrage nicht davon aus, dass für die übrigen Opfer eine BSE-Gefahr bestand. „Alle Kühe verfügten über den vorgeschriebenen Impfschutz,“ so der Veterinär.

In Junkersdorf wurden insgesamt 38 Blondinen verletzt, als sie mit ihren schwarzen SUVs in zweiter Reihe parkten, um in einem Schuhgeschäft Hamsterkäufe zu tätigen. Ihre großflächigen Sonnenbrillen wurden von einer starken Windböe erfasst, der ihre ausgehungerten Körper nichts entgegenzusetzen hatten, so dass sie endgültig jegliche Bodenhaftung verloren.

Dass sie mitsamt ihren asozialen Vehikeln vom Hurrikan auf Nimmerwiedersehen durch die Luft davon getragen wurden, ließ den Pfarrer einer nahe gelegenen Kirche hinter der Sturmkatastrophe einen göttlichen Plan vermuten.

Inzwischen ist Sally wieder abgezogen, um sich nach einer Erholungspause die nächste Großstadt vorzunehmen.

 

Befriedigt betrachtete Sally Io ihr Werk. Die SUVs waren aus dem Weg geräumt. Ihre Schwestern waren in Sicherheit. Die Luft war raus, die Wut war weg. Sie konnte weiterlaufen. Entlang der A1.

So kam Sally Io schließlich ins Sauerland.

Wie gesagt, keine schlechte Gegend, wenn man ein Rind ist.

Sally Io nach dem Sturm
Sally Io nach dem Sturm

 

Sally Io und Osama

Nun stand Sally Io also auf besagter Wiese vor Osama.

Osama betrachtete fragend seinen Joint und verfluchte den Dealer, weil er die imposante schneeweiße Kuh, die auf ihn zugerast und erst in letzter Sekunde mit quietschenden Hufen unmittelbar vor ihm zum Stillstand gekommen war, nachdem sie eine lange Bremsspur in die Wiese gefräst hatte, zunächst für eine Halluzination hielt.

Sally Io schaute ihn von oben herab an und stellte nüchtern fest: „Drogen sind Scheiße!“ Da wusste Osama, dass er nicht halluzinierte. Diese Erscheinung war real. Osama wagte keinen Widerspruch und warf seinen Joint weg. Sally Io trat ihn aus. Sie schauten einander an.

In diesem Moment entbrannten beider Herzen in Liebe.

Osama hörte auf, Drogen zu nehmen. Nicht etwa, um Sally Io zu gefallen, sondern einfach weil er plötzlich so gar kein Bedürfnis mehr danach verspürte. Die Liebe zu ihr hatte seine Leere gefüllt. Osama wurde sanfter und gelassener. Seine Einstellung zur Religion wurde weniger fanatisch. Sally Io, die sich durch ihre Erfahrungen in Ägypten eine gewisse Sympathie für seinen Glauben bewahrt hatte, stellte ihm viele Fragen. Osama erklärte ihr alles mit großer Geduld.

Eines Tages ging er mit ihr zu seinem Priester. Der nahm den verlorenen Sohn und seine neue Freundin mit offenen Armen auf. Obwohl diese Geschichte eigentlich aus dem Neuen Testament stammt. Es dauerte nicht lang, da drängte die Gemeinde auf eine Hochzeit: „Ein Mann hat sexuelle Bedürfnisse, die er befriedigen muss, sonst wird er krank. Du musst heiraten, Osama, und zwar bald!“ stellte der Priester mit Entschlossenheit fest. Osama hatte in der Zwischenzeit durch seinen konsequenten Verzicht auf Drogen allmählich zu mehr Antrieb und Tatkraft gefunden. Auch seine Libido war zurückgekehrt. So machte er Sally Io einen Antrag, den sie beglückt annahm. Bald wurde Hochzeit gefeiert.

Osama und Sally Io zogen zusammen und gestalteten ihr Leben voller Liebe und nach den Regeln ihrer Religion. Sally Io machte es gar nichts aus, ein Kopftuch zu tragen. Nur was die Länge ihrer Kleider anging, setzte sie sich durch mit dem Argument, dass lange Röcke sie zu sehr beim Laufen behindern würden. Osama war ein modern denkender Mann geworden und er hatte nichts dagegen, dass Sally Io weiterhin ihrem Sport nachging. Sie trainierte für den Nil-Marathon in Kairo. Manchmal fand er ihre eng anliegende Funktionskleidung zwar ein wenig unangemessen für eine verheiratete Kuh, aber seufzend sah er ein, dass auch er Kompromisse machen musste. Und schließlich ergötzten ihn ihre festen Pobacken, die sie durch das viele Laufen stramm erhalten hatte. Sally Io ließ ihn nach außen den Macho spielen. Zuhause, das wusste sie, war er ein sensibler und liebevoller Gefährte, auf den sie sich stets verlassen konnte und der sie vor jeglicher Zudringlichkeit fremder Bullen schützte.

Auch wenn sie manchmal ein wenig den Kopf über einander schütteln mussten – er über ihren sportlichen Ehrgeiz, sie über sein religiöses und politisches Engagement – so wussten sie doch zu jeder Zeit, was sie aneinander hatten.

Denn Liebe heißt auch: Toleranz.

Manchmal spielten sie sich gegenseitig Streiche und neckten einander wie kleine Kinder.

Doch war ihre Beziehung stets getragen von der tiefen Zuneigung, die sie bereits im Moment ihrer ersten Begegnung gespürt hatten.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

Übrigens im Kölner Osten.

Da gibt es weniger SUVs und Kopftücher fallen auch nicht so auf.

Glücklich im Alltag: Sally Io und Osama
Glücklich im Alltag: Sally Io und Osama